»Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein,« fiel der Prinz ein und

fuhr alsdann mit erregter Stimme fort: »O, Sie werden mir den Besitz

dieses reizenden Kindes verschaffen, dessen bin ich gewiß! Und ist

sie mein, dann führe ich sie in diese Villa; denn das Haus muß mein

werden um jeden Preis, damit mein Genuß so vollkommen wird, wie ich ihn

mir gedacht habe. Wie reizend muß sich die kleine Schäferin in dieser

idyllischen Umgebung ausnehmen!«

In solcher Weise erging sich des Prinzen lebhafte Phantasie, durch das

Portrait angeregt.

Sie hatten währenddessen den Garten nach allen Seiten durchschritten;

denn der Prinz, nur mit seinem interessanten Project beschäftigt,

wollte sich zugleich überzeugen, ob der Garten auch ganz nach seinem

Geschmack wäre. Dem war wirklich so, und sehr befriedigt ging er nach

dem Wagen, indem er während der Weiterfahrt sich vorzugsweise über den

bezeichneten Gegenstand unterhielt.

Mühlfels pflichtete ihm in Allem bei, that allerlei Vorschläge in Bezug

auf des Prinzen Wünsche, und als sie wieder das Palais erreichten,

hegte der Prinz keinen Zweifel mehr, sein Verlangen in jeder Hinsicht

erfüllt zu sehen.

Von dieser angenehmen Ueberzeugung erheitert, hatte er seine gute

Laune wieder gewonnen und war seiner Umgebung ein gütiger Herr,

ja er verstand sich sogar zu einer fleißigeren Theilnahme an den

Staatsgeschäften.

Es war spät geworden, als Mühlfels nach der Ausfahrt von dem Prinzen

schied; statt jedoch in seine Wohnung zu gehen, begab er sich zu seiner

Mutter, die durch seinen so späten Besuch nicht wenig überrascht wurde.

»Es muß eine wichtige Angelegenheit sein, die Dich veranlaßte, mich

noch in so später Stunde aufzusuchen,« bemerkte die Baronin, indem sie

ihn fragend und erwartungsvoll anblickte.

»Sie täuschen sich in dieser Voraussetzung nicht; es ist in der That

so, und es ist mir angenehm, Ihnen mittheilen zu können, daß Ihr

Scharfblick keinen kleinen Triumph feiern darf,« fiel Mühlfels ein und

erzählte alsdann die bei der Ausfahrt mit dem Prinzen stattgefundenen

Umstände.

»Und nun denken Sie sich meine Ueberraschung, meine Mutter,« fuhr er

fort, »als ich in den Zügen des Bildes diejenigen Marianens erkannte.«

--

»Was sagst Du? Marianens Züge?« rief die Baronin überrascht.

»Durchaus, wenngleich das Bild ziemlich dilettantisch ausgeführt und

nur mit einem kleinen Theil aller jener Reize geziert ist, die das

Mädchen besitzt und zehnfach mehr geltend zu machen wissen wird.«

»Das ist ja eine ganz unerhörte Nachricht und unter den obwaltenden

Umständen für uns von der höchsten Bedeutung, da wir allein die Wege

kennen, auf welchen der Prinz in der bequemsten Weise in den Besitz

dieses Mädchens gelangen kann. Und wie gut, daß dies Alles geschehen

ist, bevor das Mädchen noch ihren Dienst bei mir angetreten hat; wäre

dies erfolgt, würde die Sache mißlich und von geringem Werth sein.

So aber läßt sich die unbekannte Waldschöne leichter einführen, da

der Reiz ihrer Persönlichkeit unter einem dienenden Verhältniß noch

nicht gelitten hat und der Prinz sie also ganz nach seinem Wunsch aus

der Hand der Natur empfängt. Nur in solcher Weise kann diese Liaison

bei des Prinzen Schwärmerei von Bedeutung werden, falls sich das

Mädchen bewährt. Ich bin überzeugt, sie wird es. Doch müssen wir diese

Angelegenheit mit großer Vorsicht und Klugheit behandeln.«

»Das ist auch meine Ansicht. Vor allen Dingen darf der Prinz nicht

erfahren, daß wir das Mädchen bereits kennen, vielmehr muß er durch

eine entsprechende Verzögerung dieser Angelegenheit zu dem Glauben

gelangen, welche große Mühe ich auf die Entdeckung desselben verwendet

habe. Das sichert uns doppelte Vortheile; einmal einen größeren Dank

und dann, was wichtiger ist, ein erhöhtes Interesse des Prinzen für das

Mädchen selbst, das ihm durch den verzögerten Besitz und die vielfache

Mühe um so begehrenswerther erscheinen wird.«

»Gewiß, mein kluger Sohn, in solcher Weise werden wir handeln müssen.

Auch meine ich, Du suchst den Prinzen, naht der geeignete Zeitpunkt,

ihn das Mädchen sehen zu lassen, zu bestimmen, einen Ausflug nach dem

Jagdschloß zu machen, vielleicht um ein wenig zu jagen. Denn ich meine,

die Ueberraschung müßte doppelt gute Wirkungen haben. Doch müssen wir

sowol Mariane als auch deren Vater in die Angelegenheit einweihen,

damit der Prinz unsere Bekanntschaft mit den Leuten nicht erfährt.

Zu diesem Zweck wollen wir uns in einigen Tagen nach Schloß Waldburg

begeben, um den Castellan anzuweisen, seine Tochter nicht etwa früher

in die Stadt zu führen, bevor der Prinz seinen Besuch gemacht hat.

Denn ein Zusammentreffen hier würde leicht den Eindruck schwächen,

den der Prinz von der Erscheinung des Mädchens erhält, wogegen die

Naturumgebung dieselbe vielfach erhöhen muß.«

»Wird Robert auf unsere Vorschläge eingehen?« fragte Mühlfels.

»Du zweifelst doch nicht etwa daran?« fragte die Baronin lachend. »Du

hast wahrscheinlich vergessen, daß er mit dergleichen Angelegenheiten

genügend vertraut ist, der hohen Ehre nicht zu gedenken, die ihm durch

des Prinzen Wunsch zu Theil wird und um welche ihn und seine Tochter

die angesehensten Familien beneiden werden, falls es dem Mädchen

wirklich gelingt, den Prinzen nicht nur vorübergehend an sich zu

fesseln. Ich gedenke ihr bei unserm Besuch die nöthigen Rathschläge zu

ertheilen, will mich daher näher mit ihrem Wesen bekannt machen, um zu

erfahren, was wir von ihr zu erwarten haben.«

»So zweifle ich nicht an dem besten Gelingen unserer Bemühungen.«

»Das dürfen wir. Das Mädchen verspricht zu viel, als daß es unsere

Erwartungen täuschen sollte,« fiel die Baronin ein, und noch lange

erwogen Mutter und Sohn diese für sie so hochwichtige Angelegenheit.

Um ihren Besuch des Schlosses nicht zu verrathen, wollten sie sich zu

ihren in der Nähe desselben wohnenden Bekannten begeben und bei dieser

Gelegenheit ihre Absicht ausführen.

Der Prinz, wie immer in hohem Grade ungeduldig, wenn ihn ein ähnliches

Interesse beschäftigte, bequemte sich gern, den Baron zu entbehren, der

fortan allerlei Ausflüge machte, nachdem er dem Prinzen gesagt, daß ihm

der Diener des Landhauses die gewünschte Auskunft nicht hätte geben

können.

In solcher Weise täuschte Mühlfels den Prinzen, dessen Theilnahme

und Erwartung er durch ein schlau berechnetes Verhalten immer mehr

zu steigern wußte, bis endlich der Zeitpunkt herannahte, in welchem

er mit seiner Mutter den Ausflug gemacht hatte, der, von dem besten

Erfolg gekrönt, ihm zugleich gestattete, dem Prinzen die beabsichtigte

Ueberraschung zu bereiten.

Der Castellan und Mariane wurden durch den Besuch der Baronin und ihres

Sohnes nicht wenig überrascht, noch mehr jedoch, als die Baronin dem

Ersteren vertrauliche Andeutungen über das seiner Tochter in Aussicht

gestellte Glück machte, natürlich ohne den Prinzen zu verrathen. Die

Baronin war viel zu klug und vorsichtig, um dem Castellan die volle

Wahrheit zu sagen; aber auch schon das Vernommene war hinreichend, den

Mann über die Maßen zu erfreuen.

In ähnlicher Weise verfuhr die Baronin mit Marianen und sah sich in

ihren Erwartungen auch bei dieser nicht getäuscht. Der Gedanke, daß sie

sich des Lebens nicht in einer dienenden, sondern viel angenehmeren

und glänzenderen Stellung erfreuen sollte, hatte zu viel Verlockendes

für sie, um irgend welchen sittlichen Bedenken Raum zu geben, und wir

erkennen daraus, wie tief die sittliche Zerfahrenheit in der damaligen

Zeit in alle Gesellschaftsschichten eingedrungen war, da sie selbst in

dieser Waldeinsamkeit nicht fehlte.

Erfreute die Baronin schon dieses Entgegenkommen von Vater und Tochter,

so wurde sie noch angenehmer durch die Resultate überrascht, welche sie

sich durch eine eingehende Prüfung Marianens verschaffte.

Das Mädchen besaß einen geweckten Geist, zeigte viel natürlichen

Verstand, war in vielerlei Dingen geschickt und wußte das Alles in

einer unbefangenen Weise geltend zu machen. Diese Vorzüge wurden noch

durch ein angenehmes, oft keckes Wesen und Benehmen erhöht, in welchem

ein eigener Reiz lag, indem er den Stempel lieblicher Natürlichkeit

trug. Was jenes Bild in der Villa betraf, so hatte Mariane wirklich

der Malerin als Vorbild gedient.

Die Baronin war nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Waldburg so sehr

von Marianen eingenommen, daß sie mit der Ueberzeugung schied, ihre

Hoffnungen und Erwartungen dereinst in der vollkommensten Weise erfüllt

zu sehen.

Einen ähnlichen Eindruck hatte auch ihr Sohn erhalten.

Nach der Rückkehr bestürmte der Prinz den Baron mit Fragen, ob seine

Bemühungen nicht endlich durch den erwünschten Erfolg belohnt worden

wären; Mühlfels wich einer bestimmten Antwort aus, indem er die

Hoffnung aussprach, daß dies wol in nächster Zeit geschehen dürfte und

sich der Prinz daher ein wenig gedulden sollte. Zugleich schilderte er

seinen Ausflug als höchst angenehm und that dem Prinzen den Vorschlag,

sich zur Jagd nach Waldburg zu begeben.

Der Prinz zeigte nicht besondere Lust dazu; Mühlfels jedoch wiederholte

seine Bitte; das schöne Wetter war überdies zu einem Jagdvergnügen sehr

geeignet, so daß der Prinz endlich nachgab, besonders nachdem Mühlfels

angedeutet, daß man bei dieser Gelegenheit ja auch zugleich nach dem

Mädchen forschen könnte.

Siebentes Kapitel.

Während der Prinz und dessen getreue Freunde bedacht waren, Sidonien

einen neuen Schmerz zu bereiten, sah diese mit angenehmen Gefühlen der

nahenden Zeit entgegen, die ihr den geliebten Freund wieder zuführen

sollte.

Graf Römer hatte nämlich Aurelien mitgetheilt, daß er mit dem Beginn

des Spätherbstes bei ihr einzutreffen und alsdann den Winter daselbst

zu verleben hoffe. Von dieser angenehmen Gewißheit angeregt, welche ihr

einen genußvollen Winter sicherte, der ihr unter anderen Verhältnissen

wie gewöhnlich einförmig und traurig dahin geschlichen wäre, entwarf

Sidonie mit der Freundin allerlei Pläne für diese Zeit, um auch dem

Freunde angenehme Stunden zu bereiten.

Das neue Glück hatte ihrem Geist neue Spannkraft verliehen und mit

dieser ihr zugleich neue Interessen zugeführt, die in dem bisherigen

traurigen Dasein allmälig erstorben waren. Es war jetzt wirklich so,

wie sie früher versichert, daß sie sich mit des Grafen Wiederkehr

wieder frei und in dieser Freiheit und ihrer Liebe ihr Leid weniger

fühlte, ja dasselbe sogar für Zeiten vergessen konnte und auch wollte.

Während der Berathung gedachte sie des Beifalls, den ihr Harfenspiel

früher bei dem Grafen gefunden, und sie nahm sich vor, demselben

wieder mit vermehrtem Eifer obzuliegen, um den Freund dadurch wie

einst zu erfreuen. Ebenso wollte sie einige berühmte Virtuosen für die

Abendcirkel gewinnen, deren Ankunft man während des Winters erwartete.

In solcher Weise beriethen und sorgten die Freundinnen für die Zukunft,

und die Hoffnung, den Grafen auch außer in den Gesellschaften noch

in den Concerten und Theatervorstellungen bei dem Fürsten, deren

es wöchentlich gewöhnlich mehre gab, zu sehen, verhieß ihnen die

angenehmste Zukunft. Sidonie fühlte sich durch die näher bezeichneten

Aussichten um so beglückter, da der Prinz auch trotz seiner längeren

Anwesenheit sie durchaus unbeachtet ließ und auch der Fürst jede Lust

verloren zu haben schien, sich irgend wie um ihre Aussöhnung zu bemühen.

Das letztere war durch einen besondern Umstand herbeigeführt worden.

Der Prinz hatte nämlich seinem Oheim, als dieser sich erkundigte, wie

er jetzt mit der Prinzessin stehe, erwidert, daß in ihrem gegenseitigen

Verhältniß keine Aenderung eingetreten wäre, indem er zugleich als

Grund dafür die ihm von Sidonien gezeigte verletzende Kälte angab,

die ihn von einer Annäherung zurückgeschreckt hätte. Der Fürst

schenkte seinen Worten vollen Glauben, wozu er sich durch Sidoniens

bisheriges Verhalten berechtigt hielt, und die Folge davon war ein

sich steigernder Unwille gegen sie. Er gab es auf, sich noch länger

stets fruchtlos zu bemühen. Das war dem Prinzen sehr erwünscht, denn

er hoffte, sich nun endlich in dieser Angelegenheit Ruhe verschafft zu

haben, und konnte überdies seinem näher bezeichneten Interesse um so

ungestörter nachgehen.

So nahte der zum Jagdausflug bestimmte Tag, den das freundlichste

Wetter begünstigte. Da das Schloß mehre Meilen entfernt war, sich

die Wege dahin nicht im besten Zustande befanden, so brach der Prinz

ziemlich früh auf, um zu guter Zeit daselbst anlangen zu können. Auf

Mühlfels’ Vorschlag waren nur wenige Personen, darunter Henry, zu des

Prinzen Begleitung bestimmt worden, ebenso hatte der Erstere diesen

zu veranlassen gewußt, keinen seiner Freunde dazu einzuladen, worauf

der Prinz, wie überhaupt auf diesen Ausflug, in der Voraussicht gern

einging, den Aufenthalt des Mädchens und dieses selbst zu entdecken.

Mühlfels verband mit dem Fernhalten der bezeichneten Personen die

geheime Absicht, die Wirkung des Zusammentreffens zwischen dem Prinzen

und Marianen durch die leichtfertigen und zudringlichen Freunde nicht

abgeschwächt zu sehen und dadurch vielleicht gar den gewünschten Erfolg

einzubüßen. Bei der besondern und reizbaren Stimmung des Prinzen

mußte Alles vermieden werden, was den romantischen Charakter dieser

Angelegenheit irgend beeinträchtigen konnte. Mühlfels kannte seinen

Prinzen zu gut, um nicht auf alle Vorkommnisse vorbereitet zu sein, und

wir werden später erfahren, mit welcher Sorgfalt er seine Maßregeln

getroffen hatte, um sich den Erfolg zu sichern.

Diese neue Passion des Prinzen däuchte ihm nämlich aus dem idyllischen

Liebesleben, dem sich einst Ludwig der Vierzehnte hingegeben und in

dem er sich so glücklich gefühlt hatte, hervorgegangen zu sein, das

der Prinz nun nachahmen wollte. Einfache Natürlichkeit, unbefangene

Hingabe, mit dem Reiz des Geheimnisses und der Romantik verwoben, das

war es, was er suchte und worin er Genuß zu finden hoffte.

Mühlfels täuschte sich in dieser Voraussetzung wirklich nicht; es war

in der That so, was um so weniger befremden darf, da wir des Prinzen

Vorliebe für starke Gegensätze kennen gelernt haben.

Das Schloß lag auf einer sanften Anhöhe, von einem alten, prächtigen

Laubwalde umgeben, der das seit vielen Jahren darin gehegte Wild

beherbergte. Dasselbe war von des Fürsten Vorfahren erbaut worden und

hatte denselben dereinst als vorübergehender Sommeraufenthalt gedient.

In der Folgezeit fand dies jedoch nicht mehr statt und das Schloß

wurde von den Fürsten nur noch bei Gelegenheit der in jenen Waldungen

abzuhaltenden Jagden für einige Tage besucht. Seitdem jedoch der

Fürst zur Regierung gekommen war, hörten auch diese Besuche auf, da

weder er noch der Prinz Geschmack an der Jagd fanden, und so geschah

es, daß das Schloß allmälig dem Verfall entgegen ging, da nichts zu

dessen Erhaltung geschehen war. Dieser Umstand erhöhte den einsamen,

romantischen Charakter dieses Ortes wesentlich, obgleich demselben

mancherlei von der Natur gebotene Schönheiten nicht mangelten. Dem

durch das geräuschvolle Treiben der Städte abgespannten Ohr that

die hier herrschende Ruhe wohl, und das durch Glanz und Pracht

übersättigte Auge fand in den anspruchslosen Reizen der Natur, denen

der nahende Herbst seinen malerischen Charakter verlieh, einen neuen,

wohlthuenden Genuß. Statt der rauschenden Musik der Oper und Concerte

schmeichelte sich der von den Luftwellen herüber getragene ferne

Glockenton in das Ohr, gewann hier der vereinzelte Vogelgesang und das

Schwirren der Insekten eine angenehme Bedeutung, denen man gern und mit

Behagen lauschte.

Wir sehen, daß diesem Ort keine jener Eigenschaften mangelte, wie sie

des Prinzen Stimmung verlangte; denn ein größerer Gegensatz zu seinem

Wohnort konnte kaum gefunden werden.

Je mehr sie sich dem Schloß näherten, um so häufiger führte der Weg

durch dichte Waldungen und einsame, nur wenig belebte Gegenden, bis

sie, ungefähr eine Meile von dem Ziel ihrer Reise, der fürstliche Wald

aufnahm, dessen Kühle und Schatten sie fortan begleitete. Sie genossen

diese Annehmlichkeiten in dem vollsten Maß, da der nicht besonders gute

Weg die Fahrt bedeutend verlangsamte. Trotzdem zeigte der Prinz keine

Ungeduld, sondern schien sich ganz behaglich zu fühlen, was auch in der

That der Fall war. Die erquickliche Luft, die Düfte des Waldes und die

landschaftlichen Umgebungen hatten, wie das bei Naturen seiner Art zu

sein pflegt, auf Körper und Seele ihre wohlthätigen Wirkungen ausgeübt.

Schon sank die Sonne, als sie den Wald verließen und dem von der

Abendgluth beleuchteten alterthümlichen Gebäude nahten, das sich mit

seinen abgebröckelten Mauern und verschnörkelten Zinnen, seinen

verwitterten Eckthürmchen und glitzernden Fenstern von dem tiefdunkeln

Walde malerisch abhob. Allerlei verwachsene Gartenanlagen, geschwärzte

und mehr oder weniger zerstörte Statuen, Urnen und ähnliche von

Gestrüpp umwucherte Zierrathen vor dem Schloß verriethen die demselben

einst geschenkte Sorgfalt, von welcher jetzt freilich keine Spur mehr

vorhanden war. Denn überall machte sich die Wildniß geltend.

»Das sieht ja wie ein verzaubertes Schloß aus, in dem man allerlei

Spuck und Hexerei erwarten muß,« bemerkte der Prinz, von dem

eigenthümlichen Bilde angezogen, das auf ihn einen um so größeren

Eindruck ausübte, da er das erstere nur in seiner Kindheit besucht

hatte und seitdem nicht wieder und daher keine Erinnerung mehr

davon besaß. Auch war er damals in einer großen Gesellschaft von

Hof-Cavalieren und Edelleuten hierher gekommen, die sein Interesse in

Anspruch nahm und ihn daher von der näheren Betrachtung des Schlosses

abgezogen hatte.

Das war jetzt anders. Er wurde nur von der Dienerschaft empfangen,

befand sich in einer passenden Stimmung mit seiner Umgebung und so

geschah es, daß er nach dem Verlassen des Wagens sich das Schloß

und die Umgegend genau betrachtete und seinen Beifall darüber gegen

Mühlfels zu erkennen gab.

»Ich werde hier eine vortreffliche Nacht haben, wie schon lange

nicht, vorausgesetzt, daß mich kein loser Spuck stört,« bemerkte er

in heiterer Laune, die ihn auch nicht verließ, als er später die

düsteren, hohen und mit einer Menge Jagd-Embleme verzierten Gemächer

betrat. Die geöffneten Bogenfenster gewährten dagegen erheiternde

Fernsichten auf bewaldete Berge, einen stillen See, der das Abendgold

widerspiegelte und an dessen Ufer das Auge eine Anzahl Hirsche

unterschied, die daselbst in Sicherheit ihren Durst löschten.

Im Anblick dieser Naturschönheiten wurde das Souper eingenommen, das

dem Prinzen nach langer Zeit, wie er gestand, wieder wirklich mundete.

Gegen Ende desselben, als sich bereits tiefere Dunkelheit über die

Umgegend gebreitet hatte und nur noch ein sanfter Nachschimmer im Abend

sichtbar war, erklang plötzlich eine liebliche Hornmusik von dem nahen

Walde her. Es waren einfache, ansprechende Melodien, die, über den See

fort tönend, das Echo weckten und in dessen Nachhall erstarben.

»Vortrefflich, vortrefflich!« rief der Prinz wiederholt, den Tönen

mit Aufmerksamkeit lauschend. »Es war ein kluger Gedanke von Ihnen,

Mühlfels, mir diesen Ausflug vorzuschlagen; er thut bessere Wirkungen,

als alle Arzneien meines Leibarztes, womit er mich so lange gequält

hat. Es gefällt mir hier so gut, daß ich mehre Tage zubringen will, und

ich denke, ich werde ganz gesund zurückkehren.«

»Das hoffe auch ich, mein Prinz, und bin glücklich, Sie in einer so

befriedigten Stimmung zu sehen,« fiel Mühlfels ein.

»Sie irren, Mühlfels; ich fühle mich zwar ziemlich behaglich, aber

nicht befriedigt; Sie kennen den Grund. Bevor ich in den Besitz jenes

reizenden Mädchens gelangt bin, kann davon nicht die Rede sein. Es

ist wirklich fatal, daß Ihre Nachforschungen bisher fruchtlos gewesen

sind. Doch Sie haben mir das Versprechen gegeben, mein Verlangen zu

befriedigen, und ich vertraue Ihrem Wort.«

»Sie können das, mein Prinz, und ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr

fern, in welcher Sie sich des Genusses dieses Mädchens werden erfreuen

können,« entgegnete der Baron, und war eben im Begriff fortzufahren,

als eine silberklare weibliche Stimme ertönte, die ein heiteres

Jagdlied sang.

»Hören Sie doch, mein Prinz, diese liebliche Stimme!« rief Mühlfels

aufhorchend.

»In der That, ein seltener Wohllaut, der mir mehr zusagt, als das

Gekreisch unserer italienischen Primadonna,« fiel der Prinz ein, von

dem Gesange angezogen, und bemerkte, als dieser endete: »Der Stimme

nach zu urtheilen, muß die Sängerin ein noch junges Mädchen sein. Der

frische, kecke Ton gefällt mir. Es sind hier also auch Frauen?«

»Allerdings, Hoheit. Der Castellan des Schlosses ist verheirathet und

wird wahrscheinlich auch Familie haben. Vielleicht ist die Sängerin

seine Tochter.«

»Sie singt wie ein Waldvogel!« rief der Prinz, als der Gesang auf’s

Neue ertönte, und fuhr alsdann fort: »Ich möchte das Mädchen einmal

sehen, ihre Stimme übt eine angenehme Wirkung auf mich aus, und ich

denke, sie hat kein übles Aussehen und ihr Wesen ist so frisch wie ihr

Gesang.«

»So wird es sein, und ich hoffe, Hoheit werden in Ihren Erwartungen

nicht getäuscht werden.« --

»Das wäre mir lieb; denn eine pikante Waldschöne würde mir den

Aufenthalt hier noch angenehmer machen. Sorgen Sie dafür, Mühlfels, daß

ich morgen das Mädchen sehen, vielleicht sprechen kann, wenn es mir

etwa gefallen sollte.«

»Es wird geschehen, Hoheit, und ich würde mich von Herzen freuen, wenn

der Zufall mich in dem Bemühen, Hoheit ein wenig zu vergnügen, durch

die Sängerin unterstützte.«

»So lassen Sie uns mit dieser angenehmen Hoffnung zu Bett gehen; denn

ich fühle mich ermüdet,« sprach der Prinz und erhob sich.

Mühlfels entfernte sich und bald darauf trat Henry ein, um den Prinzen

zu bedienen.

»Nun, Henry, wie gefällt es Dir hier?« fragte der Prinz.

»Sehr gut, Hoheit; denn es giebt hier ganz allerliebste Dinge,«

bemerkte der Diener.

»Was meinst Du damit?«

»Haben Hoheit vielleicht den hübschen Gesang vernommen?« fragte Henry

mit einem bedeutsamen Blick.

»Ja, der Gesang war hübsch.«

»Und ich versichere Eure Hoheit, die Sängerin ist noch zehnmal

hübscher,« fiel Henry ein. »Du hast sie gesehen?«

»Ja, Hoheit, und ich schwöre, es ist das schönste Mädchen, das meine

Augen je erblickt haben!« rief der Diener in ungewöhnlicher Erregung.

»Du bist toll oder in das Mädchen verliebt!« sprach der Prinz lachend.

»Das erstere gewiß nicht; das letztere will ich nicht abläugnen. Aber

ich glaube, Hoheit, ich bin zu entschuldigen, denn ich weiß, es könnte

Anderen vielleicht ebenso wie mir ergehen. Das Mädchen ist zu reizend,

und man weiß nicht, soll man mehr ihre Schönheit oder ihr keckes,

verführerisches Wesen loben!« betheuerte der Diener.

»Sind noch andere Mädchen oder Frauen im Schloß?« fragte der Prinz.

»Die des Castellans und des Försters; doch kein anderes Mädchen, außer

Mariane, des Castellans Tochter.«

»So wirst Du wol eine schlechte Nacht haben, Henry, da Dich die Liebe

prickelt,« sprach der Prinz lachend, und fügte mit einem cynischen

Blick auf den Diener hinzu: »oder vielleicht nicht, wie?«

»O, daran ist bei dem Mädchen nicht zu denken! die ist spröde und

scheu, wie ein Reh.«

»Du scheinst also schon Dein Glück bei ihr versucht zu haben?« fragte

der Prinz.

»Nun, Hoheit wissen, ich bin gegen das schöne Geschlecht stets

höflich.« --

»Aber es half Dir bei dem Mädchen nichts; Deine schönen Redensarten

fanden keinen Beifall?« fiel der Prinz lachend ein.

»Ich gestehe es zu meiner Schande, Hoheit, ich bin dieses Mal total

durchgefallen,« erklärte der Diener offenherzig.

Dem Prinzen schien diese Mittheilung viel Vergnügen zu bereiten, er

lachte anhaltend, während er den Diener wegen seines Fiasco bespöttelte.

»Dir ist ganz Recht geschehen,« sprach er; »wie konntest Du auch

vergessen, daß ein so schönes Mädchen vielleicht auch vor anderen Augen

Gnade finden dürfte.«

»Sie scheint das zu wissen; denn ich versichere Eurer Hoheit, sie

that so stolz wie eine Königin, so daß man sich neben ihr ganz klein

vorkam und Respect vor ihr fühlte. Ich bin gewiß, die hat noch Keinem

gestattet, sie anzurühren. Es ist eine starrköpfige Creatur.«

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 11 / 12 段