ihn, und eine Anzahl der Jungen folgte dem schmucken Husaren auch in
achtvoller Entfernung bis zur Kirchhofsthür, da er aber dort gar kein
Ende machte und immer nur hin und her wanderte, bekamen sie es zuletzt
auch satt. Es war überhaupt Mittagszeit geworden, und sie mußten nach
Hause. Sie bekamen den fremden Husaren auch schon wieder zu sehen, wenn
er zu seinem Wagen zurückkehrte.
Der kam aber lange nicht; wohl zwei volle Stunden stieg er zwischen
den arg verwilderten Gräbern herum, und es war augenscheinlich, daß er
irgend ein bestimmtes Grab suchte, aber nicht finden konnte. Endlich
gab er es auf und wandte sich dem nächsten Hause zu, um dort jedenfalls
Erkundigungen einzuziehen.
Das war das Gemeinde-Haus, und Brenner saß gerade unter einem vor
drei Jahren dort selber angepflanzten Hollunderbusch vor der Thür und
rauchte aus einem entsetzlich schmutzigen und abgegriffenen Maserkopf
seinen „Knaster“. Er sah auch den Offizier auf sich zukommen und
wunderte sich, was den in aller Welt hierhergeführt haben könne, rührte
sich aber nicht von seiner Stelle und qualmte nur in Gedanken stärker
als vorher.
Der junge Mann kam heran, und als er den Bänkelsänger erblickte, redete
er ihn an:
„Sagen Sie einmal, lieber Freund, sind Sie hier im Ort seit längerer
Zeit bekannt?“
„Sollte denken,“ nickte der Alte, „ich bin hier geboren und jetzt schon
eine hübsche Reihe von Jahren in dem Palast da einquartiert.“
„Wohnt der Todtengräber weit von hier?“ frug der Soldat hierauf.
„Weit? Lieber Gott, weit ist hier eigentlich gar nichts,“ lachte
Brenner, „denn wenn Sie weit gehen, kommen Sie aus Sicht vom Dorf.
Gleich dort neben der Kirche, wo Sie den stumpfen Thurm sehen -- er ist
auch zugleich Küster, Nachtwächter und Büttel. Aber was wollen Sie von
ihm?“
„Es ist mir ein Grab bezeichnet worden,“ erwiderte der junge Offizier,
„das ich gern auffinden möchte, aber ich habe mir vergebene Mühe
gemacht, danach zu suchen. Wie alt ist Ihr Todtengräber?“
„Oh, nicht alt, noch ein junger Bursche von einigen dreißig Jahren,“
sagte Brenner, „auch erst seit ein paar Jahren hier im Dienste, und
sein erstes Geschäft war, den alten einzuscharren.“
„Dann wird er mir auch keine Auskunft geben können,“ seufzte der
Offizier, „denn das Grab, das ich suche, muß schon weit über vierzig
Jahre gegraben sein.“
„Das ist freilich lange her -- und welche Inschrift trägt es? Wenn
Sie nur den Namen wissen, finden wir es doch vielleicht noch nach dem
Kirchenbuch.“
„Es trägt gar keinen Namen,“ lautete die Antwort, „und das einzige
Erkennungszeichen, das mir angegeben wurde, sollte sein, daß zu Häupten
desselben ein kleiner spitzer Stein stände, mit einem bestimmten
Zeichen eingemeißelt.“
„Hm,“ nickte der Alte, „da brauchen Sie am Ende den Todtengräber und
das Kirchenbuch nicht, denn einen solchen Stein weiß ich und hab’ mich
schon manchmal gewundert, wer den wohl zum Leichenstein gesetzt haben
könnte.“
„Und wo steht der?“ rief der Fremde rasch; „ich würde Ihnen _sehr_
dankbar sein, wenn Sie mich begleiten wollten.“
„Ja, wenn Sie nicht zu rasch laufen,“ sagte Brenner, sich mühsam von
seinem Sitz erhebend, „so humple ich mit Ihnen hinüber, aber schnell
geht’s freilich nicht mehr. Die Knochen werden alt.“
„Ich habe reichlich Zeit; wir können so langsam gehen, wie Sie wollen.“
„Na, denn man zu,“ nickte Brenner, „weit haben wir ja überdies nicht,
denn wir sind hier im Gemeinde-Haus hübsch bequem neben dem Kirchhof
einquartiert, damit wir später nicht zu viel Fuhrlohn kosten.“
„Dies ist das Gemeinde-Armenhaus?“
„Ja, und hier sehen Sie einen seiner glücklichen Bewohner.“
„Sie haben auch früher gedient?“
„Sollte denken,“ nickte der Alte, während er neben dem Offizier
herhinkte, „auch anno 13 und 15 mitgemacht -- aber jetzt geht’s zu
Ende. Na Du lieber Gott, ich darf mich nicht beklagen; ich habe schon
manchen Jüngeren hier vorbeifahren sehen, und bin doch noch immer die
ganze Zeit über Wasser geblieben. Lange wird’s freilich nicht mehr
dauern, daß ich da drüben mein Quartier beziehe.“
Die Beiden schritten von da an schweigend und Jeder mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt die kurze Strecke hinüber, die sie noch vom
Kirchhof trennte, und als sie diesen jetzt erreichten, sah sich Brenner
erst eine Weile um, als ob er selber nicht mehr ganz sicher sei, wo
er das bezeichnete Grab suchen solle, und stieg dann vorsichtig und
mit augenscheinlicher Beschwerde über die Gräber weg, quer durch den
Gottesacker hin, bis fast zur anderen Ecke.
Dort war lange Niemand mehr beerdigt worden, und der Platz lag arg
verwildert und von hohem Gras und Buschwerk überwachsen; es wurde auch
selbst dem alten Manne schwer, sich hier zu orientiren, und er bedurfte
einiger Zeit, bis er nur genau die Gegend angeben konnte. Dann aber
unterstützte ihn der junge Fremde in seinem Suchen, und den Säbel
aus der Scheide ziehend, schob er damit das lange Gras zurück, bis
plötzlich der alte Bänkelsänger rief:
„Halt! da ist er -- Sie stehen gerade davor. Wie das Unkraut hier in
den letzten Jahren aufgeschossen ist! Früher führte ein ordentlicher
Weg zu der Stelle.“
„Welcher Platz?“ fragte der junge Offizier, sich vergebens nach dem
bezeichneten Stein umsehend.
„Da, dicht vor Ihnen, Sie treten ja fast auf den Stein.“
„Der? Ja mein Gott, den hätte ich im Leben nicht allein gefunden, denn
ich hatte ihn mir nach der Beschreibung viel größer gedacht. Aber ist
das auch der rechte?“
„Einen anderen spitzen Stein giebt’s auf dem ganzen Kirchhofe nicht
mehr,“ erwiderte Brenner; „nicht einmal viel viereckige, denn die
Bauern setzen immer nur ein hölzernes Kreuz mit einem Regendach
darauf, daß der liebe Gott die Inschrift von oben gar nicht lesen kann.“
„Das muß wirklich der Stein sein,“ rief aber auch jetzt der junge
Fremde, der indessen mit dem Säbel das darüber gewachsene Moos
abgekratzt hatte, so daß er die eingegrabenen Zeichen erkennen konnte.
„Er soll früher zu einer Sonnenuhr gedient haben, und wurde nur damals,
nach der Schlacht, als man den Erschossenen hier eingegraben, als
vorläufiges Zeichen auf das Grab gesetzt. Die Familie zog aber fort
aus Deutschland, und ich habe erst jetzt den Auftrag bekommen, das
Grab aufzusuchen und später die Ueberreste des Verstorbenen in unsere
Familiengruft zu schaffen.“
„Hm, so?“ sagte der Alte nachdenkend, „und leben noch Anverwandte von
dem Todten in dieser Gegend?“
„Nein, außer unserer Familie keine mehr; sie zogen damals weit weg, und
wir haben nie wieder von ihnen gehört. -- Weshalb?“
„Oh, ich meinte nur,“ nickte Brenner; „aber eine arme Frau, die jedoch
einmal weit bessere Tage gesehen haben mußte, und jetzt dort drüben in
der Ecke begraben liegt, hat, als sie noch lebte, oft Stunden lang bei
diesem nämlichen Stein gesessen.“
„Eine Frau?“
„Ja, die mit zwei Kindern hierher zog, einem Knaben und einem Mädchen
-- der Knabe starb bald und die Frau nachher auch.“
„Und wie hieß sie?“
„Sie nannte sich hier die Edmunden.“
„Der Name ist mir völlig fremd. Seit wann ist sie todt?“
„Oh, schon eine Reihe von Jahren; wir können nachher einmal an ihrem
Grab vorbeigehen.“
„Und die besuchte _dieses_ Grab?“
„Es war ihr einziger Spaziergang viele Jahre lang.“
„Das ist sonderbar; vielleicht eine alte Dienerin des Hauses.“
„Na, so alt war sie gerade noch nicht, aber so was muß es jedenfalls
gewesen sein, denn sie starb in großer Armuth, und das Mädchen kam
nachher in’s Gemeinde-Haus.“
„Und steht ihr voller Name auf dem Grab?“
„Sicher; sie hat ein Kreuz bekommen so gut wie die Anderen. Was sie
hinterließ, reichte gerade aus, um das zu bezahlen.“
„Es war jedenfalls eine der Dienerinnen, die mit seltener Treue an
ihrer alten Herrschaft hing. Bitte, zeigt mir einmal das Grab, Freund,
damit ich mir den Namen aufschreibe. Ich habe jetzt hier gefunden, was
ich suchte, und werde nach einiger Zeit zurückkehren, um meinen Auftrag
auszuführen. Kann man jetzt den Schulzen wohl im Ort treffen?“
„Wenn er gerade zu sprechen ist,“ meinte Brenner, „aber in letzter Zeit
scheint er selten nüchtern zu werden; er säuft.“
„Das ist ja ein hübsches Orts-Oberhaupt,“ lachte der Offizier.
„Das weiß Gott,“ nickte Brenner, „und mir gefällt er ebenfalls, -- aber
das hier ist das Grab, schon ein bischen eingesunken und verwachsen,
aber lieber Himmel, wer sieht hier danach!“
Der Fremde mußte wieder seine Waffe zu Hülfe nehmen, um ein wahres
Strauchwerk von aufgeschossenen Brennesseln zu entfernen, damit er nur
den Namen lesen konnte. Aber es stand auch weiter nichts darauf, als:
„Valerie Edmund, gestorben den .... .... 185.“ und als Nachsatz: „Sie
ruhe in Gott.“
Der junge Offizier schüttelte mit dem Kopf; der Name war ihm fremd, und
da nicht einmal ein Geburtsjahr oder ein Ort der Abstammung angegeben
war, konnte er ihm auch weiter nichts helfen. Er schob die schon
herausgeholte Brieftafel in die Tasche zurück und fragte:
„Leben denn noch Verwandte der Frau hier?“
„Nein,“ erwiderte Brenner, mit dem Kopf schüttelnd, denn die Frage war
ihm unangenehm, „nicht hier; die Tochter ist -- fortgezogen.“
„Dann helfen mir auch meine Nachforschungen nichts -- also herzlichen
Dank, lieber Freund, für die gegebene Auskunft; Sie wissen nicht,
welchen großen Dienst Sie mir damit geleistet haben. Diese Kleinigkeit
bitte ich Sie auch, für Ihre Mühe von mir anzunehmen. Wenn ich in
einiger Zeit hierher zurückkehre, hoffe ich Sie wiederzusehen.“
Damit drückte er dem darüber auf’s äußerste Erstaunten zwei harte
Thaler in die Hand und schritt dann rasch dem Dorf wieder zu, um dort
den Schulzen aufzusuchen. Aber Brenner hatte Recht gehabt; den Schulzen
fand er wohl, aber in einem vollkommen unzurechnungsfähigen Zustand. Er
taumelte, mit den Knechten, der eigenen Frau und selbst dem Kettenhund
zankend, auf dem Hof herum und schwatzte lauter Unsinn, so daß ihn
der Fremde mußte stehen lassen und weggehen. Allerdings wollte die
Schulzin gerne aus ihm herausbekommen, was ihn hergeführt; er hielt
es aber nicht für der Mühe werth, ihr das weitläufig auseinander zu
setzen, sondern ließ sie, von der wüsten Wirthschaft angeekelt, stehen
und verließ, kaum eine Viertelstunde später, wieder mit seinem Wagen
das Dorf.
Achtes Kapitel.
Das Bekenntniß.
Wieder mochten vier Monate nach den im letzten Kapitel beschriebenen
Vorgängen verflossen sein, und wenn die Welt auch indessen ihren
ruhigen ungestörten Gang fortzurollen schien, so hatte sich doch in
Osterhagen Manches in der Zeit verändert, namentlich in des Schulzen
Haus.
Der Schulze selber war nämlich plötzlich gestorben -- man sagte, an
einem Herzschlag vom vielen Trinken, mit dem er die Zerrüttung seiner
Vermögensverhältnisse betäuben wollte. Auch Anderes erzählte man sich
im Dorfe; der Großknecht sollte es schon in letzter Zeit mit der Frau
gehalten haben, und ein paar gute Freundinnen schüttelten immer sehr
bedenklich mit dem Kopf, wenn die Rede auf den schnellen Tod des Mannes
kam, und meinten auch wohl, man würde schon noch was erleben, und zwar
die Heirath des früheren Knechtes mit der Wittwe -- aber der Knecht war
eines Morgens spurlos verschwunden und kam nicht wieder, und die Frau
wüthete so im Haus herum, daß es kein Mensch bei ihr aushalten konnte
und neue Mägde keine Woche in der Wirthschaft bleiben wollten.
Wer sich nun wohl am meisten über den Verfall des ihm verhaßten Hauses
gefreut haben würde, wäre der alte Bänkelsänger gewesen; aber mit
dem ging es ebenfalls auf die Neige. Seine Gliederschmerzen hatte er
allerdings seit jener Zeit nicht wieder bekommen, aber dafür peinigte
ihn ein anderes Leiden, das einen viel ernsteren Charakter zu haben
schien und ihn jetzt unbarmherzig an sein Lager fesselte. _Was_
es war, konnte der Bader allerdings nicht herausbekommen, aber Brenner
behauptete, er sei ein Esel und wisse nicht einmal den Unterschied
zwischen Leibschneiden und Wassersucht; er solle ihn nur ruhig sterben
lassen, wenn seine Zeit gekommen wäre, weiter verlange er nichts.
Verschriebene Blutegel und Schröpfköpfe wies er auch mit Entrüstung von
sich und schwur, er bräche dem Bader den Hals, wenn er ihm mit einem
seiner Blutmittel zu nahe käme.
Uebrigens hatte ihn sein früherer guter Humor ganz verlassen; dumpf
vor sich hinbrütend lag er Tage lang auf seinem Bette, und es war
sogar einmal, wo von der Kunzen der Name der „Falleri“ erwähnt worden,
geschehen, daß er nach dem Geistlichen verlangte, weil er ihm etwas
mitzutheilen hätte. Als dieser aber kam, mußte er seinen Entschluß
geändert haben, denn er that, als ob er schliefe, und es war nichts aus
ihm heraus zu bekommen.
Am andern Morgen war er noch unruhiger geworden. „Wenn ich die Falleri
nur noch einmal sprechen könnte“, sagte er in einem fort, „nur noch
einmal eine Viertelstunde, und der Herr Assessor würde es erlauben --
aber es geht nicht mehr, es geht nicht. Ich fühl’s, die alten Knochen
wollen keinen Dienst mehr thun, und nicht einmal eins von meinen
Liedern fällt mir mehr bei. Blos das eine -- das eine, und das bring’
ich nimmer aus dem Sinn.“
Er klagte über heftige Schmerzen im Magen und genoß auch nur sehr
wenig, schien aber von einer merkwürdigen Unruhe geplagt zu sein, und
machte oft den freilich immer vergeblichen Versuch, aufzustehen -- er
brachte es nicht fertig.
In dieser Zeit kehrte der junge Offizier zurück, aber diesmal
nicht allein, sondern in Begleitung einer älteren, sehr vornehm
aussehenden Dame, die er Tante nannte. Beide zogen aber bei Niemandem
Erkundigungen ein, sondern, wie nur der junge Mann die ältere Dame aus
dem Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher, auszuspannen, reichte
ihr dann seinen Arm und führte sie durch das Dorf direct dem Kirchhof
zu.
Dort blieben sie eine ziemliche Weile. Eine Partie Dorfjungen war
ihnen nachgelaufen, um sich die bunte Uniform des Husaren in der Nähe
zu besehen, getraute sich aber nicht auf den Kirchhof selber, sondern
blieb draußen an dem hölzernen Gitter stehen. Dort sahen sie, wie die
Beiden zuerst nach der rechten Seite des Kirchhofs zwischen die alten
Gräber gingen und die Dame mitten in das Gras und Unkraut hineinkniete.
Dann stand sie wieder auf, und sie stiegen nach der anderen Seite
hinüber, wo sie erst eine kleine Weile umhersuchten, und dann neben
einem Grab eine ganze Zeit lang verweilten. Jetzt schritten sie wieder
dem Eingang zu, und die Jugend lief, was sie laufen konnte, in das Dorf
zurück, damit sie der Offizier nicht an der Kirchhofsthür erwischte.
Die beiden Fremden folgten ihnen aber nicht dorthin, sondern bogen
gleich vor dem Kirchhof nach dem Gemeinde-Hause zu ab, das aber der
Offizier allein betrat und nach dem alten Manne frug, der ihn damals
auf den Kirchhof geführt. Die Dame verfolgte indessen langsam und
allein den Weg in’s Dorf.
Die alte Frau Kunze, die aber auch, seit wir sie zum letzten Mal
gesehen, ordentlich eingeschrumpft und vertrocknet schien, stand gerade
in der Thür, als der Fremde das Haus betrat.
„Ja du lieber Gott“, sagte sie, auf seine Frage nach dem alten Mann,
„da ist er, soviel steht fest, und fort kann er nicht mehr, aber
schlecht ist’s ihm auch -- hundeschlecht, und reden thut er auch nicht
mehr, schon die letzten zwei Tage. Er kann’s nicht mehr lange machen,
und es wird wohl bald wieder eine Stube hier im Quartier frei werden.“
„Und kann ich ihn sehen?“
„Ja, warum nicht, aber es ist nicht mehr viel an ihm zu sehen; ein
Häufchen Unglück, weiter nichts; wenn Sie herein kommen wollen, ich
will’s ihm sagen, daß Jemand da ist, der ihn sprechen möchte?“
Brenner war nicht so eigen; er fühlte sich allerdings entsetzlich
elend, aber er nahm trotzdem Besuche an, unterbrach es doch die
furchtbare Monotonie seines Lebens und brachte ihn vielleicht für kurze
Zeit auf andere Gedanken.
Der junge Offizier betrat übrigens kaum das Gemach, als er auch rasch
den sehr verschlimmerten Zustand des Alten in seinen eingefallenen
Wangen und hohlen Augen erkannte.
„Lieber Freund“, sagte er theilnehmend, „es thut mir wahrhaft leid, Sie
so krank und matt zu finden, und ich will Sie nicht lange stören. Aber
ich weiß auch Niemand weiter hier im Ort, um eine bestimmte Auskunft zu
erlangen, und um die wollte ich Sie bitten.“
„Des Grabes wegen?“ sagte der Alte.
„Nein, der Tochter jener Frau wegen, die von hier fortgezogen sein
soll“, lautete die Antwort. „Können Sie mir ihren genauen Namen und
jetzigen Wohnort angeben?“
„Und weshalb?“ frug Brenner scheu und zurückhaltend.
„Es ist eine weitläufige Geschichte“, fuhr der Offizier fort, „die Sie
wohl ermüden würde anzuhören; aber so viel kann ich Sie versichern, daß
es dem jungen Mädchen keinenfalls zum Schaden gereichen soll; ja es ist
möglich, daß wir durch sie auf die Spur eines lange verlorenen Theils
unserer Familie kommen.“
„Durch die Falleri?“
„_Wie_ heißt sie?“
„Wie ihre Mutter -- Valerie, aber hier im Haus und im Dorf nannten sie
sie nur die Falleri.“
„Und wo hält sie sich jetzt auf? -- wie geht es ihr?“
Der Alte war todtenbleich geworden, seine Lippen zitterten, seine
ganze Gestalt bebte, und er fiel auf sein Kissen zurück, wo er mehrere
Minuten regungslos liegen blieb. Der junge Mann hatte ihn indeß besorgt
betrachtet, wenn er sich auch die Aufregung des Kranken, bei der
einfachen Frage, nicht erklären konnte. Dessen sonst so kräftige Natur
siegte aber bald wieder, über die augenblickliche Schwäche des Körpers
wenigstens; und sich mühsam aufrichtend sah er den jungen Fremden
zuerst wie erstaunt an, als ob er sich nicht gleich besinnen könne, was
ihn hierher geführt; doch kehrte die Erinnerung bald zurück und mit ihr
das Gefühl seiner Schwäche, seines Leidens.
„Es geht mit mir zu Ende“, sagte er leise, „ich merk’ es wohl, es kann
nicht mehr lange dauern, und vielleicht ist’s gut, daß Sie hierher
gekommen sind. Ich habe den Geistlichen schon einmal rufen lassen, aber
-- ich mag die Pfaffen nicht leiden; sie stecken voller Redensarten und
Sprüche und beweisen Einem aus der Bibel, daß schwarz roth und roth
gelb ist.“
„Aber Sie haben wahrscheinlich meine Frage nicht verstanden“,
unterbrach ihn der Offizier, der natürlich glauben mußte, das Gefühl
seiner Krankheit habe ihn alles Andere vergessen lassen; „ich wollte
gern wissen, wo jenes junge Mädchen --“
„Ich weiß, was Sie fragen wollen“, winkte ihm der Alte mit der Hand,
„und Sie sollen Antwort haben. Sie sitzt im Zuchthaus.“
„Im Zuchthaus?“ rief der Fremde, erschreckt von dem Kasten
emporspringend, auf dem er neben dem Bett des Kranken gesessen -- „was
um Gottes willen ist da vorgefallen?“
„Bleiben Sie auf Ihrem Platz“, winkte der alte Mann; „ich kann nicht
laut reden -- Sie sollen Alles erfahren -- ich _muß_ Jemanden
haben, dem ich es erzählen, dem ich mein Herz ausschütten kann, ehe ich
sterbe, und ich glaube, es -- ist die höchste Zeit dazu.“
„Aber was, um Gottes willen, hat die Unglückliche verbrochen?“ rief der
junge Offizier.
„Hören Sie zu -- Sie erfahren Alles zusammen“, sagte der Alte,
„vielleicht -- läßt sich auch noch Alles wieder gut machen -- Vieles
wenigstens, denn Alles doch nicht mehr. -- Also um mit dem Kind, der
Falleri, zu beginnen: ihre Mutter, die eigentlich nicht recht hierher
paßte und jedenfalls einmal früher vornehm und reich gewesen sein
mußte, aber herunter gekommen und wahrscheinlich zu stolz war, das die
vornehme Sippe merken zu lassen, zog hier ins Dorf und lebte von ihrer
Hände Arbeit. Weshalb sie so oft auf den Kirchhof ging und das Grab
mit dem spitzen Stein besuchte, weiß ich nicht; sie hat’s Niemandem
erzählt, auch nichts über sich und ihre frühere Zeit. Da starb ihr
Knabe, und von der Stunde an war sie ebenfalls reif. Sie starb und
hinterließ nichts als ein paar Sachen, die verkauft werden mußten, um
die Begräbnißkosten zu decken -- ein Leinentuch war darunter mit ein
paar Buchstaben und einer Krone darüber.“
„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.
„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte -- „ich dächte, ich
hätte einmal gehört, es wäre ein ~F.~ dabei gewesen, aber ich weiß
es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die
Falleri noch um den Hals -- ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter
selig.“
„Ist das gewiß?“
„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner
-- „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die
Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie
verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht -- aber
nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie
natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie
die Hölle auf Erden --“
„Armes, armes Kind!“
„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der
Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine
lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen -- und wie dankbar war sie mir
dafür!“
Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das
Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort:
„Ich hab’ _auch_ ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann
-- ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb
hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in
die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis
zur heutigen Stunde -- ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen
Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn
ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich
her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. -- Und weshalb war
sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? --
weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem
Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! -- Von da an wachte ich über
sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie
behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender
und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam
das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch
sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie,
wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug
sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und
ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort
ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that,
als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen
bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu
nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und
als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht
hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s
auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte -- denn der Nachtwächter
schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde -- kroch ich
leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte
ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen
hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder
in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten.
Natürlich konnte kein Mensch glauben, _ich_ wär’s gewesen, denn
ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu
laufen.“
„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier
erschreckt.