und noch ein paar andere Buden -- wenn der Teufel erst einmal die
Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald
wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da
plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als
des Brandes verdächtig, aufgegriffen. -- Bah, dacht’ ich, die müssen
sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts -- wie
ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s
mich nicht länger im Bett. -- Ich wurde wieder gesund und machte mich
hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die
Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb
dabei, sie _hätt’s_ gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie
das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich
jetzt thun? -- Möglich war’s -- gereizt hatten sie das arme Ding genug,
um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis
dahin nicht zugetraut, sie _konnt’s_ gethan und fast an derselben
Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch
nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen
Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage
zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht -- sollt’ ich mich jetzt auch
angeben, was hätt’s _ihr_ genutzt? -- dann hätten sie uns nur
Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s,
aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich
die Sache eben gehen.“
„Und nun?“
„Damals war ich noch gesund“, fuhr der Alte fort, „und dachte auch, die
Falleri hätt’s eigentlich im Zuchthaus noch besser als draußen, wo sie
von aller Welt herumgestoßen und mißhandelt wurde. Jetzt aber, wo’s zu
Ende geht, und ich die elende Zeit hatte, zu grübeln und immer nur zu
grübeln, da sind mir andere Gedanken gekommen. Die Falleri _hat’s
nicht_ gethan -- sie _kann’s_ nicht gethan haben, und wegen
meiner sitzt sie jetzt hinter den eisernen Gittern und spinnt Wolle.“
„Und wenn sie es nun doch mit gewesen wäre?“
„Nein, -- es ist nicht möglich, sag’ ich“, rief der Alte, „gleich
auf frischer That ja, aber nicht mehr, wo sie erst bei ihrer Mutter
selig auf dem Kirchhof gewesen -- und dann hätten zwei Stunden darüber
vergehen müssen, ehe es angebrannt wäre, und das thut’s nicht draußen
in der Luft -- entweder es geht an oder aus. Sie _kann’s_ versucht
haben, aber ihres ist nicht angegangen, und der Brandstifter liegt hier
und härmt sich die Seele aus dem Leibe. -- So -- jetzt ist’s heraus --
jetzt machen Sie, daß Sie in die Stadt zum Assessor Buntenfeld kommen
-- Dem erzählen Sie die Geschichte -- Der bringt’s wieder in Ordnung,
damit ich ruhig sterben kann. Wenn sie mich dann auch noch vorher ins
Zuchthaus transportiren, was thut’s -- dort hab’ ich jedenfalls bessere
Pflege als hier in dem öden Nest, und jetzt ist mir auch das Herz
wieder leicht, da ich’s ausschütten konnte, was mir darauf gelegen die
langen Jahre.“
„Und habt Ihr einen Arzt hier?“
„Ja -- einen, wovor Einen Gott bewahren soll -- einen Blutegel, der
Alles mit Schröpfköpfen und Aderlassen curirt, und wenn sich Einer
über Halsschmerzen beklagt, zieht er ihm einen Zahn aus und sagt: das
hilft.“
„Und seid Ihr bereit, das, was Ihr mir gesagt, in Gegenwart des
Assessors zu wiederholen?“ frug der junge Mann, von seinem Sitz
aufspringend. Der Alte zögerte einen Augenblick mit der Antwort;
endlich aber sagte er:
„Wenn’s die Falleri frei macht, und wenn’s sein muß -- ja in Gottes
Namen -- den Hals können sie mir nicht abschneiden, und ich muß mit
_der_ Geschichte ins Reine kommen; die andern will ich schon
selber vor’m lieben Gott verantworten, denn ich bin eigentlich nie ein
böser Mensch gewesen, wenn sie mich auch manchmal gern dazu gemacht
hätten.“
Der Soldat hatte schon lange seine Mütze aufgegriffen, aber sich noch
einmal in dem wirklich trostlos öden Gemach umschauend, sagte er:
„Wie ich sehe, fehlt es Euch hier an jeder Bequemlichkeit -- es ist
möglich, daß Ihr uns einen großen Dienst geleistet habt; daß wir
dadurch auf die Spur einer bis dahin verloren Geglaubten kommen, und
ich -- möchte nicht, daß es Euch bis dahin an etwas fehle. Ich werde
mit dem Assessor heraus kommen, aber auch einen ordentlichen Arzt
bringen, und hier -- ist indessen Geld, damit Ihr Euch anschaffen
könnt, was ihr gerade nothwendig braucht.“
„Du lieber Gott“, sagte Brenner ordentlich erschreckt, als ihm der
Fremde zwei Goldstücke auf das Bett warf -- „das ist zu viel, das
-- das kann ich gar nicht mehr durchbringen.“ -- Ehe er ihm aber
nur ordentlich danken konnte, war der junge Mann schon zum Zimmer
hinaus und auf seinem Weg zum Gasthof, wo er die indessen langsam
vorangegangene alte Dame noch einholte und mit ihr im eifrigen Gespräch
auf- und abschritt, bis der Kutscher wieder eingespannt hatte, und
jetzt im scharfen Trab der Stadt zufuhr.
Neuntes Kapitel.
Der Besuch im Zuchthaus.
Der junge Offizier schien auch wirklich nicht viel Zeit versäumt zu
haben, denn noch am nämlichen Abend, lange vor Dunkelwerden, rasselte
eine Extrapost durch Osterhagen durch, hielt sich aber gar nicht am
Gasthof auf, obgleich der Postillon einen sehnsüchtigen Blick hinüber
warf, sondern passirte im scharfen Trabe das Dorf und hielt erst
vor dem Gemeinde-Armenhaus, sehr zum Erstaunen der Dorfbewohner und
Insassen des Hauses selber -- nur nicht des alten Brenner, der recht
gut wußte, was das zu bedeuten habe.
In dem Fond des Wagens saß der Medizinalrath aus der Stadt mit dem
alten Assessor Buntenfeld, auf dem Rücksitz ein junger Beamter mit
einem Stoß Papier und seinem Schreibzeug in der Tasche, und der
Offizier.
Wie der Wagen hielt, wollte die alte Frau Kunze die Honneurs machen,
wurde aber gleich bei Seite geschoben und beordert, die Herren nicht
zu stören, die sich dann auch ohne Weiteres in das Zimmer des Kranken
begaben.
Der Arzt, der ihn vor allen Dingen untersuchte, schüttelte allerdings
mit dem Kopf und meinte: der Kranke sei falsch behandelt worden, denn
Schröpfköpfe würden ihm allerdings wenig helfen, da er an einem schon
sehr vorgeschrittenen Magenkrebs leide. Brenner aber lachte bitter vor
sich hin und sagte:
„Falsch bin ich nicht behandelt worden, Herr Doctor, mein ganzes Leben
lang, aber _schlecht_; das war der Fehler -- Den Taschenkrebs
habe ich schon von Jugend auf gehabt, und daß sich der endlich in
den Magen gefressen hat, ist eben kein großes Wunder -- das Quartier
stand gewöhnlich leer. Aber desto besser, wenn’s zu Ende geht, so hört
die Schinderei doch einmal auf, denn ich hab’s gerade lange genug
ertragen.“
„Und Ihr habt mir etwas mitzutheilen, Brenner?“ frug der Assessor, der
die Zeit nicht gern versäumen wollte. „Können wir damit beginnen?“
„Setzen Sie sich dahin, Herr Assessor“, sagte der Alte; „einen Tisch
haben wir hier freilich nicht -- in der Küche steht nur einer, doch
den bringen wir nicht durch die Thür -- der Herr Aktuar muß auf den
Knien schreiben -- ich werde auch nicht weitläufig sein, denn was mein
früheres Leben betrifft, so geht das Niemanden mehr etwas an.“
„Und Ihr wollt die Wahrheit sprechen?“
„Mir ist jetzt nicht mehr wie Lügen zu Muthe, Herr Assessor -- setzen
Sie sich nur, Sie sollen die ganze Geschichte hören, und der Herr
Doctor mag als Zeuge dabei bleiben, damit Sie’s genau wissen und die
arme Falleri wieder frei kommt.“
Der Actuar hatte sich bald einen Platz zum Schreiben hergerichtet,
und das eigentliche Verhör begann jetzt. Der Assessor brauchte aber
kaum eine Frage zu thun, denn der Alte, der schon genau zu wissen
schien, welche Punkte er hervorheben mußte, hielt sich nur eine Weile
bei der Art und Weise auf, _wie_ das Kind hier in Osterhagen
behandelt sei -- gewissermaßen um sich selber zu rechtfertigen, daß
er es eine Zeit lang für möglich gehalten, sie _könne_ es gethan
haben, und ging dann auf die Umstände jenes Abends über, die er mit
klaren einfachen Worten schilderte und nur zum Schluß hervorhob, daß,
_wenn_ die Falleri wirklich dieselbe Absicht gehabt habe -- was
er aber vor Gott nicht glaube -- so könne _ihr_ Feuer gar nicht
angegangen, sondern müsse wieder verlöscht sein. _Er_ aber sei
seiner Sache gewiß -- er wäre nicht eher fortgegangen, bis er im Stroh
die helle Flamme gesehen habe, und die hätte denn auch nicht lange auf
sich warten lassen, weiter zu fressen, denn er sei kaum wieder in sein
Fenster geklettert und habe sich aufs Bett geworfen, als der Lärm schon
losgegangen wäre.
Der alte Assessor sprach wenig hinein -- unterwegs schon hatte ihm
der Fremde die Vermuthungen mitgetheilt, die er über die früheren
Schicksale von Valerie’s Mutter und deren Abstammung hege, und die
erst zur Gewißheit werden konnten, wenn man das unglückliche, junge
Mädchen selber sprach und den Schmuck sehen konnte, den sie noch von
ihrer Mutter bewahrte. Noch hatte man allerdings keine Gewißheit, wenn
auch starke Gründe zu der Vermuthung, denn Valerie war allerdings der
Name der Verschollenen gewesen, und Edmund der Vorname ihres Gatten;
der aber dort unter dem spitzen Stein begraben lag, wäre der Vater der
Verstorbenen gewesen, an dessen Grabe diese so oft gesessen.
Der Kranke hatte durch die lange Erzählung aber seine Kräfte
vollständig erschöpft, und der Arzt rieth ihm jetzt Ruhe an, versprach
ihm auch, da der Fremde für alle Kosten einstand, sowie sie nach der
Stadt zurückgekehrt wären, die nöthigen Arzneien und Stärkungen wie
auch eine zuverlässige Person heraus zu senden, die ihn pflegen solle.
Transportirt konnte er natürlich in dem Zustand nicht werden, und man
mußte abwarten, wie sich die Krankheit entwickelte.
In Osterhagen steckten die Leute allerdings die Köpfe zusammen,
was da vorgefallen sein könne, und weshalb eine Extrapost vor dem
Gemeinde-Armenhause und nicht vor der Thür des neuen Schulzen oder
wenigstens vor dem „Gasthof“ gehalten habe. Die Frau Kunzen wurde auch
von verschiedenen Nachbarinnen auf das Schärfste inquirirt, wußte aber
leider gar nichts anzugeben, als daß die fremden Herren bei dem Brenner
drin gewesen und lange mit ihm gesprochen hätten. Allerdings gestand
sie den Versuch ein, „etwas Bestimmteres“ zu erhorchen; so oft sie aber
der Thüre nur nahe kam, öffnete der Offizier dieselbe und sah heraus,
und sie mußte dann jedesmal wieder in die Küche fahren.
Uebrigens wurde die Aufmerksamkeit der Bewohner von Osterhagen an
dem Tage sehr getheilt, denn noch spät gegen Abend traf ein anderer
Fremder ein, der von der Frau des verstorbenen Schulzen eine ziemlich
bedeutende Summe forderte und fällige Wechsel dafür in Händen hielt.
Natürlich hatte sie nicht bezahlen können und der Fremde dann erklärt,
daß er sie verklagen und das Gut verkaufen lassen würde. Wie ein
Lauffeuer ging auch das Gerücht durch das Dorf: „der Schulzenhof,“ wie
das Gut immer noch hieß, „käme unter den Hammer“ -- aber bedauert wurde
die Frau deshalb von Niemand. Sie hatte sich zu wenig Freunde dafür
gemacht.
Indessen bereitete sich aber in der Stadt eine andere Scene vor, denn
vor Aufregung zitternd, hatte die alte Dame, die in Begleitung des
Offiziers den Kirchhof zu Osterhagen besucht, die Rückkehr der kleinen
Expedition erwartet. Für diesen Abend war freilich nichts weiter zu
thun, denn wenn auch das Zuchthaus selber unmittelbar an der Stadt lag,
war der Tag doch schon zu weit vorgerückt, um heute noch Schritte zu
einer weiteren Untersuchung thun zu können. Der nächste Morgen mußte
abgewartet werden; dann aber versprach auch der alte Assessor, der
jetzt selber anfing sich für die Sache zu interessiren, mit ihr hinauf
zu fahren und die Erledigung der Angelegenheit so viel als irgend
möglich zu beeilen -- es verstand sich von selbst, daß sie dann noch
immer langsam genug vorwärts ging.
Vor allen Dingen war es dort nöthig, als sie etwa um zehn Uhr das
unheimliche Gebäude erreichten, das goldene Kreuz und den Ring zu
sehen, den die Gefangene trug, oder wenigstens getragen hatte, denn des
Assessors Vermuthung bestätigte sich: er war ihr, als sie eingekleidet
wurde, abgenommen worden.
Hier aber ward die Vermuthung zur Gewißheit. Ein ganz ähnliches Kreuz
trug die Dame selber an ihrem Hals, denn für drei Geschwister waren
damals solche Kreuze angefertigt worden, und zwar eines mit dem
Buchstaben ~V.~, eines mit ~M.~ und eines mit ~L.~ Die verlorene oder
spurlos verschwundene Schwester hieß Valerie, und der Trauring trug
außerdem das Datum und die Jahreszahl ihrer Verheirathung mit dem
Gatten.
„Und was hat die Gefangene gesagt, als ihr die beiden Dinge abgenommen
wurden?“ frug der alte Assessor, den diese Sache besonders zu
interessiren schien.
„Lieber Gott, was wollte sie machen,“ erwiderte achselzuckend der
Schließer, der die Gegenstände gerade vom Herrn Director heruntergeholt
hatte, „widersetzen durfte sie sich doch nicht, und anfangs war es
freilich, als ob sie sie nicht hergeben wollte; aber auf einmal stand
sie ganz still, nahm das schwarze Band ab, das ihr um den Hals hing,
küßte das Kreuzchen und den Ring, und legte beides dann, ohne ein Wort
weiter zu sagen, oder eine Thräne darum zu vergießen, auf den Tisch. --
Derlei Leute machen sich aus so was nicht viel.“
„Und wie hat sich die Gefangene bis jetzt betragen?“
„Gegen ihr Betragen läßt sich nichts einwenden,“ meinte der Mann, „sie
ist die Beste von Allen, und die Stillste und Fleißigste -- der Herr
Director sind auch sehr mit ihr zufrieden.“
Der „Herr Director“ kam jetzt selber und schien es nicht besonders
gerne zu sehen, daß man eine von „seinen“ Gefangenen sprechen wolle,
konnte es aber auch nicht gut einem Criminalbeamten, der noch dazu im
speciellen Auftrag der obersten Justizbehörde in --* kam, abschlagen,
und gab den Befehl, die Gefangene von ihrer Arbeit abzurufen und
hierher zu bringen.
In dem kleinen Empfangszimmer, das aber ebenfalls mit starken, eisernen
Stäben versehen war, saß die alte Dame, neben ihr und sie unterstützend
stand der Offizier, und vor ihnen, um die ganze Verhandlung zu leiten,
der alte Assessor.
Als das junge Mädchen das Zimmer betrat, blieb sie, wahrscheinlich
einen weiteren Befehl erwartend, mit niedergeschlagenen Augen an der
Thür stehen. Sie sah nicht allein bleich aus, sondern hatte besonders
jene ungesunde, fahle Gesichtsfarbe, die, von der dumpfen Kerkerluft
herrührend, den Gefangenen eigen ist.
Der Director hatte sein Buch neben sich liegen, in dem er den Namen
nachsah, den die Gefangene früher geführt hatte.
„Edmunden,“ sagte er, „komm näher; hier ist ein Herr, der ein paar
Fragen an Dich richten will.“
Das Mädchen gehorchte dem Befehl, ohne aber noch aufzusehen; fast wie
mechanisch bewegte sie sich einige Schritte vor und blieb dann wieder
stehen, um das Weitere zu erwarten.
„Kennst Du mich noch, Valerie?“ sagte da der alte Assessor freundlich.
Das junge Mädchen, das den Beamten jedenfalls an der Stimme erkannt
haben mußte, denn sie hob den Blick nicht, sagte leise:
„Ja.“
„Ich habe Dir einen Auftrag auszurichten,“ fuhr der Assessor fort,
„einen Gruß von einem alten Bekannten, vom alten Brenner aus dem
Gemeinde-Armenhaus zu Osterhagen.“
Eine leichte Röthe zuckte über Valerie’s Gesicht, das aber weiter keine
Bewegung verrieth; auch diese etwas dunklere Färbung verschwand bald
wieder und sie erwiderte nur leise:
„Ich danke Ihnen vielmals.“
„Hm,“ meinte der Assessor, der erwartet haben mochte, daß sie ihn
nach dem Alten weiter fragen würde; „Du scheinst Dich für Osterhagen
nicht mehr besonders zu interessiren. Der Alte ist aber recht krank --
er liegt am Sterben und hat mich neulich rufen lassen und mir etwas
vertraut.“
Die Gefangene hörte jedenfalls die Worte, schien aber nicht den
geringsten Antheil daran zu nehmen. Sie nickte nur schweigend mit
dem Kopf und erwartete, was ihr weiter gesagt werden würde. Was lag
auch daran, wenn ein Mensch krank wurde und starb -- Der hatte es
überstanden und wurde in die stille Erde gelegt. Wie oft hatte sie sich
selber schon danach gesehnt! Der Assessor kam aber dadurch, während die
alte Dame das junge Mädchen mit steigender Spannung betrachtete, etwas
außer Fassung und mußte wieder ganz von vorn anfangen.
„Ja, mein Kind, dem alten Brenner geht’s recht schlecht,“ sagte er,
„und, wie er glaubt, auch wohl mit ihm zu Ende. Da hat er denn vor
seinem Tode noch ein Bekenntniß abgelegt, das Dich auch mit betrifft
und nahe angeht.“
„Mich?“ sagte Valerie und hob zum ersten Mal das große, schwarze Auge
empor. Als aber ihr Blick zugleich dabei auf die Dame fiel, senkte sie
ihn wieder zu Boden, und glühende Röthe flog für einen Moment über ihre
Züge. War es doch das erste Mal wieder seit ihrer Verhaftung, daß sie
sich in Gegenwart einer Frau befand, die sie an das Bild ihrer eigenen
Mutter aus früherer Zeit erinnerte. Warum führte man sie nur hierher?
weshalb ließ man sie nicht in ihrer Zelle? Sie vergaß ganz, daß der
Assessor zu ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, der alte Brenner habe
ein Geständniß gemacht, welches auch sie angehe und betreffe. Der
Assessor aber, der wohl merkte, wie theilnahmlos die Gefangene seinen
Bericht anhöre, fuhr fort:
„Er hat nämlich gestanden, daß nicht _Du_, sondern _er_ das
Feuer in Osterhagen angelegt habe, und ich frage Dich jetzt, weshalb Du
Dich damals als Thäterin eines Verbrechens angeklagt, das Du gar nicht
begangen zu haben scheinst?“
„Der alte Brenner?“ frug aber plötzlich Valerie, und in dem Moment war
jedes andere Bild aus ihrem Herzen verschwunden, und nur die Erinnerung
an jenen Abend tauchte hell und klar darin auf. -- „Der alte Brenner
hat den Schulzenhof angezündet? Der war ja krank und lag in seinem
Bett.“
„Krank gestellt hat er sich, ja, aber er war vollkommen gesund und
munter, und weil die Leute nicht wußten, daß er sich regen könnte, fiel
auch kein Verdacht auf ihn. Man glaubte auch deshalb damals, daß Du
die That begangen hättest, weil Du von des Schulzen Frau so schlecht
behandelt worden.“
Der Assessor schwieg, weil er meinte, daß die Gefangene jetzt etwas
darauf erwidern würde; aber er hatte sich abermals geirrt. Valerie
entgegnete keine Silbe und nahm auch die Augen nicht mehr vom Boden
empor.
„Beantworte mir die Frage, Kind,“ sagte da der Assessor endlich; „wie
kommst Du dazu, daß Du Dich damals zu der That bekanntest? Ist es denn
nicht besser, frei zu sein, als in einer solchen Anstalt eingesperrt zu
bleiben?“
„Ich hab’ es gethan,“ flüsterte da Valerie leise -- „lassen Sie mich
wieder fort zu meiner Arbeit -- der alte Brenner war es nicht.“
„Valerie!“ rief da plötzlich die Dame, die sich nicht mehr halten
konnte, indem sie ihre Arme ausbreitete, auf das erschreckt zu ihr
emporschauende Mädchen zuflog und sie mit wilder Heftigkeit umschlang
-- „unglückliches Kind meiner verlorenen, armen Schwester -- o, sprich
die Wahrheit -- sprich die Wahrheit -- _hast_ Du es gethan?“
Valerie duldete schweigend die Umarmung; sie war womöglich noch
bleicher geworden als vorher, und stand wie in einem halben Traum. Seit
ihrer Mutter Tode, die langen langen Jahre hindurch, hatte sie Niemand
an das Herz gedrückt und geküßt -- Niemand sie liebend umfangen --
wachte sie denn oder träumte sie -- die fremde Frau hatte gesagt: Kind
meiner verlorenen Schwester! War denn das -- --?
Leise wand sie sich aus ihrem Arme, drückte sie langsam von sich, und
sie mit den großen, dunklen Augen anschauend, flüsterte sie:
„Sind Sie denn -- sind Sie denn die Schwester -- meiner Mutter?“
„Ja, Valerie -- ich bin es,“ rief die Fremde -- „ich bin Marie, Deiner
seligen Mutter Schwester, Deine Tante. Oh sprich zu mir, Kind -- denke,
daß mich die Angst um Dich verzehrt -- bist Du es gewesen?“
Valerie hatte, während die Frau sprach, die Augen von ihr gewendet und
lauschte dabei wie auf ein fernes Geräusch. Ihr Antlitz verrieth dabei
keine Bewegung als das des Staunens, der Ueberraschung. Da plötzlich,
als jene schwieg, rief sie, alles Andere um sich her vergessend, aus:
„Das waren die nämlichen Laute, das war die Stimme meiner Mutter
-- oh meine Mutter!“ und mit wilder Heftigkeit zu den Füßen ihrer
Tante niederfallend, umschlang sie deren Knie, und _Thränen_ --
lindernde Thränen zum ersten Mal wieder seit langen, trostlosen Jahren
entstürzten ihren Augen.
„Meine Valerie! Mein Kind,“ rief die Fremde bewegt, indem sie sich zu
ihr niederbog. „Und _so_ muß ich Dich wieder finden -- oh sage mir
nur, ob Du das Schreckliche gethan.“
„Nein, nein, nein, nein!“ schluchzte aber das Kind, noch immer ihr
Antlitz in ihrem Kleid bergend; „nie, nie habe ich ein Unrecht gethan
-- es war die erste Lüge, die über meine Lippen kam -- aber wo wollte
ich hin? -- Alles stieß mich fort von sich -- Niemand, Niemand auf der
weiten Erde hatte mich lieb, und ich -- wollte sterben.“
„Oh, Gott sei ewig Lob und Dank!“ rief da unter Freudenthränen die
fremde Dame, und neben Valerie zu Boden kniend, umschlang sie das
zitternde Mädchen mit ihren Armen und küßte wieder und wieder ihr
Haupt. Der alte Assessor aber nahm, ganz in Gedanken, eine Priese nach
der anderen, und der Director sagte:
„Hm, das ist ja eine ganz wunderbare, höchst merkwürdige Geschichte und
bedarf doch wohl noch einiger Aufklärung.“ Assessor Buntenfeld aber
ging auf ihn zu, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn ans Fenster,
wo er lange und angelegentlich mit ihm sprach, so daß der alte Herr
fortwährend vor Verwunderung dazu mit dem Kopf schüttelte. Eigentlich
hatte der Assessor aber nur den Beiden Zeit geben wollen, sich wieder
zu sammeln, und als er sich auf’s Neue nach ihnen umdrehte, saß die
alte Dame auf dem Stuhl, den ihr der Neffe hingerückt, und hielt die
neben ihr knieende Valerie fest und innig an sich gepreßt.
Der alte Assessor war übrigens ein praktischer Mann und wußte
außerdem, daß Gefühlsäußerungen nirgends mehr am unrechten Platze sein
konnten als in diesen Räumen. Es mußte etwas geschehen, denn eine
Wiedererkennungsscene und einfache Betheuerung der Unschuld einer schon
Verurtheilten konnte diese nicht so ohne Weiteres befreien.
Außerdem hatte die Scene jetzt auch lange genug gedauert, und der
Director, ein reiner Formenmensch, wäre ihm am Ende ungeduldig
geworden. Er rückte sich deshalb einen Stuhl zum Tisch, nahm von dem
dort liegenden Papier und forderte dann Valerie auf, ihm jetzt mit
klaren Worten die Erlebnisse jenes Abends zu schildern und dabei auf
das Bestimmteste auszusprechen, ob sie sich noch jetzt des früher
eingestandenen Verbrechens für schuldig bekenne, oder, wenn nicht,
weshalb sie früher eine falsche Aussage gemacht. Er litt auch nicht,
daß Valeriens Tante ein Wort hineinsprach -- er wollte nichts als die
einfache Erzählung der Verurtheilten, und die gab ihm auch Valerie mit
so schlichten, einfachen Worten, aber so herzerschütternd zugleich in
der schmucklosen Schilderung ihr früheren Lebens, ihres trostlosen
Verlassenseins, aus welchem sie nur durch den Tod befreit zu werden
hoffte, daß die Dame vor Schluchzen kaum dem Gang derselben folgen
konnte, und selbst der Assessor wieder ein paar Mal nach der Dose
greifen mußte.
Vor der Hand ließ sich nun allerdings weiter nichts in der Sache thun,
denn der Director konnte natürlich keinen der Sträflinge, was auch
immer seine eigene Ueberzeugung gewesen wäre, entlassen -- aber sie war
trotzdem in guten Händen, denn der alte Assessor versprach ihnen schon
am nächsten Morgen alle nöthigen Papiere, und wenn er die ganze Nacht
arbeiten sollte, mit denen sie dann in der Residenz die Freilassung
der jedenfalls schuldlos gefangen Gehaltenen erwirken konnten.
Der Director war allerdings für seine Person noch nicht ganz überzeugt,
und er meinte gegen den Assessor, es seien ihm in seiner Praxis schon
ganz wunderbare Dinge vorgekommen, die er selber nicht glauben würde,
wenn er sie nicht selber erlebt hätte. Aber der Justizminister oder das
Ober-Appellationsgericht möchte entscheiden, und er wolle bis dahin
dem jungen Mädchen ein besonderes Zimmer und bessere Kost geben, als
die übrigen Gefangenen bekämen. Auch sollte sie die Zeit über von der
Arbeit frei bleiben. Einen weiteren Verkehr mit ihren Verwandten, bis
er genaue Instructionen habe, weigerte er sich aber zu gestatten. Das
erlaubte ihm sein Dienst und seine Pflicht nicht, und nur die erst
erwähnte Vergünstigung glaubte er, unter den bestehenden Verhältnissen
verantworten zu können.
Dabei mußte es natürlich vor der Hand bleiben, und wie schwer sich auch
die Fremde jetzt gerade von dem kaum wiedergefundenen Kinde trennte,
so geschah es doch in der frohen Hoffnung, die Unglückliche bald,
recht bald wieder dem Leben, der Freiheit zurückgegeben zu sehen.
Immerhin vergingen indeß noch volle drei Wochen, bis alle nöthigen
Wege eingeschlagen, alle nöthigen Formen beobachtet waren. Aber die
Aussagen des alten, bis dahin gestorbenen Bänkelsängers waren zu klar
gewesen, der Assessor versäumte außerdem nichts, die bedauernswerthen
Schicksale des armen Mädchens hervor zu heben, und nach Ablauf der Zeit
hielt ein geschlossener Wagen vor der Anstalt und rollte bald darauf,
ein paar glückliche Herzen bergend, der Residenz wieder zu.
Zehntes Kapitel.
Schluß.