Miene von der Welt. „Du lieber Gott, was kann man mit einem Stück Holz
anders wollen als Feuer machen. Es wird Essenszeit, Herr Schulze, und
die paar Kartoffeln kann man doch nicht roh essen.“
Der Schulze warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es war, als ob
er das Mädchen noch einmal anreden wolle; aber er mußte sich anders
besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich kurz auf seinem Absatze
herum und verließ das Haus. Valerie aber, die noch immer gefürchtet,
daß der finstere Mann seinen ersten Versuch, ihr die Kleinodien zu
entreißen, wiederholen könne, stand regungslos in ihrer alten Stellung,
das goldene Kreuzchen und den Ring fest mit ihren kleinen Händen
haltend, in der Ecke und verwandte kein Auge von dem Schulzen, bis er
die Thür hinter sich ins Schloß geworfen. Der alte Bänkelsänger aber,
sich auf den Knüppel stützend, den er noch immer in der Hand hielt,
rief mit seinem heiseren Lachen:
„Hab’ keine Bange mehr, Falleri, _Der_ kommt nicht wieder, da
kannst Du sicher sein, denn er traut nicht, und so alt diese Knochen
auch sein mögen, so viel Kräfte hätten sie doch noch gehabt, um dem
Schuft den Schädel breit zu klopfen.“
„Oh, wie dank ich Euch, daß Ihr mir das Andenken meiner armen Mutter
bewahrt habt“, rief das Kind -- „wäret Ihr nicht dazu gekommen, er
hätte es mir sicher weggenommen, und ich wäre dann elend mein ganzes
Leben lang gewesen.“
„Der Lump, der“, brummte der Alte zwischen den Zähnen durch; „im Stande
wär’ er’s gewesen. Man kann’s ihm aber an den Augen ablesen; sieht
der Kerl nicht aus, als ob er mit seinem Gesicht auf einem Rohrstuhl
gesessen hätte! Komm _Du_ mir nur!“
„Aber er wird jetzt böse auf _Euch_ sein“, sagte schüchtern
Valerie.
„Bah, böse! -- als ob der _gut_ auf einen Menschen wäre, außer auf
sich selber. Laß Dir das keine Sorgen machen, Kind, denn das kauf’ ich
billig, wie Der auf mich zu sprechen ist. Was wir hier nicht kriegen
_müssen_, kriegen wir doch nicht, und da kann er, Gott sei Dank,
allein nichts d’ran thun, denn das ist Gemeindesache.“
„Aber wo wollt Ihr nur das viele Geld für mich hernehmen?“ frug jetzt
das Mädchen schüchtern, „und wie soll ich’s Euch je wieder zahlen?“
„Papperlapapp, das ist _meine_ Sorge“, lachte der Alte; „der
Schulze hätt’s freilich gern gewußt, aber Dem werd’ ich’s bei Gott
nicht auf die Nase binden. Wenn ich’s nur schaffe, Kind, wo’s nachher
herkömmt, ist ganz gleichgültig; Du aber kriegst Deine Montirung und
damit Basta!“ -- und damit warf er den Buchenknüppel in die Ecke nach
dem Ofen und schlenderte in seine eigene Stube hinüber.
Zwei Stunden nachher verließ er das Dorf und wanderte in der Richtung
nach der Stadt zu, kam auch die Nacht nicht zurück und selbst bis zum
nächsten Mittag nicht. Erst gegen Abend hörte Valerie seine heisere
Stimme, wie er draußen, an dem Haus vorbei, eines seiner alten
Lieder sang, und sprang in die Thür. Aber er kam nicht herein, nur
triumphirend hob er einen kleinen schmuzigen Lederbeutel in die Höhe
und schwenkte dabei seinen Knotenstock um den Kopf. Er hatte jedenfalls
das Geld, ging auch damit stracks auf des Schulzen Wohnung zu. Dort
aber blieb er nicht lange, sondern kam jetzt, in bester Laune von der
Welt, zum Gemeindehaus zurück, wo er vor allen Dingen der „Falleri“
auftrug, einen Kessel mit Wasser auf’s Feuer zu setzen, denn sie
wollten heute hoch leben. Dabei holte er eine Flasche mit Branntwein
und ein Packet mit Zucker aus der Tasche, was er aber vorsichtig
hinter dem Ofen versteckte und ein paar Stücken Holz davor stellte,
und brachte dann sogar ein Stück Kuchen zum Vorschein, das er, wie
er sagte, für die „Falleri“ eingekauft, damit sie auch einmal wieder
erführe, wie Kuchen schmecke.
Der Mann war aber schon etwas angetrunken, wie er das Haus betrat,
und als er den Grog erst fertig hatte, zu dem die Frauen und Valerie
natürlich eingeladen wurden, verbesserte sich sein Zustand nicht. Er
wurde immer lauter, fing an zu singen und fiel endlich von seinem Stuhl
herunter, wo er regungslos auf der Erde liegen blieb und einschlief.
Valerie hätte ihn gern auf sein Bett geschafft, aber die beiden Frauen
wollten nicht mit angreifen, weil er, wie sie meinten, zu schwer sei.
Er könne überdies auch gleich da seinen Rausch ausschlafen, denn ob er
auf den Steinen oder in einem Bett läge, sei ihm doch einerlei.
Das kleine Mädchen holte ihm endlich sein Kopfkissen herüber und seine
wollene Decke, die sie ihm, so gut es eben gehen wollte, unterschob,
und ihn mit dem andern Ende zudeckte. Weiter _konnte_ sie für ihn
nichts thun und mußte ihn da die Nacht verbringen lassen.
Es war ein alter, roher, widerlicher Mensch, aber der Einzige auf der
weiten Gottes-Welt, der ihr, seit sie ihre liebe Mutter verloren, Gutes
gethan hatte, und wie dankbar fühlte sie sich ihm dafür!
Wie der alte Bänkelsänger am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich
erst etwas erstaunt um, denn er schien nicht gleich zu wissen, wo er
sich befand. Valerie stand am Herd und kochte ihre Morgensuppe. Er sah
sie an und seine Decke und sein Kopfkissen, und sagte endlich:
„Falleri -- hast Du mir das hierher geschleppt?“
„Ihr lagt da so schlecht und hart gestern Abend“, sagte das Kind.
Der Alte erwiderte nichts; er stand auf, raffte sein Bettzeug zusammen
und wandte sich, um die Küche zu verlassen. Ehe er aber ging, sagte er,
viel freundlicher als er noch je gesprochen:
„Du bist ein gutes Kind, Falleri; ich dank Dir auch vielmals“, und
damit schritt er in seine Stube hinüber. --
Die Tage vor der Confirmation Valeriens gingen jetzt rasch vorüber;
sie bekam auch zur rechten Zeit ihren Anzug, den ihr des Schulzen
Frau von dem Gelde des Bänkelsängers geschafft hatte, und sie bestand
ihre Prüfung gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter als die
übrigen Kinder. Sie wußte alle die aufgegebenen Sprüche auswendig
und antwortete auf die an sie gerichteten Fragen in der richtigen,
vorgeschriebenen Form, ohne sich -- wie die meisten übrigen Kinder auch
-- etwas Besonderes dabei zu denken. Die schöne Lehre des Christenthums
war ja in so viele unverständliche oder schwülstige Phrasen eingehüllt,
daß ein klarerer Kopf dazu gehörte, als ihn ein vierzehnjähriges Kind
besaß, um den edlen Kern aus der wulstigen Schale heraus zu finden.
Sie gab sich dazu auch keine Mühe und war nur froh, als sie das Ganze
überstanden hatte.
Daß sie dabei als Letzte der Confirmantinnen stand und, als es vorbei
war, auch von Niemanden -- wie doch alle die übrigen Kinder --
eingeladen wurde, verstand sich von selbst und that ihr nicht besonders
weh. Sie war ja die Gemeinde-Waise und daran gewöhnt, zurückgesetzt
zu werden. Eines nur gab ihr einen Stich in ihr junges Herz, und auch
weniger der Worte und Bedeutung als der Art wegen, mit der es zu ihr
gesagt wurde. Gerade nämlich, als sie aus der Kirche trat, wo die
übrigen Kinder von ihren auf sie stolzen Aeltern empfangen wurden,
trat der Schulze auf sie zu und sagte, einen Glückwunsch weiter nicht
für nöthig haltend:
„Na, Falleri, heute hast Du noch frei, morgen früh aber nimmst Du
Deine Sachen und ziehst zu Baumstetter’s hinüber, die Dich vorläufig
in Dienst nehmen wollen. Bist Du erst einmal ein Vierteljahr dort,
dann kannst Du Deinen Miethcontract mit ihnen selber machen, denn Du
wirst jetzt alt genug dazu“, und ehe die Confirmantin ihm etwas darauf
erwidern konnte, drehte er sich ab, um seine eigene Tochter aufzusuchen
und zu begrüßen.
Viertes Kapitel.
Im Dienst.
Am nächsten Morgen zog Valerie an, wie man es dort in der Gegend
nannte, d. h. sie nahm ihr dürftiges Bündel unter den Arm und meldete
sich bei ihrer neuen Dienstherrschaft.
Vorher verabschiedete sie sich von den Bewohnern des Gemeindehauses,
mit denen sie so lange Leid und Armuth getheilt, und viel
Freundlichkeit ließ sie da nicht zurück. Die neu hinzugekommene Frau
mit den beiden Kindern, obgleich sie die Kleinen oft und oft gepflegt,
hatte sich nie um sie bekümmert, und eigentlich nur mit ihr gesprochen,
wenn sie etwas von ihr verlangte; sie reichte ihr auch jetzt nur die
Hand und sagte gleichgültig „Adjes“. Die Alte aber kauerte in ihrer
Ecke und schien viel mehr beleidigt als betrübt über den Abschied
des jungen Mädchens, das sie halb und halb sogar der Undankbarkeit
beschuldigte.
„Na ja“, knurrte sie, „jetzt hat man sich die Jahre über mit der Krabbe
gequält und sie ein Bischen vorwärts gebracht, und nun sie Einem was
nützen könnte und größer und stärker geworden ist, läuft sie Einem
davon -- aber wo findet man jetzt noch Dankbarkeit!“
„Aber Frau Kunzen“, sagte Valerie betrübt, „kann _ich_ denn etwas dazu?
ist es mein freier Wille? Der Schulze hat mich ja vermiethet, und ich
darf gar nicht mehr in dem Haus bleiben -- wenn ich selbst wollte.“
„So mach’, daß Du fortkommst“, brummte die alte Schullehrers-Wittwe,
„wir können auch ohne Dich fertig werden.“
Das war der ganze Abschied, den sie von der Frau erhielt, für die sie
Jahre lang gearbeitet hatte und ihr gefällig gewesen war, wo sie ihr
etwas an den Augen absehen konnte.
Traurig schlich sich Valerie nach der Kammer des alten Bänkelsängers;
sie fürchtete fast, daß er sie ebenfalls ohne ein freundliches Wort
entlassen würde. Darin hatte sie sich aber gewaltig geirrt. Der alte
Bursche war roh und wüst genug, aber doch nicht ohne Gemüth, und
sonderbarer Weise hatte er einmal zu dem Kind eine besondere Vorliebe
gefaßt, die vielleicht auch nur darin wurzelte, daß sie das einzige
lebende Wesen war, das er protegiren konnte.
Der Alte war mit einer wunderlichen Arbeit beschäftigt. Er hatte sich
ein Stück weißes Wachstuch mit aus der Stadt gebracht sowie ein paar
Pinsel und ordinäre Farben, und saß jetzt vor dem aufgehangenen und in
Felder abgetheilten Tuch und malte eine seiner alten Mordgeschichten
aus. Die rothe Farbe spielte dabei auch eine große Rolle -- die Männer
trugen sämmtlich rothe Hosen und die Frauen rothe Tücher und blaue
Kleider, und Blut floß schon auf der dritten Abtheilung, auf der eine
ganze Familie abgeschlachtet wurde, in Strömen.
Valerie öffnete schüchtern die Thür, der alte Bänkelsänger sah sie aber
kaum, als er auf die Füße sprang und, seinen Pinsel fortwerfend, ihr
die Hand entgegenstreckte.
„Hallo, Falleri“, rief er dabei, „schon reisefertig! Na, Abschied
brauchen wir nicht von einander zu nehmen, und Du gehst nicht aus der
Welt -- wir werden uns auch oft genug zu sehen kriegen -- vielleicht
öfter als Dir lieb ist.“
„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen leise; „Sie sind immer
gut gegen mich gewesen, und ich bin gewiß nicht undankbar, wie die alte
Frau Kunzen meint.“
„Der alte Drachen soll zum Teufel gehen!“ brummte Brenner. „_Die_ hat
von Undankbarkeit zu reden -- daß Du ersticktest -- wenn ich nur so
was nicht hören müßte. Aber laß sie schwatzen -- Du ziehst jetzt zu
Baumstetter’s hinüber?“
„Ja, Herr Brenner.“
„Na, da brauchst Du auch nicht zu sagen: Gott straf’ mich, denn da bist
Du gestraft genug.“
„Sind die Leute so bös?“
„Nein, bös nicht, Kind“, sagte der Alte, „sie könnten schlimmer sein
und sollen ihre Leute nicht schlecht behandeln, aber die Alte ist so
krank, daß es niemand lange bei ihr aushält. In den letzten sechs
Monaten haben sie sieben verschiedene Wärterinnen gehabt -- sie mochten
Lohn über Lohn bieten, es half nichts. Apropos, wie viel kriegst Du
denn?“
„Im ersten Vierteljahr noch nichts. Ich soll auf Probe dienen.“
„Daß der Teufel den verdammten Schulzen hole!“ rief der Bänkelsänger,
seine rechte Faust in die linke Hand schlagend, „umsonst sind Die
nicht verschwägert zusammen, und in solch einen Hundedienst ohne Lohn
schicken sie das Kind!“
„Aber kann ich’s ändern?“ sagte Valerie traurig.
„Nein, Herz“, knurrte der Alte, „wir Beide nicht, oder, Gott straf
mich, ich -- na ja, das Fluchen hilft auch eben nichts, und die
Menschen thun deshalb doch was sie wollen. Na, geh hin; ich würde Dir,
wie sie es auf dem Theater machen, meinen Segen geben, aber ich fürchte
beinah’, er möchte Dir nicht besonders viel helfen. Uebrigens werd’ ich
von Zeit zu Zeit einmal hinüber kommen und nachsehen und vielleicht --
holt ja der Teufel auch die Alte bald, daß Du von Deiner Plackerei frei
kommst.“
„Aber Herr Brenner --“
„Du hast recht, Schatz“, sagte der Alte mürrisch, „sie hat mir noch nie
was zu Leide gethan -- na geh, Kind -- ich möchte mein “Gemälde„ noch
heute fertig bringen, und da muß ich mich dazu halten, sonst werden mir
die Klexe trocken“, damit schüttelte er Valerie die Hand, drehte sich
um und fiel plötzlich mit so lauter Stimme in eines seiner alten Lieder
ein, daß das Kind ordentlich zusammenschrak. Sie wäre auch gleich
gegangen, aber sie mußte dem Manne doch noch etwas über ihre Schuld
gegen ihn sagen, damit er nicht etwa glaube, daß sie die, mit dem
Weggange aus dem Gemeindehause, ebenfalls abschütteln wolle.
„Lieber Herr Brenner“, sagte sie schüchtern -- aber der Mann hörte
nicht; er sang ruhig weiter.
„Lieber Herr Brenner“, wiederholte sie noch einmal und berührte seinen
Arm.
„Ja Kind? -- so, Du bist noch da? Willst Du was?“
„Ich wollte Ihnen nur sagen“, flüsterte Valerie schüchtern, „daß ich,
wenn ich auch das erste Vierteljahr keinen Lohn bekomme, doch ganz
gewiß gleich nachher jeden Pfennig sparen werde, um Ihnen --“
„Und der Mörder mit der Leiche
Auf der Schulter ward gesehn,
Wie er über eine Bleiche
That beim Mondenscheine gehn.“
sang Brenner plötzlich und mit so lauter Stimme und ließ sich nun auch
in seinem schauerlichen Lied nicht wieder unterbrechen, daß Valerie
jeden Versuch dazu aufgeben mußte. Er drehte sich auch gar nicht mehr
nach ihr um, und das Kind schlich jetzt, mit seinem Bündelchen in der
Hand, in das Dorf hinein und zu dem Bauern Baumstetter hinüber, wo sie
die Frau desselben, da er selber auf dem Feld draußen war, gleich in
Empfang nahm.
Die erste Anrede war auch keine besonders freundliche.
„Mädel, wie siehst Du aus! -- geh erst einmal an die Pumpe und wasche
Dich und mach’ Dir Dein Haar -- und das jeden Morgen, verstehst Du?
Denn so mag ich Dich nicht im Haus herumlaufen haben.“
Die Frau hatte nicht Unrecht; Valerie war in der wüsten Umgebung des
Gemeindehauses wirklich verwildert, dabei wohl in die Höhe geschossen,
aber entsetzlich mager geblieben, so daß die großen dunkeln Augen fast
unheimlich in ihren Höhlen lagen. Aber sie kam jetzt unter bessere,
weil strenge Hände, und die Frau steppte ihr selber noch an dem
nämlichen Tag aus ihren alten Röcken einen zurecht, daß sie wenigstens
unzerlumpt und reinlich im Haus herumgehen konnte; den alten Kittel
mußte sie augenblicklich ausziehen und wegwerfen; er war nicht einmal
mehr zum Flicken zu gebrauchen. Dann erst überkam sie die Pflege der
alten Bäuerin und fand bald die Wahrheit alles dessen bestätigt, was
ihr Brenner über die aufgebürdete Last gesagt.
Die alte Frau lag schon über Jahr und Tag in der Auflösung begriffen,
sie war am ganzen Körper wund, und Monate lang hatte der Bader schon
ihren Tod als stündlich bevorstehend verkündet -- aber sie starb nicht.
Der zähe Körper hielt die Seele fest, und der Aufenthalt bei der
Leidenden war so unerträglich geworden, daß die eigene Tochter nur auf
Minuten zu ihr ins Zimmer kam.
_Diese_ Pflege überließ man dem kaum dem Kindesalter entwachsenen
Mädchen, und nur dem Leben im Gemeindehaus vielleicht verdankte es
Valerie, daß sie im Stande war, da auszuharren, und nicht körperlich zu
Grunde ging.
Zwei volle Monate pflegte sie die Kranke unermüdlich. Sie kam in
der ganzen Zeit fast in kein Bett, und nur, wenn sie das gebrauchte
Geschirr aufwaschen mußte, an die freie Luft. Endlich erlöste der
Tod der alten Frau diese und Valerie, ja das ganze Haus von der
entsetzlichen Qual, und Valerie wurde ihres Dienstes quitt. Die Frau
Baumstetter würde sie aber doch vielleicht im Haus behalten haben,
denn sie sah, daß sie fortwährend still und willig ihre Arbeit that,
und nicht eine Klage war in der ganzen Zeit über ihre Lippen gekommen
-- aber das verschlossene, scheue Wesen des Mädchens gefiel ihr nicht.
-- „Die hat’s hinter den Ohren“, pflegte sie oft zu sagen, „aber sie
gibt’s nicht aus, bis einmal ihre Zeit kommt.“ Uebrigens hatte sie
auch keine weitere Beschäftigung für sie, denn im Stall war sie ihr
nicht stark und kräftig genug, und sie verabredete deshalb mit des
Schulzen Frau, die gerade ein Hausmädchen brauchte, daß diese sie von
da an in Dienst nehmen sollte, denn untergebracht mußte sie nun einmal
werden.
Valerie erschrak, als sie hörte, daß sie in des Schulzen Dienst kommen
sollte, denn erstlich war des Schulzen Frau als bös und zänkisch im
ganzen Ort verschrieen, und dann fürchtete sie den Schulzen selber seit
jenem Morgen mit allen Fasern ihres jungen Herzens. Aber was half es?
Einen freien Willen hatte sie ja doch nicht; sie mußte hingehen, wohin
man sie schickte -- und sie ging.
Die Frau Baumstetter hatte ihr noch, ehe sie das Haus verließ, aus
„Erkenntlichkeit“ ein paar alte Kleider geschenkt, denn Lohn bekam sie
ja noch nicht -- die durfte sie sich jetzt selber zurecht machen, denn
mit der Nadel wußte sie ziemlich geschickt umzugehen, und die Frau des
Schulzen sah darauf, daß ihre Dienstboten anständig aussahen, war sie
ja doch die „erste Frau im Dorf.“ Sie sollte auch hauptsächlich für
Nähereien im Haus verwandt werden, denn dadurch sparte man die überdieß
theuern Näherinnen, die so unverschämt waren, einen ganzen Tagelohn
für ihr „Flickwerk“ zu verlangen.
Valerie hatte es jetzt, was ihre Arbeit betraf, besser als im vorigen
Haus, denn wenn sie auch Morgens schon um vier Uhr heraus mußte, um
überall mit zu helfen und dann Abends, bei einer trüben Oellampe bis um
zehn Uhr regelmäßig beim Spinnrad, oder auch manchmal sogar bei einer
Näherei saß, obgleich sie die Stiche in der Dunkelheit kaum erkennen
konnte, brauchte sie doch nicht mehr die Sterbende in ihrer furchtbaren
Krankheit zu pflegen, und konnte wenigstens von zehn bis vier Uhr ruhig
schlafen. -- Aber sonst bekam sie es viel schlechter im Haus, denn wenn
ihr bei Baumstetter’s kaum je ein unfreundliches Wort gesagt wurde,
hörte beim Schulzen und seiner Frau das Zanken gar nicht auf, und daß
sie nie eine Sylbe darauf erwiderte, wurde ihr für Störrigkeit und
Verstocktheit ausgelegt. Ja, die Frau war so heftig, daß sie das arme
Mädchen oft bei Seite stieß oder auch schlug, wenn sie ihr einmal im
Weg stand oder etwas nicht recht anfaßte; was brauchte man auch mit der
„hergelaufenen Range“ viel Umstände zu machen!
Auch unter den übrigen Knechten und Mägden hatte sie keine Freunde,
denn sie lachte nie oder ging auf irgend einen der rohen Scherze
ein, sondern war immer nur still und verschlossen bei ihrer Arbeit,
sodaß man kaum eine Antwort aus ihr heraus bekommen konnte. Sonntag
Nachmittags, wenn sie die Erlaubniß einmal bekam, auszugehen, wanderte
sie dann allein auf den Kirchhof hinaus und besuchte das Grab ihrer
Mutter, und dort konnte sie Stunden lang mit gefalteten Händen
sitzen und den kleinen Hügel anschauen. -- Aber sie weinte nie,
und nur manchmal sang sie, mit einer glockenhellen Stimme, kleine,
schwermüthige Lieder, die man aber im Dorf nicht kannte und die sie
noch von ihrer Mutter gelernt haben mußte. Sobald sie aber nur merkte
oder selbst Verdacht schöpfte, daß sie belauscht wurde, schwieg sie
augenblicklich still.
Die einzige Freundin, die sie im Dorfe hatte, war die alte Nachbarin
ihrer Mutter, die sie jedesmal, sobald sie vom Kirchhof kam, besuchte;
auch beim Gemeindehaus ging sie manchmal vorüber, um ihrem alten
Beschützer guten Tag zu sagen. So viel sie dieser aber auch ausfrug,
wie es ihr ginge und wie sie behandelt würde, so klagte sie ihm nie
ihre Noth und behauptete immer: gut. Aber der Alte wußte es besser;
erstlich kann so etwas nicht geheim gehalten werden, denn ein paar
Mägde, die mit der Schulzin Streit gehabt und den Hof verließen,
erzählten es im Dorfe weiter, wie hart sie mit dem armen Kinde umgehe,
und dann zeigte es auch schon ihr ganzes abgehärmtes Aussehen deutlich
genug.
„Und was Du für rothe Ränder um die Augen hast, Kind“, sagte der Alte
kopfschüttelnd. „Gott straf’ mich, ich glaube, die hoffärtige Hexe läßt
Dich sich noch blind bei ihrer magern Oelfunzel nähen.“
„Es ist nur eine Erkältung, Herr Brenner.“
„Von -- ich hätte bald was gesagt“, knurrte der Alte, „mach’ Du mir
was weiß, willst Du? Herr Gott, was ich für eine Wuth auf den Lump,
den Schulzen, habe! -- umbringen könnt’ ich den Schuft. Weißt Du
denn, daß er neulich in der Gemeinde den Vorschlag gemacht hat, mich
aus dem Gemeindehause zu stoßen, weil ich immer Geld hätte und mich
selbst ernähren könnte? Die andern Bauern wollten nur nicht, aber der
nichtsnutzige Hallunke hätte mich mit Vergnügen auf die Straße gesetzt.“
„Er ist Ihnen nur böse wegen mir, Herr Brenner“, sagte Valerie scheu;
„o, wie mir das leid thut!“
„Wegen Dir, nein wahrhaftig nicht“, beruhigte sie der Bänkelsänger,
„das ist eine ganz andere alte Geschichte, und unsere Freundschaft
schreibt sich aus weit früherer Zeit, aber -- er kennt mich, und
spricht nicht gern davon -- was auch das Beste ist, denn solche alte
Dinge aufzurühren, thut selten gut.“
Valerie ging dann nach solcher Unterredung still nach Hause. Brenner
aber ließ sein Ingrimm keine Ruhe, und er verfiel auf eine andere, ihm
ganz eigenthümliche Art, den Schulzen zu ärgern.
Seine Mordgeschichte hatte er nämlich fertig, und die Leinwand war auf
beiden Seiten, zwei verschiedene Schreckensfälle behandelnd, angemalt.
Diese spannte er kunstgerecht auf, holte sich eine lange Stange aus dem
nahen Walde und stellte sich nun damit vor des Schulzen Haus auf, um
sie abzusingen.
Natürlich liefen die Knechte und Mägde in allem Jubel heraus und hörten
zu, und als der Schulze nach Hause kam, war kein Mensch bei der Arbeit.
In allem Grimm wollte er den „Künstler“ auch fortjagen, aber dieser
behauptete, er bettele nicht oder singe nicht für Geld, er treibe
die Sache nur zu seinem Vergnügen, aus alter Anhänglichkeit an sein
Geschäft -- er müsse auch eine Beschäftigung haben, wenn er hier in
dem elenden Nest nicht wahnsinnig werden solle, und das könne ihm kein
Mensch verwehren.
Die übrigen Bauern, von denen natürlich auch manche den Schulzen nicht
leiden mochten, gaben ihm Recht oder sahen wenigstens keinen Grund,
weshalb man dem Manne verwehren sollte, auf der Straße zu singen oder
sein Bild zu zeigen -- verlangte er doch nicht einmal etwas dafür, und
der Schulze mußte sich, ob er wollte oder nicht, der Majorität fügen.
So verging ein volles Jahr, und Valerie hatte jetzt zum ersten Mal,
wenn auch nur geringen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Was sie aber
konnte -- denn sie hielt jetzt etwas auf wenigstens reinliche und
unzerrissene Kleidung -- sparte sie zusammen, bis sie dem Bänkelsänger
ihre Schuld abtragen konnte, und wenn es dieser auch nicht nehmen
wollte, weil er behauptete, daß er es doch vertränke, ließ sie nicht
nach, bis sie die Schuld von ihrem Herzen wußte.
Die Verhältnisse im Hause des Schulzen wurden aber mit jedem Tag
schlimmer; der Mann war selber in Schulden gerathen und dadurch
mürrisch und verdrießlich, die Frau natürlich nicht besserer Laune, und
wer das Alles entgelten mußte, war Niemand Anderes als die unglückliche
Waise.
Valerie zeigte aber, daß sie nicht mehr das arme unterdrückte und
widerstandlos mishandelte Kind von früher sei. Eines Sonntags, als sie
wieder auf den Nachmittag frei bekam, ging sie nicht auf den Kirchhof,
sondern in die nächste Stadt, und suchte und fand dort einen andern
Dienst bei einer Herrschaft, die sie jedenfalls von der Tyrannei der
Schulzenfrau befreite. Diese aber war außer sich, als das junge Mädchen
nach Hause kam und ihr für den ersten nächsten Monats die Stelle
aufkündigte. Die „Frechheit“ und „Undankbarkeit“, wie sie es nannte,
war zu bodenlos, und Valerie hatte, da sie nichts dagegen ausrichten
konnte, von dem Tag an die Hölle auf Erden.