Fünf Jahre waren verflossen, als eine offene, sehr elegante

Reisekalesche eines Tages wieder langsam durch Osterhagen fuhr. Wie

damals, saß auch ein Husarenoffizier und eine Dame im Fond des Wagens,

aber die Dame sah jung und blühend aus, und auf dem Rücksitz befand

sich noch ein junges kräftiges Bauermädchen, mit einem prächtigen

kleinen Burschen von etwa anderthalb Jahren auf dem Schooß.

Der Wagen fuhr aber nicht nach dem Kirchhof, der keine lieben Todten

mehr barg, denn schon im vorigen Jahr waren unter Oberaufsicht des

alten Assessors Buntenfeld drei Särge von dort ausgehoben, in dazu

hergeschaffte bleierne Uebersärge gelegt, diese dann verlöthet und

fortgefahren worden. Die Kalesche rollte nur geraden Weges zu dem

Gemeinde-Armenhaus hinaus und hielt dort.

Eine in zerrissene Lumpen gekleidete Frau, mit verwilderten Haaren,

das Gesicht aber aufgedunsen und roth, als ob die widerliche Gestalt

dem Trunk ergeben wäre, saß davor und starrte die fremden Besucher mit

ihren gläsernen Augen an.

Die junge Dame schrak zurück und schauderte zusammen.

„Um Gott, Edmund“, flüsterte sie dem Gatten zu, „das ist des Schulzen

Frau -- oh wie entsetzlich sie aussieht!“

„Das also ist die Dame“, nickte der Offizier; „die scheint denn

allerdings schon auf Erden die Strafe für Alles erhalten zu haben, was

sie an Dir, Du armes Herz, verübt: aber mit dieser Person wollen wir

uns nicht aufhalten. Wie hieß die Frau, nach der Du fragen wolltest.“

„Kunze“, flüsterte seine Begleiterin.

„Lebt hier im Hause noch eine alte Frau Kunze?“ wandte sich jetzt der

Fremde an die auf der Schwelle kauernde Gestalt.

„Hier im Haus?“ knurrte diese, mit einem tückischen Blick nach dem

Frager -- „hier im Haus lebt Niemand als ich -- Alles ist todt, Alles

begraben aus dem öden Nest, und wenn Sie _mich_ besuchen wollen,

so müssen Sie Nachmittags zum Kaffee kommen.“

„Aber die Frau mit den beiden Kindern“, rief Valerie erschreckt, „die

kann doch nicht gestorben sein.“

„Nein“, lachte die Alte -- „die ist blos verrückt geworden, und die

Kinder sind in die Ziehe gegeben.“

„Großer allmächtiger Gott!“

„Ja, was hat der liebe Gott damit zu thun,“ höhnte die Halbtrunkene.

„Wer hier im Hause wohnt, _muß_ verrückt werden, und ich werde

mich auch nächstens anmelden -- reif bin ich schon.“

„Und wer hat die Kinder aufgenommen?“

„Wer? -- nun die alte Deckern war albern genug dazu. Die quält sich

jetzt mit den Bälgern herum, und hat selber kaum das liebe Brod.“

„Oh, laß uns hinfahren, Edmund“, bat die junge Frau -- „nur fort von

hier, denn mir schnürt es bei dem Anblick die Seele zu.“

„Gern, mein Herz, aber weißt Du, wo jene Frau wohnt?“

„Gleich dort hinüber -- sie war die nächste Nachbarin meiner armen

Mutter und immer lieb und freundlich gegen mich.“

„Was war sie?“ schrie die Frau an der Thür, bei den Worten aufmerksam

werdend -- „die Nachbarin Deiner Mutter -- wie ist mir denn? -- das

Gesicht! Jesus, die Falleri!“

„Fort -- fort!“ drängte die junge Frau, und der Postillon berührte

die Pferde mit der Peitsche, daß sie rasch anzogen und der Wagen die

Straßen hinabrollte. Hinter ihnen her aber fluchte die Halbtrunkene,

raufte sich die Haare und warf sich dann in Wuth und Haß und Ingrimm

auf den Boden nieder.

Der Postillon sah sich manchmal um, die Richtung angegeben zu bekommen,

die er zu nehmen hatte, aber der Weg war nicht zu fehlen; er führte um

das Dorf herum, der Stelle zu, wo zwei kleine Häuser nahe beisammen

lagen.

Die alte Nachbarin wohnte aber nicht mehr in ihrem früheren, jetzt

baufälligen Quartier, sondern war zur Miethe in die nämliche Wohnung

gezogen, die früher Valeriens Mutter inne gehabt. Wie staunte freilich

die arme, alte Frau, als die elegant gekleidete, jugendfrische Dame aus

dem Wagen stieg, auf die in der Thür Stehende zuging, ihr weinend um

den Hals fiel und sie küßte.

„Die Falleri!“ rief sie da plötzlich aus und schlug die Hände zusammen,

„oh Du grundgütiger Gott, die Falleri! -- und wie hübsch und groß Du

geworden bist, Kind! -- ach, wenn Dich Deine Mutter selig jetzt so

sehen könnte, die würde eine Freude haben -- und hat so so wenig auf

der Welt gehabt!“ Die großen hellen Thränen liefen dabei der Frau über

das gute alte Gesicht.

Auch Valerie weinte, als sie das Haus betrat und jetzt die Stätte sah,

auf der sie mit ihrer guten Mutter so trübe -- und doch auch wieder so

frohe Tage verlebt. Dort hat ihr Stuhl -- dort das Bett gestanden, in

dem sie gestorben, und ihr armes Kind allein gelassen in der Welt --

aber der Schmerz hatte das Bittere verloren, denn er löste sich ja in

Thränen auf, und bald konnte sie wieder lächeln, als sie, ihren Knaben

auf dem Arm, mit ihm durch die alten lieben Räume schritt.

Es sah hier freilich noch so ärmlich aus als früher, wenn auch

lebendiger, denn die beiden Waisenzwillinge, die sie oft selber hatte

pflegen helfen, sprangen munter hinter ihr drein, und jubelten über die

Kleinigkeiten, die sie ihnen mitgebracht.

Aber Valerie hatte auch gelernt, wie weh Armuth thut, und wollte

wenigstens in etwas an der alten Frau, die immer gut mit ihr und ihrer

Mutter gewesen, den Dank abtragen, den sie ihrem neuen Leben schuldete.

Die Frau bekam allerdings von der Gemeinde die nothwendigsten Auslagen

für die ihrer Pflege übergebenen Kinder, die man jetzt nicht im

Gemeindehaus lassen konnte, bezahlt, aber sie war selber zu arm, um

Weiteres für sie zu thun, und Valerie versprach deshalb, für sie zu

sorgen. Auch das Häuschen sollte der alten Nachbarin eigenthümlich

gehören, und Assessor Buntenfeld, den sie nicht vergessen, bekam noch

an dem nämlichen Tage Auftrag, es für sie anzukaufen.

Blitzesschnell hatte sich indeß im Dorf das Gerücht verbreitet, die

Falleri, die Gemeinde-Waise, sei wieder zurückgekommen und eine

vornehme Dame geworden. Daß sie unschuldig eingesperrt gewesen und der

alte Brenner eigentlich das Feuer angelegt, wußte man schon lange.

Aber es getraute sich Niemand hinaus zu ihr, denn Niemand im ganzen

Dorfe wußte sich von Schuld rein, das arme hülflose Wesen damals nicht

mit unterdrückt -- nicht mit verachtet zu haben. Ja, als der Wagen

endlich wieder durch das Dorf fuhr, und vor dem Hause des Schulzen

hielt, in dessen Hände Valeriens Gatte jetzt eine Summe Geld legen

wollte, die das vergüten solle, was das Dorf damals an Auslage für die

Waise gehabt, weigerte sich der neue Schulze auf das Bestimmteste, das

Geld zu nehmen -- er sagte, er könne es vor seinem Gewissen nicht

verantworten. Auch aus den benachbarten Häusern kam kein Mensch heraus,

und nur scheu hinter den Fenstern lugten sie vor, um die „Falleri“ noch

einmal in ihrem Staat zu sehen.

Erst als der Offizier das Geld als Geschenk für das Armenhaus

deponirte, durfte und konnte es der Schulze nicht zurückweisen. Er lud

auch jetzt die beiden Gatten ein, doch auszusteigen und in seinem Hause

einen Imbiß einzunehmen, aber Valerie fühlte sich von dem scheuen,

schuldbewußten Benehmen der Dorfbewohner so beengt, daß es sie drängte,

wieder hinaus ins Freie -- fort von den nur zu gut gekannten Häusern zu

kommen.

Die Pferde zogen an; der leichte Wagen rollte durch das Dorf, und nur

noch wie ein Schleier lag die Erinnerung an Osterhagen auf der Seele

der schwer geprüften jungen Frau.

Der Fuchsbau.

Erstes Kapitel.

Die Forstei im Spessart.

Oben im Spessart, an der nördlichen Abdachung desselben und ziemlich

versteckt in einem wilden hochstämmigen Nadelholzwalde, lag eine alte

Forstei, deren Insasse, der alte Förster Buschmann, schon lange um

einen Gehülfen petitionirt hatte, weil ihm die Wilddieberei zu arg

wurde und er’s in dem weiten und wilden Revier nicht mehr allein

„ermachen“ konnte.

Ja petitioniren -- das sollte Alles „kein Geld kosten“, wie er meinte,

und dabei wurde das Gesindel immer dreister und stahl zuletzt an Wild

mehr weg, als es gekostet haben würde, zwei Gehülfen anzustellen. Es

kam und kam eben keiner, bis er zuletzt wild wurde und das Gesetz in

seine eigene Hand nahm.

Alle Schliche und Wege kannte er, aus dem über Nacht draußen im

Holz liegen machte er sich auch nichts, und Streusucher fanden bald

nacheinander zwei übelberüchtigte junge Bursche aus dem nächsten Dorf

erschossen auf einem der Waldpfade liegen und trugen sie zu Thal.

Jetzt kamen freilich die Gerichte auf die Beine; eine Untersuchung

jagte die andere, und Buschmann wurde alle Augenblicke vorgefordert, um

Auskunft über die Erschossenen zu geben -- aber was wußte er davon? Er

stak allein da auf seiner Forstei im Walde, überall konnte er natürlich

nicht sein, und wenn sich das Wilderergesindel unter einander selber

todtschoß -- ei, dann wohl bekomm’s: er hatte nichts dagegen. Wissen

thue er übrigens nichts von der ganzen Geschichte, und da er vergebens

und immer wieder vergebens Hülfe von der oberen Forstverwaltung

erbeten, aber nie auch nur einmal eine Antwort erhalten habe, so müssen

sie es sich eben jetzt gefallen lassen, wenn es Mord und Todtschlag auf

dem Revier gäbe.

Das half. Schon in nächster Woche wurde nicht allein ein aus drei

Schützen bestehender Forstschutz in das Revier gelegt, sondern eines

Sonnabend Abends traf auch ein junger kräftiger Forstgehülfe auf der

Forstei ein, gab sein Einführungsschreiben ab und wurde von dem alten

Förster auf das Herzlichste empfangen.

Bis jetzt hatte Buschmann mit seiner „Alten“, da ihre Ehe kinderlos

geblieben, hier allein die langen Jahre gewirthschaftet. Nur eine alte

Magd war noch im Hause, die die Küche und ein paar Kühe besorgte, und

zwei Kreiser oder Forstläufer schliefen ebenfalls dort oben, wenn sie

ihre Pflicht nicht zwang, auf irgend einem andern Punkt des Reviers

zu übernachten. Daß das ein einsames Leben im Walde gewesen, läßt

sich denken, besonders wenn draußen der Schnee seine weiße Decke über

das Land breitete. Die beiden alten Leute hatten dann mit der Magd im

Zimmer gesessen, der Förster seinen kurzen Pfeifenstummel im Mund,

die Frauen am Spinnrocken, während oft stundenlang kein Laut, als das

Schnurren der Räder, die Stille unterbrach.

Jetzt kam junges Leben dahinein, und der neue Forstgehülfe Bernhard

Raischbach, der schon in Aschaffenburg, Würzburg und selbst in München

gewesen, ja gar in den Alpen seine Lehrzeit bestanden, und sonst auch

ein manierlicher Bursche und guter Leute Kind war, konnte von allem

Möglichen erzählen und erzählte auch, und die alten Leute trugen ihn

dafür auf Händen. Was ihm die alte Frau an den Augen absehen konnte,

that sie ihm, und besserer Kaffee war noch nicht in der Forstei

gebraut, so lange sie stand, als seit der junge Raischbach dort

eingezogen. Ja sogar ein Fäßchen Bier wurde angeschrotet -- und zwar

Lagerbier, kein einfaches -- damit er nicht versucht werden sollte,

Abends in das allerdings immer noch gut anderthalb Stunden entfernte

Wirthshaus hinabzusteigen -- was er freilich auch nur sehr selten that.

Der Hinweg ging noch -- aber der Rückweg durch den stockdunklen Wald

und über die rauhen Wege war nichts weniger als angenehm.

Auch draußen im Wald erwies sich der junge Forstgehülfe bald

außerordentlich brauchbar und kannte seine Pflicht so genau, daß

der alte Förster eigentlich nichts zu thun hatte, als ihm nur die

verschiedenen Schläge und Pflanzorte, wie auch besonders die Grenzen

zu zeigen, damit er nicht einmal aus Versehen in das Hessische

hinübergeriethe. Allerdings war Förster Buschmann, wie er seinem

Gehülfen sagte, mit dem nächsten hessischen Förster befreundet, aber

sie kamen doch nur sehr selten zusammen, und besser ist immer besser.

Erzählen that übrigens der Alte ungemein gern, und an Stoff dazu fehlte

es wahrlich nicht, denn es gibt wohl kein ergiebigeres Sagengebiet

-- den Rhein vielleicht ausgenommen -- in ganz Deutschland als eben

den Spessartwald mit seinen dunklen, nadelholzbewachsenen Höhen.

Wenn er ihm dann die verschiedenen Namen der Plätze, die theils

auf eine solche Sage, theils auf früher hier heimische wilde Thiere

Bezug hatten, angab, wußte er ihm dabei allerlei wunderliche Dinge zu

berichten, was noch dadurch viel geheimnißvoller klang, daß er es nur

immer mit leiser flüsternder Stimme that. Nicht um die Welt hätte er im

Wald laut gesprochen, war er doch von Jugend auf daran gewöhnt, sich

immer so zu benehmen, als ob er auf der Pirsche sei.

Gelegenheit zu solchen Geschichten fand er also genug, denn der

Wald wimmelte von derartigen Plätzen. Da gab es einen Teufelsfelsen

und einen Eckardtsstein; da lief der Elfenbach durch’s grüne Moos;

Luchssteig, Wolfsschlucht, Bäreneck und Auerhorn hießen einzelne

vorragende Plätze im Wald, und die Phantasie des Alten bevölkerte sie

nicht allein mit dem wilden Jäger und dem bösen Feind, mit Alraunen und

überirdischen Geschöpfen, sondern er berief sich dabei auch noch auf

das Zeugniß seines jetzt leider verstorbenen Vaters, der in stürmischen

Nächten den wilden Jäger selber oft und oft gehört haben sollte, wie

er, besonders im Frühjahr und Herbst, mit Hussah! und Halloh! über den

Forst gebraust.

Solche Gespräche spannen sich übrigens auch noch, wenn sie Abends nach

Hause kamen, aus, denn von derartigen Erzählungen wußte die Frau

Försterin fast noch mehr als ihr Mann, ja selbst die Lisei, wie die

alte Magd hieß, nickte nur immer bestätigend mit dem Kopfe, wenn sie

auch selber entsetzlich schwer zum Reden zu bringen war, denn sie stieß

ein wenig mit der Zunge an und war von anderen jungen Leuten, denen

sie früher manchmal derlei erzählt, wohl nur ausgelacht und verspottet

worden.

Der junge Raischbach lachte sie aber nicht aus. Selber etwas

romantischer Natur, wenn auch nichts weniger als was man abergläubisch

nennt, wirkte die ganze Umgebung doch nach und nach auf ihn ein, und

er fing an, sich nirgends wohler zu fühlen als Abends, nach einem

tüchtigen Rundmarsch in der stillen, schweigenden Waldung, in seiner

Ecke neben seinem Krug Bier und mit der kurzen Jagdpfeife im Munde.

Er wußte selber auch Manches zu erzählen: von dem Bergstutzel in den

Alpen, von der Gemsmaid, von den weißen Fräulein und dann aus anderen

Forsten von einer Freikugel, die ein Jäger gehabt, mit der er nachher,

wider Willen, seinen eigenen Vater erschossen; von einem andern

Frevler, der sein Feuerrohr auf einen gekreuzigten Jesus abgebrannt

hätte und von Stund an blind geworden wäre, und manche andere Dinge,

wie sie sich die Jäger wohl an langen Winterabenden erzählen.

Deßhalb scheute er sich aber doch nicht, bei Nacht und Nebel draußen

im Wald herumzusteigen, und wenn er einmal irgendwo in einer Richtung

einen Schuß gehört, von dem man sich keine Rechenschaft geben konnte,

so ruhte und rastete er auch nicht, bis er die richtige Fährte

ausspürte, und wenn er drei Nächte hinter einander hätte draußen lagern

sollen.

Daß so ein flinker kräftiger Bursche -- und außerdem noch ein

vortrefflicher rascher Schütze, wie er sich bald erwies -- dem

Wilderergesindel unbequem werden mußte, läßt sich denken. In ganz

kurzer Zeit hatte er auch drei von der Gesellschaft auf frischer

That ertappt und sie nach und nach ganz allein eingebracht, und die

Wilddiebe mußten anfangen, sich nach einem andern Revier umzusehen,

denn auf dem Buschmann’schen schien’s für sie nicht mehr geheuer.

Eines Tages -- es war im August -- hatte der Förster einen Feisthirsch

zum Abschuß bekommen, der noch an dem nämlichen Abend eingeliefert

werden sollte, und Bernhard wie der Alte waren mit Tagesgrauen

hinausgegangen, um ihr Glück auf der Pirsche zu versuchen. Nach vorher

genommener Verabredung sollte aber Keiner mehr schießen, wenn er vom

Andern einen Schuß fallen höre, damit sie nicht etwa bei dem heißen

Wetter zwei Stück statt eines auf die Decke brächten, und sie nahmen

nun, Einer den linken, der Andere den rechten Flügel, um an einer

bezeichneten Stelle wieder zusammen zu treffen. Hatte dann Keiner

von ihnen Etwas geschossen, so waren die Kreiser und der Forstschutz

schon auf einen gewissen Punkt im Wald bestellt, um nachher ein paar

Dickungen durchzutreiben, wobei sie gewiß ihr Ziel erreichten, denn

Hirsche gab es damals noch genug in jenen Forsten.

Das Letzte schien aber nicht nöthig zu werden, denn schon um neun Uhr

Morgens hörte Förster Buschmann den scharfen Krach einer Büchse, und

als er nun, die eigene Waffe über die Schulter gehangen, direkt der

Richtung zuhielt, traf er auch bald darauf mit seinem Forstgehülfen

zusammen, der einen kapitalen Achter auf der Decke hatte.

Bernhard schwenkte ihm auch lustig seinen mit dem „Bruch“ schon

besteckten Hut entgegen, und der Alte nickte vergnügt vor sich hin,

als er den braven Hirsch, mit dem Eichenzweig im Geäß und die Kugel

wie abgezirkelt mitten auf dem Blatt, verendet im Schatten eines alten

Eichenbaums, nahe einer zu Thal rieselnden Quelle liegen sah.

„Bravo, mein Junge!“ rief er aus, „das war gerade das rechte Stück und

ein tüchtiger Schuß, mit dem wir Ehre einlegen können; er spart uns

auch eine Masse Schererei, und wenn die Kreiser jetzt kommen, können

sie ihn gleich auf ihren Wagen packen und fortschaffen. -- Der scheint

auch nicht mehr weit gegangen. Kam er flüchtig?“

„Gleich dort am Rand von den Felsen äste er sich,“ erzählte der junge

Forstmann, „und ich war mit gutem Wind und Deckung bis auf fast achtzig

Schritte angepirscht, denn ich konnte nur manchmal die Stangen zu

sehen bekommen, wenn er den Kopf hob, um zu sichern. Weiß aber der

liebe Gott, was ihn verscheucht haben mag, denn meinen Schritt auf dem

weichen Moos konnte er wahrlich nicht hören, äugte auch nicht einmal

der Richtung zu, wo ich mich befand. Wie ich aber daneben hinter den

Büschen vorkrieche, höre ich, daß er flüchtig wird, und jetzt war ich

mit einem Satz auch draußen im Freien. Rechts ab konnte er nicht, der

Kluft wegen, so mußte er hier über die Lichtung, und wie er die Kugel

kriegte, machte er einen Satz so hoch.“

„Das ist ein famoses Zeichen“, schmunzelte der Alte.

„Er ging auch nicht mehr weit. Dort drüben, bei der jungen Weißtanne,

ist der Anschuß und hier unter der Eiche hielt er plötzlich, that sich

nieder und verendete auch gleich darauf, da ich versteckt blieb und ihn

nicht weiter störte.“

Der alte Förster nickte leise und zustimmend mit dem Kopf, und trat

indessen, während sein junger Gehülfe den kurzen Bericht abstattete, an

den Rand der hier ziemlich steil abfallenden Felsen, um das da unten

ausgebreitete Terrain zu überblicken.

Es war ein wilder eigenthümlicher Platz hier mitten in den Bergen,

und Bernhard selber auf all’ seinen Streifzügen noch nie in die Nähe

desselben gekommen.

Gerade zu ihren Füßen fielen die Sandsteinfelsen wohl achtzig oder

neunzig Fuß steil ab, und nach rechts und links, wohin er sah, schien

eine ganz ähnliche Mauer eine unten liegende flache und moorige

Ebene, auf der auch wenig mehr als Haidekraut und kleines niederes

Gestrüpp wuchs, einzuschließen. Der ganze innere Raum mochte übrigens

ein paar Morgen umschließen, und sah genau so aus, als ob er in

früheren Jahrhunderten -- oder vielleicht Jahrtausenden -- die ganze

offene Stelle ausgefüllt hätte und nur einmal, bei einer inneren

Erderschütterung vielleicht, weggesunken wäre.

„Sind Sie schon an dem Platz hier gewesen, Raischbach?“ sagte der Alte

nach einer längeren Pause, in der er schweigend über die wüste Stelle

hinausgeschaut.

„Nein, Herr Förster,“ sagte der junge Mann; „das ist ein wildes

wunderliches Terrain; bin aber noch nie hierher gekommen -- heute zum

ersten Mal. Es kann hier gar nicht so weit von der Grenze sein.“

„Ist es auch nicht,“ nickte der Förster; „die Schlucht, die von dort

herüberkommt, wo Sie neulich die wilde Katze geschossen haben, bildet

die Grenze, und die Stelle hier heißt ‚der Fuchsbau‘ -- gibt auch

schmählich viel Füchse hier, denn da drinnen sind sie ungestört, und

man darf nicht einmal einen Hund hineinlassen, weil die Wand voller

Risse und Spalten steckt, die oft Gott weiß wie tief hinuntergehen.

Gleich im ersten Jahr, als ich herkam, habe ich dort drüben in dem

einen Loch meinen besten Dachshund verloren, und mich nachher wohl

gehütet, wieder einen in die Nähe zu bringen.“

„Sonderbar,“ sagte Raischbach, „ob der Platz nicht wie eingesunken

aussieht --“

„Hm,“ brummte der Alte und sah sich vorsichtig dabei um -- „wir wollen

hinüber nach dem Rendezvous gehen, wohin wir die Kreiser bestellt

haben -- ’s ist gar nicht so weit von hier, und wenn wir der Schneuße

folgen, kommen wir ganz in die Nähe.“

Damit rückte er sich seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt

langsam voran, Bernhard folgte ihm, und Beide gingen auch die ganze

Strecke lang schweigend neben einander hin; nur unterwegs brach sich

der Förster ebenfalls einen Bruch ab und steckte ihn sich, alter Sitte

folgend, auf den Hut -- war doch ein jagdbarer Hirsch erlegt, und dabei

durfte keine althergebrachte Form versäumt werden.

So erreichten sie nach einer Weile das bestimmte Rendezvous, eine

kleine offene Waldblöße, an deren Rand ein Pirschhaus gebaut war, um

den Kreisern, wenn sie hier in der Nähe Dienst hatten, ein Obdach

zu bieten. Der Förster trug allerdings den Schlüssel dazu in der

Tasche, aber bei dem prachtvollen Wetter dachten die beiden Jäger

nicht daran, sich in das dumpfige Haus zu setzen, und Buschmann, mit

seinem Hirschfänger, einen Zweig von einem dort stehenden breitästigen

Weißdorn schlagend, hing seine Büchse an den Zacken und warf sich dann

auf das Moos im Schatten des Baumes nieder, welchem Beispiel sein

junger Forstgehülfe folgte.

„Wenn wir jetzt eine Flasche Bier hätten,“ sagte dieser, indem er sich,

in Ermangelung eines andern Labsals, wenigstens seine kurze Pfeife

stopfte und in Brand setzte -- „das müßte jetzt schmecken.“

„Die Kreiser bringen ein paar Flaschen mit,“ nickte der Förster, „denn

ich wußte ja nicht, was wir noch für Arbeit mit dem Hirsch bekamen.“

„Das ist gescheidt -- und die müssen bald kommen.“

„Etwa in einer halben Stunde spätestens,“ sagte der Förster und qualmte

stärker -- „aber -- was ich gleich sagen wollte, Raischbach -- Sie --

Sie meinten vorher da drüben am Bau -- am Fuchsbau meine ich -- an

der wunderlichen Stelle, die rings von steilen Sandsteinfelsen wie

eingedämmt ist, daß sie fast so aussähe, als ob der Platz eingesunken

wäre.“

„Ja wohl, Herr Förster, es hat merkwürdige Aehnlichkeit, und drin im

Tyrol wüßt’ ich genau so eine Stelle, wo sich auch die Leute erzählen,

daß dort vor uralten Zeiten eine Alm gestanden hätte -- und jetzt ist’s

ein See, kein Mensch weiß wie tief.“

„Es kommt Alles vor in der Welt, Raischbach,“ nickte der Alte still vor

sich hin -- „Alles -- wir sehen’s nur manchmal nicht, oder wollen’s

eben nicht sehen.“

„Und hat der Platz irgend eine Bedeutung?“

„Dort an Ort und Stelle,“ sagte der alte Mann, „mochte ich Ihnen nicht

gern Red’ und Antwort stehen; man spricht nicht gern davon, wo die

Worte bis hinunter in den Grund schallen können, und wenn Sie die

Kreiser frügen, würde Ihnen wohl Keiner Auskunft geben; aber das ist

Thorheit, denn einem frommen Christen kann der Spuk nichts anhaben.“

„Aber welcher Spuk, Herr Förster?“

„Der im Bau drunten.“

„Im Fuchsbau? also ist es wirklich ein eingesunkener Platz?“

„Das sieht ein Kind ein,“ nickte der alte Forstmann, der hier wieder

vollständig auf seinem Steckenpferd saß. „Da hat vor alten Zeiten eine

große und reiche Stadt gestanden, mit einem Kirchthurm, dessen Kuppel

sie so dick vergoldet hatten, daß man Abends bei Sonnenuntergang das

Blitzen bis drüben in die fernen Berge sehen konnte. -- Aber auf einmal

war’s aus -- was sie getrieben, der Herr nur weiß es, aber übermüthig

sind die Leute jedenfalls geworden, und eines Tages, als Jemand vom

nächsten Dorf hinein zur Ortsbehörde wollte, trifft er an der Stelle,

wo sonst die stolze Stadt gelegen, einen See mitten im Walde an. Erst

glaubte er auch, er hätte den Weg verfehlt, und versucht’s dann mit

einem andern, aber es war dasselbe. Alle die breiten Fahrwege, die

sonst hinein in den Ort führten, liefen jetzt bis an den Rand der

blanken Steinwand und grad in’s Wasser hinein, und der See muß lange

an der Stelle gestanden haben, denn mein Großvater wollte sich noch

erinnern, ihn gesehen zu haben. Seichter war er aber mit den Jahren

geworden, zuletzt sickerte er ganz weg, und heutzutage ist nur noch der

moorige Grund geblieben, den aber kein Mensch, nicht einmal ein Stück

Wild betritt. -- Nur die Füchse hausen da drin und finden da allerdings

gar vortrefflichen Schutz.“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 7 / 16 段