Wenn schon im besiedelten Theil des abflusslosen Gebietes solche

Wanyamwesi-Niederlassungen den höchsten Werth hätten, so wäre

dies noch mehr im Massai-Land, hauptsächlich in Mutyek und bis

Serengeti hin der Fall. Dass es möglich wäre Leute zu finden, die

sich in den genannten Gegenden sowie in den Massai-Steppen, am Donyo

Kissale u. s. w. niederlassen und dadurch diese Gebiete zugänglich

machen, scheint mir völlig zweifellos. Von den Massai ist, wie ich

ausdrücklich betone, weder bezüglich solcher Ansiedelungen noch

überhaupt das Geringste zu fürchten. Ihre Hauptmacht ist gebrochen,

auch sind sie, wie sich in der englischen Interessensphäre täglich

zeigt keineswegs so schroff ablehnend wie stets angenommen wurde.

Eine wenn auch noch so sporadische Besiedelung durch eingeborene

Ackerbauer muss vorangehen, bevor an die Einleitung einer fremden

=europäischen Einwanderung= gedacht werden kann. Wenn es

überhaupt Gebiete im tropischen Afrika giebt, die für solche

Ansiedelung geeignet sind, so sind es die deutschen Massai-Gebiete

von Iraku bis Mau, wo Höhenklima sich mit Wasserreichthum

paart. Allerdings wäre es verfehlt, direkt einen diesbezüglichen

Versuch einzuleiten. Zu einem solchen eignen sich die küstennahen

Hochweide-Gebiete Usambára's und Pare's, vielleicht auch des

Kilimanjaro am meisten. Da die für Europäer geeigneten Striche dieser

Landschaften immerhin nur kleine sind, so muss jedoch schon von

vornherein an die Möglichkeit einer Besiedelung der Massai-Gebiete

gedacht werden, die vor Allem durch Anlage von Wanyamwesi-Kolonien

eingeleitet werden könnte.

Denn nur in den Hochgebieten, die eben in geschlossenen Massen im

Massailand vorhanden sind, kann an die Möglichkeit europäischer

Ansiedelungen gedacht werden. Die =Tiefländer= unter 1200 m

Seehöhe sind nirgends malariafrei und gestatten daher Europäern eine

dauernde Niederlassung nicht. Ob für diese weiten, spärlich bewohnten

Striche vielleicht eine andere fremde, etwa chinesische oder indische

Einwanderung in Betracht käme, mag dahingestellt bleiben: Raum genug

für eine solche wäre jedenfalls vorhanden.

Wie immer man jedoch die wirthschaftliche Zukunft des Innern

Ostafrika's betrachtet, stets stösst man auf die Schwierigkeit der

=Transportmittel=, deren heutige Form jede Entwickelung hemmt.

Durch Trägerkarawanen lässt sich eben nur Elfenbein, vielleicht auch

Vieh und Esel mit grosser Schwierigkeit nach der Küste schaffen.

Alle anderen Produkte, vor allem jene des Ackerbaus, die doch die

eigentliche Zukunft des Landes bilden, sind auf diesem Wege nicht zu

befördern, da sie die Kosten solchen Transportes nicht lohnen.

Wenn es sich nun darum handelt Linien zu finden, welche durch Anlage

einer =Strasse= oder =Eisenbahn= die Kolonie erschliessen

sollen, so müssen dabei in erster Linie wirthschaftliche, in zweiter

Terrain-Gründe maassgebend sein. Es muss ferner bedacht werden

die »zweite Küste« Ostafrika's, die der grossen Seen möglichst

auszunutzen.

Eine Linie, welche, sei es nun von Tanga oder von Bagamoyo oder

Dar-es-Salaam aus nach Tabora führt, müsste nach dem obengenannten

Gesichtspunkte als gänzlich verfehlt betrachtet werden. Denn bei

diesem Projekt herrscht offenbar die irrige Voraussetzung, dass

Tabora, das lange Zeit das Emporium des Elfenbein- und Sklavenhandels

=war= aber schon heute nicht mehr =ist= auch in Zukunft

eine Rolle spielen werde. Dies ist jedoch, wie oben ausgeführt,

vollkommen ausgeschlossen. Ebenso wie Msenne, welches 1858 der

Centralpunkt des Inlandhandels war, völlig verschwunden ist, so wird

in einem Jahrzehnt auch von Tabora nicht viel übrig bleiben.

Eine Bahn von Tanga nach Tabora hätte allerdings keine wesentlichen

Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Sie würde bei Korogwe den Ruvu

überschreiten und bei Mgera fruchtbares Gebiet verlassen. Durch den

ödesten Theil der Massai-Steppe würde sie nach Irangi führen und

die fruchtbaren Hochgebiete weitab im Norden liegen lassen. Etwa

bei Unyanganyi müsste sie das Plateau ersteigen, welches in Turu

besonders unfruchtbar ist, hierauf die Wembere-Steppe durchqueren

und käme erst in unmittelbarer Nähe Taboras in halbwegs fruchtbares

Gebiet.

Nicht viel besser ist die Linie Bagamoyo--Tabora, die überdies

Anfangs ziemlich grosse Terrainschwierigkeiten bietet. Sie

verlässt in Usagara fruchtbares Gebiet und führt durch wasserarme,

dürre Strecken von Ugogo nach Tabora. -- Die ganze Linie, vom

Küstengebiet, also von Mgera einerseits und Usagara andererseits wäre

wirthschaftlich völlig unproduktiv und müsste erst durch Seitenlinien

ergänzt werden. Dasselbe wäre auch in Tabora der Fall, man müsste

einerseits zum Victoria-See, andererseits zum Tanganyika Linien

errichten, wenn das ganze Unternehmen überhaupt einen Zweck haben

soll. Wenn es sich also, wie auch von den Vertretern der Tabora-Linie

allgemein anerkannt wird, vor Allem um die Erreichung der Seen

handelt, so ist kein Grund einzusehen, warum dieser Zweck nicht in

gerader Richtung angestrebt werden soll.

Eine Bahn, die von Tanga zum Speke-Golf führt, würde sich der

Luftlinie am meisten nähern. Im Anschluss an die Korogwe-Bahn

würde sie, dem Thal des Ruvu oder Mkomasi folgend, an den Fuss des

Kilimanjaro gelangen. Der weitere Weg wäre nach Ober-Aruscha, um das

Südende des Simangori-Berges zum Nordende des Manyara-See, dann auf

die Höhe des Plateaus, durch Mutyek und am Nordende des Eyassi vorbei

nach Serengeti und Ntussu zum Nyansa, der etwa bei Nassa erreicht

würde.

Die Terrainschwierigkeiten dieser Linie wären nicht bedeutende,

jedenfalls ohne Vergleich geringer, als die der englischen

Mombas--Victoria-See-Bahn.

Bis zum Kilimanjaro durchschneidet die Bahn Ebenen und hat keinerlei

nennenswerthe Hindernisse zu überwinden. Aus rein wirthschaftlichen

Gründen wäre die etwas schwierigere Mkomasi-Route jener durch das

Ruvu-Thal vorzuziehen. -- Zwischen dem Kilimanjaro und Ober-Aruscha

dehnen sich ebenfalls Ebenen aus, in welchen die Ueberbrückung

einiger Gewässer nothwendig wären. -- Zwischen Ober-Aruscha und dem

Manyara-See führt die Linie fast völlig eben. Die Bäche, welche in

den See münden, würden wieder einige unbedeutende Brücken erfordern,

hierauf wäre die grösste Schwierigkeit, die Ersteigung des Plateaus

zu überwinden. Der Abfall ist aber am Nordende des Manyara nur ca.

100 m hoch, also weit niedriger und sanfter als an irgend einer

anderen Stelle. Am Plateau von Mutyek, etwa bis zur Höhe des Eyassi,

dürften noch einige nicht namhafte Schwierigkeiten zu bewältigen

sein. Dann tritt die Linie wieder in Ebenen und durchschneidet

diese ununterbrochen bis zum Victoria-See. Bei einer Länge von ca.

800 km hätte die deutsche Victoria-See-Bahn also ungleich geringere

Terrainhindernisse zu überwinden als die 1060 km lange englische.

Wirthschaftlich könnten durch eine solche Bahn die folgenden

Ziele erreicht werden: die fruchtbaren Gebiete des nördlichen

Usambáras und Pares würden direkt an die Küste angeschlossen. Der

Kilimanjaro, der nach Aussage aller Beobachter zu den besten Gebieten

Ostafrika's gehört und auch militärisch von hoher Wichtigkeit ist,

wäre zugänglich gemacht. Im weiteren Verlauf berührt die Linie den

Meru, der kaum weniger günstig beschaffen ist als der Kilimanjaro,

durchschneidet die Massai-Steppe in ihrem weniger unfruchtbaren,

schmalen Nordabschnitt und erreicht den Manyara, in dessen nächster

Nähe sich die bewohnten Ackerbaudistrikte Umbugwe und Iraku befinden.

Sie durchzieht hierauf das Mutyek-Plateau, welches, heute unbewohnt,

doch zu den fruchtbarsten Gebieten gehört und besonders in Bezug

auf europäische Einwanderung in Betracht kommt. Am Nordende des

Eyassi-See berührt die Linie die reichen Kochsalzlager dieser

Distrikte, führt hierauf durch Serengeti, das hauptsächlich als

Weideland in Betracht käme und betritt Usukuma, eines der dichtest

bewohnten und bebauten Gebiete des Innern, das bezüglich Ackerbau

sehr entwicklungsfähig ist.

Im Anschluss an die Bahn müsste natürlich ein Dampfer auf dem

Victoria-See laufen. Selbst für Dampfer bis zu 6 m Tiefgang ist der

See bequem fahrbar, doch müsste Feuerungsmaterial, sei es von Kohlen

oder Petroleum, mit der Bahn heraufgeschafft werden. Dieser Dampfer,

sowie einige Segelschiffe müssten den Verkehr auf dem See herstellen

und vor Allem dessen Küsten mit =Salz= versorgen.

Von Seiten feindlicher Völkerschaften wäre auf dieser Linie so gut

wie nichts zu befürchten. Einzig die Bewohner von Ober-Aruscha sind

entschiedene Gegner, doch steht deren endgiltige Niederwerfung in

hoffentlich naher Aussicht.

Im weiteren Verlauf der Route, besonders im Massai-Land, sind

Hindernisse von Seiten der Eingeborenen ganz und gar nicht zu

fürchten. Die Engländer, deren projektirte Bahn doch ebenfalls

das Massai-Land durchquert, veranschlagen für dieselbe eine

Schutztruppe von 400 Swahíli-Askari, hauptsächlich zur Bewachung

der Telegraphendrähte. Nach meiner Ansicht wäre diese Zahl für

die deutsche Linie noch zu hoch gegriffen. -- Jedenfalls müsste

jedoch einem Bahnunternehmen die wenigstens theilweise Besiedelung

der Massai-Länder durch Wanyamwesi-Kolonien vorangehen, da die

Verpflegung der Arbeiter während des Baues sonst schwierig würde. Die

Anlage solcher könnte in 1-2 Jahren in genügender Zahl erfolgt sein

und mit den Trassirungsarbeiten für die Bahn Hand in Hand gehen.

[Illustration:

Schematisches Profil der Victoria See-Bahn.

1:4,000,000.

Baumann, Massai, pag. 255.

]

Die Engländer nehmen für ihre Bahn die Benutzung indischer Kulis als

Arbeiter in Aussicht, da die englische Interessensphäre keinerlei

Völker beherbergt, die gegenwärtig schon zu intensiver Thätigkeit

geneigt wären. -- Darin ist man deutscherseits in glücklicherer Lage;

die Wanyamwesi stehen hier zur Verfügung. Tausende von Arbeitern sind

jederzeit in Usukuma und in den südlichen Strichen Unyamwesi's zu

haben. Nur für Arbeiten, welche besonderes Geschick erfordern, wären

Leute von der Küste oder von auswärts nöthig.

Die Verpflegung von Trassirungs-Kolonnen, sowie die der Arbeiter

während des Baues hätte keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten.

Bis Ober-Aruscha liefern die umliegenden Landschaften genügende

Nahrung. Ein Proviantdepot am Nordende des Manyara, wo auch eine

Wanyamwesi-Niederlassung zu gründen wäre, liesse sich leicht von

Umbugwe aus versorgen. Zwischen Manyara-See und Ntussu ist allerdings

gegenwärtig kein Proviant zu erhalten und es müsste die Verbindung

durch Begründung von Wanyamwesi-Niederlassungen vermittelt werden.

Uebrigens ist die genannte Strecke kaum so lang wie die von Kikuyu

nach Kavirondo der englischen Bahntrasse, die ebenfalls absolut

keine Nahrungsquellen bietet. Transporte auf dieser Route könnten von

Anfang an vorzugsweise mit Eseln ausgeführt werden, die sich, wie ich

aus Erfahrung weiss, sehr gut dazu eignen.

Ausser der genannten Linie könnte für eine Victoriasee-Bahn noch

die Route Tanga--Korogwe--Mgera--Irangi--Umbugwe--Meatu--Speke-Golf

in Betracht kommen. Dieselbe ist zweifellos kürzer und bequemer als

die alte Ugogo-Route und daher einer =vorläufigen= Entwickelung

als Karawanenstrasse wohl werth. Doch bietet sie ungleich mehr

Terrainschwierigkeiten und durchschneidet vielfach wirthschaftlich

aussichtslose Gebiete, sodass eine Bahn hier keine Vortheile

hätte. Da Umbugwe und die Nachbarländer viele Esel besitzen und

in Mgera einerseits, in Usukuma andererseits, leicht Träger zu

bekommen sind, so hat diese Route für gegenwärtige Verhältnisse,

sowie als Zufuhrlinie bei Bahnarbeiten grossen Werth und könnte

durch rohe Klärung event. auch für Eselkarren befahrbar gemacht

werden. -- Durch Wanyamwesi-Kolonien nahe den Routen Mgera-Irangi

und Mbulu-Meatu liessen sich die grossen nahrungslosen Strecken

dieser Linie verkürzen. Hier sowohl wie im Massai-Lande mag es

schwierig erscheinen, Niederlassungen in unbewohnten Gebieten zu

errichten. Wie ich jedoch die Verhältnisse kennen gelernt, ist mir

nicht zweifelhaft, dass man das nöthige Menschenmaterial dazu findet

und dass in wenigen Jahren =nahezu ohne Kosten=, die weiten

unbewohnten Gebiete wenigstens sporadisch besiedelt sein könnten.

Was das Bahnunternehmen anbelangt, so erscheint es auf den ersten

Blick gewagt, dasselbe auf eine Linie zu lenken, die heute fast

völlig unproduktiv ist. Aber es kann nicht genug betont werden, dass

jedes Projekt, welches auf den =heutigen= Handelsverkehr basirt

ist, von gänzlich verfehlter Anschauung ausgeht. Denn Elfenbein

wird niemals eine Bahn bezahlt machen, das können nur Produkte des

Ackerbaues.

Dass eine Bahn ein Kulturfaktor ersten Ranges und geeignet ist,

einen ungeahnten Aufschwung zu veranlassen, ist durch zahllose

Beispiele in europäischen und überseeischen Ländern bewiesen. Nicht

nur der gesammte Handel wird sich sofort an der Bahnlinie und ihren

Ausgangspunkten koncentriren, sondern auch jeder unerlaubte Verkehr,

vor Allem der Sklavenhandel wird aufhören oder bei der kolossalen

Abnahme jedes Karawanen-Verkehrs leichter zu verhindern sein.

Die Engländer, die doch in kolonialen Dingen gewiss keine

Phantasten, keine »Schwärmer« sind, gehen mit Ernst an den Bau der

Victoriasee-Bahn. Der einzige wenn auch nur scheinbar stichhaltige

Einwand gegen eine deutsche Bahn wäre der, dass =zwei= Bahnen

zum Victoria-See des Guten etwas viel seien. Die Vortheile der

Route Kilimanjaro--Speke-Golf gegenüber jener Kikuyu--Kavirondo sind

jedoch in die Augen springend. Vor Allem ist es die =nächste=

Linie -- käme doch eine Bahn Mombas--Kilimanjaro--Speke-Golf der

Luftlinie nahezu gleich --, ferner sind die Terrainschwierigkeiten

ungleich geringer und Arbeitskräfte weit leichter zu beschaffen.

Die Kosten einer solchen Bahn wären also weit geringer und der

erreichte Hauptzweck, die Verbindung des Victoria-Sees und Uganda's

mit der Küste wäre derselbe. Es scheint also nicht abzusehen, warum

eine =Vereinigung der beiden Bahnprojekte=, des deutschen und

englischen, nicht denkbar wäre.

Wenn man die Victoriasee-Bahn auf die Möglichkeit einer weiteren

Verlängerung betrachtet, so findet man, dass die Mlagarassi-Zuflüsse

in nächster Nähe des Victoria-Sees entspringen, also zweifellos

eine Bahnlinie zum Tanganyika, etwa von Bukome nach Ujiji, ohne

besondere Schwierigkeiten ermöglichen würden. Doch gehört eine

solche zweifellos der späteren Zukunft an, vorläufig ist der

Tanganyika unbedingt abhängig von der =Nyassa-Route=. Kein wie

immer geartetes Bahnprojekt kann mit dieser konkurriren. Sich zur

Nyassa-Route einen Zugang zu sichern, die weiten, vielversprechenden

Gebiete im Süden des Schutzgebietes, die heute noch eine terra

incognita sind, zu erforschen und der Kultur aufzuschliessen, scheint

mir eine der dringlichsten Aufgaben deutscher Kolonialpolitik.

Hier ist noch Pionierarbeit zu thun, während dieselbe im Norden des

Schutzgebietes vollendet und die Spezialforschung, die allmähliche

wirthschaftliche Erschliessung einsetzen kann.

Auf die Wichtigkeit geographischer Forschung kann nie genug

hingewiesen werden, obwohl dieselbe selbst in kolonialen Kreisen

gar oft als »gelehrter Kram« im Gegensatz zu den »praktischen«

Arbeiten aufgefasst wird. Wie kurzsichtig diese Ansicht ist,

zeigt am besten das Beispiel von Usambára. Es ist neuerdings öfter

die Frage aufgeworfen worden, warum sämmtliche wirthschaftliche

Unternehmungen sich auf Usambára koncentriren, wo doch andere

Gebiete ebenso grosse, ja grössere Vortheile bieten sollen.

Die Antwort darauf ist einfach die: weil man Usambára kennt und

weil es Niemanden einfällt sein Kapital in Ländern auf's Spiel

zu setzen, von welchen man nichts weiss. Aber nicht nur die

geographisch-naturwissenschaftliche, sondern auch die ethnographische

Forschung hat eine eminent praktische Bedeutung, auf die auch

Stuhlmann in seinem ausgezeichneten Werk hinweist. Denn sie allein

ist im Stande uns mit dem Denken und Fühlen der dunkelfarbigen Völker

vertraut zu machen, welche die deutschen Schutzgebiete bewohnen.

So lange Offiziere und Beamte vom hohen Ross ihres Europäerthums

verächtlich und interesselos auf den Neger herabblicken, solange sie

»Afrika ohne die Afrikaner« regieren wollen, so lange wird die Zeit

der verhängnissvollen Irrthümer kein Ende nehmen.

Was die Frage anbelangt, ob die ferneren Arbeiten sich auf die Küste

beschränken, oder auch das ferne Innere mit umfassen sollen, so

ist es allerdings richtig, dass die fruchtbaren Küstengebiete das

naheliegendste und aussichtsreichste Feld für koloniale Thätigkeit

in Ostafrika sind. Doch vor der Thatkraft und seltenen Kühnheit, mit

welcher Engländer und besonders Belgier heute daran gehen, das Herz

Afrika's der Kultur zu eröffnen, kann deutscher Unternehmungsgeist

nicht zurückstehen. Auf meinen langjährigen Reisen im tropischen

Afrika bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Erschliessung

des dunklen Welttheils zwar noch schwere Opfer erfordern, dass aber

der =Lohn= dieser Mühen sicher nicht ausbleiben wird.

Kapt. Lugard, ein genauer Kenner indischer und afrikanischer

Verhältnisse, spricht die Ueberzeugung aus, dass Ostafrika nicht

besser und nicht schlechter sei als Britisch-Indien. Hier wie

dort giebt es fruchtbare und wüste Strecken, gesunde Hochländer

und fieberreiche Niederungen. Was jedoch Indien unbedingt voraus

hat, ist die kolossale Bevölkerung; was uns in Ostafrika fehlt,

sind =Menschen=. Ungeheure Striche, und zwar nicht nur

Steppen, sondern auch wasserreiche, üppige Hochländer sind so gut

wie unbewohnt; überall ist die Bevölkerung äusserst dünn gesäet.

=Hebung der Einwohnerzahl= bleibt daher die wichtigste Aufgabe

in Deutsch-Ostafrika, möge sie immer durch Versuche angebahnt

werden, die zu einer fremden Einwanderung führen, oder möge sie die

Faktoren zu beheben suchen, welche eine Vermehrung der Eingeborenen

verhindern. Nicht nur aus Humanität, nicht nur aus sentimentaler

Sorge um unsere »schwarzen Brüder« sind wir verpflichtet, deren Lage

zu verbessern, sondern aus dem rein praktischen Interesse, das eine

Kolonialmacht an der Entwickelung ihrer Schutzgebiete haben muss.

Die Vermehrung der Inlandstationen, die strenge Aufrechterhaltung

des Verbotes der Waffeneinfuhr werden dem Fluch der Sklavenjagden

und Stammesfehden ein Ende machen und die vorschreitende Kultur wird

das Elend der Hungersnoth und der Seuchen mildern, das schwer auf den

Afrikanern lastet.

Den ungeheueren Anstrengungen der europäischen Nationen, die in der

Geschichte nicht ihres Gleichen haben, ist es gelungen, das tropische

Afrika zu erschliessen. Zwar ist die Periode der Erforschung

keineswegs abgeschlossen, viele Gebiete hat noch keines Europäers

Fuss betreten, und dass auch die Zeit der Entdeckungen noch nicht

vollendet, hat die Massai-Expedition bewiesen. -- Aber die Arbeit des

Pioniers kommt heute nicht nur der Wissenschaft zu Gute, sondern der

Missionar, der Kaufmann, der Pflanzer, sie folgen unaufhaltsam seinen

Spuren.

Auch mir war es vergönnt, bei der Erschliessung eines Theiles von

Ostafrika mitzuarbeiten. =Usambára=, welches ich in den Jahren

1888 und 1890 als förmliche terra incognita durchstreift, es steht

heute im Brennpunkt der deutschen kolonialen Interessen. Durch die

Urwälder von Handeï schallt die Axt des Pflanzers, auf den Höhen der

Bergdörfer hat der Missionar sein Kreuz aufgerichtet und am Fuss der

Berge ertönt der Pfiff der Lokomotive, der bestimmt ist, das Land aus

tausendjährigem Schlummer zu erwecken.

Mögen auch jene fernen Gebiete, in welchen die Massai-Expedition

zuerst die deutsche Flagge entfaltet, mögen auch die Hochplateaus

des Massailandes und die Quellländer des heiligen Nil, mögen auch sie

dereinst der Kultur erschlossen sein!

[Illustration]

ANHANG.

Die Kartenaufnahmen von Dr. O. Baumann werden unter dem Titel

»Die kartographischen Ergebnisse der Massai-Expedition des Deutschen

Antisklaverei-Komite«

als Ergänzungsheft No. 110 zu Petermanns Mittheilungen veröffentlicht.

I. Ueber Gesteine aus Deutsch-Ostafrika.

Von •Dr. Hans Lenk•.

Das von Herrn Dr. Oscar Baumann im Verlauf seiner letzten, in

den Jahren 1892 und 1893 ausgeführten Reise in Deutsch-Ostafrika

gesammelte und dem Mineralogischen Museum der Universität Leipzig

zur Untersuchung und Bestimmung übergebene petrographische

Material umfasst hauptsächlich Gesteinsproben aus dem südlich

vom Victoria-Nyansa sich ausbreitenden, archäischen Hochlande

von Unyamwesi und den sich zwischen jenem und dem Tanganyika-See

ausdehnenden Gebirgen von Ussui und Urundi, die gleichfalls

wesentlich aus altkrystallinischen Gesteinen bestehen. Ihnen

schliesst sich eine Anzahl von Belegstücken jüngerer vulkanischer

Gesteine an, welche zum Theil aus der, am Ostrande der afrikanischen

Hochlandmasse hinziehenden und unter dem Namen des Ostafrikanischen

Grabens bekannten Vulkanspalte selbst, zum Theil von ihren östlichen

und westlichen Randgebirgen herrühren.

Nach der makroskopischen und mikroskopischen Sichtung lassen sich die

vorliegenden Gesteine in folgende Gruppen vereinigen:

1. =Alte krystallinische Gesteine=:

a) Granit.

b) Gneiss, Granulit, Glimmerschiefer, Hornblendeschiefer,

Phyllit, Quarzit u. s. w.

2. =Aeltere Eruptivgesteine=:

Porphyr, Diabas, Gabbro u. s. w.

3. =Jüngere Eruptivgesteine=:

Trachyt, Basalt.

4. =Sedimentgesteine=:

a) Kalksteine unbestimmten Alters; lacustre Ablagerungen,

Sinterbildungen und Efflorescenzen der Gegenwart,

b) Grauwacken und Sandsteine unbestimmten Alters,

c) Vulkanische Tuffe.

Dem Wunsche des Herrn Auftraggebers entsprechend folgt in den

nachstehenden Zeilen eine kurze Schilderung der überwiesenen

Gesteinssuite, zu welcher die Vorbemerkung gestattet sein möge, dass

weder die zur Verfügung stehende Zeit, noch die durchschnittliche

Beschaffenheit des Materials eingehendere petrographische

Untersuchungen ermöglichte. Dem Charakter dieser Mittheilungen

gemäss ist auch von Citaten aus der wissenschaftlichen Literatur

-- den Publikationen von =Mügge=, =Thomson=, =Bonney=, =Tenne= und

=Rosiwal=, welche sich zum Theil auf das nämliche, zum Theil auf

benachbarte Gebiete beziehen -- abgesehen worden.

* * * * *

In der Gruppe

•Granit•

sind im Folgenden alle körnigen, Quarz, Feldspath und ein farbiges

Bisilicat enthaltenden Gesteine aufgeführt, welche eine richtungslose

Struktur besitzen. Bei der Kleinheit vieler der zu Gebote stehenden

Gesteinsstücke ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass auch ein

granitisch struirter Gneiss hier seine Stelle gefunden hat, während

auch andererseits der ein oder andere schiefrig ausgebildete Granit

unter die Gneisse gerathen ist.

Die vorliegenden granitischen Gesteine zerfallen in

=Biotitgranite=, =zweiglimmerige Granite=, =Mikroklin-Granite= und

=Hornblendegranite=.

Der Typus der =Biotitgranite= liegt vor in einem ziemlich

feinkörnigen Gestein von

»=Nyambijerwa=, =Ikiju=, 11. April 1892«,

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 28 / 41 段