der Schulzin aus Osterhagen, gesprochen. Valerie aber hörte entweder
die Worte gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf. Sie schritt
still an ihrer früheren Herrin, ohne auch nur den Blick vom Boden
zu nehmen, vorüber und verschwand gleich darauf in der nächsten
breiten Thür, die sich gleich darauf wieder hinter ihr schloß. Der
Gefangenenwärter hatte nur hinein gerufen: „Die Edmund, Herr Assessor.“
Das regelrechte Verhör begann jetzt mit all seinen gewöhnlichen
Formeln, und die erste Frage des Untersuchungsrichters lautete:
„Wie heißt Du?“
„Valerie Edmund.“
„Wie alt?“
„Bald sechzehn Jahre.“
„Wo bist Du geboren?“
„Ich weiß es nicht“, sagte leise Valerie.
„Du weißt es nicht?“
„Nein.“
„Wer waren Deine Aeltern?“
„Ich weiß es nicht“, wiederholte das Kind noch leiser als vorher, und
man sah es ihr an, welchen Kampf es ihr kostete, diese Fragen ruhig zu
beantworten.
„Das weißt Du auch nicht?“ wiederholte der alte Assessor erstaunt.
„Hm, Kind, das ist doch wunderbar. Hast Du denn Deinen Vater und Deine
Mutter nicht gekannt?“
„Meine Mutter, ja; sie starb vor langen Jahren in Osterhagen -- auch
meinen Vater habe ich wohl gesehen, aber ich war damals noch ein
kleines Kind, und später sagte meine Mutter, daß er todt und begraben
wäre in einem weiten fernen Land -- weit von Osterhagen.“
„Und als sie starb?“
„Dann kam ich in das Gemeinde-Armenhaus im Dorf, und nachher in Dienst.“
„Und Du leugnest, etwas von der Ursache des gestrigen Brandes zu
wissen?“
„Nein“, sagte das junge Mädchen, mit kaum hörbarer Stimme aber doch
deutlich und bestimmt -- „ich leugne es nicht mehr; ich habe es gethan!“
„Du hast es gethan, Unglückliche!“ rief der alte Assessor ordentlich
erschreckt -- „und was brachte Dich zu der furchtbaren That?“
„Fragen Sie mich nichts weiter“, sagte das arme Mädchen -- „ich
habe das Feuer angelegt, und wie ich höre, sind zwei Menschen dabei
umgekommen, deshalb muß ich auch das Leben verlieren.“
„Und woher weißt Du, daß zwei Menschen dabei umgekommen sind?“
„Heute Morgen sprachen sie auf dem Gang vor meiner Kammer davon. Irgend
Jemand erzählte es einem Andern, und ich hörte es -- ich muß jetzt auch
sterben und dann komme ich wieder zu meiner Mutter.“
„Aber weshalb hast Du es gethan? Du mußt doch eine Ursache dafür
gehabt, Du mußt doch auch gewußt haben, welche furchtbaren Folgen es
haben konnte.“
„Der alte Mann im Gemeinde-Hause, der alte Brenner“, flüsterte
das Mädchen, „hat mir einmal gesagt, daß man nicht alle Fragen zu
beantworten brauche, die Einem das Gericht stellt. Der weiß das, denn
sie haben ihn auch schon gefangen gehabt.“
„So? Ei sieh mal an, und wer ist das?“
„Nun der alte Brenner; er zog früher mit einem Leierkasten herum --
jetzt ist er alt und schwach und kann nichts mehr verdienen.“
„Und Der hat Dir solche Rathschläge gegeben!“ nickte der Assessor; „da
bist Du freilich in einer guten Schule gewesen.“
Valerie schwieg.
„Und Du weigerst dich, mir zu antworten, wenn ich Dich frage, was Dich
dazu gebracht hat, das Feuer anzulegen?“
„Ja.“
Der Assessor sah eine Weile still vor sich nieder, dann klingelte er,
und als der Gerichtsdiener eintrat, befahl er ihm, die Gefangene wieder
in ihre Zelle abzuführen.
Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, rief sie der Assessor noch
einmal und fragte:
„Woher hast Du denn die blutunterlaufenen Stellen im Gesicht? Bist Du
gefallen?“
„Nein“, sagte Valerie, „die Schulzin hat mich geschlagen, weil sie
behauptete, ich hätte ihr eine silberne Schnalle gestohlen.“
„Und hast Du das _nicht_ gethan?“
„Nein“, sagte das Mädchen, drehte sich ab und schritt zur Thür hinaus.
Das Verhör mit der Schulzin und ihrem Knecht dauerte nicht lange.
Die Frau brachte allerdings eine Masse von Anklagen vor, aber der
Untersuchungsrichter hatte zu viel mit derartigen Leuten zu thun
gehabt, um nicht das Wahre daran ziemlich richtig herauszufühlen. Die
Hauptsache war ja auch erledigt; die Verbrecherin hatte ihre Schuld
gestanden, und der alte Beamte glaubte, die Ursache leicht in der
rauhen Behandlung der vor ihm stehenden, bösartig genug aussehenden
Bauersfrau zu finden. Das Mädchen hatte in deren Haus gewiß keine guten
Tage gehabt, und in der Rachsucht für erlittene Mishandlung ließ sich
das Motiv der That -- wenn diese darin auch keine Entschuldigung fand
-- wohl erklären.
Uebrigens schlug die Schulzin vergnügt in die Hände, als ihr der
Criminalbeamte mittheilte, daß die Gefangene ihre Schuld eingestanden
habe, und schrie:
„Ich wußt’ es, ich wußt’ es -- kein Mensch weiter _konnte_ es
gewesen sein wie der Balg, und wenn ich jetzt nur noch erlebe, daß sie
die Brandstifterin an den Galgen hängen, denn das hat sie hundert Mal
verdient!“
Die Untersuchung war aber damit nicht etwa geschlossen, denn der alte
Assessor citirte nach und nach das ganze Hauspersonal der Schulzin,
wie auch das von Baumstetter’s Hof vor Gericht, und deren Aussagen
bestätigten allerdings seine schon früher gefaßte Vermuthung,
daß die Waise nämlich kein ursprünglich böses, wenn auch sehr
vernachlässigtes Kind gewesen und wohl nur durch rauhe Behandlung zu
der verbrecherischen That, die nicht einmal eine vorbedachte genannt
werden konnte, getrieben worden. Auch ihre Jugend kam dazu, um
Milderungsgründe zur Geltung zu bringen.
In der nämlichen Zeit gab sich der Assessor die größte Mühe, um etwas
Näheres über die Mutter der Gefangenen zu erfahren, aber alle darauf
gewandte Mühe blieb umsonst, denn die unruhige Zeit, in welcher sie
damals das Dorf aufgesucht, verwischte jede Spur. Er fuhr selbst nach
Osterhagen hinüber und zog bei dem Schulzen genaue Erkundigungen
ein, und hörte wohl, daß damals ein Leintuch mit dem Zeichen einer
adelichen Herrschaft gefunden sei, wo es aber geblieben, wußte Niemand
zu sagen. Es war damals mit verauctionirt worden, und auch auf die
Buchstaben konnte sich Keiner mehr erinnern. Selbst der Schmuck, den
Valerie noch von ihrer Mutter trug, und den er später untersuchte,
gab keinen Anhaltepunkt; es war ein einfaches goldenes Kreuz mit dem
Buchstaben ~V.~ darin, und der Trauring trug nur ein Datum und
eine Jahreszahl.
In Osterhagen hatte es der Assessor aber auch nicht versäumt, das
Gemeinde-Haus zu besuchen, wo er Brenner noch auf seinem Lager traf
und sich natürlich mit ihm in ein längeres Gespräch einließ. Der alte
Bursche aber, der bald genug den Polizeimann und Criminalbeamten in
ihm erkannte -- denn er hatte mit derlei Herren wohl mehr Erfahrung
gesammelt, als er gewöhnlich gern eingestand -- war anfangs ungemein
scheu und zurückhaltend und beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen
außerordentlich vorsichtig. Erst als der Assessor -- denn von Valerie’s
Herkunft wußte er natürlich gar nichts -- das Gespräch auf den Schulzen
und die Behandlung der Gefangenen dort im Hause brachte, wurde er warm,
und entwarf jetzt eine so düstere Schilderung von den Leuten, daß der
Beamte wohl merken mußte, es lauere auch viel eigener Haß in dem
Bericht. Brenner behauptete auch dabei mit der größten Bestimmtheit,
daß die „Falleri“ unschuldig an dem Brande sei -- sie wäre noch den
Abend spät auf dem Gottesacker und dann bei ihm im Hause gewesen und
nachher schnurstracks in die Stadt hinüber gegangen.
„Und woher wißt _Ihr_ das, Mann?“ frug der Assessor.
„Woher _ich_ das weiß?“ rief Brenner; „weil’s die Falleri gesagt
hat, und die hat noch nie in ihrem Leben gelogen; eher bisse sie sich
die Zunge ab.“
„So“, nickte der Beamte, „wenn Ihr das also selber bestätigt, so werdet
Ihr auch wohl glauben müssen, daß die Edmund das Haus angezündet, denn
sie hat es selber vor Gericht gestanden.“
„Den Teufel hat sie!“ schrie der alte Bänkelsänger und fuhr erschreckt
in seinem Bett empor -- „aber das ist nicht möglich!“
„Nicht möglich? -- und weshalb nicht?“
„Hm“, knurrte der Alte, „möglich ist _Alles_ auf der Welt, selbst,
daß ich noch einmal hunderttausend Thaler in der Lotterie gewönne,
aber -- die Falleri hätte selber freiwillig gestanden, daß sie den
Schulzenhof angezündet?“
„Das hat sie -- frei und unaufgefordert im ersten ordentlichen Verhör;
denn nur als sie zuerst eingebracht wurde, wollte sie nichts davon
hören. Aber das ist die alte Geschichte, und soviel werdet Ihr auch
selber wissen, daß man, wenn eben aufgegriffen, nicht gleich in’s
Blinde hinein gesteht. Man muß doch erst erfahren, wie der Hase läuft.“
Der Alte warf dem Assessor einen halb pfiffigen, halb lauernden Blick
zu, aber die wirkliche Sorge um das junge Mädchen verdrängte doch rasch
alle anderen Gedanken.
„Es ist nicht denkbar“, sagte er dann, mehr zu sich selber als zu dem
Fremden redend und immer dabei mit dem Kopf schüttelnd, „gar nicht
denkbar. Ja, Ursache genug hätte sie dazu gehabt, um auch zuletzt einen
Hasen auf den Mann zu treiben, Ursache die langen Jahre hindurch, die
sie’s ertragen und keinen Mucks dabei gethan, -- aber, -- es wäre doch
_zu_ merkwürdig und -- ich glaub’s nicht.“ --
„Was wäre merkwürdig?“ frug der Assessor.
„Was merkwürdig wäre?“ wiederholte der alte Bänkelsänger, „nun, daß
das Kind die Courage dazu gefaßt hätte, und dann noch dazu gleich von
ihrer Mutter Grab weg, an der sie mit allen Gedanken hängt. Ich glaub’s
nicht, und wenn der liebe Herrgott vom Himmel herunter käme und sagt’
es.“
„Aber habt Ihr denn irgend einen Verdacht auf Jemand Anderen?“
„_Ich?_“ frug der Alte erstaunt, „auf wen soll ich Verdacht
haben? Ich liege hier seit acht Tagen krumm und kann keinen Fuß vor
den andern setzen, was erfahre _ich_ von der Welt? Aber Feinde
hat die Schulzin genug, und er auch -- hochnäsiges Bauernvolk, die
vor Uebermuth nicht wissen, was sie treiben sollen. Alle Augenblicke
wechseln sie auch das Gesinde; es hält’s Niemand lange bei ihnen aus,
und warum kann’s nicht Einer von denen gethan haben? Warum muß es das
Kind gewesen sein?“
„Aber sie würde es doch nicht selber eingestehen, wenn es nicht wahr
wäre.“
„Merkwürdig, merkwürdig!“ wiederholte der alte Bursche wieder -- aber
er schien müde zu werden. Ob ihm die Glieder weh thaten, oder ob er
blos die Unterhaltung abbrechen wollte: aber er warf sich auf sein
Kissen zurück und schloß die Augen, und da der Assessor ebenfalls kein
weiteres Interesse hatte, in dem öden unbehaglichen Raum zu verweilen,
stand er auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Haus. Er wußte, daß
er hier doch nichts weiter erfahren würde.
Drei Tage später war der alte Bänkelsänger wieder auf den Füßen und
so weit hergestellt, daß er sogar den Gang in die Stadt zu Fuß
antreten konnte, wenn er sich dazu auch noch eines Stockes bediente.
Eigenthümlich blieb nur dabei, wie rüstig er ausschreiten konnte, wenn
er sich streckenweise allein auf der Landstraße sah, und wie es ihm
plötzlich wieder in den Gliedern zog, wenn ihm ein Wagen begegnete oder
ihn überholte. Das hielt ihn auch sehr auf, denn er kam dann nur immer
langsam von der Stelle, aber zuletzt erreichte er die Stadt doch und
ließ sich dann ohne Weiteres bei dem Assessor melden, den er um eine
Unterredung mit der „Falleri“ bat.
Der Assessor schien keine rechte Lust zu haben, ihm die zu gestatten,
aber er war auch neugierig geworden, zu erfahren, welchen Einfluß der
alte Bursche auf das Mädchen ausüben würde, und hatte ihn zugleich
dabei im Verdacht, mehr von dem Brande selber zu wissen, als er für gut
fand zu gestehen. Schaden konnte er überdies nicht mehr bringen; die
That war von der jungen Verbrecherin ohne Zwang, ohne Zureden offen
eingestanden und später wiederholt auf das Entschiedenste bestätigt
worden -- möglich, daß gerade durch ihn mehr Licht in die immer noch
dunkle Sache kam.
Der Alte humpelte mit einem ihn begleitenden Polizeidiener die Treppe
hinauf, und der Gang schien ihm sauer zu werden. Auf einem Absatz
blieb er halten, um sich zu verschnaufen, und schmunzelte dann leise
vor sich hin:
„Es sieht ordentlich natürlich aus, daß ich hier in so anständiger
Begleitung abgeführt werde.“
„Ist Euch auch wohl schon manchmal passirt, wie?“ lachte der
Gerichtsdiener.
„Lieber Gott“, sagte der Alte, „menschliche Schicksale wechseln; einmal
sind wir oben, einmal unten. Ich war auch schon einmal unten.“
„Dachte mir’s doch“, nickte der Mann, „Ihr seht mir auch gerade danach
aus.“
„Sie scheinen mir Menschenkenner“, meinte der Bänkelsänger trocken;
„aber ich denke, wir können jetzt eine Station weiter fahren. Wie
geht’s denn der Falleri?“
„Wem?“
„Nun der Nummer so und so; ich weiß ja noch nicht, unter welcher Firma
sie hier logirt.“
„Oh, der Edmund, Nummer elf -- gut geht’s ihr; es fehlt ihr nichts.“
„Freut mich zu hören“, nickte der Alte, „wäre aber das erste Mal in
ihrem Leben, daß es ihr gut ginge -- und ein curioser Platz dazu.
Aber da sind wir wohl -- Nummer elf. Wollen Sie mich dem Herrn
Gefängnißwärter vorstellen?“
„Wird wohl nicht nöthig sein“, lachte der Mann über die Förmlichkeit
des Alten; „hier, Brummer, der Mann da hat Erlaubniß, Nummer elf zu
sprechen -- eine Viertelstunde.“
„Brummer heißt der Herr? Merkwürdig!“ nickte Brenner; „paßt aber gar
nicht. _Er_ läßt ja gerade die Andern brummen und brummt nie mit.“
„Thut er nicht, du alter Schlaukopf?“ lächelte der Gefängnißwärter,
der die Worte gehört hatte, „und brumme ich nicht etwa hier in dem
verdammten Nest das ganze Jahr, Sonn- und Feiertage, während die Vögel
ein- und wieder ausfliegen. Wer ist da eigentlich der Brummer, he?“
„Können Recht haben, verehrter Herr“, nickte der Alte, „habe eigentlich
nie so tief darüber nachgedacht. Wenn Sie jetzt vielleicht so gefällig
wären --“
„Mit Vergnügen“, nickte der Mann, „und auch wohl für längere Zeit,
wenn’s sein müßte. Platz genug ist da.“
„Möchte Ihnen doch nicht gern beschwerlich fallen“, sagte der
Bänkelsänger, während Herr Brummer die Riegel zurückschob und die Thür
dann aufschloß.
„Hier Edmunden, da kommt Besuch“, sagte er dann, ließ Brenner eintreten
und verriegelte die Thür wieder hinter ihm, ohne sie jetzt aber
abzuschließen.
Valerie saß auf ihrer Pritsche, ein kleines Gebetbuch in der Hand, das
man ihr auf ihre Bitten gegeben hatte -- es waren Witschel’s Morgen-
und Abendopfer -- und ihre großen dunklen Augen hafteten auf den
Zeilen, als sie das erste Klirren der Riegel hörte. Sie veränderte
auch ihre Stellung nicht, als sich die Thür öffnete; der Schließer
kam manchmal herein, um ihr Wasser oder Brot zu bringen, aber er
sprach selten oder nie mit ihr. Sie erschrak jedoch, als sie das Wort
_Besuch_ vernahm. Wer konnte _sie_ besuchen? Trotzdem färbten
sich einen Augenblick ihre Wangen, als sie den alten Brenner erkannte,
und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:
„Wie mich das freut, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben.“
„Hm“, brummte der Alte in augenscheinlicher Verlegenheit, indem er
einen scheuen flüchtigen Blick in dem Gemach umherwarf -- „vergessen,
Falleri? Ich habe immer an Dich gedacht, Kind, Tag und Nacht, und
hier -- kommt’s mir auch beinahe wieder so vor, als ob wir zusammen
im Gemeinde-Haus säßen; die “Stube„ hier sieht genau so aus, wie die
leeren Wände da drüben. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Redensarten
vergeuden, denn ich habe nur eine Viertelstunde Erlaubniß und -- möchte
eine Frage an Dich richten, Falleri.“
„Ja, Herr Brenner?“
„Du hast gestanden, daß Du das Feuer an jenem Abend angelegt?“
„Ja, Herr Brenner“, sagte Valerie leise.
„Aber Du hast’s nicht gethan, Mädel.“
„Doch, Herr Brenner“, lautete die bestimmte Antwort, „ich hab’s gethan
und hab’s gestanden.“
„Es ist nicht wahr, Mädel“, fuhr der Alte aber jetzt mit unterdrückter
Stimme fort, „Du _kannst’s_ nicht gethan haben, denn erstens liegt
es nicht in Deiner Natur und dann -- bist Du’s auch nicht gewesen.“
„Doch, Herr Brenner, ich war’s“, wiederholte Valerie, jetzt wieder mit
denselben bleichen Wangen wie vorher; „ich _habe_ es gethan und
werde dafür meine Strafe erhalten. Hoffentlich lassen sie mich nicht
lange warten“, setzte sie noch leiser hinzu.
„Aber Du bist doch erst bei uns draußen gewesen“, fuhr der Mann fort,
der jetzt Beweisgründe gegen sie zu sammeln suchte, „Du warst vorher
auf dem Kirchhof bei Deiner Mutter selig.“
„Ja, Herr Brenner, und nachher bin ich durch’s Dorf gegangen und habe
das Feuer in die Scheune geworfen.“
„Aber zwei Stunden nachher ist’s erst ausgekommen.“
„Das ist möglich, es hat vielleicht so lange geglimmt, bis der Wind zu
wehen anfing. Sie haben’s auch wohl nicht gleich gesehen.“
„Das ist gerade, um Einen verrückt zu machen“, brummte der Alte und
schüttelte dabei immer, wie erstaunt, mit dem Kopf; „aber wenn’s
wirklich wahr wäre“, fuhr er nach einer Weile wieder fort, „und ich
glaub’s nicht und würd’ es selbst nicht glauben, wenn Dich Jemand dabei
erwischt hätte -- weshalb hast Du’s da den Eseln auf die Nase gebunden?
Wer hätt’ es Dir je beweisen wollen?“
„Und was sollt’ ich’s leugnen?“ sagte Valerie ruhig; „den Dienst bekam
ich nicht mehr, nach Osterhagen konnt’ ich nicht zurück, fremd und
allein steh’ ich in der Welt und habe ich immer gestanden, ich wäre
doch zuletzt zu Grunde gegangen. Da ist’s besser, ich sprach gleich die
Wahrheit und leide jetzt meine Strafe.“
Der alte Bänkelsänger hatte sich neben sie auf die Pritsche gesetzt und
schüttelte in einem fort mit dem Kopfe.
„Ein merkwürdiges Zusammentreffen wär’s doch“, sagte er endlich, „ein
heillos merkwürdiges.“
„Was, Herr Brenner?“
„Was? -- hm -- daß sie das Feuer nicht gleich entdeckt haben sollten,
aber der Holzklotz von Nachtwächter schläft immer unter der Linde, und
dahinten an die Scheune kommt auch eigentlich Niemand hin.“
„An welche Scheune.“
„Nun, hinter des Schulzen Haus, wo das Feuer auskam.“
„Ja“, nickte Valerie, deren Gedanken wo anders geweilt zu haben
schienen, „ja, da kommt Niemand hin, es ist abgelegen.“
„Recht hätt’st Du gehabt, Mädel“, nickte der Alte noch einmal mit dem
Kopf; „verdenken könnt’ es Dir Niemand, denn schlecht genug behandelt
haben sie Dich, niederträchtig behandelt, und schlimmer als einen Hund,
und der Wurm krümmt sich zuletzt, wenn er getreten wird -- aber das
Maul hätt’st Du halten sollen, denn wer hätt’s Dir zuletzt beweisen
wollen, he? Kein Mensch. Die Gerichtsbeamten thun allerdings immer
schrecklich klug, gerade so, als ob sie Alles schon wüßten und nur
aus lauter Plaisir noch weiter frügen, und dabei muß man sie lassen,
nachher fahren sie selber den Karren in den Dreck, denn sie wissen gar
nichts. Läßt man sich aber verblüffen dann haben sie Einen, wo sie ihn
hin haben wollen, und man sitzt fest.“
„Ich habe Alles freiwillig gestanden, Herr Brenner.“
„Desto dümmer“, nickte der alte Mann, „denn dazu war gar keine
Veranlassung; aber“, setzte er leise hinzu, „es läßt sich vielleicht
noch gut machen. Wenn Du in’s nächste Verhör kommst, Falleri -- und am
besten läßt Du Dich gleich morgen früh beim Assessor melden -- so sagst
Du ihm nur, die ganze Geschichte sei nicht wahr.“
„Was ich schon gestanden habe?“
„Versteht sich, das macht nichts, das geschieht oft genug und gilt.
Sag’ ihm nur, Du hättest den ersten Tag eine solche Heidenangst, so
einen Respect vor dem Gericht und den Eisengittern gehabt, daß Du
selber nicht mehr wüßtest, was Du Alles geschwatzt; Du sei’st es aber
gar nicht gewesen und wärest keine Brandstifterin.“
„Und da sollten sie mir glauben?“ frug Valerie kopfschüttelnd.
„Ob sie Dir’s glauben oder nicht, bleibt sich ganz gleich“, sagte der
Alte, „aber in’s Protokoll müssen sie’s schreiben, und dann kommt’s
oben auf’s andere Gericht und stößt die ganze Geschichte um, was Du
früher gesagt hast. Willst Du’s thun, Falleri?“
„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen ruhig, „was ich gesagt
habe, hab’ ich gesagt; es ist geschehen und aufgeschrieben, und Gott
wird weiter helfen.“
„Wenn ich nur so was nicht hören müßte“, brummte der Alte ärgerlich.
„Wer sich selber hilft, dem hilft Gott, muß es heißen; selber mit
anfassen muß man und nachher -- geht’s auch nicht immer, aber man
versucht’s doch wenigstens. Versprich mir’s, Falleri; ich hätte sonst
keine Ruhe und -- machte am Ende noch einen dummen Streich.“
Das junge Mädchen schüttelte ernst mit dem Kopfe, aber es blieb ihr
keine Zeit zu einer weiteren Erwiederung, denn der Riegel wurde in
diesem Augenblick wieder zurückgeschoben, der Gefängnißwärter sah
herein und sagte:
„Nun, alter Schwede, Deine Zeit ist um; mach’ Dich auf die Socken.“
Der Bänkelsänger warf einen unschlüssigen Blick auf Valerie, aber er
wußte recht gut, daß gegen _den_ Befehl keine Einrede half; der
Mann that nur seine Pflicht, und wich auch von der nicht ab -- außer,
er hätte vielleicht die Mittel besessen, ihn zu veranlassen, seine
Uhr um zehn Minuten zurück zu stellen. Brenner befand sich aber gerade
nicht bei Kasse, und deshalb seinen alten Hut aufgreifend, sagte er
trocken:
„Was sein muß, muß sein, aber Falleri, überleg’ Dir die Sache und thu’s
_mir_ zu Liebe.“
„Wer war’s denn, der bei dem Brand verunglückt ist?“ frug Valerie,
während sie ihm die Hand zum Abschied reichte.
„Oh, weiter Niemand,“ sagte Brenner, obgleich ihm die Frage nicht
angenehm zu sein schien, „als der Hans von Baumstetter’s und der Peter
von des Schulzen Hof.“
„Die beiden Einzigen, die manchmal freundlich mit mir waren,“ nickte
das junge Mädchen; „arme Menschen!“
„Wer kann’s ändern,“ rief der Alte, „heute mir, morgen Dir; es hat
so sein sollen, und Du brauchst Dir deshalb keine Gewissensbisse zu
machen.“
„Na wird’s bald?“ rief Brummer, in der Thür stehend; „glaubt Ihr, daß
ich weiter nichts zu thun habe, als auf Euch zu passen?“
„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Brummer,“ lachte Brenner, „wenn Sie
auf _mich_ passen müßten, hätten Sie gerade genug zu thun. Aber
leb wohl, Falleri -- vergiß nicht, was ich Dir -- erzählt habe --
Du verstehst mich -- wenn ich die Erlaubniß kriege, komme ich noch
einmal her zu Dir,“ und ihr kräftig die Hand schüttelnd, verließ er die
Zelle wieder und humpelte die Treppe hinunter, an den verschiedenen
Schildwachen vorüber, aus dem Haus.
Siebentes Kapitel.
Auf dem Kirchhofe.
Indessen schleppte sich, nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang, die
Untersuchung noch einige Monate hin, und das Urtheil gegen die junge
Verbrecherin lautete endlich, unter Annahme mildernder Umstände, auf
zehn Jahre Zuchthaus und weitere zwei Jahre polizeiliche Aufsicht.
Das Urtheil wurde bald in der Nachbarschaft bekannt, und die Leute
schienen es meistentheils zu billigen. Nur des Schulzen Frau in
Osterhagen war wüthend darüber und erklärte: es sei keine Gerechtigkeit
mehr im Lande, wenn eine solche Verbrecherin, die zwei Todtschläge
begangen, mit ein Paar Jahren Zuchthausstrafe abkäme; die müßte doch
wenigstens gehangen werden. Das Gericht zog aber des Schulzen Frau zu
Osterhagen nicht zu Rath, und da die Verurtheilte gegen die über sie
verhängte Strafe nicht appellirte, wurde sie einige Tage später in die
dafür bestimmte Anstalt abgeführt und auch weiter nicht mehr von der
Sache gesprochen.
Dem alten Brenner schien das Resultat freilich nicht recht, und er
ging von der Zeit an noch viel mürrischer im Dorf umher als vorher.
Auch daß der Schulze seinen Hof noch viel schöner aufbaute als früher,
ärgerte ihn, und es zuckte ihm stets in Fingern und Armen, wenn er der
hochnasigen Schulzin begegnete, die ihn noch dazu nicht einmal eines
Blicks würdigte. Aber was half _ihm_ sein Ingrimm? Er mußte ihn
eben hinunterschlucken, und durfte sich noch nicht einmal etwas merken
lassen.
Die „Falleri“ war verschollen und im Zuchthaus begraben.
So mochten fast zwei Jahre vergangen sein, als eines Tages eine
stattliche Equipage in Osterhagen vor dem Wirthshaus hielt und ein
junger Offizier aus dem Wagen sprang. Er hielt sich aber gar nicht
im Wirthshaus auf, sondern befahl seinem Kutscher, nur auszuspannen,
erkundigte sich dann bei einem der Knechte, in welcher Richtung etwa
der Kirchhof liege, und schritt dann, ohne weitere Erkundigungen
einzuziehen, der bezeichneten Gegend zu.