»Ich habe die Wahrheit Ihrer Worte empfunden,« entgegnete der Graf mit

einem leisen Seufzer und fuhr alsdann fort: »Doch von mir soll und

darf in diesem Fall keine Rede sein; denn was ist mein Leid demjenigen

Sidoniens gegenüber! Alle meine Hoffnungen sind zerstört, denn ich

gestehe Ihnen offen, meine theure Freundin, ich glaubte an den guten

Einfluß der Vermählung, ich hielt mich überzeugt, daß der Prinz durch

die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin zu der Erkenntniß gelangen würde,

welch ein seltenes Glück ihm durch sie zu Theil geworden, und er in

Folge derselben sein Leben ändern und sich bemühen würde, Sidonien

würdig zu werden und sie zu beglücken. Wie sehr sehe ich mich nach

Allem, was ich vernommen, getäuscht! -- Ich begreife die menschliche

Natur nicht mehr, wenn es möglich ist, daß so seltene Vorzüge, in der

edelsten und zartesten Weise zur Geltung gebracht, auf den Prinzen

keine anderen Wirkungen zu erzeugen vermögen. Ich mag diesen Gedanken

nicht ausdenken, denn er empört meine Seele, empört sie um so mehr,

da ich erfahre, daß der Prinz rücksichtslos seinen übeln Neigungen

nachgeht, ohne der seiner Gemahlin schuldenden Achtung zu gedenken.

-- Ich erkenne mit Schrecken, daß nunmehr auf eine Umkehr zum Bessern

nicht mehr zu hoffen ist, mit dieser Ueberzeugung steigert sich

jedoch auch meine Besorgniß, daß Sidonie ein Opfer dieses unseligen

Verhältnisses werden muß.«

»Wenn nicht ganz besondere Umstände eintreten, welche dieses zu ihren

Gunsten ändern, wird es so sein,« entgegnete Aurelie in kummervollem

Ton.

»Und kann ich nichts, gar nichts zur Besserung ihrer Lage thun?

Vielleicht eine Vorstellung bei Sidoniens Bruder, dem Herzog.«

Aurelie schüttelte verneinend das Haupt und bemerkte: »Was vermöchte

dieser diesen Personen und Verhältnissen gegenüber! Wenig oder

nichts. Man würde seinen Vorstellungen kein Gehör schenken, ja sie

wahrscheinlich sogar übel aufnehmen; darum hat die Prinzessin ihn auch

nicht in ihr Vertrauen gezogen, obwol sie weiß, daß ihm ihre Lage

bekannt ist!«

»So müßte ich denn mit dem schmerzlichen Bewußtsein von hier scheiden,

die Freundin in Leid und Kampf zurück zu lassen; o, das ist schwer,

sehr schwer zu ertragen!«

»So wird es sein. Doch was können wir thun? Wir vermögen ja nur mit ihr

zu leiden.« »Ein geringer Trost ihrem Unglück gegenüber!« bemerkte der

Graf seufzend.

Schweigend schauten sie einige Augenblicke, ein Jeder mit seinen

Gedanken beschäftigt, vor sich hin; alsdann fragte der Graf:

»Werde ich Sidonie in dem Abendcirkel ohne Zeugen sprechen können?«

»Ich hoffe, es wird sich die Gelegenheit dazu finden; doch darf

dies nur mit großer Vorsicht geschehen, da, wie ich Ihnen bereits

mitgetheilt habe, Sidonie sehr aufmerksam beobachtet wird, um irgend

welche Schwächen an ihr zu entdecken. So etwas wäre den Leuten sehr

erwünscht. Sidoniens streng sittliches und abgeschlossenes Leben ist

ihnen höchst unbequem, indem sie dadurch genöthigt sind, ihrem Treiben

einen Zwang aufzulegen und die Rolle der Guten mit größerer Vorsicht zu

spielen. Sie dulden diesen Zwang um so unwilliger in dem Bewußtsein,

daß es Sidonie ernst meint und jeden Verstoß gegen die guten Sitten

nicht ungestraft hingehen läßt. In der ersten Zeit der Vermählung war

das freilich anders; Sidoniens Anspruchslosigkeit und Schüchternheit

gewährte ihnen die gewünschte Freiheit und die Leute ließen sich gehen,

bis sie später durch deren bestimmtes Verhalten zu der unangenehmen

Einsicht gelangten, wie sehr sie sich in der Prinzessin eigentlichem

Charakter getäuscht hatten. Sie mußten sich fügen, thaten dies

jedoch mit der geheimen Hoffnung, sehr bald die eigenen Gebrechen

an ihrer Fürstin zu entdecken. Sie werden daher erkennen, welche

große Vorsicht Sie in dem Umgange mit der Prinzessin zu beobachten

haben. Denn Heuchelei und Gleißnerei schleichen überall umher, und

ich gestehe Ihnen, ich vertraue auch kaum jenen Personen, die sich

Sidonien anscheinend mit der tiefsten Ergebenheit und Theilnahme nahen.

Möglich, daß ich darin zu weit gehe; aber ich kann nicht anders. Es ist

das leider die Folge des dem Herzen aufgenöthigten Mißtrauens und des

Bewußtseins, daß der sittliche Boden, auf welchem wir wandeln, durchaus

unterhöhlt ist.« --

»Welche Ironie des Geschicks, der einen Engel in die Welt der Bösen

versetzte!« bemerkte der Graf in schmerzlichem Ton.

»Sie werden morgen Gelegenheit finden, diejenigen Personen kennen zu

lernen, deren sittliche und geistige Vorzüge Sidonie veranlaßten, sie

in ihre Nähe zu ziehen. Es sind im Allgemeinen achtungswerthe Leute,

aber nur wenige von ihnen besitzen besondern Werth. Doch Sidonie

mußte sich schon glücklich schätzen, diese für sich zu gewinnen.

Der ernste und gehaltvolle Ton, den sie in ihren Gesellschaften zu

erhalten sich bemüht, widerstrebt dem Zeitgeschmack und so finden sich

nicht leicht die von ihr gewünschten und geeigneten Persönlichkeiten.

Diese Bemerkungen werden Ihnen hinsichts Ihres eigenen Benehmens den

Letzteren gegenüber genügen; Ihr Scharfblick wird das Uebrige thun.

Ob Sie Sidonie auch außer in diesen Cirkeln werden sehen und sprechen

können, wage ich in diesem Augenblick nicht zu bestimmen; das müssen

wir den Verhältnissen anheim geben. Mögen Ihnen die Stunden Ihrer

Anwesenheit hier mehr bringen, als wir erwarten dürfen; ich freue mich

von Herzen, Sie mit Ihnen zu genießen und zugleich unserer Freundin

Auge wieder von dem Schimmer stillen Glücks erhellt zu sehen.«

So sprach Aurelie und knüpfte an ihre Worte noch mancherlei Andeutungen

und Winke, wie sie durch die eigenthümlichen Verhältnisse geboten waren

und in des Grafen Lage einen besondern Werth für diesen enthielten.

Darüber ging die Stunde ihres Alleinseins rasch dahin. Frau von Techow

gesellte sich wieder zu ihnen, in deren Gesellschaft der Graf dann noch

eine kurze Zeit verweilte und darauf schied, nachdem ihn die Dame des

Hauses durch die Versicherung erfreut hatte, daß ihr Aureliens Freund

stets willkommen sein würde.

Am nächsten Tage, als die Zeit zum Besuch bei Sidonien nahte, suchte

der Graf deren Bruder auf, um in dessen Begleitung sich zu ihr zu

begeben und so gleichsam durch ihn bei der Prinzessin eingeführt zu

werden. Er hatte das mit dem Prinzen bereits früher verabredet, und

dieser sprach den Wunsch aus, sich zeitig zu seiner Schwester zu

begeben, damit sie noch vor Ankunft der übrigen Gäste ungestört ein

wenig über die vergangene Zeit plaudern könnten.

Sein Wunsch kam des Grafen Verlangen entgegen und bald befanden sie

sich bei Sidonien, und es darf kaum bemerkt werden, wie angenehm

diese dadurch überrascht wurde. Sidoniens Bruder -- Prinz Leonhard

-- war ein heiterer, gesprächiger junger Mann, der sich über das

Hofceremoniell gern fortsetzte, wie er es an dem Hofe seines Vaters

gethan, und so bildete er gewissermaßen den Vermittler einer

zwanglosen Unterhaltung, welche sich bald zwischen ihnen entspann. Die

zurückgelegten Reisen des Grafen hatten des Prinzen Interesse erregt,

und so konnte es nicht ausbleiben, daß der Erstere sehr bald durch

ihn zu Mittheilungen derselben aufgefordert wurde. Sidonie hatte den

Grafen nicht in dem gewöhnlichen Empfangssalon, sondern in einem ihrer

Wohngemächer empfangen, woselbst sie ungestört verweilen konnten,

während sich die übrigen Gäste in dem ersteren versammelten. Daß

Aurelie ihrem Kreise nicht fehlte, darf kaum bemerkt werden.

Der Graf, durch die Nähe der Geliebten beglückt und durch keinen Zwang

beengt, fesselte seine Zuhörer rasch an die lebhafte Schilderung seiner

Erlebnisse und der besuchten merkwürdigen Orte, und Alle, besonders

Sidonie, lauschten derselben mit der höchsten Theilnahme. Für sie hatte

ja Alles von dem Grafen Erlebte eine erhöhte Bedeutung; auch vernahm

sie zum ersten Mal aus dem Munde des Gereisten selbst die Schilderungen

der Wüste, der Pyramiden, des märchenhaften Nilflusses und der

das Staunen und die Bewunderung erregenden Denkmäler längst dahin

gegangener Pracht und Herrlichkeit mächtiger Herrscher und Völker, die

redenden Zeugen der Vergänglichkeit alles Irdischen.

Zugleich wies der Graf einen kleinen Vorrath von allerlei gesammelten

alterthümlichen Dingen vor, die er hergesandt hatte und ihnen erklärte,

und knüpfte daran ein und das andere auf seinen Reisen Erlebte, das,

voll Reiz, die Theilnahme seiner Zuhörer beanspruchte. Rasch eilte die

Zeit unter seinen, mit Interesse aufgenommenen Mittheilungen dahin.

Damals staunte man die Personen noch an, die dergleichen mit vielen

Gefahren und Beschwerden verbundene Reisen ausgeführt hatten; heute

ist das freilich anders geworden. Dampfschiffe, Eisenbahnen und die

mit ihnen unzertrennliche Civilisation haben die einst so gefahrvollen

und beschwerlichen Wege längst geebnet und sicher gemacht, und das

poesievolle Geheimniß der Nilquellen ist von kühnen und nimmer müden

Forschern nunmehr enthüllt worden.

Zu früh für die Wünsche Aller traf die Meldung ein, daß sich die

Gäste bereits in dem Salon versammelt hätten, und endete des Grafen

Mittheilung.

Auf Sidoniens Bitte versprach dieser, auch ihre Gäste in ähnlicher

Weise nach seinem Belieben zu unterhalten und ihnen den Anblick der

merkwürdigen Gegenstände zu gönnen, da sie denselben bereits einen

solchen Genuß in Aussicht gestellt hatte.

Der Graf verstand den geheimen Sinn ihrer Bitte nur zu wohl; die Leute

sollten in ihm lediglich den interessanten Reisenden sehen und dadurch

von Vermuthungen auf persönliche Beziehungen zu ihr abgelenkt werden,

die durch des Prinzen Begleitung, in welcher der Graf erschien, leicht

erweckt werden konnten. Die Prinzessin zog sich mit Aurelien zurück

und der Graf begab sich mit dem Prinzen durch den gewöhnlichen Eingang

zu den Gästen, so daß es den Anschein gewann, als ob sie nur eben erst

angelangt wären. Römer wurde mit großer Aufmerksamkeit von Seiten der

Gäste empfangen, die, wie wir erfahren haben, auf sein Erscheinen

bereits vorbereitet waren und sich einen seltenen Genuß von seinen

Mittheilungen versprachen.

Bald darauf erschien Sidonie mit der Freundin, und der Graf war durch

sein Verhalten bedacht, den Anwesenden den Glauben aufzunöthigen, als

ob er die Prinzessin am heutigen Abend erst jetzt begrüße.

Es fand nun eine zwanglose Unterhaltung statt, wie das stets zu sein

pflegte, bis der Vortrag eines Künstlers, gewöhnlich eines Sängers oder

Musikers, dieselbe aufhob und mit derselben abwechselte.

An dem heutigen Abend wurde aber in dieser Beziehung eine Ausnahme

gemacht, indem Sidonie nach kurzer Unterhaltung mit Römer ihren Gästen

verkündete, daß dieser sie durch Mittheilungen über seine Reisen

erfreuen würde.

Diese Nachricht wurde mit großer Freude aufgenommen, und der Graf

entledigte sich alsdann unter Vorzeigen der fremden Gegenstände des der

Prinzessin gegebenen Versprechens.

Unter den Gästen befand sich auch Mühlfels und dessen Mutter, die

Oberhofmeisterin.

Der Erstere fühlte sich an dem heutigen Abend in keiner angenehmen

Stimmung, indem man ihn über den Grafen vergaß und lediglich diesem

alle Aufmerksamkeit zuwandte.

Dieser Umstand verletzte des Barons Eitelkeit. Bisher hatte man gern

seinem Wort gelauscht und seine Mittheilungen hatten stets Beifall

geerntet; heute jedoch sah er sich wenig beachtet, und was ihn am

tiefsten verletzte, selbst von Sidonien, die, wie ihm nicht entging,

ihr ganzes Interesse dem Grafen zu schenken schien.

Sein Unmuth wurde freilich später dadurch beschwichtigt, daß er

Gelegenheit fand, sich in der gewöhnten Weise geltend zu machen, ebenso

durch die Voraussetzung, daß des Grafen ernstes, fast kaltes Wesen ihm

wenig geeignet schien, zärtliche Gefühle bei den Frauen zu erregen,

ganz abgesehen, daß, wie er sich mit Behagen sagte, sich der Graf

hinsichts der persönlichen Vorzüge nicht mit ihm vergleichen durfte.

In diesem angenehmen Bewußtsein zollte er dem Grafen lauten Beifall,

obwol es ihm nicht gelang, diesem eine besondere Beachtung für sich

abzunöthigen. Vielleicht würde dies geschehen sein, hätte der Graf des

Barons Stellung bei dem Prinzen gekannt, was jedoch nicht der Fall war.

Da Sidonie, Aurelie und der Graf der zu beobachtenden Vorsicht in ihrem

Verhalten zu einander stets eingedenk blieben, so gewann der Baron

auch nicht die leiseste Ahnung von dem wichtigen Interesse, das diese

drei Personen aneinander fesselte. Seine Täuschung wurde um so mehr

befestigt, da Sidonie, durch die Nähe des Geliebten beglückt, ihre

Empfindungen auch auf ihre Gäste übertrug und so auch Mühlfels durch

vermehrte freundliche Aufmerksamkeit beehrte.

Dieser ihm so angenehme Umstand diente ihm zugleich als Beweis des von

Sidonien für ihn gehegten wärmeren Interesses, und so schied er in sehr

befriedigter Stimmung.

Dies fand auch in Bezug auf die übrigen Personen statt, namentlich

jedoch hinsichts Sidoniens.

Als sie sich zurückgezogen hatte und mit Aurelien allein befand,

umarmte sie diese in überwallendem Gefühl, indem sie bemerkte:

»O, Aurelie, welch ein schöner Abend! O, daß ihm tausend und aber

tausend solche folgen möchten!«

Nach kurzer Pause fuhr sie dann fort:

»O, daß mein Glück durch den schrecklichen Gedanken getrübt werden muß,

wie bald diese Zeit dahin, wie bald ~er~ mir wieder fern sein und

mich wieder die ganze Oede meines kummervollen Daseins umgeben wird! O,

ich mag nicht daran denken! Mein Herz zuckt schmerzvoll zusammen und

ich fühle mich entmuthigt bis zum Tode!«

»Wie könnte das anders sein, und ich meine, theure Sidonie, es ist gut,

daß Du Dich der raschen Vergänglichkeit Deines Glücks bewußt bleibst,

um auf den Verlust desselben vorbereitet zu sein. Zwar fühle ich mit

Dir, wie schmerzlich diese Nothwendigkeit ist; aber immer und immer

mahnen mich die Verhältnisse, ihrer eingedenk zu sein, damit Du Dich

nicht in Deinem Kummer verlierst und sich derselbe nicht noch mehr

erhöht!« -- entgegnete Aurelie voll der herzlichsten Theilnahme.

»O, Du hast Recht, ganz Recht! Wie könnte es auch anders sein; Deine

Liebe sorgt und wacht ja unablässig über mich!« -- fiel Sidonie ein und

umarmte die ihr so theure Freundin.

»Wenn uns auch der Graf verläßt, wir bleiben darum nicht ohne Trost.

Die Gewißheit seiner Nähe, die Hoffnung auf seine Wiederkehr enthalten

ja so viel Beruhigendes und Erfreuliches, daß Du seine längere

Abwesenheit leichter überwinden wirst.«

»Ich werde es, weil ich es ~muß~. Ach, das Herz hat seine eigenen

Forderungen, meine Gute, und eben weil ich mich nach so langer Zeit

wieder glücklich fühle, vermag ich den Gedanken an den Verlust des

theuern Freundes noch nicht zu fassen. Aber Du hast Recht; ich muß

ruhiger werden und mein Glück mit Mäßigung und Beherrschung genießen,

und ich werde darauf bedacht sein. Lass’ uns noch einmal seine

Geschenke betrachten, die er mir aus weiter Ferne gebracht und die mir

sagen, wie er meiner immer und immer gedacht hat, in der Wüste wie an

den Stätten der Kunst und der blühenden Natur.«

Und Arm in Arm nahten sie dem Tisch, auf welchem dieselben lagen, und

ergötzten sich an ihrem Anblick, bewunderten deren Eigenthümlichkeiten

und gedachten dabei des Grafen oft und oft, bis die späte Stunde sie

zum Scheiden nöthigte. Diesem angenehmen Abend folgten noch ähnliche.

Bald war die von dem Grafen festgesetzte Zeit zu seinem Aufenthalt

verflossen, und dennoch vermochte er Sidonien nicht Lebewohl zu

sagen. Bei jedem Scheiden von ihr las er ja in ihrem Auge die Bitte,

noch zu verweilen und ihr süßes Glück nicht zu stören. Und wie gern

erfüllte er ihre Wünsche, von dem eigenen Verlangen und Glück, das

ihm ihr Umgang gewährte, dazu genöthigt. Statt nur auf zwei Wochen

dehnte er seinen Besuch auf einen Monat aus, dann aber, durch seine

persönlichen Verhältnisse bestimmt, reiste er ab. Er schied jedoch mit

dem Versprechen, bald zurück zu kehren und alsdann eine längere Zeit zu

verweilen.

Während seiner Anwesenheit hatte er Sidonie nicht nur in den

Abendcirkeln gesehen, sondern er fand auch außerdem Gelegenheit dazu,

indem ihn der Ersteren Bruder bisweilen zu einem Besuch der Prinzessin

aufforderte.

Sidoniens abgeschlossenes Leben, das, unbeachtet von ihrem Gemahl,

ihr die Freiheit gewährte, sich nach Belieben zu bewegen, nahm dem

Grafen allmälig die Bedenken, welche er wegen seiner öfteren Besuche

bei Sidonien gehegt hatte. Da er dieselben jedoch nur in des Prinzen

Begleitung machte und ihn Sidonie daher nie allein empfing, so däuchte

ihm keine Gefahr für sie darin zu liegen, und um so leichter gab er dem

Verlangen seines Herzens nach.

Alle die bezeichneten Umstände waren es auch, welche ihm das

Versprechen seiner baldigen Wiederkehr abnöthigten. Hierauf übte

zugleich die freudige Entdeckung der vortheilhaften Wirkungen seiner

Nähe auf Sidoniens Befinden einen wesentlichen Einfluß aus. Sie hatte

in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit sichtlich an Frische gewonnen

und die bisher von Kummer gebleichte Wange einen feinen Rosenschimmer

erhalten, ihr Auge war belebter, und sie schien in dem Genuß ihres

Glücks selbst ihr trübes Schicksal zu vergessen. Wie hätte da der

Graf von ihr scheiden können, ohne ihr die Hoffnung des Wiedersehens

zurück zu lassen! Ueberdies waren die Verhältnisse der Art, daß er die

Rückkehr ohne Sorge eines Verrathes wagen durfte. Sidoniens Umgebung

betrachtete ihn lediglich als den Freund des Prinzen Leonhard, dem die

Prinzessin als solchen und als den interessanten Reisenden eine gewisse

Aufmerksamkeit schenkte, was man als etwas Gewöhnliches zu bezeichnen

für gut fand und den Besuchen des Grafen daher keine Bedeutung beilegte.

Dies kam der Prinzessin sehr zu statten, ganz besonders jedoch die

häufige Abwesenheit des Prinzen, wodurch auch zugleich Mühlfels von

etwaigen Beobachtungen abgehalten wurde. Der Baron sah den Grafen nur

noch einmal und zwar an dem Abende, an welchem dieser sich von der

Prinzessin vor allen Gästen in der förmlichsten Weise verabschiedete.

Er vor Allen hätte ihnen unter anderen Umständen gefährlich werden

können, da er das größte Interesse für Sidonie hegte, und so war es ein

glücklicher Zufall, daß die Umstände sich also gestalteten.

Wir nennen diesen Zufall einen ~glücklichen~, anscheinend war er

ein solcher, und dennoch wäre es für Sidoniens und des Grafen künftiges

Geschick besser gewesen, hätte ihnen Mühlfels’ Nähe und Beobachtung

nicht gefehlt und diese in ihnen Zweifel an ihrer Sicherheit erregt

und sie dadurch zugleich veranlaßt, auf ein baldiges Wiedersehen zu

verzichten.

Denn es unterliegt keiner Frage, daß sich Mühlfels’ Interesse für

die Prinzessin bei den wiederholten Besuchen in so weit verrathen

hätte, daß des Grafen Aufmerksamkeit auf ihn dadurch erweckt worden

und er veranlaßt worden wäre, den Charakter des Barons zu prüfen und

vielleicht Erkundigungen über denselben einzuziehen.

Da dies nicht geschah, so blieben Sidonie und Aurelie in der früheren

Täuschung und somit von deren Gefahren bedroht.

Sechstes Kapitel.

Ungefähr drei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge

dahin gegangen. Der Prinz hatte seinem Treiben trotz der erhaltenen

Ermahnungen seines Oheims keine Schranken angelegt und eben so wenig

das Geringste gethan, um sich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, und so

war das wohlgemeinte Wort des Fürsten vergeblich gesprochen worden.

Alles, wozu sich der Prinz bequemte, bestand darin, sein Treiben dem

Fürsten mehr denn früher zu verheimlichen, was ihm jedoch nur zum Theil

gelang, da er seinen Neigungen nur zu leicht und zu oft die Zügel

schießen ließ und alsdann jede Vorsicht und Rücksicht vergaß. Die

Folge davon war nicht nur die Unzufriedenheit des fürstlichen Oheims

mit seinem Neffen, sondern auch jene Uebersättigung des Letzteren, die

unter solchen Umständen niemals auszubleiben pflegt. Der Prinz befand

sich seitdem in einem stets gereizten und unmuthigen Zustand, der ihn

im höchsten Grade peinigte und von welchem seine Umgebung und selbst

Mühlfels nicht eben wenig zu leiden hatten.

Zwar bemühte sich der Letztere, die Stimmung des Prinzen zu verbessern;

indessen vergebens, da demselben alle früher beliebten Arrangements

jetzt langweilig und ungenießbar erschienen.

Um seinen Unmuth noch in hohem Grade zu steigern, sprach auch der Fürst

immer bestimmter das Verlangen aus, daß der Prinz den Staatsgeschäften

ein größeres Interesse zuwenden und sich darum nicht so häufig und auf

lange Zeit aus seiner Nähe entfernen sollte. Zu ernsten Dingen fühlte

der Prinz jedoch jetzt gerade am wenigsten Neigung und fügte sich daher

nur mit Widerstreben in den Befehl seines Oheims. Mühlfels sah sich

in Folge dessen veranlaßt, auf Mittel zu denken, durch welche er die

Abspannung und üble Laune des Prinzen beseitigen und zugleich ein gutes

Einvernehmen zwischen diesem und dem Fürsten herstellen könnte. Und so

sehen wir ihn denn in dem Boudoir seiner Mutter, der Oberhofmeisterin

der Prinzessin, mit welcher er die bezeichnete Angelegenheit in

eingehender Weise erwog. Denn es muß bemerkt werden, daß der Baron in

dem eigenen Interesse sowol als demjenigen des Prinzen seine Mutter

häufig zu Rathe zog und sie einen nicht unwesentlichen Einfluß auf

seine Anordnungen in dieser Hinsicht ausübte.

Die Baronin besaß eine ausgedehnte Damenbekanntschaft und wurde nicht

eben selten mit der Bitte angegangen, den Prinzen durch ihren Sohn

auf eine oder die andere Schönheit aufmerksam machen zu lassen, oder

auch wol die Gelegenheit zu bieten, daß der Prinz diese persönlich

kennen lernte. Der Letztere besuchte nämlich mit Mühlfels dann und wann

die Baronin, nachdem diese bedacht gewesen, des Prinzen Auge durch

angenehme weibliche Erscheinungen in ihrem Hause zu überraschen.

Wir sehen, daß die Oberhofmeisterin neben ihrer Stellung als solche

auch noch eine andere, mindestens zweideutig zu nennende, einnahm,

so wenig diese sich auch mit ihrem eigentlichen Beruf vereinigte.

Sidonie war damit nicht bekannt, noch hegte sie so viel Interesse

für die Baronin, um nach deren sittlichen Eigenschaften zu forschen.

Des Prinzen Empfehlung hatte ihr dieselbe zugeführt, und es war ihr

überhaupt ziemlich gleichgiltig, von welcher Dame diese Stellung

eingenommen wurde, wenn dieselbe nur überhaupt ein von ihr gewünschtes

Verhalten beobachtete. Und dies war bei der Baronin durchaus der

Fall. Mit dem Charakter der Prinzessin bald genügend vertraut, war sie

bedacht, sich im Wesen und Benehmen ganz deren Wünschen anzubequemen,

und diese Klugheit sicherte ihr eine gute Aufnahme bei Sidonien. Da sie

sich überdies auch gegen des Prinzen Verhalten erklärte und darin durch

ihren Sohn in der bereits angegebenen Weise wesentlich unterstützt

wurde, so zweifelte Sidonie nicht an der aufrichtigen Theilnahme der

Baronin und dankte ihr dafür durch ein gütiges Entgegenkommen. Fern

lag ihr die Vermuthung, wie sehr sie sich täuschte und daß Mutter und

Sohn lediglich ein und dasselbe Ziel verfolgten, und so geschah es, daß

sie auch der Baronin gleich deren Sohn den Zutritt in ihre Abendcirkel

gestattete. --

Wir kehren nach diesen Erläuterungen zu den Berathungen der Letzteren

zurück.

»Der Prinz hat also seine Tänzerinnen satt?« fragte die Baronin.

»Durchaus, wie das vorauszusehen war. Sie kennen ja seinen Charakter

und wissen, daß er nur in dem fortwährenden Wechsel der Genüsse

Befriedigung findet.«

»Es fehlt also an einem Ersatz?«

»So ist es, und dieser Ersatz wird um so schwerer zu erhalten sein, da

der Prinz durch die letzten Debauchen allen Geschmack an Aehnlichem

verloren hat.«

»Um so besser, so wird eine Dame aus guter Familie, mit Schönheit

und dem erforderlichen Benehmen ausgestattet, leicht seinen Beifall

gewinnen.« »Möglich. Kennen Sie eine solche Dame?«

»Allerdings. Es ist Fräulein von Lieben. Sie machte mir neulich

in Begleitung ihrer Mutter einen Besuch, und diese deutete in

vertraulicher Weise die große Verehrung an, welche ihre schöne Tochter

für den schönen Prinzen hege, und dies reicht hin, Weiteres in Deinem

Sinn zu veranlassen. Die Liebens sind, wie Du weißt, ziemlich ohne

Mittel, ihr Vermögen ist derangirt; eine Liaison mit dem Prinzen würde

ihr daher sehr gelegen kommen, auf welche sie es vielleicht auch

abgesehen hat.«

»Die Lieben ist also hübsch und in die Künste der Koketterie

eingeweiht?«

»Vollkommen. Sie hat den vorigen Winter in Paris zugebracht und scheint

diese Zeit dazu vortrefflich benutzt zu haben.«

»Dann könnte es ihr vielleicht gelingen, den Prinzen zu fesseln und

ihn von seiner Apathie zu befreien. Das käme mir sehr gelegen, denn

ich fürchte fast, der Prinz könnte, verharrte er darin, sich dadurch

und durch des Fürsten Ermahnungen am Ende veranlaßt sehen, sich mit

der Prinzessin auszusöhnen, und Sie wissen, das würde meine Pläne

zerstören.«

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 9 / 12 段