zurückgezogenes Leben und er selbst ein ähnliches führte, so konnte es
nicht ausbleiben, daß Sidoniens Wünsche ziemlich befriedigt wurden, und
dies um so mehr, da der Prinz selbst keine Veranlassung fühlte, seine
schüchterne Gemahlin durch geräuschvolle Feste zu zerstreuen, oder sie
für sich zu beanspruchen.
Wie manche Stunde saßen die beiden Freundinnen in vertraulichem
Gespräch bei einander, sich der Vergangenheit und des gemeinschaftlichen
fernen Freundes erinnernd, der, wie sie wußten, die Alpen
durchzogen und jetzt in dem sonnigen Italien lebte, wo er Geist
und Seele an den Reizen der Natur und reichen Kunstschätzen labte, um
sein Leid zu mildern und die zur Thätigkeit nothwendige Ruhe zu finden.
Denn der Graf war, seinem Vornehmen getreu, beim Nahen des Herbstes von
Paris nach der Schweiz gereist und ging von hier nach Italien, woselbst
er sich längere Zeit aufzuhalten gedachte.
Sidonie war durch Aurelie mit alledem bekannt gemacht worden und
billigte, wenn auch seufzend, sein Fernhalten, und es beruhigte sie der
Gedanke, den Geliebten in Orten zu wissen, die so wohl geeignet sind,
der leidenden Seele angenehme Eindrücke zu gewähren. Hatte sie doch
früher selbst das Verlangen gehegt, jene Länder zu sehen, und es sich
so überaus reizend gedacht, an des Gatten Seite einst dort leben zu
können.
Alle die schönen Träume, wie waren sie zerronnen, zerstoben vor einer
kalten, lieblosen Wirklichkeit! --
Der Graf hatte nach dem ersten Briefe nur noch zweimal an Aurelie
geschrieben und sich von ihr über Sidonie Mittheilungen erbeten, nach
deren erfolgter Vermählung er es für besser erachtete, den Briefwechsel
vorläufig zu unterbrechen. Bei seiner Ankunft in Rom hatte er zum
letzten Mal geschrieben und seitdem nicht wieder.
Etwa fünf Monate waren seit Sidoniens Vermählung dahin gegangen, als
neue Interessen ihre Seele erfüllten, Interessen, die jedes weibliche
Herz mit ganz besonderen Empfindungen zu erfüllen pflegen. Es war die
Hoffnung, Mutter zu werden und dadurch den so heiß gehegten Wunsch
des Fürsten zu erfüllen. Diese Hoffnung übte einen tiefen Einfluß
auf das stille Leid ihrer Seele aus, indem sie dasselbe durch ihre
Bedeutsamkeit verklärte.
Der Fürst empfing die so erfreuliche Nachricht durch den Prinzen, und
seine Theilnahme daran war größer als diejenige des Letzteren, dem die
Geburt eines Kindes, namentlich wenn es kein Thronerbe war, von keiner
Bedeutung erschien. Ihm waren die Gefühle, welche die Hoffnung auf den
Besitz eines lieblichen Kindes einzuflößen pflegt, durchaus fremd und
wurden auch durch die Aussicht der baldigen Vaterschaft nicht geweckt.
Hatte sein bisheriges Benehmen ihn schon nicht für Sidonie gewinnen
können, so war die kaum bemäntelte Gleichgiltigkeit, mit welcher
er ihre Mittheilung aufnahm, um so weniger dazu geeignet. Von der
Ueberzeugung erfüllt, daß die letzteren ihn mit der höchsten Freude
erfüllen würde, sah sie sich in der empfindlichsten Weise getäuscht und
erkannte mit Schrecken, daß des Prinzen Gemüthsart noch übler sei, als
sie es bisher geglaubt.
Seit diesem Augenblick trennte sich ihre Seele noch mehr von ihm, und
es trat eine Kälte zwischen ihnen ein, zu deren Beseitigung der Prinz
nichts weniger als bemüht war, indem er, ohne die unter den besonderen
Umständen Sidonien schuldende Rücksicht zu beobachten, seinen Neigungen
unbeschränkt nachging.
Sidonie, dadurch tief verletzt, forschte zum ersten Mal nach den
Ursachen einer solchen Lieblosigkeit und seiner so häufigen und oft
Tage währenden Besuche der Residenz, und erfuhr sehr bald, in welchen
Genüssen der Prinz Befriedigung fand. Es konnte in Folge dessen nicht
ausbleiben, daß sie sich immer mehr von ihm zurückzog und ihr eheliches
Leben kaum noch ein solches genannt werden durfte. Sie sah den Prinzen
höchstens einmal in der Woche und auch dann nur flüchtig, da er sich
selten lange bei ihr aufhielt. In solcher übeln Weise war die Zeit
dahin gegangen und Sidoniens Entbindung genaht. Die Prinzessin knüpfte
daran so mannichfache Wünsche und Hoffnungen.
Liebte sie auch den Prinzen nicht, so war es ihr doch als seine
Gemahlin nicht gleichgiltig, was man über denselben und mit Recht
sprach und wie man über ihr eheliches Verhältniß urtheilte. Des Prinzen
Ausschweifungen mußten sie verletzen, indem sie dadurch in der Achtung
ihrer Umgebung und der Welt herab gesetzt wurde. Sie hatte davon schon
mancherlei Beweise erhalten und wünschte daher so viel Einfluß auf den
Prinzen zu gewinnen, um dergleichen übeln Erfahrungen für die Folge
vorzubeugen.
Was war natürlicher als die Voraussetzung, dies durch die Geburt eines
Kindes zu erreichen, und die Hoffnung, daß das Interesse für dieses
den Prinzen zum Aufgeben seines wüsten Lebens veranlassen und zu einer
achtungsvolleren Annäherung an sie führen würde. Sie sollte sich jedoch
in diesen Erwartungen bitter getäuscht sehen.
Denn als sie glücklich eines Mädchens genas, zeigte sich der Prinz um
so weniger geneigt, ihre Freude darüber zu theilen, da seine Wünsche
hinsichts eines Thronerben sich nicht erfüllt hatten.
Sidonie war untröstlich darüber, und ihr Schmerz steigerte sich, da
sie erkennen mußte, daß auch selbst die natürlichsten Gefühle dem
Prinzen mangelten, jene Gefühle, die so sehr geeignet sind, die Herzen
aneinander zu ketten.
Vielmehr schien ihm Sidonie seitdem nur noch gleichgiltiger geworden
zu sein, was auch in der That der Fall war, da er, von den Reizen
buhlerischer Frauen umstrickt, sich diesen mit der Zeit ganz hingegeben
hatte und in dem Wechsel des Genusses allein Befriedigung fand.
Gewährte Sidonien auch ihr Mutterglück einen ganz neuen, köstlichen
Trost in ihrem Kummer, so überwand sie dennoch die erfahrene
Ehrverletzung von Seiten des Prinzen nicht. Gern verzichtete sie auf
seine Liebe, doch nicht auf die ihr schuldige Achtung, und erkannte
das für eine Pflicht gegen sich selbst, sollte sie nicht endlich nur
zu einer bemitleideten und belächelten Person herabsinken, der man
nach dem Vorbilde des Prinzen immer weniger Achtung zu bezeigen sich
erdreistete. Nach den bereits gemachten Erfahrungen drohte ihr diese
Gefahr mit aller Bestimmtheit, und dieser Umstand forderte ihr ganzes,
verletztes Selbstgefühl heraus.
Sie hatte Aurelien schon oft ihren Kummer darüber vertraut und mit ihr
berathen, was sie noch thun könnte, da die bereits näher bezeichneten
Umstände nicht den geringsten Einfluß auf den Prinzen ausgeübt
hatten. Sie erachtete es für das Zweckmäßigste, dem Prinzen selbst
Vorstellungen zu machen und sich dadurch den gewünschten Erfolg zu
sichern. Sie glaubte diese Rücksicht beobachten zu müssen, um ihn durch
Vermittlung Anderer, etwa des Fürsten, nicht zu verletzen.
Daß sich Sidonie dazu nur sehr schwer zu entschließen vermochte, werden
wir im Hinblick auf ihren besondern Charakter erklärlich finden; wir
würden uns jedoch in der Annahme täuschen, ihr hätte der erforderliche
Muth dazu gefehlt.
Bekanntlich sind die Verhältnisse, in welchen wir leben, zur
Entwicklung unseres Wesens von der höchsten Wichtigkeit, und je
bedeutsamer dieselben sind, je mehr sie uns herausfordern, um uns
ihren Einflüssen gegenüber zu behaupten, um so rascher entfalten sich
unsere Seelen- und Geistesanlagen, und der angeborene Charakter des
Menschen tritt schärfer und bestimmter hervor. Und so geschieht es,
daß uns bekannte Personen nach längerem Wiedersehen oft sehr verändert
erscheinen und ihr Wesen uns ganz neue Seiten zeigt, von denen wir
früher nicht die mindeste Ahnung gewonnen. Je nach der Besonderheit der
Einflüsse und der Naturanlage werden diese Veränderungen verschieden
und eben so übel als angenehm sein.
Diese Erscheinungen treten ganz besonders bei dem weiblichen Geschlecht
und unter den bei Sidonien angegebenen Umständen hervor, wozu wir noch
das jugendliche Alter zählen müssen, in welchem neben der körperlichen
auch die sittliche Entwickelung gewöhnlich stattzufinden pflegt.
Dergleichen Veränderungen waren auch mit der Prinzessin vorgegangen,
ohne daß dieselben von dem Prinzen beachtet wurden. Ihr Charakter war
durch die herausfordernden Verhältnisse rasch gereift, und ihr tief
verletztes Ehrgefühl erfüllte sie mit Muth, sich dem Prinzen gegenüber
zu behaupten und, was man ihr nicht freiwillig brachte, sich in ihrem
guten Recht zu fordern.
Wir haben früher erfahren, welchen nachtheiligen Einfluß des Prinzen
Verhalten gegen Sidonie ausübte, indem dasselbe die Umgebung der
Letzteren und selbst den Hof verleitete, ihr mit Geringschätzung zu
begegnen. Diese Wirkung wurde noch bedeutend dadurch erhöht, als
die Prinzessin, von ihrer feinfühlenden Natur bestimmt, es wagte,
sich mißbilligend über das sittenlose Treiben auszusprechen, und
diejenigen Personen von ihrer Nähe fern hielt, welche sich keines
besonders guten Rufs erfreuten. Das wurde ihr in hohem Grade verdacht,
denn sie verletzte dadurch die Eitelkeit, und diese ist bekanntlich
unversöhnlich.
Sie gab aber auch ihren Widerwillen gegen die unzüchtigen und
karikirten Trachten der Frauen zu erkennen, indem sie sich sittsam
und stets einfach kleidete und die Benutzung der damals beliebten
tausendfachen Toilettenmittel verschmähte, wodurch sich die Damen und
auch die Herren zu verschönen bedacht waren.
Damit verstieß sie noch mehr gegen die herrschende Sitte, die sich in
der Frivolität wohl fühlte und darum an Züchtigkeit und Sittlichkeit
nicht erinnert sein wollte.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß die Prinzessin sehr bald ziemlich
allein dastand und nur wenig Nachahmung fand, sich jedoch auch eben so
wenig Freunde erwarb.
Sie ließ sich dadurch jedoch nicht zum Aufgeben ihres Verhaltens
bestimmen, und that dies um so weniger, da sie ihre sittliche Natur
dazu nöthigte.
Ueberdies hatte sie längst erkannt, daß man an einem Hof nicht auf
wahre Freundschaft hoffen durfte, und fühlte sich im Besitz ihrer
Freundin Aurelie befriedigt. Huldigungen der Welt waren ihr durchaus
bedeutungslos, auch war sie nicht eitel genug, darnach zu streben, und
bedauerte daher in der ihr gezeigten Abneigung keinen Verlust.
Ihr Verhalten entsprang jedoch nicht etwa aus der bestimmten Absicht,
auf ihre Umgebung in solcher Art eine Wirkung auszuüben, sondern
lediglich aus den angeborenen Trieben. Doch würde es sie sehr beglückt
haben, hätte man sie verstanden und das Bessere anerkannt.
Wir sehen, daß sie sich dadurch in einen Widerspruch mit der sie
umgebenden Welt gesetzt hatte, und werden erfahren, in welcher Weise
sich derselbe lösen sollte.
Einige Wochen waren dahin gegangen, ohne daß sie den für nothwendig
erkannten Schritt zu thun vermochte, bis endlich der Zufall sie darin
unterstützte.
Bei einem Hoffest hatte sich die Oberhofmeisterin der Prinzessin
gegenüber eine verletzende Freiheit erlaubt, indem sie ihre
Mißbilligung über deren Verhalten in wenig passenden Worten gegen diese
aussprach.
Hatte sie sich bereits früher öfter in dieser Beziehung gehen lassen,
durch Sidoniens ruhiges Hinnehmen der Belehrung verleitet, so
überschritt ihr Benehmen in dem angegebenen Fall die zu beobachtenden
Rücksichten in vermehrtem Grade.
Welche Ueberraschung malte sich jedoch in ihrem und dem Antlitz der
in der Nähe befindlichen Hofdamen, als Sidonie, statt wie gewöhnlich
die Belehrung ruhig hinzunehmen, sich stolz aufrichtete und der
Oberhofmeisterin mit festen und ruhigen Worten bedeutete, sich
künftighin in den ihr vorgeschriebenen Grenzen der Etikette zu halten,
um nicht durch ihr Benehmen dem Hofe ein übles Beispiel zu geben.
Die stolze Dame, in solcher Weise und so durchaus ungeahnt von der
schüchternen Prinzessin zurecht gewiesen, blieb starr und bestürzt
vor dieser stehen, ohne ein Wort der Entschuldigung zu finden, ja sie
vergaß sogar die übliche Verneigung, als sich die Prinzessin nach jenen
Worten mit den Hofdamen rasch entfernte und sie einsam zurückließ.
Sie würde den Vorfall für eine Vision gehalten haben, hätte sie sich
nicht ganz allein in dem Saal gesehen und hätten die zurechtweisenden
Worte der Prinzessin nicht in der mißtönendsten Weise noch immer ihre
Ohren durchklungen. Die sich über das Erfahrene in ihr erhebende
Entrüstung erweckte sie aus der Bestürzung, und kaum wieder so
weit gesammelt, um den unerhörten Fall genügend zu erwägen, war sie
auch sofort entschlossen, sich bei dem Prinzen darüber zu beklagen
und ihn zu bestimmen, der Prinzessin das Ungehörige ihres Benehmens
gegen sie vorzustellen und diese zugleich zu einer ihr zu gebenden
Genugthuung zu veranlassen. Sie kannte ihren Einfluß auf den Prinzen
und die geringe Achtung, die dieser seiner Gemahlin schenkte, nur zu
wohl, um des Erfolgs nicht gewiß zu sein. Sie hatte die Prinzessin
niemals leiden mögen, und diese Abneigung theilte sie mit einer nicht
eben geringen Anzahl Gleichgesinnter. Der Grund dazu lag darin, daß
Sidonie durchaus ihren eigenen Willen haben wollte und ihre klugen
Worte stets unberücksichtigt ließ. Ueberdies verschmähte sie auch die
gebräuchlichen Mittel, die Toilette zu verschönen. Denn sie bediente
sich weder der falschen Haare, noch des Puders, färbte eben so wenig
die Augenbrauen, noch verschönte sie ihren Teint durch Schminke und
Schönpflästerchen. Sie verachtete alle diese Dinge, obgleich der
herrschenden Mode gemäß sich die Damen des Hofes und der Aristokratie
in solcher Weise zu verschönen für eine Anstandspflicht erachteten.
Dieser Umstand diente ihr und ihren Gesinnungsgenossen für einen
Beweis, daß sich die Prinzessin klüger als sie Alle dünkte, den guten
Ton vom Hofe zu verbannen bedacht wäre und obenein die Absicht hegte,
daselbst ein prüdes, moralisches Leben einzuführen, wozu sie wie
ihre Freunde nicht die geringste Lust verspürten. Gründe genug in
Verbindung mit dem soeben Erfahrenen, die Prinzessin recht von Herzen
zu hassen.
Um so mehr war sie daher bedacht, sich Genugthuung zu verschaffen.
Sie sah sich in ihren Erwartungen auch wirklich nicht getäuscht; denn
nachdem sie dem Prinzen die Angelegenheit in ihrem Sinne vorgetragen
und dabei der ihr obliegenden Pflichten als Oberhofmeisterin der
unerfahrenen, einem kleinen herzoglichen Hofe entsprossenen Prinzessin
gegenüber gedacht und somit ihr Verhalten gegen diese als durchaus
berechtigt bezeichnet hatte, gab ihr der Prinz nicht nur seine
Zustimmung zu ihrer Klage zu erkennen, sondern auch das Versprechen,
die Prinzessin zu der gewünschten Abbitte zu veranlassen. Er sprach
überdies seine Ueberraschung über das Verhalten seiner Gemahlin aus,
das er durchaus nicht erwartet, überhaupt nicht vermuthet hatte.
Sehr befriedigt schied die Oberhofmeisterin, ihres Sieges gewiß.
Sidonie glaubte den Prinzen mit dieser Angelegenheit nicht behelligen
zu müssen und schwieg darum, ohne den Schritt der Oberhofmeisterin
zu ahnen; sie war daher nicht wenig überrascht, als der Prinz sie
aufsuchte und ihr in ziemlich verletzender Weise Vorstellungen über
ihr Verhalten gegen die Erstere machte und es zugleich als eine
Nothwendigkeit bezeichnete, derselben einige entschuldigende Worte zu
sagen.
Sidonie hatte ihn, wenngleich mit gesteigerter Ueberraschung, so doch
ruhig angehört; als er schwieg und ihre Zustimmung erwartete, blickte
sie ihn fest an und entgegnete eben so fest, daß sie weit entfernt sei,
sein Verlangen zu erfüllen, und sich dazu durchaus berechtigt glaube.
Zugleich setzte sie ihm den Vorfall genau auseinander.
Der Prinz schaute sie mit Ueberraschung an; in solcher Weise hatte die
Prinzessin noch nie zu ihm zu sprechen gewagt und ebenso wenig ein
so bestimmtes, festes Wesen gezeigt. War dies auch zurückhaltend und
ruhig, so verrieth es dennoch nichts von der früheren Schüchternheit
und Befangenheit. Was jedoch den Prinzen für seine Gemahlin hätte
gewinnen sollen, reizte vielmehr seine Empfindlichkeit, und so geschah
es, daß er, statt ihr Recht anzuerkennen, auf seinem Verlangen beharrte.
Jetzt schien Sidonien der rechte Augenblick gekommen, dem Prinzen alle
jene Momente zu bezeichnen, durch welche das ungeziemende Verhalten
der Oberhofmeisterin hervorgerufen worden war, und ihr volles, tief
verletztes Herz zögerte damit nicht. Ihre Worte waren bestimmt,
sie bezeichneten nur die nicht abzuläugnenden Thatsachen und deren
unausbleibliche Folgen, und drückten endlich das bestimmte Verlangen
aus, der Rücksichten eingedenk zu sein, die der Prinz ihr als seiner
Gemahlin schulde.
In großer Erregung und sprachlos vor Erstaunen starrte sie der Prinz
an. Ihre Vorstellungen erschienen ihm als Vorwürfe, die sie ihm zu
machen wagte, indem sie sich erkühnte, ihre Mißbilligung über sein
Treiben und Verhalten gegen ihn auszusprechen und von ihm eine
Rückkehr zu einem bessern, sittlichen Leben, sowie eine achtungsvollere
Begegnung von seiner Seite verlangte. Fest, stolz und nichts weniger
als schüchtern stand sie vor ihm da, blickte ihn eben so fest an, und
ihre ganze Haltung zeigte, daß sie es sehr ernst damit meinte.
Die Wirkung der letzteren auf den Prinzen war eine um so tiefere, da
sie ihn so durchaus ungeahnt überraschte und zugleich erkennen ließ,
wie sehr er sich hinsichts Sidoniens Charakter getäuscht hatte. Dieser
Umstand diente jedoch leider nur dazu, seinen ganzen, ihm beiwohnenden
Jähzorn zu erregen und der Prinzessin in der verletzendsten Weise zu
entgegnen, daß ihre Vorwürfe eine Anmaßung wären, die er ein- für
allemal zurückweise, worauf er sie in großer Erregung verließ.
Durch diesen so unglücklichen Erfolg ihrer Bemühungen tief gebeugt,
durch des Prinzen Jähzorn und heftige Worte beleidigt, fühlte Sidonie
die ganze Bedeutungslosigkeit ihrer Stellung, war aber auch zugleich
überzeugt, daß damit alle näheren Beziehungen zu dem Prinzen ihr Ende
erreicht hätten. Sie befestigte sich um so mehr in dieser Ueberzeugung,
da der Prinz seit dieser Unterredung nicht nur nicht an ein Aufgeben
seines wüsten Lebens zu denken schien, sondern dieses vielmehr in noch
erhöhterem Grade fortsetzte, gleichsam um ihr den Beweis der geringen
für sie gehegten Achtung zu liefern.
Sidonie nahm das ruhig und geduldig hin; sie hatte die Pflicht gegen
sich und den Prinzen erfüllt; mehr zu thun vermochte sie nicht. Wie
groß ihr Schmerz darüber war, darf kaum bemerkt werden.
In der Liebe und der Pflege ihres Kindes und in dem vertraulichen
Umgang mit Aurelien fand sie den so nothwendigen Trost, wenngleich sie
erkannte, daß mit jener Begegnung des Prinzen der erste Schritt zu
einem dauernden Kampfe mit demselben gethan war, wollte sie sich dem
ihr gewissen Schicksal nicht für die Folgezeit unterwerfen. Daß sie das
nicht durfte und auch ihrem Charakter nach nicht vermochte, stand in
ihr fest; in welcher Weise sich jedoch ihre Lage entscheiden würde, war
eine in der Gegenwart schwer zu beantwortende Frage.
Zwar hatte der Fürst, dem das eheliche Zerwürfniß nicht unbekannt
geblieben war, sowol dem Prinzen als auch Sidonien Vorstellungen
darüber gemacht und sich bemüht, eine Aussöhnung zwischen ihnen
herbeizuführen; jedoch ohne jeden Erfolg.
Der Prinz zeigte keine Neigung, auf Sidoniens, wie er es nannte,
überspannte und ungehörige Forderungen einzugehen, und sie vermochte
ihren Widerwillen gegen ihn nicht zu bezwingen, und so blieb Alles beim
Alten.
In trüber Einsamkeit gingen Sidonien seitdem die Tage hin, zehnfach
kummervoller im Hinblick auf ihr verlorenes Liebesglück und in dem
Gefühl der Machtlosigkeit, ihrem Leiden ein Ende zu machen. Wie oft
ruhte in jener Zeit ihr von Thränen gefeuchtetes Auge auf den Zügen
des fernen, so edlen Geliebten! Welch einen Gegensatz bot dieser zu
dem Gemahl! -- In dieser Zeit ihrer Leiden sollte sie noch ein neuer
tiefer Schmerz treffen und ihre Seelenkraft herausfordern: ihr Vater
erkrankte bedenklich.
Sie eilte an sein Lager, jedoch nur, um ihn bald zur Gruft zu begleiten.
Zwei Monate darauf starb auch ihre Mutter.
Wir übergehen den schmerzvollen Kummer, den dieser so rasch auf
einander folgende doppelte Verlust in ihrer Seele hervorrief; derselbe
beugte sie in dem Gefühl, in ihrem Leiden nun auch noch des elterlichen
Beistandes beraubt und der Willkür ihres Gemahls anheim gegeben zu
sein, unendlich tief und raubte ihr allen Lebensmuth.
Diese sie betreffenden Ereignisse waren zugleich die Ursache, daß sie
des Prinzen zügellosem Leben keine Aufmerksamkeit schenkte und froh
war, wenn sie nicht durch irgend welche Umstände daran erinnert wurde.
Obgleich der Prinz mit ihr dasselbe Palais bewohnte, lebte er dennoch
von ihr getrennt in dem einen Flügel des Schlosses, während sie den
andern Theil benutzte. Es fanden daher persönliche Berührungen um so
seltener statt, da der Prinz, wie schon bemerkt, sich überdies häufig
in der Residenz oder an anderen Orten aufhielt und bei seiner Rückkehr
vorzugsweise im Kreise seiner näheren Freunde befand und Gemahlin und
Tochter unbeachtet ließ. In solcher Weise waren die Jahre bis zu dem
Zeitpunkt dahin gegangen, mit welchem unsere Erzählung beginnt.
Sidonie war, nachdem sie sich von den sie betroffenen
Schicksalsschlägen wieder erholt hatte, bemüht, ihr Leben nach ihren
Neigungen zu gestalten, das, an und für sich ziemlich einfach, doch
nicht ganz der angenehmen Zerstreuung entbehrte.
Außer den Besuchen ihres Bruders, der an des Fürsten Hof eine
militärische Stellung bekleidete, empfing sie einmal in der Woche ein
paar Herren und Damen, deren sittliche und geistige Vorzüge ihren
Wünschen entsprachen.
Musikalische und Theater-Aufführungen gehörten sodann zu den von ihr
beliebten Genüssen, denen sie ein gewisses Interesse schenkte.
Ohne jede Rücksicht auf ihren Gemahl gestaltete sie so ihr
Leben durchaus selbstständig und wurde darin durch die frühere
Oberhofmeisterin nicht mehr gestört, da ihre Vorstellungen bei dem
Fürsten die Entfernung derselben trotz dem Prinzen erzielt hatten.
Freilich war sie durch den Ersatz derselben auch nicht besonders
erfreut worden, da die neue Dienerin allerdings feinere Manieren und
ein achtungsvolleres Verhalten beobachtete, übrigens jedoch nichts
mehr war, als was in jener sittenverderbten Zeit eine Dame in ihrer
Stellung zu sein pflegte. Steife Formen, ein hohles Herz und ein nicht
minder hohler Geist, gemischt mit der Vorliebe für Intriguen und dem
Verlangen, sich überall Einfluß, namentlich auf die Prinzessin, zu
verschaffen.
Trotz alledem war es Sidonie durch ihr sicheres Benehmen gelungen, sich
in ihrer Umgebung Ehrerbietung und Achtung zu verschaffen, die sich
bei einzelnen Personen sogar bis zu wirklichem Mitgefühl mit ihrem
traurigen Geschick steigerte.
Die Welt nannte sie nun nicht mehr die ~schüchterne~, sondern die
~unglückliche~ Prinzessin; denn es konnte nicht fehlen, daß das
Gerücht von dem ehelichen Zerwürfniß schon lange über die Hofkreise
hinaus gedrungen war.
Mit der aufrichtigsten Theilnahme hing manches Auge an dem bleichen,
traurigen Antlitz der Prinzessin, wenn sie sich öffentlich zeigte, und
mancher Wunsch zu ihrem Glück und einer befriedigenden Aenderung ihrer
Lebensverhältnisse wurde ausgesprochen.
Um wie viel größer würde diese Theilnahme gewesen sein, hätte man eine
Ahnung von dem Schmerz gehabt, den Sidonie überdies im Herzen trug.
Doch davon wußte die Welt nichts; denn Sidoniens Liebe war Jedermann
unbekannt geblieben, Dank des so vorsichtigen und richtigen Verhaltens
des edelsinnigen Grafen. Wie sehr dieser bedacht war, dies Geheimniß
zu bewahren, können wir aus der Vorsicht entnehmen, welche er bei dem
Wiedersehen der Prinzessin beobachtete.
Sehen wir nun, in wie weit es Aurelien gelang, ihre so wohlgemeinte
Absicht auszuführen.
Viertes Kapitel.
Die zu des Grafen Besuch bezeichnete Stunde nahte und Aurelie schaute
erwartungsvoll durch das Fenster auf die Straße, auf welcher sich der
Erstere dem Palais nähern mußte.
Wie war ihr treues Herz doch erfüllt mit Besorgniß, Freude und Kummer,
und wie viel hatte sie dem Grafen mitzutheilen, wie viel von ihm zu
erfahren! Fast drei Jahre der Trennung lagen ja zwischen ihrem letzten
Zusammensein und dem heutigen, so ungeahnten Wiedersehen.