sich der wieder gewonnenen Freiheit und des so beliebten Naturgenusses
zu erfreuen. Sie sah sich jedoch in ihren frohen Erwartungen getäuscht;
denn was dieser Umgebung früher einen so kostbaren Reiz verliehen
hatte, fehlte ja: das Glück der Liebe.
Anders erschien ihr das Bekannte, Beliebte; anders erschien sie sich
selbst; verändert däuchte ihr das ganze Leben.
Und so tönte kein freudiges Wort von ihren Lippen, als sie wie einst
den Garten durchschritt; traurig und stumm saß sie am Weiher nur kurze
Zeit, um, von innerer Unruhe getrieben, weiter zu eilen, in den Wald,
auf den Hügel, auf welchem sie einst mit ~ihm~ der Sonne Scheiden
stumm und schmerzvoll an dem feuchten Auge vorüber gleiten sah.
Und sie seufzte still vor sich hin: »Dahin, dahin, auf immer dahin!«
Länger denn eine Woche war nach ihrer Rückkehr verstrichen, ohne daß
der Graf erschien, wie sie das erwartet hatte, und mit jedem neuen
Tage steigerte sich ihre Sehnsucht, ihn endlich nach so langer, langer
Zeit wieder zu sehen, ohne daß dieselbe jedoch befriedigt wurde. Des
Grafen Fernhalten betrübte sie tief, mehr jedoch noch die Ungewißheit,
in welcher sie über sein Leben schwebte. Allerlei beängstigende
Sorgen quälten sie und raubten ihr die so nothwendige Ruhe, so daß
sie darunter körperlich litt. Schon öfter hatte sie Aurelie gebeten,
sich um Nachricht über den Grafen zu bemühen, ohne daß diese mehr zu
thun vermochte, als bei des Letzteren Bekannten Erkundigungen nach ihm
einzuziehen, die Sidonie nicht zu befriedigen vermochten.
Ohne daß die Letztere etwas erfuhr, langte durch einen geheimen Boten
in dieser Zeit ein Billet von Römer an Aurelie an, in welchem er ihr
mittheilte, daß er zu der schmerzlichen Ueberzeugung gelangt sei,
daß es besser sei, Sidonie nicht mehr wieder zu sehen, da er dies
für ihre Ruhe als durchaus nothwendig erachtete; Aurelie sollte ihn
daher nicht erwarten. Er trug dieser zugleich auf, viele Grüße an
Sidonie zu bestellen und als Grund seines Fortbleibens eine weitere
Reise zu bezeichnen, die er im Interesse seiner Familie habe antreten
müssen. Zu welcher Zeit seine Rückkehr erfolgen würde, sei er nicht
im Stande zu bestimmen. Hinsichts des von der Prinzessin gewünschten
Portraits sprach er die Meinung aus, daß es vielleicht geeigneter sei,
Sidonie dasselbe erst nach ihrer Vermählung einzuhändigen. Zugleich
vertraute er der Freundin an, daß, nachdem er zu dem Entschluß
gelangt, Sidonie in den ersten Jahren nicht wieder zu sehen, er sich
vorläufig nach Paris begeben würde, um von hier aus eine weitere
Reise, die ihn voraussichtlich mehrere Jahre von der Heimath fern
halten würde, anzutreten. Dies sollte Sidonien jedoch ein Geheimniß
bleiben. Er bat Aurelie, ihm zu schreiben, bemerkte aber auch zugleich,
daß er es von ihrem Wunsch abhängig mache, ob er ihr später wieder
Mittheilungen zugehen lassen sollte. Den Grund dazu bezeichnete er in
der Voraussetzung nicht näher, daß Aurelie denselben errathen würde.
Diese wurde durch den Inhalt des Schreibens kaum überrascht; der
besondere Charakter des Grafen und sein Fernbleiben hatten sie ein
solches Handeln bereits voraussehen lassen.
Sie billigte dasselbe nicht nur mit vollster Ueberzeugung, indem sie
dessen Nothwendigkeit erkannte, sondern bewunderte auch die große
Selbstverläugnung, die der Graf zu Gunsten der Prinzessin beobachtete.
Jedes Wiedersehen mußte nachtheilig auf die Letztere wirken, indem es
zu dem Schmerz auch noch das gesteigerte Verlangen nach des Geliebten
Besitz gesellte. Neue, schmerzvolle Kämpfe wären dadurch in Sidonien
hervorgerufen worden, deren Folgen nicht zu berechnen waren und ihr den
unvermeidlichen Schritt wesentlich erschwert hätten. Die Möglichkeit,
ihn noch vor ihrer Vermählung wiederzusehen, mußte sie dagegen beleben,
wenn die Gewißheit, daß dies in Jahren nicht stattfinden würde, ihr
armes Herz vollständig niedergebeugt hätte.
Auch in Bezug auf die Einhändigung des Portraits, das dem Schreiben
beigefügt war, theilte Aurelie des Grafen Ansicht, freilich mit dem
nahe liegenden Bedenken, daß Sidoniens Gemüthszustand sehr leicht und
wahrscheinlich bald eine Aenderung seiner Bestimmung erfordern würde.
Sie händigte dem Boten eine ausführliche Antwort an den Grafen ein,
in welcher sie ihm nicht nur ihre Zustimmung zu seinen Entschlüssen
und Maßnahmen, sondern auch ihre dankbare Bewunderung für seine so
edle Selbstverläugnung aussprach. Ueber die an dem Hofe des Fürsten
gemachten Beobachtungen betreffs des wenig empfehlenden Charakters des
Prinzen schwieg sie, um den Grafen nicht noch tiefer zu betrüben und
zugleich in der Voraussetzung, daß er in dieser Beziehung wohl besser
unterrichtet sein würde, als sie selbst. Denn es darf kaum bemerkt
werden, daß man sich wohl hütete, einer Hofdame der Prinzessin Anderes
als nur Lobenswerthes über den schönen Prinzen, den Abgott der Frauen,
mitzutheilen.
Aurelie täuschte sich in dieser Voraussicht durchaus nicht. Der Graf,
obwol seit längerer Zeit den Hof seines Fürsten meidend, dessen Ton ihm
nichts weniger als zusagte, stand dennoch durch seine daselbst oder in
dessen Nähe lebenden Verwandten mit demselben in einem ziemlich regen
Verkehr, und so konnte es nicht fehlen, daß er auch mit des Prinzen
leichtsinnigem Leben genügend bekannt gemacht wurde. Die Gewißheit von
dem geringen sittlichen Gehalt des Letzteren, der für ihn früher nur
höchstens sein politisches Interesse beansprucht hatte, war jetzt ein
Grund kummervollster Sorge geworden, welche den Schmerz der Entsagung
nur noch erhöhen mußte.
Wäre Sidonie die Gemahlin eines achtungswerthen Fürsten geworden, so
würde er leichter auf ihren Besitz verzichtet haben; jetzt jedoch
von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Prinz niemals Sidoniens Werth
erkennen und daher auch nie auf ihr Glück bedacht sein würde, litt sein
Herz tausendfach mehr. Darum war er rasch zu dem Entschluß gelangt,
fern von der Stätte, an welcher er sein Liebesglück begraben wußte,
die Zeit und das Geschick walten zu lassen und seinen Schmerz in
abgeschiedener Fremde auszukämpfen. Wenige Tage nachdem er Aureliens
Mittheilung erhalten hatte, begab er sich zu einem entfernten
Verwandten und von diesem später nach Paris.
Aurelie entledigte sich ihres Auftrages gegen Sidonie mit großer
Vorsicht und treu der ihr von dem Grafen gegebenen Rathschläge.
»So ist mir denn auch die einzige Freude geraubt, die mir noch
geblieben und auf welche mein Sehnen und Hoffen gerichtet war!« --
entgegnete Sidonie, durch das Vernommene schmerzlich überrascht.
»Doch ich darf nicht klagen; denn ich habe ja kein Recht dazu. -- Ja,
ja, ~er~ sprach leider nur die volle Wahrheit. Entbehren und
Entsagen, das ist das allgemeine Loos der Menschen, und ich muß mich
bemühen, diese Wahrheit anzuerkennen, indem ich mich ihr geduldig
unterwerfe. -- Ich fühle es nur zu wohl,« fuhr sie nach kurzem
sinnenden Schweigen fort, »welchen Entsagungen ich entgegen gehe,
und wie nothwendig es ist, mich schon zeitig daran zu gewöhnen.« --
Wieder schwieg sie und schaute gedankenvoll vor sich hin; alsdann
bemerkte sie in wehmüthigem Ton: »Eine wunderbare, unergründliche Welt!
Alle Geschöpfe in der Natur scheinen sich eines ungetrübten Glücks
zu erfreuen und folgen froh den inneren Trieben; nur das höchste,
edelste Geschöpf, der Mensch, schafft sich Qualen und Sorgen, Leid und
Verzweiflung, indem er seinen Willen über die Gesetze der liebenden
Natur stellt. Ich vermag das nicht zu verstehen, und forsche vergeblich
nach den Gründen, warum der Mensch das wahre, einzige Glück des
Lebens einem eingebildeten und nur mit schmerzvollen Opfern erkauften
vorzieht, das ihm am Ende doch keine Befriedigung gewährt.« --
»Wer vermöchte Deine gewiß schon häufig ausgesprochenen Gedanken zu
beantworten! Vergebens haben sich die Weisen darum bemüht, und alle
Weisheit lief endlich auf den einen Satz aus, daß des Menschen Leben
eben so geheimnißvoll sei, wie das Leben überhaupt,« entgegnete
Aurelie, von ihrer Freundin Betrachtung nicht wenig überrascht, da sie
dergleichen zum ersten Mal aus ihrem Munde vernahm und Sidonie durch
das volle Leben, dem sie sich bisher hingegeben hatte, von allen
philosophischen Grübeleien fern gehalten worden war, wozu ihre Natur
überhaupt nicht zu neigen schien.
Aber es bewährte sich auch in diesem Falle der Satz, daß Leiden uns zu
Philosophen machen, selbst wenn wir nicht die geringste Anlage dazu
besitzen. Für unsere ~Freuden~ forschen wir nach keinem Grund; der
~Kummer~ jedoch, das nicht selbst heraufbeschworene Weh, unter
welches wir uns beugen müssen, fordert die Frage an das Unbekannte
heraus.
Sidonie hatte Aureliens Worte mit Aufmerksamkeit vernommen; als diese
schwieg, ließ sie eine gewisse Zeit vorüber gehen, ehe sie antwortete;
alsdann sprach sie sinnend:
»Wie wunderbar! Der Mensch empfindet tiefer als die Gottheit, die ihn
geschaffen, und erscheint mir höher als diese, da er ein glückliches
Dasein für alle Menschen fordert und oft mehr an dem fremden als dem
eigenen Unheil zu Grunde geht. Wie kommt’s, daß ich das Gute empfinde
und mit Inbrunst für Alle verlange, obgleich ich nicht allliebend
und allgütig genannt werden kann und derjenige, dessen Allmacht wir
anerkennen, ja anbeten, sich so lieblos und ungütig seinen Geschöpfen
gegenüber zeigt? -- Däucht Dir in solchem Fall nicht der Mensch
erhabener als die Gottheit? Ohne allmächtig zu sein, schafft er dennoch
das Liebevolle, und wo er sich zum Schaffen unfähig fühlt, adeln ihn
wenigstens seine edeln Triebe und das Mitleiden mit dem Unglück. --
-- Ich weiß nicht,« bemerkte sie nach kurzem schweigenden Nachdenken,
»ich weiß nicht, wie es zugeht, daß sich solche Betrachtungen mir in
die Seele drängen, indem meine Gedanken dem Grafen in die Ferne folgen,
ihn aufsuchen an fremden Stätten, um im Geist mit ihm zu verkehren, da
ich ihn nicht Auge in Auge begrüßen darf. -- Kann uns das Leid so sehr
umändern und kann diese Umänderung so ganz ohne unsern Willen vor sich
gehen? -- Ich verstehe es nicht. Niemals ist es mir bisher eingefallen,
die Welt nicht für vollkommen zu halten, und jetzt führt mich mein
eigenes Leid zur Einsicht der großen Unvollkommenheiten derselben und
erfüllt mein Herz mit nie gekannten Zweifeln an den Gott der Liebe.« --
»Diese Zweifel werden schwinden, wenn Dich das Leben wieder
herausfordert, meine Sidonie,« bemerkte Aurelie und war eben im
Begriff, der Freundin Gedankengang auf einen freundlicheren Weg zu
leiten, als diese, ohne darauf zu achten, fragte:
»Nicht wahr, Aurelie, ~er~ wird nicht zu lange fortbleiben und
sich mit seinen Geschäften beeilen, damit wir uns noch oft sehen, uns
noch oft an einander erfreuen können?« --
»Ich denke, er wird es thun,« sprach Aurelie mit gepreßter Stimme und
bemüht, unbefangen zu erscheinen.
»O gewiß, gewiß wird er darauf bedacht sein; denn er liebt mich ja
so innig, und so wird er sich auch nach meinem Anblick sehnen, wie
ich mich nach dem seinigen sehne!« fiel Sidonie eifrig ein und fuhr
alsdann, in der Erinnerung an den Geliebten verloren, mit Innigkeit
fort: »Ich habe Dir noch niemals von meiner Liebe zu ihm gesprochen;
ich hielt dies für überflüssig und es drängte mich nicht dazu. Du
sahst ja meine Liebe keimen und sich entfalten, Du sahst das Glück,
das sie mir brachte; wozu also der Worte für das, was sich doch nicht
aussprechen läßt. -- Welch ein süßes, geheimnißvolles Weben und Leben
in der Seele! Wie spinnt sich unbewußt Faden und Faden vom Herzen zum
Herzen und knüpft alles Leben, Fühlen und Denken immer fester und
fester an einander, bis ein unzerreißbares Gewebe aus ihnen entsteht,
das sie auf ewig vereint. Ja, ja, auf immer und ewig!« wiederholte
sie mit Nachdruck und fügte sinnend hinzu: »Wie der Ton des Geliebten
uns so eigenthümlich berührt, die Seele mit süßem Schauer erfüllt und
dieser Schauer sich in lautere Seligkeit und Hingabe umwandelt, wenn
wir nun an seiner Seite hingehen und in das geliebte Auge schauen! Ich
weiß nicht, ob es einem jeden Mädchen so ergeht, wie mir; ich möchte
jedoch jene Empfindungen nicht entbehren, die vielleicht erst dann
schwinden, wenn das größere Glück des Besitzes uns mit mächtigeren
Gefühlen begeistert.« --
Sie seufzte, von dem Gedanken bedrängt, sich eines solchen Glückes
niemals erfreuen zu dürfen, suchte Aureliens Hand, die sie in die
ihrige schloß, und fragte, wie es schien, von einem plötzlich in ihr
auftauchenden Gedanken ergriffen:
»Glaubst Du, daß ~er~ sich vermählen wird?«
Ueberrascht blickte Aurelie sie an und entgegnete nach kurzem Zögern:
»Ich bezweifle es.« -- --
Sidonie senkte das Haupt, schaute sinnend zu Boden und fragte ängstlich:
»Wird ihm meine Liebe einen Ersatz für sein vereinsamtes Leben bieten
können?«
»Ich glaube Deine Frage bejahen zu dürfen und denke, des Grafen
Charakter berechtigt mich zu einer solchen Voraussetzung; doch bin ich
überzeugt, meine theure Freundin, daß Du weit entfernt bist, einen
solchen Verzicht von ihm zu verlangen.« -- --
»O gewiß, gewiß!« fiel Sidonie lebhaft ein. »Wie sollte und könnte
es auch anders sein! Glücklich, ganz glücklich will ich ihn wissen,
und würde mein eigen Leid leichter ertragen, wüßte ich, er wäre es
geworden. Ich würde sein Weib mit meinen Armen umschlingen und freudig
an das Herz drücken, da es die hohe Aufgabe erfüllt, dem Geliebten
das Leben zu verschönern! Freilich,« fuhr sie mit leiser, wehmüthiger
Stimme fort: »jenes Glück, das meine Liebe ihm gebracht hätte, jenes
Glück wird sie ihm nicht gewähren können! -- O, möchte sein Auge wieder
in Freude erglänzen und seine edle Seele sich aufrichten in der Liebe
edler, treuer Menschen!« -- -- schloß sie mit erhöhter Stimme und in
einem überaus herzlichem Tone, der deutlich bekundete, daß ihr Wunsch
den Tiefen ihrer Seele entquollen war.
Alsdann fragte sie nach kurzem Schweigen: »Hat er des Portraits nicht
gedacht?«
»Gewiß, und wünscht Dir dasselbe später zu übergeben,« erwiderte
Aurelie, eingedenk des von dem Grafen ausgesprochenen Wunsches.
»Später!« seufzte Sidonie und fügte dann hinzu: »Wie sehr hätte mich
der Besitz seines Bildes, da ich ihn selbst nicht sehen darf, beglückt!
Doch ich will geduldig sein und harren, bis es ihm gefällt, mir sein
Versprechen zu halten, und mich bemühen, das ungestüm nach seinem
Anblick verlangende Herz zu beschwichtigen.«
Im Lauf der Folgezeit wiederholten sich diese Unterhaltungen und
Fragen von Seiten Sidoniens, angeregt durch des Grafen dauerndes
Fortbleiben, das sie in der Annahme nicht zu begreifen vermochte, der
Geliebte theile ihre Sehnsucht. Und je mehr sich die Zeit bis zu ihrer
Vermählung abkürzte, um so häufiger und ängstlicher forschte sie nach
ihm, um so häufiger sprach sie die Besorgniß aus, er könnte wol gar
durch seine Geschäfte so lange in Anspruch genommen werden, daß ein
Wiedersehen in der Heimath unmöglich würde.
Aurelie erschöpfte die Kräfte ihres mitfühlenden Herzens, um Sidonie
zu beruhigen und in der bezweckten Täuschung zu erhalten; trotzdem
litt die Prinzessin unter dem sich immer mehr und mehr in ihr geltend
machenden Gedanken, den Grafen nicht mehr zu sehen, so sehr, daß
Aurelie es für besser erachtete, ihr nichts mehr zu verhehlen und
zugleich das Portrait einzuhändigen.
Mit großer Vorsicht bereitete sie die Prinzessin darauf vor, indem sie
mit ihr gemeinschaftlich erwog, ob dem Fernhalten des Grafen nicht
vielleicht ein bestimmter Zweck zu Grunde liegen und dieser Zweck die
wohlgemeinte Absicht in sich schließen könnte, sowol Sidonien als dem
Grafen selbst den Schmerz der Entsagung zu verringern.
Sie erinnerte die Freundin zugleich, daß eine solche Absicht gewiß
eben so edel als durch die Umstände geboten sei, und bat sie, der
Rücksichten zu gedenken, die sie dem Grafen zu schenken verpflichtet
sei. Sie erinnerte sie alsdann, daß der Letztere nicht minder als sie
selbst unter den unheilvollen Verhältnissen leiden müßte, und es daher
vielleicht im Interesse Sidoniens und seiner eigenen Ruhe für besser
erachtete, ein Wiedersehen vorläufig zu vermeiden.
Aurelie kannte der Freundin Herz zu wohl, um nicht von der guten
Wirkung ihrer Vorstellungen überzeugt zu sein, und täuschte sich in
dieser Beziehung auch nicht. Sidonie gab trotz ihres Verlangens und
Schmerzes die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit zu, welche des Grafen
Fernhalten in sich schloß, und die Erinnerung an des Geliebten Leid
genügte schon, ihm zu Liebe das Verlangen nach seinem Besuch zu
beschwichtigen.
In dem Gedanken seines Kummers vergaß sie fast ihr eigenes Weh und
wünschte sogar, er möchte nicht kommen, um sein Leid nicht zu vermehren.
Als Aurelie die guten Wirkungen ihrer Worte auf Sidonie bemerkte,
glaubte sie den Zeitpunkt gekommen, ihr des Grafen Portrait
einzuhändigen; denn jetzt meinte sie nicht nur keine üble, sondern
vielmehr eine wohlthätige Wirkung davon auf die Prinzessin erwarten zu
dürfen. Sie täuschte sich auch in dieser Beziehung nicht; es war in
der That so.
Sidonie hatte sich in Folge aller der bezeichneten Erwägungen bald mit
dem Gedanken vertraut gemacht, den Grafen vor ihrer Vermählung nicht
mehr zu sehen, und es fiel ihr dies um so weniger schwer, da sie einen
solchen Verzicht im Interesse des Geliebten für nothwendig erachtete.
Der Besitz seines Portraits, statt ihre Sehnsucht nach seinem
Wiedersehen zu erhöhen, erfüllte sie vielmehr mit einer süßen Ruhe und
kräftigte ihre Seele.
O, mit welchem glücklichen Blick begrüßte sie dasselbe, mit welcher
Innigkeit heftete er sich an die geliebten Züge! Mit ihrer Freundin
vereint betrachtete sie die letzteren und forschte, in wie weit es
dem Künstler gelungen war, die Natur wieder zu geben. Sie fand sich
freilich nicht ganz befriedigt, denn sie betrachtete das Bild mit
den Augen der Liebe, während der Künstler es doch nur als solcher zu
gestalten befähigt war. Aber was dieser nicht hineingelegt hatte,
verbesserte ihre Erinnerung, und so fühlte sie sich durch seinen Besitz
ganz beglückt.
Bald waren auch die letzten Tage, die sie in der Heimath verleben
durfte, verflossen, und sie sagte derselben ein schmerzliches Lebewohl,
um in Begleitung ihrer Eltern und ihres Bruders sich auf den Weg nach
dem fürstlichen Hofe zu begeben, woselbst die Vermählung gefeiert
werden sollte. Beim Beschreiten der Grenze des Fürsten wurde sie von
dem Prinzen mit einem glänzenden Hofstaat empfangen und nach der
Residenz und dem Schloß geleitet, woselbst sie die zu ihrer und der
Ihrigen Aufnahme prachtvoll ausgestatteten Gemächer bezog.
Am folgenden Tage fand die Vermählung in der fürstlichen Schloßkapelle
statt, der sich eine Menge Festlichkeiten, theils in dem Schloß, theils
an anderen Orten anreihten und mit Opern und Ballets abwechselten.
Nachdem dieselben ihr Ende erreicht hatten, vertauschten die
Neuvermählten das Residenzschloß mit einem Palais in einer, wenige
Meilen von der Residenz entfernten, kleinen Stadt, woselbst der Fürst
schon seit vielen Jahren lebte. Der Letztere hatte derselben wegen
ihrer Naturschönheiten vor der geräuschvollen Residenz den Vorzug
gegeben und sie im Lauf der Zeit mit Schlössern und vielen anderen
Prachtbauten, Parkanlagen und Wasserkünsten geziert, und lebte hier
in einem Kreise geistreicher Männer den Wissenschaften und in einer
beschaulichen Ruhe, nach welcher sich gewöhnlich das Alter mit seinen
körperlichen Beschwerden zu sehnen pflegt.
Da die Verwandten des fürstlichen Hauses und der Adel theils in der
Residenz, theils in der Nähe derselben wohnten, und sich nur die von
dem Fürsten bevorzugten Personen sowie einige der Cabinetsbeamten hier
dauernd aufhielten, um in jeder Stunde sich ihm zu Diensten stellen
zu können, so herrschte sowol an des Fürsten Hof, wie in der Stadt
selbst, stets eine an Einförmigkeit grenzende Ruhe, die selten durch
ein Hoffest unterbrochen wurde. Der Fürst, über die erfolgte Vermählung
seines Neffen sehr erfreut, wünschte dessen Nähe und hatte ihm darum
ein prachtvoll ausgestattetes Palais daselbst angewiesen.
Es geschah dies zugleich in der Absicht, den Prinzen von seinen
lockeren Freunden zu entfernen und für eine ernste Beschäftigung zu
gewinnen. Die wichtigsten Staatsgeschäfte wurden gewöhnlich an dem
Wohnsitz des Fürsten erledigt, und so war die dauernde Anwesenheit des
Prinzen daselbst um so mehr erforderlich, sollte er in die ersteren
eingeweiht werden. Dieser schien sich in die Bestimmungen seines Oheims
gern zu fügen, ja es schien sogar, als ob er in dem Besitz seiner
Gemahlin weniger Werth auf die so lange mit Leidenschaft aufgesuchten
Genüsse legte.
Dies war in der That jedoch nur für kurze Zeit der Fall und währte
nur so lange, als der Reiz der Neuheit seine Wirkung auf ihn ausübte;
sobald dieser jedoch aufhörte, fühlte der an stete Zerstreuungen
gewöhnte Prinz eine peinigende Langweile. Das einförmige Leben wurde
ihm unerträglich, wozu sich noch der unangenehme Zwang gesellte, den
ihm sein eheliches Verhältniß auferlegte.
An Verlockungen von seinen alten Freunden fehlte es natürlich nicht,
und so geschah es, daß er sehr bald und häufig wieder in der Residenz
gesehen wurde. Die Höflinge bereiteten zu Ehren seiner Rückkehr ein
wahres Freudenfest, das, eben so reich als wohl überdacht, nur zu sehr
geeignet war, den Prinzen mit neuen Fesseln an sie zu ketten.
Gewohnheit, mehr noch die angeborene Neigung thaten das Uebrige,
und wenige Monate nach seiner Vermählung hatte sich der Prinz seinem
ehemaligen ausschweifenden Leben wieder mit ganzer Leidenschaft ergeben.
Aus diesen Umständen ist leicht ersichtlich, wie geringen Einfluß
Sidonie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit auf ihren Gemahl
ausübte. Vielleicht würde dies mehr der Fall gewesen sein, hätte sich
des Prinzen Charakter zur Entfaltung ihrer sittlichen Vorzüge geeignet
und wäre durch die Uebereinstimmung ihrer Naturen jenes Vertrauen in
ihr erwacht, das ihre Schüchternheit und Abgeschlossenheit besiegt
hätte.
Wir kennen Sidoniens Abneigung gegen den Prinzen, die um so weniger
schwinden konnte, da der nähere Umgang mit ihm durchaus nicht geeignet
war, dieselbe wenigstens in ein achtungsvolles Gefühl umzuwandeln.
Ihre Schüchternheit und Duldsamkeit verleitete ihn, ihr gleich
einem Kinde zu begegnen und nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu
schenken, da sie ja überdies von ihm nichts mehr zu beanspruchen
schien und sich in einem zurückgezogenen Leben gefiel. Niemals äußerte
sie einen Wunsch, niemals erhob sie irgend einen Anspruch auf etwas,
obgleich sie ihre Stellung dazu berechtigte. Ebenso schien ihr des
Prinzen Fernhalten eher erwünscht, als ungebilligt zu sein, wie das
ihre Umgebung zu bemerken glaubte und was ihre schweigende Duldung
obenein noch bestätigte. Wir wissen, daß dies in der That der Fall
war, wenngleich Niemand die eigentlichen Gründe ihres Benehmens ahnte
und dies ihrem einfachen, anspruchslosen Charakter zuschrieb. Wie
natürlich, daß der Prinz, von gleicher Täuschung befangen, seinen
Neigungen allmälig mehr und mehr die Zügel schießen ließ.
Sidonie ahnte ihres Gemahls Treiben nicht, denn ein Jeder hütete sich,
ihr dasselbe zu verrathen, und sie selbst war weit entfernt, nach
demselben zu forschen, obgleich ihr des Prinzen Wesen und Benehmen und
seine häufigen und längeren Besuche in der Residenz mit der Zeit immer
mehr Veranlassung dazu boten.
In dem vertraulichen Umgange mit ihrer treuen Freundin Aurelie und in
einem gewählten Genuß der ihr gebotenen Zerstreuungen, sowie in den
eifrigen Bemühungen nach geistiger Ausbildung und ihres musikalischen
Talents, fühlte sie sich, so weit dies eben sein konnte, befriedigt,
und je weniger sie durch das Hofleben in dieser Abgezogenheit gestört
wurde, um so angenehmer war es ihr.