Watussi-Blut haben. Den Verkehr mit der Aussenwelt vermittelt
das =Salz=, welches in Uvinsa, im Süden des Landes, gewonnen wird
und von sehr guter Qualität ist. Man trifft im Lande zahlreiche
Wanyamwesi-Händler, welche Salz, Kleinvieh und Honig kaufen, und
Messingdraht, wohl auch einzelne Gewehre einführen. Ebenso machen die
Waha Reisen nach Unyamwesi und gelangen bis Tabora. Früher waren sie
ihrer Ungastlichkeit halber berüchtigt, gegenwärtig lernte ich sie
als gutmüthiges, freundliches Volk kennen, welches Europäern sehr
geneigt scheint.
Es war oben schon mehrfach von den =Wangoni= oder Watuta die Rede,
einem räuberischen Zulustamm, der vor jedenfalls nicht allzulanger
Zeit aus Südafrika eingewandert ist und sich in Sprache, Tracht
und Sitten sehr rein erhalten hat. Die Wangoni sassen früher in der
Gegend von Urambo, von wo aus sie die Nachbargebiete verheerten. Nach
ihrer Niederlage durch die deutsche Schutztruppe unter Lieutenant
Langheld, zogen sie sich nach dem südlichen Ost-Ussui zurück, wo
sie schöne Dörfer und Reiskulturen besitzen und vollkommen friedlich
leben. Ich kam mit diesem merkwürdigen Stamm niemals in Berührung und
kann daher nichts Näheres über denselben mittheilen.
Zuletzt erübrigt noch von jenem Volk zu sprechen, welches den
Verkehr mit der Küste vermittelt und welches sich am meisten fremden
Einflüssen und fremder Kultur zugänglich erweist: den =Wanyamwesi=.
Alle Reisenden von Burton und Speke an, und darunter vorzügliche
Beobachter wie Paul Reichard und Stuhlmann, haben sich bereits
eingehend mit diesem Volke beschäftigt, sodass ich mich betreffs
desselben kürzer fassen kann.
Unter Wanyamwesi verstehe ich die Bewohner der von den Küstenleuten
als Unyamwesi bezeichneten Landschaft, die im Osten an die
Massai-Steppen, an Turu und Ugogo, im Norden an den Victoria-Nyansa
vom Speke-Golf bis zur Bukumbi-Bai, im Westen an Usinja, Ussirombo
und Uha grenzt und sich gegen Süden in noch unbekannter Entfernung
erstreckt.
Der =Name Unyamwesi= ist, wie ich durch viele und sorgfältige
Erkundigungen im ganzen Lande, von Usukuma bis Urambo erfuhr, =kein=
nationaler, sondern von den Küstenleuten dem Lande beigelegt. Er
bedeutet »Mondland«, U-nya-mwesi d. i. Land des Mondes. Diese, schon
den alten Reisenden bekannte Ableitung wurde neuerdings bezweifelt
und behauptet, dass in Unyamwesi eine Stammsilbe »nyam« enthalten
sei. Dies ist jedoch unrichtig wie man daraus ersehen kann, dass z.
B. auch die Bewohner von Turu nicht »Waturu« sondern Wa-nya-turu, die
Leute von Ruanda Wa-nya-ruanda genannt werden und dass es zahlreiche
ähnlich lautende Landschaften, wie U-nya-nyembe, U-nya-nganyi giebt,
woraus deutlich hervorgeht, dass »nya« etwa »von« bedeutet, also
Wanyaturu »Leute von Turu«, Wanyamwesi, »Leute von Mwesi« Mondleute.
Dass das im Worte enthaltene mwesi hier wirklich Mond bedeutet,
wurde mir von alten Küstenleuten sowohl, wie auch von Eingeborenen
stets versichert und kann als zweifellos betrachtet werden. Daraus
jedoch einen Schluss ziehen zu wollen, dass Unyamwesi das Mondland
der Alten sei, wie dies in neuerer Zeit vielfach geschah, scheint
mir verfehlt. Ein solcher Schluss wäre nur gestattet, wenn der Name
ein einheimischer wäre, während er wie gesagt den Küstenleuten, also
den Swahíli seinen Ursprung verdankt. Wie diese dazu kamen das Land
als »Mondland« zu bezeichnen, ist nicht schwer erklärlich. Denn den
Arabern und damit auch den intelligenten Swahíli war ja sehr wohl
bekannt, dass die alten Geographen ein »Mondland« im Innern Afrika's,
an den Quellen des Nil, vermutheten. Als nun Karawanen in jene Länder
vordrangen, war es sehr begreiflich, dass sie in dem reichsten
und wichtigsten Lande des Innern, in dem Lande, welches im Handel
die grösste Rolle spielte, das Mondland U-nya-mwesi zu erkennen
glaubten. Oder mit anderen Worten: Nicht weil im Innern Ostafrika's
ein Unyamwesi existirt, kann man darauf schliessen, dass dasselbe
mit dem Mondland der Alten identisch sei, sondern weil die alten und
arabischen Geographen in Innerafrika ein Mondland vermutheten, wurde
diese Landschaft von den Küstenleuten »Unyamwesi« genannt.
Die Wanyamwesi selbst gebrauchen diese Bezeichnung unter einander
niemals, sondern trennen sich in verschiedene grosse Stämme wie
Watakama, Wasukuma[24], Wasumbwa, Wafioma und Wakonongo. Sie sind
jedoch sehr deutlich als ein Stamm charakterisirt und sprechen auch
dieselbe, nur dialektisch abweichende Sprache. Der Hauptunterschied
zwischen den verschiedenen Wanyamwesi-Stämmen liegt in dem mehr oder
weniger starken Eindringen der Küstenkultur.
[24] Kinyamwesi: Sukuma Nord, Takama Süd, Mweri West, Kia Ost.
Am ursprünglichsten haben sich die Wasukuma, besonders in den
östlichen Distrikten von Ntussu und Meatu erhalten, während die
Wasumbwa und Watakama, besonders die Leute von Urambo, in materieller
Kultur den Swahíli der Küste kaum nachstehen.
Die Wanyamwesi sind mittelgrosse, kräftiggebaute Leute von meist
dunkelbrauner Hautfarbe. Die südlichen Stämme sind schlanker und
grösser, die Wasukuma untersetzt und dunkelfarbiger oder scheinen
wenigstens so, da ihre Unreinlichkeit die Hautfarbe schwer erkennen
lässt. Sie haben ziemlich ausgeprägten Negercharakter und physisch
einen recht einheitlichen Typus. Nur die Bewohner des östlichen
Usukuma, besonders die von Meatu, scheinen hamitische (Wataturu)
Blutmischungen erhalten zu haben.
Alle Wanyamwesi sind unbeschnitten. Als Stammesmarke kann eine von
der Nasenwurzel zum Ohre verlaufende Reihe von Narbenverzierungen
gelten, auch werden die oberen vorderen Schneidezähne vielfach
dreieckig ausgesplittert. Doch sind beide Merkmale nicht mehr
allgemein verbreitet. Haarfrisuren kommen nicht vor, doch werden
die Haare vielfach rasirt. Die Ohrläppchen werden besonders in
Usukuma ausgedehnt und Messingspiralen darin getragen. Die Weiber
im Süden des Landes tragen nach Küstenart runde Holzscheiben im
Ohr. Die ursprüngliche Kleidung der Wanyamwesi ist Fell, in den
westlichen Distrikten auch Rindenzeug. In Usukuma tragen die Männer
ein Ziegenfell, das den Oberkörper, niemals jedoch die Schamtheile
bedeckt, manchmal gehen sie auch ganz nackt. Die Weiber tragen
Lendenschurze aus Leder und verhüllen oft auch den Busen.
Sonst wird fast überall europäisches Baumwollzeug getragen, welches
das solide eingeborene Baumwollzeug und das Rindenzeug fast völlig
verdrängt. Letzteres dient kaum noch irgendwo als Kleidung, sondern
nur mehr zu Schlafmatten. In Urambo, Unyanyembe, sowie anderen
Plätzen der Karawanenstrassen sind bedeutende Mengen Baumwollzeug
vorhanden und Männer und Weiber unterscheiden sich in der Tracht kaum
von der Küstenbevölkerung.
Als Schmuck dienen Glas-, Holz- und Eisenperlen und mit Messing-
oder Eisendraht umsponnene Darmsaiten, sowie Eisenarmringe. Die
Elephantenjäger und ihre Frauen pflegen Armringe zu tragen die aus
der Sohle des Elephanten geschnitten werden. Im östlichen Usukuma
findet man sehr grosse milchweisse und blaue Glasperlen, die jetzt
durch keine Karawane mehr eingeführt werden und sehr alten Ursprungs
sind. Die jüngeren Weiber tragen Holzperlen als Amulett um den Hals;
Eisenschmuck ist ein Zeichen verheiratheter Frauen. Als Kopfschmuck
der Krieger dienen in Usukuma Büschel von Federn und Stroh (Abb. pag.
61).
Den Charakter der Wanyamwesi hat Paul Reichard mit grossem
Geschick beschrieben. Bei allen ihren Fehlern ist ihnen doch ein
ausserordentlicher Unternehmungsgeist und eine für Afrikaner seltene
Arbeitskraft eigen, welche sie zu einem wichtigen Kulturelement
macht.
[Illustration:
Wohnhütte Vorrathshütte
Geisterhütten Taubenschlag
der Wanyamwesi von Urambo.
]
Die =Wohnung= sämmtlicher Wanyamwesi ist die Rundhütte mit Kegeldach
und cylindrischem, lehmverputzten Unterbau. In Usukuma und in den
westlichen Distrikten hat sich diese Form noch rein erhalten, in der
weiteren Umgebung Tabora's wird die Hütte jedoch allmählich durch den
Tembe ersetzt. Zu Speke's Zeiten, also Anfang der sechziger Jahre,
gab es solche noch viel weniger und ältere Leute erinnern sich auch
noch sehr genau an die Entstehung des Tembebaus. Derselbe fällt
mit der Einführung der Feuerwaffen zusammen, gegen welche die alten
Befestigungsformen nicht genug Schutz boten. Man erbaute daher um die
Rundhüttendörfer Tembenringe, deren Styl halb den Arabern Tabora's,
halb den Wagogo entlehnt war.
Ursprünglich waren diese Temben reine Befestigungen und nicht
bewohnt; ich fand heute noch solche unbewohnten Tembenringe
in Kirambo. Später zwang der Raummangel sie zu bewohnen, neue
Aussenbauten mussten natürlich im Tembestyl erbaut werden und nach
und nach entwickelten sich aus den Dörfern förmliche Labyrinthe,
deren Mittelpunkt jedoch noch sehr oft einige grosse Rundhütten des
Häuptlings einnehmen. -- Die Temben haben rechteckigen Querschnitt,
sind aber mannshoch und besitzen glattverputzte Wände und ein
ebensolches Dach. Gegen aussen und gegen die Eingänge zu sind sie mit
Schiessscharten versehen und bilden oft recht starke kleine Festungen
(Abb. pag. 62, 93 u. 113).
Die grössten und schönsten Rundhütten in Unyamwesi, überhaupt
im Innern Afrika's, sah ich in Urambo. Sie sind sehr sorgfältig
und fest erbaut und haben ca. 10-15 m Durchmesser und 12-30 m
Höhe. Letztere Höhe sah ich bei den wahrhaft pyramidalen beiden
Hütten des Häuptlings Mlamira von Kirambo, in welchen Hunderte von
Menschen Platz haben. Sie ähneln im Styl den Hütten der Wasegua. Ein
Verandaraum, dessen Aussenwand theils mit Lehm ausgefüllt ist, theils
nur aus Pfosten besteht, umschliesst ringförmig den cylindrischen
Innenraum, der meist keine Theilung hat und mit dem Dach einen
sehr hohen Raum bildet. Darin steht das Bett aus glatten Brettern
und der Feuerheerd, bestehend aus drei festgebrannten Lehmkegeln.
Das Dach ohne Mittelpfeiler ist stark geneigt und mit ziegelförmig
übergreifenden, koncentrischen Grasschichten sorgfältig gedeckt. Das
Getreide wird in eigenen Vorrathshütten untergebracht.
Aehnlich, doch weit mangelhafter sind die Hütten der Wasegua
errichtet. Sie besitzen ebenfalls keinen Mittelpfeiler. Der Innenraum
ist meist durch eine Querwand in zwei Hälften getheilt, deren vordere
das Vieh, die hintere, ganz dunkle die Menschen bewohnen. In einem
durch Stangen abgegrenzten Dachraum sind mächtige Vorrathskörbe für
Getreide aufgestapelt.
In Usukuma sind die Dörfer nicht selten wie in Schaschi durch
buschige Euphorbienhecken in kleine Komplexe getheilt. Fast stets
schliessen sie sich an die felsigen Granithügel der Gegend, die
als natürliche Befestigungen dienen und deren Klüfte im Nothfall
einen Zufluchtsort bieten. In den Wasumbwa-Gegenden überwiegt der
Stangenzaun noch vor der Tembebefestigung, während diese sonst
überall vorherrscht.
Im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarn, welche, wie die Warundi,
in Weilern hausen, sind die Wanyamwesi echte Dorfbewohner und
vereinen sich stets zu oft sehr ansehnlichen Niederlassungen.
Vielleicht hat dieser, durch die kriegerischen Verhältnisse
begünstigte Geselligkeitstrieb viel zu der Entwickelung dieses
Volkes beigetragen. Wenigstens findet man in Urambo, wo die grössten
Dörfer liegen und alle Bewohner sich in ausgedehnten Ortschaften
koncentriren, auch die höchste Kultur in Unyamwesi.
Die Wanyamwesi sind sehr tüchtige =Ackerbauer=, ihre Felder
sind gut gehalten und werden mit grosser Sorgfalt gepflegt. Die
Hauptnahrungspflanze ist Sorghum. Neben dieser wird auch vielfach
Mais und Mawele (Penicillaria), in Usmau, Urambo und Unyanyembe auch
Reis gebaut, der durch die Araber eingeführt wurde. Ausserdem giebt
es fast überall Hülsenfrüchte, Mais, Pataten, Kürbisse, Gurken,
Grundnüsse, seltener Bananen, Tomaten und Maniok. Baumwolle wird
in Usukuma, Tabak und Hanf überall angebaut. Wo die Wanyamwesi mit
Arabern und Küstenleuten in nähere Berührung kamen, merkt man deren
Einfluss in der Anlage der Felder und in dem Vorhandensein fremder
Kulturpflanzen, an welche sie sich rasch gewöhnen. Ausser dem Reis
haben sie in vielen Gegenden auch Obstbäume, Citronen, Mangos,
Guayaven und Papayas übernommen.
Den Sorghum pflegt man nach der Ernte auf flachen Steinplatten mit
langen Stangen zu dreschen, sodann wird er in Holzmörsern weiter
enthülst und in den Vorrathsbehältern aufbewahrt. Auf flachen
Steinplatten wird er mit einem Reibstein zu Mehl gemahlen. Nach der
Arbeit wird der Mahlstein mit einem eigenen Besen reingekehrt. Durch
das fortwährende Reiben wird die Steinplatte nach und nach ausgehöhlt
und die Granitfelsen Usukuma's tragen oft derartige Vertiefungen, die
auf alte Dorfstätten schliessen lassen, wo sonst längst keine Spur
mehr von solchen vorhanden ist.
[Illustration: Feldbeil der Wanyamwesi.]
Die =Viehzucht= hat in Unyamwesi durch die Rinderseuche stark
gelitten, welche einen grossen Theil der Zeburinder wegraffte, so
dass man solche nur selten antrifft. Doch giebt es überall und
besonders in Usukuma viele Ziegen und Schafe, letztere mit sehr
schwachem Fettschwanz, sowie Hühner, deren Eier nicht gegessen
werden. Tauben findet man besonders in Urambo, wo sie in netten
Taubenschlägen gehalten werden. Die Wanyamwesi essen Fische in
vielen Gegenden garnicht und schätzen dieselben überhaupt nicht sehr,
während sie (hauptsächlich die Wakonongo) gedörrte Maden mit Vorliebe
geniessen. Tabakrauchen ist bei Männern und Weibern sehr beliebt,
auch der Hanf, der aus Kürbiss-Wasserpfeifen geraucht wird, ist weit
verbreitet.
In vielen Gegenden jagen die Wanyamwesi eifrig; es giebt unter ihnen
berufsmässige Elephantenjäger (Makua), die den Küsten-Makua starke
Konkurrenz machen.
In den Geräthen und Waffen der Wanyamwesi zeigt sich ebenfalls die
Tendenz, von anderen Stämmen ihnen passendes zu entlehnen und nach
eigenem Ermessen abzuändern.
Besonders interessant ist das eingeborene Baumwollenzeug, ein
ungemein festes Gewebe, welches schwarze und gelbe Streifen und
einen Quastensaum hat.[25] Es ist jedenfalls eine Nachahmung der
Küstenbaumwollzeuge, zu welcher wohl ursprünglich Swahíli oder Araber
die Anleitung gaben. Diese Stoffe wurden viel erzeugt als Küstenzeug
noch selten war. Gegenwärtig hat die Herstellung dieses Zeuges im
südlichen Unyamwesi ganz aufgehört und beschränkt sich auf Usukuma.
Rindenzeug wird, wie erwähnt, fast garnicht mehr gefertigt.
[25] Ein ähnliches Zeug wird auch in Ubembe am Tanganyika
gefertigt.
In Schmiedearbeiten sind die Wanyamwesi recht geschickt; die
Hackenklingen beziehen sie zwar aus Usinja und auch in Usukuma sind
die Schmiede meist Warongo aus Usinja, doch im Süden, besonders in
Urambo, trifft man einheimische Arbeiter. Diese hausen in eigenen
offenen Hütten und verstehen selbst Gewehrbestandtheile zu repariren.
Sie benutzen nicht selten Schraubstöcke und andere Geräthe von der
Küste.
An Waffen trifft man sehr verschiedenartige Formen. Im Süden
des Landes, hauptsächlich in Urambo und Unyanyembe, herrschen
Kapselgewehre vor, in Usukuma sind solche noch sehr selten. Als
ursprüngliche Waffe der Wanyamwesi erscheint der Wurfspeer mit
eingelassener Spitze, wie er heute noch im östlichen Usukuma in
charakteristischer Form gebraucht wird (Abb. pag. 61). Daneben
giebt es allerlei Arten Zwingenspeere: kurze mit Messingverzierung,
lange mit lanzettförmiger Spitze und Paradespeere (in Ntussu),
die im Kleinen die Massai-Speere nachahmen. Wuchtige Spiesse mit
eingelassenem Dorn werden auf Elephantenjagden benutzt; deren Spitze
ist manchmal vergiftet. Nur bei Tänzen dient die in Usukuma übliche
alte Form der Wataturu-Speere.
Leichte Bogen mit Pfeilen und Köcher trifft man überall, die Pfeile
werden nicht selten vergiftet. Schilde giebt es fast nur in Usukuma,
sie sind aus Büffelhaut, länglich mit einer Einkerbung in der Mitte
(Abb. pag. 61).
Als Musikinstrumente dienen die halb eiförmig geformten
Karawanen-Trommeln (Mganda), Antilopenhörner und lange aus Rohr und
Kalebassen gefertigte Trompeten.
Korbwaaren werden mit grossem Geschick gefertigt und es dient
dazu eine eigene Nadel. Ebenso sind grosse und kleine Töpfe hübsch
ausgeführt.
Besonders charakteristisch für die Wanyamwesi ist der
=Karawanenhandel=, der den tiefgehendsten Einfluss auf ihr ganzes
Dasein ausübt. Während fast alle anderen Stämme Ostafrika's, selbst
jene unweit der Küste, in ihrer bedürfnisslosen Indolenz ruhig
daheimbleiben und höchstens genehmigen, dass Karawanen von der
Küste zu ihnen kommen, haben die Wanyamwesi schon seit Jahrzehnten
selbst Karawanen zusammengestellt und dieselben nach der Küste
sowohl, wie auch nach entfernten Elfenbeingegenden gesandt. So alt
übrigens als man vielfach annimmt -- also etwa bis ins klassische
Alterthum zurückreichend -- ist dieser Karawanenhandel keineswegs.
Dies beweist nicht nur die überall verbreitete Tradition, sondern
auch die ungeheuere Zunahme, welche der Karawanenverkehr und damit
die Einführung europäischer Erzeugnisse seit den sechziger Jahren
genommen und der Umstand, dass gewisse Stämme notorisch erst in ganz
jüngster Zeit sich an diesem Handel betheiligt haben.
[Illustration:
Korbnadel, Wasukuma.
Köcher aus Urambo.
Elephantenjagdspeer, Wasukuma.
Speerform der Wanyamwesi.
Speer, Usukuma.
]
Einen Anhaltspunkt für das Alter des Karawanenverkehrs bietet uns der
Stammbaum der Häuptlinge von Unyanyembe:
Swetu I.
|
Fundikila
|
Miasere --------+
| |
Swetu II. Kiunge (Ziehsohn)
| |
Bibi Niasso Isike.
Swetu I. soll alt geworden sein, Fundikila starb als reifer Mann,
Miasere starb jung und hinterliess den unmündigen Swetu II., an
dessen Stelle sich sein Ziehsohn, Kiunge, der Herrschaft bemächtigte.
Dessen Sohn war der bekannte Isike (Sike), dessen Feste 1893 von
Lieutenant Prince gestürmt wurde, worauf Bibi Niasso eingesetzt
wurde.
Swetu I. hat also vor höchstens 100 Jahren regiert. Unter seiner
Regierung drangen die Elephantenjäger Mparangombe und Ngogome aus
Usagusi -- die heute noch in zahlreichen Liedern verherrlicht werden
-- so weit nach Osten vor, dass sie mit zeugtragenden Eingeborenen
und Küstenhändlern zusammentrafen. Letzteren folgten sie an die
Küste und gaben dann, in die Heimath zurückgekehrt, den Anstoss zur
Eröffnung des Karawanenverkehrs. Das Erscheinen der Wanyamwesi an
der Küste gab auch den Swahíli und Arabern Veranlassung in dieses
neuerschlossene Land einzudringen. Dies geschah ca. 1830; doch erst
1846 wurde Tabora begründet, nachdem eine etwas ältere Niederlassung
in Msenne bei Urambo aufgelassen worden war. Das Jahr der Begründung
Tabora's ist vielen dort lebenden Arabern genau bekannt.
Das Vorhandensein Tabora's als Handelsemporium gab den Wasukuma
Veranlassung dorthin zu kommen und ihre Produkte umzutauschen.
Diese waren früher niemals aus ihrem Lande, geschweige denn an die
Küste gekommen und erinnern sich daran, dass Swahíli, die aus dem
Massai-Lande, also wohl von Tanga oder Mombas kamen, ihnen zuerst
Baumwollzeuge brachten. Auch nach Begründung Tabora's kamen die
Wasukuma Jahre lang nur dahin und ziehen erst seit ca. 20 Jahren nach
der Küste.
Die grösste Bedeutung hat der Karawanenhandel bei den Wasumbwa des
westlichen Unyamwesi erlangt, die überhaupt die höchste Entwicklung
ihres Stammes darstellen. Sie unternehmen Züge nach Unyoro, Ruanda
und Manyema, früher reisten sie auch nach Umbugwe und an die Grenze
des Massai-Landes, doch hat dies aufgehört, seit die Wasukuma ihnen
dort zu starke Konkurrenz machen. Diese bereisen die Uferländer des
Victoria-Nyansa bis nach Kavirondo hin. Sobald diese Handelszüge
genügend Elfenbein gebracht haben, wird eine Karawane nach der Küste
zusammengestellt, an der sich auch viele Leute betheiligen, die
dort Arbeit und Verdienst suchen. Mit Zeug und andern Artikeln reich
beladen kehren die Karawanen in die Heimath zurück, um bald wieder
neue Züge nach entfernten Gegenden zu unternehmen.
Die Wanyamwesi sind tüchtige, sehr ausdauernde Träger, allerdings nur
auf Karawanenstrassen brauchbar, wo sie reichlich Wasser und Nahrung
bekommen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft nur auf den Schultern
zu tragen, so dass die Lasten alle länglich oder in Halblasten,
Midalla, verpackt werden müssen, die an die Enden einer Stange
gebunden werden können. Diese scheuert die Schulter des Trägers nicht
selten blutig, was ihn jedoch wenig zu kümmern scheint.
Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur =Auswanderung= und
Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in
politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses
Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui,
Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und
Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss
und bilden ein wichtiges Kulturelement.
Ueber das =innere Leben= der Wanyamwesi theile ich nur der
Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln
konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die
Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.
Die =Geburt= eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen
Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen
Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen -- meist nach
dem Grossvater oder der Grossmutter -- den es lebenslang behält.
Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der
wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In
den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der
Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem
Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein
Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine
Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach
einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der
Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt.
Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr
als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt,
der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa
muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen,
oder eine Schwester der Frau stellen.
[Illustration: Puppe aus Lehm, Wasukuma.]
Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder
der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche
Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit
einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht.
Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei,
geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage
geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch
die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer
Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus
Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass
die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird
als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten
getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen
eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors
beträgt eine Hackenklinge.
Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge
auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen
mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der
Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt
wird.
Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen,
werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht.
Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst
schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für
jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt.
Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in
Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.