eine Thräne in ihre Augen -- das _Kind_ hatte verlernt zu weinen. Nur
bleicher und abgehärmter wurde sie mit jedem Tag, sodaß es selbst dem
alten rauhen Brenner auffallen mußte, und dieser sich soweit vergaß,
dem Schulzen in das eigene Haus zu rücken, um ihm Grobheiten zu machen.
Das war freilich gefehlt. Dieser rief einfach seine Knechte und ließ
ihn aus der Thür werfen, und der alte Bänkelsänger lief nach Haus und
wurde vor Aerger krank.
Er legte sich wenigstens in sein Bett, ließ den Bader kommen und
erklärte ihm, daß er ein Gallenfieber hätte und Medicin verlange.
Der Bader konnte allerdings nichts Derartiges an ihm entdecken, war
aber doch seiner Sache nicht gewiß und gab ihm eine Medicin, die den
Alten so krank machte, daß er behauptete, es wäre sein Letztes, und
sie sollten ihm den Tischler schicken, daß der das Maß zu seinem Sarge
nähme.
Zwei Tage darauf zog Valerie von dem Haus des Schulzen ab, und der
letzte Abend war der schlimmste von allen, denn des Schulzen Frau
behauptete, Valerie habe ihr eine silberne Schnalle gestohlen, die sie
nirgends finden konnte und die das junge Mädchen absolut versteckt
haben sollte. Diese leugnete allerdings, auch nur das Geringste davon
zu wissen, aber das half nichts; alle ihre Sachen wurden untersucht und
die Frau schlug sie so unbarmherzig, daß sie die blutigen Spuren an
Gesicht und Nacken davon trug.
Das aber war zu viel für das arme Kind -- nicht eine Stunde wollte
sie länger in diesem Hause bleiben, und trotz des schon vorgerückten
Nachmittags schnürte sie ihr kleines, auseinander gerissenes Bündel
wieder zusammen und verließ, ohne Abschied von den Bewohnern zu nehmen,
den Schulzenhof.
Vorher mußte sie freilich noch von der Mutter Grab und ihren Bekannten
Abschied nehmen. Sie ging auch zu ihrer alten Freundin, der Nachbarin,
vor und dann zu dem Bänkelsänger, der hart und fest auf seinem Bett
lag; aber er hatte eine Lampe neben sich stehen und las in einem Buch,
und als er das geronnene Blut in dem Gesicht des Mädchens bemerkte, und
Valerie ihm diesmal die Ursache nicht verschweigen konnte, wollte er
wie rasend in seinem Bett auffahren. Aber die alte Schulmeisters-Wittwe
kam gerade herein, um ihm seine Suppe zu bringen, und wieder auf sein
Kissen zurückfallend sagte er:
„Oh Du heiliges Kreuzdonnerwetter, daß ich jetzt auch gerade an allen
Knochen lahm auf der Pritsche liegen muß! -- Wenn ich nur einen Fuß
regen könnte, Falleri, so lief ich noch heute Nacht selber in die
Stadt und verklagte die Bande. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben,
und daß sie Dir noch Schmerzensgeld für die Schläge bezahlen sollen,
Falleri, darauf kannst Du Dich verlassen.“
„Lassen Sie es gut sein, Herr Brenner“, sagte das Kind, „es ist jetzt
überstanden und die Leute haben ihr Schlimmstes gethan. -- Ich gehe nun
in die weite Welt, und Gott wird mich schützen.“
„Bah“, sagte der Alte verächtlich, „wer sich hier nicht selber schützt,
kommt unter den Schlitten, soviel ist sicher. -- Und Du willst jetzt
fort, Falleri?“
„Ja, es wird schon spät“, nickte das junge Mädchen, „und ich weiß sonst
nicht wohin, wenn mich die Leute nicht mehr aufnehmen. Leben Sie wohl,
Herr Brenner; ich komme gewiß wieder einmal nach Osterhagen, um meine
selige Mutter -- und Sie zu besuchen.“
Damit reichte sie ihm die Hand und wanderte durch das Dorf wieder
zurück den Weg nach der Stadt zu, in die stille Nacht hinein -- aber
sie kam doch zu spät. Als sie etwa um neun Uhr die ziemlich ferne
Stadt erreichte und das Haus ihrer neuen Herrschaft betrat, weigerte
sich diese, sie aufzunehmen, denn des Schulzen Frau hatte in derselben
Viertelstunde, in der Valerie ihr Haus verlassen, einen Knecht mit
einem Pferd nach der Stadt gesandt, der den Leuten erzählen mußte,
weshalb sie ihr früheres Mädchen noch in dunkler Nacht „aus dem Dienst
gejagt“, und sie erklärten, daß sie keine Diebin in ihrer Familie haben
möchten.
Valerie erwiederte kein Wort -- still und schweigend kehrte sie sich
ab, ging wieder vor die Stadt, suchte sich einen Platz hinter einer
Hecke, rückte sich ihr Bündel unter den Kopf, kauerte sich in der
frischen Nacht so viel als möglich zusammen, und war bald auf ihrem
harten Lager sanft eingeschlafen. --
Aber sie schlief nicht lange. Eine Stunde mochte etwa vergangen sein,
da rasselten schwere Wagen auf der dicht vorüberführenden Chaussee
vorbei, und erstaunt richtete sie sich auf, denn sie hörte eine
Menge von Menschenstimmen. Wie sie sich aber umsah, erkannte sie auch
am Himmel einen hellen Feuerschein, der etwa in der Richtung nach
Osterhagen am Horizont lag. War dort Feuer ausgebrochen? Lieber Gott,
die armen Menschen! aber sie konnte ihnen doch nicht helfen -- sie war
selber hülflos genug, und auf ihr Kopfkissen zurücksinkend, schlief sie
bald wieder sanft und süß.
Fünftes Kapitel.
Feuer! Feuer!
Valerie hatte das Gemeinde-Haus etwa eine halbe Stunde verlassen, als
die alte Frau Kunzen zu dem kranken Bänkelsänger hineintrat, um das
Geschirr wieder abzuholen. Dieser lag auf seiner Matratze und stöhnte
erbärmlich, und als ihn die Frau frug, wo’s ihm fehle, sagte er:
„Ueberall, überall, Kunzen, in allen Gliedern reißt’s und zwickt’s
mich, und ich bin so matt, daß ich kaum den Löffel zum Munde bringen
konnte. Wenn ich nur erst einschlafe, nachher wird’s vielleicht besser
-- stört mich nur jetzt nicht wieder, daß ich zur Ruhe komme.“
„Nun, ich störe Euch gewiß nicht“, brummte die Alte, „ich will selber
froh sein, wenn ich Frieden habe“, und die Thüre hinter sich zuwerfend
und ohne es für nöthig zu halten, „gute Nacht“ zu sagen, verließ sie
die Kammer, stellte das schmuzige Geschirr in die Küche und ging dann
ohne Weiteres selbst zu Bett.
Im Dorfe lag die Nacht auf den stillen Straßen; das Wetter war noch
ziemlich warm und vor einigen Thüren standen noch plaudernde Gruppen;
als aber die Sichel hinter die nächsten Hügel sank, traten jene auch
in die erleuchteten Stuben. Der alte taube Nachtwächter schlich nur
mürrisch den Hauptweg von Osterhagen hinab, tutete und rief seine
Stunde und drückte sich dann auf eine Holzbank, die unter der Linde vor
dem Wirthshaus stand, um von da aus, wie er immer meinte, das Dorf im
Auge zu behalten. Er hatte aber weit mehr Schlaf in den Augen als das
Dorf, und wußte nicht einmal recht genau, wie lange er dort gesessen
haben mochte, als ihm plötzlich eine Stimme in die Ohren schrie:
„_Feuer!_“ daß er erschreckt von seiner Bank emporfuhr.
„Herr Jeses, wo denn?“ frug er unwillkürlich.
„Seht Ihr’s denn nicht, Ihr alte Schlafmütze!“ schrie der junge Bursche
wieder, der es zuerst entdeckt und den Platz genau kannte, wo er den
Nachtwächter antreffen würde; -- „jetzt macht Lärm, ehe es zu spät
wird“, und selber die Straße hinablaufend, stieß er den gellenden
Schreckensruf in die stille Nacht hinein: „Feuer! Feuer!“
Da wurde es lebendig: aus allen Häusern stürzten Menschen vor -- noch
auf der Straße zogen sie sich mit den rasch aufgegriffenen Kleidern an,
und nach der Schreckensstätte eilten sie, um den Brand womöglich noch
im Entstehen zu ersticken -- aber dazu war er schon zu weit vorgerückt.
Es brannte in des Schulzen Scheune, das dort aufgeschichtete Stroh
hatte die Gluth erfaßt, und ehe nicht Spritzen herbeikamen, war an
Löschen nicht zu denken.
Die alte Dorfspritze wurde natürlich augenblicklich aus ihrem Schuppen
herausgezogen und rasselte, von der Löschmannschaft gefolgt, der
Brandstelle zu. Aber lieber Gott, es war seit undenklichen Zeiten
kein Feuer in Osterhagen ausgebrochen, und die Bevölkerung des Orts
dadurch so sicher geworden, daß sich Niemand um die Spritze und was
dazu gehörte, gekümmert hatte. Jetzt fehlte es dafür an allen Ecken und
Enden, und ehe sich die Bauern, die völlig den Kopf verloren, mit ihren
Eimern zu einer Kette bis zum nächsten Wasser gestellt hatten, loderten
die Flammen schon so hoch empor, um jedes Versuches zu spotten, von
_dieser_ Spritze bewältigt zu werden.
Und Niemand war außerdem da, der das Ganze geleitet hätte, denn der
Schulze, als Oberhaupt, kümmerte sich gar nicht um die Löschanstalten
und suchte nur von seinem Eigenthum zu retten, was zu retten war,
während seine Frau, mit aufgelösten Haaren und ganz außer sich, im Haus
herumstürzte und nur immer schrie:
„Das hat das nichtsnutzige Geschöpf, das hat die Falleri gethan, das
hat die Falleri gethan!“ -- und selbst bei der Arbeit draußen pflanzte
sich der Schrei fort.
Nun waren allerdings Einige unter den Leuten, die, solange nur noch des
Schulzen Haus brannte, meinten: „Ursach genug hätte sie dazu gehabt“ --
wie aber die Flamme immer höher wuchs, die nächsten Häuser faßte und
das ganze Dorf bedrohte, da brachen sich laute Verwünschungen über die
junge Brandstifterin Bahn, und ein Glück für sie, daß man ihrer in dem
Augenblick nicht an Ort und Stelle habhaft werden konnte: das vor Angst
halb wahnsinnige Bauernvolk hätte sie zerrissen.
Jetzt endlich rasselte auch vom nächsten Dorf eine Hülfsspritze
herbei -- ein Haus hatten die Leute, weil es das Feuer am leichtesten
fortpflanzen konnte, niedergerissen; der Wind erhob sich dabei
etwas, und trieb die Gluth auf die erste Brandstätte zurück, und
als nun auch zuletzt die Stadtspritzen mit ihrer gut organisirten
Rettungsmannschaft auf dem Platz erschienen, gelang es, etwas nach
Mitternacht, des Feuers so weit Herr zu werden, daß man wenigstens
dessen weitere Verbreitung verhindern konnte.
Als der erste Feuerlärm laut wurde, war die Frau Kunze in Todesangst
zu dem alten Brenner ins Zimmer gelaufen; Der aber fluchte, daß sie
ihn geweckt hätte. Was könne _er_ dabei thun? er wäre doch nicht
im Stande, selbst nur aufzustehen, viel weniger an einer Spritze zu
arbeiten; sie solle ihn zufrieden lassen und nur wieder kommen, wenn
ihre eigene Bude anfinge zu brennen.
Als der Morgen graute, war des Schulzen Haus und Hof mit noch fünf
Nachbarhäusern und sieben Scheunen eine wüste, rauchende Brandstätte,
auch manches Stück Vieh dabei umgekommen, das störrisch den Stall nicht
hatte verlassen wollen. Ja selbst zwei Menschen wurden vermißt, zwei
junge Burschen aus dem Ort, die wahrscheinlich durch stürzendes Gebälk
erschlagen worden, und deren schauerlich verbrannte Ueberreste man
später unter den Trümmern fand.
Die Aufregung in Osterhagen war aber furchtbar, und kaum wußte man sich
des Brandes Herr und die Gefahr beseitigt, als auch schon reitende
Boten, was ihre Pferde laufen konnten, nach der Stadt mußten, um dort
die Verhaftung der vermutheten Brandstifterin zu bewirken.
In dem von der Schulzin bezeichneten Hause fand man sie, wie nur die
erste Anzeige bei der Polizei gemacht war, allerdings nicht, und die
Leute dankten Gott, daß sie das Mädchen nicht bei sich aufgenommen
hatten, hinter dem jetzt schon die Gensdarmerie hersuchte; aber bald
darauf begegnete ihr einer der Osterhagener Burschen in der Straße, wie
sie ahnungslos, daß auf _sie_ gefahndet würde, eben nach einem
neuen Dienst suchte. Ein Polizeibeamter, dem sie bezeichnet wurde,
sprang hinzu und verhaftete sie, und Valerie fand sich wenige Minuten
später, noch dazu von einem spottenden und lärmenden Volkshaufen
begleitet, auf der Polizei, einem alten Herrn gegenüber, der ihr auf
das Ernsteste zuredete, ihr Verbrechen zu gestehen, und ihre Strafe
nicht noch durch hartnäckiges Leugnen zu verschärfen.
Valerie war fast sprachlos vor Schrecken, und der Untersuchungsrichter
schien das für ein Zeichen ihrer Schuld zu halten. Kaum aber erfuhr
sie, um was es sich hier handle, als sie, wohl mit todtesbleichen
Wangen, aber doch vollkommen fester Stimme, auf das Bestimmteste
bestritt, auch nur das Geringste von der Ursache des Brandes zu
wissen. Sie habe Osterhagen gestern Abend, lange vor Ausbruch des
Feuers, verlassen, und nie auch nur den Gedanken einer solchen That
gehegt.
Sie sollte jetzt angeben, wo sie die Nacht zugebracht. Sie erzählte,
wie sie von den Leuten, die sie in Dienst genommen, an der Thür wieder
abgewiesen und dann hinaus vor die Stadt gegangen sei, um die ziemlich
warme Nacht im Freien zuzubringen.
Der Untersuchungsrichter schüttelte dazu sehr bedenklich mit dem Kopf;
vor der Hand ließ sich aber nichts weiter in der Sache thun. Die
Angeklagte leugnete eben und mußte deshalb, bis sich weitere Beweise
herausstellten, in ihre Zelle abgeführt werden.
Valerie zitterte am ganzen Körper, als sie das Schreckliche vor
sich sah, was sie bis dahin nicht für möglich gehalten, daß man ihr
nämlich nicht auf ihr Wort glauben und sie frei lassen, sondern in das
Gefängniß führen wolle. Aber kein Wort der Bitte, was ihr doch auch
nichts geholfen hätte, kam über ihre Lippen; ruhig wendete sie sich ab
und folgte dem Schließer, der sie, bis die Untersuchung beendet war,
in eine Zelle allein führte und die Thür dann hinter ihr verschloß und
doppelt verriegelte.
Vor allen Dingen wurde jetzt an Ort und Stelle der Thatbestand
aufgenommen, und da stellte sich denn allerdings heraus, daß das Feuer
nicht gut konnte aus Fahrlässigkeit entstanden sein, sondern daß eine
absichtliche Brandstiftung als alleinige Ursache angenommen werden
mußte. Der Brand war nämlich nicht im Wohnhause oder der Küche, sondern
in einer abgelegenen Scheune ausgekommen, die nur durch einen, an
dem Tag gar nicht betretenen Holzschuppen mit dem übrigen Gehöft in
Verbindung stand. Man hatte sogar, als es heller Tag wurde, noch ein
Packet mit Schwefelhölzern, gar nicht weit von jener Stelle entfernt,
im Gras gefunden, das der Brandstifter jedenfalls dort verloren haben
mußte. Dieser Platz lag auch so abseits von dem eigentlichen Hauptweg
des Dorfes, daß man recht gut und unbemerkt von irgend einer Seite
dahin gelangen konnte, sodaß der Thäter kaum zu fürchten brauchte,
gestört zu werden. Deshalb wurde das Feuer auch in der That nicht eher
entdeckt, bis die Flamme schon das in der Scheune aufgeschichtete
Stroh ergriffen hatte und hoch emporloderte; und dann fraß es so rasch
und mit so wilder Gier um sich, daß an augenblickliche Hülfe nicht zu
denken war.
Des Schulzen erster Verdacht -- obgleich sich die Frau nicht davon
abbringen ließ, daß es niemand Anders als ihr weggejagter Dienstbote,
die Falleri, gewesen sein könne -- fiel allerdings auf den alten
Bänkelsänger, der Ursache genug hatte, ihn zu hassen, und dem er eine
derartige Rache auch schon zutraute. Brenner aber lag, als nach ihm
geschickt wurde, so von Gliederschmerzen geplagt im Bett, daß er sich
nicht rühren konnte, und die Aussage der Frau Kunze, die ihm vorher
seine Suppe gebracht, und ihn, gleich wie sie nur den ersten Feuerlärm
gehört, geweckt hatte, bewies ein so vollständiges Alibi, um jeden
Verdacht vollständig zu entkräften.
Es blieb also Niemand, der die That begangen haben konnte, als eben die
Gemeinde-Waise; und einer von des Schulzen Knechten sagte jetzt sogar
gegen sie aus: daß er das Mädchen, wohl anderthalb Stunden später, als
sie ihr Haus verlassen habe, und schon bei vollständig angebrochener
Dunkelheit noch im Dorf gesehen, aber weiter nicht auf sie geachtet
habe. Sie sei nur an der andern Seite der Straße gegangen, und es ihm
fast so vorgekommen, als ob sie nicht mit ihm zusammentreffen wolle.
Weshalb brauchte sie das aber zu scheuen, wenn sie ein reines Gewissen
hatte?
Des Schulzen Frau trat als andere Zeugin gegen sie auf, oder erbot sich
wenigstens dazu, und erklärte dem herausgekommenen Polizeibeamten, daß
diese Falleri das nichtsnutzigste, verstockteste Geschöpf sei, das sie
in ihrem ganzen Leben gesehen. Wie viel Gutes hätte sie und ihr Mann
der „Creatur“ gethan, und was sei ihr Dank dafür gewesen? -- nie auch
nur einmal ein freundlicher Blick oder ein vergnügtes Gesicht. Mürrisch
und verdrossen sei sie fortwährend im Haus herumgegangen, nie wäre ein
Wort aus ihr heraus zu bringen gewesen, und stundenlang habe sie vor
sich hingebrütet und ihre bösen Streiche ausgeheckt. _Die_ hätte
es hinter den Ohren, das wäre die Rechte, und es sollte sie nun auch
gar nicht wundern, wenn sie Stein und Bein leugnete und so unschuldig
thäte wie ein neugebornes Lamm.
Der Polizeibeamte befragte jetzt auch noch die übrigen Dienstboten
im Hause des Schulzen, konnte aber von diesen eben nichts besonders
Gravirendes erfahren. Sie sagten allerdings Alle aus, daß die Falleri
immer still und in sich gekehrt gewesen wäre, und Niemand erinnerte
sich, daß sie je gelacht hätte, aber für bös hatten sie sie nie
gehalten. Sie war gefällig, wo sie nur immer konnte, auch nie klatschig
oder zänkisch gewesen, und eigentlich schien es den Leuten, bei etwas
kälterem Blut, leid zu thun, daß sie sich, im Zorn vielleicht, der
letzt erfahrenen Mishandlung wegen, so weit vergangen haben sollte.
Von da ging dann der Beamte zu Baumstetter’s hinüber, wo er freilich
nur das Beste über das Mädchen hörte -- damals freilich war sie ja aber
auch noch fast ein Kind. Nur ihr verschlossenes Benehmen rügten sie
ebenso wie des Schulzen Frau.
Dann, um nichts zu versäumen, zog er auch im Gemeinde-Haus
Erkundigungen ein, und die „alte Kunzen“ meinte, als sie von dem
Verdacht hörte, der auf dem Mädchen lastete: „Na ja, Der habe ich es
schon lange prophezeit, daß sie es noch einmal zu so was bringen würde,
denn das ist ein schlechtes, undankbares Geschöpf und verdient die
Brotkruste nicht, die sie kriegt.“ Etwas Bestimmtes wußte sie aber auch
nicht über Valerie anzugeben.
Weit anders aber nahm der alte Bänkelsänger die Nachricht auf, daß man
die „Falleri“ im Verdacht der Brandstiftung und deshalb eingefangen
habe. Im ersten Moment fuhr er wie der Blitz von seinem Lager in die
Höhe, fiel dann aber auch gleich wieder mit einem Schmerzensschrei auf
seine Matratze zurück und stöhnte:
„Oh mein Rücken! -- wenn ich mich nur regen könnte!“
„Und wißt Ihr etwas über das Mädchen anzugeben“, frug der Beamte,
„das zu ihren Gunsten spräche, oder den einmal gefaßten Verdacht
bestätigte?“
„Ja“, sagte der Alte nach einer Weile, in der er sich erst mit
augenscheinlichem Schmerz auf seinem Lager gewunden, denn jedenfalls
hatte ihm die plötzliche Bewegung weh gethan, „allerdings habe ich das,
Herr Polizeicommissar, und zwar weiter nichts, als daß die Falleri
das bravste und beste Kind ist, was je von nichtsnutzigem, geizigem,
schmierigem Volk schlecht behandelt und unter die Füße getreten wurde.
Mein Geschäft war früher, Mordgeschichten abzusingen, um den Leuten
für ein paar Sechser abschreckende Beispiele vor Augen zu führen, und
ich habe in meiner Zeit viele schreckliche Blut- und Schauderscenen
abgeleiert, aber nie im Leben -- selbst nicht nach jenem Scheusal, das
seine eigene Schwiegermutter umbrachte -- eine Lebensbeschreibung, die
so viel Jammer und Elend enthält, als die des Kindes, das Sie jetzt der
Brandstiftung bezichtigen.“
„Also sie halten das Mädchen für schuldlos?“ sagte der Polizeicommissar.
Der Alte sah ihn groß an, drehte sich dann plötzlich mit vieler
Leichtigkeit auf die andere Seite und erwiederte kein Wort mehr.
Der Beamte erfuhr auch allerdings nichts weiter im Dorf, als daß
die Gefangene an dem Abend von ihrer bisherigen Miethsherrin, des
Verdachtes eines allerdings unerwiesenen Diebstahls wegen, geschlagen
sei, im Aerger und in der Aufregung das Haus verlassen habe und etwa
noch eine Stunde später und nach angebrochener Nacht im Dorf gesehen
wäre. Damit fuhr er in die Stadt zurück und beschied nur noch vorher
auf morgen früh zum Zeugenverhör des Schulzen Frau und jenen Knecht,
der die Angeklagte am gestrigen Abend im Dorf noch spät gesehen haben
wollte.
Indessen hatte den alten Bänkelsänger im Gemeinde-Haus eine ganz eigene
Unruhe erfaßt. Er warf sich fortwährend auf seinem Lager hin und her
und ruhte nicht eher, bis die Frau Kunze noch einmal zum Bader hinüber
ging, daß der käme und ihm etwas zum Einreiben gäbe. Er _müßte_
gesund werden, wie er sagte, und wieder aufstehen und in die Stadt
gehen, um selber zu sehen, was sie mit der Falleri anfingen, denn dem
Kinde dürfe kein Unrecht geschehen, und wenn er selber darüber zu Grund
gehen sollte.
Der Bader kam auch gegen Abend und brachte ihm eine Salbe mit, die er
selbst erfunden haben wollte, und die außerordentlich heilkräftig sein
sollte. Damit rieb er sich ein, wickelte sich in seine wollene Decke
und schlief dann ein.
Die Salbe mußte aber doch nicht recht gewirkt haben, oder er war
auch vielleicht in der Nacht ruhiger geworden, denn er verließ am
nächsten Morgen sein Bett noch nicht, sondern erklärte nur, daß er sich
bedeutend besser fühle und in den nächsten Tagen hoffe, aufstehen zu
können.
Sechstes Kapitel.
Die Brandstifterin.
Am nächsten Morgen sollte das erste Verhör stattfinden, und der alte
Untersuchungsrichter hatte, in der Ueberzeugung, daß die Verbrecherin
auch heute leugnen würde, schon einen Wagen bestellt, auf dem sie --
unter starker Bedeckung natürlich -- an Ort und Stelle geführt werden
konnte. Dort lagen auch die Leichen der bei dem Brand verunglückten
Menschen, und wenn man ihr so die Folgen ihrer That vor Augen führte,
hätte ein verstockteres Herz dazu gehört, als es das Kind besaß, das
Vollbrachte selbst in deren Gegenwart noch abzuschwören.
Außerdem waren auf elf Uhr die Zeugen aus Osterhagen bestellt und
warteten schon im Vorzimmer -- der Knecht in seiner besten Jacke, des
Schulzen Frau in riesiger, mit Bändern behangener und reich gestickter
Mütze, den vollen Busen mit einer Unzahl silberner Ketten und andern
Schmucksachen behangen, denn das Alles hatte sie aus dem Brande
gerettet; war das doch ihre erste Sorge gewesen.
Der Untersuchungsrichter saß schon in seinem Bureau, der Protocollant
mit einer Anzahl geschnittener Federn am Tisch vor einer ganzen Schicht
neuer Papierbogen, unbeschriebener „Acten in Sachen der Valerie Edmund
wegen Brandstiftung“. Einer der Polizeibeamten wurde jetzt beordert,
die Gefangene herunter zu holen.
Der Gefängnißwärter hatte sie gestern Abend, als er ihr einen Krug mit
Wasser und ein Stück Brot brachte, verlassen, wie sie mit gefalteten
Händen auf ihrer Pritsche saß und still und regungslos vor sich nieder
starrte -- so saß sie noch, als er die Thür um elf Uhr Morgens wieder
öffnete; so mußte sie die ganze Nacht gesessen haben, denn die wollene
Decke, die er ihr, zusammengefaltet, auf die Matratze gelegt, war nicht
von ihrer Stelle genommen und das Lager jedenfalls unberührt.
„Hallo, Mädel!“ rief der Mann erstaunt, „bist Du die ganze Nacht da
so sitzen geblieben? Was? und keinen Bissen gegessen, keinen Schluck
getrunken? Das thut’s nicht, Kind“, setzte er kopfschüttelnd hinzu,
„dabei kommst Du von Kräften und gehst zu Grunde. Wenn das Verhör nun
jetzt ein paar Stunden dauert, wie willst Du’s aushalten?“
„Es wird nicht so lange dauern“, sagte das junge Mädchen leise.
„Ja, wer kann’s wissen“, brummte der Alte; „aber Du sollst hinunter
kommen. Die Herren sind Alle schon da -- willst Du Dich nicht ein
bischen zurecht machen? Du siehst ja ganz blutig im Gesicht aus.“
„Zum Verhör soll ich kommen?“ sagte Valerie und stand von ihrer Bank
auf.
„Ja wohl, Kind -- wasch Dir nur erst einmal das Blut von der Stirne.“
Valerie erwiderte kein Wort weiter; sie ging zu dem in der Ecke
stehenden blechernen Waschkumpen und badete sich Gesicht und Hände in
dem frischen Wasser, strich sich dann die Haare glatt und sagte leise:
„Lassen Sie uns gehen; je eher desto besser.“
Der Gefängnißwärter schüttelte mit dem Kopf. Er hatte in seinem langen
Leben manche Erfahrung gesammelt und die Charaktere seiner zahllosen
Gefangenen nicht ohne Erfolg studirt. Diese hier kam ihm aber nicht
wie eine bösartige Verbrecherin vor, und trotzdem schien sie ganz in
einander gebrochen und sah auch so merkwürdig bleich und elend aus.
Aber was ging’s _ihn_ an; er that nur seine Pflicht, und sein
Schlüsselbund aufgreifend, öffnete er der Gefangenen die schmale Thür
und führte sie die Treppe hinab durch den Corridor zu dem Zimmer des
schon seiner harrenden Assessors.
In dem Corridor saß des Schulzen Frau in all ihrem Staat, und neben ihr
stand der Knecht vom Hof, der ebenfalls mit als Zeuge einberufen war,
und als Valerie an ihr vorüber ging, rief sie aus:
„Oh, das schlechte, miserabliche Ding! -- sollte man es denn für
möglich halten!“
„Wenn _Sie_ das Maul nicht halten“, sagte aber der alte
Gefängnißwärter, der sich nach ihr umdrehte, „so werden Sie ebenfalls
eingesteckt und kommen auf Numero Sicher. Hier hat Niemand zu reden,
der nicht gefragt wird“.