drin verloren?“
„Allerdings -- aber der Hund ist allein hineingelaufen, ich war selber
nie drin und hab’ auch nie nachgeschaut, wo er geblieben sein kann.
Jedenfalls ist er in eine der Spalten gestürzt. Was hat der Jäger
auch dort unten zu suchen? Wild steht dort nicht -- und sei’s nur aus
dem Grunde, daß sie nirgends wieder auskönnen, wenn ihnen der einzige
hineinführende Wechsel verstellt wird. Das ganze Terrain ist wie eine
große Art Falle, und vor solchen Plätzen scheuen sie sich; außerdem
mag aber auch die Aesung auf dem feuchten Boden sauer schmecken, denn
von oben hinab sieht man eigentlich nichts als Haidekraut und eine Art
schilfiges Gras und Schachtelhalm.“
„Aber was für ein Spuk war der, Förster, von dem Sie sprachen?“ sagte
der junge Mann, durch das Alles neugierig gemacht -- „der Spuk, der
einem frommen Christen nichts anhaben könne?“
„Hm,“ brummte der Alte, doch nicht ganz sicher, wie seine Erzählung
aufgenommen werden könne. „In neuerer Zeit hat man lange nichts mehr
davon gehört --“
„Aber in früheren Jahren?“
„Da soll das alte Nest da drin ein Hauptplatz für Derlei gewesen sein,“
nickte der Alte, „man darf freilich nicht Alles glauben, was die Leute
erzählen,“ setzte er gewissermaßen entschuldigend hinzu, „aber wenn
nur die Hälfte von dem wahr wäre, reichte es aus. Daß der wilde Jäger
hier im Spessart seinen Hauptsitz hatte, ist allbekannt. Von hier
ging er aus -- hierher kam er zurück, wenn er vor der Morgendämmerung
seine tolle Meute wieder eintrieb, und die Kreiser, bei denen sich die
Erzählung von Vater auf Sohn vererbt hat, viele Geschlechter durch,
behaupten, daß er dort in dem versunkenen Bau eingefahren sei wie ein
Fuchs, und es nachher noch stundenlang da drinnen getobt und gelärmt
habe, als ob ein unterirdischer Donner durch den Wald führe. Irrwische
sind da drunten genug gesehen worden, und nirgends hat’s mehr Erd- und
Waldweible gegeben, als in der Gegend. Manchem Förster -- vor meiner
Zeit, denn ich müßte lügen, wenn ich was Derartiges behaupten wollte
-- sind auch Bewohner des weggesunkenen Ortes erschienen -- einmal
einem Jäger -- einem fürstlichen Herrn -- ein bildhübsches Mädchen
in fremdartiger Tracht, die aber kein Wort gesprochen, sondern nur
gewinkt hat, bis er ihr gefolgt ist. Der ist er nachgestiegen in den
Kessel hinein -- der Jägerbursche, den er bei sich gehabt und der ihm
nicht folgen durfte, hat’s erzählt, und am Abend haben sie ihn da drin
gefunden, todtenbleich -- und er war tiefsinnig geworden und hat nie
im Leben wieder gelacht oder auch nur verkündet, was er dort unten
gesehen. Er durft’s wohl nicht.“
„Hm, das sind ja wunderbare Geschichten von dem alten Bau,“ sagte der
junge Forstgehülfe kopfschüttelnd, „und ist nur merkwürdig, daß ich
noch kein Wort davon gehört.“
„Bei uns wär’ wohl schon oft davon gesprochen,“ sagte der Alte, „aber
wir thun’s nicht gern, wenn die alte Lisei dabei ist.“
„Die Lisei?“ sagte Raischbach erstaunt.
„Ahem,“ nickte der Förster. „Wenn sie den Ort nur nennen hört, steht
sie jedesmal auf, geht hinaus und setzt sich in eine dunkle Ecke und
weint. Es muß ihr da in ihrer Jugend was Liebes abhanden gekommen sein.
Die Leute versichern wenigstens, ihr Schatz habe sich in ein Erdweible
von da drunten her, das es ihm angethan, verguckt und Niemand wieder
etwas von ihm gehört.“
„Aber kann der nicht auf andere Art verunglückt sein?“
„Möglich; doch wahrhaftig, da kommen die Kreiser -- das ist gescheidt,
mir ist die Zunge schon ordentlich am Gaumen angetrocknet, und
ein Schluck Bier wird uns jetzt nicht schlecht munden. Also erst
frühstücken und dann mit unserem Hirsch zu Thal, daß er zur rechten
Zeit an Ort und Stelle eintrifft.“
Die Kreiser hatten ihre Zeit richtig eingehalten, ja waren eher noch
eine Viertelstunde früher angekommen und sahen auch gleich an den
grünen Brüchen auf den Hüten der beiden Forstleute, daß die Pirsche
keine vergebene gewesen. Vor allen Dingen lagerten sich aber die Leute,
denen sich auch die drei Mann Forstschutz beigesellten, im Schatten, um
sich von ihrem mühseligen Marsch auszuruhen und einen Bissen zu essen.
Dabei mußte Raischbach erzählen, wo er den Hirsch gefunden und wie er
an ihn angekommen sei, was sie natürlich außerordentlich interessirte.
Nach beendetem Frühstück brachen dann Alle der Stelle zu auf, wo der
verendete Hirsch lag, der dort aufgeladen und dem Ort seiner Bestimmung
zugeschafft wurde. Die beiden Forstleute schlenderten aber auf einem
näheren Weg, von einem der Kreiser begleitet, der ihr „Jägerrecht“[A]
in einem Sack auf der Schulter mittrug, langsam nach der Forstei zurück.
[A] Jägerrecht, einzelne bestimmte Theile eines erlegten Stückes
Hoch- oder Rehwild.
Zweites Kapitel.
Die fremde Maid.
Auf dem Heimweg an dem Nachmittag fuhr den beiden Forstleuten ein
merkwürdig starker Rehbock über den Weg, aber so rasch und plötzlich,
daß Keiner von Beiden im Stande war, auch nur die Büchse von der
Schulter zu reißen. Wie ein Schatten sprang er über die schmale
Schneuße und war auch im nächsten Moment schon in der dichten
Tannendickung -- einer jungen, aber schon ziemlich hohen und fast
undurchdringlichen Anpflanzung -- verschwunden.
„Alle Wetter!“ rief der Forstgehülfe ordentlich erschreckt aus;
„hatte der aber auf. Das Gehörn allein wäre ja ein paar Karolin werth
gewesen.“
„Ja,“ nickte der Alte, „es giebt hier oben ein paar Staatsböcke, ist
ihnen aber verwünscht schwer beizukommen, denn so ein alter Racker
ist schlau wie ein Fuchs und auf’s Blatt kommt er gar nicht oder doch
so scheu und vorsichtig, daß man ihn nie ordentlich zum Schuß kriegt.
-- Und den besonders, der uns da über die Schneuße setzte, den kenne
ich ganz genau und bin ihm schon manchen schönen Morgen zu Gefallen
gegangen. Freilich immer umsonst. Sie haben hier in den Dickungen drin
zu gute Aesung, und treten selten bei Tageslicht auf offene Schläge
hinaus.“
Dem jungen Forstgehülfen ging aber der Bock den ganzen Abend im Kopfe
herum, er konnte das Gehörn nicht vergessen, denn solche Stangen
hatte er an einem Rehbock noch gar nicht gesehen oder nur für möglich
gehalten. Er beschloß auch deßhalb, gleich am nächsten Tag einen
Versuch zu machen, ob er den alten Burschen nicht vielleicht überlisten
könne. Der war jedenfalls ein paar Gänge werth und er durfte sich keine
Mühe verdrießen lassen.
Es war nicht so spät im Jahr, daß die Böcke nicht noch auf’s Blatt[B]
gekommen wären, und gerade dort, wo er ihn gestern gesehen, begann
er seinen Versuch, denn solche alte Böcke halten gewöhnlich ihr
Revier und gehen selten weit von da fort, wo sie einmal ihren
Aesungsplatz genommen. Aber er blattete vergeblich vier-, fünfmal an
den verschiedensten Stellen. Der alte Bursche war entweder nicht in
Hörweite, oder auch zu gescheidt und ließ sich nicht überlisten. Um
aber nichts zu versäumen, blieb er nach jedesmaligem Blatten wohl
noch eine Viertelstunde regungslos liegen und horchte, denn manchmal
kommen sie angeschlichen wie ein Fuchs, und wenn der Jäger dann, in der
irrigen Meinung, daß die Jagd vorbei sei, aufsteht und Geräusch macht,
so hört er plötzlich das so heiß ersehnte Wild schrecken und in voller
Flucht in das Dickicht hineinsetzen, wonach er sich dann die Jagd auf
lange Zeit verdorben hat.
Mit dem Blatten war’s nichts, das sah er endlich ein; der alte Bursche
ließ sich nicht irre führen, und er versuchte es jetzt mit der
Pirsche, wozu sich der Tag ganz besonders gut eignete. Es hatte die
Nacht gewittert, und das Laub und Moos war noch feucht, so daß man
den schleichenden Schritt des Jägers, wenn dieser nur vermied, auf
trockenes Reisig zu treten, gar nicht hören konnte. -- Aber es blieb
Alles vergebens -- zwei geringe Böcke hätte er allerdings schießen
können, wollte sich indeß die Jagd auf seinen Bock nicht durch einen
Schuß verderben und ließ sie laufen, was sie auch redlich thaten.
So war er allmälig und ohne daß er es selbst recht wußte wieder ganz
in die Nähe der Stelle gekommen, wo er gestern den Hirsch geschossen
hatte, und plötzlich stand er an der Steinwand des „Fuchsbaues“ und sah
sich auf’s Neue dem geheimnißvollen Platz gegenüber, von dem ihm der
alte Förster gestern so viel erzählt.
Eigentlich war’s ihm recht -- nach dem langen Pirschgang that ihm
ein wenig Ruhe wohl, und der Platz lag hier so kühl, heimlich und
versteckt, daß er da recht gut eine halbe Stunde rasten konnte. Er warf
sich auch, die Büchse neben sich, auf das schwellende Moos nieder,
nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche, zündete sich dann die
kurze Pfeife an und schaute, in dem behaglichen Gefühl ungestörten
Alleinseins, in die wunderliche Schlucht vor sich hinab, die sich zu
seinen Füßen ausdehnte.
Also dort hatte einmal ein volkreicher Ort gestanden, der mit Mann und
Maus, und ohne eine Spur zu hinterlassen, in die Tiefe gesunken sein
sollte, und wie tief eigentlich, daß nicht einmal die vergoldete Kuppel
des Kirchthurms mehr aus dem Moor hervorragte. -- Und wenn man dort
nun einmal nachgrübe nach der alten Herrlichkeit, was für wunderbare
Alterthümer müßten da zum Vorschein kommen, und lohnen würd’ es gewiß.
Aber wer sollte graben? -- das wäre jedenfalls eine Heidenarbeit
gewesen, und stand dann nicht das Wasser an der selbst oben nassen
Stelle? man würde nur gewiß einen neuen See gebildet haben und hätte
schon ein Dampfpumpwerk anlegen müssen, um nur des nassen Elementes
Herr zu werden, und was kostete das?
Und dort drunten sollte der wilde Jäger seinen Herd gehabt und Nachts
seine Schaaren gesammelt haben und ausgefahren sein mit Hallo und Hussa
und Rüdengebell! -- Wer das einmal, so aus einem stillen Versteck,
hätte mitansehen können!
„Hol’s der Henker!“ brummte Raischbach vor sich hin, indem er sich
mit seinem rechten Ellbogen etwas tiefer in das Moos hineinbohrte, um
bequemer zu liegen, „daß das nur Alles lauter Sagen sind und bloß die
Großväter und Urgroßväter etwas Derartiges mit erlebt haben! Wenn das
doch Unsereinem auch einmal begegnen könnte, daß man später im Stande
wäre, seinen Kindern etwas davon zu erzählen. -- Ja, seinen Kindern,“
setzte er in den Bart brummend hinzu -- „damit hat’s auch noch Zeit
-- ein Forstgehülfe und heirathen. Ja, wenn einmal so ein hübsches
Erdweible käm’, wie vor alten Zeiten manchmal -- und Einem eine Schürze
voll goldener Tannenzapfen brächte!“
Unwillkürlich griff seine Hand, ohne daß er mit dem Körper auch nur die
geringste Bewegung gemacht hätte, nach der neben ihm liegenden Büchse,
denn nicht weit von ihm knackte ein dürrer Zweig, als ob irgend ein
schwerer Körper darauf getreten hätte. Herr Gott, wenn das „sein“ Bock
gewesen wäre, der hier oben am Rand der Schlucht vielleicht spazieren
ging und ihm derart von selber in’s Rohr lief. Der wäre jetzt recht
gewesen, und im Nu hatte er alle anderen Gedanken vom wilden Jäger und
Erdweible total vergessen und dachte nur an seine Jagd.
Jetzt knackte es wieder -- das konnte ein Stück Wild, aber auch recht
gut der Bock sein, und leise und vorsichtig drehte er den Kopf zur
Seite, um nur erst einmal einen Schimmer von dem Nahenden zu bekommen.
„Alle Wetter!“ brummte er aber im nächsten Augenblick, als er etwas
Buntes durch die Zweige schillern sah und jetzt enttäuscht erkannte,
daß das auf keinen Fall sein Bock sein konnte, denn der trug kein
buntfarbiges Tuch um sein Gehörn, -- ob Einem die verwünschten
Beerensucher und Holzleser nicht jeden Pirschgang verderben!
Unwillig richtete er sich in die Höhe, um die Nahenden mit einem
Wetter anzufahren, was sie hier zu suchen hätten, brachte aber keinen
Laut über die Lippen, als plötzlich ein reizendes Mädchen von kaum
siebenzehn Jahren aus dem Gebüsch trat und bei seinem Anblick halb
erschreckt halten blieb.
Merkwürdig! sie war in eine ganz fremdartige Tracht gekleidet, wie er
ihr wenigstens hier in den Bergen noch nie begegnet, und sah dabei so
blaß und wachsähnlich aus. Aber was für wundervolle Augen sie hatte,
und wie groß und erstaunt sie ihn dabei ansah. Fürchtete sie sich vor
ihm?
„Grüß Gott, Mädel!“ sagte der junge Forstmann, halb verdutzt ordentlich
von der lieblichen Erscheinung, und sein Blick flog über sie hin --
aber das war keine Beerensucherin oder Reisigsammlerin; sie trug keinen
Korb, weder am Arm noch auf dem Rücken, sondern ging sogar, mitten in
der Woche, in ihren Sonntagsstaat gekleidet.
„Grüß Gott!“ sagte die Jungfrau leise, und ihr Blick flog dabei nach
dem Grund hinab, als ob sie sich einen Weg zur Flucht suche -- „wo --
wo kommt Ihr da auf einmal her?“
„Ja, das möcht’ ich Dich fragen, Kind!“ erwiederte der Jäger; „ich
gehöre hierher -- aber fürcht’ Dich nicht, ich thu’ Dir nichts.“
„Ich fürcht’ mich auch nicht,“ sagte die Maid, aber mit einem ganz
eigenen, fremdartigen Dialekt; „ich steh’ überall in Gottes Hand; aber
ich hatte den Weg im Wald verloren, und jetzt weiß ich erst wieder, wo
ich daheim bin.“
„Wo Du daheim bist?“ rief Bernhard -- „aber wo bist Du daheim, Schatz,
darf ich’s nicht wissen?“
„Und warum nicht! -- im Bau bin ich daheim.“
„Im Bau?“ rief der junge Forstgehülfe erschreckt aus, indem er einen
scheuen Blick nach dem Grund hinunter warf, „aus dem Bau kommst Du,
Mädel, und dort ist Deine Heimat?“
„Ei gewiß,“ nickte die Maid, „und wer seid Ihr?“
„Der Forstgehülfe Raischbach vom Revier -- aber es ist ja doch nicht
möglich, daß Du im Bau wohnst -- und wohin willst Du jetzt?“
„Wieder heim, da hinab -- jetzt ist’s nimmer weit,“ sagte sie und
deutete mit der Hand den schmalen Pfad hinab, der in den Grund hinunter
führte.
„Du hast mich nur zum Besten, Mädel!“ rief Raischbach, der gar nicht
wußte, was er von dem Allen denken sollte -- „unten im Bau --“
Er schrak zusammen, denn kaum hundert Schritt von dort, im Dickicht
drin, fiel ein Schuß -- war das ein Wilderer?
„Grüß Gott -- ich muß heim!“ rief das Mädchen und schlüpfte wie ein Reh
am Abgrund hin.
„Bleib’, Kind, nur einen Augenblick!“ bat der junge Mann und drehte
unwillkürlich den Kopf nach der Richtung zu, in der er den verdächtigen
Schuß gehört; als er ihn aber wieder wandte, war die Maid verschwunden,
und wie er ein paar Schritte den Pfad hinab ihr nachsprang, konnte er
ihr buntes Tuch nirgends mehr in den Büschen erkennen. -- Wie in den
Boden hinein war sie weg.
Ein paar Sekunden stand der junge Mann unschlüssig auf der Stelle.
Sollte er ihr nach? -- ihr folgen? -- Aber der Schuß -- seine Pflicht
rief ihn dorthin, den Moment durfte er nicht versäumen, und seine
Büchse aufgreifend sprang er so leise, aber auch so rasch als möglich
einen schmalen Wildpfad entlang, der ihn in das Dickicht brachte. Dort
dauerte es auch nicht lange, daß er das Aufstoßen eines Ladestocks
hörte, und durch das Gebüsch schlüpfend, fand er sich im nächsten
Augenblick -- einem ihrer Kreiser gegenüber.
„Hallo, Metzler, und nach was habt Ihr hier geschossen?“ sagte er
enttäuscht, indem er sich aufrichtete und auf ihn zutrat.
„Hallo, Herr Raischbach, wo kommen Sie denn auf einmal her? -- kriegt
ich doch jetzt einen ordentlichen Schreck. -- Den Habicht da hab’ ich
geschossen, der einen Hasen gekrallt hatte und scharf dabei war, ihn
anzuschneiden. Wie er mich merkte, brauchte er eine ganze Weile, um
loszukommen, und ich behielt reichlich Zeit, ihm eins auf den Pelz zu
brennen. Waren Sie auf der Pirsche?“
Gerade wo er stand lag in der That der eben geschossene Raubvogel und
gar nicht weit davon entfernt der arme Hase, auf den er, wahrscheinlich
von einem Zweig herab, niedergestoßen war, als ihn der Kreiser bei
seiner Mahlzeit überraschte.
„Hm,“ sagte Raischbach, „ich bin dem starken Bock zu Gefallen gegangen,
den wir gestern gesehen haben.“
„Ja,“ lachte der Kreiser, „da können Sie noch manchmal früh aufstehen,
ehe Sie den kriegen -- der ist schlau.“
„Ich habe da drüben eine Fährte gefunden und wollte eben nachgehen, als
ich den Schuß hörte -- ich wußte nicht, wer geschossen haben konnte.“
„Wenn’s ein Wilderer gewesen wäre,“ lachte der Mann, „hätten Sie ihn
verdammt rasch beim Kragen gehabt. Sie sind auf dem Zeug, das muß wahr
sein; ich habe Sie gar nicht kommen hören.“
„Ich geh’ jetzt wieder zurück, Metzler,“ sagte der Forstgehülfe; „nehmt
den Hasen mit nach Haus und sagt dem Förster, wenn ich etwa nicht zur
rechten Zeit zum Nachtessen daheim sein sollte, möchten sie nicht auf
mich warten. -- Ich will noch gern auf dem Anstand bleiben.“
„Na, Waidmann’s Heil, Herr Forstgehülfe!“ nickte der Kreiser, während
Raischbach schon wieder in das Dickicht eintauchte und jetzt, so rasch
er konnte, zu der Stelle zurücksprang, wo er das fremde Mädchen zuletzt
gesehen -- aber er fand sie nicht wieder. Er stieg den Pfad hinab, und
als er weiter unten an eine sandige Stelle kam, suchte er genau nach,
ob er keine Fußspur entdecken könne, denn oben in dem moosigen Weg ließ
sich nichts unterscheiden; aber es blieb vergebens. Bis zu dem Eingang
in den Grund kletterte er, in den nur ein kaum zehn Schritte breiter
Paß hineinführte; dort aber lag gerade viel felsiges Gestein und eine
Fährte hätte sich schwer nachweisen lassen.
Wie heimlich das da drin in dem düstern Grund aussah, und wie sonderbar
kahl und phantastisch die hohen Sandsteinwände auf allen Seiten starr
und mächtig emporragten -- und wie dunkel der Boden war, obgleich oben
auf dem Walde noch das volle Sonnenlicht lag! Sollte es denn möglich
sein, daß hier drinnen wirklich ein so geisterhaftes Wesen hause, wie
ihm der alte Förster erzählte, daß die Bewohner der Tiefe -- daß jenes
wunderbar schöne Mädchen, das so fremd und doch so lieb aussah... --
„Bah, Unsinn!“ brummte er vor sich hin in den Bart -- „der Alte steckt
voll von Aberglauben und seine Frau und die alte Lisei noch mehr; kein
Wunder wär’s, wenn man zuletzt selber anfinge, solche Geschichten
wirklich zu glauben, wenn man sie alle Abend in der halbdunkeln Stube
und halb dabei im Schlaf erzählen hört. -- Nachher weiß man am Ende
kaum mehr, was man noch gehört oder selber geträumt hat. -- Jetzt bin
ich aber doch einmal hier unten,“ setzte er leise hinzu, „und kann mir
den Platz gleich ordentlich ansehen; komme doch vielleicht so bald
nicht wieder hierher und muß die Gelegenheit benützen.“
Damit stieg er über die Zacken hinweg und drängte sich durch das
Erlengestrüpp, das hier lustig emporwucherte. -- Er erschrak aber fast,
als plötzlich dicht vor ihm eine Schnepfe herausstrich. Unwillkürlich
fuhr er freilich mit der Pirschbüchse in die Höhe, setzte aber eben so
rasch wieder ab, denn jetzt war erstens keine Jagdzeit für Schnepfen,
die hier jedenfalls brüteten -- und dann hatte er ja auch bloß eine
Kugel und groben Schrot geladen. Die Schnepfe stieß aber in den Wald
hinein, und Raischbach, ihr nachsehend, murmelte leise: „Na, hier kann
das vertrackte Mädel doch auch nicht gut herum sein, denn sonst hätte
sie die Schnepfe ebensogut aufgestört wie ich -- und was hätte sie auch
hier drin zu suchen,“ setzte er halb lachend hinzu -- „ich glaube bei
Gott, ich fange ebenso an zu träumen, wie unser alter Buschmann. --
Aber hat sie mir nicht selber gesagt, daß sie hier unten ‚im Bau‘
wohne?“ frug er sich plötzlich und blieb, seine Büchse auf den Boden
stützend, stehen; „bah, das kecke, bildhübsche Ding hat mir nur ihren
eigentlichen Wohnort nicht nennen wollen und mich zum Besten gehabt.
Die mag schön bei sich gelacht haben, als ich so ein verdutztes Gesicht
machte. -- Wenn ich ihr nur noch einmal wieder begegnete oder wüßte, wo
ich sie suchen könnte -- Blitzmädel das.“
Und wieder nahm er seine Waffe auf und arbeitete sich jetzt nach der
rechten Wand hinüber, um den ganzen Platz einmal zu umgehen und das
noch unbekannte Terrain genau zu erforschen.
Aber, alle Wetter, der Förster hatte allerdings recht gehabt: hier
gab’s Füchse genug -- überall fand er die Losung, und zahlreiche
Spalten in der Wand waren augenscheinlich so begangen, daß wirkliche
kleine Pfade hineinführten. Der Platz hier konnte ihnen freilich auch
passen, denn abgelegen schien er genug, und Schlupfwinkel für die
schlauen Bestien gab’s wie Sand am Meer. Das Gestein sah genau so aus,
als ob es mit Gewalt von einander gerissen und überall geborsten wäre.
Da konnten sie einfahren, wo sie eben Lust hatten, und wenn man sich
auch oben ansetzen wollte, um ihnen aufzupassen, blieb es immer von
dort herunter ein weiter und ungewisser Schuß -- und hier drin selber?
-- Ei, wenn die Füchse ihren Winterbalg anhatten und die Pelze was
galten, mußte er doch einmal den Versuch machen, das gab vielleicht
eine ganz vortreffliche Jagd und einen guten Spaß, ihnen so unerwartet
eins auf die Jacke zu brennen. Macht doch die Erlegung eines Fuchses
oder überhaupt jedes Raubthieres dem Jäger mehr Freude, als ob er sonst
Gott weiß was erlegt, denn es gilt dabei einen schlauen und gewandten
Räuber zu überlisten.
Der junge Forstgehülfe beging langsam pirschend das ganze innere
Terrain, fand aber die Aussage des Försters bestätigt, und nicht eine
einzige Fährte von Roth- oder Rehwild in dem ganzen Grund, dafür
jedoch eine Masse niedergebrochenes und vertrocknetes Reisig -- ein
Beweis, daß selbst die Holzsucher, die doch sonst gewiß nicht eigen
sind, den öden Platz mieden. Von einem hindurchführenden Pfad war
ebensowenig eine Spur zu erkennen und das Brombeergesträuch an manchen
Stellen so dicht, daß er sich kaum hindurch arbeiten konnte. Es war
auch spät geworden, als er den hinausführenden Paß wieder erreichte,
und hier unten dämmerte es schon, während die Wipfel der Bäume oben am
Felsenrand noch im Licht der untergehenden Sonne glühten.
Jetzt war übrigens noch gute Zeit für einen Pirschgang heimwärts --
vielleicht begegnete er dem Bock doch noch unterwegs, und nachdem er
sich vorher überzeugt hatte, daß kein begangener Weg von unten ab
weiter zu Thal führte, stieg er wieder von außen an dem Steindamm
hinauf und trat den Heimweg an.
Den Bock traf er allerdings nicht, und es war recht spät geworden, als
er die Forstei endlich wieder erreichte. Daheim erzählte er aber auch
nichts von dem fremden Mädchen, das er heute am Fuchsbau getroffen.
Wer wußte denn, was sie sich nachher wieder für Geschichten daraus
zusammengebaut hätten, von Erdweible oder Moorjungfern oder sonstigem
Spuk. Vielleicht traf er sie einmal wieder in der nächsten Zeit, und
dann sollte sie ihm nicht so leicht entschlüpfen wie dießmal, wo ihn
der alberne Kreiser mit seinem Schuß so zur unrechten Stunde gestört
und abgelenkt hatte. War ihm doch nicht einmal Zeit geblieben, sie nur
zu fragen, wie sie hieß.
Und würde sie ihm das gesagt haben, wo sie ihm, auf seine Frage nach
ihrer Heimat, die schnippische Antwort gab „im Bau“? Sonderbar -- er
brachte das Mädel nicht aus dem Kopf und war den ganzen Abend still und
einsylbig. Der alte Förster aber lachte, denn er glaubte, der verfehlte
Bock ärgerte ihn, meinte auch, da würde er sich noch manchen Abend
Gedanken drüber machen können, denn das sei ein alter schlauer Patron
und nicht sogleich auf den ersten Pirschgang abzufassen. Sie wollten
sich in vier Wochen einmal wieder sprechen, ob er ihn vielleicht bis
dahin erlauert hätte -- _er_ glaube es aber nicht.
[B] Das Blatt, der nachgeahmte Lockruf des Rehs.
Drittes Kapitel.
Der Fuchs.
Der Forstgehülfe Raischbach bekam übrigens in den nächsten Tagen keine
Zeit, viel an den Bock oder selbst an die fremde Maid zu denken, denn
noch in der nämlichen Nacht hatte der Kreiser Metzler, der in einer der
im Wald zerstreut gebauten Pirschhütten geschlafen, einen Schuß gehört
und am nächsten Morgen erst, obgleich er, wie er sagte, augenblicklich
der Richtung zugeeilt sei und Alles abgesucht habe, den Aufbruch und
Kopf eines Altthiers gefunden, das ein paar Wilderer dort in der Nacht
erlegt und dann fortgeschleppt haben mußten. Im Anfang hätte er auch
noch eine Strecke auf dem Schweiß (Blut) nachgehen können, dann aber
waren die Wilddiebe an die große Straße gekommen, die durch den Wald
lief, und keine Spur weiter von ihnen zu finden. Ein paar frische
Wagengleise führten allerdings vorbei, eines aber nach Norden, eines
nach Süden, und welches von diesen sie wahrscheinlich benützt hatten,
um ihre Beute in Sicherheit zu bringen, wer konnte es sagen?