„Komm, Kind, das nützt Alles nichts -- das Grübeln bringt un

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des

jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben.

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dargestellt (Ae, Oe, Ue).

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: _Unterstriche_

Antiqua: ~Tilden~

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Hüben und Drüben.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Erster Band.

[Illustration]

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1868.

Leipzig,

Druck von Giesecke & Devrient.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Die Gemeinde-Waise 1

2. Der Fuchsbau 150

3. Der ältliche Herr 297

Die Gemeinde-Waise.

Erstes Kapitel.

Der Mutter Tod.

Im Herbst des Jahres 1848 war es, daß nach Osterhagen, einem ziemlich

großen Dorf im --sischen, eine Frau mit zwei Kindern übersiedelte,

deren Erscheinung im Anfang den guten Leuten, und besonders dem

weiblichen Theil der Bevölkerung, außerordentlich reichhaltigen Stoff

zur Unterhaltung bot und eine Menge von Combinationen und Vermuthungen

hervorrief.

Paß oder Legitimation brauchte damals natürlich Niemand. Jeder ging

und kam, wie es ihm gerade gefiel, aber die Frau betrug sich so still

und anständig und verfolgte so harmlos ihre Bahn, daß man sie auch

wohl hätte zu andern Zeiten gewähren lassen -- und dennoch war manches

Räthselhafte in ihrem Betragen.

Sie mochte etwa dreißig Jahre zählen, und ihr kleines Mädchen war etwa

sieben, der Knabe etwa zwei Jahre alt; dabei ging sie so einfach, wie

nur möglich, in einem schlichten Kattunkleid, und das kleine ärmliche

Häuschen, das sie sich am äußersten Ende des Ortes miethete, bezeugte

ebenfalls, daß ihr keine großen Mittel zu Gebote ständen. Trotzdem

verrieth ihr ganzes Wesen, daß sie einst bessere, viel bessere Zeiten

gesehen. Auch bildschön mußte sie früher einmal gewesen sein, ja sie

war es eigentlich noch, hätte nicht der Gram oder vielleicht eine

Krankheit so tiefe Furchen in ihr Antlitz gezogen. Und was für reizende

Kinder hatte sie! Aber jedenfalls kam sie aus einem fremden Land, denn

wenn sie selber auch vollkommen gut Deutsch sprach und ohne Zweifel

aus Deutschland stammte, plapperte das kleine Mädchen ganz allerliebst

französisch, und setzte dadurch nicht selten ganze Gruppen aufblühender

Straßenjungen in unbegrenztes Erstaunen.

Ihr Name war, der eigenen Angabe nach, Frau Edmund, das kleine

Mädchen hieß Valerie, der Knabe George, und wenn sie auch etwas Geld

mitgebracht haben mußte, wovon sie im Anfang zehrten, so bemühte sie

sich doch bald, Arbeit im Orte selber zu erlangen, um ihr Fortkommen in

den schweren Zeiten zu erleichtern.

Sie nähte und stickte wunderbar schön, und wenn auch Osterhagen

eigentlich nicht der Platz für solche Arbeit war, so wußte sie den

Kreis ihrer Kundschaft doch auch bald auf die nicht ferne größere Stadt

auszudehnen, wohin sie anfangs selbst Proben ihrer Arbeit brachte, und

dann später durch die Botenfrau mit dem Ort verkehrte.

Sie selbst zog sich dabei von jedem Umgang mit den Einwohnern

Osterhagens zurück, wenn ihr auch Niemand deshalb Stolz vorwerfen

konnte; sie war in ihrem ganzen Wesen freundlich, ja weit eher scheu

und fast demüthig mit den Leuten, schien sich aber nie wohler zu

fühlen als zu Haus, wo sie nur ihren Kindern lebte, und nur Abends,

bei schönem Wetter besuchte sie den Kirchhof zu Osterhagen, und zwar

dort ein besonderes Grab, von dem aber merkwürdiger Weise Niemand im

Ort wußte, wer darunter lag. Es trug auch weder Namen noch Jahreszahl,

und einige von den älteren Bewohnern des Dorfes wollten behaupten, es

stamme noch aus den Kriegszeiten her.

Allerdings wurde die Fremde oft darnach gefragt, aber sie gab immer nur

ausweichende Antworten, und da Niemand ein besonderes Interesse an ihr

nahm, ließ man sie eben gewähren.

Dabei versäumte sie aber nicht, sich dem Unterricht ihrer Kinder,

besonders des Mädchens, auf das Fleißigste zu widmen, und nach kaum

einem Jahre sprach auch die kleine Valerie schon vollkommen gut deutsch

und konnte jetzt in die Schule gesandt werden -- aber sie blieb nicht

lange dort. Die Kinder verspotteten und neckten sie fortwährend ihrer

etwas fremdartigen Aussprache, ihres ganzen, ihnen viel zu zierlichen

Benehmens wegen; sie kam fast jeden Mittag weinend nach Haus, und die

Mutter beschloß deshalb, den Selbstunterricht im Hause fortzusetzen.

Im zweiten Jahre traf die arme Frau ein harter Schlag: der Knabe, ihr

kleiner Liebling, erkrankte an der Halsbräune und starb nach wenigen

Tagen in ihren Armen. Sie war ganz außer sich und lag viele Wochen an

einem heftigen Fieber auf ihrem Lager.

Die kaum neunjährige Valerie besorgte in der Zeit im Haus die ganze

Wirthschaft und pflegte dabei die Mutter Tag und Nacht. Diese erholte

sich auch allerdings wieder, aber der Schlag hatte sie doch zu

furchtbar getroffen, und sie kränkelte von da an sichtlich an einem

bösen trockenen Husten, der sie häufig am Arbeiten hinderte.

Mit dem Gelde wurde es dabei immer knapper; anfangs war sie ein

paar Mal in der Stadt gewesen und hatte, wie es sich in Osterhagen

wenigstens aussprach, dort goldenen Schmuck verkauft -- davon lebte

sie eine Zeit lang; endlich schien auch das erschöpft und einzelne

ihrer wenigen Habseligkeiten mußten veräußert werden. Einmal erholte

sie sich wieder, und ein volles Jahr lang schien es, als ob sie ihre

Kräfte vollständig zurückerlangt hätte, aber es kam ein Rückfall, und

jetzt ging es mit der armen Frau scharf bergab.

Es war drei Jahre nach dem Tode ihres kleinen George, daß Valerie in

einer Nacht ängstlich an die Thür ihrer Nachbarin, einer armen Wittwe,

pochte, und diese um Gottes Willen bat, zu ihrer Mutter zu kommen,

damit sie selber nach dem Arzt laufen könne.

Die alte Frau ging hinüber und fand eine Sterbende. Der Arzt, ein

gewöhnlicher Dorfchirurg, kam, aber menschliche Hülfe konnte hier

nichts mehr nützen -- er wollte ihr den Geistlichen senden, aber sie

hob abwehrend die Hand. Es war nur ein protestantischer Pfarrer im

Orte, und sie selber gehörte der katholischen Kirche an. Nur ihr armes

Kind winkte sie noch zu sich heran, legte mit ihren letzten Kräften die

Arme um dessen Nacken, küßte es, flüsterte ihm ein leises „Gott schütze

dich, meine Valerie“ zu, und sank dann todt auf ihr Kissen zurück.

Valerie saß neben ihrem Bett, die Hände im Schoos gefaltet, die

großen, thränengefüllten Augen auf die lieben bleichen Züge geheftet.

Die alte Nachbarin hatte der Todten die Augen zugedrückt und war dann

fortgegangen, um die Anzeige beim Schulzen zu machen; der Wundarzt

wurde ebenfalls abgerufen -- so saß sie Stunden lang.

Endlich quälte sie der Hunger; sie hatte gestern den ganzen Tag keinen

Bissen über die Lippen gebracht, auch heute Morgen noch nicht daran

gedacht, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, auch nichts dafür im

Hause. Jetzt verlangte die Natur ihr Recht, und sie stand langsam auf,

um sich beim nächsten Bäcker ein Brot zu holen.

Draußen zogen die Leute zu Markt -- das lebte auf der Straße, Fuhrleute

knallten wie gewöhnlich mit ihren Peitschen, Kinder lachten und

jubelten, ein paar Frauen zankten sich, weil die Eine der Andern den

Korb umgestoßen hatte -- und da drinnen in dem kleinen Haus lag ihre

Mutter auf dem Todtenbett! Kümmert sich denn gar Niemand darum? Hatte

kein Mensch einen Trauerblick für sie? und ging die Welt, während alles

Elend der Erde nur allein über das arme Kind hereingebrochen war,

indessen ihren ruhigen fröhlichen Gang?

Wie in einem schweren Traum schritt sie die Straße hinab, dem Hause

des Bäckers zu, legte ihre Kupfermünze auf den Tisch und bat um ein

Brot.

„Ja -- sollst du haben“, sagte der Bäcker, der mit aufgestreiften

Aermeln und ganz mit Mehl bestaubt hinter dem Fenster stand, „aber von

voriger Woche seid Ihr noch sechs Groschen schuldig -- sag’ Deiner

Mutter, daß sie’s bald herüber schickt.“

„Meine Mutter ist todt“, hauchte das arme Kind.

„Oh du lieber Gott“, sagte die Frau, die daneben stand, und schlug die

Hände zusammen -- „sorg’ Dich nicht um die paar Groschen, Schatz, die

werden uns auch nicht arm machen.“

„Sie sollen das Geld haben“, flüsterte das arme Mädchen, drehte sich ab

und schritt langsam wieder dem Hause zu.

„Heh, Franzosenmädchen, Franzosenmädchen!“ riefen ein paar Jungen

spottend hinter ihr drein. Sie hörte es wohl gar nicht -- nur an dem

Wagen einer Hökerin, die Blumen mit zu Markt nehmen wollte, blieb sie

noch einmal stehen und kaufte für das wenige Geld, das sie noch bei

sich trug, Blumen für die todte Mutter. Dann ging sie still nach Haus.

Da aber, wie sie wieder das Zimmer betrat, als ihr in den bleichen,

eingesunkenen Zügen der Geliebten der ganze über sie hereingebrochene

Jammer in furchtbarer Wahrheit vor die Seele trat, da vermochte sie

sich nicht länger zu halten. Auf das Bett der Mutter flog sie zu, warf

sich über die Leiche, die sie krampfhaft mit ihren Armen umschlang und

schluchzte laut.

Dann traten, nach einer langen Weile, Fremde in das Zimmer, Frauen, die

sich hinsetzten und über die Verstorbene in ihrem Beisein sprachen.

Ein Mann kam, der gleichgültig die Länge des Körpers maß; auch die

„Leichenfrau“ traf ein, und das Alles wurde so laut und geschäftsmäßig

betrieben, daß es das arme Kind, das in den letzten Tagen kaum gewagt

hatte hier zu flüstern, wie mit Messern durch das gequälte Herz stach.

Aber auch das ging vorüber; die fremden Menschen ließen sie wieder mit

ihrer todten Mutter allein, und sie behielt jetzt wenigstens Zeit,

sie mit den Blumen zu schmücken und ihr Lager herzurichten. Erst dann

kauerte sie sich neben der Geliebten nieder, den Kopf an ihren kalten

Arm gelehnt, und verzehrte, mit dem Salz ihrer eigenen Thränen, das

trockene Stück Brot.

Zwei Tage hielt sie bei der Theueren getreue Wacht -- am dritten kamen

die schwarzen Männer und legten sie in den Sarg.

Es war draußen recht schlechtes Wetter; ein kalter Nordostwind fegte

über das flache Land, und der Regen schlug in Strömen herunter -- wer

hätte da mit „zur Leiche“ gehen sollen. Schmucklos auf dem schwarzen

Wagen stand der einfache Sarg, den zwei Pferde zu seiner letzten

Ruhestätte führten, und hinter ihm, einen Blumenstrauß in den Händen,

durch Sturm und Unwetter, in dem dünnen Kleid, folgte einsam und

allein, wie es von jetzt ab durch das Leben gehen sollte, das arme Kind.

Trotz des schlechten Wetters hatte sich der protestantische Geistliche

eingefunden und sprach ein paar freundliche Worte über das Grab der

Armen; auch dem Kinde redete er zu und sagte ihm, daß es auf Gott bauen

solle, so würde es noch gute Menschen finden, die sich seiner annähmen.

Und dazu der peitschende Regen auf den erweichten Lehm des Kirchhofs!

Die Todtengräber hatten mit Ungeduld das Ende der Rede erwartet, und

nur Valerie stand daneben und zitterte vor dem Augenblick, wo der Sarg

in die Gruft gesenkt werden mußte.

Der Geistliche gab dazu das Zeichen -- hastig gehorchten die Leute, die

unter das schützende Dach zurück zu kehren wünschten -- an den nassen

Seilen rutschte er nieder, und Valerie warf ihm ihre Blumen als letzte

Liebesgabe nach. Dann schaufelten die Männer das Grab wieder zu; der

Geistliche stieg in den schon seiner harrenden Wagen -- er konnte in

dem Wetter nicht den Weg bis in den Ort zu Fuß zurücklegen -- und nur

Valerie, das Herz zum Brechen voll, ihre dünnen Kleider vollständig

durchnäßt, suchte, wie sie gekommen, mit schweren Schritten ihre öde

Heimath wieder auf.

Dann kam eine bittere, wehe Zeit für sie -- der Verkauf der ärmlichen

Hinterlassenschaft, um die bei Doctor wie Apotheker aufgelaufenen

Schulden, das Begräbniß und noch manche andere Kleinigkeiten zu decken.

Es mußte fast Alles verkauft werden, und zugleich drängte sich jetzt

dem Ortsvorstand die Frage auf, was nun mit dem Kinde selber werden

solle, da man dies doch nicht allein in der leeren Wohnung lassen

konnte.

Jetzt wurde, freilich etwas spät, nachgeforscht, woher die Familie

stamme und wo sie also ihr Heimathsrecht habe, aber die darum befragte

Kleine wußte nichts, als daß sie bei ihrer damaligen Uebersiedelung

weit bis zu dieser Stelle hergekommen wären. Papiere fanden sich gar

nicht, und Valerie gestand ganz offen, daß sie, kurz vor der Mutter

Tod, ein Kästchen voll Briefe habe im Ofen verbrennen müssen.

Jedenfalls hatte die Sterbende Alles vernichten lassen, was Licht über

Valerie’s Herkommen geben mochte. Weshalb das geschehen war, wußte

natürlich Niemand zu sagen, aber daß es in Osterhagen augenblicklich

die schlimmste Auslegung erfuhr, läßt sich denken -- der andere Fall

wäre gegen Menschennatur gewesen. Es verstand sich fast von selbst, daß

sie oder ihre nächsten Verwandten irgend ein todeswürdiges Verbrechen

begangen haben mußten, wonach denn der Name „Edmund“ auch ein

angenommener war -- und das letztere fand allerdings darin eine Art von

Bestätigung, daß der Gerichtsbeamte in dem letzten, noch gebliebenen

Betttuch das mit einer Krone versehene Zeichen ~V. de F.~ fand,

über welches das Kind natürlich keine Aufklärung geben konnte.

Der jetzige Ortsvorstand erklärte freilich, und zwar während dieser

Untersuchung und in Gegenwart des Kindes, daß sein Vorgänger im Amt

vollständig gewissenlos gehandelt habe, eine solche vagabundirende

Familie in der Gemeinde zuzulassen und dieser dadurch eine Last

aufzubürden; aber die Sache wäre einmal geschehen und nicht mehr zu

ändern, und jetzt könnten sie sehen, wo sie das Kind unterbrächten.

Valerie saß, während das Alles verhandelt wurde und die fremden

Menschen über das Eigenthum ihrer Mutter nach Gutdünken verfügten,

still und lautlos in der Ecke des Zimmers und starrte mit ihren großen

dunklen Augen die Männer an. Sie weinte auch nicht -- kein Wort der

Klage kam über ihre Lippen, keins des Vorwurfs oder der Bitte, ihr dies

oder das zu erhalten, was ihr vielleicht als Andenken theuer gewesen

wäre. Das Furchtbarste, was hatte geschehen können, war geschehen, und

alles Andere schien sie nicht mehr zu kümmern -- nicht einmal, daß man

sie, als Alles ausgeräumt worden, im Abenddunkel allein in der leeren

Wohnung zurückließ, und nur der alten Nachbarin verdankte sie’s, daß

die Leute nicht auch noch den Strohsack und eine alte Decke mitnahmen

-- sie hätte sonst nicht einmal einen Platz gehabt, wohin sie ihr müdes

Köpfchen legen konnte.

Allerdings beabsichtigte man nicht, sie ihrem Schicksal vollständig

zu überlassen; das wäre nicht angegangen, da sie noch nicht einmal

confirmirt war; aber heute Abend wenigstens konnte nichts mehr in

der Sache geschehen; morgen früh in der „Gemeinde-Sitzung“ mußte das

erst entschieden werden, und die Waise indessen in der alten Wohnung

bleiben. Die Leute handelten dadurch auch nicht gerade herzlos mit der

Verlassenen; der Geistliche selber hätte sie gern zu sich in’s Haus

genommen, aber das beherbergte fünf eigene Kinder und eine arme alte

Verwandte, und bei seinem geringen Gehalt wußte er selber oft nicht,

wie er sich ehrlich und anständig durchbringen sollte, er durfte sich

keine solche neue Verpflichtung aufladen -- schon der eigenen Kinder

wegen.

Auch die Frau des Bäckers hätte es vielleicht möglich gemacht, wenn

sie nicht gerade eines verstorbenen Bruders Kind, auch ein Mädchen in

Valerie’s Alter, zu sich genommen. Was sollte sie mit zweien anfangen,

und ihr Mann wollte auch nichts davon wissen. Der Ortsvorstand beschloß

allerdings, einige der wohlhabendsten Familien im Orte darum zu

ersuchen, das Kind zu erziehen, d. h. in Arbeit zu nehmen; Niemand

schien aber gewillt, eine solche „Verantwortlichkeit“ zu übernehmen,

denn wer wußte denn, wie sich die Fremde anließ, und ob nicht durch sie

gerade Streit und Unfrieden in der Familie entstand.

So blieb dem Vorstand denn nichts übrig, als sie in das

Gemeinde-Armenhaus -- ein kleines steinernes Gebäude, das nicht weit

vom Kirchhof stand -- einzuquartieren. Von dort aus konnte sie noch

bis zu ihrer Confirmation die Schule besuchen und nachher in Dienst

genommen werden. Indessen war man dann auch im Stande, Nachforschungen

über ihre Abkunft anzustellen, wenn dieselben auch nur wenig Erfolg

versprachen. Wußte man doch nicht einmal, nach welcher Richtung, nach

welchem Lande man sich deshalb wenden solle, und war sie gar wirklich

aus Frankreich herüber gekommen, wie man allgemein glaubte, so ließen

sich dafür nicht mehr die geringsten Beweise bringen -- Frankreich

hätte sie deshalb auch nie wieder angenommen und versorgt.

Zweites Kapitel.

Das Gemeinde-Haus.

Valerie hatte, so lange ihre Mutter lebte, nie das Bedürfniß gefühlt,

sich an irgend Jemand Anderen anzuschließen, und deshalb auch mit

Kindern ihres Alters wenig oder gar keinen Verkehr, nie aber Umgang

gehabt. Diese spotteten ja auch nur über ihre Sprache und ihr ganzes

fremdartiges Wesen, und herzlich gegen sie war keines von allen

gewesen. Was brauchte sie auch Fremde -- ihre Mutter galt ihr Alles auf

der Welt, und sie sehnte sich nicht hinaus zu den Menschen.

Jetzt plötzlich war ihr Alles mit einem Schlag genommen, und sie selber

nur auf Die angewiesen, von denen sie sich früher zurückgezogen, ja

von denen sie zurückgestoßen worden, und wie unglücklich sie sich

dabei fühlte, läßt sich denken. Aber sie klagte weder, noch weinte sie.

Als ob sie im Unglück ergraut wäre, so packte sie das Wenige, was ihr

noch geblieben, zusammen und verließ das Haus -- das einzige, das sie

als Heimath kannte, um in das Gemeinde-Haus überzusiedeln. Dort lebte

eine arme alte Frau in der einen Stube, der sie zugetheilt wurde, und

die zugleich die Aufsicht über sie führen sollte, worauf diese auch

sehr gern eingegangen war, da sie das Kind als Aufwartung recht gut

gebrauchen konnte.

Das Gemeinde-Haus stand, wie gesagt, nicht weit vom Kirchhof und war

insofern eines der stattlichsten Gebäude im Dorfe, da es ganz neu und

massiv aus Sandstein aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt worden; öde

genug sah es freilich noch aus, denn kein Baum oder Strauch befand sich

auf wohl vierzig Schritt im Umkreis; nur rother, lehmiger Boden, bei

Regenwetter fast unnahbar. Dicht hinter dem Haus hatte der kleine Ort

auch einen Brunnen graben lassen, aber das herausgeworfene Erdreich lag

noch in hohen Haufen rings umher und machte den Platz dadurch nur noch

wilder und trostloser.

Und das Innere? -- Das ganze Haus bestand aus sechs Zimmern, einem

Erker oder Mansardstübchen und einer Küche. Bewohnt war es nur

zur Hälfte von drei Parteien: jener alten Frau, der Witwe eines

emeritirten Schullehrers; einem alten wüsten Burschen, der seit

etwa dreißig Jahren auf Märkten und Messen mit einer Drehorgel und

Mordgeschichten herumgezogen war und jetzt, da er nicht mehr fort

konnte, an seine Gemeinde zurückgeliefert wurde, und einem blinden

Schuhmacher, der eigentlich in ein Irrenhaus gehört hätte, denn er

hielt sich für den König David und sang fortwährend Psalmen. Das aber

ärgerte den alten Bänkelsänger, und sowie der Schuhmacher drüben in

seiner Stube einen Psalm begann, fiel er mit einer seiner alten Mord-

und Räubergeschichten ein, so daß diese Zwei zusammen tagtäglich ein

ohrzerreißendes Concert lieferten.

Drei von den Zimmern standen öde und leer, so daß es im Winter

eigentlich nie warm wurde; aber auch selbst die bewohnten Zimmer

besaßen nur das Allernothwendigste von Hausgeräth -- ein Bett mit

Strohsack und wollener Decke, einen rohen Stuhl und eine wie mit der

Axt zugehauene Kommode. Die Oefen waren ziemlich gut, aber von außen

zu heizen, und das Kochgeschirr in der Küche, mit ein paar blechernen

Tellern und Löffeln, zum gemeinschaftlichen Gebrauch für alle Insassen.

Da hinein kam Valerie -- dort sollte sie ihre Jugend verbringen, und

als sie zuerst die Schwelle überschritt, war es ihr, als ob sie zum

Tode geführt würde. Aber auch hier kam kein Laut über ihre Lippen,

keine Thräne mehr in ihr Auge; still und geduldig ließ sie Alles mit

sich geschehen, denn sie hatte ja keinen eigenen Willen, und wie ihr

der Ortsvorstand bemerkte, mußte sie der Gemeinde noch dankbar dafür

sein, daß diese sich einer solchen, eigentlich gar nicht hierher

gehörenden Last angenommen hätte. Er schien auch wirklich eine Art

Dank dafür zu erwarten, aber Valerie erwiderte keine Silbe. Schweigend

folgte sie ihm in das öde Zimmer zu der alten Frau; schweigend, nur mit

einem schüchternen Gruß, legte sie ihr kleines Bündel ab und kauerte

sich dann, beide Elnbogen mit ihren zarten Händen fassend, in der Ecke

auf den Boden nieder.

Die alte Frau ließ sie auch anfangs gewähren und betrachtete sie nur

manchmal kopfschüttelnd; es mochte ihr selber wunderbar vorkommen,

ein so zartes Wesen als Genossin im Armenhaus zu erhalten. Aber ihre

eigene Bequemlichkeit ging ihr doch zuletzt über jede etwa zu nehmende

Rücksicht, und sie sagte nach einer Weile:

„Wie heißt Du, Kind?“

„Valerie“, erwiederte das junge Mädchen scheu, und die Alte schüttelte

ganz erstaunt wieder den Kopf.

„Wer hat nur je in aller Welt davon gehört, daß Aeltern ein Kind

Falleri getauft hätten? Falleri fallera singen die Kerle draußen, wenn

sie was im Kopfe haben, und das muß ein komischer Pfarrer gewesen sein,

der den Namen in sein Kirchenbuch geschrieben hat. -- Aber das schadet

nichts, Kind“, setzte sie beruhigend hinzu, „er klingt wenigstens

lustig, und was Lustiges können wir in dem Elend hier gebrauchen,

Schatz, das weiß der allmächtige Gott.“

Valerie sah scheu zu ihr hinüber; die Alte nickte so heftig und

unheimlich mit dem Kopf und sah dabei so stier vor sich hin, daß

sie sich ordentlich vor ihr zu fürchten begann; aber die Frau Kunze

-- wie sie mit Namen hieß -- war nur einmal wieder in ihre alten

Erinnerungen hinein gerathen, in ihre Jugendjahre, wo sie auch bei

fremden Leuten gedient, dann mit dem Schullehrer des Dorfes ein

Verhältniß angesponnen, der sie zuletzt hatte heirathen müssen, dann

die ganze Jammerzeit ihrer Ehe hindurch in Noth und Kummer hinlebend

mit fünf Kindern, die sie alle, eines nach dem andern, begraben mußte,

zuletzt mit dem Bescheid des Oberconsistoriums, der ihren Mann noch

in seiner besten Lebenszeit emeritirte; dann das Elend nachher und

zuletzt der Tod des Gatten, der sie, mit ihrer Pension von achtzehn

Thalern _jährlich_, auf das Gemeinde-Armenhaus anwies, als

letzte Zuflucht. Wenn sie das Alles aber bedachte, kam ihr immer der

wunderliche Gedanke, wie es denn möglich sei, daß der liebe Gott

Menschen auf die Erde setzen könne, denen er auch nicht ein einziges

Jahr, ja keinen Tag, keine Stunde des Glückes gebe, und die ihr Dasein

in Jammer und Leid bis zum Grabe fortschleppen müßten, und daß sie

dabei nicht freundlich aussehen konnte, ließ sich denken.

Aber das Grübeln allein half ihr nichts; das hatte sie das ganze Jahr

hindurch alle und alle Tage, und die halben Nächte dazu; es wurde Zeit,

daß sie etwas zu essen bekamen, und sie sagte deshalb:

„Komm, Kind, das nützt Alles nichts -- das Grübeln bringt uns nicht

weiter und der Kopf wird Einem nur schwer und das Herz auch. -- Sieh

Dich ein bischen in der Küche um -- ich zeige Dir, wo Alles steht, und

mach’ Feuer an, daß wir wenigstens ein paar Kartoffeln bekommen --

weiter gibt’s nichts, außer Sonntags, da kriegen wir Fleisch -- oder

manchmal auch keins, wenn es Hirsebrei setzt. Du wirst so jetzt für die

Küche sorgen müssen, denn meine alten Knochen wollen nicht mehr recht

fort, und es wird auch wohl Zeit, daß ich mich zur Ruhe setze, denn

eine _Hülfe_ im Haus hat’s mir noch nie abgeworfen. So alt ich

bin, ich habe nur immer mir selber und anderen Menschen helfen müssen.“

Die Alte murmelte noch immer fort einzelne Worte vor sich hin, stand

aber doch jetzt selber auf, um dem Kind seinen neuen Wirkungskreis zu

zeigen und die bisher gethane Arbeit auf dessen Schultern zu legen.

Valerie folgte ihr willenlos in die Küche und begriff bald die

Behandlung des sehr einfachen Kochherdes, versprach auch, das Geschirr

immer hübsch rein und sauber zu halten, was die alte Frau, wie sie

selber eingestand, in der letzten Zeit etwas vernachlässigt hatte. Du

lieber Gott, „es ging eben nicht mehr recht, und man konnte es nicht

verlangen“.

Der blinde Schuster war indessen auch schon ungeduldig geworden, machte

seine Stubenthür auf und fluchte -- obgleich er sonst nur immer Psalmen

sang, -- auf gotteslästerliche Weise heraus, was denn das wäre, ob

nicht bald Feuer angemacht würde, und sie heute etwa gar nichts zu

essen haben sollten.

Valerie erschrack -- der Mann sah gar so böse und so entsetzlich

schmutzig und widerlich häßlich aus; aber heute noch unter der

Anleitung der Alten ging sie willig an die Arbeit, holte Wasser,

zündete Feuer an, wusch das von der letzten Mahlzeit noch stehen

gebliebene Geschirr auf und prüfte die aufgesetzten Kartoffeln mit

der Gabel, bis sie weich und gar waren. Dann wurde in der Küche auf

dem Küchentisch gegessen, und der blinde Schuhmacher wie der alte

Bänkelsänger trafen dort, nach gemeinschaftlichem Uebereinkommen,

Mittags zusammen -- weniger freilich der Unterhaltung wegen, als um

sich gegenseitig zu zanken, wonach dann Jeder, unter den gemeinsten

Schimpfworten, sein eigenes Nest wieder aufsuchte.

Unter solcher Gesellschaft verlebte jetzt das arme Kind seine Zeit,

und wie es im Anfang vor Ekel über den ihm überall entgegenstarrenden

Schmuz kaum essen konnte, und sich mit seinem Teller Kartoffeln

scheu und zitternd vor den rohen Worten der Streitenden in eine Ecke

zurückzog, fühlte es sich nur dann glücklich, wenn es von Niemand

beachtet wurde, und seine Arbeit, der es sich ja so gerne unterzog,

ungestört verrichten konnte.

Glücklicher Weise schrieben die Gesetze vor, daß ihre „Erziehung“ nicht

vernachlässigt werden durfte -- sie mußte die Schule besuchen, und mit

welchem Eifer würde sie gelernt haben, wenn ihre Mitschülerinnen nur

ein klein wenig freundlicher gegen sie gewesen wären! Aber sie wurde

geneckt und verspottet, wo das nur heimlich geschehen konnte, und

wagte nicht einmal sich zu beklagen, aus Furcht, die schon so rohen

Kinder nur noch mehr zu reizen.

Der alte Geistliche nahm sich freilich ihrer an und würde das auch

nicht gelitten haben, wenn er es eben erfahren hätte; der Schulmeister

aber, eines jener gedrückten Wesen, der mit einem Gehalt, bei dem er

fast verhungern mußte, täglich sieben Stunden Unterricht geben sollte,

sah es nicht, oder wollte es nicht sehen. Er hatte gerade Aerger

genug mit der Bande auf eigene Faust, und dachte nicht sich noch in

Privatsachen zu mischen. Ueberdies gehörten ja auch die ungezogensten

Bälger gerade den reichsten Bauern im Orte an, und mit denen mochte er

es ohnehin nicht verderben -- der Dirne aus dem Armenhaus wegen.

Das war eine furchtbare Zeit für das arme Kind, ein stärkerer

Charakter, als ihn Valerie besaß, hätte dazu gehört, sie unbeeinflußt

von ihren bösen Wirkungen zu ertragen.

Wie hatte ihre selige Mutter für sie gesorgt, um ihren Geist und Körper

auszubilden, wie auf Reinlichkeit gesehen, und selber Alles in ihrem

kleinen, wenn auch noch so ärmlichen Haus so sauber gehalten, daß das

Ganze wie ein Puppenstübchen aussah, und wie anders, wie furchtbar

anders war das jetzt geworden!

Was vermochte der alte mürrische Schullehrer sie noch zu lehren, was

selbst das jetzt zwölfjährige Kind nicht schon wußte! Was lag ihm auch

daran, ob seine Schüler und Schülerinnen etwas lernten -- er hielt eben

seine Stunden, käute die alten, schon tausendmal gebrauchten Phrasen

und Formen wieder und dankte Gott, wenn es Sonnabend Mittag war.

Geistig erhielt Valerie deshalb von _diesem_ Lehrer gar keine

Hülfe und Unterstützung, und körperlich ging sie in ihrer wüsten

Umgebung täglich mehr zu Grunde.

Wohl sträubte sie sich lange dagegen; die Lehre, das gute Beispiel

ihrer wackeren Mutter wurzelten noch zu fest in ihrem Herzen, und sie

versuchte fast das Uebermenschliche, sich über dem Schlamm zu halten,

der sie von allen Seiten umgab -- aber lieber Gott, es war ja doch

nur ein Kind, das geleitet sein wollte; es fehlte ihr ja noch der

freie feste Wille der Erwachsenen, und wie eine alte Eiche starr und

eisern gegen den Sturm die Wurzeln in den Boden krallt, so biegt sich

der junge Schößling seiner Gewalt und behält die Neigung, die er ihm

gezeigt.

So gab sich auch Valerie mehr und mehr dem bösen Einfluß hin, der auf

sie einwirkte; was half ihr auch alles dagegen Ansträuben, sie konnte

sich ihm ja doch nicht mehr entziehen. Anfangs ja, suchte sie sich noch

die Sauberkeit zu erhalten, in der sie ihre verstorbene Mutter erzogen;

sie wusch und besserte an ihrem Kleidchen, an ihrer Wäsche aus, wo ihr

nur ein Augenblick Zeit blieb; als aber der Winter mit Eis, Schnee und

bitterer Kälte hereinbrach, und ihr kein eigenes Plätzchen blieb, an

dem sie sich aufhalten konnte, fing sie ebenfalls an gleichgültig gegen

sich selber zu werden; trieb sie doch schon der bittere Frost hinter

den Ofen, da ihr die dünnen Kleider keinen Schutz gegen die Kälte

gewährten.

Auch Morgens scheute sie sich aufzustehen und Feuer anzuzünden, bis sie

die Alte von ihrem ärmlichen Lager jagte; dann natürlich konnte sie

sich ihr Haar nicht machen, band die vollen, aber wirren Locken nur

flüchtig in einen Knoten zusammen und ging an ihre Arbeit. Auch ihr

Kleid war so fadenscheinig geworden, daß Ausbessern gar nichts mehr

half; es zeigte dabei überall Spuren von Fett und andern Flecken; kurz,

sie begann zu verwildern, und Niemand war, der sie gewarnt und ermahnt

hätte -- nicht einmal der Schullehrer, dessen erste Pflicht es gewesen

wäre.

Begegnete ihr der Geistliche dann einmal in einem solchen Aufzug,

so blieb er wohl kopfschüttelnd vor ihr stehen und schalt sie ihres

unordentlichen, schmutzigen Aussehens wegen, aber der alte Mann hatte

auch andere Dinge im Kopfe, um der Sache auf den Grund zu gehen. Daheim

lagen ihm zwei Kinder schwer krank am Nervenfieber fast den ganzen

Winter hindurch, und das lastete ihm mit einem solchen Druck auf dem

Herzen, daß er seiner nächsten Umgebung kaum mehr als einen flüchtigen

Blick widmen konnte.

So verging der Winter, und der Sommer kam wieder, aber keine bessere

Zeit für das arme Kind, dem die Gesellschaft in dem öden Gemeinde-Haus

immer entsetzlicher wurde. Der alte Bänkelsänger trank. Wo er das Geld

dazu her bekam, wußte Niemand; aber er hatte fortwährend wenigstens

einige kleine Münzen, und wenn ihn Jemand darum frug, behauptete er

immer lachend, er wisse einen verborgenen Schatz im nächsten Berge, aus

dem er sich hole was er brauche. Manchmal war er allerdings zwei bis

drei Tage fort, Niemand wußte wohin, und wenn ihn der Ortsvorstand dann

zur Rede setzen wollte, und ihn frug, wo er sich ohne Legitimation im

Lande umher getrieben, lachte er jedesmal und behauptete, er habe oben

in den Hügeln Kräuter gegen seinen bösen Husten gesucht -- brachte auch

in der That jedesmal einen ganzen Arm voll Pflanzen mit, die er aber,

allem Anschein nach, irgendwo aufs gerathewohl ausgerissen hatte, denn

der Dorfbader, der die Sache verstehen mußte, erklärte sie sämmtlich

für werthlos in der Medicin, und der alte Lidrian benutzte sie auch nie

weiter, sondern warf sie nur in eine Ecke, wo sie ein paar Tage lagen

und welkten, und dann von Valerie hinausgetragen wurden.

Der Zustand des blinden Schusters verschlimmerte sich dabei ebenfalls

mit jedem Tage, ohne daß die geringste Veränderung mit ihm getroffen

und er an einen sicheren Platz geschafft worden wäre. Sein bis dahin

stiller Wahnsinn ging oft in laute Tobsucht über, daß sich das arme

Kind oft in Angst und Schrecken aus dem Haus flüchtete und draußen im

offenen Feld Schutz suchte.

Der Schulze hatte eine Eingabe gemacht, und es kam ein Arzt aus der

Stadt heraus, um den Schuster zu untersuchen; da er sich aber gerade in

der Zeit vollkommen ruhig verhielt, erklärte der Arzt, es hätte noch

nichts zu sagen und man solle wieder zu ihm schicken, wenn er aufs Neue

in einen Wuthanfall geriethe.

Die Zeit rückte jetzt auch heran, wo Valerie zur Confirmation

vorbereitet werden sollte, und es verstand sich von selbst, daß das

im protestantischen Glauben geschah; der ganze Religionsunterricht

war ja auch in der Richtung gewesen, und Valerie selber hatte dabei

keinen Willen, wagte auch in der That nicht den geringsten Widerspruch.

Jetzt aber mußte sie viel lernen; ganze Seiten voll Bibelsprüche und

Katechismusverse, und wenn ihr das auch ziemlich leicht wurde, so ließ

ihr der Lärm im Hause doch selten dazu Ruhe. Der blinde Schuster sang

seine Psalmen dazwischen, der alte Bänkelsänger brüllte seine frechen

Lieder, und dazu hatten sie jetzt noch eine arme Frau mit zwei kleinen

Kindern, Zwillingen, einbekommen, die Beide den ganzen Tag und die

halbe Nacht schrieen.

Da brach der wilde Geist eines Abends wieder bei dem Tollen los --

Valerie saß gerade in ihrem Eckchen, mit dem Buch auf dem Schoos,

hinter dem Ofen, als er in das Zimmer stürmte und mit solcher

Gewalt gegen den Ofen anrannte, daß dieser zusammenbrach und die

niederstürzenden Stücke das Kind schwer am Kopf beschädigten.

Glücklicher Weise kamen gerade ein paar Knechte von der Arbeit aus dem

Feld an dem Haus vorüber, die den jetzt vollständig Wüthenden fassen

und mit ihren Geschirrleinen binden konnten.

Valerie hatte eine nicht unbedeutende Verletzung erhalten und lag

Stunden lang ohne Bewußtsein; der Bader wurde auch gerufen, ließ ihr

natürlich zur Ader und verband sie, und sie kam wieder zum Leben, mußte

aber lange das Bett hüten und durfte in der ganzen Zeit nicht lernen.

Pflege hatte sie auch weiter keine als die alte mürrische Frau, und sie

verbrachte auf ihrem harten Strohsack eine lange, trostlose Zeit.

Aber auch das ging vorüber; ihre jugendliche Natur half ihr über die

sonst vielleicht gefährlichen Folgen der Verwundung hinweg, und sie

konnte sogar in einiger Zeit wieder die nöthigen Arbeiten für ihr

Examen vornehmen.

Der Aufenthalt im Hause wurde indessen immer trostloser, denn der

Bänkelsänger schien, durch das Fortschaffen seines bisherigen Cumpans,

des blinden Schusters, fast außer sich gerathen. Allerdings hatte er

mit diesem bisher in ewigem Zank und Streit gelebt, aber gerade dieser

Zank war ihm zuletzt Bedürfniß geworden, und als er ihn entbehren

mußte, wurde er vollständig unleidlich -- und trotzdem schien er eine

Art von wunderlicher Zuneigung zu dem Kind gefaßt zu haben, die er sich

aber doch nicht wollte merken lassen, weil sie ihm vielleicht selber

absurd vorkam. So lange sie aber krank lag, war seine erste Frage an

jedem Morgen, wie es der „Falleri“ ginge, und Nachts saß er manchmal

Stunden lang an ihrem Lager und half mit, ihr nasse Tücher um den Kopf

zu legen, oder reichte ihr auch wohl den Becher mit Wasser, wenn sie

danach verlangte. Der alten Schulmeisters-Witwe erzählte er auch dabei

einmal, daß er früher ein Kind gehabt, ein kleines Mädchen, so zart

und hübsch wie die „Falleri“, aber sie war ihm gestorben, die Mutter

ebenfalls, und wie sie auf dem Todtenbett gelegen, hätte sie gerade so

ausgesehen wie die „Falleri“.

Diese Zuneigung schien übrigens nur so lange zu dauern, wie das

Kind wirklich krank und halb bewußtlos war. Kaum erholte sie sich

wieder, als er sein altes Leben begann und sich gar nicht weiter um

sie bekümmerte; ja, als sie nur eben erst ein klein wenig im Haus

herumwirthschaften konnte, schimpfte und fluchte er wieder auf sie wie

vordem, und sang alle seine alten schauerlichen Lieder, von denen bis

dahin keines über seine Lippen gekommen.

Drittes Kapitel.

Zur Confirmation.

So nahte die Zeit, wo Valerie confirmirt werden und dann auch das

Gemeinde-Armenhaus verlassen sollte, denn der Schulze hatte ihr schon

einen Dienst bei einem Bauer ausgemacht, dessen Schwiegermutter an

einer bösartigen Krankheit litt, und wo sie die Pflege derselben

übernehmen konnte. Wozu brauchte auch die Gemeinde länger die Last zu

tragen, wenn sich das Mädchen erst einmal selber mit ihrer Hände Arbeit

ernähren konnte? Es war eigentlich eine Sache, die sich von selbst

verstand.

Valerie war indessen vierzehn Jahr alt geworden -- wenn sie sich auch

kaum noch auf den Tag ihrer Geburt erinnerte, denn wer hatte sich, seit

ihre Mutter gestorben, wohl noch um den gekümmert! Stark gewachsen

mußte sie auch in der Zeit sein, denn ihre Kleider wollten ihr nirgends

mehr passen und reichten ihr kaum mehr bis über die Knie, und neue

hatte sie ja nicht dazu bekommen. Aber wie bleich und mager sie aussah,

und wie verwahrlost, wie schmutzig und abgerissen! Auch der freundliche

kindliche Zug von Anmuth war aus ihrem Antlitz gewichen, der es früher

erhellte und die Grübchen in ihre runden Wangen rief. Finster und

verdrossen sah sie aus, und wenn sie ja einmal draußen bei der Arbeit

und ganz in Gedanken mit ihrer klaren Stimme sang, so waren es nur die

wüsten, häßlichen Lieder, die sie von dem alten Bänkelsänger den ganzen

Tag hören mußte, und die ihr deshalb in den Ohren klangen -- und dazu

die Vorbereitung zur Confirmation! Aber das störte sie nicht; welche

Andacht konnte sie auch mit in die Kirche zu einem Gott bringen, von

dem sie sich verlassen glauben mußte, während sie von den Menschen

unter die Füße getreten wurde. Sie beobachtete -- wie es Tausende

ebenfalls thun -- die anbefohlenen Formen und Formeln, und nahm das

Ganze als eine eben nicht zu umgehende Ceremonie, die sie ja auch

überstehen würde, so gut wie die Andern.

Eine Schwierigkeit hatte es dabei: ihre dürftige, abgerissene und

schmutzige Kleidung. -- _So_ konnte sie nicht vor Gottes Altar

treten, wie der Geistliche sagte, und der Schulze sollte Rath schaffen.

Aber woher nehmen und nicht stehlen; denn neue Kleider aus dem

Gemeindesäckel zu bezahlen, war noch nicht dagewesen und konnte auch

von keiner Gemeinde verlangt werden.

Vielleicht gab es aber da eine Hülfe, denn der Schulze hatte bemerkt,

daß Valerie an einer Schnur einen goldenen Schmuck um den Hals

trug, und zwar ein kleines Kreuzchen und einen einfachen Ring. Das

Kreuz hatte sie selbst einst von ihrer Mutter, die es bis dahin

getragen, zu Weihnachten bekommen -- der Ring war der Trauring der

Verstorbenen, den sie ihr von der kalten Hand gezogen und als theueres,

_einziges_ Vermächtniß aufbewahrte. Diese beiden Stücke sollte

das Mädchen hergeben, um mit dem Erlös derselben die für sie nöthigen

Kleidungsstücke zu beschaffen, und der Ortsschulze hielt das für so in

der Ordnung, daß er es nicht einmal nöthig glaubte, selber ein Wort

deshalb zu verlieren, sondern eine Magd in das Gemeindehaus sandte, um

die „Goldsachen“ nur einfach abzuholen. Valerie erfuhr aber kaum, was

man von ihr verlange, als das sonst so scheue und schüchterne Mädchen

auf das Bestimmteste erklärte, die Kleinodien nicht herzugeben, so

lange sie selber lebe, und die Magd mußte unverrichteter Sache wieder

abziehen.

Jetzt aber wurde der Schulze böse. Das dumme, einfältige Ding

widersetzte sich, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit helfen

konnte, die bis dahin nur von der Gemeinde getragene Last zu

erleichtern? Das war zu arg und verdiente strenge Ahndung, und seinen

Hut aufsetzend und den Amtsstock nehmend, ging er selber mit großen

Schritten nach dem Gemeindehaus hinüber.

Hatte er übrigens geglaubt, den fraglichen Gegenstand nur durch seine

Erscheinung zu ordnen, so fand er sich da vollständig getäuscht, denn

Valerie, wenn sie auch keinen Blutstropfen mehr im Gesicht hatte,

erklärte ihm mit fester entschlossener Stimme, das Kreuz und den Ring

gebe sie nicht her -- _das_ sei das letzte, was sie von ihrer

seligen Mutter habe, und das wolle sie behalten, und Gott würde eben

so gnädig auf sie herabblicken, ob sie nun in ihren Fetzen zum Altare

trete, oder in einem neuen weißen Kleide, mit dem sie doch nachher

nicht wisse, was sie damit anfangen solle, denn bei ihrer Arbeit könne

sie es nicht tragen.

Der Schulze ärgerte sich vielleicht eben so viel über ihre Weigerung

und Widersetzlichkeit als darüber, daß er ihr im Herzen Recht geben

mußte -- das Kleid wäre allerdings nur für den einen Tag gewesen, denn

im Staate konnte die „Gemeinde-Waise“ natürlich nicht herumgehen;

aber was ging das ihn und das Dorf an! Sollten sie sich etwa von der

Nachbarschaft nacherzählen lassen, daß sie _ihre_ Kinder in Lumpen

und Fetzen zum Abendmahl gehen ließen, und hatte überhaupt so ein Ding,

das hier gar nicht hergehörte und nur aus Gnade und Barmherzigkeit

erhalten wurde, einen eigenen Willen?

Der Schulze war gerade kein böser Mensch, aber leider voll von jenem

Beamtendünkel, der nur zu Vielen in den Köpfen spukt. Wie _er_

sich dabei vor seinen Vorgesetzten oder der oberen Behörde in der Stadt

bückte und nie gewagt hätte, eine Einrede laut werden zu lassen, ei, so

verlangte er es auch von _seinen_ Untergebenen, und wenn _er_

einmal etwas angeordnet hatte, mußte es auch befolgt werden oder -- er

wäre ja nicht mehr Schulze im Dorf gewesen.

„Hör’ einmal, Falleri“, rief er deshalb und ging mit großen Schritten

auf das scheu zu ihm aufblickende junge Mädchen ein, „ich will Dir

etwas sagen -- glaubst Du etwa, daß wir unsere Gemeinde-Armen mit

goldenem Schmuck herumlaufen lassen, und dann trotzdem Alles aus unserm

eigenen Beutel bezahlen? -- Wenn Du ein klein wenig Ehrgefühl hättest,

wärst Du schon lange von selber gekommen und hättest uns die Sachen für

die Gemeindekasse eingeliefert, um wenigstens Alles zu thun, was in

Deinen Kräften steht, die für Dich entstandenen Kosten nur einigermaßen

wieder gut zu machen. Aber Gott bewahre, die Mamsell denkt gar nicht

daran, und will sich jetzt auch noch weigern, wo sie vom Gericht dazu

aufgefordert wird. Her damit, Du unnützes Ding, oder ich lasse Dich

wahrhaftig auf die Straße setzen.“

Er streckte dabei die breite Faust nach dem Kinde aus, das aber,

todtenbleich, doch mit funkelnden Augen krampfhaft den letzten Schmuck

seiner verstorbenen Mutter in der kleinen Hand faßte und nur bittend

rief:

„Ach, lassen Sie mir das Kreuz und den Ring, Herr Schulze -- ich will

ja gewiß arbeiten, daß mir das Blut unter die Nägel kommt, nur um Alles

wieder abzuverdienen -- aber nur das nicht -- nur das nicht!“

„Hilft Dir nichts -- her damit!“ rief aber das Dorf-Oberhaupt, das

sich jetzt seiner Würde etwas zu vergeben glaubte, wenn es von dem

ausgesprochenen Willen abstand; „ich habe es einmal gesagt, und es muß

geschehen -- willst Du es hergeben, Du kleine Hexe?“

„Oh Du lieber Gott!“ rief Valerie, indem sie die ihr heiligen

Erinnerungszeichen mit ihren schwachen Kräften vertheidigte, -- „ist

denn gar kein Mensch auf der weiten Welt, der einem armen Kinde hilft!“

„Hallo!“ rief da eine laute trotzige Stimme von der Thür aus, „was geht

da vor?“

Der Schulze ließ überrascht die Hand des Kindes los und drehte

sich nach der Stimme um, erkannte aber nur den alten Bänkelsänger,

der freilich mit einem, wahrscheinlich draußen aufgegriffenen Stück

Buchen-Stangenholz auf ihn zuschritt und seiner ganzen Erscheinung nach

fast so aussah, als ob er über den Schulzen herfallen möchte.

„Na?“ rief dieser, ihn halb erschreckt, aber auch erstaunt ansehend,

„habt _Ihr_ Euch etwa um das zu kümmern, was ich thue? Was wollt

Ihr hier?“

„Ah, Sie sind’s, Herr Schulze“, sagte der Mann, ohne indessen den

Knüppel, den er in der Hand trug, fortzulegen, „bitte tausend Mal um

Entschuldigung, wenn ich gestört haben sollte, aber mir war’s, als ob

ich die Falleri schreien hörte, und wer Der was thut, dem schlage ich

den Schädel zu Brei zusammen.“

„So, und was geht _Euch_ die Falleri an, wenn ich fragen darf?“

„Was sie mich angeht?“, lachte der Alte ingrimmig vor sich hin -- „hat

sie vielleicht Jemand Anderen, den sie was angeht, auf der Welt? Aber

was gibt’s denn, Falleri -- Teufel noch einmal, Kind, wie blaß Du

aussiehst -- bist Du unartig gewesen?“

„Den Ring und das Kreuz meiner seligen Mutter will mir der Schulze

wegnehmen, um mir ein Kleid davon zu kaufen“, stöhnte das Kind.

„Ih, sieh mal an“, sagte der Bänkelsänger lachend, „was Du Dir für

Sachen in den Kopf setz’st, Schatz; der Schulze _Dir_ die

Goldsachen von Deiner Mutter selig mit Gewalt wegnehmen wollen? Du bist

wohl nicht recht klug im Kopfe. Das fällt ihm doch gar nicht ein.“

„Mit Gewalt hab’ ich’s ihr auch nicht wegnehmen wollen“, sagte der

Schulze mürrisch, denn die Sache wurde ihm selbst unangenehm, „aber sie

soll’s hergeben, damit sie anständig in der Kirche erscheinen kann.“

„Aha“, nickte der alte Bänkelsänger vergnügt vor sich hin, „der

_Andern_ wegen, damit sich die der armen Falleri nicht zu schämen

brauchen. Ja wohl, Herr Schulze, verstehen das -- auf die Falleri käm’s

weniger an. -- Aber, wie viel Geld hat sie denn wohl zu einer neuen

Fahne nöthig? -- natürlich mit Spitzen besetzt und Manschetten und wie

die Dinger alle heißen, auch eine Schleppe hinten dran, damit sie das

Dorf hübsch rein hält, wie die großen Damen in der Stadt.“

„Und was habt Ihr darnach zu fragen?“ erwiderte mürrisch der Schulze --

„_Ihr_ gebt’s ihr doch nicht.“

„Na, wer weiß“, lachte der Alte ingrimmig in sich hinein, „ich selber

hab’s allerdings nicht, sonst säß’ ich wo anders als in der --

gesegneten Bude hier; aber gute Menschen gibt’s überall -- seelensgute

Menschen, Herr Schulze, das kann ich Sie versichern, und ich treib’s

für das Mädel auf -- wenn ich nur erst weiß, wieviel es ist, denn die

Gemeinde soll das nicht zu zahlen haben.“

„_Ihr_ wollt das Geld schaffen?“ sagte der Schulze und sah den

Alten mistrauisch an. „Hört einmal, Brenner, Ihr habt überhaupt immer

Geld, und ich möchte eigentlich wohl wissen, wo Ihr das her kriegt,

denn betteln _dürft_ Ihr nicht, und --“

„Stehlen ist vollends nicht gestattet“, lachte der alte Bänkelsänger

laut auf, „aber beruhigen Sie sich, Herr Schulze, die paar Groschen,

die ich dann und wann auftreibe, kann ich mir auch wohl noch einmal

gelegentlich verdienen. Wissen Sie, ich habe einen Herrn in der Stadt,

dem gebe ich Gesangunterricht, und wenn ich auch gerade keinen Louisdor

für die Stunde kriege, etwas fällt doch immer ab, und vielleicht zahlt

mir Der auch das Geld für die Falleri als Vorschuß.“

„Und wie heißt Der?“ frug der Schulze, der kein Wort von der ganzen

Sache glaubte.

„Darf ich nicht sagen“, erwiderte verschmitzt lächelnd der Alte; „es

ist ein vornehmer Herr, der heimlich zum Theater gehen will und es

nicht vor der Zeit verrathen mag. Aber ich schaffe das Geld, und weiter

wollen Sie ja doch nichts. -- Muß nur vorher wissen, wie viel es

ungefähr ist, damit ich nicht zu wenig bringe.“

„Hm“, sagte der Schulze, allerdings nicht von der Persönlichkeit

erbaut, mit der er hier unterhandeln sollte, „Den möchte ich doch

kennen, Brenner, der _Euch_ Geld borgt, denn Der gehörte jedenfalls

dahin, wohin wir neulich den Schuster geschafft haben. Aber wenn’s

wirklich einen solchen Narren giebt, so holt vier Thaler von ihm,

denn die brauchen wir. Die Falleri muß ganz neu gekleidet werden, bis

auf Strümpfe und Schuhe hinunter, und wenn wir auch Alles alt kaufen

können, läuft’s doch dahin jedenfalls auf.“

„So?“ lachte der Bänkelsänger, „also mit alten Sachen wollen Sie die

Falleri _neu_ kleiden. Na meinetwegen, wenn’s der Gemeinde recht

ist, ich habe nichts dawider. Und bis wann muß das Geld da sein?“

„Spätestens bis morgen Abend, denn heute über acht Tage ist schon

Grüner Donnerstag.“

„Alle Wetter“, lachte der Alte, „das ist kurzer Kredit; aber es kann

nichts helfen; die Zeit ist wirklich nicht mehr lang, und die Tage

fliegen nur so, wenn man alt wird.“

„Habt Ihr mich aber zum Besten gehabt, Brenner“, sagte der Schulze

finster, „so nehmt Euch in Acht. Ihr steht so auf der Kreide, das kann

ich Euch versichern. -- Und was wolltet Ihr denn eigentlich mit dem

Stocke da, he?“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 1 / 16 段