dazu benutzt, sich in der ihr eigenthümlichen verständigen Weise
alles das zurecht zu legen, was sie dem Grafen mittheilen wollte und
wie sie die von ihm jedenfalls zu erwartenden Fragen über Sidonie zu
beantworten hätte, um sein edles Herz nicht zu sehr zu betrüben. Sie
sagte sich allerdings, daß der Graf mit der Freundin Unglück trotz
seiner langen Abwesenheit von der Heimath gewiß bekannt sein würde, ein
Verhehlen oder Beschönigen desselben von ihrer Seite daher also kaum
einige Wirkung auf ihn ausüben würde; dennoch wollte sie so viel zum
Guten beitragen, als in ihren Kräften stand.
Kaum erkannte sie den Grafen wieder, als ihr ausschauendes Auge seine
Annäherung gewahrte. Zwar schritt er noch wie ehedem sicher und fest
einher; doch zeigte sein durch die südliche Sonne gebräuntes Antlitz
einen viel tieferen Ernst als früher, und sein Auge blickte, wenn
auch frei, so doch fast düster vor sich hin. Ebenso erschienen ihr
seine Züge und die Linien seines Gesichts schärfer ausgeprägt und noch
charaktervoller wie ehedem.
In gemäßigtem Schritt und ohne im geringsten die Absicht zu verrathen,
seinen Besuch etwa zu verheimlichen, nahte er sich dem Palais. Er
trat durch einen Nebeneingang ein und ließ sich von dem daselbst
anwesenden Diener zu Aurelien führen. Der Zufall wollte, daß er auf dem
Gange zu ihr von Niemand sonst bemerkt wurde. Der festliche Empfang
bei der Prinzessin beschäftigte alle Hände in Palais; denn welche
Vorbereitungen erforderten damals nicht die übermäßigen Toiletten und
wunderlich gestalteten Haartrachten der Damen und auch, wenngleich
in geringerem Grade, diejenigen der Herren bis zu dem kleinsten
Pagen und Lakaien hinunter. Wie wenig geneigt war man daher, unter
solchen Umständen einen so einfach gekleideten Herrn, wie der Graf,
dessen Aeußeres seinen vornehmen Stand nicht verrieth, irgend welche
Aufmerksamkeit zu schenken, selbst wenn man ihn bemerkt hätte. Eine
Menge der verschiedensten Personen aus der Stadt gingen in dem Palais
aus und ein, die Aufträge und Geschäfte aller Art daselbst zu erledigen
hatten, und so würde man den unbekannten Grafen vielleicht auch zu
diesen gezählt haben. Den üblichen Formen gemäß ließ sich der Graf
durch Aureliens Kammerzofe anmelden und wurde von der Freundin eben
so förmlich empfangen. Alles das geschah in der geheimen Absicht,
die stets spionirenden Diener zu täuschen und seinem Besuch jede
Auffälligkeit zu nehmen.
Der Graf war mit dem Hofleben viel zu sehr vertraut, um nicht zu
wissen, daß in dem vorliegenden Fall eine solche Förmlichkeit eben so
nothwendig war, wie eine durch Geschicklichkeit unterstützte Vorsicht.
Alle diese Rücksichten endeten jedoch in dem Augenblick, als sie sich
allein sahen. Mit der ehemaligen Herzlichkeit und in sichtlicher
Bewegung begrüßte der Graf die Freundin. Schweigend drückte er ihr
die Hand, und es gingen mehre Augenblicke dahin, ehe er hinreichend
gesammelt war, das Wort an sie zu richten.
»Mein Brief wird Sie überrascht haben,« -- bemerkte er.
»In der That; denn ich hatte keine Ahnung von Ihrer Rückkehr, noch
weniger von Ihrem Besuch hier am Hofe.«
»Ich werde Ihnen die Veranlassung dazu in einer andern Stunde
mittheilen; jetzt sagen Sie mir, ist Sidonie wohl und -- wie erträgt
sie ihr Loos?« --
»Sidonie ist wohl, wenngleich ich leider hinzu fügen muß, daß Sie sie
sehr verändert finden werden.« --
»Ich bin darauf vorbereitet,« -- entgegnete der Graf finster und fügte
hinzu: »Ist es möglich, sie vor dem Empfange zu sehen? Ihre gütigen
Worte, beste Freundin, haben mich mit der Hoffnung erfüllt, daß dies
geschehen könnte.« --
»Sie haben sich in Ihrer Voraussetzung nicht getäuscht; meine Einladung
zu diesem Besuch bezweckte das, und ich wußte, daß Sie meine Worte in
meinem Sinn verstehen würden.«
»Sie nehmen meinem Herzen dadurch eine schwere Sorge und ich spreche
Ihnen meinen heißen Dank dafür aus,« entgegnete der Graf mit
sichtlicher Erleichterung. »So werde ich ~sie~ also vorher sehen
und sprechen können?« fragte er.
»Ja, mein Freund. Sidonie erwartet Sie, und ich bin sicher, wir werden
von Niemand beobachtet werden. Der Prinz ist nicht anwesend, und diesem
Umstande verdanken wir die Ermöglichung dieses Wiedersehens.«
»Das Alles giebt mir meinen Muth wieder; denn ich verhehle Ihnen nicht,
mich peinigte die Besorgniß, es würde dieses vor dem Hof geschehen
müssen.«
»Wir haben das Alles erwogen und sind daher auf einen Ausweg bedacht
gewesen. O, wie glücklich ist unsere arme Freundin in dem Bewußtsein,
Sie endlich wieder zu sehen!« bemerkte Aurelie und fragte alsdann:
»Sie sind mit Allem -- ~Allem~ bekannt?«
Der Graf bejahte mit einem schweren Seufzer.
»Ihr Anblick und Ihre Nähe werden ~ihr~ Herz mit Muth und Trost
beleben, die ihr so nothwendig sind.«
»Möchte der Himmel unser Wiedersehen beschützen und segnen!« -- fiel
der Graf bewegt ein und fuhr nach kurzer Pause fort: »Ich weiß, daß
die Augenblicke für uns kostbar sind, darum bitte ich Sie, mir zu
sagen, ob ich Sie an einem andern Ort ungestört sprechen kann, um von
Ihnen Näheres über Sidonie zu vernehmen und zugleich die von Ihnen und
der Freundin gewünschten Mittheilungen über mein vergangenes Leben
machen zu können.«
»Sie kommen meinen Wünschen damit entgegen; denn einen andern Weg
giebt es nicht zur Erfüllung unseres Verlangens, da Ihre längeren und
wiederholten Besuche bei mir sehr bald bemerkt und besprochen werden
würden. Ueberdies sind wir genöthigt, unsere näheren Beziehungen zu
einander zu verheimlichen. Denn an unserm verderbten Hofe ist schon
das Geringste hinreichend, irgend eine üble Deutung daraus zu ziehen,
da man den Werth und das Benehmen Anderer nach sich selbst beurtheilt.
Daher gebietet die Vorsicht, uns an einem andern Ort zu treffen, und
das soll geschehen. Der heutige Tag nimmt mich, wie Ihnen bekannt,
durchaus in Anspruch; doch morgen Nachmittag um die vierte oder fünfte
Stunde besuche ich meine Verwandte, Frau von Techow, in der Stadt
und werde Sie dort anmelden und erwarten. Frau von Techow ist Witwe
und lebt ziemlich eingezogen, und wir werden bei ihr die geeignetste
Gelegenheit zum Austausch unserer Gedanken finden.«
»Tausend Dank! Ich werde Sie dort aufsuchen, und es bedarf wol der
Versicherung nicht, wie sehr ich mich auf diese Stunde freue.« »So
kommen Sie denn, mein Freund. Wir dürfen nicht länger zögern, soll
uns unsere Absicht nicht vereitelt werden. Ich führe Sie nach einem
Blumenzimmer, zu welchem wir unbemerkt gelangen können, dasselbe
grenzt an den großen Gartensaal und dort werden Sie Sidonie sehen. Ich
darf Ihnen Ihr Verhalten wol nicht näher bezeichnen, falls wir von
irgend einer Seite überrascht werden sollten. Ihr Wunsch, das Palais
ein wenig in Augenschein zu nehmen, hat mich bewogen, Sie dahin zu
führen. Natürlich müßten dadurch unsere freundschaftlichen Beziehungen
verrathen werden; das wäre jedoch in solchem Fall ohne alle Bedeutung.
Für Sidonie haben Sie nichts zu besorgen, selbst wenn man Sie im
Gespräch mit ihr sähe. Der Zufall und der Ihnen von dem Herzog gegebene
Auftrag an die Prinzessin dürften genügende Gründe zur Entschuldigung
dieser Annäherung bieten. Ueberdies pflegt Sidonie auch häufig von dem
Saal aus nach dem Garten zu gehen, und es dürfte daher nicht auffällig
erscheinen, wenn dies auch heute und in dieser Stunde geschieht.«
»Das eben war’s, was mich besorgt machte; nun ich in dieser Beziehung
gesichert bin, fühle ich mich ruhiger und bitte, führen Sie mich jetzt
zu ihr,« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut und beruhigt.
In Folge von Sidoniens Wunsch war Aurelien in dem Erdgeschoß des
Palais, und zwar in der Nähe ihrer Gemächer, eine Wohnung eingeräumt
worden, damit die Freundin leichter und bequem zu der Prinzessin
gelangen konnte.
Aureliens Wohngemach lag neben einigen unbewohnten Zimmern, an welche
das Blumenzimmer und der Gartensaal grenzten.
Dieser Umstand ermöglichte es Aurelien jetzt, den Grafen nach dem Ort
der Zusammenkunft unbemerkt führen zu können.
Glücklich gelangten sie in das Blumenzimmer, das ihnen einen Ueberblick
über den Saal und den Garten gestattete. Die daselbst befindlichen
hohen Gewächse schützten sie vor einem zu leichten Erkennen von
etwa zufällig Vorübergehenden, indem ihnen dieser Vortheil zugleich
gestattete, falls es nothwendig wurde, sich unbemerkt zurückziehen zu
können.
Aurelie hatte sich sogleich nach dem offnen Ausgange in den Saal
begeben, um sich zu vergewissern, daß daselbst Niemand sei, und
zugleich Sidoniens Ankunft zu erwarten, während der Graf zwischen den
Pflanzengruppen zurückblieb.
Wie sie es vorausgesehen war der Saal leer, auch deutete die lautlose
Stille ringsum an, daß sich in der Nähe kein zu fürchtender Lauscher
befand, und so athmete sie froh und beruhigt auf.
Während sie dem Grafen ein Zeichen gab, näher zu kommen, öffnete sich
die Thür in Sidoniens Gemach, und die Prinzessin trat mit sichtlicher
Erregung ein. Niemand folgte ihr. Sie war bleich und nur das belebte
Auge verrieth ihre innere Bewegung. Sie blickte sich forschend um und
gewahrte Aurelie und den Grafen.
Sie that wenige Schritte, alsdann blieb sie stehen und lehnte sich auf
die ihr rasch genahte Freundin, von der Heftigkeit ihrer Empfindungen
überwunden. Mit einem eben so schmerzvollen als innig zärtlichen Blick
streckte sie dem nahenden Grafen die Hand entgegen, die dieser ergriff
und an die Lippen drückte.
Niemand von ihnen sprach ein Wort. Auge ruhte in Auge, so betrachteten
sie sich einige Secunden. Ein unendlich schmerzliches Gefühl zog durch
des Grafen Seele, als er die große Veränderung gewahrte, welche die
einst so jugendfrische Gestalt der Prinzessin in den wenigen Jahren
erlitten hatte.
Die weichen, lieblichen Züge waren einem leidenden Ausdruck gewichen,
der sich trotz des liebenden Gefühls, das sie in diesem Moment dem
Geliebten gegenüber erfüllte, geltend machte.
Die reizende Jugendfülle war geschwunden und hatte sich in eine
auffällige Schlankheit umgewandelt, die um so sichtlicher hervortrat,
da ihre Haltung in diesem Augenblick noch hinfälliger als sonst war.
Auch des Grafen Aussehen trug Spuren großer Veränderung; er schien fast
um zehn Jahre gealtert; Sidonie bemerkte das sogleich und mit tiefer
Wehmuth ruhte ihr Auge auf seiner Gestalt.
O wie schmerzvoll war ihr Wiedersehen! Obgleich von ihren Empfindungen
mächtig zu einander gezogen, waren sie dennoch gezwungen, sich fern zu
bleiben und mit einem Händedruck zu begnügen. Aber ihre Lage gebot,
auch selbst darauf zu verzichten, und bald lösten sich die bebenden
Hände von einander und der Graf trat von ihr zurück, um die gewöhnliche
ehrerbietige Entfernung zwischen ihnen herbei zu führen.
»O, welche unendliche Freude, Sie endlich, endlich und ~heute~
wieder zu sehen!« sprach Sidonie, den Grafen mit inniger Freude
betrachtend.
»Ich verdanke dieses nicht gehoffte Glück dem Auftrage Ihres Bruders,
dem ich bei meiner Rückkehr einen Besuch abstattete und der mir
denselben ertheilte, nachdem er von mir die Absicht vernommen hatte,
mich hierher zu begeben,« erklärte der Graf.
»O, wie gut, wie herrlich, daß Sie wieder hier und nicht mehr so weit
von mir entfernt sind!« fiel Sidonie ein und fügte alsdann fragend
hinzu: »Sie bleiben doch hoffentlich längere Zeit hier?«
»Ich hatte meinen Aufenthalt auf zwei Wochen festgesetzt« -- --
entgegnete der Graf zögernd.
»Nur zwei Wochen?! O, das ist eine sehr kurze Zeit!« rief die
Prinzessin in schmerzlichem Ton. »Nicht wahr, Sie werden ihren
Aufenthalt, wenn es sein kann, verlängern und mir dadurch die
Gelegenheit verschaffen, Sie öfter und unter günstigeren Verhältnissen
wieder zu sehen?«
»Dürfte uns ~das~ gestattet sein?« fragte der Graf mit Betonung.
»Und warum nicht? Aurelie wird Ihnen mittheilen, in welcher Weise ich
hier lebe, und Sie daraus entnehmen, daß ich seit Jahr und Tag mein
Leben nach meinem Gutdünken einrichte. Ich empfange in der Woche ein-
bis zweimal einige Bekannte, wer wollte es mir verwehren, auch den
Freund meines Bruders zu empfangen?« --
»Mir war das unbekannt, und es bedarf wol der Versicherung nicht,
wie sehr mich Ihre Güte beglückt,« entgegnete der Graf, eben so sehr
überrascht als erfreut.
»Ich setze voraus, Sie stimmen mit meinen Wünschen überein. Warum
sollte ich in meiner Lage einer so schönen Freude entsagen, warum
den Trost, den mir der Himmel in seiner Güte so unverhofft sendet,
zurückweisen? O, ich bin nicht so stark, Uebermenschliches zu ertragen
und die Hand nicht nach dem theuren Freunde auszustrecken, der mich
in meinem Kummer aufrecht erhält. Die mich umgebende gleißende
Herrlichkeit mit ihren Menschen verdient es nicht, ihnen so große Opfer
zu bringen. Niemals würde ich mich dazu verstehen. Sie werden Aurelie
sprechen und sie wird Ihnen Alles sagen, was Sie wissen müssen, mein
theurer Freund, und dann mögen Sie selbst entscheiden,« sprach Sidonie
mit festerer Stimme und fügte schmerzlich hinzu: »Ach, wie könnte ich
von Ihnen scheiden ohne die Gewißheit des Wiedersehens, eines so oft
ersehnten Wiedersehens!«
In tiefer Bewegung ergriff der Graf ihre Hand und bedeckte sie mit
Küssen, während sie freudig erregt fortfuhr: »O, welch eine schöne
Stunde wird es sein, in der Sie mir ungestört alles das mittheilen
werden, was Ihnen in der langen Zeit unserer Trennung begegnet ist.
Wie oft haben wir Ihrer gedacht und Sie auf Ihren Reisen im Geist
begleitet! O, wie wahr haben Sie einst gesprochen, daß die Ferne treue
Herzen nicht zu trennen vermag, ich habe es an mir erfahren.«
»Wie beglückt es mich, theure Prinzessin, dies Alles aus Ihrem Munde
zu vernehmen und Ihnen gestehen zu dürfen, daß meine Einsamkeit in
der Fremde stets durch die Bilder der Heimath belebt worden ist,«
entgegnete der Graf, indem sein Auge dem ihrigen voll Innigkeit
begegnete.
»Ich wußte es ja!« fiel Sidonie ein und fügte hinzu: »Welche wundersame
Kraft hat dieses Wiedersehen! Mir ist, als wäre ich dadurch mir
selbst wiedergegeben worden und meine gefesselte Seele hätte Flügel
der Freiheit gewonnen, um sich über alles Erdenleid fortzuschwingen!
Mit wie ganz anderen Empfindungen gehe ich jetzt dem mir sonst so
unangenehmen Empfange entgegen, da ich weiß, daß ich dabei meinen
lieben Freund wiedersehen werde!«
»So laß mich ihn zurückführen, ehe der günstige Augenblick uns
enteilt,« fiel Aurelie mit Besorgniß ein.
»Muß es sein?« fragte Sidonie rasch und besorgt.
»Du kennst die Gründe meines Drängens. Wir müssen jede Vorsicht
beobachten,« bemerkte Aurelie.
»Du hast Recht! Sei es denn, und so leben Sie wohl, mein Freund,«
sprach Sidonie und war eben im Begriff, dem Grafen die Hand zu reichen,
als man das rasche Heranrollen eines Wagens vernahm, der gleich darauf
an dem Palais still hielt.
»Das ist der Prinz! Fort, fort in Dein Gemach!« rief Aurelie
erschreckt, während sie zugleich des Grafen Hand ergriff und ihn eilig
nach dem Blumenzimmer zog.
Kein Lebewohl wurde gesprochen. Gleich einem gescheuchten Reh eilte
Sidonie in ihr Zimmer, und ehe sich noch die Thür hinter ihr schloß,
hatte Aurelie mit dem Grafen bereits das Blumenhaus erreicht. Dieses
sowie die anderen Gemächer wurden hastig und schweigend von ihnen
durchschritten, und wenige Augenblicke darauf befanden sie sich in dem
Wohngemach der Dame.
»So, jetzt ist Alles gut!« sprach Aurelie tief aufathmend. »Sie ist
unbemerkt in ihre Gemächer gelangt; wir haben nichts zu besorgen! O,
wie freue ich mich, daß es uns gelungen ist; denn ich habe nur zu wohl
erkannt, wie nothwendig diese Zusammenkunft war, sollte sich Sidonie
nicht verrathen.«
»Ich theile Ihre Empfindungen, meine theure Freundin, und mein Dank
für Ihre Güte ist darum um so heißer. Nichts von dem schmerzlichen
Eindruck, den ich von Sidonien empfangen habe. Die Wirklichkeit hat
alle meine Erwartungen übertroffen. O, sie ist ja nur noch ein Schatten
dessen, was sie einst war!« sprach der Graf in kummervollem Ton.
»So ist es!« seufzte Aurelie und fügte alsdann hinzu: »Doch die Zeit
drängt, daher kein Wort mehr! Sie müssen mich sogleich verlassen; Ihr
längeres Hiersein in dieser Zeit würde Aufsehen erregen, auch bin
ich nicht sicher, durch den Besuch einer der hier wohnenden Hofdamen
überrascht zu werden. -- Also auf Wiedersehen morgen bei Frau von
Techow, mein Freund!« Sie reichte dem Grafen die Hand, die dieser
herzlich drückte und sich alsdann entfernte.
Niemand außer Aureliens Dienerin bemerkte sein Fortgehen.
Das Fräulein beobachtete ihn durch das Fenster, um sich zu
vergewissern, ob er irgend etwa einer Person von Bedeutung begegnete.
Dies war jedoch nicht der Fall, sondern der Graf erreichte unbemerkt
die an dem Platz vorüberführende Straße, welche er verfolgte und bald
ihren Blicken entschwand.
Durch alle diese Umstände noch mehr beruhigt, ging sie an ihre
Toilette, da die Stunde des Empfanges nahte.
Sie hatte sich in ihrer Voraussetzung von des Prinzen Ankunft nicht
getäuscht; derselbe war so eben angelangt.
Zitternd und schweißbedeckt von der übermäßigen Anstrengung hielten die
Pferde vor dem Palais. Der Prinz hatte, um noch zu guter Zeit daselbst
einzutreffen, den mehre Meilen langen Weg von der Residenz in der
höchsten Eile zurückgelegt.
Er hatte während der Fahrt geschlafen und erwachte erst, als der Wagen
still stand.
»Sind wir da?« fragte er seinen Begleiter und persönlichen Adjutanten,
den Major, Baron von Mühlfels. Dieser bejahte. Ziemlich schwerfällig
stieg der Prinz aus dem Wagen und ging gähnend an der ihn respectvoll
erwartenden Dienerschaft vorüber in sein Wohngemach, woselbst er sich
auf einen Divan warf. »Wie viel Uhr ist’s, Mühlfels?« fragte er.
»Eilf Uhr vorüber.«
»So haben wir ja noch mehr denn eine Stunde vor uns! -- Kleide mich
aus, Henry,« herrschte er dem auf seine Befehle harrenden vertrauten
Kammerdiener zu, indem er demselben die Füße hinstreckte.
Henry unterzog sich dem Befehl mit der an ihm bewährten Eile und
Geschicklichkeit, und nach wenigen Augenblicken befand sich der Prinz
in einer behaglichen Morgentoilette.
»Rasch, Henry, ein Bad, aber heute ein würziges Kräuterbad, wie sonst!«
befahl darauf der Prinz, und der Diener, der, in das Leben seines
fürstlichen Herrn des genauesten eingeweiht, ein solches bereits hatte
vorbereiten lassen, entgegnete, daß dasselbe zu der Hoheit Befehl
stände.
»Das ist gut. So geh’ und erwarte mich!« befahl der Prinz und Henry
entfernte sich. »Eine verteufelt hübsche Nacht, die wir bei der kleinen
Zelia zugebracht haben,« fuhr der Prinz in der Erinnerung des Verlebten
fort. »Das Dämchen ist allerliebst und ihre Freundinnen stehen ihr
wenig darin nach. Ich denke, Mühlfels, Sie pflichten mir darin bei?«
»Gewiß, Hoheit. Sie besitzt eben so viel körperliche Reize, als die
angenehmste Weise, dieselben geltend zu machen,« entgegnete dieser
vertraulich und entgegen kommend.
»Sie würden Zelia noch mehr preisen, kennten Sie sie so genau wie ich,«
fiel der Prinz lachend ein und fügte dann mit einem cynischen Blick auf
den Major hinzu: »Doch ich denke, Sie sind durch die anderen Mädchen
für diese Unkenntniß entschädigt worden. Es war eine köstliche Nacht,
und ich habe mich schon lange nicht so vortrefflich amüsirt wie dieses
Mal. Man muß es Ihnen lassen, Mühlfels, Sie verstehen sich magnifique
auf diese Dinge und Ihre Erfindungsgabe verdient alle Anerkennung.
Sie wissen überall ’was Subtiles aufzutreiben, so daß immer ein
neues Amusement da ist und man keine Langeweile spürt. -- -- +A
propos!+« fragte er sich besinnend, »wie viel habe ich verloren?«
»Dieses Mal ziemlich viel. Fünfhundert Ducaten an Zelia und fast eben
so viel an die anderen Damen und Herren,« entgegnete Mühlfels.
»Bagatelle!« rief der Prinz und fügte hinzu: »Ich dachte, es wäre mehr.
Lassen Sie sich das Geld von meinem Schatzmeister geben und händigen
Sie es den Leuten ein. Ich denke, meine Kasse wird nicht erschöpft
sein. Ich werde selbst mit Tendler -- dem Schatzmeister -- sprechen.
-- Doch da fällt mir ein, daß ich der Zelia einen Halsschmuck und
Bracelets versprochen habe; ich bin ihr eine Erkenntlichkeit schuldig;
sagen Sie meinem Juwelier gelegentlich, daß er für die Spielerei sorgt
und sie mir in den nächsten Tagen bringt. Ich will Zelia das Geschenk
selbst einhändigen. Nun aber in das Bad, um meinen Gliedern wieder
Spannkraft zu geben, denn ich fühle mich doch ein wenig angegriffen.
Werfen Sie sich unterdessen in die Staatsuniform, denn wir müssen ja
der langweiligen Empfangs-Ceremonie beiwohnen und dabei ein gutes
Aussehen haben. Sind Sie angekleidet, so kommen Sie wieder zu mir,
damit ich Sie bei der Hand habe.«
Mit diesen Worten erhob er sich, schlug den Schlafrock fester um seine
Glieder und begab sich in das Bad, das seine erschöpften Kräfte wieder
stärken sollte.
Trotz der schlaffen Haltung, des bleichen, überwachten Antlitzes und
der matten, eingefallenen Augen war des Prinzen Erscheinung dennoch
keine unangenehme, da sich seine körperlichen Vorzüge selbst noch
unter den angegebenen Umständen geltend machten. Er besaß eine hohe,
stattliche, schön gebildete Gestalt, ein nicht minder schön geformtes
Antlitz, dem neben dem sinnlichen ein gewisser gutmüthiger Ausdruck
nicht mangelte, der sich auch in seinen blauen Augen widerspiegelte
und Vertrauen erweckte. Dieses Vertrauen wurde auch in der That nicht
getäuscht; denn der Prinz war eben so gütig, als leichtsinnig und
verschwenderisch, und der Bittende konnte Alles von ihm verlangen,
sobald er seine Schwächen zu benutzen verstand.
Dagegen konnte der Prinz eben so rauh und jähzornig werden, sobald man
seinen Neigungen und Verirrungen entgegen trat; ebenso übte seine
Stimmung einen großen Einfluß auf ihn aus und man mußte sich hüten, ihn
in solchen Augenblicken irgendwie zu reizen, wozu oft schon ein nicht
gut gewähltes Wort hinreichte.
Seine Umgebung und selbst sein vertrauter Kammerdiener Henry hatten das
Alles schon oft erfahren müssen. Sein Zorn konnte sich selbst bis zu
Thätlichkeiten steigern, in Folge dessen sich alsdann gewöhnlich sein
Unmuth verlor und einer an Schwäche streifenden Gutmüthigkeit wich, die
alsdann von den klugen und listigen Leuten zum Nachtheil des Prinzen
wieder ausgebeutet wurden.
Diese Zeichnung wird zugleich genügen, des Prinzen Verhalten gegen
seine Gemahlin zu erklären. Charaktere, wie derjenige des Prinzen,
besitzen bei aller Gutmüthigkeit dennoch eine gewisse Abneigung
vor Personen von wahrhaft sittlichem Gehalt, deren Anerkennung und
Würdigung ihnen nicht nur höchst unbequem ist, sondern auch zugleich
nicht denjenigen Genuß zu gewähren vermag, der von ihrer sinnlichen
Natur gefordert wird.