Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren

Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich

die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine

Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz

Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch

dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche),

spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen

jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt.

Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren

Herrscher an.

[Illustration: Hüttenamulett der Wasukuma.]

[Illustration: Amulettfigur der Wasukuma.]

Die Häuptlingswürde ist thatsächlich erblich, dem Namen nach besteht

ein Wahlkönigreich, doch wird eben fast immer der Sohn oder sonst

nächste Verwandte des verstorbenen Häuptlings gewählt. Manche

Häuptlingsfamilien behaupten von Watussi abzustammen, doch lässt ihr

Typus davon jedenfalls nichts mehr erkennen. Kleine Stammkriege sind

häufig und werden mit ziemlicher Erbitterung geführt, die Dörfer

des geschlagenen Feindes werden verbrannt. Kriegsgefangene werden zu

Sklaven gemacht und meist an Küstenleute verkauft. Im Lande selbst

findet man auch ziemlich viele Sklaven aus Manyema, vom Tanganyika

u. s. w., die sich guter Behandlung erfreuen.

Grössere Kriegs- und Raubzüge werden von einzelnen Häuptlingen mit

ihren »Ruga-Ruga« (Räubern) ausgeführt, die phantastisch geschmückt

ins Feld ziehen und oft zur wahren Landplage werden.

Die Wanyamwesi sind ein kriegerischer und muthiger Stamm, besonders

wenn es sich um die Vertheidigung von Haus und Feld gegen einen

wirklichen oder eingebildeten Feind handelt. Sie sind dann weit

ernstere Gegner als etwa die Massai und wissen ihre zahlreichen

Gewehre und ihre festen Dörfer tüchtig auszunutzen. Europäern sind

sie im Allgemeinen geneigt und wenn es doch in Unyamwesi zu Kämpfen

kam, so ging die Veranlassung dazu von Leuten aus, welche, wie Isike

von Tabora, Feinde jeder geordneten Regierung sind. Der durchaus

praktische Sinn der Wanyamwesi erkennt weit leichter als andere

Eingeborene den ungeheueren Vortheil, den der direkte Verkehr mit

Europäern für sie haben kann. Missionare und Reisende fanden denn

auch niemals ernste Schwierigkeiten in Unyamwesi, erstere werden

überall als Freunde betrachtet, haben allerdings im Bekehrungswerk

fast gar keinen Erfolg, da der Mnyamwesi in religiöser Beziehung

vollkommen gleichgiltig ist. Selbst der Islam, der doch sonst auf

schwarze Naturmenschen eine zauberhafte Anziehungskraft ausübt, macht

in Unyamwesi gar keine Proselyten.

Im Gegensatz zu den phantasiereichen, leicht erregbaren Waganda

sind die Wanyamwesi eben durchaus materiell angelegte praktische

Leute, die von Fremden nur das annehmen, was für ihre Bequemlichkeit

förderlich ist. Man kann daher in Urambo, drei Monate von der

Küste, reinlichere und besser bekleidete Menschen und schönere

Felder und Dörfer antreffen, als etwa im Wadigoland, drei Stunden

von der Küste. Diese leichte Aneignung neuer Bedürfnisse, verbunden

mit grossem Unternehmungsgeist und bedeutender Arbeitskraft,

lassen die Wanyamwesi als ein für koloniale Zwecke hoch geeignetes

Menschenmaterial erscheinen. Deutschland kann sich beglückwünschen,

ein solches Volk in seinen Schutzgebieten zu besitzen und die

Engländer würden wohl gern ihre vielgepriesenen, intelligenten aber

faulen und fanatischen Waganda hergeben, wenn sie dafür so ruhige,

unermüdliche Arbeiter eintauschen könnten, wie die Wanyamwesi.

Zum Schluss sei es auch hier gestattet, die Völker des

Nyansa-Tanganyika-Gebietes überblickend, einen Schluss auf deren

ursprüngliche =Wanderungen= zu ziehen.

Als Ureinwohner dieser Gebiete erscheinen die Pygmäen-Völker,

Jägerstämme von niedrigem Körperbau, die mit Bogen und Pfeil dem

Wild nachstellten. In Urundi treten sie als Watwa noch heute auf

und bilden die Verbindung mit den gleichnamigen Pygmäen-Stämmen der

Kongowälder. Im Osten sind sie durch die Wanege der Wembere-Steppe

vertreten, während sie in den dicht bewohnten centralen Gebieten

völlig verschwunden sind.

Diese wurden von einem mächtigen Bantustamm mit der Wandertendenz

von Nord nach Süd, den Nyansa- (Zwischenseen-) Völkern, eingenommen,

welche die Ufergebiete des Victoria-Nyansa in West und Ost und den

grössten Theil des heutigen Unyamwesi einnahmen. Auf sie drückten

die Wanyamwesi mit der Wandertendenz von Süd nach Nord, erreichten

den Victoria-Nyansa und theilten die Nyansa-Völker in zwei Gruppen,

die sich von da ab selbstständig entwickelten. Es sind dies die

=östlichen Nyansa-Völker=, bestehend aus den Waschaschi, Wanyairamba

und Wanyaturu, von welchen die Waschaschi sprachlich zweifellos der

Wanyoro-Gruppe angehören, während die Wanyairamba und Wanyaturu

aus ethnographischen Gründen diesen Stämmen beigezählt werden

müssen, und die =westlichen Nyansa-Völker=. Diese bestehen aus den

Völkergruppen, die sich von Unyoro bis Ussambiro und Usinja im Westen

des Victoria-Nyansa ausdehnen.

Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi

näher als diesen stehend sind die =Warundi-Völker=, welche den

Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum

Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.

Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die =Hamiten=

als =Watussi= auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach

und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa

ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als

Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse,

dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden

die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung)

als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi

und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den

Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher

einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren,

jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer

Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen

Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus

dem Süden stellen die Wangoni vor, die der =Zulu-Gruppe= angehören.

Wenn wir die =Gesammtheit= der Nilquellvölker überblicken so

finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und

durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich

hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete,

wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome

Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen

Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.

Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders

Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von

dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive

Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen

ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich

erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten

Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich

und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen

Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar

egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur

wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit

dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen

Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die

auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem

Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt,

ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu

bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit,

der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten

aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!

[Illustration: Schädel des Watussi-Rindes.]

[Illustration: Tabora.]

X. KAPITEL.

Der wirthschaftliche Werth des Landes.

Der Karawanen-Handel. -- Die Massai-Karawanen. -- Der Tabora-Handel.

-- Die Manyema-Araber. -- Rohprodukte des Landes. -- Anbaufähigkeit

des Gebietes. -- Bevölkerungsdichtigkeit. -- Kulturpflanzen. --

Viehzucht. -- Import. -- Eingeborene und fremde Einwanderung. --

Ostafrikanische Eisenbahnen.

Die Gebiete des tropischen Afrika, welche erst vor wenigen Jahren

aus ihrem Dunkel hervorgetreten sind und begonnen haben, für die

europäischen Nationen eine praktische Bedeutung zu gewinnen, diese

ungeheuren Striche sind ihrem ganzen Wesen nach Zukunftsländer, also

solche, deren Werth nicht nach dem bemessen werden kann, was sie

heute liefern, sondern nach dem, was sie einmal liefern werden.

Dieser unzweifelhafte Satz ist von Freunden und Gegnern der

Kolonial-Politik vielfach unrichtig aufgefasst worden. Während er

den ersteren Veranlassung zu den kühnsten Hoffnungen bot, liess

er letztere alles schwarz sehen. Gegenwärtig jedoch, wo der erste

koloniale Taumel verraucht ist, wo die »Schwärmer« theilweise

abgekühlt sind, die Gegner jedoch durch die Thatsachen langsam

gewonnen werden, gegenwärtig ist es an der Zeit, koloniale Fragen

völlig nüchtern zu erörtern. Der richtige Weg dazu scheint doch immer

der zu sein, erst festzustellen, was die fraglichen Länder heute

liefern und daraus Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.

Wenn wir nun die weiten Gebiete Deutsch-Ostafrika's überblicken,

welche die Massai-Expedition auf ihren Zügen durchstreifte, so finden

wir, dass dieselben seit Jahren nur zwei Produkte geliefert haben:

Elfenbein und Sklaven. Einzig die Gier nach diesen war es, welche

die Araber und Swahíli ins Innere des Kontinentes trieb, einzig

und allein diese beiden Produkte riefen den ganzen Karawanenverkehr

Centralafrika's hervor.

Von den Karawanen, welche Handelszüge ins Innere unternehmen, sind

jene nach den Massai-Ländern und jene auf der Tabora-Strasse ziemlich

wesentlich von einander verschieden.

Die =Massai-Karawanen=, die von Mombas, Wanga, Tanga oder

Pangani, selten von Sadani ausgehen, sind wahrscheinlich älter als

die der Tabora-Route und schlossen sich unmittelbar an den Handel

an, der von Makdischu aus mit dem Binnenlande getrieben wurde. Die

eigentlichen Unternehmer sind Inder, welche an einen oder mehrere

Swahíli Vorschüsse geben, die nach der Rückkehr in Elfenbein

ausgezahlt werden müssen. Araber betheiligen sich fast garnicht

direkt am Massai-Handel, stellen den Karawanen jedoch vielfach

ihre Sklaven als Träger und erhalten dafür einen Antheil von der

Löhnung. Die Karawanen sind selten unter 100, oft bis 500 Mann

stark und bestehen ausschliesslich aus Küstenleuten, die durchweg

mit Vorderladern bewaffnet sind. In Taveta oder Aruscha lösen sich

grosse Karawanen in kleine Abtheilungen von 100 bis 150 Mann, oft

noch weniger, auf, die dann auf verschiedenen Routen ins Massai-Land

vorrücken. Die Linien, welche hauptsächlich begangen werden, sind die

folgenden:

Von Taveta oder Ukambani nach Kikuyu und Njemps am Baringo.

Von Aruscha über Ober-Aruscha nach Nguruman und Njemps.

Haben die Karawanen einen Inlandposten erreicht, so gründen sie meist

ein befestigtes Lager, von dem aus sie Streifzüge nach der fernen

Umgebung machen. Von Unter-Aruscha durchstreift man die Massai-Steppe

bis Kiwaya hin, von Ober-Aruscha dringt man über Mutyek nach Elmarau

und Ngoroïne vor. Von Nguruman werden Vorstösse nach Sonyo und

Ndassekera gemacht und der Naivascha-See ist der Ausgangspunkt für

die Routen über Mau nach Kavirondo und nach den Plateauländern von

Lumbwa, Nandi und Kossowa. Die wichtigste Station bleibt jedoch

Njemps, von der aus Reisen nach Kamassia und Kavirondo, sowie nach

Leikipya und zum Rudolf-See unternommen werden.

Das Elfenbein, sowie die Nahrungsmittel, deren die Karawanen

bedürfen, werden stets von den Eingeborenen =gekauft=,

Gewaltthätigkeiten üben die Massai-Händler niemals aus. Sie sind im

Gegentheil den Eingeborenen gegenüber stets der leidende Theil und

haben unter Erpressungen und Räubereien schwer zu leiden. Ueberhaupt

ist eine Massai-Reise stets ein sehr gewagtes Unternehmen. Wenn auch

von Seiten der Eingeborenen, besonders der Massai, heute kaum mehr

Gefahren vorliegen, so drohen doch Hunger und Wassermangel in den

weiten unbewohnten Strichen und ein Drittel der Leute ist fast immer

dem Untergange geweiht.

Ausser Elfenbein bringen die Karawanen stets auch einige

=Sklaven= nach der Küste, meist Kriegsgefangene der

Eingeborenen, die sie von diesen kaufen oder auch in seltenen Fällen

rauben. Früher wurden fast nur Kavirondo- und Wakamba-Sklaven an

die Küste gebracht, gegenwärtig, wo die Hungersnoth im Massai-Land

wüthet, schliessen sich auch zahlreiche Massai den Karawanen an und

werden an der Küste verkauft. Im Allgemeinen ist der Sklavenhandel

der Massai-Karawanen ein ganz unbedeutender und fast völlig frei von

den Gräueln des Sklavenraubes.

Das Erträgniss dieser Reisen wird mit jedem Jahre geringer.

Im deutschen Massai-Gebiet ist das Elfenbein nahezu erschöpft

und fast alles, was an die Küste gebracht wird, stammt aus der

englischen Interessensphäre. Doch liegen drei wichtige Centren des

Massai-Handels, Ober- und Unter-Aruscha und Nguruman im deutschen

Gebiet, von welchem allerdings nur Unter-Aruscha im Machtbereich der

Kilimanjaro-Station liegt.

Da die Stämme, mit welchen die Karawanen in Verbindung treten

Baumwollzeug wenig schätzen, so besteht die durch sie vermittelte

Einfuhr fast nur in Eisen- und Messingdraht und Glasperlen.

Feuerwaffen und Munition haben sie niemals in irgendwie

nennenswerthen Qualitäten eingeführt, wie denn überhaupt ihr Einfluss

auf das materielle Dasein der Eingeborenen ein ganz unbedeutender

ist. Es liegt dies hauptsächlich darin, dass sie niemals im Innern

=dauernde= Niederlassungen gründen, während solche für die

Händler der Tabora-Route charakteristisch sind. Auf letzterer bewegen

sich auch ständig Handelszüge der Eingeborenen nach der Küste,

während von solchen in den Massai-Gebieten keine Rede ist.

Auch für den =Tabora-Handel=, der in Bagamoyo und Sadani seine

Hafenplätze hat, sind Inder die eigentlichen Unternehmer. Vor Allem

spielt das grosse Sansibar-Haus Tarya Topan eine leitende Rolle,

als deren Agenten die hervorragendsten Araber, wie Tippo-Tip in

Manyema, Saïd bin Omar in Irangi u. A. zu betrachten sind. Die

Karawanenführer, überhaupt die Leiter der Inland-Unternehmungen

sind jedoch fast ausschliesslich Araber. Diese haben von jeher das

Vorgehen befolgt: Inlands-Stationen zu gründen und von diesen aus

ihre kommerzielle Verbindung auf die Umgebung auszudehnen, die dann

zur Gründung neuer Niederlassungen führte. So wurden Usagara und

Irangi, und später auch =Tabora= begründet.

Um das Jahr 1830 drangen die Araber über Usagara hinaus nach

Unyamwesi, begründeten aber erst 10 Jahre später eine Niederlassung

in Kigandu, etwa zwei Tagereisen nördlich vom heutigen Tabora. Etwa

gleichzeitig wurde Msenne bei Urambo begründet, welches lange Jahre

»die Hauptstadt der Küstenaraber und Swahíli« war. Burton, der

Msenne 1858 besuchte, fand dort zahlreiche grosse Temben und Hütten

im Küstenstyl und konnte sämmtliche Tauschwaaren erhalten. Weit

unbedeutender war zu Burtons Zeit =Kazeh=, ein Ort, nach welchem

1852 die Niederlassung in Unyanyembe von Kigandu aus verlegt wurde.

1840 wurde von Msenne aus Ujiji begründet und erst 1846 das heutige

Tabora, das Anfangs unwichtig, später alle anderen Niederlassungen

überflügelte und lange Zeit der Centralpunkt des Handels war.

Diese Stationen sind nicht nur Handelsniederlassungen, sondern

auch Mittelpunkte für die =Elephantenjagd=, das sogenannte

=Makua-Geschäft=. Dieses besteht darin, dass ein Araber

oder Swahíli mit einem oder mehreren Elephantenjägern in ein

Vertragsverhältniss tritt. Die ersten Jäger, welche vom Sultan

Seyid Saïd eingeführt wurden, waren Makua, und dieser Name hat

sich auf ihre Nachfolger übertragen, obwohl sie allen Stämmen des

Küstengebietes und Unyamwesi's angehören. Sie leben in kleinen

Gruppen unter Anführung eines »Fundi« (Meisters), welcher den

Jagdzauber fertigt von dem alles abhängig gemacht wird. Viele kommen

Jahrzehnte lang nicht nach der Küste, manche sind sogar im Innern

aufgewachsen, alle werden durch das Leben in der Wildniss zu rauhen,

trotzigen Gesellen.

Der Unternehmer versieht diese Leute mit Pulver und Gewehren, dann

gehört von jedem erlegten Elephanten ein Zahn den Jägern und einer

dem Kaufmann. Auf ihr Elfenbein erhalten die Jäger jedoch meist zu

wucherischen Bedingungen Vorschüsse in Bedarfsartikeln, Zeug u. s.

w. und kommen aus den Schulden nicht heraus. Dabei wird der Beruf ein

immer mühsamerer, denn die Elephanten ziehen sich begreiflicherweise

immer weiter in unbewohnte Gebiete zurück und schwinden überhaupt

sehr merklich. An Orten wo sie früher zahlreich waren, wie am

Gurui-Berg, sind sie nahezu ausgerottet. Die Jäger aus Usagara und

Irangi durchstreifen jetzt hauptsächlich die östliche Massai-Steppe

und das Umbugwe-Gebiet, jene von Usukuma beuten das Wembere-Gebiet

aus und wagen sich in die Nyansa-Gegenden, ja bis Unyoro vor. Von

Tabora aus gehen Jäger bis in die Wälder Manyema's.

Neben der Elephantenjagd geht der =Elfenbeinhandel=, welcher

die Jagdergebnisse der Eingeborenen erwirbt. Doch machen den

Küstenhändlern darin die Wanyamwesi sehr bedeutende Konkurrenz. Die

Gebiete westlich am Nyansa und bis Unyoro hin sind fast gänzlich

in den Händen der Warambo, jene der östlichen Gebiete werden

neuerdings von den Wasukuma planmässig ausgebeutet. Die Araber sind

am Victoria-See fast ganz aus dem Felde geschlagen, und der einzige,

der neben den Eingeborenen bestehen kann, ist der Irländer Stokes,

der sich eben vollkommen der Wanyamwesi-Methode angepasst hat.

Jene Händler, welche sich mit dem Makuageschäft und mit

Elfenbeinhandel im Gebiet zwischen der Küste und den Seen abgeben,

betreiben nur wenig =Sklavenhandel= und keinen Sklavenraub.

In Despotenstaaten wie Ussui und Karagwe, in Ländern fortwährender

Fehden wie Unyamwesi, bietet sich stets Gelegenheit zum Ankauf von

einzelnen Kriegsgefangenen oder Verurtheilten. Dass ihre Zahl jedoch

eine geringe ist, kann man schon aus der verschwindenden Menge von

Sklaven aus diesem Gebiet schliessen, die man an der Küste findet.

Auf 1000 Sklaven aus Manyema kommt höchstens einer aus Uganda und

Unyamwesi und die Zahl der Manyema-Sklaven ist wieder verschwindend

gegen die Hochfluth von Menschenwaare aus dem südlichen Schutzgebiet,

den Wahiao, Wangindo, Wanyassa u. A., welche die Hauptmasse der

Sklavenbevölkerung in Sansibar und an der Küste bilden. In früherer

Zeit mag der Sklavenhandel zwischen der Küste und den Seen grössere

Ausdehnung gehabt haben. Irgend welche Gewaltthaten waren jedoch kaum

jemals direkt damit verbunden. Stets wird der Sklave =gekauft=,

wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Händler die Eingeborenen

zum Abfangen solcher verleiteten.

Ueberhaupt ist mit dem Eingeborenen-Verkehr zwischen Küste und

Seegebiet ganz und gar nichts Gewaltthätiges verbunden. Die Träger

erhalten einen Lohn und bestehen zum allergeringsten Theil aus

unbesoldeten Sklaven. Nahrungsmittel werden gekauft und wenn auch

einzelne Diebereien vorkommen, so ist doch sicher, dass die Karawanen

in diesen Gebieten stets mehr von den Eingeborenen zu leiden hatten,

als umgekehrt. Die Vorwürfe, welche in neuerer Zeit gegen die

Missstände des Verkehrs erhoben wurden, scheinen mir daher, soweit

sie die Eingeborenen-Karawanen betreffen, ziemlich unbegründet. Die

Sicherung der Karawanenstrassen als Adern des Verkehrs wird daher mit

Recht als eine der ersten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet.

Damit wird auch der ohnehin unbedeutende Sklavenhandel schwinden.

Gegen die planmässige Ausrottung des Elephanten giebt es allerdings

kein Mittel: denn welche Schutztruppe wäre im Stande den streifenden

Jäger der Steppe zu kontrolliren? Das Einzige was geschehen könnte,

wäre ein Verbot =kleine Zähne=, also solche der jungen Thiere,

in den Handel zu bringen, ein Verbot, das durch Konfiskation solcher

Zähne Nachdruck erhalten könnte. Die gleiche Maassregel wird im

englischen Schutzgebiet geplant und würde den Vernichtungskrieg

wenigstens etwas aufhalten.

Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in

Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels

von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute,

welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos

=keine= Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber,

vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan

abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und

Bwana Nsige (Stanley Falls).

Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich

mit Handel -- sei es auch Sklavenhandel -- abgeben, verüben die

Manyema-Araber nur =Raub=. Der Unterschied ist auf den ersten

Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren

Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse

Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte

die nur der =Handel= eingeführt haben kann. Am Nordende des

Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also

in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand

ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten

Beweis liefert, dass es sich hier nur um =Raubzüge= handelt.

Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die

Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los

die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei

verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu

gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden.

Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich,

dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der

Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit

den Sklavenhändlern.

Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der

stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der

kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein

und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort

Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur

Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem

Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche

des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 26 / 41 段