um so schmerzlicher, da ich mich unfähig fühle, Ihnen darauf eine
befriedigende Antwort geben zu können! O, daß ich es nicht vermag,
statt mit Worten, mit der That darauf zu antworten, zerreißt mir die
Seele!« --
»So muß ich also dem Willen meines Vaters folgen?« fragte Sidonie rasch
und ängstlich in seinem Antlitz forschend.
Die Zustimmung zu dem Unheil der Geliebten und seines eigenen geben
zu müssen, rücksichtslos gegen die Stimme des Innern, die sich mit
der ganzen Kraft der Liebe, mit dem heißen Wunsch, den Geliebten zu
beglücken, in uns erhebt, ist ein Schmerz, dem auch der Stärkste
erliegt.
So geschah es auch dem Grafen; er fühlte sich unfähig, das bejahende
Wort über die Lippen zu bringen, so sehr er auch überzeugt war, daß es
ihm nicht erlassen sein würde. Innig drückte er Sidoniens Hand, während
er heftiger athmete und, den Blick von ihr abgewandt, sich bemühte,
das letzte, schreckliche Wort auszusprechen, das sie auf immer von ihm
trennen mußte.
Aengstlich hing sie an seinem Auge, ängstlicher noch lauschte sie
auf seine Antwort, und statt durch sein schmerzliches Schweigen auf
seine Zustimmung hingewiesen zu werden, deutete die Unglückliche dies
vielmehr als ein Hoffnungszeichen, daß der Freund ein Mittel zu ihrer
Rettung besäße, und darum fragte sie hastig:
»Nicht wahr, ich darf es nicht; ~Sie~, Sie werden es nicht
zugeben?!«
Leise schüttelte der Graf das Haupt.
»Wie, Sie verneinen das? Sie besitzen kein Mittel zu meiner Rettung?!«
rief Sidonie angstvoll, seine Hand fast krampfhaft umfassend.
O, welche unheilvollen, die Seele vernichtenden Augenblicke gingen über
diese Menschen hin, über diese Menschen, so edel, so gut und zu dem
schönsten Lebensglück berechtigt! Was war der reichste irdische Glanz
gegen so schöne herrliche Vorzüge der Seele, und wie wenig vermochten
diejenigen deren Werth zu begreifen, die nicht zauderten, sie dem
äußeren Prunk und fürstlichem Ansehen zum Opfer zu bringen!
Und dennoch, dennoch, wie oft wiederholt sich Aehnliches im Leben,
und dennoch, dennoch, wie oft wird der reine Seelenadel und das ganze
Glück des Lebens den äußeren Vortheilen, dem eiteln, leicht verwehenden
Schaum eines prunkvollen Daseins hingegeben! Ueberzeugt, daß er
Sidonie nicht zu retten vermochte, wollte er sich nicht gewaltsamer
Mittel bedienen, die sein Ehrgefühl niemals gebilligt hätte, erkannte
der Graf auch die Nothwendigkeit, die ihm durch die Gunst des Zufalls
gebotene so günstige Stunde im Interesse Sidoniens benutzen zu müssen.
Er durfte auf eine Wiederkehr derselben nicht hoffen, und so war er
entschlossen, das entscheidende Wort zu sprechen, um ihrem Herzen die
letzte Täuschung und Hoffnung zu nehmen, damit sie sich ihrem Schicksal
geduldig unterwarf. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß seine
Worte eine tiefe Wirkung auf sie ausüben würden, und so faßte er sich
gewaltsam und entgegnete mit sanfter, liebevoller Stimme:
»Sie haben mich bisher, meine theure Prinzessin, mit dem Namen
eines Freundes beehrt, und -- ich bin bemüht gewesen, denselben zu
verdienen. -- Sie wenden sich an diesen Freund um Hilfe. -- Wäre ich
mächtig genug, Ihnen dieselbe gewähren zu können, ich würde glücklich
sein, ja mit Freuden gäbe ich Leben und Gut dahin, könnte ich dadurch
Ihren Wunsch befriedigen. -- Wie die Verhältnisse liegen, würde mein
Wort bei Ihrem Vater machtlos verhallen und müßte Ihre Lage nur noch
verschlimmern. -- -- So bliebe uns nur noch der Weg der Gewalt übrig,
und so willig ich mein Leben Ihrem Wohl opfern würde, so wenig vermag
ich Ihre und meine Ehre preiszugeben, mit deren Verlust oder Befleckung
ein Gewaltact verbunden wäre.« »Ich weiß, Sie stimmen darin mit mir
überein und weisen denselben, gleich mir, von sich. In den hellen
Jubelton des Glücks würde stets und stets der Mißlaut schmerzender
Vorwürfe und befleckter Ehre dringen und uns jenes reinen Genusses
berauben, der unserm Charakter eine Nothwendigkeit ist.«
»Nicht wahr, Sidonie, theure Freundin, Sie theilen meine Ansicht?«
fragte der Graf.
Statt jeder Antwort neigte Sidonie zustimmend das Haupt und drückte ihm
leise die Hand.
Darauf fuhr der Graf mit weniger sicherer Stimme fort:
»So muß der Schritt gethan werden, den Ihr Vater von Ihnen fordert.« --
Die Prinzessin zuckte zusammen und ihr Haupt sank auf die Brust.
Der Graf hatte die obigen Worte fast gewaltsam hervorgepreßt, da es ihm
so unendlich schwer wurde, sie auszusprechen, was doch geschehen mußte;
nach einigen Augenblicken bemerkte er in gefühlvollem Ton:
»Herzen, die sich wahrhaft lieben, sind auf ewig mit einander vereint,
mögen sie auch durch irgend welche Verhältnisse, durch Entfernungen
oder die äußere Lebensstellung geschieden sein. So denke ich, meine
Freundin, und bin überzeugt, Sie theilen meine Ansicht. O, glauben Sie
mir, kein Herz ist unglücklich, das liebt und wieder geliebt wird. Denn
begegnen sich in dem Bewußtsein der Gegenliebe nicht die Seelen der
Liebenden; führt sie die Erinnerung nicht zu einander und läßt sie an
ihren Freuden wie an ihrem Leid Theil nehmen, und ist diese Theilnahme
nicht die reinste, höchste und edelste Liebe, die der Mensch für den
Menschen hegen kann? -- O gewiß, gewiß! Und kann uns dieses kostbare
Geschenk des Himmels nicht so Vieles, Vieles ersetzen? Entbehren und
Entsagen, das ist unser allgemeines Schicksal, vor welchem auch selbst
die goldene Fürstenherrlichkeit nicht schützt, das ist der Grundton des
Lebens, eines Lebens, das einen grellen Widerspruch seiner Bedeutung
in sich trägt, indem es uns auf seinen unruhigen Wogen in das Meer der
Vernichtung führt. -- Wo sollen wir da Trost finden, wenn nicht in der
Religion der Liebe? -- Sie gießt erquickliche Ruhe in das bekümmerte
Herz, und die schmerzvolle Thräne der Entsagung trocknet das himmlische
Bewußtsein beglückender Gegenliebe.« --
Von seinen Empfindungen übermannt, schwieg der Graf, ohne daß er es
wagte, den Blick auf Sidonie zu richten. An dem innigen Druck ihrer
Hand erkannte er jedoch ihre Beistimmung zu seinen Worten und fühlte
sich dadurch beruhigt.
Da Sidonie schwieg und auf weitere Worte von ihm zu harren schien, so
fuhr der Graf fort:
»Jeder große Schmerz erweitert unsern Blick und läßt ihn uns auf das
unendliche Weltenleben richten, und indem uns dasselbe verständlicher
wird, wird es auch das eigene Leben, gewinnen Lust und Leid eine andere
Bedeutung, indem wir uns dem großen Ganzen gegenüber erblicken, das
uns nöthigt, verzichtend unsere Wünsche und Forderungen zu beschränken.«
»Wohl weht diese Erkenntniß kältend über unser Herz und fordert unsere
ganze Seelenkraft heraus, das Unvermeidliche geduldig zu tragen; die
Nothwendigkeit läßt uns jedoch keine Wahl, und glücklich der, der
sich schon früh mit ihr bekannt machte und sich ihr unterwarf. Diese
Seelenkraft, meine theure Prinzessin, besitzen Sie, ich weiß es, und
wenn Sie auch, so ungeahnt herausgefordert, von dem Unvermeidlichen
überwältigt wurden, so wird sich dennoch Ihr gebeugter Geist wieder
erheben und vor dem Opfer nicht zurückbeben, das die Verhältnisse von
Ihnen fordern, und so werden Sie auch in dem erhebenden Bewußtsein,
dies dem Glück Ihrer Eltern zu bringen, den schwersten Schritt des
Lebens thun. Sie werden ihn thun, erhoben durch die Religion der Liebe.«
Der Graf schwieg, der ungeheuern Anstrengung erliegend, die eine
so große Selbstverläugnung von ihm forderte und deren nur ein so
kräftiger, willensstarker Charakter, wie der seinige, fähig war. Nur
auf Sidoniens Beruhigung bedacht, sie mit Kraft für die nahenden
bedeutsamen Stunden zu erfüllen und ihr aus allem Unheil wenigstens
den Trost der Liebe zu retten, hatte er sein eigenes Interesse ganz
und gar aufgegeben. Nicht der Geliebte mehr, sondern der rathende
Freund allein sprach zu ihr. Wie unbedeutend däuchte ihm sein Leid dem
ihrigen gegenüber; ~er~ hatte sich darauf schon lange vorbereitet,
~sie~ war ahnungslos davon betroffen worden und mußte -- ein
Gedanke, unter welchem sich seine Seele schmerzvoll krümmte -- nicht
nur ihrem Liebesglück entsagen, sondern obenein einem ungeliebten Manne
angehören.
Doch er wehrte diese bedrängenden Gedanken kraftvoll von sich ab, um
den gewünschten Zweck zu erreichen; und seine Bemühungen waren nicht
vergeblich.
Sidonie hatte seinen Lippen jedes Wort abgelauscht, das tief in ihre
Seele drang, und wenn auch ihr heißliebendes Herz nur schwer von der
Hoffnung ließ, mit dem Grafen das Glück der Liebe zu theilen, enthielt
dennoch der Gedanke, in dieser Liebe mit ihm auf immer vereint zu sein,
zu viel Beglückendes, um nicht ihre Seele zu trösten und zu erheben und
die Nacht ihrer Schmerzen mit strahlendem Licht zu durchleuchten.
Und je länger der Graf sprach, um so überzeugender wirkten seine
Worte auf sie und führten sie zu der Erkenntniß ihres unvermeidlichen
Geschicks. Seine Aussprüche waren ihr heilig, doppelt heilig, da ihr
eigenes Leid sie seinen Schmerz nicht übersehen ließ und ihre Seele
sich dadurch zur vermehrten Achtung und Liebe des Geliebten hingezogen
fühlte. Vermochte ~er~ so stark und willenskräftig zu sein, so
sollte er sich in Bezug auf ihre moralische Kraft nicht getäuscht haben.
Aber, während diese Erwägungen ihre Seele durchflogen, rannen ihre
Thränen immer reicher und reicher. Die gefalteten Hände in dem Schooß
geborgen, das liebliche Haupt geneigt, saß sie da, demüthig und ruhig,
gleich einem Kinde, das sich mit Engelsgeduld in das Verlangte fügt.
Niemand von ihnen sprach ein Wort; eine heilige Stille umgab sie, die
Keiner zu unterbrechen wagte.
Nach einer längeren Pause erhob Sidonie das Haupt und schaute den
Grafen mit ruhigem, jedoch von Thränen umhülltem Blick an, ergriff
seine Hand, drückte sie sanft, indem sie mit leiser Stimme und
anscheinend ruhig und fest bemerkte:
»Sei es denn so, wie Sie sagten. Ich weiß, es kann nicht anders sein,
da ~Sie~ es sagen.«
Sie hatte diese Worte hastig gesprochen und schien denselben
noch andere hinzufügen zu wollen; als sie jedoch in das bleiche,
schmerzerfüllte Antlitz des Grafen blickte, schwieg sie plötzlich, ihr
Auge leuchtete in Liebe, und von der inneren Bewegung übermannt, lehnte
sie das Haupt an seine Schulter und weinte.
Der Graf hatte diesen Blick vollster Liebe nur zu wohl verstanden;
er hatte errathen, daß das, was ihrem Herzen vorher Leidenschaft
und Schmerz abgerungen, das Geständniß ihrer tiefen Liebe, die
jungfräuliche Scheu jetzt nur noch in dem Blick zu wiederholen
vermochte. In diesem Blick lag das Bekenntniß, ihm ewig, ewig in Liebe
angehören zu wollen.
So groß Aureliens Theilnahme auch für die Unglücklichen war, hatte
sie dennoch die Vorsicht nicht vergessen, ihre Freunde vor einer
Ueberraschung, die unter den obwaltenden Umständen sehr gefährlich
werden mußte, zu behüten. Glücklicher Weise nahte sich Niemand, und
so gewannen sie Zeit zur Sammlung und konnten sich zur Rückkehr zu der
Herzogin, die nun bald erfolgen mußte, vorbereiten. Stets für das Wohl
ihrer geliebten Freunde sorglich bedacht, that Aurelie den Vorschlag,
sich nach einem von Allen gern besuchten Hügel zu begeben, um unter
den laubigen Bäumen daselbst dem bald erfolgenden Sonnenuntergang
beizuwohnen.
Sie that diesen Vorschlag in der Absicht, Sidonie zu zerstreuen und den
oben bezeichneten Zweck zu erreichen.
Der Graf, Aureliens wohlgemeinte Absicht sogleich errathend, stimmte
ihr bei, und auch Sidonie nickte und reichte ihm willig den Arm und
ließ sich von ihm dahin führen.
Sie hing sich fest an ihn, als ahnte sie, daß es das letzte Mal war, in
so inniger Verbindung und Hingabe mit ihm zu leben.
Langsam und schweigend schritten sie dahin, während Aurelie sich
bemühte, ihre Sinne und Gedanken auf die Gegenstände außer ihnen zu
lenken, jedoch mit nur geringem Erfolg, wie das eben nicht anders sein
konnte.
Oft und oft blieb Sidonie stehen und es schien, als ob sie sprechen
wollte; doch that sie es nicht, sondern schaute den Grafen nur an und
schritt dann still und langsam weiter.
So gelangten sie endlich zu dem Hügel und zwar in dem Augenblick, als
die Sonne sich neigte. O, war dieses Scheiden nicht ein Bild ihres
Liebesglücks! Es war es und war es doch auch nicht; denn die Sonne
kehrte bald in erhöhtem Glanz zurück, während das Gestirn ihres Glücks
auf immer in dem düstern Gewölk der Entsagung unterging. Sie empfanden
das nur zu wohl, und der schmerzvolle Blick, den sie mit einander
austauschten, verkündete ihr Einverständniß. Die Etikette verlangte,
noch vor dem völligen Eintreten der Dunkelheit in das Schloß zurück
zu kehren, und, von Aurelien daran erinnert, erhob sich Sidonie
seufzend. Langsam schritten sie dem Schloß zu, während nur wenige Worte
gewechselt wurden.
In der Nähe des ersteren angelangt, blieb Sidonie stehen, schaute den
Grafen liebevoll an und bemerkte:
»Ich sprach vor Ihrer Ankunft gegen Aurelie einen lebhaften Wunsch aus,
dessen Erfüllung von Ihnen abhängt; o, weisen Sie meine Bitte nicht
zurück!«
»Wie sollte ich, meine theure Freundin?! Beglückt mich doch der Gedanke
so innig, Ihnen einen Wunsch erfüllen zu können!« entgegnete der Graf,
sichtlich erfreut.
Sidonie drückte ihm die Hand und bemerkte mit bewegter, leiser Stimme:
»Wohl leben die Bilder unserer Lieben in der Seele fort und fort, von
der Liebe gehegt und gepflegt; aber ich glaube, die Erinnerung allein
genügt dem Herzen nicht, und mich beängstet die Furcht, die Zeit und
veränderte Lebensverhältnisse könnten die ersteren leicht schwächen,
ja vielleicht sogar verwischen, so daß die lieben Bilder uns am Ende
ganz aus der Seele scheiden. -- O, wie schrecklich müßte das sein! Wie
muß es uns daher trösten und beglücken, unser Auge auf das Bild treuer
Freunde richten und das Herz an den wohlbekannten und geliebten Zügen
erfreuen zu können. -- Meinen Sie nicht auch?« -- endete sie, indem sie
ihn, sanft erröthend, anschaute.
Der Graf hatte sie nur zu wohl verstanden und beeilte sich zu entgegnen:
»Gewiß, gewiß, und gesegnet sei die Kunst, der wir diesen Trost und
die Freude verdanken, durch süße Täuschung die entbehrte Wirklichkeit
ersetzen zu können!«
»O, wie sehr freue ich mich darauf!« lispelte Sidonie.
»Und darf ich diese Freude theilen?« fragte der Graf mit Betonung, ihre
Hand drückend.
»Sie wünschen es?« fragte Sidonie erfreut und verschämt.
»Bedarf es meiner Versicherung?«
»O, nein, o, nein! und ich gestehe Ihnen, Ihr Wunsch erfreut mich auf
das Innigste. Weiß ich doch nun, daß Ihr Auge bisweilen die Züge der
Freundin suchen wird, um -- um sich ihrer zu -- erinnern,« fiel Sidonie
wehmüthig ein.
In der Ferne ließ sich in diesem Augenblick ein Kammerdiener sehen, der
auf dem Weg zu ihnen und wahrscheinlich von der Herzogin abgeschickt
worden war, die Prinzessin mit dem Gast nach dem Schloß einzuladen; es
war daher die schnellste Sammlung nothwendig, wollten sie sich nicht
verrathen und in der erforderlichen unbefangenen Stimmung der Herzogin
gegenüber treten.
Aurelie begann sogleich ein Gespräch, an welchem die Prinzessin und
der Graf, so viel es ihnen ihre Empfindungen gestatteten, Theil zu
nehmen sich bestrebten.
Sidonie, von der Aussicht auf das Innigste beglückt, in den Besitz von
des Grafen Portrait zu gelangen und wenigstens in solcher Weise einen
Ersatz für das verlorene Glück zu erhalten, war ruhiger geworden, und
über das bleiche, wehmüthige Antlitz hatte sich ein Zug stiller Freude
gebreitet. Ohne eine Ahnung der Leiden, welchen sie entgegen ging,
war dieser Gedanke schon hinreichend, ihr Herz mit sanftem Trost zu
erfüllen.
Und so geschah es, daß sie der Herzogin ziemlich gesammelt entgegentrat
und diese sie mit sichtlichem Wohlgefallen darüber empfing.
Eine Stunde ging ihnen in der Unterhaltung dahin, an der sich die
gesprächige Herzogin und Aurelie vorzugsweise betheiligten; alsdann
schied der Graf, und zwar mit der schmerzlichen Gewißheit, Sidonie in
der nächsten Zeit nicht zu sehen, da die Herzogin ihren baldigen Besuch
an dem fürstlichen Hofe angedeutet hatte.
Drittes Kapitel.
Ungefähr eine Woche nach des Grafen Besuch trat der Herzog die
beabsichtigte Reise an. Auf den Wunsch des Fürsten beeilte er
dieselbe, da er überdies die ruhigere und ergebenere Stimmung der
Prinzessin in seinem Interesse benutzen zu müssen glaubte. Nach der
letzten Unterredung mit dem Grafen hatte Sidonie sich nämlich bereit
erklärt, dem Verlangen ihres Vaters nachzukommen, so wie sie sich seit
diesem Augenblick allen Anordnungen in dieser Angelegenheit willenlos
unterwarf. Diese so sehr gewünschte Aenderung erfreute den Herzog auf
das Höchste, und von der Voraussetzung erfüllt, daß das bewegte Leben
an dem fürstlichen Hofe und die neue, so glänzende Stellung, welche
Sidonie einnehmen sollte, ihren guten Einfluß auf diese bestimmt
ausüben würden, blieb ihm die Ahnung von dem schmerzlichen Verzicht
fern, zu welchem sich die Prinzessin entschlossen hatte. Um so mehr
beglückte ihn daher der Gedanke, in so erwünschter Weise für sie
gesorgt zu haben.
Die glänzendste Aufnahme wurde dem herzoglichen Paar an dem fürstlichen
Hofe zu Theil; ebenso war der Eindruck, den Sidonie auf den Fürsten
und Prinzen hervorrief, ein durchaus vortheilhafter. Die Prinzessin
erschien als ein schüchternes, anspruchsloses Mädchen; denn seit dem
Entschluß, die Gemahlin des Prinzen zu werden, war eine wesentliche
Umwandlung mit ihr vorgegangen. Die ehemalige Jugendheiterkeit und
reizende Unbefangenheit, die Regsamkeit ihres Geistes und ihr lebhaftes
Gefühl waren einer ruhigen Ergebung gewichen. Da sie ihr Geschick
nicht zu ändern vermochte, waren auch alle das Herz belebenden Wünsche
erstorben und sie nur noch ein schüchternes, befangenes Mädchen, von
dessen geistigen und sittlichen Schätzen man nicht das Geringste ahnte.
Dies war namentlich in Bezug auf den Prinzen und dessen Oheim der Fall,
die, wie wir gleichfalls erfahren haben, von Sidoniens eigentlichem
Charakter und sittlichen Vorzügen keine richtige Vorstellung gewonnen
und sie für das nahmen, als was sie erschien. Man würde sich jedoch
in der Voraussetzung täuschen, daß sie dadurch unangenehm berührt
worden wären; im Gegentheil erschien ihnen dieser Mangel hervorragender
geistiger Befähigung und Sidoniens Anspruchslosigkeit als ganz
besondere Vorzüge, die ihren Wünschen und dem Charakter des Prinzen
durchaus entsprachen.
So erfolgte denn die Verlobung unter großem Gepränge, und die Freunde
des Prinzen, welche den Festlichkeiten beiwohnten, wünschten diesem
wegen der schönen und schüchternen Braut, die eine vernünftige, das
heißt duldsame, Gemahlin erwarten ließ, von Herzen Glück. Sie vergaßen
sich jedoch dabei selbst nicht; denn sie sagten sich, daß von einem so
anspruchslosen Mädchen, wie Sidonie, im Hinblick auf ihren späteren
möglichen Einfluß auf den Prinzen nichts zu befürchten wäre, und sie
demnach mit Sicherheit auf dessen ungeschmälerten Umgang rechnen
dürften. So schien man sowol im Besondern als Allgemeinen mit der Wahl
der künftigen Fürstin sehr zufrieden gestellt zu sein.
Und die unglückliche Sidonie -- Der von dem Herzog mit Bestimmtheit
erwartete günstige Eindruck, den des Prinzen Persönlichkeit auf seine
Tochter ausüben sollte, blieb aus, wie er bald zu bemerken Gelegenheit
fand. Ja, er erkannte, daß, so wenig Interesse Sidonie für das Portrait
des Prinzen gezeigt hatte, dies fast noch weniger für das Original
selbst geschah. Pflichtete sie ihrem Vater auch bei, daß der Prinz in
körperlicher Beziehung sehr bevorzugt sei, so verhehlte sie ihm auch
zugleich nicht, daß der sinnliche Ausdruck seines Wesens sie doch von
ihm abstieß, indem der Mangel edlerer Empfindungen, der sich darin
äußerte, sie unangenehm, ja fast verletzend berührte. Mehr noch als
dies Alles verletzte sie jedoch der mehr als freie Ton, in welchem er
mit ihr verkehrte und der in des Fürsten Umgebung widerklang.
Der Herzog bemühte sich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen, indem
er den ungezwungenen Umgangston des Hofes als allgemein verbreitet
bezeichnete, und sie aufmerksam machte, daß daher nicht der Prinz,
sondern sie selbst die Ursache ihrer Verstimmung wäre. Er sprach
zugleich die Erwartung aus, daß sie sich bald daran gewöhnen und
Geschmack finden würde, indem er sie zugleich erinnerte, wie es nun
ihre Pflicht sei, sich in das ihr allerdings neue Leben zu finden.
Sidonie nahm diese Vorstellungen schweigend hin; sie sagte sich, wie
vergeblich es sein würde, ihren Vater zu überzeugen, wie wenig sie sich
geneigt und befähigt dazu fühlte, und daß sie die von ihm bezeichnete
Pflicht vielleicht niemals oder doch nur mit großer Ueberwindung würde
erfüllen können. Was würden auch ihre Einwendungen den obwaltenden
Verhältnissen gegenüber gefruchtet oder ihr irgend welche Vortheile
verschafft haben? -- Die Verlobung war erfolgt, die Vermählung
innerhalb drei Monaten festgesetzt; der Schritt konnte also nicht mehr
zurück gethan werden, und so erachtete sie es für das Ersprießlichste,
dem Künftigen mit Geduld und schweigend entgegen zu gehen.
Wenngleich sie zu diesem Vorsatz gelangt war, so konnte es doch nicht
ausbleiben, daß sie ihre Besorgnisse Aurelien, die sie nach dem
fürstlichen Hof begleitet hatte, vertraute und mit ihr das im Lauf
ihrer Anwesenheit daselbst Erfahrene besprach.
Fräulein von Ketten, deren feiner Sinn in ähnlicher Weise wie Sidoniens
Zartgefühl von dem Leben am Hofe verletzt worden war, sah sich leider
genöthigt, der Freundin beizupflichten, bemühte sich jedoch auch
zugleich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen und sie aufmerksam zu
machen, daß sie als die Gemahlin des künftigen Thronerben ihre Wünsche
und Neigungen würde geltend machen können, und daher die Gestaltung
ihres künftigen Lebens in ihre Hand gegeben sei.
Dieser Voraussetzung pflichtete Sidonie um so leichter bei, da sie in
dem beruhigenden Glauben lebte, daß dies ihr gutes Recht sei, welches
sie dereinst auch zu beanspruchen gesonnen war.
Lag in diesem Gedanken eine wohlthuende Beruhigung für Sidonie, so
hatte die erfahrenere und schärfer blickende Freundin doch nur zu
bald erkannt, welcher zweifelhaften Zukunft Sidonie entgegen ging.
Daß der Prinz weder Hochachtung noch eine zartere Neigung für die
Letztere hegte, entging ihrem Blick nicht, und ebenso war sie mit der
niederschlagenden Ueberzeugung erfüllt worden, daß ein Charakter wie
der des Prinzen mit seinen Neigungen niemals oder kaum zu edleren
Empfindungen für die Prinzessin geführt werden würde.
Daher sah sie, abgesehen von Sidoniens Verzicht auf ihre Liebe, mit
Bangen in die Zukunft; machtlos, der Freundin Geschick zu ändern, blieb
ihr nur das Gebet für das Wohl der Geliebten.
Sie war jedoch vorsichtig genug, Sidonien ihre Besorgniß zu
verschweigen, um jede Unruhe von ihr fern zu halten und sie zu
befähigen, dem Künftigen mit der erforderlichen Sammlung entgegen gehen
zu können.
Sie fand einen besondern Trost in der Gewißheit ihrer Freundin
auch in ihrer neuen Lage zur Seite stehen zu dürfen; denn auf den
ausdrücklichen Wunsch der Prinzessin war dieser gestattet worden,
Aurelie als eine ihrer Hofdamen an des Fürsten Hof mitbringen zu dürfen.
Nach einem fast vierzehntägigen Aufenthalt verließ der Herzog mit
Sidonien den Hof und kehrte in seine Residenz zurück, und es begannen
nun die zu der Ausstattung der Prinzessin erforderlichen Arbeiten,
welche das herzogliche Paar ganz besonders in Anspruch nahmen.
Mit frohem Herzen begrüßte Sidonie die Heimath, die ihr im Hinblick auf
ihr baldiges Scheiden doppelt theuer war und die ihr mit verdoppelten
Reizen erschien, da sie dieselbe so lange hatte entbehren müssen.
Tiefer denn jemals fühlte sie, daß ihr Platz im Leben nicht an einem
rauschenden, durch Formenwesen und dem Zwang der Etikette belebten Hof
sei, sondern in bescheideneren Verhältnissen, in welchen jedoch die
Schönheit der Natur, eine edle Freiheit und die einfache Sprache der
Wahrheit und des Herzens galt, über welche die Alles verklärende Liebe
ihren glänzenden Schimmer ausbreitete.