Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt

also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet,

sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen

Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel

darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen.

Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine

abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu

gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika

erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo

und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen

Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl

Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der

kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird.

Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren

Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die

Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru

dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo,

und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen

Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.

Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu

legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst

erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa

irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz

Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute

zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit

dem Handel in Berührung treten.

Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen

Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu

leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend

wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das

Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand

als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an

ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der

Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur

der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem

konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht

untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig

Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck

des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst

als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.

Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und

Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos

sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen

die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht

nach den Produkten richten, die =sind=, aber nicht mehr lange

sein werden, sondern nach jenen, die =geschaffen werden sollen=.

Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu

erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts

gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an

ihrer Stelle wurde =Salz= entdeckt. Im ersten Augenblick mochte

man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz

reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am

Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See

und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter

Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]

[26] Siehe die chemische Analyse im Anhang.

Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und

Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten

Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird.

Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger

Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen

Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur

die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft

dieser Länder sichern.

Dabei ist das Salz vom Albert-Edward-See sehr minderwerthig und hält

keinen Vergleich mit den Salzen Deutsch-Ostafrika's aus. Heute schon

spielen dieselben im lokalen Verkehr die grösste Rolle. Durch die

Wildheit der Massai und Wataturu waren die Salze von Mangati und

Nyarasa nur schwer zugänglich und manche Handelskarawane erlag den

kühnen Räubern der Steppe. Dennoch führt ein breiter, ausgetretener

Pfad von Meatu nach den Salzlagern, und das Nyarasa-Salz ist in ganz

Usukuma und dem östlichen Nyansa-Gebiet verbreitet. Das Mangati-Salz

versorgt hauptsächlich die Gegenden um Irangi. Noch wichtiger ist

das von Uvinsa, das heute schon einerseits nach Tabora, andererseits

nach Manyema exportirt wird und den einzigen Verkehr mit den wilden

Warundi vermittelt.

Eine Beschlagnahme und wenigstens einigermaassen planmässige

Ausbeutung dieser Salzlager wäre heute schon ein keineswegs

aussichtsloses Unternehmen. Wer z. B. eine Wasukuma-Karawane zum

Nyarasa schickt, dort Salz auflesen lässt und dasselbe über den

Nyansa nach der Westküste des Sees oder nach Uganda verfrachtet,

der könnte dabei zweifellos seine Rechnung finden. Dasselbe wäre

bezüglich des Tanganyika mit dem Uvinsa-Salz der Fall.

Neben Salz bildet =Eisen= in Hackenform ein Hauptmittel des

eingeborenen Verkehrs. Centren für dessen Erzeugung sind Usinja und

Irangi, von wo die Hacken über ganz Unyamwesi und Ugogo verbreitet

werden, doch kommt Eisen für den europäischen Handel natürlich nicht

in Betracht.

Von wilden Produkten des Pflanzenreiches ist =Kautschuk= zu

nennen, der zwar weniger reichlich als im Küstengebiet, aber doch

besonders im westlichen Nyansagebiet in ziemlichen Mengen vorkommt.

Das massenhafte Auftreten von Akazien in den Steppen macht das

Vorkommen von =Gummi arabicum= wahrscheinlich und auch sonst

lässt sich von der botanischen Durchforschung des Landes manches

hoffen. =Holz= kommt in den Caesalpinien-Wäldern Unyamwesi's,

sowie in den Urwäldern des Massai-Plateaus reichlich und in guter

Qualität vor, hat jedoch in so entfernten Gebieten als Exportartikel

keine Bedeutung. Die Thierwelt liefert ausser Elephantenhauern auch

Nilpferdzähne und Rhinoceroshörner als unbedeutende Nebenprodukte.

Straussfedern kommen gar nicht in den Handel, obwohl der Vogel im

Massailand häufig genug ist.

Wenn auch die nähere Erforschung noch manches Rohprodukt zu

Tage fördern wird, so wäre es doch verfehlt, darauf zu grosse

Hoffnungen setzen zu wollen. Die Möglichkeit einer Entwickelung

liegt einzig im =Ackerbau=. Im Küstengebiet, besonders in dem

fruchtbaren Usambára, ist Plantagenbau unter europäischer Leitung

das aussichtsvollste Unternehmen. Im Innern jedoch ist vorläufig

an solchen nicht zu denken und es muss der eingeborene Ackerbau an

seine Stelle treten. Dazu braucht man anbaufähiges Land und Menschen,

welche dieses Land bebauen. An beiden ist kein Ueberfluss, aber doch

genügend vorhanden.

Im Hinterlande der Küste bis zum grossen Graben erheben sich die

fruchtbaren Gebiete insular als Gebirge aus den weiten, fast gänzlich

werthlosen Steppen. An die Berglandschaften von Usagara, Unguu,

Usambára und Pare schliesst sich im Nordwesten der Kilimanjaro und

Meru. Spärlicher sind die fruchtbaren Inseln in der Massai-Steppe;

fast nur die nächste Umgebung der Berggruppen des Sogonoi, des

Kissale und anderer sind anbaufähig. Besser ist die Sohle des

Grabens, wo nacktes Wüstenland mit fruchtbaren, wasserreichen

Gebieten wechselt. Zu den schönsten Strichen gehört jedoch das

Massai-Plateau mit Iraku und dem Guruiberg, ein prächtiges,

wasserreiches Hochgebiet mit fettem Boden und üppiger Vegetation,

im Norden völlig brach liegend, im Süden, in Iraku, reich bebaut.

Unyamwesi, dem wirthschaftlich auch die östlichen Nyansa-Gebiete,

die Umgebung von Irangi und das südliche Uha beizurechnen sind,

ist vorherrschend trockenes Land und häufig von Steppen und

Miombo-Wäldern bedeckt. Dennoch ist das Land, wie sich zeigt, überall

anbaufähig und der unermüdliche Eifer der Bewohner weiss diesem

kargen Boden reiche Ernte abzugewinnen. Die Hochländer zwischen

Nyansa und Tanganyika sind vorherrschend fruchtbar und nähern sich,

was Wasserreichthum und Ueppigkeit anbelangt, stellenweise sogar dem

Massai-Plateau. In Ussui giebt es zwar steinige, dürre Striche, doch

sind solche nur vereinzelt, das ganze Gebiet muss als =gutes=

bezeichnet werden.

Die Erforschung des nördlichen Deutsch-Ostafrika hat also im

Allgemeinen günstigere Ergebnisse geliefert, als sich erwarten

liess. Die weiten Steppenstriche, die auf älteren Karten angegeben

waren, schrumpfen immer mehr zusammen und wo wasserlose Wüsten

erwartet wurden, stiess die Forschung auf prächtige Hochländer, die

aussichtsvollsten der Kolonie.

Was die =Bevölkerungsdichtigkeit= anbelangt, so wird es mir

schwer, darüber auch nur annähernde Angaben zu machen. Die Nomaden

entziehen sich nahezu jeder Beobachtung, sehr erschwert wird eine

Untersuchung in Gegenden, wo keine Dörfer, sondern nur verstreute

Siedelungen bestehen, und auch da, wo Dörfer vorhanden sind, war mein

Routennetz ein zu weitmaschiges, um Schlüsse auf das ganze Gebiet

zu gestatten. Ein besseres Material konnte ich 1890 für Usambára und

seine Nachbargebiete gewinnen. Auf dieses gestützt, kann ich diesmal

nur Vermuthungen über die Bewohnerzahl des Inneren aussprechen.

Die Steppengebiete, überhaupt alle jene, die nicht ständig

besiedelt, sondern nur von Nomaden durchstreift werden, sind

natürlich =sehr schwach= bewohnt. Die Zahl von 2 Einwohnern

auf 10 Quadrat-Kilometer, welche ich 1890 für die Steppenstriche des

Küstengebietes erhielt, dürfte auch hier annähernd der Wirklichkeit

entsprechen. Eine direkte, wenn auch nur rohe Schätzung konnte ich in

den besiedelten Ländern des abflusslosen Gebietes ausführen. Dieselbe

basirt auf der Schätzung für Umbugwe, wo ich ca. 300 Temben zählte,

für welche man eine durchschnittliche Bewohnerzahl von 10 rechnen

muss, da manche Temben von mehreren Familien bewohnt sind und bis zu

40 Insassen und darüber haben.

Die Zahlen für die anderen Landschaften wurden nach dem allgemeinen

Eindruck der Tembezahl im Vergleich zu Umbugwe angenommen. Es wären

danach anzusetzen:

Wambugwe 3000

Wassandaui 4000

Warangi (mit Uassi) 4000

Wafiomi 3000

Mangati 3000

Iraku 5000

Wanyaturu 4000

------

26000

Für die sesshaften Bewohner der abflusslosen Gebiete (mit Ausnahme

der Wagogo) wäre also eine Zahl von 26000, allerhöchstens (mit den

Wanyairamba) 30000 anzusetzen! Eine Nebenstrasse in Berlin, eine

einzige Kaserne enthält also mehr Menschen, als ganze Stämme, die,

wie die Wambugwe, eigene Sprache und Sitten besitzen. Und doch könnte

das abflusslose Gebiet leicht die hundert und tausendfache Zahl von

Menschen ernähren!

Die Gebiete östlich vom Nyansa sind im Allgemeinen schwach besiedelt.

Am Ufer des Sees wechseln unbewohnte mit stark bewohnten Strichen;

noch sporadischer, noch insularer ist die Besiedelung im Inland, in

den Waschaschi-Gebieten. 4 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürfte

hier etwa das richtige Verhältniss sein.

Das am dichtesten bewohnte Gebiet, welches ich auf dieser Reise

kennen gelernt, ist Usukuma, besonders die Landschaften Ntussu, Usmau

und Mwansa, doch schieben sich auch hier Steppenstreifen zwischen die

bewohnten Gebiete und mehr als 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer

dürften nicht anzusetzen sein. In Süd-Unyamwesi liegen ansehnliche

Ortschaften in grossen unbewohnten Strichen sporadisch verstreut,

während sich in Usukuma kleine Ortschaften dicht an einander drängen.

Dennoch macht Süd-Unyamwesi einen schwach bewohnten Eindruck und

mehr als 6 Menschen auf den Quadrat-Kilometer sind hier wohl nicht

anzunehmen. Relativ schwach bewohnt sind Usinja, Ussui und Uha.

4 Bewohner auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier die allerhöchste

Ziffer sein. Ziemlich schwer wird es mir bezüglich Urundi und Ruanda,

selbst annäherungsweise Zahlen zu sagen; denn die Volksmassen, welche

mich fortwährend umgaben, konnten leicht den Eindruck einer dichten

Bewohnerschaft hervorrufen, welche den Thatsachen nicht entspricht.

Da es jedoch dort fast gar keine unbewohnten Gebiete giebt und die

kleinen Siedelungen mit geringer Hüttenzahl recht dicht verstreut

sind, so glaube ich, dass 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer nicht

zu hoch gegriffen ist.

Wenn man das ganze Gebiet überblickt, so kann kein anderes Urtheil

gefällt werden, als dass dasselbe nur =dünn= bevölkert ist.

Sporadisch und mehr oder weniger dicht gesäet sind besiedelte Striche

auf weite, unbewohnte Gebiete vertheilt, nur in wenigen Gegenden

trifft man grössere bebaute Landschaften.

Was die nomadischen Hirten und Jäger anbelangt, so haben dieselben

wirthschaftlich natürlich keine Zukunft. Denn mit dem Fortschritt

der Kultur ist nomadische Lebensweise unvereinbar, diese Völker

müssen auf irgend eine Art verschwinden, sei es, dass sie unter den

Ackerbauern aufgehen, sei es, dass der stärker werdende Kampf ums

Dasein sie gänzlich verdrängt.

Die sesshaften Stämme ernähren sich sämmtlich von Ackerbau, der

mit der Hacke betrieben und von Viehzucht gänzlich unabhängig ist,

die nebenbei auch gepflegt wird. Im abflusslosen Gebiet und in

Unyamwesi spielt Sorghum die erste Rolle, bei den Waschaschi Eleusine

und Penicillaria, in Usinja Maniok, in Ussui Sorghum, in Urundi

vorherrschend Bananen und Hülsenfrüchte. Selbstverständlich wird

nur soviel angebaut, als zum Leben nothwendig ist, da irgend welcher

Export an Nahrungsmitteln nicht stattfindet. Fast bei allen Stämmen

wird der Ackerbau mit grosser Sorgfalt betrieben, die Felder sind

meist gut gehalten. Die besten Ackerbauer sind die Wanyamwesi, die

mit grosser Vorliebe und ungemein rasch fremde Kulturpflanzen, wie

Reis und Baumwolle, annehmen und bauen.

Dennoch schliesst diese Art der Kultur häufige Hungersnoth nicht

aus. Bei einer Missernte sind die Vorräthe, so bedeutend sie auch

oft sind, nicht genügend, um bis zur nächsten Ernte vorzuhalten

und die Isolirung der einzelnen Landschaften, der Mangel jeglicher

Verkehrsmittel lassen selbst eine rein lokale Missernte zur

Katastrophe werden, der Hunderte erliegen. Diese periodisch

auftretende Hungersnoth, verbunden mit Stammesfehden, welche jene

Gebiete fast unaufhörlich zerfleischen und Pockenepidemien, die oft

furchtbare Verheerungen anrichten, decimiren die Bevölkerung oder

lassen doch eine Vermehrung derselben nicht zu. Es liegt auf der

Hand, dass die Verbesserung der Verkehrsmittel, die Erhöhung der

Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die Kultur mit einem Worte,

geeignet ist den materiellen Zustand dieser Stämme und damit auch die

Bevölkerungszahl zu heben.

Wenn wir die =Kulturpflanzen= der Eingeborenen auf ihre

Entwickelungsfähigkeit für den Export betrachten, so sind die

Hirsearten (Sorghum, Eleusine, Penicillaria) wohl nicht oder doch

erst in zweiter Linie zum Export aus so fernen Gebieten geeignet.

Dasselbe gilt von den Knollengewächsen, Maniok, süssen Kartoffeln

und von Bananen, die sämmtlich an erster Stelle als Nahrungspflanzen

stehen. Aussichtsvoll sind jedoch manche jener Produkte, die heute

nur nebenher gebaut werden.

=Weizen= wird in Unyanyembe und Irangi durch Araber und

Wanyamwesi gebaut. Obwohl diese Gegenden keineswegs besonders

fruchtbar sind, liefert er doch bei fleissiger Berieselung gutes

Erträgniss. Noch besser würde er in Hochgebieten gedeihen. Da durch

die Erfahrung bewiesen ist, dass Weizen selbst in trockenen Gebieten

Ostafrika's gedeiht, so scheint mir eine Förderung seiner Kultur vor

Allem wünschenswerth.

=Reis= wird in Usukuma, Unyanyembe und Urambo von Eingeborenen

gebaut und wurde ursprünglich von Arabern importirt. Da die

betreffende Varietät auch im Trockenen gedeiht, so steht einem

Anwachsen dieser Kultur kein Hinderniss entgegen.

=Baumwolle= pflanzt man in Usukuma zur Herstellung des ungemein

festen, einheimischen Baumwollzeuges. In Gegenden, wo das europäische

Zeug eingeführt wird, schwindet diese Kultur, die hauptsächlich für

die Tieflandsgebiete bestimmt erscheint.

=Oelfrüchte=, Sesam und Arachis pflanzt man in vielen Gegenden,

letztere besonders massenhaft in Schaschi und es liesse sich

bei geeigneten Transportmitteln schon jetzt ein namhafter Export

erzielen. =Palm-Oel= produziren die Tanganyika-Ufer in grossen

Mengen und versorgen selbst Tabora mit solchem.

=Kaffee= wird, soweit mir bekannt, in Deutsch Ost-Afrika

nirgends, wohl aber in Uganda gebaut und liefert dort eine

grossbohnige, dem Liberia-Kaffee ähnliche Sorte von mittelmässiger

Qualität. Dieselbe könnte eben so gut in deutschem Gebiete gepflanzt

werden.

=Tabak= wird fast überall in reichlichen Mengen, allerdings

minderer Qualität gebaut und könnte heute schon einen Exportartikel

liefern.

=Produkte der Viehzucht= spielen im Karawanenverkehr

eine gewisse Rolle. Zeburinder, Ziegen und Schafe werden als

Schlachtvieh an die Küste getrieben und dort meist mit sehr grossem

Gewinn verkauft. Esel der guten Massai- und der schlechteren

Wanyamwesi-Varietät gelangen auch oft an die Küste, wo sie sehr

schwankende Preise von 5-40 Rps. erzielen. Die Seuche, welche in den

letzten Jahren in Ost-Afrika wüthete, hat einen grossen Theil der

Rinder hinweggerafft und nur langsam erholen sich die Viehzüchter

von derselben. Rationelle Zucht, eventuell Veredelung durch fremde

Rassen, kann viel zur Hebung der Viehzucht beitragen, auch muss auf

die Ausbildung der Rinder zu Zugthieren Bedacht genommen werden, da

die höhere Entwickelung des Ackerbaues solche unbedingt erfordern

wird.

Die Esel sind heute schon ein nicht zu unterschätzendes

Transportmittel und sowohl als Lastthiere, wie zum Karrenzug

verwendbar. Veredelungen mit den im Innern vorzüglich gedeihenden

Maskat-Eseln würden jedenfalls gute Resultate erzielen. --

Fast sämmtliche oben genannte Kulturpflanzen sind =nicht=

afrikanischer Abkunft, sondern erst seit relativ kurzer Zeit

eingeführt. Grade dieser Umstand beweist, dass man von den Afrikanern

erwarten und hoffen kann sie zur weiteren Ausdehnung dieser Kulturen

wie zur Annahme neuer Nutzpflanzen bereit zu finden.

Manche Stämme, vor Allem die Wanyamwesi, haben sich Bedürfnisse,

hauptsächlich an Baumwollzeug, angeeignet, zu deren Befriedigung

sie sich grosser Mühe unterziehen. Als Träger wandern sie nach der

Küste, leisten dort oft Dienste als Arbeiter und kehren dann mit den

europäischen Industrieerzeugnissen ins Innere zurück.

Mit dem Schwinden des Elfenbeins, mit der Eröffnung der Kongo- und

Nyassaroute wird der grosse Karawanenverkehr und damit auch diese

Einnahmequelle aufhören. Zwar werden die Leute an der Küste stets

Arbeit finden, aber es scheint doch sicher, dass sie auch bereit

sein werden, durch Anbau werthvoller Kulturpflanzen ihre Bedürfnisse

zu decken, falls durch Verkehrsmittel die Märkte zu solchen

geschaffen werden. Auch jene Stämme, welche gegenwärtig abseits der

Handelsstrassen ein primitives Dasein führen, unter welchen sich

jedoch hochbegabte und kräftige Völker, wie die Wambugwe und vor

Allem die Warundi, befinden, werden sich Bedürfnisse aneignen und mit

der Aussenwelt in Beziehung treten, sobald moderne Verkehrsmittel bis

ins Innere führen.

Der =Import= nach diesen Gegenden besteht vor Allem in

bedeutenden Mengen Baumwollzeug. Dieses wird wohl stets die erste

Rolle spielen und gewinnt täglich an Verbreitung. Im südlichen

Unyamwesi und Ost-Ussui hat es Fell- und Rindenkleidung fast

vollkommen ersetzt, in Usukuma nimmt es ungeheuer zu. Nur im

abflusslosen Gebiet ist fast ausschliesslich Lederkleidung üblich,

während Urundi nur Rindenzeug kennt. Wie rasch jedoch Baumwollzeug

solche nationalen Bekleidungsmittel verdrängen kann, zeigt das

Beispiel in Umbugwe. Im März 1892, bis zu welchem Zeitpunkt das

Land gänzlich unzugänglich war, sah ich dort ausschliesslich

Lederkleidung. Als durch die Kämpfe der Expedition das Land

erschlossen wurde, verbreitete sich Baumwollzeug mit unglaublicher

Schnelligkeit und im Januar 1893 fand ich die meisten Eingeborenen

damit bekleidet, während im März 1892 kaum ein Fetzen im ganzen

Lande aufzutreiben war. Was die Qualität dieser Stoffe anbelangt,

so verlieren die =schlechten= immer mehr an Beliebtheit.

Die Erfolge des Irländers Stokes gegenüber seinen indischen

und arabischen Konkurrenten liegen hauptsächlich darin, dass

er =gute= und =billige= Stoffe verkauft, welche die

Eingeborenen den schlechten vorziehen, auch wenn diese noch billiger

sind.

Neben Baumwollstoffen könnte noch die Waffen- und Munitionseinfuhr

genannt werden, die stets in bedeutenden Mengen stattfand. Dieselbe

steht jedoch in so innigem Zusammenhange mit dem Sklavenhandel

und könnte eine so bedrohliche Macht im Rücken des Küstengebietes

schaffen, dass ihre strenge Unterdrückung bekanntlich zu den

wichtigsten, durch internationale Verträge verbürgten Aufgaben

der deutschen Kolonialverwaltung gehört. Es kommen also nur

mehr Nebenartikel, wie Glasperlen, Metalldraht, Produkte der

Eisenindustrie u. s. w. in Betracht.

Dass diese Länder eine kolossale Konsumtionsfähigkeit besitzen ist

zweifellos. Um jedoch die Völker zu Konsumenten zu machen, bedarf es

vor allem der Hebung der eingeborenen Produktion durch Herstellung

geordneter Zustände und durch Schaffen von Verkehrsmitteln,

welche den kostspieligen, für minderwerthige Produkte ungeeigneten

Trägertransport vortheilhaft ersetzen.

Was die unbewohnten Gebiete anbelangt, so scheint mir deren

allmähliche Besiedelung in hohem Grade wünschenswerth. Dieselbe

muss durch eingeborene Einwanderung begonnen werden, welcher dann

vielleicht eine fremde Einwanderung folgen kann.

Bei der =eingeborenen Einwanderung= denke ich vor Allem an

die Wanyamwesi, die heute schon mit Vorliebe Kolonien in anderen

Gegenden gründen. Ihre Arbeitskraft, Zähigkeit und Intelligenz

macht sie zu Kulturträgern ersten Ranges, wie man in Unyanganyi

und Ussandaui sehen kann, wo Wanyamwesi-Ansiedler die wilden

Eingeborenen vollkommen gebändigt und das Land dem Handel

erschlossen haben. Die Förderung und systematische Anlegung

solcher Kolonien gerade im abflusslosen Gebiet scheint mir von

hervorragender Wichtigkeit. Jede solche Niederlassung vertritt,

wenn sie unter gehöriger Aufsicht steht, eine Station mit einem

Europäer; ohne Schutztruppe, ohne Weissen kann man hier dasselbe

Ziel, die Sicherung der Strassen, die allmähliche Heranbildung der

Eingeborenen, erreichen. Menschenmaterial findet man in Unyamwesi

genug, denn der Unternehmungsgeist dieses merkwürdigen Volkes treibt

Angehörige desselben immer wieder in die Ferne. Solche Kolonien

unter primitiven Völkern, wie Wafiomi, Wanyairamba, Wanyaturu u. s.

w. wären ein äusserst nützliches Ferment. Wo sie heute bestehen,

sieht man deutlich, wie die Eingeborenen mehr und mehr ihre

ursprünglichen Sitten verlassen und sich dem Wanyamwesi-Typus nähern,

eine Umwandlung, welche der Ethnograph vielleicht beweint, der

Kolonialpolitiker aber nur mit Freuden begrüssen kann.

Dass ähnliche Niederlassungen unter europäischer Aegide möglich

sind, zeigt meine Begründung einer Wanyamwesi-Kolonie in Umbugwe

unter Mwanangwa Swetu. Dieselbe erblühte unglaublich rasch und war

für meine Nachfolger Kompagnieführer Langheld und Herrn Wolf ein

Stützpunkt von hohem Werth, erfüllt also genau denselben Zweck als

eine Station mit einem Europäer, nur dass die Kosten monatlich nicht

mehr als 5 Rps. betragen! Solche Ansiedler, die ihre Existenz an ein

Land knüpfen haben eben ein direktes Interesse mit den Eingeborenen

einen modus vivendi zu finden und verstehen es rasch zu Einfluss zu

gelangen. Anderseits ist ihnen das Wohlwollen und die Unterstützung

der Europäer von so hohem Werth, dass sie sich sorgfältig hüten

es mit diesen zu verderben. Natürlich muss ihre Autorität den

Eingeborenen gegenüber eine gewisse Stütze erhalten; diese liesse

sich jedoch von einer europäischen Station aus leicht gewähren, die

gleichzeitig die Ueberwachung dieser Wanyamwesi-Kolonien zu leiten

hätte.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 27 / 41 段