des Prinzen eingeladen, theils um diesen mit den Gründen dazu bekannt
zu machen, theils allen falschen Muthmaßungen ihrer Umgebung durch ein
so offenes Handeln vorzubeugen. Der Prinz hatte dem Grafen eine nur
flüchtige Beachtung geschenkt. Ihm gefiel das ernste, fast gemessene
Wesen, der feste, überlegene Blick und die Achtung gebietende Gestalt
desselben nicht; er hegte gegen dergleichen Erscheinungen geradezu
eine Abneigung, und so zog er es vor, sich während des Gesprächs
der Prinzessin mit einem in der Nähe befindlichen Verwandten zu
unterhalten. Dennoch vernahm er Sidoniens Worte und die Einladung des
Grafen zu den Abendcirkeln. Er achtete darauf jedoch nicht, da ihm die
Angelegenheiten seiner Gemahlin durchaus gleichgiltig waren und sein
Interesse obenein durch die Mittheilung seines Verwandten in Anspruch
genommen wurde, der, mit der Vorliebe des Prinzen für die reizende
Tänzerin Zelia vertraut, diese über die Maßen pries.
Endlich erreichte die Gratulations-Ceremonie ihr Ende, und die
Prinzessin athmete bereits hoch auf, diesem Zwange endlich überhoben zu
sein, als eine Bewegung unter den Anwesenden die Ankunft des Fürsten
und seiner Gemahlin verkündete.
Bald erschienen die Letzteren und wurden von Sidonien und dem Prinzen
empfangen, worauf alsdann die üblichen Gratulationen abgestattet
wurden, von welchem diejenige der bereits bejahrten, etwas leidenden
Fürstin besonders herzlich war.
Der Fürst liebte dergleichen nicht und faßte sich kurz; er schien sich
nicht der besten Stimmung zu erfreuen, wie der scharfe und unmuthige
Blick, mit welchem er den Prinzen begrüßte, andeutete.
Nachdem er einige Worte mit der Prinzessin gewechselt hatte, reichte er
ihr den Arm und führte sie nach dem Gartensaal zurück und von hier in
den Garten.
Der Prinz geleitete die Fürstin, indem er seinem Oheim folgte. »Ich
hoffe, liebste Prinzessin, wir werden den heutigen Tag angenehm
verleben. Ich habe Arrangements zu einigen Festlichkeiten treffen
lassen, und meine, dieselben werden Ihren Wünschen entsprechen,«
bemerkte der Fürst, während sie durch eine Allee dahinschritten.
»Sie kennen meine Anspruchslosigkeit in dieser Beziehung, mein gnädiger
Fürst« -- -- entgegnete Sidonie.
»Ich weiß, ich weiß!« fiel dieser ein und setzte dann hinzu:
»Aufrichtig gestanden, wäre es mir lieber, Sie beobachteten das
Gegentheil davon und zögen sich nicht so sehr in Ihre Abgeschlossenheit
zurück; vielleicht würde sich alsdann Manches besser gestalten.« --
Diese Bemerkung bezog sich auf das eheliche Verhältniß der Prinzessin.
»Sie überraschen mich in der That durch Ihre Worte, mein Fürst, die ich
heute am wenigsten erwartet hätte!« fiel Sidonie ein und blickte ihn an.
Der Fürst mochte wol fühlen, daß sie sich im Recht befand, und darum
fragte er:
»Hat sich der Prinz bei Ihnen entschuldigt?«
»Entschuldigt?!« fragte Sidonie mit Befremden und fügte hinzu: »Wie
sollte ich, mein Fürst, dergleichen erwarten dürfen? Sie wissen, wie
ich mit dem Prinzen stehe, und kennen seinen Charakter zu gut, um ihm
eine Handlung der Höflichkeit gegen mich fähig zu halten, auf welche
ich schon seit langer Zeit keinen Anspruch mache.«
»Ich glaube Ihnen das, denn ich habe erkannt, daß Sie resignirter
sind, als ich erwartet habe; aber bedenken Sie, liebste Prinzessin,
wohin das führen soll! Eine Ehe, die nur dem Namen nach besteht, hat
mit Bezug auf die Erbfolge ihre wichtigen Bedenken, besonders wenn die
letztere nicht gesichert ist. Wollten Sie das nicht in Erwägung ziehen
und mancherlei übersehen, was Ihr vielleicht zu feines Zartgefühl
verletzt? Der Prinz ist ein wenig leicht und liebt die heiteren
Genüsse, dabei läßt sich nicht immer eine bestimmte Grenze festhalten;
das ist einmal nicht anders. Auch ist man an diese Dinge so ziemlich
gewöhnt und es bestehen unter ähnlichen Verhältnissen ganz leidliche
Ehen, die in Bezug auf die Thronfolge nichts zu wünschen übrig lassen.«
»Bei Ihnen ist das etwas Anderes, und Sie müssen bedenken, daß bei
Ehen, wie die Ihrige, mehr die Klugheit als die Neigung maßgebend
wird, wenn dergleichen Zerwürfnisse dazwischen treten. Es ist mir
lieb, daß Sie sich einen Cirkel von Ihnen angenehmen Personen gebildet
haben; der Prinz legt Ihnen in dieser Beziehung nichts in den Weg;
Sie sollten dies anerkennen, und ich dächte« -- der Fürst sprach die
folgenden Worte mit einer eigenthümlichen Betonung -- »es müßte Ihnen
unter solchen Umständen nicht zu schwer werden, ja vielleicht erwünscht
sein, ein leidliches Verhältniß zwischen sich und dem Prinzen wieder
herzustellen.«
Sidonie hatte aufmerksam zugehört und schaute ihn, als er schwieg, mit
Befremden an.
Des Fürsten Worte hatten eine Praxis entwickelt, welche, wenngleich
sie auch in dem Staatsinteresse eine Entschuldigung und scheinbare
Berechtigung finden mochte, ihre feingeartete Natur doch viel zu sehr
verletzte, um ihre Zustimmung gewinnen zu können. Sie vernahm dieselbe
zum ersten mal, und ihre Seele wandte sich um so entschiedener davon
ab, da sie, mit dem Glück des Wiedersehens ihres Freundes erfüllt, ein
solches Verhältniß für unmöglich erachtete. Wie tief würde sich ihr
reiner Sinn verletzt gefühlt haben, hätte sie des Fürsten Andeutung
ganz verstanden. Davor bewahrte sie glücklicher Weise der Mangel eines
erschöpfenden Einblicks in die ehelichen Verhältnisse anderer Fürsten.
»Ich meine,« entgegnete sie nach kurzer Ueberlegung, »den Wunsch, ein
achtungsvolles Verhältniß zwischen mir und dem Prinzen zu erhalten,
deutlich genug zu erkennen gegeben zu haben; wenn dasselbe trotzdem
nicht zu Stande gekommen ist, so legen Sie, mein Fürst, die Schuld
nicht mir, sondern dem Prinzen bei.«
»Ich gebe zu, daß dem so ist; dennoch trifft Sie der Vorwurf, den
Prinzen nicht mit mehr Klugheit zu behandeln, wodurch Sie ihn leicht
für sich gewinnen würden. Der Prinz ist an den Reiz weiblicher
Koketterie gewöhnt, liebt diese; warum wenden Sie dieselbe nicht an?
Ich weiß, Sie sind klug genug dazu; es hängt also auch nur von Ihrem
Willen ab.«
»Sie täuschen sich in dieser Voraussetzung, mein Fürst. Die Kunst der
Koketterie besitze ich nicht und mißbillige sie obenein, weil sie mir
als durchaus unwürdig eines Menschen, der auf Achtung Anspruch macht,
erscheint.« »Mag dem also sein; darum dürfen Sie jedoch ein Mittel
nicht von sich weisen, das durch die Nothwendigkeit geboten wird und
Ihnen einen so wichtigen Erfolg in Aussicht stellt.«
»Ich bedaure, mein gnädiger Fürst, Ihren Erwartungen und Wünschen
in dieser Beziehung nicht entsprechen zu können, und gestehe Ihnen
dies ganz offen, um Sie nicht einer Täuschung preiszugeben. Will der
Prinz sich meine Achtung wieder erwerben, so kennt er die Mittel,
durch welche er dieses Ziel erreicht; Sie aber, mein Fürst, kennen
meinen Charakter viel zu gut, um nicht überzeugt zu sein, mit welcher
Befriedigung ich ein solches Bestreben von seiner Seite aufnehmen
werde.«
»Nun, nun,« fiel der Fürst wohlgefällig ein, »ich erkenne Ihren guten
Willen, freilich aber auch ihre Ansprüche, von welchen Sie nicht
abgehen wollen. Ich werde mit dem Prinzen sprechen und versichere Sie,
daß es mir eine große Freude bereiten würde, vermöchte ich Sie an dem
heutigen Tage mit einander wieder auszusöhnen. Ein solcher Festtag
ist ja so sehr geeignet, unsere Empfindungen milder zu stimmen, und
besonders in einem Fall, in welchem uns das Recht zusteht, dieses einem
edlen Zweck zu opfern. -- Lassen Sie uns zu der Fürstin gehen, um meine
Absicht mit dem Prinzen sogleich auszuführen.«
Mit diesen Worten führte der Fürst Sidonie seiner Gemahlin zu und
wandte sich alsdann an den Prinzen mit der Aufforderung, ihn zu
begleiten. Dies geschah, und als sich Oheim und Neffe von den Damen so
weit entfernt hatten, daß ihre Worte von diesen nicht vernommen werden
konnten, blieb der Fürst stehen, schaute den Prinzen ernst an und
bemerkte in gereiztem Ton:
»Ich habe in den verflossenen Tagen mehrmals vergeblich um Ihren Besuch
bitten lassen; Sie haben sich so gut in der Residenz gefallen, daß Sie
nicht nur fast eine ganze Woche daselbst geblieben sind, sondern sogar
den Geburtstag Ihrer Gemahlin vergessen haben.«
»Sie irren, mein Fürst, vergessen habe ich denselben nicht, wie Ihnen
das meine Anwesenheit beweist,« entgegnete der Prinz nichts weniger als
verlegen.
»Sie sind jedoch erst vor ein paar Stunden hier angelangt, und es hätte
sich geziemt, daß Sie wenigstens schon gestern zurückkehrten, wenn
überhaupt nicht früher,« fiel der Fürst vorwurfsvoll ein.
»Sie kennen unsere gegenseitige Abneigung; was wäre also durch meine
frühere Rückkehr gebessert worden. Die Prinzessin verlangt nicht
nach meinem Anblick, und ich, ich gestehe es, eben so wenig nach dem
ihrigen.«
»Wenn dem auch so ist, so sind Sie ihr doch eine gewisse Rücksicht vor
der Welt schuldig; wenn Sie ihr diese nicht schenken, so können Sie
sich auch nicht über ihre Gleichgiltigkeit beklagen.«
»Ich bin weit entfernt, dies zu thun --«
»So ist auch unter solchen Umständen an keine Aussöhnung zwischen euch
zu denken!« fiel der Fürst gereizt ein.
»Ich wenigstens habe diese längst aufgegeben,« warf der Prinz hin.
»Das ist eben Ihr Unrecht, und man erkennt daraus, daß Ihnen das
Staatsinteresse ziemlich gleichgiltig ist und es Ihnen nicht beliebt,
zu erwägen, daß in solcher Weise der Zweck Ihrer Vermählung nicht
erreicht werden kann. Ich sage Ihnen, Prinz, das muß anders werden,
und erinnere Sie an die Pflichten, die Sie als künftiger Regent
haben. Auch, meine ich, könnte eine Beschränkung und Aenderung Ihrer
Lebensweise nichts schaden; Sie schädigen dadurch Ihren Körper und
lassen sich von den ernsteren Staatsgeschäften abhalten. Das geht so
länger nicht, darum kommen Sie zur Einsicht, und vor allen Dingen
seien Sie bedacht, wieder ein gutes Verhältniß zwischen sich und
Ihrer Gemahlin herzustellen. Ich habe soeben mit der Prinzessin
darüber gesprochen und denke, sie ist nicht abgeneigt, das Ihrige dazu
beizutragen, sobald Sie selbst ihr in entsprechender Weise entgegen
kommen. Sie wissen, ich übersehe Vieles in Ihrem tollen Leben, was
ich auch nicht billige; aber Alles muß seine Art und Grenzen haben
und dabei nicht das Interesse des Staats in Frage kommen. Ich erwarte
daher mit Bestimmtheit, heute nicht vergebens zu Ihnen gesprochen zu
haben. Der heutige Tag bietet einen sehr passenden Anknüpfungspunkt zu
einer Versöhnung mit der Prinzessin dar, benutzen Sie denselben und Sie
werden mich dafür dankbar finden.« Der Prinz blickte schweigend zu
Boden; er war viel zu feig, um dem Oheim offen zu widersprechen, obwol
er nicht die geringste Neigung fühlte, dessen Wünsche zu erfüllen, und
dies um so weniger, da er die Voraussetzung hegte, der Fürst wäre durch
die Prinzessin zu der soeben vernommenen Ermahnung bestimmt worden.
Es lag in seiner Natur, dem Mächtigeren gegenüber sich schweigend
und leidend zu verhalten, um, von dem Zwange wieder befreit, seinen
Neigungen um so mehr die Zügel schießen zu lassen, wie dies alle feigen
und leichtsinnigen Charaktere zu thun pflegen.
Der Fürst ließ sich, was unter ähnlichen Umständen schon häufig der
Fall gewesen, durch des Prinzen demüthiges Schweigen täuschen und
hielt sich überzeugt, daß seine Worte den erwünschten Erfolg erzielen
würden. Darum forderte er den Prinzen nach kurzer Pause auf, ihm zu der
Prinzessin zu folgen, indem er zugleich seine Freude ausdrückte, aus
dessen Verhalten auf seine Folgsamkeit schließen zu können.
Bei den Damen angelangt, ersah der Fürst einen passenden Augenblick und
flüsterte der Prinzessin zu:
»Der Prinz erkennt sein Unrecht und wird Ihnen die Hand bieten; ich
rechne auf Ihre Milde und -- Klugheit.«
Sie begaben sich darauf wieder nach dem Palais, woselbst sich der Fürst
und dessen Gemahlin verabschiedeten.
Es war nun für den Prinzen der günstige Augenblick gekommen, den
Wunsch seines Oheims zu erfüllen; dennoch war er weit entfernt, dies
zu thun, und beeilte sich vielmehr, nach einer stummen Verbeugung vor
Sidonien den Saal zu verlassen, ohne ihr einmal seine Begleitung zu dem
Festdiner bei dem Fürsten anzubieten.
Die Unterredung mit dem Fürsten hatte seine Abneigung gegen Sidonie
statt zu mindern, wesentlich erhöht und seinen Unmuth gegen sie
bedeutend gesteigert. Es übte hierauf noch ganz besonders die
Voraussetzung, Sidonie habe sich seinetwegen bei dem Fürsten beklagt
und diesen zu der unangenehmen Ermahnung veranlaßt, ihren unheilvollen
Einfluß aus.
Er ahnte nicht, welche große Wohlthat er durch seine so rasche
Entfernung Sidonien erzeigte. Die ihr von dem Fürsten zugeflüsterten
Worte ließen sie erwarten, daß der Prinz, sobald sie allein sein
würden, sich ihr in irgend einer Weise nähern würde; sie bebte davor
zurück, da ihre Empfindungen zu einer Unterredung mit ihm nichts
weniger als geeignet waren. Ja, sein Anblick schon war ihr heute
doppelt unangenehm, und so athmete sie froh und freudig auf, als er sie
so schnell verließ.
Niemals, das fühlte sie tief, niemals konnte wieder ein Verhältniß
zwischen ihr und dem Prinzen hergestellt werden, wie es der Fürst
wünschte. Ihre innerste Natur sträubte sich mit aller Kraft dagegen;
mochte sich ihr Schicksal gestalten wie es wollte, sie fühlte sich
stark und kräftig genug, sich in ihren Empfindungen und ihrem Willen
zu behaupten. Aus des Grafen festem, ruhigem Wesen hatte sie Muth
und Kraft, und aus seinem liebenden Auge die Ueberzeugung geschöpft,
nur ihm allein in Liebe angehören zu können. O, wie beseligte sie der
Gedanke, daß es doch noch ein Glück, ein süßes, unendlich süßes Glück
für sie auf der Welt gab, und dieses Glück war ihr zu heilig, um es
einer hohlen Staatspraxis opfern zu können.
Fünftes Kapitel.
Die Geburtstagsfestlichkeiten, denen Sidonie bisher mit keinem
frohen Herzen beigewohnt hatte, gewährten ihr diesesmal eine ganz
ungewöhnliche Freude, da sie die selben mit dem Grafen theilen durfte,
der dazu selbstverständlich Einladungen erhalten hatte.
War es ihr auch bei dem Diner und der Theatervorstellung nicht
gestattet, mit dem Grafen zu verkehren, so durfte ihr Auge doch zu ihm
gehen und sich an seinem Anblick erfreuen und aus seinem innigen Blick
die Ueberzeugung schöpfen, daß sein Herz ihre Freude theilte.
Der der Vorstellung folgende Ball verschaffte ihr alsdann die
so ersehnte Gelegenheit, sich mit dem Grafen eine kurze Zeit zu
unterhalten. Auf ihren Wunsch führte ihr Bruder ihn zu ihr, und
gemeinschaftlich gedachten sie alsdann der Heimath und der daselbst
verlebten schönen Tage.
Da Sidonie und auch der Graf nicht tanzten, so konnte ihre verlängerte
Unterhaltung um so weniger auffallen, da es natürlich erschien, daß
die Prinzessin sich für das Vergnügen des Tanzes einen solchen Ersatz
suchte. Uebrigens war man daran gewöhnt; denn Sidonie hatte schon seit
mehren Jahren den Tanz unter dem Vorgeben abgelehnt, daß ihr derselbe
nicht gut thue.
Das fürstliche Paar und auch Sidonie zogen sich bald zurück; sie
pflegten selten lange an dergleichen Festlichkeiten Theil zu nehmen,
und mit der beendeten Unterhaltung mit dem Grafen hatte das Fest für
die Prinzessin jeden Reiz verloren. Bald nach ihnen verließ auch der
Graf das Palais. Der Prinz jedoch blieb zurück, um mit seinen Freunden
noch eine Stunde hier und später an einem andern Ort in der gewünschten
Freiheit zu verleben, wozu Mühlfels wie gewöhnlich die Anordnungen
getroffen hatte.
In ihrem Palais angelangt, ließ sich Sidonie rasch ihrer
Staatsgarderobe entledigen und erging sich alsdann mit Aurelien noch
lange in einem vertraulichen Gespräch über alle die so besonderen
Vorgänge des Tages, zu welchen sie vor Allem das Wiedersehen des Grafen
zählte.
Voll der innigsten Theilnahme vernahm Aurelie der Freundin Worte, aus
denen die reinste Freude über das süße Glück sprach, das ihr der gütige
Himmel in der Wiederkehr des theuern Freundes geschenkt hatte. Von
ihren Empfindungen ganz erfüllt, bemerkte Sidonie den gedankenvollen
Zug in Aureliens Antlitz nicht, der ihr sonst verrathen hätte, daß sich
neben der warmen Theilnahme auch zugleich die Sorge in deren Herzen
geltend machte.
So war es in der That, und während Sidonie plauderte, erwog die
Freundin bereits, um wie viel schwerer die Prinzessin nach dem
Fortgange des Grafen ihr Leid ertragen werde. Zu wohl hatte sie
erkannt, mit welcher Innigkeit sich Sidoniens Seele an den Geliebten
klammerte und die bereits im Lauf der Jahre unterdrückte Leidenschaft
sich mit um so größerer Heftigkeit geltend machte.
Doch sprach sie ihre Besorgniß nicht aus, sondern bemühte sich
vielmehr, dieselbe durch ihre Theilnahme zu verhehlen, da sie es nicht
über sich vermochte, der Freundin kurzes Glück durch dergleichen
betrübende Erinnerungen zu beeinträchtigen. Und so geschah es, daß sie
sich heute in sehr verschiedenen Stimmungen von einander trennten.
Der Graf war, gleich Aurelien, mit dem Gefühl der Besorgniß von dem
Fest geschieden, das sich um so mehr in ihm geltend machte, da das
Wiedersehen eine gleiche Wirkung auf ihn wie auf Sidonie ausgeübt und
seine Liebe noch gesteigert hatte.
Hierauf waren Sidoniens unglückliche Tage, der tiefe Kummer, der
sich in ihrem so außerordentlich veränderten Aussehen verrieth, und
vor Allem die Kenntnißnahme von des Prinzen niederem Charakter von
wesentlichem Einfluß. Er sagte sich, daß Sidonie früher oder später
diesem unheilvollen Verhältniß erliegen müßte und ihr Untergang um so
sicherer wäre, da keine Aussicht zu einer Aenderung desselben vorhanden
war. Was sie einem glücklicheren Leben wieder hätte zuführen können,
die Trennung von dem Prinzen und die Vereinigung mit ihm, däuchten
ihm unerreichbare Dinge, wollte man nicht Sitte und Gesetz unbeachtet
lassen.
Der Graf litt um so tiefer unter dieser nieder beugenden Erkenntniß,
da er sich als der natürliche Beschützer der Geliebten fühlte, wie
dies überhaupt in der Natur des Mannes begründet ist, und zugleich die
Unmöglichkeit erkannte, ihr irgend welchen Schutz zu gewähren. Hatte er
früher, als Sidoniens Vermählung bestimmt wurde, einen schmerzvollen
Kampf durchgekämpft, so forderte ihn die Gegenwart zu einem noch viel
gewaltigern heraus. Unwiderstehlich drängte sein Herz zu ihr hin, von
dem heißen Verlangen erfüllt, die von Kummer gebeugte Geliebte an
seiner Brust zu einem neuen frohen Leben wieder aufzurichten und das
von Leid getrübte Auge durch ein Lächeln der Freude zu verschönen, und
dennoch mußte er fern von ihr stehen und unthätig zuschauen, wie das
Unheil seinen Weg verfolgte.
O, es war wol der schreiendste Mißgriff des Geschicks, der diese
herrliche, edle Frau, deren Seelen- und Geistesvorzüge zu dem schönsten
Genuß des Lebens berechtigten, an eine so niedere Natur kettete und
sie den empfindlichsten Leiden preisgab! --
Der Graf sah sich von dem schmerzlichen Bedauern überrascht, seiner
Sehnsucht nach Sidoniens Anblick gefolgt zu sein und sich in ihre Nähe
begeben zu haben; daß er sich ihr jedoch in der bereits bekannten Weise
nähern sollte, ahnte er nicht, noch lag dies in seinem Vornehmen.
Bei seiner Rückkehr nach einer so langen Abwesenheit erachtete er es
für seine Pflicht, dem ihm von früher befreundeten Herzog einen Besuch
abzustatten, bei welcher Gelegenheit er diesem die Absicht verrieth,
seine Verwandten in der Residenz aufzusuchen.
Dieser Umstand war der Anlaß, daß ihm Sidoniens Bruder den Auftrag für
diese ertheilte, den der Graf um so weniger ablehnen durfte, da der
Herzog die freundschaftlichen Beziehungen, in welchen der Graf früher
mit der Prinzessin stand, kannte und daher voraus setzte, es würde der
Erstere seiner Schwester ohnehin einen Besuch machen wollen.
Das lag jedoch nicht in des Grafen Absicht; er gedachte vielmehr seine
Verwandten nur ganz in der Stille und für kurze Zeit zu besuchen und
dabei die Gelegenheit wahrzunehmen, Sidonie aus der Ferne zu sehen und
sich von ihrer Lage zu überzeugen.
Der Auftrag des Herzogs zerstörte seinen Plan, und mit Bangigkeit sah
er dem Weiteren entgegen, indem er weniger für sich als für Sidonie
fürchtete. Er war daher sehr beglückt, als die Hand der treuen
Freundschaft die mit dem Wiedersehen verknüpften Gefahren in der uns
bekannten Weise aus dem Wege zu räumen sich beeilte und dieses selbst
dann ganz nach ihren Wünschen stattfinden konnte.
Mit dem tiefsten Dankgefühl für Aureliens liebevolles Handeln erfüllt,
begab er sich zu der festgesetzten Stunde in das Haus der Frau von
Techow; es war ihm ein großes Bedürfniß, sich mit der Freundin
aussprechen und ihr seine Besorgnisse mittheilen zu können und aus
ihrem verständigen Munde Aufklärung und Rath zu empfangen. Denn er
glaubte sich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, daß Aurelie die
eigenthümliche Lage, in welche sein Besuch Sidonie und ihn selbst
versetzt hatte, bereits erwogen und ihm daher die nothwendigen Winke
über sein künftiges Verhalten Sidonien gegenüber ertheilen würde.
Er wurde von der Dame des Hauses und der bereits anwesenden Freundin
empfangen, und die Erstere, wahrscheinlich mit Aureliens Wunsch
bekannt, war bedacht, bald ein ungestörtes Alleinsein zwischen ihnen
herbei zu führen.
Nach einigen, das persönliche Interesse betreffenden, Fragen und
Antworten fragte der Graf:
»Ist unsere Zusammenkunft unbeachtet geblieben?«
»Gott sei Dank, ja, wenigstens habe ich bis jetzt nichts entdeckt, was
auf das Gegentheil schließen ließe, und ich kann Sie versichern, daß,
hätte man nur eine Ahnung davon, mir dies gewiß schon durch irgend
welchen Umstand verrathen worden wäre. Ich kenne die Mienen und das
Gebahren meiner Umgebung zu gut, um sie nicht richtig zu beurtheilen.«
»Ich schöpfte diese Beruhigung allerdings schon gestern aus
Sidoniens unbefangenem Benehmen; doch sind mir darum Ihre Worte von
nicht minderem Werth, und ich sage Ihnen nochmals für Ihre so edle
Freundschaft den innigsten Dank. Jetzt erst vermag ich mich des ganzen
Glücks zu erfreuen, das mir der gestrige Tag gebracht. Noch däucht
mir Alles wie ein Traum. Wie sehr hatte die langjährige Trennung mich
von dem Gedanken an die Möglichkeit entfremdet, in Sidoniens Nähe zu
gelangen, und nun ist geschehen, was ich niemals zu ahnen wagte.«
»Es geht mir wie Ihnen, mein Freund; wie konnte das auch anders sein!
Oft, sehr oft haben wir gemeinschaftlich erwogen, ob und wann Sie wol
zurückkehren würden, ohne daß wir zu hoffen wagten, unsere Wünsche
würden sich in solcher Weise erfüllen. Gott sei gepriesen, der Sie
wieder in die Heimath gelangen ließ. Die Freude, die ich darüber
empfinde, ist um so größer, da ich weiß, wie sehr unsere Freundin
dadurch beglückt worden ist: Ihr Wiedersehen hat ihr nach langer,
langer Zeit eine wahrhaft glückliche Stunde bereitet,« entgegnete
Aurelie und fügte seufzend und mit Betonung hinzu: »Und glauben Sie
mir, mein Freund, sie bedurfte einer solchen Freude. -- Denn ist sie
auch bedacht, dem Leben so viel als möglich Interesse abzugewinnen, so
habe ich doch nur noch gestern Gelegenheit gefunden, zu erkennen, daß
ihre Liebe doch ihr Alles ist. Sidoniens Charakter hat sich an den sie
stets heraus fordernde Verhältnissen und Bemühungen schnell entwickelt
und befestigt, mit ihm aber auch alle ihre Empfindungen, vor Allen
ihre Liebe, wie das nur natürlich ist. Und die verborgene Liebe wächst
doppelt mit dem wachsenden Leid, das sie bedrängt. Strömen doch alle
Gedanken und Empfindungen ihr zu, wenn wir mit dem Geschick ringen,
ihr, in der uns das tröstende Lächeln erwartet.«