Nachforschungen wurden allerdings gehalten, aber ohne Erfolg. Die

Bursche mußten gute Helfershelfer haben, denn das Stück Wild blieb

verschwunden, und wenn man auch ein paar Leute aus dem nächsten Dorf

in starkem Verdacht hatte und bei ihnen sogar Haussuchung hielt, fand

sich doch nichts Verdächtiges gegen sie vor. Die Beamten und Forstleute

mußten, noch dazu von dem spöttischen Lächeln der Bauern begleitet,

unverrichteter Sache wieder abziehen.

Förster Buschmann war außer sich. Jetzt hatte er nun den erbetenen

Forstschutz erhalten und auch einen jungen Forstgehülfen, und trotzdem

holten sie ihm das Wild fast unter der Nase weg. Und was würde die

oberste Forstbehörde, an die er doch jedenfalls Bericht erstatten

mußte, dazu sagen -- natürlich bekam er eine furchtbare Nase.

Auch dem Forstgehülfen war das gar nicht recht, denn allem Anschein

nach hatten sie es hier nicht mit einem einzelnen Wilderer, sondern

mit einer ganzen Bande derselben zu thun, die einander in die Hände

arbeitete, und wo er schon geglaubt, daß sie ihnen das Handwerk

gründlich gelegt, trieben sie es ärger als je zuvor und trotzten der

ganzen Försterei.

Von da ab war er fast keine Nacht mehr zu Hause, ja selbst der alte

Förster ließ sich nicht mehr halten und begleitete ihn manchmal, oder

nahm auch zu Zeiten einen Strich allein und dann nur einen Kreiser oder

einen Forstschutz mit sich, denn es war eben nicht gerathen, sich unter

solchen Umständen ganz allein in den Wald zu wagen, wo man nicht wissen

konnte, was passirte.

Die nächsten Tage blieb übrigens Alles ruhig, denn die Wilderer konnten

sich wohl denken, daß die Forstleute jetzt wachsam sein würden. Nach

vier oder fünf Tagen aber, wo sie glauben mochten, daß sie in ihrem

Aufpassen etwas nachgelassen hätten, und gerade bei recht hellem

Mondschein knallte es wieder, und dießmal hatten sie sich einen

unglücklichen Fleck dazu ausersehen. Raischbach nämlich befand sich

selber mit einem der Kreiser ganz in der Nähe und ertappte sie auf

frischer That.

Allerdings gaben sie sich nicht gutwillig, und der eine Bursche feuerte

und traf den Forstgehülfen mit der Kugel in den Oberschenkel; der aber

schoß ihn, wie er noch die Büchse am Backen hatte, in seinen Fährten

nieder und jagte auch noch einem der Anderen, mit dem zweiten Lauf

seiner Büchsflinte, eine Ladung Schrot nach, die ihn in die Beine traf.

Hinter dem Dritten feuerte der Kreiser her, auch mit Schrot. Der entkam

aber, für den Augenblick wenigstens. Der Eine dagegen war, als sie zu

ihm traten, todt, und der Andere hatte sich nur noch eine Strecke in

den Busch hineingeschleppt, wo er lag und nicht weiter konnte.

Der Kreiser, da Raischbach mit seinem Bein nicht recht vorwärts konnte,

mußte jetzt nach dem Forsthaus zurück und Hülfe holen. Dicht daneben

war eine Anzahl Holzhauer beschäftigt, die Nachts in der einen Scheuer

schliefen, und diese eilten jetzt herbei, um die Verwundeten und

den Todten zum Haus zu schaffen. Ein Bote mußte augenblicklich zur

nächsten Stadt, und schon am Nachmittag waren die Gerichte da, um den

Thatbestand zu untersuchen.

Förster Buschmann hatte indessen in der Nähe des gestrigen Kampfes

ein angeschossenes Stück Wild gefunden, das nicht weit von der Stelle

verendet lag, und es dauerte auch nicht lange, so spürten die Gendarmen

den dritten Wilderer heraus, der, die Haut voller Schrote, im Dorf

krank lag und sich erst gar nicht wollte untersuchen lassen.

Jetzt begann ein langes Verhör, aber die beiden ertappten Wilderer

fanden bald, daß ihnen Leugnen nichts mehr half, ja der Eine von

ihnen gab sogar seine übrigen Helfershelfer an, wonach sich dann

herausstellte, daß die ganze Bande aus sieben Mann bestanden hatte, die

den Wilddiebstahl, von den großen Dickungen begünstigt, schon lange

geschäftsmäßig betrieben haben mußten. Sie wurden Alle zu ziemlich

schwerer Strafe verurtheilt und der Wald bekam jetzt Ruhe. Wenn auch

vielleicht noch manch’ Einer in der Nachbarschaft lebte, der seiner

Zeit ebenfalls kein Kostverächter gewesen, so schien ihm doch die

Sache, im Verhältniß zu dem Nutzen, den sie brachte, ein wenig zu

gefährlich geworden zu sein, um gleich Hals und Kragen daran zu setzen,

und sie ließen’s lieber bis auf ruhigere Zeiten.

Raischbach hatte übrigens in der Nacht einen tüchtigen Denkzettel

bekommen, der ihn für ein paar Wochen an sein Lager fesselte; denn wenn

die Kugel auch glücklicher Weise keinen Knochen getroffen, war es doch

ein häßlicher Fleischriß, der seine Zeit zum Heilen verlangte.

Indessen pflegte ihn die Frau Försterin und die alte Lisei nach besten

Kräften, und die Letztere besonders wachte in der ersten Zeit, wo er

ein tüchtiges Wundfieber bekam, ganze Nächte bei ihm. Seine kräftige

Natur erholte sich aber doch bald wieder und es heilte rasch; nur

schonen mußte er das Bein noch und durfte nicht hinaus in den Wald, bis

die Wunde vollständig verharrscht war, und das kümmerte ihn dabei am

Meisten.

Ein Jäger im Bett -- es gibt nichts Trostloseres -- und das noch dazu

in der besten Jagdzeit; aber es half nichts, er mußte aushalten, und

die Frau Försterin litt schon selber gar nicht, daß er sich vor der

Zeit wieder anstrengte.

Und was für Muße hatte er jetzt wieder, über alte Geschichten

nachzugrübeln -- er wollte zuletzt gar nichts mehr denken, und wenn

dann die alte Lisei kam, forderte er sie auf, ihm Etwas zu erzählen --

und selten umsonst. Die Alte hatte schon lange den Mann lieb gewonnen,

weil er ganz anders war als das übrige junge Volk, und nie über ihre

Erzählungen lachte oder gar darüber spottete. Sie erfüllte deßhalb

auch gern seinen Wunsch; aber das Einzige, über was sie sprechen

konnte, war eben das, was sie nicht begriff -- das Uebernatürliche,

Uebersinnliche, und darin besaß sie entweder eine reiche Phantasie oder

ein vortreffliches Gedächtniß, denn sie konnte ihm stundenlang von

all’ dem Geisterhaften berichten, was den Wald belebte, und Bernhard

lag dann mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Bett, hörte ihr zu und

dachte an seine fremde Maid, die er selber da draußen getroffen.

Endlich war die Wunde geheilt, und der Dorfchirurg, der ihn manchmal

besuchte, gestattete ihm, daß er wieder hinaus dürfe, wenn er sich auch

noch tüchtig schonen müsse. Vor allen Dingen verbot er ihm anstrengende

Touren und gestattete nur einen ruhigen Pirschgang vielleicht, bei dem

er sich manchmal eine Stunde ansetzen oder rasten konnte.

Das war dem jungen Jäger gerade recht -- weiter verlangte er nichts,

und schon der nächste Morgen sah ihn wieder mit seiner Büchse im

Wald; denn jetzt hatte er die beste Zeit, um sich auf den alten Bock

anzusetzen und ihm seinen Wechsel abzulauschen -- aber es war nichts

und der Bursche viel zu schlau für ihn, um ihm irgendwo in den Weg zu

laufen.

So wurde es Herbst, und Raischbach hatte sich einen ganz vorzüglichen

Dachshund von einem benachbarten Förster gekauft, den er, wie sich

bald auswies, auch vortrefflich als Schweißhund benützen konnte.

Der Hund war jedenfalls ausgezeichnet und von da an des jungen

Forstgehülfen steter Begleiter; ja selbst auf den Anstand konnte er ihn

mitnehmen, denn „Dachs“, wie er ihn genannt, rührte sich nicht und lag

stundenlang, ohne auch nur den Kopf zu heben, an seiner Seite.

Der junge Forstgehülfe war aber so oft dem Bock jetzt zu Gefallen

gegangen und immer vergeblich, daß er es zuletzt satt bekam. Förster

Buschmann hatte ganz recht, wenn er behauptete, es sei ihm eben nicht

beizukommen und er müsse seine Zeit abwarten -- vielleicht glücke es

doch einmal. Mit desto größerem Eifer legte er sich aber dafür auf

die Fuchsjagd, und wie der erste Schnee fiel und die Bälge brauchbar

wurden, leistete er darin Außerordentliches. Bis Mitte Dezember hatte

er allein schon sieben geschossen, und Förster Buschmann, dem die

Bälge als Jagdrecht gehörten, hätte sich allerdings keinen besseren

Forstgehülfen wünschen können.

Es war Mitte Dezember und wieder in der Nacht ein Neues[C] gefallen,

als Raischbach auch schon, noch Morgens vor Tag, seinen Dachs fütterte,

selber seinen Kaffee trank, ein Stück Brod und einen Schnaps in seine

Jagdtasche schob und hinausging, um abzuspüren.

Oft und oft war er im Spätsommer und Herbst den alten Weg gegangen,

und wie hatte er sich dann bald die Augen aus dem Kopfe geschaut,

um das bunte Tuch wieder durch die Büsche scheinen zu sehen und dem

lieben Mädchen noch einmal zu begegnen. Sie kam nicht -- es blieb immer

vergebens, und wenn er auch jetzt im Schnee nicht daran denken durfte,

sie draußen im Wald zu treffen, flogen doch trotzdem die Gedanken, als

er sich wieder dem Fuchsbau näherte, zu ihr zurück, und leise vor sich

hin mit dem Kopf schüttelnd, sagte er halblaut:

„Es bleibt doch eigentlich merkwürdig, daß ich das Blitzmädel nie

wieder treffen konnte, und daß sie gerade damals hier am Bau wie in

den Boden hinein verschwand. Wenn sie nur wenigstens den kleinen Pfad

gehalten hätte, so mußte ich sie drunten noch einmal sehen, und was hat

sie in der Tannendickung zu suchen, denn die Felsenwand kann sie ja

doch nicht hinunter sein.“

Noch während er sprach, hatte er die nämliche Stelle erreicht, wo er

sie damals getroffen, und schritt fast unwillkürlich an dem hier etwas

offenen Holzrand hin, dem das Mädchen damals, die ersten Schritte

wenigstens, gefolgt. Wie er aber zu dem Punkt kam, wo er sie aus

den Augen verloren, blieb er überrascht stehen, denn da lief eine

frische Fuchsspur, wie eben erst eingedrückt, quer über den Pfad und

gerade nach der Wand zu, an der sie damals verschwand. Also gab es

hier wirklich einen möglichen Pfad dort hinab -- denn wo ein Fuchs

fortkommt, weßhalb soll da nicht auch ein Mensch gehen können?

Der Forstgehülfe schritt vorsichtig und geräuschlos, und mit dem Fuß

vorher sorgfältig sondirend, damit ihm der Schnee nicht darunter

wegrutschte und er vielleicht die Klippe hinabstürzte, bis zum

äußersten Rand und bog sich dort über, brauchte auch nicht lange,

um die da hinabführenden Fährten zu erkennen. Meister Reinecke war

wirklich ganz behaglich hinabgestiegen, und zwar an einer Stelle,

die er selber bis dahin für ungangbar gehalten. -- Und wo stak er

jetzt? Der Forstgehülfe stand mit gespanntem Gewehr oben auf dem Rand

des Felsens und bog sich so weit als möglich vor, und hinter ihm

schnüffelte sein Dachs die frische Spur. Da plötzlich sah er dort

unten, etwa in der Mitte der Wand, sich etwas Dunkles regen -- das

waren die spitzen Lauscher eines Fuchses. Unwillkürlich hob er das

Gewehr an den Backen -- wenn er nur noch ein klein wenig vorkam, daß

er wenigstens den vollen Kopf erkennen konnte. Jetzt war er wieder

verschwunden, oder wenigstens durch vorhängendes, mit Schnee bedecktes

Gesträuch verdeckt -- Raischbach blieb aber, ohne sich zu regen, in

seiner Stellung, und es dauerte auch in der That keine halbe Minute,

bis der Fuchs plötzlich wieder, etwas weiter unten zwar, aber nun

vollständig zum Vorschein kam. In dem Moment krachte auch der Schuß,

und Reinecke, seinen Halt verlierend, stürzte, entweder todt oder doch

schwer angeschossen, den letzten Absatz hinunter in die Büsche hinein.

Von da oben aus war allerdings Nichts mehr zu machen, denn in dem

schlüpfrigen Schnee durfte er nicht wagen an dem steilen Hang hinab zu

klettern. Er besann sich aber auch keinen Moment -- den Fuchs mußte er

haben, und seine Büchsflinte erst wieder frisch ladend, eilte er dann,

so rasch ihn seine Füße trugen, den Pfad hinab und in den eigentlichen

„Grund“ selber hinein.

Jetzt galt es, die Stelle wieder zu finden, auf der sein Fuchs liegen

mußte. Diese war auch nicht gut zu fehlen, denn wie er nur in die Nähe

kam, erkannte er schon an einzelnen an der Wand haftenden Schneeklumpen

den rothen Schweiß, den der angeschossene Fuchs beim Abstürzen dort

hinterlassen, und erreichte gleich darauf den Platz, wo er zu Boden

geschlagen war -- eine förmliche Schweißlache zeichnete den Ort an --

aber der Fuchs lag nicht dabei. Freilich hatte er nicht fortgekonnt,

ohne in dem Schnee eine vollkommen deutliche Spur zu hinterlassen

-- auch nicht mehr springen konnte er -- nur durch den Schnee sich

fortschleifend zog sich die rothe Spur gegen die Wand hin, und dort

stand Raischbach gleich darauf vor einer Felsspalte so hoch, daß ein

Mann hätte gebückt hineinkriechen können -- und dort drinnen stak er

jetzt.

„Ist der sappermentische Bursche doch noch zu Bau gekrochen!“ murmelte

der junge Forstgehülfe vor sich hin; „na, Dachs, dann wirst Du jetzt

Deine Schuldigkeit thun müssen und ihn herausholen. Weit kann er nicht

mehr hinein sein, und vielleicht liegt er gleich verendet vorn dran.“

Damit löste er, ohne an die Warnung des Försters zu denken, den Hund

von der Leine, der sich vor Ungeduld kaum lassen konnte. In dem

Moment aber, wo er sich frei fühlte, sprang er schon winselnd auf

der breiten Schweißspur fort und war im nächsten Augenblick in der

Felsspalte verschwunden. Dort aber gab er augenblicklich Laut, der

Fuchs mußte wirklich unmittelbar am Eingang gesessen haben und mit dem

kleinen muthigen Hund sogleich handgemein geworden sein. Der Kampf

zog sich aber etwas weiter in die Höhle, indeß nicht so weit, daß

nicht Raischbach, der vergnügt lauschend davor stand, jeden Ton, jedes

Knurren hätte hören können. -- Jetzt plötzlich war Alles ruhig. Der

junge Forstmann horchte -- nichts regte sich mehr. Der Dachshund mußte

den Fuchs todt gebissen haben und dann zerzauste er ihn erst eine Weile.

„Dachs!“ rief Raischbach hinein, „komm’ heraus, mein Hund -- hier,

Dachs! so schön, mein Hündchen!“

Er horchte wieder, und es war ihm fast, als ob er ein leises Winseln

höre. Er pfiff jetzt, aber keine Antwort -- er pfiff stärker -- Alles

vergebens, weder von Fuchs noch Hund mehr ein Laut, und der Jäger

stand kopfschüttelnd vor dem Bau und wußte nicht, was er daraus machen

sollte. In solchen Fällen dauert es aber manchmal eine lange Weile, bis

der Hund wieder zum Vorschein kommt, und Raischbach wartete deßhalb

auch wohl eine volle Stunde geduldig, aber immer umsonst, und das wurde

ihm zuletzt langweilig.

„Ei zum Wetter,“ brummte er endlich zwischen den Zähnen durch, „ich

kann doch hier wahrhaftig nicht den ganzen Tag im Schnee hocken

bleiben, und der Hund kommt nicht -- wenn ich nun selber einmal

dort hinein krieche? breit und hoch genug ist die Spalte, aber auch

stockdunkel drin. Wart, da draußen, gar nicht weit, stehen ein paar

Klafter Kiefern, Scheit und Stöcke, an denen ist eine Masse Kien, wie

ich neulich gesehen habe, und da wollen wir bald eine Fackel zurecht

machen. Es geht Alles in der Welt, wenn man es nur gescheidt anfaßt --

vielleicht kommt auch bis dahin der Dachs von selber heraus und bringt

den Fuchs mit; denn drin läßt er ihn nicht, wenn er todt ist, das weiß

ich gewiß.“

Mit dem Entschluß drehte er sich auch schon um und schritt in seinen

Fährten zurück wieder dem Eingang zu, ging von dort querüber der Stelle

zu, wo er das geschlagene Holz wußte, und hatte auch bald gefunden,

was er suchte. Einige der Scheiter, von denen er natürlich erst den

Schnee abschütteln mußte, waren außerordentlich fett und kienhaltig,

und mit seinem Hirschfänger hieb er sich rasch und leicht eine ganze

Partie Spähne herunter, mit denen er eine vortreffliche Fackel

herstellen konnte. Damit eilte er denn, so rasch er konnte, wieder zu

dem Bau zurück, legte draußen Gewehr und Jagdtasche ab, was er beides

da drinnen nicht gut brauchen konnte, nahm erst noch einen tüchtigen

Schluck Branntwein aus der Flasche, entzündete dann seine rasch

zusammengebundene Fackel, während er ein paar andere starke Spähne noch

in der linken Hand hielt, und kroch dann, als er erst laut, aber wieder

vergebens, seinem Hund gepfiffen, ohne Zögern in den Bau hinein.

Zuerst überkam ihn in dem dunklen Loch, in dem die Fackel ihr rothes

Licht verbreitete, ein merkwürdiges Gefühl, und lachend dachte er bei

sich: „Wenn jetzt mein alter Förster und besonders die Lisei wüßte,

daß ich in dem Fuchsbau umherkröche, um dem wilden Jäger und den

Erdweiblen einen Besuch abzustatten, wie die die Hände über dem Kopf

zusammenschlagen würden! -- Erdweible, hem: na hier wohnt das hübsche

Mädchen wahrhaftig nicht, das ich damals da oben getroffen -- wo nur

der verdammte Dachs steckt!“

Wieder pfiff er leise, um eine Antwort von seinem Hund zu hören, und

hob die Fackel so hoch das gehen wollte empor, damit sie den düsteren

Raum etwas besser beleuchtete -- aber nichts war zu hören noch zu

sehen, und kopfschüttelnd kroch er weiter in die Nacht hinein.

Die Felsspalte lief hier schräg in die Wand, als er aber auf den Boden

leuchtete, erkannte er deutlich die Schweißspur des angeschossenen

Fuchses. In der richtigen Bahn war er jedenfalls; hier erweiterte sich

auch die Höhle etwas, und er hob wieder seine Kienfackel in die Höhe

und that noch einen Schritt vor. Da rutschte plötzlich der Boden unter

seinen Füßen weg, er griff schnell mit beiden Händen aus, konnte sich

aber an der schlüpfrigen Wand nicht halten und stürzte im nächsten

Momente schon in eine, wie er glaubte, bodenlose Tiefe hinab.

[C] Ein „Neues“, ein frischer Schnee in der Jagdsprache.

Viertes Kapitel.

Im Fuchsbau.

Das war ein Sturz! Dem jungen Forstmann knackten alle Knochen, als

er unten ankam, und im ersten Moment schien es ihm, als ob das ganze

Gewölbe von Myriaden Sternen und Leuchtkugeln brillant erhellt wäre.

Dann schwanden ihm die Sinne und er wußte gar nicht, wie lange er

mochte so gelegen haben, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter

fühlte und eine leise freundliche Stimme hörte, die sagte: „Schau’,

schau’, das ist wahrlich der junge Jäger aus dem Wald da droben. Aber

wie kommt der hier herunter zu uns, und wie bleich er aussieht und wie

blutend -- armer Mensch“ -- und Raischbach war es, als ob sich eine

leichte weiche Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Ueberrascht schlug

er auch jetzt die Augen auf und schaute verwundert um sich her, denn

er befand sich in einer hohen, geräumigen, aber auch hell erleuchteten

Halle, aus deren Felsspalten zahllose kleine Flammen in regelmäßigen

Zwischenräumen hervorbrachen. Ueber ihn gebeugt aber, das liebe,

herzige Gesicht von Mitleiden erfüllt, erkannte er die fremde Maid im

Walde -- genau so wie er sie damals im Sonnenlicht gesehen, nur daß

sie ihm jetzt noch tausendmal lieber und schöner vorkam, und sich auch

nicht im Mindesten vor ihm zu fürchten schien.

„Ja aber wie ist mir denn?“ rief er und richtete sich erstaunt auf

seinem Ellbogen empor -- „wo bin ich denn hingerathen und wer bist denn

Du, Du liebes Kind, mit Deinen großen guten Augen, das ich die langen

Monate da oben immer und immer umsonst gesucht habe und nirgends finden

konnte?“

„Schau’ wie Du lügst!“ lachte das junge Wesen schelmisch -- „mich

hättest Du gesucht? so? aber ich weiß es besser, dem alten starken Bock

bist Du zu Gefallen gegangen, dem mit dem starken Gehörn auf, aber

nicht mir. Gelt ich hab’ recht? -- Den aber erwischst Du schon nicht

-- wär’ auch schad drum, denn er ist der schönste im ganzen Gebirg.“

„Und wohnst Du denn hier unten im Berg?“ frug der junge Mann, der sich

noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte.

„Nun?“ meinte das Mädchen, „hab’ ich’s Dir denn nicht damals gesagt,

daß ich im Bau wohne? Du hast’s wohl nicht geglaubt. Aber willst Du da

auf der feuchten Erde liegen bleiben? Warum stehst Du denn nicht auf

und kommst mit?“

„Mit? wohin?“

„Nun, in unsere Stadt -- wie Du sonderbar fragst. Du glaubst wohl, wir

hausen hier unten in Höhlen und Erdlöchern wie die Füchse?“

„Sonderbar,“ murmelte Raischbach vor sich hin, indem er aber doch

ihrer Aufforderung Folge leistete und sich emporrichtete. Es ging

auch; Anfangs war’s ihm gewesen, als ob er bei dem Sturz Arm und Bein

gebrochen haben müsse, jetzt aber fühlte er nicht den geringsten

Schmerz, ja sich im Gegentheil so leicht und frisch, als ob seine Füße

kaum den Boden berührten.

„So,“ sagte das Mädchen, als sie sah, daß er wieder aufrecht stand,

„nun wasch’ Dir erst einmal an der Quelle da das Blut ein wenig aus dem

Gesicht, denn sie brauchen drüben gar nicht zu wissen, daß Du Hals

über Kopf zu uns herunter gepoltert bist, und dann wollen wir gehen.“

Der junge Forstgehülfe kam sich noch immer wie in einem Traum vor, aber

er folgte doch dem Rath, und sich jetzt plötzlich wieder zu seiner

Führerin wendend, frug er sie: „Aber wie heißt Du selber? Du hast mir

ja Deinen Namen noch gar nicht genannt.“

„Ich hab’ gar keinen Namen,“ lachte aber die Kleine schelmisch mit

einem halben Knix, „ich bin ja ein Waldweible, und die laufen immer nur

so herum.“

„Ach geh’,“ sagte Bernhard, „Du wirst doch einen Namen haben; wie soll

man Dich denn rufen?“

„Du brauchst mich gar nicht zu rufen!“ lachte das Mädel, „ich bin immer

da und werde Dich jetzt getreulich geleiten.“

„Aber ich muß Dich doch nennen können!“

„Ich weiß ja auch nicht einmal, wie Du heißt.“

„Hab’ ich Dir meinen Namen nicht damals genannt?“ sagte der junge

Forstmann -- „Bernhard Raischbach heiß’ ich und bin Forstgehülfe oben

im Spessart.“

„Ja, wer kann alle Namen behalten!“ lachte die Maid. „Also muß ich Dich

wohl ‚Herr Forstgehülfe‘ nennen, wie es die alte Lisei thut?“

„Kennst Du denn die auch?“ rief der Jäger erstaunt.

„Weßhalb soll ich die Lisei nicht kennen, wohnt sie doch lang genug

da drüben in der Forstei und ist gar ein frommes, gutes Geschöpf, die

immer gleich ein Kreuz schlägt, wenn sie was Unrechtes wittert. Die hat

eine Nase! Aber jetzt komm’. Blitz noch einmal, bist Du langweilig und

ja gar nicht von der Stelle zu bringen! Droben im Walde warst Du doch

flink genug auf den Füßen, und ich mußte damals geschwind machen, daß

ich Dir die Wand hinunter aus den Augen kam.“

„Und den steilen Pfad bist Du wirklich hinabgesprungen?“

„Bah, was ist denn das weiter?“ lachte das Mädchen; „jeder Fuchs geht

ja da aus und ein.“

Dabei hatte sie ihn an der Hand genommen und führte ihn jetzt die Höhle

entlang deren Ende zu, wo sie in einen langen schmalen Gang auszumünden

schien. Der Gang aber führte immer mehr bergab, und als Bernhard den

Blick zurückwarf, kam es ihm vor, als ob er sich etwas drehe.

„Aber wo geht denn das hin?“ frug er.

„Wirst’s gleich sehen,“ lautete die Antwort -- „Du weißt ja doch,

daß jene alte Stadt, von der Dir der Förster erzählt, gerade an der

Stelle gestanden hat, wo jetzt der tiefe Grund liegt, und da müssen wir

hinunter; aber ’s ist nicht weit mehr,“ tröstete sie ihn „siehst Du,

da unten kannst Du schon den hellen Schein erkennen.“

„Wo kommen nur all’ die Flammen her, die ihr hier brennt?“

„Die Flammen?“ sagte das Mädchen -- „ei, das ist Erdöl, das aus den

verschiedenen Ritzen und Spalten herausschwitzt und bloß angezündet zu

werden braucht, wenn man es unten hell zu haben wünscht. Erdöl giebt’s

genug und überall; das brennt ewig.“

Raischbach wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah; immer aber

mußte er wieder seine Begleiterin ansehen, und er konnte sich gar

nicht denken, daß es etwas Lieberes auf der Welt geben möge, als ihr

freundliches Gesicht. So weiß und zart sah ihre Haut aus, so leicht

von Roth waren ihre Wangen angehaucht, und was für wundervolles,

dunkel kastanienbraunes Haar sie hatte -- und was für Augen -- ihr

Feuer brannte ihm tief in’s Herz hinein, und wie er den Druck ihrer

Hand fühlte, als sie ihn den steilen, schlüpfrigen Hang hinableitete,

war es ordentlich, als ob es ihm die Nerven bis in die Fußzehen und

Fingerspitzen hinein erzittern machte. Sie selber aber schien von dem

Eindruck, den sie auf den jungen Forstmann ausübte, nicht die geringste

Ahnung zu haben, sondern schritt so unbefangen und ruhig neben ihm

her, als ob er eben nichts wie ihr täglicher Begleiter wäre.

Da öffnete sich plötzlich vor ihnen der bis jetzt schmale Gang zu einer

weiten Ebene, die aber von einem blendend hellen Lichtkörper erleuchtet

wurde, während hoch darüber dunkle und undurchdringliche Nacht zu

liegen schien, und in der Ebene sah der Forstgehülfe eine weite,

alterthümliche Stadt, mit einer breiten, aber niederen Kirche und einem

Kirchthurm, dessen fast moscheenartig gerundete Kuppel wie von lauterem

Golde blitzte und strahlte. Als er aber genauer hinsah, bemerkte er,

daß gerade diese Kuppel der Körper sei, von dem aus das Licht über

die ganze Gegend floß, so daß sie wie eine strahlende Sonne über den

Häusern lag.

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 9 / 16 段