Wenn also auch in gewissen Distrikten eine Aufnahme von

Watwa-Elementen bei den Warundi wahrscheinlich ist, so haben sie sich

im Allgemeinen doch sehr rein und besonders von hamitischen (Watussi)

Mischungen ziemlich frei erhalten.

Die =Warundi= sind ein kräftiger, mittelgrosser Stamm; hochgewachsene

und herkulisch gebaute Leute sind nicht selten. Die Gesichtszüge

sind rein negerhaft, die Hautfarbe dunkelbraun, bei der geringen

Reinlichkeit oft fast schwarz erscheinend. Die Busen junger Weiber

sind wohlgeformt und nicht zitzenförmig.

[Illustration: Haartrachten der Warundi.]

Die =Sprache= der Warundi ist ein reines Bantu-Idiom, welches von

Kisinja (Kinyoro) wesentlich abweicht, mit Kiha aber nahezu identisch

ist. Der Dialekt von Ruanda nähert sich etwas mehr dem Kisinja. Sonst

finden sich keine eingreifenden dialektischen Verschiedenheiten in

ganz Urundi und einige meiner Leute aus Ujiji konnten sich überall

verständlich machen.

Im Gegensatz zu den meisten Negerstämmen werden die Ohren in

Urundi niemals durchbohrt und auch die Zähne in keiner Weise

verstümmelt. Beschneidung ist nicht üblich. Die Kopfhaare werden

kurz getragen oder abrasirt, wobei man oft einzelne Stellen in Form

von Spiralstreifen, Kreisen oder Haarkämmen stehen lässt. Die Weiber

rasiren die Haarränder meist rund ab. In manchen Gegenden pflegt man

sich mit weisser Farbe (aus Mergel oder Hyänenmist) am kahlrasirten

Schädel und im Gesicht Flecken und Streifen zu malen. Als Kleidung

dient hauptsächlich Rindenzeug, das in rother und grauer Farbe

vorkommt. Die rothen Stoffe sind oft mit grauen und schwarzen Flecken

und Streifen gemustert. Männer tragen einen dreieckigen Ueberwurf,

dessen langer Zipfel bis zu den Knien herabhängt und stets die

Schamtheile bedeckt, sowie manchmal auch einen Lendenschurz. Ledige

Weiber tragen einen Lendenschurz aus grauem Rindenzeug, Verheirathete

auch noch ein Tuch, welches den Busen verhüllt und oft zugleich den

Sprössling festhält.

[Illustration: Zeug-Ornamente der Warundi.]

In manchen Gegenden tritt an Stelle des Rindenzeugs -- doch stets

nur vereinzelt -- Leder; besonders lieben es junge Leute, beim Tanz

schneeweiss bemalte Lederschürzen zu tragen. In Ruanda haben viele

Weiber Lederkleidung. Europäisches Zeug trifft man in Urundi --

ausser am Tanganyika -- nirgends, in Ruanda nur ganz vereinzelt.

Ein beliebter Halsschmuck der Warundi ist das dreieckige Segment

einer Seeschnecke, welches an einer Schnur getragen wird. Da

Küstenerzeugnisse -- ausser etwas Messing und sehr wenigen Glasperlen

-- sonst gänzlich fehlen, so ist das häufige Vorhandensein einer

Seeschnecke auffallend. Doch wird dieser Schmuck auch in Unyamwesi

häufig getragen und wurde wohl in früheren Zeiten -- als ein

friedlicher Verkehr mit Urundi noch möglich war -- massenhaft

importirt und hat bei seiner Solidität bis heute ausgehalten. Doch

sieht man schon häufig Nachahmungen aus Knochen und Flusspferdhauern.

Ausser diesen wird auch ein trichterförmiger Eisenschmuck um den Hals

getragen, sowie hübsche, mit Messing ornamentirte Holzcylinder.

An den Knöcheln tragen Weiber und vornehme Männer mit Eisendraht

umsponnene Darmseiten, Madodi. Ein eigenthümlicher Schmuck ist der

dicke hölzerne Armring (Abb. pag. 77), den alle Warundi-Krieger

am linken Unterarm tragen und der häufig mit originellen Eisen-,

Messing- und Kupferornamenten beschlagen ist. Er dient theils als

Waffe beim Faustkampf, theils zum Auflegen des Pfeiles beim Zielen

und zum Abhalten der rückschnellenden Bogensehne. Doch findet er

sich als reiner Schmuck auch in Gegenden, die keine Bogen und Pfeile

benutzen, wie Uyogoma.

Die =Wohnungen= der Warundi sind reine Grashütten ohne Mittelpfahl,

oft breiter als hoch, dann mit seitlichen Stützen. Von der reinen

Halbkugelform weichen nur die Hütten im Kagera-Quellgebiet ab, die

cylindrischen Bambus-Unterbau besitzen. In Nord-Urundi und Uyogoma

ist das Innere durch zwei halbkreisförmige Lehmwände (a a) getheilt,

die nicht bis zum Dach reichen und mit den convexen Seiten gegen den

Eingang stehen. Sonst werden die Kammern stets durch Papyrus- oder

Bambuswände abgetrennt. In einer derselben steht das bequeme, mit

Gras und Bananen-Matten bedeckte Bett. Neben der Wohnhütte stehen

Vorrathskörbe, die ähnlich wie die von Usinja und Unyamwesi aussehen.

[Illustration: Halsschmuck der Warundi.]

[Illustration: Wohngrundriss.]

Alle Hütten sind in kleinen Komplexen zwischen dichten Bananenhainen

vertheilt und mit buschiger Euphorbien- oder mit Distel ausgefüllter

Bambus-Hecke umgeben. Aus den Bananen erheben sich einzelne

glänzendblättrige Ficus-Bäume, die zur Herstellung des Rindenzeugs

dienen und das ganze Dorf erscheint wie eine dunkelgrüne Insel in dem

Meer lichtgrüner Grashalden.

Die Jagd spielt in dem dicht bewohnten Urundi keine Rolle, Fischfang

betreiben die Tanganyika-Stämme mit Eifer, während im Kagera und

Akanyaru, soviel ich erfahren konnte, nicht gefischt wird. Die Kanus

der Tanganyika-Warundi sind primitive Einbäume mit Ruder, deren

Blätter mit Baststricken befestigt sind. Am Akanyaru giebt es schone

Einbäume mit langen, schaufelförmig ausgehöhlten Rudern, die wohl

zugleich zum Ausschöpfen des Kanus dienen.

Die Rindviehzucht liegt hauptsächlich in den Händen der Watussi,

doch haben auch Warundi vereinzelt Rinder der Sanga-Varietät. Schafe

werden viele gehalten, sie sind glatthaarig mit kleinem Fettschwanz,

nur in Nord-Urundi sah ich auch wollhaarige Schafe. Ziegen trifft

man nur vereinzelt. Schlanke Hunde sind häufig und werden oft

an der Leine geführt. Bienenzucht ist überall beliebt, die Körbe

werden cylindrisch aus Gras geflochten und haben zwei Holzdeckel mit

Fluglöchern. Hühner werden selten, in West-Ussui garnicht gehalten.

Die =Hauptnahrung= der Warundi liefert die Banane, welche in den

Dorf-Komplexen angebaut wird. Die halbreifen Früchte werden meist

abgenommen und vergraben, wodurch sie rascher reif werden. Eine

grosse Rolle spielen auch Hülsenfrüchte, Bohnen und Erbsen, letztere

von besonders guter Qualität. Sie werden in langen Bastkörben in den

Hütten aufbewahrt. Sorghum der rothen Varietät dient hauptsächlich

zur Bereitung von Pombe, der in grossen Mengen genossen wird. Zum

Stampfen dienen Holzmörser. Vereinzelt trifft man auch Eleusine,

süsse Kartoffeln, Mais und Maniok; überall Tabak, der in Ruanda

geraucht, in Urundi hauptsächlich geschnupft wird. Aus Honig und

Bananen wird ebenfalls ein geistiges Getränk bereitet, das ziemlich

wohlschmeckend ist. Zum Rauchen dienen lange Pfeifen mit Thonköpfen,

die Schnupfer pflegen sich die Nase mit einem halbgespaltenen Stück

Holz zusammen zu klemmen, um den Genuss zu verlängern.

[Illustration:

Topf, Ruanda.

Sichel, Urundi.

Hackenklinge, Urundi.

]

Am Tanganyika trifft man sehr viele Oelpalmen, die dort ein richtiges

Kulturgewächs bilden. Ueberall pflanzt man ferner die Ficus-Art,

welche das Rindenzeug, in manchen Gegenden auch Brennholz liefert,

vielfach auch Bambus und Disteln zum Herstellen von Zäunen. Im

Allgemeinen sind die Warundi keine besonders eifrigen Ackerbauer, sie

pflanzen nur so viel, als sie zum Leben unbedingt nöthig haben und

weite Striche ihres fruchtbaren Landes bleiben unbebaut.

Von =Geräthschaften= der Warundi fanden schon einige Erwähnung. Dem

Ackerbau dienen eiserne Spaten und eigenthümliche, sichelförmige

Haumesser, die sich ähnlich in Ukerewe und dem nördlichen

Zwischenseengebiet finden und die auch zum Lichten der Papyrussümpfe

gebraucht werden. Korbwaaren werden mit Geschick gefertigt. Zur

Töpferei haben die Warundi wenig Geschick, wo die Watwa fehlen, sind

die Töpfe stets plump und leicht zerbrechlich. Ein eigenthümlicher

Regenschirm ist im Süden des Landes gebräuchlich, er besteht aus

einem Halbcylinder aus Blättergeflecht, den der Träger über den Kopf

stülpt. Zur Anfertigung des Rindenzeuges dient ein Beinhammer, mit

welchem das betreffende Rindenstück einfach breitgeschlagen wird. Der

Baum kann vollständig geschält werden und erholt sich, umwickelt mit

altem Rindenzeug oder Bananenblättern, rasch wieder.

[Illustration:

Hammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi.

Speerspitze der Warundi.

Pfeilspitze, Warundi.

Schwert der Warundi vom Tanganyika.

Schild, Ruanda.

Schwert, Ruanda.

Pfeilbehälter der Warundi.

]

Die =Waffen= der Warundi sind Speer und Bogen, wobei schwer zu sagen

ist, welche Waffe als Hauptwaffe gelten kann. In manchen Gegenden

trifft man nur Speere, in anderen nur Bogen, meist aber beide Waffen

gemeinsam. Die Speere haben lange, schlechte Schafte und locker

sitzende, charakteristisch geformte Spitzen. Letztere werden meist

abgenommen und in Bananenblätter gewickelt unter dem Rindenzeug

getragen. Die Bogen sind nicht besonders kräftig, die Pfeile meist

ohne Widerhaken und fast niemals vergiftet. Köcher sind nicht

bekannt, die Pfeile werden in den Hütten in länglichen, ornamentirten

Behältern aufbewahrt, im Felde aber stets in der Hand getragen. Kurze

Schwerter dienen hauptsächlich als Paradewaffen und werden besonders

am Tanganyika schön ausgeführt. Schilde sind gegenwärtig nicht mehr

gebräuchlich, doch traf ich in Nord-Urundi alte, sehr originelle

Holz- und Korbschilde, die jetzt nur mehr bei Tänzen dienen.

Einen Verkehr mit der Aussenwelt kennen die Warundi nicht, weder

kommen jemals Karawanen in's Land, noch verlassen die Bergwarundi

ihre Heimath. Sie gehen niemals nach Ussui oder Ruanda, ebenso nicht

zum Tanganyika, sondern verkehren höchstens mit Uha, woher sie Salz

und Messing beziehen. Die Tanganyika-Warundi allerdings haben durch

jahrelangen Verkehr mit Arabern und Swahíli ihre Sitten vielfach

modificirt, reisen öfter nach Ujiji und ziehen sogar mit an die

Küste.

In so grossartiger Weise ich auch das Volksleben in Urundi

kennen lernte, so wenig bot sich mir bei dem herrschenden

Begeisterungstaumel Gelegenheit, näheres über das =innere Leben=

der Warundi zu erfahren. Diesbezügliche Erkundigungen konnte ich nur

am Tanganyika einziehen, so dass die nachfolgenden Bemerkungen sich

hauptsächlich auf die Bewohner des Seeufers beziehen, bei der grossen

Einheitlichkeit des Stammes aber wohl in den Hauptsachen für alle

Warundi gelten.

Nach der Geburt eines Kindes bleibt die Mutter sieben Tage in

der Hütte. Sobald dem Kinde Haare wachsen, wird ein Familienfest

abgehalten, wobei Pombe getrunken und ein Schaf geschlachtet wird,

dessen Blut man mit dem festen Abfall des Pombe (Maische) in eine

Grube giesst. Diese wird wieder ausgefüllt, mit Gras bestreut und

ein Topf mit Doppelöffnung darauf gestellt. Dabei werden die Geister

der Vorfahren beschworen das Kind zu schützen. Hierauf wird das

Kind rasirt, die Haare werden mit Pombeabfall angemacht und in einer

Schachtel aufbewahrt. Diese gilt als ein Talisman und bleibt stets

am Geburtsort des Kindes. Gelegentlich dieses Festes erhält das Kind

drei Namen vom Vater, Mutter und der Grossmutter (mütterlicherseits)

die es lebenslang behält. Ein Kind, welchem die oberen Schneidezähne

zuerst wachsen, gilt als unglückbringend und wird in den Busch

geworfen. Am Tage des Reifwerdens eines Mädchens, wird dieses von der

Grossmutter im Hause umhergeführt und muss alle Gegenstände berühren.

[Illustration: Topf der Warundi.]

Der Vater wählt dem Sohne eine Gattin und bezahlt den Brautpreis, der

meist in zwei Ochsen oder dem Aequivalent besteht. Das junge Ehepaar

bleibt sieben Tage in der Hütte, während welcher ein Fest gefeiert

wird. Vielweiberei ist gebräuchlich.

Die Warundi sind ein körperlich gesundes Volk, Kranke und Krüppel

sieht man nur wenige. In gewissen Gegenden sind Augenleiden sehr

häufig und man trifft verhältnissmässig viele Blinde und Einäugige.

In das Gebiet der Krankheiten gehört auch die besonders am Tanganyika

häufige Geophagie (Erdesserei). Töpferthon geniessen dort viele

Leute mit Vorliebe, manche Kinder verschlingen jedoch mit Gier alle

Arten Erde und magern zu Skeletten ab, während der Bauch unförmlich

anschwillt. Die Pocken grassiren öfter im Lande und richten besonders

am Tanganyika Verheerungen an. Der Sandfloh ist fast schon über ganz

Urundi verbreitet und wird vielfach zur unerträglichen Landplage.

[Illustration: Zaubergeräth, Klapper der Zauberdoktoren in Warundi.]

Die Behandlung der Kranken obliegt dem Zauberdoktor, einem Mann oder

alten Weib. Derselbe trägt einen Kopfputz von Federn, bemalt sich im

Gesicht mit Mergel, führt einen Bastsack mit Amuletten mit sich und

rasselt mit einer Klapper während er mit heiserer Stimme singt. Ist

Jemand von einem Geist besessen, so finden Tänze statt, ein Schaf

wird geschlachtet und der Kranke im Fluss gebadet.

Die Warundi glauben nicht an natürlichen Tod, sondern nur an

solchen durch Zauberei, darum schneiden die Angehörigen allen

Todten den Bauch auf und suchen darin den Zauber. Dann gehen sie

mit einem Geschenk zum Zauberdoktor, das sie jedoch vor seinen Augen

verbergen. Als Probe seiner Geschicklichkeit muss er die Grösse des

Geschenkes errathen. Dann wird ein Topf mit Wasser und Zaubermedizin

aufgestellt, den alle Dorfinsassen haben müssen. Wer dies nicht kann,

ist der Zauberer, der den Verstorbenen getödtet, er wird gebunden

und getödtet (in den Tanganyika geworfen), worauf die Angehörigen des

Verstorbenen sein Vermögen einziehen.

Der Todte wird auf der rechten Seite liegend ins Grab gelegt. Stirbt

ein Hausvater, so wird er in der Hütte begraben und diese hierauf

verlassen, andere begräbt man vor der Hütte.

Die ganzen religiösen Anschauungen der Warundi lassen sich auf den

=Ahnenkultus= zurückführen. Selbst der Mwesi-(Mond)-Glaube ist nichts

anderes als dieser, indem die Herrscher des Landes ihre Abkunft vom

Mond herleiteten.

Als Schutz gegen böse Geister, die in Flüssen und Bäumen wohnen,

wird Zauber-Pombe an die Hütten gespritzt. Hat man Grund zu glauben,

dass der Geist eines Verstorbenen unzufrieden sei, so wird ein junger

Anverwandter desselben auf den Boden gelegt und ihm mit einer Hacke

auf den Kopf geklopft. Er äussert dann die Wünsche des Verstorbenen.

Den Verkehr mit den Geistern vermittelt der Zauberdoktor, dieser

macht auch Regen und wahrsagt aus Hühnerdärmen. Einzig zu diesem

Zwecke werden überhaupt Hühner gehalten und niemals gegessen. Auch

Ziegen isst man nicht; die Warundi-Männer geniessen nur Schaf- und

Rindfleisch, die Weiber nur das letztere.

Die =Regierungsform= der Warundi war wohl stets eine monarchische und

zwar wurden sie jedenfalls sehr lange Zeitepochen hindurch von dem

Geschlecht der Mwesi (Monde) beherrscht. Wie weit deren Reich sich

ursprünglich ausdehnte wäre schwer zu ermitteln, doch überschritt

es jedenfalls die Grenzen des heutigen Urundi. In den Nachbarländern

nennt man Urundi heute noch stets »charocha Mwesi« (Land Mwesi's) und

glaubt noch vielfach an die Existenz dieses Herrschers. Nach Aussage

der Meisten waren die Mwesi lichtfarbige Watussi und der letzte

Mwesi hiess Makisavo (Bleichgesicht), ein Name der auch mir beigelegt

wurde. Diese Ansicht von der lichten Farbe des Mwesi ist allgemein

verbreitet, doch giebt es Leute die behaupten, dass er kein Mtussi,

sondern ein Mrundi, also ein nationaler Herrscher gewesen sei.

Die Residenz des Mwesi lag zweifellos unweit der Kagera-Nil-Quelle,

wo sie auch Burton erkundete. Man kann dies schon daraus schliessen,

dass die heute noch bekannten Mwesi-Gräber sich am Ganso-Kulu, einem

Berg an der Kagera-Quelle, befinden. Die Träger der Königleiche

ruhten in einem dunklen Hain, Wuruhukiro, und beerdigten hierauf

die Leiche am Ganso-Kulu. Die waldigen Missosi ya Mwesi, die Berge

Mwesi's oder Mondberge, gelten als Sitz der Geister verstorbener

Mwesi.[22]

[22] Ueber den Namen Mwesi vergl. pag. 150.

Wann der letzte Mwesi gelebt hat und warum das Geschlecht ausstarb

konnte ich niemals bestimmt erfahren, doch muss es schon an 100

Jahre her sein, dass er -- angeblich in einem Kriege im Ausland --

verschollen ist. Alle Warundi haben übrigens den festen Glauben, dass

der Mwesi heute noch lebt und erwarten ihn als eine Art Erlöser.

Es war daher sehr natürlich, dass ich, ein von Norden kommender,

lichtfarbiger Mensch, ihnen als die Verkörperung dieser mythischen

Person erscheinen musste. Zu welch' tollem Fanatismus die Warundi

durch diesen Glauben hingerissen wurden versuchte ich in der

Reiseschilderung darzustellen.

Der Glaube an meine Sendung nahm erst ab, als ich die Missosi ya

Mwesi und die Begräbnissstätten der früheren Könige ohne Schaden

besucht. Denn nach der Tradition darf ein lebender Mwesi diese

Gegenden nicht betreten: geschieht dies doch so muss er sterben.

Da mir jedoch nichts geschah, so wurde die allgemeine Begeisterung

stark abgekühlt. Als ich später vom Tanganyika her, also vom Westen

wieder in Urundi eindrang, hielt mich Niemand mehr für den Mwesi,

der von Norden kommen muss, doch wurde mir berichtet, dass der Mwesi

kurz vorher Nord-Urundi im Triumph durchzogen und alle seine Feinde

niedergeworfen habe, ohne dass man ahnte, dass ich mit diesem »Mwesi«

identisch war. Der Widerstand der Watussi im Norden lag keineswegs in

einem Zweifel an meiner Sendung, sondern nur in der Abneigung dieses

Raubadels, ein für sie angenehmes Interregnum, durch das Auftauchen

eines Mwesi beendet zu sehen.

Zur Regierungszeit der Mwesi lebten wohl die Watussi, ähnlich wie

jetzt in Ruanda, als deren Statthalter im Lande verstreut, jetzt ist

dasselbe in zahllose kleine Gemeinden zerrissen, die von Häuptlingen

verschiedener Abkunft regiert werden. Ihre Würde ist auf den Sohn,

event. auf die Tochter erblich; stirbt eine Familie aus, so wird

ein neuer Häuptling gewählt. Die Autorität des Häuptlings ist nicht

bedeutend, er übt zusammen mit den Aeltesten Gerichtsbarkeit aus.

Diebe werden geköpft, doch ist Lösegeld üblich, von welchem die

Hälfte der Bestohlene, die andere Hälfte der Häuptling bekommt.

Mörder werden stets geköpft. Entfliehen sie zu einer Nachbargemeinde,

so werden sie unter keinen Umständen ausgeliefert und es finden

ihretwegen Kämpfe statt. Männliche Kriegsgefangene werden dabei

getödtet, weibliche und Kinder jedoch zurückgegeben. Der siegreiche

Häuptling betrachtet das besiegte Land als unterworfen. --

Sklaverei ist in ganz Urundi unbekannt, doch wurden von den

Ujiji-Arabern schon mehrfach Razzias nach Süd-Urundi unternommen und

Sklaven ausgeführt, deren man auch an der Küste einzelne findet. Nach

Mittel- und Nord-Urundi haben sie sich jedoch niemals gewagt.

Eine grosse Rolle spielen in Urundi die Volksbelustigungen und

=Tänze= von welchen in der Reiseschilderung[23] ausführlich die

Rede war. Das Tanzen ist in Urundi eine förmliche Kunst, welche von

Jugend an geübt und mit Meisterschaft betrieben wird. Die Trommel ist

unbekannt, doch wird ein Kuhhorn geblasen und ein Saiteninstrument

gespielt.

[23] Vgl. pag. 78 ff.

Als gewöhnlicher Gruss dient Niederknien und Händeklatschen, sowie

Ueberreichen von Laub. Als Friedenszeichen pflegt man Feldfrüchte

oder mit Laub umwundene Spaten darzureichen. Auch Geschenkvieh wird

mit Laub bekränzt.

[Illustration: TAFEL XXIII. WATUSSI]

Wenn man das heutige Urundi betrachtet, so erhält man den Eindruck

der grössten politischen Zerfahrenheit. Im Norden den Einfällen

Kigere's, des eroberungslustigen Häuptlings von Ruanda, im Süden

den Razzias arabischer Sklavenhändler ausgesetzt, sind die Warundi

in unzählige, durch Zwistigkeiten getrennte Gemeinden zertheilt und

werden durch den räuberischen Hirtenadel der Watussi ausgebeutet.

Es ist kein Wunder, wenn sie mit Sehnsucht dem Auftreten eines

»Mwesi« entgegensehen. Einmal ist ihnen ein solcher schon unter

deutscher Flagge erschienen, freilich nur als Pionier und den

Nachfolgern die Pfade ebnend. Wenn diese eintreffen und versuchen,

die deutsche Herrschaft in Urundi zu begründen, so werden sie -- wenn

es eben die rechten Leute sind -- keinerlei Schwierigkeiten sondern

begeisterten Empfang finden und im Stande sein, der deutschen Sache

ein noch unberührtes, gut veranlagtes Naturvolk zu gewinnen, welches

jedenfalls bestimmt ist in der Zukunft der Kolonie die wichtigste

Rolle zu spielen.

Die grosse Empfänglichkeit der Warundi lässt auch schliessen,

dass ein von Norden kommender Missionar dort die grossartigsten

Bekehrungs-Erfolge erreichen könnte. Jedenfalls scheint es rathsam,

Urundi von vornherein einer bestimmten Konfession von Missionaren

zuzutheilen, damit das traurige Schauspiel des Religionskrieges in

Uganda keine Wiederholung finde.

An die Warundi schliessen sich südlich vom Mlagarassi die =Waha=.

Dieselben sind den Warundi nahe verwandt, sprechen dieselbe Sprache

und zeigen nur geringe Abweichungen, die auf den langjährigen Verkehr

mit Wanyamwesi hinweisen. Im Aeusseren und der Tracht gleichen

sie den Warundi, besitzen jedoch ziemlich viel Baumwollzeug. Die

Hütten sind stets höher als ihr Durchmesser, innen durch Strohwände

getheilt, geräumig und freundlich. Sie sind oft in grossen Dörfern

mit bis zu 120 Hütten vereinigt, während man in Urundi nur von

verstreuten Weilern reden kann. Der Grund hierfür liegt in den

vielen äusseren Feinden, welche die Waha bedrohen und sie zwingen,

in grossen Mengen zusammenzuleben. Die Getreidevorräthe bewahren

sie in mächtigen runden Holzschachteln. Die Dörfer sind oft mit

Stangenzäunen umgeben.

[Illustration:

Getreideschachteln Wohnhütte Getreideschober

Bienenstock Geisterhütten

der Waha.

]

Der =Ackerbau= wird mit grosser Sorgfalt betrieben und es macht

sich in den Kulturpflanzen der Einfluss Unyamwesi's geltend. An die

Stelle der Banane, die seltener wird, treten Sorghum und Mais, auch

Maniok, Pataten, Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Tomaten, Grundnüsse und

Tabak werden angebaut. Die ausgedehnten Waldwildnisse bieten gute

Gelegenheit zur =Jagd=.

Die =Viehzucht= ist nicht bedeutend, der Rinderstand wurde durch

Einfälle der Wangoni und im Süden auch der Massai decimirt. Doch

trifft man noch ziemlich viel Kleinvieh und Hühner, auch Tauben,

die in den im westlichen Unyamwesi gebräuchlichen Taubenschlägen

gehalten werden. Bienenzucht ist sehr häufig, die Stöcke bestehen

aus cylindrischen, mit Lehm bestrichenen Körben, die auf niedrigen

Gestellen ruhen.

Die Waha verfertigen Rindenzeug nicht nur aus dem Ficus, sondern auch

aus einem der Miombo-Gruppe angehörigen Waldbaum. Doch dient das aus

letzterem gewonnene Zeug mehr zu Schlafmatten, da es steifer als das

Ficuszeug ist. Auch die grossen Holzschachteln werden in ähnlicher

Weise aus Baumrinden hergestellt und geschickt vernäht. Selbst Kanus

zum Uebersetzen des Mlagarassi werden aus Baumrinde zusammengenäht.

Zum Unterschied von den Warundi besitzen die Waha Trommeln länglicher

Form in verschiedener Grösse.

[Illustration:

Puppe der Waha.

Rindenzeughammer, Uha.

Trommel der Waha.

Speer der Waha.

]

Ihre =Bewaffnung= besteht aus Wurfspeeren, Bogen und Pfeil. Die

Wurfspeere haben in den Schaft eingelassene Spitzen, sind leicht und

werden stets zu zwei getragen. Doch sind auch die Warundi-Speere

mit kürzeren Schäften und eine andere Speerform mit Schaftzwinge

üblich, die angeblich die ursprüngliche sein soll. Die Pfeile sind

zierlich gefertigt und gleichen jenen der Warundi; die Bogen sind

nicht besonders kräftig. Schwerter in Holzscheiden sieht man nur

vereinzelt. Originell ist eine aus Kalebassen und Stroh gefertigte

Kinderpuppe.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 24 / 41 段