Der Oheim des Prinzen hatte selbst eine stürmisch durchlebte Jugend

hinter sich und war daher an den herrschenden Ton gewöhnt und weit

entfernt, die Menschen, die er wenig achtete, bessern zu wollen. Ein

Freund der Wissenschaften und obenein Cyniker, lagen ihm dergleichen

Bestrebungen fern. Trotzdem war er ein vortrefflicher Regent und bei

dem Volk beliebt.

Unter den angegebenen Umständen wird es daher natürlich erscheinen, daß

der Fürst die Ausschweifungen seines Neffen übersah, der eigenen Jugend

gedenkend und im Hinblick auf den herrschenden Zeitgeist.

Mit der Zeit jedoch, als sich des Prinzen zügelloses Leben steigerte,

machte sich in ihm die Sorge für die Erbfolge geltend, da dieselbe

lediglich auf seinem Neffen ruhte und, falls dieser kinderlos starb,

auf eine Nebenlinie des fürstlichen Hauses übergehen mußte.

Das wäre dem Fürsten jedoch sehr unwillkommen gewesen, und darum war es

sein Wunsch, seinen Neffen sobald als möglich verheirathet zu sehen. Er

verband damit zugleich die wohlmeinende Absicht, den Letzteren dadurch

seinem Treiben zu entziehen und durch die Liebenswürdigkeit seiner

Gemahlin und das Familienleben einem würdigeren Streben zuzuführen.

Denn trotz der seinem Neffen geschenkten Rücksicht übersah er dennoch

die Nothwendigkeit nicht, daß der künftige Regent sich mit der

Staatsverwaltung näher vertraut mache, um dereinst nicht lediglich von

den Ministern und Staatsdienern abzuhängen.

Und so geschah es, daß, nachdem er den Prinzen in einer vertraulichen

Unterredung auf alle die näher bezeichneten Umstände eindringlich

aufmerksam gemacht hatte, er zugleich den bestimmten Willen aussprach,

derselbe sollte sich sobald als möglich vermählen.

Waren dem Prinzen die Vorstellungen seines Oheims, sich um die

Staatsgeschäfte fleißiger und anhaltender zu kümmern, schon unangenehm,

so widerstrebte ihm der Gedanke einer Vermählung noch viel mehr, indem

er in derselben das unwillkommene Hinderniß erblickte, seinen Neigungen

unbeschränkt nachgehen zu können.

Der Prinz stand damals in dem vierundzwanzigsten Jahre, war ein

kräftiger, schöner Mann, dem die Frauenherzen entgegen schlugen, durch

und durch ein Sinnenmensch, dessen Dichten und Trachten lediglich auf

die Befriedigung seiner lebhaften Triebe gerichtet war: wie sollte ihm

da eine Gemahlin erwünscht sein! --

Doch der Wille seines Oheims gestattete keinen Widerspruch, ebenso

erkannte er die Nothwendigkeit der Vermählung, und unterwarf sich

daher, wenngleich mit großer Ueberwindung, der getroffenen Bestimmung,

jedoch mit dem beruhigenden Vorsatz, sich durch seine künftige Gemahlin

in seinem Treiben keine Beschränkung auferlegen zu lassen.

Sein Leichtsinn fand hierin keine Bedenken und war weit entfernt zu

erwägen, welche Rücksichten er gegen seine künftige Gattin zu nehmen

verpflichtet sei, und welche Berechtigung sie auf dieselben durch

die Vermählung mit ihm erhielt. Von ehelichem Glück hatte der Prinz

überdies keine Vorstellung, denn ihm war ein solches weder an den Höfen

noch unter andern Verhältnissen bekannt geworden und hatte etwa seine

Aufmerksamkeit beansprucht. Er betrachtete daher seine Vermählung

lediglich als eine Staatsangelegenheit, was sie, wie ihm bekannt,

in vielen andern Fällen auch nur war. Daß dabei das Lebensglück der

Erwählten in Frage gestellt wurde, war ihm ziemlich gleichgiltig.

Seiner Ansicht nach waren die Frauen lediglich nur dazu auf der Welt,

um den Zwecken der Männer zu dienen.

Als der Prinz seinen Freunden die Absicht des Fürsten mittheilte

und sich ihnen lachend als baldigen Ehemann vorstellte, antworteten

ihm cynische Scherze, Unglauben und die Besorgniß, daß es nun mit

dem schönen freien Junggesellenleben ein Ende nehmen würde, worauf

der Prinz sie mit der Versicherung beruhigte, auch als Ehemann sein

genußreiches Leben unverändert fortsetzen zu wollen und zwar im Verein

seiner alten, ihm so liebgewordenen Freunde.

Lauter, beifälliger Jubel ertönte auf dieses, wie man es nannte,

~würdige~ Versprechen, und die Stunde wurde zum Dank dafür und

zu Ehren des Prinzen unter den raffinirtesten Genüssen hingebracht,

gleichsam um die Kostbarkeit derselben dem Gemüth des hohen Freundes

noch tiefer einzuprägen und sein Begehren nach dessen Wiederholungen wo

möglich noch zu steigern.

Die Sorge um des Prinzen künftige Gemahlin hatte der Fürst auf

sich genommen, nachdem sein Neffe die Billigung dazu um so lieber

ausgesprochen hatte, da er weder irgend eine Fürstin bevorzugte,

noch auch die Lust fühlte, die Wahl nach seinen eigenen Neigungen zu

treffen. So ließ denn der Fürst durch einen Vertrauten nach einer

geeigneten Dame forschen, und der Ruf von Sidoniens vortrefflichen

Eigenschaften bewog denselben, auch des Herzogs Hof zu besuchen. Es

bedurfte nur einer kurzen Beobachtung von Seiten des Agenten, um zu

erkennen, daß so viele Schönheit und Liebenswürdigkeit, wie er sie

bei der Prinzessin zu bewundern Gelegenheit fand, des Fürsten Beifall

erhalten müßte, und er beeilte sich daher, diesem mitzutheilen, daß

die Wirklichkeit das Gerücht in Bezug auf Sidonie noch bei Weitem

überträfe. Seinem Bericht von dem vortrefflichen Charakter der

Prinzessin an den Fürsten wurde das Portrait derselben beigefügt,

und beide gewannen sich den Beifall des Ersteren in so hohem Grade,

daß dieser sich beeilte, den Prinzen sofort damit bekannt zu machen

und ihm Sidonie zugleich als seine künftige Gemahlin vorzuschlagen.

Das liebliche Portrait verfehlte seine Wirkung auf den Prinzen

nicht; dasselbe gefiel ihm in so weit, als es ihm den Genuß einer so

reizenden Mädchenblüthe begehrenswerth machte und ihn die in dem Bilde

sich kundgebende Unschuld und Anspruchslosigkeit zugleich mit der

Voraussetzung erfüllte, er würde in Sidonien die einfache, duldsame

Gemahlin finden, wie er sie eben im Hinblick auf seine Neigungen

bedurfte.

Er gab daher dem Fürsten seine Zustimmung zu der getroffenen Wahl zu

erkennen, und der Erstere, erfreut, seinen Wunsch so schnell und in so

befriedigender Weise erfüllt zu sehen, ließ die weiteren Verhandlungen

durch den Agenten betreiben.

Der Herzog, durch den Letzteren sogleich mit des Fürsten Werbung

bekannt gemacht, erklärte sich gern damit einverstanden, da dadurch

zugleich seine eigenen Hoffnungen und Wünsche in der besten Weise

erfüllt wurden.

Bald waren die beiden Höfe zu dem vollsten Einverständniß in dieser

Beziehung gelangt und es war nur noch erforderlich, die künftigen

Gatten mit einander persönlich bekannt zu machen. Um diesen Zweck zu

erreichen, lud ein gütiges Handbillet des Fürsten den Herzog mit

seiner Familie an den Hof, indem der Erstere zugleich die Hoffnung

aussprach, bei dieser angenehmen Gelegenheit das Fest der Verlobung

feiern zu können.

Erst jetzt fand es der Herzog für gut, Sidonie mit dem Geschehenen

bekannt zu machen und ihr zugleich seine Freude über das Glück

auszudrücken, welches ihr durch eine so glänzende Stellung, die

künftige Regentin eines mächtigen Staates zu werden, geboten wurde.

Zugleich händigte er ihr des Prinzen Portrait mit dem Bemerken ein, daß

ihr künftiger Gemahl nicht nur ein angesehener Fürst, sondern auch ein

schöner Mann sei.

In der tiefsten Seele dadurch erschüttert, stand Sidonie bleich und

wortlos vor ihren Eltern, die sie mit Ueberraschung anschauten und

dadurch zu erkennen gaben, wie wenig sie mit ihrer Liebe zu dem Grafen

bekannt waren.

Ihr Befremden steigerte sich, als Sidonie bestimmt erklärte, den

Prinzen nicht heirathen zu können und von dessen Portrait nicht im

geringsten angenehm berührt worden zu sein.

Der Herzog forschte nach den Gründen ihrer Abneigung und wurde

ungehalten, als Sidonie den Wunsch aussprach, nur dem Gatten ihrer Wahl

angehören zu dürfen, eine Abneigung gegen den Prinzen zu empfinden

und eben so wenig das geringste Verlangen nach der ihr in Aussicht

gestellten glänzenden Stellung zu hegen.

Ihre Vorstellungen waren jedoch vergebens. Der Herzog erinnerte sie,

daß ihr Herz den großen Vortheilen gegenüber, die diese Verbindung mit

dem angesehenen Fürstenhause seiner Familie verschafften, unmöglich

in Frage kommen könne, er dem Fürsten bereits seine Zustimmung zu

dieser Vermählung zu erkennen gegeben habe, eine Weigerung von ihrer

Seite daher nicht mehr gestattet sei. Er vermochte nicht einzusehen,

daß ein so schöner Mann, wie der Prinz, ihren Beifall nicht gefunden

haben könnte, und so schloß er seine Erörterungen mit dem bestimmten

Verlangen, Sidonie möge sich in die Lage finden und auf die gewünschte

Zusammenkunft mit dem Prinzen vorbereiten.

So jäh und unvorbereitet aus ihren süßen Hoffnungen gerissen, das Herz

mit aller Innigkeit an ihre Liebe gefesselt, stand Sidonie betäubt,

vernichtet, rathlos da.

Ihr däuchte das Vernommene ein wüster, erschreckender Traum, der zu

einem lieblichen Erwachen führen müßte; denn wie sollte plötzlich der

eisige Winter über den blumigen Frühling hereinbrechen können! -- Das

wäre gegen jedes Gesetz der Natur, gegen die Liebe des Schöpfers, gegen

Alles, was auf Erden athmet und sich der Güte eines allliebenden Gottes

erfreut, gewesen.

Aber das gehoffte Erwachen blieb ihr fern; die eisige Wirklichkeit

wehte hin über ihre liebliche Frühlingsseele und führte sie an ihrer

kalten Hand an das dunkle, unheimliche Grab ihrer Liebe und ließ sie

in die Tiefe schauen, woselbst jene ruhen sollte, ruhen auf ewige

Zeiten, ohne Licht und Leben, ohne Glück und Freude, ohne Blüthen und

Frucht. O wie tief, wie unendlich tief trifft der erste große Schmerz

des Lebens das unbefangene, unerfahrene Herz, um wie viel tiefer, wenn

dieser Schmerz dem heiligsten Gefühl unserer Jugend, der ersten, reinen

Liebe gilt! --

Mit Blumen und Kränzen schmücken wir des Jünglings, der Jungfrau Sarg,

die wir so früh gegen das Gesetz des Lebens dem Vergehen anheimgaben;

die junge Liebe jedoch, die wir vor ihrem Entfalten gleich der

gestorbenen Jugend in der still gewordenen Brust zur Ruhe betten

müssen, die nimmt das Beste unserer Seele mit, den ganzen blumigen

Frühling unseres Lebens! --

So war es mit Sidonien.

Des freudigen, lebensvollen Herzens Jubel war verstummt, das frische,

wechselnde Leben darin verschwunden, die Ueberfülle der Genüsse in der

Natur und in der eigenen Seele einer stillen, ängstigenden Einsamkeit

gewichen, wie es geschieht, wenn wir einen Geliebten aus unseren Räumen

zur Gruft getragen haben.

Aber Sidonie entbehrte nicht den Trost und das Mitgefühl einer treuen,

aufrichtigen Freundin, an deren Brust sie sich ausweinen und das

Geheimniß ihrer Seele aushauchen durfte.

Diese Freundin war Fräulein von Ketten, ihre Gesellschafterin seit Jahr

und Tag und gegenwärtig ihre Hofdame. Aurelie war fast um zehn Jahre

älter als die Prinzessin, und ausgestattet mit einem gebildeten Geist,

einem reinen und edeln Gemüth.

Von dem lieblichen Fürstenkinde sogleich angezogen, verwandelte sich

diese Zuneigung bald in die innigste Freundschaft, in die vollste

Hingebung an Sidonie, wofür ihr diese eine nicht mindere Zuneigung

entgegen brachte.

Aurelie war der Prinzessin nicht nur eine angenehme Gesellschafterin,

sondern auch die rathende und belehrende Freundin, der sich Sidonie

gern unterwarf, von der Vortrefflichkeit der gegebenen Rathschläge

überzeugt.

So war es denn auch geschehen, daß Aurelie der Prinzessin die Wünsche

des Herzogs, sie mit einem angesehenen Fürsten dereinst zu vermählen,

bisweilen angedeutet hatte, ohne daß es ihr jedoch gelang, Sidonie

davon zu überzeugen.

Gewöhnlich pflegte diese alsdann lächelnd zu entgegnen, daß sie vor

dergleichen Bewerbungen hinreichend durch die Unbedeutendheit des

Standes sowol als der Person geschützt wäre, und es nur die Vorliebe

ihrer Freundin für sie sei, die ihr dergleichen Erinnerungen einflößte.

Fräulein von Ketten wünschte in Stillen, es möchte so sein, denn ihr

war die große Zuneigung der Prinzessin für den Grafen nicht entgangen

und sie zu sehr überzeugt, daß Sidonie nur als dessen Gemahlin ganz

glücklich werden könnte. Eben so wenig war ihr das warme Interesse des

Grafen für ihre Freundin verborgen geblieben, wenngleich sie auch seine

Zurückhaltung und sein edles, würdiges Benehmen gegen die Prinzessin

richtig beurtheilte und nicht nur von ganzem Herzen billigte, sondern

auch bewunderte. Dasselbe beruhigte sie in Beziehung auf Sidoniens

künftiges Geschick, indem sie sich, durch die beschränkten Verhältnisse

des herzoglichen Hofes bestimmt, zugleich der angenehmen Hoffnung

hingab, daß Sidonie von den Fürsten in ihrer Abgeschiedenheit nicht

aufgesucht werden und daher einst ganz ihrem Herzen würde folgen können.

Es konnte unter den näher bezeichneten Umständen nicht ausbleiben, daß

auch sie mit dem Grafen in nähere Beziehungen trat und dieser ihr seine

volle freundschaftliche Achtung schenkte, wie sie es verdiente.

In den von Sidonien mit dem Grafen gepflogenen vertraulichen Umgang

wurde sie nicht nur durch ihre Stellung, sondern noch viel mehr durch

die ihr von der Prinzessin geschenkte Freundschaft gezogen, was dem

Grafen durchaus angenehm war, da die herkömmlichen Formen bei Hofe eine

solche Theilnahme an demselben durch eine Vertrauensperson erheischten.

Und so geschah es, daß diese drei Menschen, schon durch die

Eigenschaften des Geistes und Herzens einander genähert, durch den

ungezwungenen und angenehmen Umgang nur noch fester verbunden wurden.

Die Werbung des Prinzen um Sidonie hatte nun das schöne Zusammenleben

plötzlich in seinen Grundfesten zerstört, indem ihnen zugleich der

Ausspruch des Herzogs jede Hoffnung raubte, es könnte dasselbe jemals

wieder in seiner früheren Weise hergestellt werden.

In dem stillen, traulichen Gemach, das so oft ihr fröhliches Geplauder,

die ernsten Gespräche vernommen hatte, saßen nun die beiden

Freundinnen tief betrübt und rathlos.

Leise tönte Aureliens Zuspruch; sanft streichelte ihre Hand Sidoniens

Haupt, das in ihrem Schooß ruhte, während sie zugleich die Thräne

zurück zu halten bemüht war, die der Schmerz um ihres Lieblings

trauriges Geschick ihrem Auge erpreßte.

Aber mehr als diesen tröstenden und beruhigenden Zuspruch vermochte

die Freundin leider nicht zu geben; denn wie durfte sie es wagen,

dem Herzog Vorstellungen zu machen, oder ihm gar das Geheimniß von

Sidoniens Liebe verrathen, um ihn für deren Wünsche zu gewinnen? --

Es wäre um ihre Stellung geschehen gewesen, hätte der Herzog den

eigentlichen Grund von Sidoniens Weigerung erfahren, indem man ihr

wahrscheinlich den Vorwurf gemacht, die Prinzessin nicht besser behütet

oder nicht früher schon die pflichtmäßige Anzeige von deren Zuneigung

gemacht zu haben. Ein Aufgeben ihrer Stellung hieß auch, Sidonie

der einzigen treuen Freundin, der sie unter den obwaltenden trüben

Verhältnissen mehr denn je bedurfte, berauben.

So konnte und mußte sie schweigend mit ihr leiden, und war mit dem

ganzen Aufwand ihrer treuen Liebe bedacht, Sidoniens gebrochenes Herz

wieder aufzurichten und für das zu bringende Opfer zu kräftigen.

Obwohl der Graf, wie wir wissen, auf eine von dem Herzog gewünschte

Werbung um Sidonie seit Jahren vorbereitet war und darum seinen

Ansprüchen auf deren Besitz fast entsagt hatte, wurde er dennoch durch

das Eintreten des vorgesehenen Falls viel tiefer erschüttert, als er

es fürchtete. So lange ihn die Hoffnung noch belebte, seine Wünsche

vielleicht einst erfüllt zu sehen, waren ihm die Tage in angenehmer

Ruhe dahingegangen; jetzt jedoch, jäh geendet, forderten sie ihn zu

den höchsten Seelenanstrengungen heraus, um sich Sidonien und dem

herzoglichen Hofe gegenüber in seiner Resignation würdig zu behaupten.

Nachdem ihm des Prinzen Werbung bekannt geworden war, verstand es sich

von selbst, daß auch sein Umgang mit Sidonien ein Ende hatte; dies

verlangten die üblichen Formen. Er durfte darum jedoch seine Besuche an

dem herzoglichen Hof nicht aufgeben, wollte er sein Interesse für die

Prinzessin nicht verrathen. Von ihrer Weigerung, sich mit dem Prinzen

zu vermählen, hatte er bereits Kenntniß erhalten, ohne daß er daraus

irgend welche Hoffnung für seine Liebe schöpfen durfte. Zu gut kannte

er des Herzogs Wünsche in Bezug auf Sidonie, um nicht überzeugt zu

sein, daß diese für ihn nun auf immer verloren wäre.

Dunkle Stunden gingen an ihm vorüber, Stunden des mächtigen, inneren

Kampfes und der Selbstbeherrschung, aus welchem er jedoch siegreich

hervorging.

Niemand -- Aurelie und Sidonie ausgenommen -- gewann jedoch eine Ahnung

von demselben, nur sein krankhaft-bleiches Aussehen und das trübe Auge

ließen auf ein Leiden schließen, das der Graf auch auf Befragen nicht

abläugnete, jedoch als eine vorübergehende Unpäßlichkeit bezeichnete.

Da nahte der Tag, an welchem er in gewöhnter Weise einen Besuch an des

Herzogs Hof zu machen pflegte; er durfte nicht ausbleiben und fuhr

darum nach der Residenz.

Er wurde von dem Herzog und dessen Gemahlin mit vermehrter Höflichkeit

empfangen und ihm die bereits bekannte Nachricht von des Prinzen

Werbung mit offener Freude mitgetheilt.

Er stattete dagegen dem herzoglichen Paar seine besten Glückwünsche ab,

und es gelang ihm dies um so leichter, da er von dem Herzog vernommen

hatte, daß Sidonie einer Unpäßlichkeit halber nicht erscheinen würde.

Er fürchtete von dem Wiedersehen der Letzteren in Gegenwart

Anderer weniger für sich als für die Prinzessin, deren geringe

Beherrschungskraft er kannte und daher auch mit Bestimmtheit erwarten

mußte, sie würde nicht nur ihren Schmerz, sondern auch ihre Liebe zu

ihm verrathen, was er zu ihrer eigenen und der Ruhe des Herzogs mit

allen Kräften zu verhindern bedacht sein mußte.

Er athmete daher beruhigter bei der obigen Nachricht auf, zugleich

erfreut, seinen Besuch abkürzen und sich dadurch der Beobachtung

entziehen zu können. Denn sein Aussehen hatte die Herzogin bereits zur

Nachfrage nach seinem Befinden veranlaßt.

Von der Nothwendigkeit überzeugt, Sidonien so viel als möglich Zeit

zur Sammlung zu gestatten, ließ er eine längere Zeit dahin gehen, ehe

er seinen Besuch wiederholte, und that dies erst dann, als er von dem

Herzog die Nachricht von Sidoniens besserem Befinden erhielt.

An dem Hofe angelangt, erfuhr er von der Herzogin, die nur allein

anwesend war, daß ihr Gemahl sich zu einem Nachbarfürsten zur Jagd

begeben, so wie, daß Sidonie den Wunsch geäußert habe, ihn zu

sprechen. Zugleich theilte sie ihm mit, daß sich dieselbe mit ihrer

Gesellschafterin auf einem Gange durch den Garten befände, und stellte

es seinem Belieben anheim, sie in gewohnter Weise daselbst aufzusuchen,

oder deren Rückkehr im Schloß abzuwarten.

Nichts konnte dem Grafen in diesem Augenblick erwünschter sein, als die

ihm gestattete Freiheit, Sidonie aufzusuchen; dankend nahm er dieselbe

an und beeilte sich, die von der Prinzessin gern betretenen Wege zu

erreichen, überzeugt, sie daselbst zu finden.

Seine Voraussetzung täuschte ihn nicht; bald entdeckte er sie an

dem einsamen, nur von wildem Wassergeflügel bewohnten Weiher, ihr

Lieblingsort, an dem er oft mit ihr verweilt hatte.

Schon aus der Ferne erkannte er ihr Gewand, das durch die Gebüsche

schimmerte und ihm ihre Nähe verrieth. Laut klopfte sein Herz, so

laut und ungestüm wie nie, und er blieb stehen, um sich zu sammeln.

Dennoch däuchte ihm jeder Augenblick in der Ungeduld, Sidonie zu sehen,

unendlich lang, und so kürzte er die Zeit der Sammlung ab und nahte

sich ihr mit nichts weniger als zögernden Schritten.

Hatte ihn die Prinzessin an dem heutigen Tage erwartet, oder war

es die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Anblick, die ihre Sinne

außerordentlich geschärft hatte -- wer vermag das Seelenleben,

namentlich innig Liebender, zu enträthseln -- genug, sie errieth seine

Annäherung, ehe sie noch seinen leisen Tritt zu vernehmen vermochte.

Erschreckt und zugleich freudig bewegt fuhr sie auf und unterbrach

plötzlich die Unterhaltung mit Aurelien, indem sie das Haupt dem

Nahenden zuwandte, und kaum hatte sie ihn erblickt, so streckte sie ihm

zitternd die Arme entgegen, während sich die Worte von ihren Lippen

stahlen: »Endlich, endlich!«

Ehe diese Worte noch verhallt waren, befand sich der Graf bereits an

ihrer Seite, hatte ihre Hände ergriffen und blickte ihr mit nicht

mehr zu beherrschender tiefer Bewegung in das blasse, schmerzerfüllte

Antlitz.

Welche Veränderung hatten so wenige Tage in demselben hervorgerufen!

-- Wie ein vom Sturm geknicktes Rohr erschien die kurz vorher noch so

lebensvolle, elastische Gestalt, schwach und hilflos.

Mit unendlich traurigen Augen, aus welchen jedoch auch zugleich volle

liebende Hingebung sprach, schaute sie ihn an, seine bebenden Hände mit

ihren feinen Fingern fest umfassend, und fragte in einem, des Grafen

Seele schmerzvoll durchschneidenden, wehmüthigen Ton: »Sie wissen,

Graf?« Dieser, keines Wortes mächtig und bemüht, das bebende Mädchen

vor dem Niedersinken zu hüten, bejahte nur durch geringes Neigen des

Hauptes.

Da erhob sie plötzlich das Antlitz zu ihm auf, schaute ihm mit

unendlicher Liebe in die Augen, und rief in ausbrechendem Schmerz der

Verzweiflung und unter einem ihren Augen entstürzenden Thränenstrom:

»O, retten Sie mich, retten Sie mich!«

Mit diesen Worten sank sie gebrochen an seine Brust, an welcher sie das

Haupt mit unbefangener Hingabe barg.

Gleich einem schuldlosen, schmerzbewegten Kinde ruhte sie in seinen

Armen.

Aurelie eilte dem tief ergriffenen Grafen zu Hilfe, indem sie mit

seinem Beistande Sidonie sanft auf dem Ruhesitz niederließ. Auch ihr

fehlten die Worte, und nicht minder tief erschüttert, als der Graf,

feuchteten Thränen ihre Wangen.

Sidonie verhehlte ihre Empfindungen nicht, sie vermochte es nicht.

Ihrem namenlosen Leid gegenüber galt keine Zurückhaltung mehr, kein

Verläugnen ihrer Gefühle, da galt nur die ewige Sprache der Natur und

des vernichteten, schuldlosen Herzens.

Der Graf ließ sich neben ihr nieder, ergriff ihre Hand und drückte

diese mit Innigkeit an die Brust, indem er in leisem zärtlichen Ton

ihren Namen nannte. Mehr zu sprechen war ihm unmöglich.

O, welch ein unbeschreiblich süßes Lächeln rief sein Wort in Sidoniens

Antlitz hervor; wie innig dankte ihm der Druck ihrer Hand für diese

erste Gabe seiner Liebe.

»Ich wußt’ es wohl!« lispelte sie so leise und heimlich vor sich hin,

daß kaum der Graf die Worte vernahm. »Ich wußt’ es, daß er mich liebt!«

wiederholte sie.

In diesem Bewußtsein verloren, schien sie ihr trauriges Geschick

vergessen zu haben und in der Seligkeit des Momentes aufzugehen. Darauf

deutete der freudige Ausdruck ihres ein wenig gerötheten Antlitzes

hin, das in diesem Moment wieder in der ganzen ehemaligen Lieblichkeit

strahlte.

Der Graf, in der Erkenntniß der Nothwendigkeit, seinen Gefühlen kein

Recht einzuräumen, und zugleich in dem Bewußtsein der Pflicht, durch

sein Benehmen und seine Worte Sidoniens fast krankhafte Aufregung zu

beschwichtigen, um zu einer ruhigeren Besprechung der unheilvollen

Angelegenheit zu gelangen, bemühte sich mit allen ihm in diesem so

erschütternden Augenblick zu Gebot stehenden Seelenkräften, Fassung zu

gewinnen. Dies gelang ihm nach kurzem Kampf auch in der That so weit,

daß er, wenngleich mit noch unsicherer Stimme, zu bemerken vermochte:

»Ich weiß, es bedarf meiner Versicherung nicht, wie innig ich mit Ihnen

fühle, meine theuerste Sido -- -- Prinzessin.«

»O nein, o nein! Ich habe Sie ja im Geiste belauscht und Ihnen mein

Leid geklagt, und Ihr bleiches Antlitz sagt mir, daß ich darunter

nicht allein gelitten habe. O, ich wußte es ja!« fiel Sidonie mit

wehmüthigem Ton ein und drückte ihm leise die Hand. »Und was rathen Sie

mir, meinem traurigen Geschick zu entkommen?« fragte sie nach kurzem

Zögern und hob das treue Auge zu ihm auf. Diese einfache, im Ton des

vollsten Vertrauens gesprochene Frage erschütterte den Grafen im Gefühl

seiner Machtlosigkeit, ihr helfen zu können, so tief, daß er vergeblich

nach einer Antwort rang und erst nach längerer Pause mit leiser Stimme

die Worte fand:

Prinzessin Sidonie (Band 1/3) · 第 2 / 12 段