Es bewährte sich auch in diesem Fall die oft gemachte Erfahrung, daß

der Mensch sich nur in der seinem innersten Wesen zusagenden Umgebung

behaglich fühlt, und damit wird der häufig genannte Satz, daß unsere

Freunde unsern sittlichen Gehalt bezeichnen, zugleich bestätigt.

Den Beweis dafür liefert, außer den übrigen mit dem Prinzen genauer

vertrauten Freunden, ganz besonders der Baron von Mühlfels, des Prinzen

intimster Freund seit ungefähr einem Jahre. Der Prinz lernte denselben

bei einem seiner häufigen Besuche in der Residenz kennen, woselbst ihm

der Baron vorgestellt wurde. Das heitere, sinnliche Wesen, mehr noch

die Gabe, allerlei dem Prinzen zusagende Genüsse und Belustigungen

zu erfinden, sowie das Ablauschen seiner Wünsche und Eingehen auf

seine Neigungen nahmen den Prinzen sogleich für den Baron ein, und es

vergingen kaum wenige Wochen, so hatte sich der Letztere das ganze

Vertrauen des Prinzen zu erwerben gewußt. Hierauf übten noch andere

intime Beziehungen, welche der Baron zwischen sich und dem Prinzen

herbei zu führen bemüht gewesen, einen wesentlichen Einfluß aus. Ohne

dieselben näher zu bezeichnen, bemerken wir nun, daß sie sehr niederer

Natur waren. Der Baron war Kapitän bei einem der in der Residenz

stehenden Regimenter und ein Sohn der Oberhofmeisterin der Prinzessin

Sidonie. Bei dem vor mehren Jahren erfolgten Tode seines Vaters war die

ziemlich zahlreiche Familie in nichts weniger als glänzenden Umständen

zurück geblieben, die sich nun bemühte, auf irgend eine Weise ihr Glück

und sogenannte Carrière zu machen; die männlichen Mitglieder, indem

sie bei Hof oder dem Militär eine Stellung suchten, die weiblichen

durch eine vortheilhafte Heirath. Durch des Prinzen Fürsprache wurde

Mühlfels sehr bald zum Major und dann zum Adjutanten ernannt. Der Baron

war später bedacht, seinen Einfluß auf den Prinzen so weit geltend zu

machen, daß bei der Neubesetzung der Oberhofmeisterinstelle bei der

Prinzessin diese seiner Mutter anvertraut wurde. Es war Mühlfels im

Lauf der Zeit gelungen, den Prinzen so sehr für sich einzunehmen, daß

dieser seinen Umgang nicht mehr zu entbehren vermochte und daher selten

ohne den Baron gesehen wurde. Ebenso darf kaum bemerkt werden, daß

der Baron des Prinzen Ausschweifungen nicht nur theilte, sondern sehr

viel beitrug, den Reiz derselben für seinen Gebieter zu erhöhen. Es

konnte unter solchen Umständen nicht ausbleiben, daß der Baron in alle

Geheimnisse des Prinzen eingeweiht war und diesem zugleich in vielen

Dingen als Rathgeber diente. Der Prinz gab viel auf das Wort seines

Vertrauten und unterwarf sich demselben selbst in oft sehr bedeutsamen

Angelegenheiten und unter Verhältnissen, unter welchen alle übrigen

Personen seiner Umgebung, ja sogar der fürstliche Oheim selbst, nicht

den geringsten Einfluß auf ihn auszuüben vermochten.

Der Baron hatte in solcher Weise dasjenige erreicht, was er so

sehnlich erstrebte: eine angenehme, einflußreiche Stellung mit der

vielversprechenden Aussicht, dereinst und sobald der Prinz zur

Regierung gelangte, noch bedeutendere Vortheile zu erreichen. Diese

Umstände hatten ihn nicht nur zum Liebling seiner Mutter, sondern

seiner ganzen Familie erhoben, die durch seinen mächtigen Einfluß die

Erfüllung ihrer Wünsche mit Sicherheit erwartete.

Indem der Baron in immer vertraulichere Beziehungen zu dem Prinzen

trat, fand er zugleich Gelegenheit, einen tieferen Blick in das

eheliche Verhältniß desselben zu thun; ebenso gelangte er öfter in

Sidoniens Nähe, indem er durch die Aufträge seines Gebieters zu

einem persönlichen Verkehr mit ihr veranlaßt wurde. Ihre Schönheit

zog ihn sogleich mächtig an, indem zugleich im Hinblick auf das

eheliche Zerwürfniß die Hoffnung in ihm erwachte, es müßte ihm nicht

eben schwer werden, sich deren Gunst zu erwerben. Der Prinz hatte ihm

überdies die für seine Gemahlin gehegte gänzliche Gleichgiltigkeit so

oft zu erkennen gegeben, daß er sich überzeugt hielt, derselbe würde

auch eben so gleichgiltig etwaige vertrauliche Beziehungen zwischen

ihm und Sidonien betrachten. Bei der herrschenden Verdorbenheit

aller sittlichen Zustände und namentlich bei den höheren Ständen als

zum guten Ton gehörenden Sitte, daß verheirathete Damen stets über

einen +Cavaliere servante+ verfügten und sich selbst mit ihren

Eroberungen vor aller Welt brüsteten, däuchte ihm die Erfüllung seines

Verlangens durchaus nicht mit besonderen Hindernissen verbunden zu sein.

Die Prinzessin lebte eingezogen, hatte nur wenigen Umgang mit Männern,

von denen sich, wie er wußte, keiner ihrer besondern Gunst erfreute,

war durch ihr eheliches Leben verstimmt und unbefriedigt; es lag

also die Voraussetzung nahe, daß sie bei ihrer Jugend auf das Glück

der Liebe nicht verzichtet haben könnte und dieses daher in dem

vertraulichen Umgange mit einem ihrer Neigung entsprechenden Manne

vielleicht suchte. Seiner Ansicht nach würde sie denselben gewiß schon

längst gefunden haben, wenn die Verhältnisse anderer Art oder Jemand

muthig genug gewesen wäre, sich der Prinzessin mit offener Verehrung

zu nahen. Ihm nun boten sich alle Vortheile durch seine Stellung bei

dem Prinzen dar, die überdies noch durch diejenige seiner Mutter bei

Sidonien wesentlich unterstützt werden konnten. Alle diese Umstände

erhöhten den Muth und die Hoffnung des Barons in hohem Grade.

Er war jedoch eben so vorsichtig als ehrgeizig und daher bedacht,

bevor er seine Pläne verfolgte, sich über Sidoniens Gefühle für ihn

erst genaue Kenntniß zu verschaffen. Es entging ihm nämlich schon

bei den ersten Begegnungen mit der Prinzessin nicht, mit wie wenig

gütigen Augen sie den Freund ihres Gemahls betrachtete, von welchem sie

voraussetzen konnte, daß derselbe des Prinzen Ausschweifungen theilte.

Er erkannte daher die Nothwendigkeit, bevor er sich selbst der

Prinzessin nährte, durch Andere zu seinen Gunsten auf sie wirken

zu lassen, indem er sich ihr nicht etwa als den übeln Freund ihres

Gemahls, sondern als den guten Engel desselben darstellen ließ, der nur

duldete, was er nicht zu ändern vermochte, der dies jedoch lediglich

in der edeln Absicht that, den Prinzen auf den Weg der Sittlichkeit zu

leiten.

Einer solchen Täuschung durfte er sich um so sicherer bedienen, da er

überzeugt war, daß sein wahres Verhältniß zu dem Prinzen von Sidonien

nicht erforscht werden konnte. Denn änderte der Prinz sein wildes Leben

nicht, so trug nicht ~er~, sondern sein fürstlicher Gebieter die

Schuld; er konnte ja trotz alledem dennoch immer seine wohlmeinende

Absicht verfolgen, wenn auch das Resultat nicht das gewünschte und

erwartete war. Vor allen Dingen war er daher bedacht, seine Mutter

in seine Pläne einzuweihen und sie zu veranlassen, Aurelien seine

Bestrebungen mitzutheilen. Mit den vertraulichen Beziehungen der

Letzteren zu Sidonien bekannt, konnte er mit Bestimmtheit erwarten, daß

die Prinzessin durch ihre Freundin von demjenigen unterrichtet wurde,

was sie über ihn erfahren sollte.

Zu seiner Freude bemerkte er bald, daß seine so wohlüberlegten

Bemühungen die gewünschten Wirkungen ausübten, denn sowol Aurelie als

auch die Prinzessin schenkten ihm eine größere Freundlichkeit als

bisher. Er erwiderte dieselbe durch die ehrerbietigste Ergebenheit,

welche er namentlich der Prinzessin gegenüber an den Tag legte.

Jetzt nährte er sich Aurelien mehr und mehr, benutzte die geeignete

Gelegenheit, ihr sein Bedauern über das Unglück der Prinzessin und

seine aufrichtigste Theilnahme für diese auszudrücken, indem er

zugleich seinen Kummer aussprach, so geringen Einfluß auf den Prinzen

gewonnen zu haben, um dadurch in guter Weise auf diesen wirken zu

können.

Seine Worte fanden bei Aurelien um so leichter Eingang und Beifall,

da der Baron seine Rolle vortrefflich zu spielen und sie durch ein

einfaches und offenes Wesen zu täuschen verstand. Ohne seine so

verwerflichen Pläne zu ahnen, fühlte sie sich um so weniger zu einem

Argwohn bewogen, da Sidoniens Lage zu sehr geeignet war, das Mitleid

Anderer heraus zu fordern; vielmehr freute sie sich doppelt, ein

solches bei dem Vertrauten des Prinzen zu entdecken. Es konnte nicht

ausbleiben, daß sie mit Sidonien darüber sprach und auch diese durch

das Vernommene angenehm berührt wurde und Beide dem Baron fortan mit

Wohlwollen entgegen kamen.

In solcher Weise gesichert, ging Mühlfels jetzt an die Ausführung

seiner Absicht. Er zweifelte an dem Gelingen derselben nicht. Hierzu

glaubte er sich nicht nur durch die bereits erzielten Vortheile,

sondern noch viel mehr durch seine persönlichen Vorzüge und die ihm von

der Frauenwelt geschenkte Zuneigung berechtigt. Er mochte in seinem

Sinne Recht haben; denn Mühlfels war in der That ein eben so schöner

als von den Damen gesuchter und verehrter Mann. Ueberdies besaß er

die Gabe angenehmer Unterhaltung und die Kunst, stets den beliebten

Ton anzuschlagen; rechnen wir dazu das von ihm gewöhnlich beobachtete

offene und heitere Wesen, so kann es nicht überraschen, wenn es ihm

nicht nur gelang, sich beliebt zu machen, sondern auch selbst schärfer

Blickende über seinen eigentlichen Charakter zu täuschen.

Erwägen wir dabei noch seine seltene Beharrlichkeit, mit welcher er

seine Absichten zu verfolgen pflegte, so werden wir die nicht geringe

Gefahr erkennen, der sowol Sidonie als ihre Freundin entgegen gingen,

nämlich nicht nur getäuscht zu werden, sondern auch ihr Vertrauen

obenein gemißbraucht zu sehen.

Bedurfte es auch einer nicht eben kurzen Zeit, ehe des Barons

anscheinend absichtslose Worte Eingang in ihre Herzen fanden, so war

die dadurch erzielte Täuschung darum auch zugleich eine um so sicherere.

Ein weiterer Umstand, des Barons Annäherung nicht ganz abzulehnen, war

Sidoniens Verlangen, den Prinzen zu einem sittlicheren Leben zurück

zu führen. Sie selbst hatte, wie sie zur Genüge erfahren, nicht den

geringsten Einfluß auf ihn und fast eben so wenig auch der Fürst;

Mühlfels dagegen einen um so größeren.

Wie natürlich also, daß sie die Hand nicht zurückwies, die sich ihr

in anscheinend hochachtungsvoller Weise darbot, ein und dasselbe Ziel

zu erreichen; denn nachdem sie einmal der Täuschung über des Barons

Absichten erlegen war, würde es ja unverständig gewesen sein, die

Annäherung des einzigen Mannes abzuweisen, der befähigt war, in ihrem

Sinne auf den Prinzen zu wirken.

Durch die anhaltenden Bemühungen seiner Mutter unterstützt, begann

nun Mühlfels, sich Sidonien in der Maske des aufrichtigen und

theilnehmenden Freundes vorsichtig zu nähern. Er erkannte dabei jedoch

sehr bald, wie sehr er sich in der Voraussetzung eines leichten Sieges

über sie getäuscht hatte und wie wenig Sidonie geneigt war, die

Huldigungen eines selbst so einnehmenden Mannes, wie er, als etwas

längst Gewünschtes anzunehmen. Er glaubte den Grund dazu in dem Kummer

suchen zu müssen, den Sidonie über ihre unglückliche Ehe empfand,

so wie in dem Interesse, das sie, wenigstens in einem gewissen Grade

noch, für ihren Gemahl hegte. Es fiel ihm nicht ein, zu erwägen, daß

der sittliche Charakter der Prinzessin trotz der dazu herausfordernden

Umstände und Sitten dergleichen ablehnen müßte.

Von der obigen Voraussetzung erfüllt, erkannte er daher die

Nothwendigkeit, Sidoniens Interesse für den Prinzen ganz und gar zu

zerstören, um sich dadurch den Weg zu ihrer Gunst zu bahnen.

Und so geschah es, daß er ihr des Prinzen Treiben mit den schwärzesten

Farben durch seine Mutter ausmalen ließ und ihr, wenn er Gelegenheit

fand, persönlich mit ihr zu verkehren, nicht nur seinen Kummer, sondern

sogar seine Entrüstung über dasselbe andeutete.

Trotz alledem glaubte er aus der Prinzessin Verhalten gegen ihn dennoch

entnehmen zu müssen, daß der rechte Zeitpunkt, ihr seine Verehrung

offen zu erkennen zu geben, noch immer nicht gekommen sei. Darauf

hindeutende Bemerkungen von seiner Seite schien sie nicht zu verstehen

oder als Zeichen gewöhnlicher Theilnahme zu betrachten, für welche sie

ihm durch ein gütiges, keineswegs jedoch wärmeres Benehmen dankte.

Diese wenig ermunternden Umstände schreckten den Baron jedoch von

seinem Vorhaben nichts weniger als zurück, noch weniger veranlaßten

sie ihn etwa zum Aufgeben desselben; im Gegentheil wuchs seine

Interesse für Sidonie, die ihm in ihrer Unbefangenheit und in ihrem

Kummer nur noch reizender erschien. Hierauf übte auch die Entdeckung,

einer wahrhaft sittlichen Frau gegenüber zu stehen, keinen geringen

Einfluß aus, dieselbe war ihm neu und überraschend. Leichtsinn,

Eitelkeit und Gefallsucht waren die Grundelemente derjenigen

Frauencharaktere gewesen, die er bisher kennen gelernt hatte, und

die neuen Bekanntschaften in dieser Beziehung unterschieden sich in

nichts von den früheren. Freilich übersah er dabei, daß er sich nur

immer in Kreisen bewegte, in welchen die Freiheit der Sitten eine sehr

bedenkliche Höhe erreicht hatte und fast Sittenlosigkeit genannt werden

mußte.

Mit der ihm eigenthümlichen Beharrlichkeit verfolgte er daher seinen

Plan, durchaus überzeugt, früher oder später, jedoch sicher zu dem

gewünschten Ziel zu gelangen, da Sidoniens Interesse für den Prinzen

sich in der That namentlich in der letzten Zeit auffällig vermindert zu

haben schien. Sie zeigte sich überdies gütiger gegen ihn und beehrte

ihn sogar durch eine Einladung zu ihren Abendcirkeln, in welchen der

Baron durch sein Unterhaltungstalent zu glänzen sich bemühte, das

Sidonie gern anerkannte und sie wahrscheinlich auch zu der Einladung

bestimmt hatte.

Dies war der Erfolg, den der Baron zur Zeit des Beginns unserer

Erzählung erzielt hatte, und wir nehmen den Faden derselben wieder auf.

Dem Befehl des Prinzen gemäß begab er sich nach seiner Wohnung und

bereitete sich zu dem Empfange bei der Prinzessin vor, um bald zu dem

Ersteren zurückkehren und die weiteren Aufträge vernehmen zu können.

Zu diesen zählte er vor allen den mit Bestimmtheit erwarteten Auftrag,

die Prinzessin im Namen ihres Gemahls zu begrüßen und ihr die Frage

zu überbringen, zu welcher Stunde es ihr angenehm sein würde, die

erwarteten Personen zu empfangen.

Zufolge der üblichen Formen mußte der Prinz dabei anwesend sein, so

wie es sich verstand, daß er seine Gemahlin den auf sie harrenden

Personen zuführte und ihr vorher seinen Glückwunsch abstattete. Der

Baron fand also bei der Ausführung seines Auftrages die sehr gewünschte

Gelegenheit, in seinem eigenen Interesse zu wirken, wozu das heutige

Fest eine willkommene Veranlassung bot.

Er kleidete sich daher so sorgfältig als möglich und erwog dabei

zugleich die Worte, mit welchen er die Prinzessin zu beglückwünschen

und in die er zugleich seine Huldigung zu verflechten gedachte.

Während seiner Bemühungen war der Prinz weit entfernt, sich in

ähnlicher Weise mit seiner Gemahlin zu beschäftigen; im Gegentheil war

ihm das Fest, da es ihm allerlei Zwang und Langeweile brachte, nichts

weniger als erwünscht. Aber so lästig ihm auch dasselbe war, konnte er

es dennoch nicht gut umgehen und hatte sich also in das Unvermeidliche

ergeben.

Nachdem er sich durch ein Bad und ein vortreffliches Frühstück

gestärkt, der Hof-Friseur und Barbier ihm die nöthigen Dienste

geleistet hatten, ließ er sich von Henry ankleiden, wobei er wie

gewöhnlich nach denjenigen Dingen und Personen fragte, für welche

er ein gewisses Interesse hegte. Der verschmitzte Diener, mit dem

Geschmack seines Gebieters hinlänglich vertraut, wußte allerlei

pikante Geschichtchen zu erzählen, deren Inhalt gewöhnlich ziemlich

zweideutiger Art und dem Gebiet der Intrigue und Galanterie entlehnt

waren und nicht nur am Hofe, sondern auch in sehr gewöhnlichen

Gesellschaftskreisen stattgefunden hatten.

Henry übertraf sich im Hinblick der wenig behaglichen Stimmung des

Prinzen heute selbst, indem er in dem Bemühen, ihn zu erheitern

seine ganze Erfindungskraft anstrengte und dabei die derbsten und

schlüpfrigsten Geschichten zu Tage förderte, von welchen nur wenige den

Schmuck der Dichtung entbehrten. Aber er kannte seinen Prinzen zu wohl,

um den +Haut gout+ zu sparen, und so gelang ihm seine Absicht

vortrefflich. Der Prinz belustigte sich, lachte, und ehe noch seine

Toilette vollendet war, befand er sich in einer bessern Stimmung.

»Wie geht es dem Fürsten?« fragte er darauf.

»Sie befinden sich heute wohler. Das Podagra hat Sie verlassen und Sie

gedenken, mit Ihrer Gemahlin Ihrer Hoheit, der Prinzessin, heute einen

Besuch abzustatten,« berichtete Henry.

»So werde ich mich beeilen müssen, damit ich sie empfangen kann.

Wahrscheinlich wird der Fürst auch den Festlichkeiten beiwohnen?« --

bemerkte der Prinz.

»Ich hörte, daß dies geschehen wird. Nach dem üblichen Festdiner wird

im Palais französische Vorstellung und später eine Ballfestlichkeit

sein« -- fiel der in alle Dinge bei Hofe eingeweihte Leibdiener ein.

»Hast Du etwa erfahren, ob der Fürst nach mir verlangt hat?« fragte der

Prinz nach kurzer Pause.

»Sie haben während Ihrer Abwesenheit sich zwei Mal nach Ihrer Hoheit

erkundigen lassen.« --

Der Prinz trat ärgerlich mit dem Fuß auf und murmelte einige

unverständliche Worte; alsdann fragte er, ob der Baron schon da wäre.

Henry wußte das nicht und begab sich in Folge dessen in das Vorgemach,

dann kehrte er mit der Nachricht zurück, daß der Bezeichnete soeben

angelangt sei.

Der Prinz befahl, den Baron sogleich zu ihm zu führen.

Als dieser eingetreten war und sich Henry entfernt hatte, bemerkte der

Prinz in unmuthigem Ton:

»Der Fürst hat während meiner Abwesenheit nach mir verlangt, und ich

vermuthe, es ist wegen des heutigen langweiligen Festes gewesen.

Wahrscheinlich setzte er voraus, ich würde mich darum kümmern, und da

dies nicht geschehen ist, wird er mir nicht besonders gnädig begegnen.

Er schenkt der Prinzessin noch immer viel zu viel Aufmerksamkeit,

trotzdem er sie prüde und langweilig findet. Nun, mag’s sein! Ich werde

auch mit seiner Ungnade fertig werden. Doch wir müssen an den Empfang

denken, denn das ewige Rollen der ankommenden Wagen sagt mir, daß

sich die Leute versammelt haben. Gehen Sie jetzt zu der Prinzessin,

Mühlfels, und fragen Sie sie, ob es ihr genehm ist, mich zu empfangen.«

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen des Fürsten, mein Prinz. Ihre

längere Abwesenheit, -- ich denke, es sind höchstens sechs bis acht

Tage, -- kann ja auch durch ernste Angelegenheiten veranlaßt worden

sein. Sie haben dem Grafen Renau einen Besuch gemacht, um sich über

die dort betriebene Pferdezucht zu informiren, oder schenkten den

Exercitien ihre Aufmerksamkeit,« -- bemerkte Mühlfels mit einem

verständigenden Blick auf den Prinzen.

»Sie haben Recht,« fiel dieser ein und fügte hinzu:

»Ich sehe überdies nicht ein, warum ich nicht nach Belieben über meine

Zeit verfügen können sollte.«

»Das ist auch meine Meinung, mein Prinz; indessen dürfte es nichts

schaden, dem Unmuth des Fürsten durch eine kleine Täuschung

vorzubeugen. Er ist alt und kränklich, da muß man Rücksicht nehmen.« --

»Gut, gut, Mühlfels; ich werde ihm von Exercitien und Pferdezucht

sprechen,« fiel der Prinz lachend ein und forderte ihn alsdann auf, zu

der Prinzessin zu gehen.

Der Baron begab sich zu derselben und wurde sogleich vorgelassen.

Er entledigte sich in der ehrerbietigsten Weise seines Auftrages,

und nachdem Sidonie erwidert, sprach er die Bitte aus, ihr seinen

Glückwunsch abstatten zu dürfen.

Mit gütigem Wohlwollen nahm Sidonie denselben an und dankte ihm mit

freundlichen Worten dafür.

»Hoheit werden der Versicherung Glauben schenken, wie sehr ich meine

lange Abwesenheit beklage, da mich dieselbe des Glücks beraubt hat, in

dem Cirkel Eurer Hoheit zu erscheinen,« sprach Mühlfels in betrübtem

Ton, und fügte alsdann seufzend hinzu: »Doch Hoheit wissen ja, wie

wenig ich den Aufenthalt in der Residenz liebe und wie sehr es mich

betrübt, daß meine Vorstellungen fruchtlos sind, obgleich ich es

mir stets angelegen sein lasse, den Prinzen an die ihm obliegenden

Pflichten und Rücksichten zu erinnern.« --

»Ich weiß es, lieber Baron, und danke Ihnen für Ihre Ergebenheit.

Doch, lassen wir das! Sie wissen, wir ändern in dieser Beziehung

nichts,« entgegnete Sidonie in einem so unbefangenen Ton und ohne ein

Zeichen von Unmuth über die erfahrene Vernachlässigung, daß Mühlfels

sie überrascht anschaute, da er weit entfernt war, den Grund ihrer

Gleichgiltigkeit zu ahnen und diese aus Sidoniens geringem Interesse

für den Prinzen herleitete. Dieser Umstand sowie der Prinzessin gütiges

Wesen, das mehr Wärme denn jemals verrieth, erfüllten ihn mit der

angenehmen Täuschung, in ihrer Gunst vorgeschritten zu sein.

Durch diese Entdeckung sehr beglückt, und genöthigt zu dem Prinzen

zurückzukehren, sprach er die Hoffnung aus, die Prinzessin würde

ihm gestatten, das so lange entbehrte Glück in der nächsten

Abendgesellschaft bei ihr in verdoppeltem Maße genießen zu dürfen, und

entfernte sich alsdann. --

»Nun, Sie sind wol nicht freundlich empfangen worden?!« rief ihm der

Prinz bei seiner Rückkehr entgegen.

»Besser, als ich erwartete,« entgegnete der Baron.

»Hoheit befinden sich also in guter Stimmung und sind nicht unmuthig,

daß ich erst jetzt bei ihnen anklopfen lasse?« fragte der Prinz in

sarkastischem Ton.

»Durchaus nicht, die Stimmung der Prinzessin ist eine sehr gute, und

Hoheit scheinen den Gemahl kaum erwartet zu haben,« bemerkte Mühlfels

leichthin, in den Ton des Prinzen sogleich eingehend.

»Desto besser! Je gleichgiltiger ich ihr bin, um so lieber ist es mir;

denn um so weniger wird sie mich mit ihren Prätensionen belästigen,«

warf der Prinz hin und bemerkte alsdann: »Doch ich will zu ihr!

Erwarten Sie mich im Empfangssaal!«

Mit diesen Worten begab sich der Prinz zu Sidonien, die er jedoch

nicht mehr in ihren Gemächern, sondern bereits in dem Gartensaal traf,

woselbst sie ihn, umgeben von der Oberhofmeisterin und den Hofdamen,

erwartete, da sie es absichtlich vermied, ihn ohne Zeugen zu sprechen.

Ruhig und gleichgiltig sah sie seinem Nahen entgegen und eben so ruhig

und ohne ihn anzusehen vernahm sie seine beglückwünschenden Worte, die

eben nur Worte waren und nicht das geringste aufrichtige Mitgefühl

verriethen. Sie achtete kaum darauf und reichte, als er ihr die Hand

darbot, um sie nach dem Empfangssaal zu führen, ihm mit einer gewissen

Ueberwindung und abgewendetem Antlitz die Fingerspitzen hin. Als sie

den Saal betraten, fanden sie daselbst mehre dem fürstlichen Hause

verwandte Personen, so wie die höchsten Staatsbeamten, Gesandten und

Deputationen der Residenzen und andere zu dem Hof gehörige Beamte

versammelt, und die Gratulations-Cour nahm ihren Anfang.

Sidoniens Auge hatte sogleich den Grafen gesucht, den sie zu ihrer

freudigen Ueberraschung neben ihrem Bruder stehen sah, mit welchem

er sich unterhielt. Sie hatte das zu sehen erwartet; denn der Graf

war mit ihrem Bruder an dem herzoglichen Hof näher bekannt geworden,

und da sie dessen Anwesenheit voraussetzen durfte, so konnte dieses

Zusammentreffen nicht ausbleiben, was sie überdies von Herzen wünschte.

Sogleich von den fürstlichen Personen in Anspruch genommen, hatte

Sidonie den Grafen nur flüchtig betrachten können; bald jedoch nahte

auch für diesen der Augenblick, sich seines Auftrages gegen sie zu

entledigen, und mit vermehrtem Herzschlage sah sie seiner Annäherung

entgegen. Ruhig trat der Graf an sie heran, begrüßte sie im Namen ihres

herzoglichen Bruders mit einigen gewählten Worten und überreichte ihr

alsdann das von demselben empfangene Schreiben.

Unbefangener, als sie gefürchtet, nahm sie dasselbe entgegen; ihre

Stimme war jedoch nicht ganz sicher, als sie dann dem Grafen ihren Dank

dafür ausdrückte und hinzu fügte, wie sehr es sie freue, Nachrichten

aus ihrer Heimath zu erhalten. »Sie würden mich sehr verbinden,« fuhr

sie fort, »wollten Sie mir später noch einige Mittheilungen darüber

machen. Auch habe ich vernommen, daß Sie von einer größeren Reise in

fernen Ländern zurückgekehrt sind; da haben sie gewiß sehr viel Schönes

und Interessantes gesehen und erlebt, dessen Kenntnißnahme mir sehr

erwünscht und den Gästen in meinem Abendcirkel nicht minder angenehm

wäre; ich hoffe, Sie werden uns Ihre Erfahrungen nicht vorenthalten.« --

Der Graf sprach die Versicherung aus, daß ihm die Erfüllung ihres

Wunsches zur höchsten Ehre gereichen würde, und bat, ganz nach Belieben

über ihn verfügen zu wollen.

»So will ich Ihre Güte schon in dem nächsten Abendcirkel in Anspruch

nehmen, und werde in der Gewißheit Ihres Erscheinens meine Gäste darauf

aufmerksam machen lassen,« fiel Sidonie ein, neigte sich freundlich

gegen ihn, und der Graf begab sich nach seinem früheren Platz zurück.

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 7 / 12 段