»Das fürchte ich nicht. Der Prinz hat eine viel zu bestimmte Abneigung

gegen die Prinzessin, als daß jemals eine Aussöhnung stattfinden

dürfte, ganz abgesehen, daß die Letztere sich niemals dazu bequemen

wird. Ich habe mich bemüht, Sidoniens Charakter zu erforschen, und bin

zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie sich immerdar treu bleiben und

darum auch niemals eine Annäherung zwischen dem Paar stattfinden wird.«

»Das ist mir allerdings angenehm zu hören; indessen genügt es mir

nicht. Sie wissen, ich wünsche Sidoniens Gunst zu erlangen; meine oder

vielmehr unsere Bemühungen sind bisher jedoch nur von geringem Erfolg

gekrönt worden, und das ist mir unerträglich.«

»Ist es nicht allein Deine Schuld? Du bist zu viel abwesend und

vermagst daher Deine Absicht nicht in der entsprechenden Weise zu

verfolgen. In solchen Dingen kommt es jedoch darauf an, stets in der

Nähe zu sein, um den rechten Augenblick wahrzunehmen. Doch ich darf

Dich daran nicht erinnern; Du weißt das eben so gut. Ich sage Dir

nur so viel, daß nach meinen Beobachtungen die Prinzessin zärtlichen

Gefühlen zugänglich ist. Sie besitzt ein zu gefühlvolles Herz, um nicht

der Liebe zu bedürfen, und ich glaube, ich würde bereits Beweise dafür

erhalten haben, wäre Graf Römer länger hier gewesen.«

»Was sagst Du?!« rief der Baron überrascht. »Graf Römer?! Sollte dieser

ernste, kalte Mann einen tieferen Eindruck auf sie erzeugen können,

oder etwa schon erzeugt haben?«

»Nun, nun, beruhige Dich! So weit, glaube ich, ist es wol nicht

gekommen, obgleich ich überzeugt bin, daß das nicht gerade unmöglich

wäre. Erscheint es Dir nicht ganz natürlich, daß die Prinzessin bei

ihrem abgeschlossenen Leben alle jene Personen gern sieht, die ihr

in so interessanter Weise die Stunden zu verkürzen vermögen? Das

Wohlgefallen an dem Wort geht bei den Frauen nur zu leicht auf die

Person über, die es ausspricht, und Du erkennst darin, daß ich mit

meiner Vorstellung, Dich nicht häufig genug der Prinzessin zu nähern,

durchaus Recht habe. Wenn man sich alle acht oder vierzehn Tage nur

einmal und auch nur in Anwesenheit Anderer sieht, kann von einer

zärtlichen Annäherung nicht die Rede sein. Die Gelegenheit dazu ließe

sich unter den obwaltenden Verhältnissen leicht herbeiführen, da ich

dazu die Hand bieten kann. Bedenke das Alles!«

»Ich gebe Ihnen durchaus Recht, meine Mutter, und bitte Sie, mit mir

gemeinschaftlich die Mittel zu erwägen, welche geeignet sind, des

Prinzen Wünsche zu befriedigen und ihn zugleich mehr an seinen Wohnsitz

zu fesseln, damit ich nach Ihrem Rath handeln kann.«

»Das könnte durch die Lieben geschehen; gefällt sie dem Prinzen, so

werde ich ihr die Nothwendigkeit vorstellen, ihren Aufenthalt nicht

nach der Residenz oder irgendwo anders zu verlegen, um den Prinzen hier

zu fesseln und so des Fürsten Wunsch zu erfüllen; da sie sich dadurch

des Letzteren Dank sichert, so erfordert es schon die Klugheit, sich um

ein solches Arrangement zu bemühen.«

»Ein vortrefflicher Plan! Und glauben Sie, daß es der Lieben gelingen

dürfte?«

»Ich zweifle nicht daran. Das Mädchen ist eben so klug als schön,

und ihre Mutter hat früher hinreichende Erfahrungen in diesem Punkt

gemacht, um ihr dabei nicht würdig zur Seite stehen zu können.«

»So hätte ich ja die besten Aussichten für die Zukunft, besonders da

auch der Mann, der, wie Sie meinen, einen gewissen Eindruck auf die

Prinzessin gemacht hat, abgereist ist.«

»Ich zweifle nicht daran. Ich werde dem Prinzen in den nächsten Tagen

die Gelegenheit verschaffen, die Lieben bei mir zu sehen. Lausche ihm

die rechte Stimmung dazu ab und sorge dafür, daß ich seinen Wunsch

zur rechten Zeit erfahre, um das Weitere zu veranlassen. Vielleicht

nimmt der Prinz das Souper bei mir ein, dabei läßt sich eine nähere

Bekanntschaft zwischen den Beiden leicht und bequem einleiten.«

»Ich werde nach Ihrem Rath verfahren und freue mich, daß wir endlich

ein Mittel besitzen, das uns die erwünschten Erfolge in Aussicht

stellt,« entgegnete der Baron und erhob sich.

In diesem Augenblick trat ein Diener mit der Meldung ein, daß der

Castellan Robert des fürstlichen Lustschlosses Waldburg mit seiner

Tochter angelangt sei und die Baronin zu sprechen wünsche.

»So, ist der Robert da und seine Tochter auch?« fragte die Baronin und

fügte hinzu: »Das ist mir lieb. Lass’ sie hereinkommen!« und bemerkte

alsdann gegen ihren Sohn: »Robert war vor einigen Wochen bei mir und

bat mich, seiner Tochter, die ein hübsches Mädchen von siebenzehn

Jahren ist, eine Stelle als Kammerzofe zu verschaffen. Ich sagte

ihm das zu, da ich Robert wegen seiner früheren Dienste bei uns eine

gewisse Rücksicht schulde. Wenn mir das Mädchen gefällt, nehme ich sie

vielleicht zu mir. Ich habe Robert mit seiner Tochter zu mir bestellt,

um mir diese anzusehen. Willst Du vielleicht dabei sein, so begleite

mich zu ihnen. Robert wird sich freuen, den ehemaligen Junker nun als

Mann wieder zu sehen.«

Der Baron war damit einverstanden, nahm den Arm seiner Mutter und

führte sie nach dem Zimmer, in welchem sie von den bezeichneten

Personen erwartet wurden.

»Nun, Robert, sind Sie da?«

Also begrüßte die Baronin den ehemaligen Diener und reichte ihm die

Hand, die Robert respectvoll küßte. Nach ihm nahte sich ihr das

Mädchen, knixte mehrmals und bezeigte ihr ihre Ehrfurcht gleich ihrem

Vater durch einen Handkuß.

»Sieh, sieh, das Mädchen hat sich sehr gut ausgewachsen! Die Waldluft

und Einsamkeit scheinen dazu sehr geeignet zu sein,« bemerkte

die Baronin, Mariane, so hieß das Mädchen, mit Ueberraschung und

Wohlgefallen betrachtend, und schaute alsdann ihren Sohn an, der gleich

ihr das in der That reizende Mädchen mit ähnlichen Gefühlen anblickte.

Die ganze Jugendfrische ihres Alters lachte aus dem rosigen, lieblich

geformten, feinen Antlitz, den dunkeln, blitzenden Augen und der nicht

minder schön geformten Gestalt, der ein Anflug von Unbefangenheit und

Keckheit einen ganz besondern Reiz verlieh. Mutter und Sohn tauschten

einen verständigenden Blick aus, der ihre Uebereinstimmung des Urtheils

über das Mädchen verrieth.

»Also Mariane will sich hier versuchen?« fragte die Baronin.

»Sie brennt vor Verlangen darnach, gnädigste Frau Baronin. Das Kind

ist so lebhaften Geistes und möchte gleich einem Vogel aus dem Walde

fliegen, der ihr schon lange zu enge und einsam ist,« entgegnete Robert

mit einem Seitenblick auf seine Tochter, deren lebhafte Mienen des

Vaters Worte durchaus bestätigten.

»Ist ihr auch nicht zu verdenken. Denn die Jugend verlangt nach dem

Treiben der Welt, und mir scheint, daß Mariane sich auch besser dazu

als zu einem eintönigen Leben im Walde eignet,« fiel die Baronin ein

und wandte sich alsdann an diese mit der Frage:

»Du möchtest also gern aus Deinem Nest fliegen und Dich an dem

glänzenden Leben hier ergötzen?«

»Ach, von Herzen gern!« sprach Mariane rasch und unbefangen und schaute

die Baronin mit vor Verlangen funkelnden Blicken an.

»Nun, es könnte sich wol eine Stelle hier für Dich finden,« meinte die

Baronin, das Mädchen mit prüfenden Blicken betrachtend.

»Tausend, tausend Dank, gnädigste Frau Baronin!« fiel Mariane ein,

nahte sich ihr rasch und küßte ihr unter Knixen wiederholt die Hand.

»Du scheinst ein lebhaftes Gemüth zu haben, Kind, und trotz der

Einsamkeit ziemlich unbefangen zu sein. Das gefällt mir, so wirst Du

auch klug und verständig genug zu Deinem Dienst sein. Denn mir däucht,

Du paßt ganz gut zu einer Kammerzofe und wirst Dich leicht und mit

Geschick in die neuen Verhältnisse zu fügen wissen.«

»Glauben die gnädige Frau Baronin?« fragte der Castellan mit

sichtlicher Freude.

»Sie kennen ja den Dienst, lieber Robert, und wissen, was man von einer

Zofe verlangt, und ich denke, Mariane wird unsere Erwartungen nicht

täuschen. Ich werde sie zu mir nehmen.«

»O, die Frau Baronin sind gar so gnädig!« fiel der Castellan ein, sich

tief verbeugend. Mariane aber verrieth eine innere lebhafte Bewegung,

mit welcher sie auf’s Neue der Baronin Hand küßte; doch sprach sie

nichts.

»Ich denke, es soll Dir bei mir gefallen, Kind, und wenn Du Dich

bewährst, wer weiß, was aus Dir noch werden kann,« bemerkte die Baronin

mit einem eigenthümlichen Blick, indem sie Mariane auf die Wange

klopfte.

Nachdem sie alsdann noch Mehres über Marianens künftige Stellung bei

ihr besprochen, kündete sie dem Castellan an, daß die Erstere etwa in

einem Monat ihren Dienst antreten und sich dazu also mit Bequemlichkeit

vorbereiten könnte, wobei sie nicht unterließ, ihr einige Winke über

Anzüge und Aehnliches zu geben.

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und lebhaften Blicken und Mienen

lauschte Mariane ihren Worten und schien von dem Gedanken, künftig nur

gute und hübsche Kleider zu tragen und in dem Hause der Baronin zu

wohnen, ganz entzückt zu sein.

Hierauf nahm die Baronin das Mädchen bei Seite und unterhielt sich

einige Minuten vertraulich mit ihr, wobei sie sich über Mancherlei

Aufklärung von ihr geben ließ und dabei deren geistige Anlagen prüfte.

Der Baron sprach währenddessen mit dem Castellan über die

Vergangenheit. Alsdann wurden Vater und Tochter entlassen und der

Erstere zugleich angewiesen, vor der Abreise der Tochter noch weitere

Befehle bei der Baronin einzuholen.

Mutter und Sohn kehrten alsdann in das Boudoir zurück.

»Nun, was sagst Du zu dem Mädchen?« fragte die Erstere, den Sohn mit

Befriedigung anblickend.

»Sie ist reizend,« entgegnete dieser.

»Das ist sie in der That; aber sie besitzt nicht nur einen schönen

Körper, sondern auch einen lebhaften Geist, ist klug und weiß gewandt

zu antworten, wie ich mich überzeugt habe. Ebenso bin ich gewiß, daß

sie sich unter einer geschickten Leitung eben so rasch als vortrefflich

und ohne ihre Eigenthümlichkeit einzubüßen, entwickeln wird.«

»Ich stimme Ihnen durchaus bei, meine Mutter; denn mir däucht, in

diesem Mädchen schlummern die verschiedensten Anlagen, die je nach den

besonderen Verhältnissen zur Geltung gelangen müssen.« »Du täuschest

Dich nicht. Das Verlangen nach einem bewegten Leben, nach glänzendem

Putz sind zugleich mit dem lebhaften Wunsch in ihr vereint, sich

geltend zu machen und ihrer Eitelkeit geschmeichelt zu sehen. Aus

Alledem dürfen wir mit Sicherheit schließen, daß sie gern bereit sein

wird, sich den an sie gestellten Forderungen anzubequemen, sobald sie

dadurch die Befriedigungen ihres Verlangens zu erzielen vermag. Denn

sie ist viel zu eitel und zu klug, um durch Tugendscrupel belästigt zu

werden.«

»Ich glaube Sie zu verstehen, meine Mutter; Sie haben dabei an den

Prinzen gedacht,« fiel der Baron ein.

»So ist es. Und warum sollte es nicht sein? Der Wechsel sagt dem

Prinzen zu, der besondere Gegensatz vielleicht in diesem Augenblick

mehr denn sonst. Warum sollte ihm eine solche wilde Waldtaube nicht

gefallen, nachdem er sich an so vielem zahmen Geflügel übersättigte? --

Doch das ist nur eine Vermuthung, ohne daß ich eine förmliche Absicht

mit Marianen und dem Prinzen verbinde. Lass’ uns abwarten. Sollte ihm

die Lieben etwa nicht gefallen, so dürfte uns dieses eigenthümliche

Mädchen vielleicht doch noch in unserm Sinne dienen können, besonders

wenn die Sache geschickt angefaßt wird. Es ist das ein Gedanke, der in

mir durch die Verhältnisse erweckt worden ist.«

Also sprach die in dergleichen Intriguen sehr geschickte Baronin,

und ihr Sohn, damit bekannt, fand es nicht für gut, seiner Mutter zu

widersprechen, da er ihrer Klugheit durchaus vertraute. Freilich sagte

er sich, daß Marianens niedere Herkunft zu einer dauernden Liaison mit

dem Prinzen wenig geeignet sei; aber es kam im schlimmsten Fall auch

nicht darauf, sondern lediglich auf die augenblickliche Zerstreuung des

Prinzen an, und dazu schien ihm das reizende Mädchen sehr geeignet.

Der Baron trennte sich mit dem Versprechen von seiner Mutter, den

Prinzen in den nächsten Tagen zu einem Besuch bei ihr einzuladen, damit

er das Fräulein von Lieben kennen lernte.

Der Prinz hielt sich bisher sehr viel in seinen Gemächern auf, woselbst

er Musik trieb, viel schlief, mit seinen Hunden, deren er mehre um sich

hatte, spielte und sich von Henry, der jetzt eine sehr wichtige Person

war, frivole Geschichten erzählen ließ. Außer Mühlfels gewährte der

Prinz nur wenig anderen Personen noch den Zutritt und zwar solchen, für

welche er ein gewisses Wohlgefallen hegte oder die ihm im Augenblick

Zerstreuung verschafften. Nur selten fuhr er aus, noch seltener begab

er sich zu dem Fürsten, wenn ihn dieser nicht besonders zu sich

einladen ließ.

Sidonie floh er geradezu, wenigstens vermied er es, ihr irgend wo zu

begegnen. Ebenso zeigte er kein Verlangen nach seiner Tochter und sah

dieselbe nur höchstens zufällig und aus der Ferne. Das liebliche Kind

erregte nicht die geringsten zärtlichsten Gefühle in ihm und er schien

sich von dem Gedanken, der Vater desselben zu sein, ganz entfremdet zu

haben. Sidonie wurde, wie das eben nicht ausbleiben konnte, mit des

Prinzen Zustand bekannt gemacht; sie konnte ihn nur bedauern; denn sich

ihm zu nahen, wäre ihr unmöglich gewesen, nachdem sie erkannt, daß des

Fürsten Ermahnungen durchaus fruchtlos geblieben waren und der Prinz

sich nicht bequemte, irgend etwas zur Aussöhnung mit ihr zu thun.

Wir haben erfahren, wie schwer ihr eine solche unter den obwaltenden

Umständen geworden wäre; sie würde sich derselben jedoch, wenn auch mit

großer Ueberwindung unterzogen haben, weil sie dies im Hinblick auf

ihre Tochter und den Wunsch des Fürsten für ihre Pflicht erachtete.

So blieb denn das alte Verhältniß zwischen ihnen bestehen und Sidonie

ergab sich jetzt in das Unabänderliche um so leichter, da in ihrem

Herzen die Liebe mit neuer Frische aufgeblüht war und die Hoffnung sie

beglückte, den geliebten Freund bald und für längere Zeit in ihrer Nähe

zu sehen.

Der Prinz war in Folge der Aufforderung des Barons mit diesem

ausgefahren.

Es war ein heiterer, warmer Herbsttag und sehr geeignet, das Herz zu

erfrischen und der Seele neue Spannkraft zu verleihen.

Auf Mühlfels Wunsch dehnte der Prinz die Fahrt mehr als gewöhnlich aus,

da ihm dieselbe behaglich war und er sich dabei ziemlich gut unterhielt.

In seinem Palais zurückgekehrt, sprach der Prinz nach langer Zeit

wieder das Verlangen aus, den Abend irgendwo in einer heitern

Gesellschaft zu verleben, und Mühlfels benutzte diesen Umstand,

dem Prinzen den Vorschlag zu thun, das Souper bei seiner Mutter

einzunehmen. Er gab vor, daß die Letztere heute außer einigen dem

Prinzen angenehmen Personen auch ein paar Musik-Künstler von Ruf bei

sich empfangen würde, von denen man sich einigen Genuß versprechen, der

Prinz also eine kleine Unterhaltung erwarten dürfte.

Dieser Vorschlag gefiel dem Prinzen und er erklärte sich zur Annahme

desselben bereit.

Nichts konnte dem Baron gelegener kommen, und er eilte zu seiner

Mutter, um dieselbe des schnellsten mit Allem bekannt zu machen, damit

die erforderlichen Anordnungen noch getroffen werden konnten.

Die Baronin wurde durch die erhaltene Nachricht sehr erfreut. Sie

besaß die Geschicklichkeit, dergleichen Soupers in der besten Weise

zu improvisiren, besonders wenn es galt, den Prinzen zu empfangen und

nebenbei nicht eben geringe Vortheile zu erzielen.

Frau von Lieben wurde vor allen Dingen mit des Prinzen Besuch bekannt

gemacht und zugleich mit ihrer Tochter eingeladen, indem sie nicht

unterließ, ihr über das Verhalten der Letzteren dem Prinzen gegenüber

vertrauliche Winke zu geben.

Die Baronin strengte alle Kräfte an, scheute weder Mittel noch Mühe,

um das Souper so angenehm als möglich zu machen. Seinem Versprechen

gemäß, erschien der Prinz etwa um die neunte Abendstunde; aber obgleich

die musikalischen Leistungen auch ausgezeichnet genannt werden mußten,

das Souper auserlesen war, so schienen dieselben dem Prinzen doch

keinen besondern Geschmack abzugewinnen. Dies war auch in Bezug auf das

Fräulein von Lieben der Fall, so viel sie sich auch bemühte, ihre Reize

geltend zu machen.

Zwar unterhielt sich der Prinz mit den Damen eine kurze Zeit; sein

früher Aufbruch verrieth jedoch das geringe Interesse, das er für diese

Schönheit hegte.

So war es in der That. Denn als der Baron an dem nächsten Tage den

Prinzen besuchte und die Rede auf das Fräulein leitete, bemerkte der

Prinz: »Die Lieben ist ein hübsches Mädchen; aber nicht nach meinem

Geschmack! Ich habe alle diese Koketten und Salondamen herzlich satt,

bei denen es doch nur auf Eroberungen abgesehen ist. Ueber alle Kunst

und Künstelei im Benehmen und Toilette kommt man bei ihnen zu keiner

Natur. All’ dieser Flitter, Schönpflästerchen und Schminke, womit sie

sich nach ihrer Meinung verschönen, ekelt mich an. Etwas Anderes wäre

es mit einer einfachen, frischen Natur, in der noch die ursprüngliche

Kraft und Schönheit zu finden ist; das könnte mich reizen und mir

Interesse abgewinnen. Davon ist hier aber nicht die Rede. Wie die Hohen

so die Niederen! Alle sind sich gleich und alle langweilig!«

»Sie haben Recht, Hoheit, und es ergeht mir wie Ihnen. Aber was

bleibt uns unter solchen Umständen übrig, wollen wir uns nicht in das

Unvermeidliche fügen? Zum Entbehren werden Sie sich nicht bequemen

wollen, dazu sind Sie nicht geschaffen und Ihre Natur eignet sich nicht

zum Trappisten; so werden Sie zugreifen müssen.«

»Pah, pah! Zugreifen müssen!« spöttelte der Prinz und fügte hinzu:

»Sie sprechen, als ob wir nicht in der Welt lebten und lediglich auf

diesen langweiligen Ort angewiesen wären! Wollten wir uns nur ein wenig

umschauen, so würden wir manchen Genuß entdecken.«

»Und dennoch bezweifle ich das, nachdem ich erfahren, daß eine so

seltene Schönheit, wie die Lieben, keinen Eindruck mehr auf Sie macht.«

»Sie wissen, weshalb, Mühlfels, und damit Basta!« fiel der Prinz mit

bestimmtem Ton ein, und der Baron kannte den Letzteren zu gut, um noch

länger das Interesse der bezeichneten Dame zu vertreten. Ueberdies

sprach der Prinz den Wunsch aus, eine Spazierfahrt zu machen, und

schnitt damit alle weiteren Unterhaltungen über diese Angelegenheit ab.

Nach kurzer Zeit führte sie der Wagen aus der Stadt und der reizenden,

mit bewaldeten Höhen, stillen Seen und lieblichen Fernsichten

ausgestatteten Umgegend zu.

Auch heute war es ein heiterer Tag, der wie früher günstig auf den

Prinzen wirkte und seine Stimmung besserte. Nach einer kurzen Fahrt

erreichten sie eine an dem Wege gelegene sehr hübsche Villa, die ein

zierlich gehaltener Garten umschloß. Vor derselben breitete sich der

See aus, der in weiter Ferne die in Duft verschwimmenden Ufer bespülte

und dem Auge die mannichfachsten Aussichten gewährte und dadurch dem

Landhause einen ganz besondern Reiz verlieh. Man konnte sich zu einem

süßen Stillleben keinen geeigneteren Ort als diesen wünschen.

Des Prinzen Aufmerksamkeit wurde darauf hingelenkt, und es erwachte der

Wunsch in ihm, sich das Haus und die Gartenanlagen näher zu betrachten.

Er ließ den Wagen halten, stieg aus, schritt bis an das Gitter und

schaute hinein.

»Sehen Sie, Mühlfels,« sprach er, »ein hübsches Haus, einsam und

lauschig gelegen! Da müßte es sich angenehm wohnen lassen, natürlich

in Gesellschaft eines Wesens, das demjenigen gleicht, wie ich es mir

wünsche. In dieser Ruhe und Abgezogenheit von dem Treiben der Welt

müßten sich uns ganz neue Genüsse darbieten, nach denen ich mich sehne

und deren ich bedarf, wenn mir nicht das Leben und Treiben schaal

erscheinen soll. Doch ich glaube, ich bin sentimental!« rief er lachend

und fuhr alsdann fort: »Lassen Sie uns die Herrlichkeit betrachten,

vielleicht komme ich dabei zu anderen Gedanken.«

Sie begaben sich in den Garten, um von hier in das Landhaus zu

gelangen. Die in dem letzteren herrschende Stille und allerlei

Anordnungen deuteten darauf hin, daß es von dem Besitzer bereits

verlassen sein müßte. So war es in der That, wie ein bald

erscheinender Hüter der Villa erklärte. Die Herrschaft war seit einigen

Wochen nach Paris gezogen, um den Winter daselbst zu verleben, und das

Landhaus daher unbewohnt.

»Desto besser,« meinte der Prinz, »so kann ich meine Neugier ohne zu

stören befriedigen; denn ich bin wirklich gespannt, ob sich meine

Erwartung bestätigt und die innere Einrichtung dem äußeren Wesen

entspricht.«

Der Diener der Villa beeilte sich, die Thüren zu öffnen und die

vornehmen Herren einzulassen.

»Vortrefflich, vortrefflich!« rief der Prinz, nachdem sie einige Zimmer

durchschritten hatten; »ganz, wie ich es mir gedacht habe. Reich und

geschmackvoll, und was fehlt, kann leicht ersetzt werden!«

Sie traten aus dem Gartensalon auf die Veranda, und der Prinz ließ

einen Ruf der Ueberraschung vernehmen, indem sich seinem Auge die

reizendsten Aussichten darboten.

»Der Besitzer,« wandte er sich an Mühlfels, »ist in der That wegen

dieser Villa beneidenswerth, und ich gestehe Ihnen, ~müßte~ ich

nicht ~dort~ wohnen, so zöge ich ~hieher~. Lassen Sie uns nun

auch noch die Zimmer des zweiten Flügels sehen,« sprach er nach kurzem

Schauen und ging in das Haus zurück.

Der Diener öffnete die Thür, und sie traten in ein luftiges, mit

einer Menge guter Gemälde geziertes Gemach. Daneben befand sich ein

ähnliches, jedoch einfach ausgestattetes Zimmer, in welchem in der

Nähe des Fensters eine verhängte Staffelei stand.

»Sieh da, auch die Kunst fand hier eine Stätte!« rief der Prinz und

näherte sich der Staffelei.

Der Diener beeilte sich zu melden, daß das älteste Fräulein der

Herrschaft sich mit dem Malen abgebe.

»So, so,« warf der Prinz hin und wollte, wahrscheinlich in der

Voraussetzung, eine gewöhnliche Dilettantenarbeit zu finden, an der

Staffelei vorübergehen, als er sich plötzlich besann und die Frage an

den Diener richtete, ob unter der Hülle etwa ein Bild sei und er das

sehen dürfte.

Der Diener bejahte und bemerkte, während er die Hülle entfernte, daß

das gnädige Fräulein dasselbe gemalt hätte.

»+Parbleu!+ Ein reizendes Gesicht, eine kostbare Büste!« rief der

Prinz, als er das Portrait erblickt hatte. »Das ist wol eine Dame des

Hauses?« fragte er, das Bild mit dem höchsten Interesse betrachtend,

das ein junges Mädchen in der damals beliebten Schäfertracht

darstellte, wie sie uns der Pinsel Watteau’s aufbewahrt hat.

»Halten zu Gnaden, Hoheit, das Bild stellt nur ein gewöhnliches

Landmädchen vor, die auf des Fräuleins Wunsch bisweilen hieher gekommen

ist. Wie ich gehört habe, hat das Fräulein das Mädchen irgendwo gesehen

und ein so großes Gefallen an ihm gefunden, daß sie es abconterfeit

hat.«

»Was sagen Sie, Mühlfels? Ist das nicht ein wundervolles Kind?« fragte

der Prinz und fügte leise hinzu: »Ein eigenthümlicher Zufall, der mich

hier eintreten ließ; denn ich fand, was ich wünschte: die unverfälschte

Natur im Kleide der liebreizendsten Schönheit.«

Mühlfels, dessen Ueberraschung beim Erblicken des Bildes noch größer

als diejenige des Prinzen war, beeilte sich, des Prinzen Fragen zu

bejahen und zugleich seine Bewunderung für das Bild an den Tag zu

legen, während ein selbstgefälliges Lächeln seinen Mund umspielte.

Nachdem der Prinz das Bild nochmals betrachtet hatte, verließ er das

Gemach und kehrte in den Garten zurück, um dessen Anlagen näher in

Augenschein zu nehmen. Als er sich mit dem Baron allein sah, bemerkte

er gegen diesen:

»Wie der Diener sagte, befindet sich das Mädchen wahrscheinlich in

der Nähe; ich muß es sehen. Es wird aufzufinden sein, Mühlfels; der

Diener wird Ihnen den Wohnort desselben nennen können oder könnte sich

zur Erforschung desselben bemühen. Sparen Sie weder Mühe noch Geld,

mein Verlangen zu befriedigen. Das ist so ein Mädchen, wie ich es

wünsche, und mit solch einem Naturkinde in dieser Villa die Stunden zu

verträumen, das wäre ein überaus süßer Genuß. Ich werde erst wieder

Geschmack an diesem langweiligen Leben finden, wenn ich mich an diesen

sonnigen Augen erlaben, an diesem schalkhaften Lächeln ergötzen kann.

Ich verlasse mich auf Ihren Eifer, Mühlfels, und hoffe, Sie werden mich

bald, hören Sie, ~bald~, recht ~bald~ durch die Nachricht erfreuen, daß

Sie das Mädchen aufgefunden haben!«

»Seien Sie versichert, mein Prinz, daß ich keine Mühe scheuen werde!«

versicherte Mühlfels.

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 10 / 12 段