»So ist’s recht, so ist’s recht, mache Deinem Aerger Luft, damit Dich

der böse Alp im Schlaf nicht drückt und Du durch Deinen Angstgeschrei

die Leute hier aufweckst!« rief der Prinz, immer heftiger lachend. Mit

diesen Worten begab er sich zu Bett und der Diener in das Vorgemach,

woselbst er die Nacht zubringen sollte.

Die Befürchtungen des Prinzen trafen jedoch nicht ein, sondern Henry

erfreute sich des gesundesten Schlafes, und das hatte seine guten

Gründe, die wir später kennen lernen werden.

Sanfte Hornmusik weckte den Prinzen am nächsten Morgen, und von einem

ruhigen Schlummer gestärkt, erhob er sich in der besten Laune und

genoß die durch das geöffnete Fenster herein strömende frische Luft mit

vollen Zügen. Im Schmuck neuer Reize schaute er die seinem Auge sich

darbietende Landschaft, und wenngleich er für dergleichen Eindrücke

nicht eben große Empfänglichkeit hegte, thaten sie ihm doch gut.

Er versprach sich von dem heutigen Tage wirkliches Vergnügen. Etwa um

die zehnte Stunde gedachte er sich zur Jagd zu begeben, die tiefer im

Walde beginnen und in der Nähe des Sees ihr Ende finden sollte. Aber

er erinnerte sich sogleich der Sängerin, und kaum war Henry bei ihm

eingetreten, so erkundigte er sich, ob seine Voraussetzung eingetroffen

und der Schlaf des verliebten Dieners gestört worden sei.

Henry bekannte kleinlaut, daß dem wirklich so gewesen, und erregte

dadurch die Lachlust des Prinzen in hohem Grade, und mit Lachen empfing

der Letztere später den Baron, dem er sogleich das von seinem Diener

Erfahrene mittheilte.

»Ich möchte, wenn es angeht, das Mädchen noch vor Beginn der Jagd

sehen; denn ich bin in der That begierig, zu erfahren, in wie weit

sich Henry’s Bericht und unsere Vermuthungen in dieser Beziehung

bestätigen.« sprach der Prinz.

»Ich sah das Mädchen vorhin in den Wald gehen und bin überzeugt, wir

werden es dort treffen. Ich vermuthe, sie wird in der Nähe des Weges

sein, um Eure Hoheit vorüberfahren zu sehen.« »Desto besser! Dort

finde ich die geeignete Gelegenheit, meine Absicht auszuführen,« meinte

der Prinz und bestieg alsdann mit Mühlfels den auf ihn harrenden

leichten Jagdwagen, der sie nach dem im Walde gelegenen Forsthause und

von hier nach den bestimmten Standorten führen sollte.

Sie waren eine kurze Strecke auf dem Waldwege dahin gefahren, als

ihnen aus dem nahen Gebüsch ein ähnlicher Gesang wie am vorigen Abend

entgegen tönte.

Der Prinz vernahm denselben sogleich und rief: »Das ist sie!« Zugleich

befahl er zu halten, indem er bemerkte: »Lassen Sie uns die Kleine

ein wenig belauschen. Hier ist ein Fußpfad, nähern wir uns ihr auf

demselben.«

Dies geschah und schon nach wenigen Augenblicken gewahrte der Prinz

eine Mädchengestalt, die, zwischen niedrigem Gebüsch auf einem

bemoosten Stein sitzend, einen Kranz aus Waldblumen flocht und dazu

ein Volkslied sang. Ein Kranz von Epheu und Waldblumen umschlang ihre

vollen dunkeln Haare, die durch ein rothes Bändchen zusammen gehalten

wurden und in natürlichen Locken auf die gerundeten Schultern und den

zierlichen Nacken hernieder fielen.

Das Mädchen saß von den Nahenden abgewandt, so daß man ihr Gesicht

nicht sehen konnte. Sie schien die Lauscher nicht zu ahnen, flocht den

Kranz emsig weiter und trillerte dazu gleich einer Lerche. »Rufen Sie

sie an, Mühlfels, damit ich ihr Gesicht sehen kann,« sprach der Prinz

leise und in angenehmer Erregung.

Dies geschah, indem Mühlfels ihr einen guten Morgen wünschte.

Erschreckt schnellte das Mädchen auf und wandte ihnen das tief

erröthende Antlitz zu.

»Was ist das?! Das ist ja, bei Gott, die Gesuchte!« rief der Prinz in

freudiger Ueberraschung, als er das Mädchen erblickte.

»Ja, mein Prinz, sie ist es!« flüsterte ihm Mühlfels im Ton hoher

Befriedigung zu.

»Komm’ näher, mein Kind, komm’ näher!« sprach der Prinz und winkte

Marianen mit der Hand.

»Was soll ich?« fragte diese, ohne sich jedoch von der Stelle zu

bewegen.

»Wir wollen mit Dir sprechen, mein Kind.«

»Das kann der Herr auch von dort aus,« meinte Mariane keck und

schalkhaft.

»Das genügt mir nicht; also komm’!«

»Ich habe keine Zeit, mit Euch zu plaudern, und muß den Kranz fertig

machen,« meinte Mariane in dem obigen Ton.

»Hat es denn damit so große Eile?«

»Gewiß. Dieser Kranz ist für den schönen Prinzen bestimmt; ich will ihm

denselben in den Wagen werfen, wenn er vorüber fährt.«

»So, so,« entgegnete der Prinz wohlgefällig und fügte hinzu: »Ich

erspare Dir die Mühe, nach dem Wege zu gehen; Du kannst mir den Kranz

hier geben.«

Mariane erschrak, ließ den Kranz sinken und schaute den Prinzen mit

ihren großen dunkeln Augen an, dann aber, durch Mühlfels’ geheimen Wink

bestimmt, rief sie:

»~Sie~ sind die Hoheit?!«

»Nun ja; so komm’ nur, damit ich Dich endlich in der Nähe betrachten

kann!« rief der Prinz lachend.

Einen Augenblick zögerte Mariane, dann aber kam sie näher. Leicht

und gefällig wand sich ihre schlanke Gestalt durch die Büsche. Mit

gesenkten Blicken und tief erröthend blieb sie alsdann vor dem Prinzen

stehen.

Sie bot einen überaus reizenden Anblick dar.

Die einfache ländliche Kleidung, statt ihre natürlichen Reize zu

schmälern, ließ dieselben nur noch mehr hervortreten. Rascher hob sich

ihr Busen, die innere Bewegung verrathend, von dem knappen, zierlichen

Mieder umschlossen. Auf dem Gange hatte sich das Busentuch verschoben

und gewährte den Blick auf den schöngeformten Hals und Nacken.

Mit dem höchsten Wohlgefallen ruhte des Prinzen Auge auf der reizenden

Gestalt; er glaubte ein so schönes Mädchen noch nie gesehen zu haben.

In Marianen däuchten ihm alle seine Wünsche verkörpert; sie nur gehörte

in jene Villa, sie nur sollte seine Schäferin, die Königin seines

Herzens sein.

»So komm’ nur näher, reizendes Kind, und gieb mir den Kranz,« sprach

der Prinz und streckte ihr die Hand entgegen.

Zögernd und nur ein klein wenig sich nähernd, bot Mariane ihm das

Geschenk aus der Ferne dar, ohne jedoch das Auge zu ihm aufzuschlagen.

»Sieh’ mich doch an, damit ich Deine Augen betrachten kann!« forderte

der Prinz sie auf, indem er den Kranz empfing.

Sie zögerte, seinen Wunsch zu erfüllen, versuchte es mehrmals

vergeblich, bis sie endlich scheu und zugleich schalkhaft die Augen auf

ihn richtete.

Wäre der Prinz nicht schon für Mariane eingenommen gewesen, so hätten

es jedenfalls ihr liebreizendes Benehmen und der eigenthümliche Blick

gethan, mit welchem sie ihn betrachtete.

Der Prinz war über die Maßen entzückt, ergriff rasch ihre Hand, zog sie

an sich und steckte einen der kostbaren Ringe, die er trug, an ihren

Finger.

»Da hast Du auch etwas für Dein Geschenk, mein lieber Waldvogel. Ich

werde Dich wiedersehen, und denke nicht nur heute und morgen, sondern

auch in späteren Tagen, und wir wollen gute Freunde mit einander

werden. Singe heute Abend, wenn ich zurückkehre, wieder Deine Lieder,

sie gefallen mir. Adieu, mein kleiner Vogel, adieu!«

Er drückte ihr wiederholt zärtlich die Hand, schaute sie eben so

zärtlich an und begab sich alsdann mit dem Baron nach dem Wagen, indem

er noch oft nach ihr zurück schaute. Den Kranz führte er mit sich und

ließ ihn später sorgfältig aufbewahren.

Er befand sich in der angenehmsten Stimmung, und kaum hatten sie das

Mädchen aus den Augen verloren, so bemerkte er mit Erregung:

»Nun, Mühlfels, ich bleibe für diese Stunde Ihr Schuldner. Sie hätten

mir keine größere Freude bereiten können, als durch die heutige

Ueberraschung; denn daß Sie es darauf abgesehen haben, ist mir klar.

Aber es ist gut so; denn mein Genuß ist dadurch um so mehr erhöht

worden. Wie reizend ist dieses Mädchen! Ich hatte bei dem Anblick jenes

Bildes keine Ahnung, die Wirklichkeit könnte dasselbe übertreffen, und

nun sehe ich es tausend und tausendmal übertroffen. O, hätte ich sie

nur erst in der Villa! Welch ein süßes Leben werde ich mit ihr führen!«

Also erging sich der Prinz, von den angenehmsten Empfindungen erfüllt.

»Ich gestehe, mein Prinz, daß mein Vorschlag zu diesem Jagdausflug

lediglich die Befriedigung Ihres Verlangens in sich schloß, nachdem

ich so glücklich gewesen, Kenntniß von des Mädchens Aufenthalt zu

gewinnen. Es erging mir wie Ihnen, Hoheit; meine Erwartungen wurden bei

Marianens Anblick übertroffen, und um Ihnen einen ungetrübten Genuß zu

verschaffen, erlaubte ich mir die heutige Ueberraschung,« entgegnete

Mühlfels, über das so herrliche Gelingen seines Planes sehr erfreut.

»Ich verdanke Ihnen dadurch einen neuen Reiz zum Leben, das für mich

in dem Umgang mit diesem Mädchen wieder Werth erhalten wird. Denn

ich bin überzeugt, Mariane wird sich für die Folge bewähren und es

verstehen, mich dauernd und angenehm zu beschäftigen. Auch wird es

mir kein geringes Vergnügen bereiten, dieses Naturkind auszubilden.

Sie singt gut, besitzt also musikalische Anlagen; das paßt zu meiner

eigenen Vorliebe für die Musik. So kann ich das geträumte Idyll

verwirklichen, und das wird mir für lange Zeit Reiz und Zerstreuung

gewähren. Alles Uebrige überlasse ich Ihnen und Ihrer Mutter, Mühlfels.

Besorgen Sie mir vor allen Dingen die Villa um jeden Preis, hören Sie,

um jeden Preis, ja, sollte der Besitzer den Verkauf etwa verweigern,

so nennen Sie ihm selbst den Käufer. Ich muß diesen reizenden Käfig

für meinen Waldvogel haben. Dem Vater des Mädchens und diesem selbst

sichern Sie in meinem Namen alle Forderungen zu, die etwa gethan werden

sollten. Lassen Sie sich, sobald wir zurückkehren, eine Summe -- zehn-,

zwanzigtausend Thaler oder mehr, wie Sie wollen und es für nöthig

erachten -- geben und händigen Sie diese zur Ausstattung dem Mädchen

oder dessen Vater ein. Ich will überdies selbst nach der Residenz und

für die Kleine allerlei hübsche Sächelchen einkaufen. Sprechen Sie

jedenfalls noch heute mit Robert. Meine Ungeduld ist groß, und ich will

über Alles Gewißheit haben.«

Während dieser Mittheilungen hatten sie das Forsthaus erreicht und der

Prinz sah sich dadurch von weiteren Erörterungen abgehalten.

Die Jagd hatte längst jeden Reiz für ihn verloren; er fügte sich jedoch

und spielte, so gut er es vermochte, den Schützen. Trotz der dadurch

gebotenen Aufregung beschäftigte ihn jedoch fortwährend die Erinnerung

an Mariane, und so war es ihm angenehm, als sie sich endlich dem See

näherten, woselbst die Jagd enden sollte.

Zufälliger Weise erblickte der Prinz von seinem Standort aus das

Schloß, und dieser Umstand steigerte seine Ungeduld, sich wieder in

Marianens Nähe zu befinden, so sehr, daß er noch vor Beendigung der

Jagd nach dem ersteren zurückkehrte.

Mit erhöhter Freude erkannte Mühlfels den Beweggrund zu dieser Eile,

aus der er die Ueberzeugung von dem tiefen Eindruck schöpfte, den

Mariane auf den Prinzen erzeugt hatte. Nichts hätte ihm erwünschter

kommen können; denn diese Ungeduld, besonders aber die Begegnung des

Prinzen mit Marianen und das vortreffliche Benehmen der Letzteren

ließen ihn mit Bestimmtheit annehmen, daß es dem Mädchen gelingen

würde, den Prinzen nicht nur vorübergehend an sich zu fesseln.

Welche Folgen sich an diesen Umstand knüpfen mußten, war für ihn

keine Frage mehr, und er sagte sich, daß diese Liaison ihm den Weg zu

Sidoniens Herzen eröffnen mußte.

Mit Genugthuung erkannte er die vortrefflichen Wirkungen seiner

Rathschläge und Anordnungen, wodurch er des Prinzen romantische

Stimmung zu erhalten und für die Begegnung mit Marianen vorzubereiten

bedacht gewesen. Denn sowol Marianens Gesang, als auch Henry’s Bericht

über sie, der lediglich erfunden war, so wie das Geschenk des Kranzes

waren lediglich auf des Barons Angabe erfolgt; ja Mariane hatte sich

sogar nach seiner Anweisung kleiden müssen, so wie er ihr dann auch des

genauesten ihr Benehmen gegen den Prinzen vorgezeichnet hatte.

Freudig unterzog sich das Mädchen seinen Anordnungen, von dem Gedanken

entzückt, sich dem Prinzen angenehm machen zu können; denn den

eigentlichen Beweggrund zu den ersteren ahnte sie nicht. Des Prinzen

liebreiches Benehmen und kostbares Geschenk hatten ihre Seele in den

freudigsten Aufruhr versetzt.

Den blitzenden Ring fest mit der Hand bedeckend, eilte sie nach Hause,

um ihren Eltern und Freunden ihr Glück zu verkünden und ihnen das

prächtige Geschenk der Hoheit zu zeigen.

Was der Prinz zu ihr gesprochen, war ihr nicht erinnerlich, denn

sie hatte seine Worte kaum vernommen, noch weniger deren Sinn

begriffen. Denn trotz ihres hellen Verstandes war sie doch noch viel

zu unerfahren, um sich des Prinzen Wohlgefallen richtig zu deuten.

Sie war wirklich nichts als ein reizendes Naturkind, wenngleich ihr

mancherlei Schwächen anhafteten. Wir haben dieselben bereits früher

näher bezeichnet.

Sie war daher überglücklich, als ihr Vater, nachdem der Prinz das Mahl

beendet hatte, sie beauftragte, die von ihr für die Hoheit gesammelten

Walderdbeeren demselben zu bringen.

Sie hatte die Früchte auf Weinblätter gelegt und so in der einfachsten,

jedoch zierlichsten Weise geordnet.

Wir übergehen die weiteren Vorgänge während des Prinzen Anwesenheit auf

dem Schloß.

Der Letztere dehnte seinen Aufenthalt daselbst bis auf drei Tage

aus, in welchen sich seine Zuneigung für Mariane nur noch steigerte,

indem diese, nachdem sie die Scheu vor der Hoheit allmälig überwunden

hatte, ihn durch ihren natürlichen Liebreiz und die Unbefangenheit und

Besonderheit ihres Wesens noch mehr an sich fesselte und seine Ungeduld

nach ihrem baldigen Besitz erhöhte.

Der Castellan war durch den Baron mit des Prinzen Wünschen bekannt

gemacht worden und es darf im Hinblick auf die eigenthümlichen

Verhältnisse wol kaum noch bemerkt werden, wie sehr beglückt er und

seine Familie sich durch des Prinzen ihnen und ihrem Kinde erwiesene

Gnade fühlten.

Nicht anders war es mit Marianen, die, ohne durch irgend welche

sittlichen Bedenken beunruhigt zu werden, lediglich in dem Glück

schwelgte, nicht eine Dienerin zu werden, sondern in einem schönen

Hause als Herrin zu wohnen und sich bedienen zu lassen, vor Allem

jedoch von dem Gedanken geschmeichelt, dem schönen Prinzen, dem ihr

Herz sogleich entgegen geflogen war, so sehr gefallen zu haben und nun

oft von ihm besucht zu werden. Seit dem Tage, als sie der Prinz selbst

mit seinem Wunsch bekannt gemacht hatte, schwellte Glückseligkeit

ihre Brust und sie bekümmerte sich wenig über die Abreise desselben.

Es verstand sich von selbst, daß das strengste Geheimniß über Alles

beobachtet werden mußte, damit nicht etwa durch den Fürsten eine

Störung erfolgte.

Bei der Rückkehr beeilte sich Mühlfels, des Prinzen Befehl wegen

des Ankaufs der Villa sofort auszuführen. Als dieser nach kurzer

Zeit erfolgte, wurde das Landhaus in der prächtigsten Weise

eingerichtet, während eine Vertraute des Prinzen, Madame Voisin,

die Sorge für Marianens Ausstattung übernahm. Der Prinz ließ darauf

ganz außerordentliche Summen verwenden, welche ihm seine Geldfreunde

vorschießen mußten, da seine Mittel dazu nicht ausreichten.

Nachdem alle diese Geschäfte erledigt waren, wurde Mariane durch Madame

Voisin aus ihrer Heimath abgeholt und langte mit dieser in einem

schönen Reisewagen, den ihr der Prinz geschickt hatte, eines Abends in

der Villa an. Mariane war gleich einer Dame gekleidet und führte den

Namen eines Fräulein von Waldstein, wie es der Prinz gewünscht hatte,

um ihre niedere Herkunft zu verbergen. In ihrem Namen war auch die

Villa gekauft und für sie verschönert worden. Der Prinz empfing sie,

und es gewährte ihm kein kleines Vergnügen, das erstaunte und befangene

Mädchen als die Besitzerin des prächtigen Landhauses durch die Gemächer

zu führen. Madame Voisin wurde Marianen von dem Prinzen als ihre

künftige Gesellschafterin bezeichnet, doch bemerkte er zugleich, daß

nur sie hier die Gebieterin wäre.

Das strengste Geheimniß sollte fortan über Alles beobachtet werden. Die

Dienerschaft, nur aus den nothwendigsten Personen bestehend, war durch

Madame Voisin verpflichtet worden, gegen Jedermann sowol über Marianens

Anwesenheit als des Prinzen Besuche zu schweigen, um in solcher Weise

jedem Verrath vorzubeugen.

Der Prinz fühlte sich in dem endlichen Besitz Marianens außerordentlich

glücklich. Seine Leidenschaft für dieselbe steigerte sich mit jedem

neuen Tage. Er führte fortan, wie er es gewünscht, in der That ein

idyllisches Leben, und jede Stunde, die er irgend abmüßigen konnte,

brachte er in der Villa zu.

Jetzt war auch für Mühlfels der Zeitpunkt gekommen, sich Sidonien zu

nähern, und er konnte dies um so bequemer und häufiger thun, da der

Prinz ihm die vollste Freiheit und Muße gewährte. Seine Bemühungen,

durch seine Mutter unterstützt, waren wohl berechnet und verfehlten

darum die beabsichtigten Wirkungen auf Sidonie nicht. Bedacht, ihr die

Wünsche abzulauschen und sie durch deren Erfüllung zu überraschen,

viel zu vorsichtig und geschickt, seine Absicht zu verrathen, erschien

er stets als der ergebene Diener und theilnehmendste Freund der

Prinzessin, dem sie ihre Dankbarkeit für seine Ergebenheit nicht

versagen durfte. Seine Vorschläge für die Unterhaltungen zum nächsten

Winter waren ganz in ihrem Sinn ausgedacht und gewannen ihren Beifall,

und so geschah es, daß man den Baron fortan häufiger denn sonst bei der

Prinzessin sah.

Die Brust von beglückenden Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, war

Sidonie um so mehr geneigt, ihren Freunden ein vermehrtes Wohlwollen

zu schenken, besonders Mühlfels, dessen Diensteifrigkeit sie zu

Dank verpflichtete. Dieser Umstand war jedoch nur zu sehr geeignet,

den verliebten Baron immer mehr in der Ueberzeugung der Gunst der

Prinzessin zu befestigen und daran die besten Hoffnungen zu knüpfen.

Ein wichtiges Mittel zur Erreichung seines Ziels sah er in des Prinzen

Verhältniß zu Marianen, indem er im Hinblick auf der Prinzessin

leicht verletzbaren Charakter durch den Verrath desselben die letzte

Bedenklichkeit zu beseitigen hoffte, die sie etwa noch abhielt, seinen

Bewerbungen Gehör zu schenken.

Ende des ersten Bandes.

Druck von G. Pätz in Naumburg a/S.

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 12 / 12 段