das Erscheinen meiner Expedition eine neue Aera für das Land
eröffnete. Küstenkarawanen wagten sich, wie gesagt, nicht ins Land,
und selbst Wasukuma kamen nur selten dahin. Der Verkehr mit der
Aussenwelt beschränkte sich auf das Eintauschen von Irangi-Eisen und
Mangati-Salz gegen Vieh; selten unternahmen die Wambugwe einen Zug
nach Meatu, um Irangi-Hacken gegen Häute zu vertauschen. Das wenige,
was sie an Glasperlen und Zeug benöthigten, erhielten sie durch die
Warangi, die stets ungehindert im Lande verkehrten, seltener durch
Wagogo der nördlichen Distrikte, die manchmal bis Umbugwe vordringen.
Gegenwärtig freilich durchziehen häufig Europäer- und
Swahíli-Karawanen das Land und eine vollständige Umwandlung aller
Lebensverhältnisse ist im Gange.
Ueber das merkwürdige =innere Leben= dieses Stammes konnte ich
verhältnissmässig viel erfahren, da ich während meines zweiten
Aufenthaltes mit den Eingeborenen sehr freundschaftlich verkehrte und
vorzügliche Dolmetscher besass.
Die erste Erfahrung, welche der neugeborene Mbugwe an seinen
Landsleuten macht, ist keine angenehme. Es werden ihm nämlich
mit einem scharfen Messer zwei Schnitte über das Gesicht -- die
=Stammesmarke= -- gezogen. Alle Wambugwe ohne Ausnahme tragen diese;
sieht man Jemand ohne die charakteristischen Schnitte, so ist er
entweder ein Fremder oder er wurde von seiner Mutter nach Empfang
besonderer Medizin, die durch den Zauberdoktor verabreicht wird,
geboren.
[Illustration: Speer der Warangi.]
[Illustration: Steinschleuder der Wambugwe.]
Die Namengebung erfolgt in der Kindheit durch Verwandte und gilt fürs
Leben. Nur wenn ein Kind krank wird, nimmt der Zauberdoktor öfter an,
dass ein verstorbener Verwandter (besonders der Vater) etwas gegen
dasselbe habe. Dann giesst man dem Todten Pombe aufs Grab und das
Kind nimmt dessen Namen als zweiten an. Die Beschneidung wird von
kundigen Personen bei Männern und Weibern in der Jugend vollzogen;
dabei findet ein Trinkgelage statt. Das Reifwerden der Mädchen giebt
zu keinen Gebräuchen Anlass.
Sehr merkwürdig, ja unter Mittelafrikanern fast vereinzelt ist das
grundsätzliche Fehlen der Vielweiberei. Selbst Häuptlinge haben
nur eine Frau, und als Kutadu, der kein Mbugwe, sondern ein Mtaturu
ist, dennoch eine zweite nahm, erregte dies allgemeines Aergerniss.
Die Brautwerbung geschieht durch Uebersendung eines Rindes an den
Vater, wird dieses angenommen, so wird die Hochzeit durch Tanz und
Pombegenuss gefeiert. Einen weiteren Brautpreis hat der Bräutigam
nicht zu zahlen, ja, es ist üblich, dass der Vater der Tochter
Rinder in die Ehe mitgiebt. Tritt Scheidung ein, so muss der Gatte
diese dem Schwiegervater zurückgeben, dann können beide Theile
wieder heirathen. Der Verführer eines Mädchens muss dem Vater, der
einer Frau dem Gatten das etwa geborene Kind überlassen, weitere
Streitigkeiten entstehen deshalb nicht.
Heirathen mit Weibern fremder Stämme, wie Wafiomi, Wataturu und
besonders Warangi sind nicht selten und tragen dazu bei, den Wambugwe
hamitisches Blut zuzuführen. Kindsmord soll niemals vorkommen.
Bei =Krankheiten= wird der Zauberdoktor gerufen, der Pflanzenmedizin,
gewöhnlich Brechmittel eingiebt. In schweren Fällen nennt er
die Person, die den Kranken bezaubert hat und die stets gleichen
Geschlechts mit diesem ist. Dann pflegen die Verwandten dem Häuptling
ein oder mehrere Rinder zu bringen und in nächtlicher Berathung
beschliesst dieser mit den Stammesältesten den Zauberer zu tödten.
Dieser wird dann meuchlings niedergemacht.
Beim =Tode= eines Menschen wird der Rath des Zauberdoktors nicht
eingeholt. Man schlachtet eine Ziege und reibt mit deren Fett die
Augen des Verstorbenen ein, damit sein Geist die neugeborenen Kinder
nicht sehe und ihnen durch bösen Blick schade. Hierauf wird die
Leiche, wenn ein Mann, auf dem rechten, wenn eine Frau, auf dem
linken Arm liegend im Tembe begraben. Nur wer durch eine Speerwunde
stirbt wird draussen beerdigt. Beim Leichenschmaus wird der erste
Pombeschluck aufs Grab gespien. Dann wird das Tembe ruhig weiter
bewohnt.
Erscheint ein Todter im Traume, so wird der Zauberdoktor befragt, der
dann meist die Opferung eines schwarzen Stieres fordert, dessen Nabel
im Grabe verscharrt wird. --
Wie aus dem Obigem hervorgeht, spielt auch bei den Wambugwe, wie bei
allen Bantu der =Ahnenkult= die erste Rolle. So werden auch Löwe und
Elephant als Geister längst Verstorbener angesehen. Ein eigentlicher
Gottesbegriff scheint jedoch zu fehlen.
Die Sklaverei ist in Umbugwe unbekannt, ihr kriegerischer
Sinn schützt die Wambugwe auch vor Sklavenjagden, welche die
Ober-Aruschaner nach diesen Gegenden zu unternehmen pflegen.
Die ursprüngliche =Regierungsform= ist zweifellos die
Familien-Republik, wie sie heute noch im Distrikt Wabwa besteht.
Die ungeheure Macht der Zauberdoktoren, sowie die Erblichkeit
dieser Würde, liessen dieselben jedoch rasch zu kleinen Herrschern,
Häuptlingen, heranwachsen. Von den drei in Umbugwe lebenden
Häuptlingen ist nur Mbi ein echter Mbugwe, Mtakayko hat Wataturublut
und Kutadu ist ein reiner Mtaturu. Die beiden Letzteren sind die
mächtigsten und als Zauberer sehr gefürchtet, ihr reicher Viehbesitz
stammt fast nur von Geschenken her, die sie in dieser Eigenschaft
bekamen.
Zu ihren Künsten gehört vor Allem das =Regenmachen=. Dazu nimmt der
Zauberer bei hellem Sonnenschein ein schwarzes Kalb und ein schwarzes
Schaf, hebt sie auf das Tembedach, schlitzt ihnen den Bauch auf
und spritzt den Mageninhalt nach allen Richtungen. Dann giesst er
Wasser und Medizin in ein Gefäss; ist der Zauber gelungen, so kocht
das Wasser auf und Regen erfolgt. Um Regen zu hindern zieht sich
der Zauberer in das Innere des Temberaumes zurück und erhitzt einen
Bergkrystall[19] in einer Kalebasse.
[19] Vergl. Stuhlmann, a. a. O. pag. 282.
Die Macht des Häuptlings ist sehr durch die Aeltesten beschränkt,
die in allen wichtigen Angelegenheiten mitzusprechen haben. Zu seinen
Vorrechten gehört, dass er die Erlaubniss zum Ernteschnitt giebt; am
ersten Tage wird dann auf seinen Feldern geschnitten.
Die =Kriege= der Wambugwe untereinander sind wenig blutig. Ziegen
und Rinder werden dabei niemals fortgetrieben, als Beute gelten
nur Hausgeräth und Hühner. Ganz anders freilich wissen sie sich
gegen auswärtige Feinde zu vertheidigen. Als mächtiger Kriegszauber
wird ein Angehöriger des feindlichen Distriktes abgefangen,
getödtet, seine Haut abgezogen und an Armen und Brust getragen. Als
Friedenszeichen überreichen die Wambugwe etwas Gras, das sie nach
Massaiart vorher bespeien. Ihr gewöhnlicher Gruss ist »Tálala«.
Mord wird durch Blutrache gesühnt. Von Diebstählen werden nur die
grösseren dem Häuptling angezeigt. Dieser verbannt dann den Dieb und
zieht dessen Eigenthum ein, wobei die Aeltesten etwas, der Bestohlene
aber nichts abbekommt. Grundbesitz ist bekannt, das urbar gemachte
Land gilt endgiltig als erworben.
Sonne und Mond betrachten die Wambugwe als Brüder, die Sterne als
Menschen, deren einer stirbt, wenn eine Sternschnuppe fällt.
Wenn wir das =Gesammtbild= der Wambugwe betrachten, so finden wir
einen körperlich und geistig gesunden, völlig urwüchsigen Stamm,
der nach jahrhundertelanger Abgeschlossenheit nun plötzlich mit
der Aussenwelt in regen Verkehr tritt. Es ist zweifellos, dass die
Veränderungen, welche dessen Lebensgewohnheiten schon in den nächsten
Jahren erleiden müssen äusserst tiefgehende sein werden. Mir jedoch,
der ich als erster Weisser die Wambugwe in voller Ursprünglichkeit
gesehen, der ich ihnen -- hoffentlich als letzter Europäer -- in
blutigem Kampfe gegenüberstand und sie dann aber auch als Freunde
kennen lernte; mir scheint es fast sicher, dass dieser Stamm bei
kräftiger und doch maassvoller Behandlung zu einem der wichtigsten
Kulturelemente Deutsch-Ostafrika's heranzubilden wäre. --
Die Plateaulandschaften südwestlich vom Gurui-Berg, bis gegen Ugogo
hin, bewohnt ein anderer Bantu-Stamm, die =Wanyaturu=, d. i. Leute
von Turu. Dieselben leiten ihre Abkunft vom Gurui-Berg her, sind aber
jedenfalls schon sehr alte Ansiedler. In vieler Hinsicht weisen sie
Aehnlichkeit mit den Waschaschi im östlichen Nyansa-Gebiet, besonders
aber mit deren ursprünglichsten Vertretern, den Wakara von Ukara auf.
Jedenfalls gehören die Wanyaturu zu den tiefststehenden Bewohnern
des abflusslosen Gebietes, was besonders auffällt, wenn man aus dem
Innern, aus Unyamwesi kommt, wo die Kulturstufe eine ungleich höhere
ist.
Die Wanyaturu sind kräftige, hochgewachsene Leute, ziemlich
dunkelfarbig und von recht reinem Negertypus, der im Allgemeinen
dem der Wanyamwesi gleicht. (Abb. Taf. 13 und pag. 110.) An Hamiten
erinnernde Gesichtszüge sind selten und wohl nur bei Nachkommen
eingewanderter Wataturu zu finden. Die Männer gehen vollkommen
nackt und scheinen nicht das geringste Schamgefühl zu kennen. Um
die Hüften tragen sie zahlreiche, festsitzende Bastschnüre, um
die Knöchel Glasperlen oder Lederschnüre. Beide Geschlechter sind
beschnitten. Die Männer tragen die Haare meist kurz, manchmal mit
einer Feder am Scheitel. Seltener drehen sie kleine Zöpfchen, die
sie mit Fett festigen, oder tragen, wie die Wanyairamba, dünne,
lange Haarzöpfchen, die nach hinten hängen. Die Weiber tragen
Lederlendenschurze und rasiren den Schädel, ältere Leute schlingen
manchmal ein Stückchen Zeug um die Hüften.
Die Wanyaturu gelten mit Recht als boshaft. Wildheit und Hass alles
Fremden bildet den Grundzug ihres Charakters der durch politische
Zerfahrenheit des Landes noch verschärft wird.
[Illustration: Wanyaturu-Ehepaar.]
Ihre =Wohnungen= bestehen aus rechtwinkelig angeordneten, etwa
brusthohen und ca. 4 m breiten, sehr ärmlichen Temben. Der rechte
Winkel ist durch einen innen mit Stachelgestrüpp geschützten
niedrigen Zaun von buschigen Euphorbien abgeschnitten, wodurch
der dreieckige Viehhof gebildet ist. Manchmal zieht sich eine
Euphorbienhecke um einen Komplex solcher Temben. Das Innere der
Temben ist in dunkele, räucherige Kammern getheilt, der Boden
stellenweise vertieft. Neben den Temben graben sie unterirdische
Schutzlöcher, höhlen auch oft Baobabs aus um sich darin zu verbergen.
Der =Ackerbau= beschränkt sich auf Sorghum und Eleusine. An
Hausthieren werden Rinder, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner und Hunde
gehalten. Sie gewinnen Salz aus dem Singisa-See, welches sie den
Wanyamwesi von Ussure verkaufen, sonst verkehren sie fast nur mit den
Wassandaui, in deren Land sie öfters auswandern.
Sie benutzen Hacken mit Holzklingen, die jedoch nur zum Umackern
der Aussaat dienen. Sonst benutzen sie Eisenhacken aus Unyamwesi.
Ihre Waffen sind Speer, Schild, Bogen und Pfeil. Die Speere gleichen
jenen der Wambugwe, sind reine Wurfspeere mit eingelassener Spitze,
doch mangelhaft angefertigt. Die Schilde sind kreisrunde, schwarze
Lederschilde mit einem Buckel in der Mitte. Bogen und Pfeil werden
nur von alten Leuten gebraucht. Sehr charakteristisch sind die
Stockschilde und Schlagstöcke, die zu Stockgefechten dienen. (Abb.
Tafel 13.) Die ersteren sind an einen langen Stock befestigt, die
letzteren einfach dicke Prügel, welche die Wanyaturu stets bei sich
führen. Die Sitte der Stockkämpfe findet sich auch in Schaschi. An
letztere Landschaft erinnert auch ein Saiteninstrument der Wanyaturu.
[Illustration: Pfeilspitze, Wanyaturu.]
[Illustration: Hacke mit Holzklinge der Wanyaturu.]
Die Geburt eines Kindes wird durch Freudengeschrei gefeiert, bei
Zwillingen findet ein Fest statt. Die Beschneidung und das Ausbrechen
der unteren vorderen Schneidezähne findet bei beiden Geschlechtern im
Jugendalter statt. Unverheirathete Kinder schlafen nicht in demselben
Raum mit den Eltern. Ein junger Mann, der heirathen will, bringt dem
Brautvater Pfeile, werden diese angenommen so wird der Brautpreis --
meist 4-6 Ziegen -- bestimmt. Die Zahl der Frauen ist unbeschränkt.
Will Jemand sich von seiner Frau trennen, so muss der Vater den
Brautpreis zurückzahlen, sind Kinder vorhanden so geschieht dies
nicht und die Kinder bleiben ihrem Vater. Stirbt die Frau, so ist
es üblich, dass deren Verwandte dem Gatten einen Ersatz stellen. Die
Feldarbeit wird von beiden Geschlechtern besorgt. In Krankheitsfällen
werden Pflanzenmittel zusammen mit dem Fleisch erwürgter Ziegen
gegeben. Todte werden kauernd, bedeckt mit frischem Ziegenfell,
begraben.
[Illustration: Saiteninstrument der Wanyaturu.]
Von einem Gottesbegriff kann kaum die Rede sein, auch hier, wie
bei allen Bantu herrscht der Ahnenkultus, bezw. die Furcht vor
Geistern, welche Krankheiten hervorrufen sollen. Macht der Geist
eines Verstorbenen sich derart unangenehm bemerkbar, so wird der
betreffende Leichnam wieder ausgegraben und mit einem Opferschaf
neuerdings beerdigt.
Der grösste Tag im Jahr ist das Erntefest, bei dem Tänze und
Stockgefechte stattfinden. Dieselben dienen nur zum Vergnügen, obwohl
dabei nicht selten Leute schwer verletzt, ja getödtet werden. Die
Kämpfer zielen immer hauptsächlich aufs Schienbein.
Eine Gemeindeverfassung oder ein Oberhaupt irgend welcher Art
kennt man in Turu nicht; Jedermann ist Herr seiner Familie und thut
sonst was er will. Nur Krieg wird durch eine Art Volksversammlung
beschlossen, bei welcher Greise das grosse Wort führen, doch
giebt es keine Anführer dabei, sondern jeder geht vor, wie es ihm
eben einfällt. Trotzdem binden die Wanyaturu mit allen Nachbarn,
vorzüglich Ussure und Iramba, stets an, werden jedoch meist
zurückgeworfen. Den Massai gegenüber sind sie wehrlos. Ich selbst
lernte sie als ein boshaftes, elend feiges Gesindel kennen.
Auch untereinander führen sie öfters Krieg, wobei die Partei, bei
der ein Mann fällt, als besiegt gilt. Gefangene Männer werden dabei
getödtet, Weiber nicht gefangen genommen. Sklaverei ist im Lande
unbekannt, doch verkaufen zur Zeit einer Hungersnoth die Wanyaturu
öfters ihre Kinder, und Sklaven dieses Stammes sind in Tabora und
Irangi nicht selten und gelten als recht brauchbar.
Die Wanyaturu bilden ein unruhiges, wildes Bevölkerungselement. Alle
europäischen Reisenden, von Stanley an, die das Land durchzogen,
wurden angegriffen oder doch belästigt, kleine Karawanen wurden
ausgeplündert. Nur in Unyanganyi, wo die Wanyamwesi-Ansiedler die
Wanyaturu gründlich geschlagen und zu Paaren getrieben haben, sind
sie jetzt freundlich und entgegenkommend. Durch solche Ansiedlungen
allein könnte auch das übrige Land dauernd pacificirt werden.
Als Nachbarn der Wanyaturu, von diesen jedoch verschieden und nicht
mehr der Bantu-Gruppe angehörig, leben die =Wassandaui=. Dieser
kleine Stamm, der von besonderem Interesse ist, bewohnt die rings
von Steppen umgebene Landschaft Ussandaui. Irgend welche Tradition
einer Einwanderung hat sich bei ihnen nicht erhalten, sie behaupten
stets in ihren jetzigen Wohnsitzen gelebt zu haben. Jedenfalls sind
sie sehr alte Ansiedler, wie schon ihre Sprache schliessen lässt, die
an Schnalzlauten reich und von jenen der umwohnenden Stämme gänzlich
verschieden ist.
Mit ihnen nahe verwandt ist das Jägervolk der =Wanege= oder
Watindiga, welche die Steppen zwischen Iraku und Usukuma
durchstreifen und nach der Ueberlieferung der Wambugwe vor diesen die
Landschaften am Südende des Manyara inne hatten. Die Wanege stellen
offenbar den ursprünglicheren Zweig des Stammes dar, während die
Wasandaui als angesiedeltes Jägervolk erscheinen.
Dem =Körperbau= nach sind es mittelgrosse, kräftige und gedrungene
Leute von häufig rothbrauner bis kupferrother, seltener dunkler
Hautfarbe (Abb. pag. 112). Der Typus ist sehr variabel, neben rein
negerhaften sieht man Gesichter die mit schiefgeschlitzten Augen
an Hottentotten erinnern, andere, die den hamitischen Typus tragen.
Offenbar ist ein Urvolk hier durch Blutmischungen mit Nachbarstämmen
verändert worden.
Die Haare werden oft zu kleinen, mit Fettlehm angemachten und
roth bemalten Zöpfchen geflochten. Der Körper wird vielfach roth
bemalt. Die Männer tragen Bastschnüre und Perlen um den Leib. Zum
Unterschied von den Wanyaturu, denen sie im Aeussern sonst nahe
stehen, lassen sie vorn ein Zeugfetzchen herabhängen, das an Stelle
des früher üblichen Hühnerhalses getreten ist. Die Weiber tragen
Lederlendenschurze.
Von Charakter sind die Wassandaui gutmüthig und friedlich,
früher sollen sie bösartig gewesen sein, doch sind sie von den
Wanyamwesi-Ansiedlern unterworfen worden.
Ihre Wohnungen sind Temben, die jenen der Wanyaturu gleichen,
etwa 4 m im Quadrat halten, circa brusthoch und innen vertieft
sind und einen Viehplatz einsäumen. Im Innern der Hütte sieht
man gut gefertigte grosse Holzschachteln, ähnlich wie in Uha, als
Getreidebehälter, ein Gegenstand, dessen Gebrauch vielleicht von den
Wanyamwesi eingeführt wurde.
[Illustration: Bogen der Wassandaui.]
Eine grosse Rolle spielt die =Jagd=, der die Wassandaui mit
besonderem Eifer nachgehen. Sie benutzen dazu Bogen und Pfeile.
[Illustration: Speer und Pfeilspitze der Wassandaui.]
An =Hausthieren= besitzen sie viel Kleinvieh und Esel, sowie
auffallend grosse und schöne Hühner. Als Kulturpflanzen dienen
Sorghum und Eleusine, welche mit dem Erträgniss der Jagd die
Hauptnahrung liefern.
Die =Geräthe= sind wenig originell und gleichen meist jenen der
Wanyaturu. Die Hauptwaffe ist Bogen und Pfeil. Die Bogen sind
auffallend stark gekrümmt, die Pfeile besitzen eigenthümlich geformte
Holzspitzen. Daneben sind kurze Messer und schwächliche Speere, wohl
auch Schilde der Wanyaturu-Form üblich.
Mit der Aussenwelt haben die Wassandaui wenig Verkehr. Am besten noch
stehen sie mit den Wanyaturu, deren viele im Lande leben und deren
Sprache häufig verstanden wird. Sonst kommen sie mit dem Ausland fast
nur durch Vermittlung der Wanyamwesi-Ansiedler in Berührung. Früher
wurden sie von allen umwohnenden Stämmen bedrängt und erfreuen sich
erst seit Bestehen der Wanyamwesi-Kolonien eines ruhigen Daseins.
[Illustration: TAFEL XXI. IRAKU-LEUTE]
An Kindern wird die Sitte der Beschneidung vorgenommen, sie
findet im November, mit der Aussaat statt. Beim Reifwerden eines
Mädchens werden Tänze abgehalten, die mit Gesang, doch stets ohne
Trommelbegleitung ausgeführt werden. Die Heirathen werden gewöhnlich
nur von den Vätern vereinbart, diese zahlen bezw. empfangen den
Brautpreis, der bei Scheidung verfällt. Doch darf die geschiedene
Frau niemals wieder heirathen. Vielweiberei ist gestattet, doch
selten. Die Heirathen werden fast nur im eigenen Stamme geschlossen.
Bei einem Todesfall glaubt man stets an Zauberei. Derjenige, der
sie verübt, wird durch den Zauberdoktor ermittelt und verfällt der
Blutrache. Todte werden hockend mit gefalteten Händen, zugleich mit
einer Opferziege beerdigt, die der Geist des Verstorbenen verzehren
soll. Auch hier herrscht also der Ahnenkult; ein Gottesbegriff soll
unbekannt sein.
Eigentliche Häuptlinge giebt es nicht, doch erwerben die
Zauberdoktoren, die auch Regen machen, grosses Ansehen. Gegenwärtig
sind übrigens die Vorsteher der Wanyamwesi-Kolonien, vor allem Mtoro,
die eigentlichen Beherrscher des Landes.
Bei Mord tritt Blutrache ein. Diebstahl kommt vor eine
Greisenversammlung, die den Strafpreis bestimmt.
Die vorerwähnten =Wanege= werden von den Wanyamwesi Watindiga
genannt, von den Massai, wie alle Jäger, den Wandorobo beigezählt.
Obwohl ich ihr Gebiet mehrmals durchstreifte, habe ich doch niemals
etwas von ihnen zu sehen bekommen. Ihre Sprache soll an Schnalzlauten
reich und dem Kissandaui verwandt sein. Sie tragen kurze Haare und
Armbänder aus Kauri und leben von der Jagd, die sie mit kräftigem
Bogen und vergifteten Pfeilen betreiben. Sie sollen Tänze nach der
Trommel ausführen. Sie hausen in Grashütten und den Höhlungen der
Baobabs und sind so scheu, dass selbst die Makua (Elephantenjäger)
sie nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Sie nähren sich nur von
Wildfleisch und Honig. Einzelne von ihnen sollen in Meatu, andere in
Iramba angesiedelt sein. Ihre Zahl ist jedenfalls nur sehr gering.
Wenn wir die =Völker der abflusslosen Gebiete= überblicken, so finden
wir eine erstaunliche ethnische und sprachliche Mannigfaltigkeit,
wie solche im dunkeln Welttheil auf beschränktem Raume selten ist.
Ein Beispiel, wie verschieden die Sprachen sind, die in diesen
Ländern gesprochen werden, mögen die Zahlwörter von 1 bis 10 der
verschiedenen Völker in der Umgebung Irangi's geben.
===+==========+=========+==========+============+===========+=========
| Kirangi- | Kifiomi | Tatoga | Kisandaui | Massai | Ndorobo
| Kimbugwe | |(Kitaturu)| | |
===+==========+=========+==========+============+===========+=========
1 | munti | naka | aki | tzeχe | nabo | napu
2 | ere | sare | iyeni | kisoχe | are | enya
3 | satu | tamu | samak | somekeχ | uni | uni
4 | inya | sia | angwan | hakaχ | ungwan | ongwan
5 | tano | kowan | mut | kwanaχ | umiet | mot
6 | asatu | laho | la | dandatzeχe | ille | lei
7 | fagate | faangu | isukwa | " kisoχe | nawishana | onar
8 | nana | dagnat | siss | " somekeχ | issiet | sissie
9 | kenda | gwelel | segäs | " hakaχ | ndoroi | naudó
10 | kumi | miba | taman | " kum | tomon | gaget
Als Urbewohner der abflusslosen Gebiete kann man wohl jenen
niedrigstehenden Jägerstamm der =Wanege= betrachten, von dem ein
Zweig als Wassandaui sesshaft geworden ist. Wie weit dieser Stamm
mit seiner an Schnalzlauten reichen Sprache der Buschmann-Gruppe
oder den Pygmäen Centralafrika's verwandt ist, mögen künftige
Forschungen lehren. In jedenfalls schon sehr früher Zeit wanderten
die =Wafiomi=, ein hamitischer Stamm, aus dem Norden ein. In ihrer
Sprache vollkommen selbstständig und, von den Massai verschieden,
bilden sie mit den Stämmen von Nandi, Lumbwa und Kamassia eine
Gruppe ackerbautreibender Völker. Eine sehr alte Einwanderung
bildeten jedenfalls auch die =Wanyaturu= und =Wanyairamba=,
Bantuvölker, die durch die Waschaschi mit der grossen Gruppe der
Nyansa- (Zwischenseen-) Völker zusammenhängen und von Nord nach
Süd drängen. In umgekehrter Richtung erfolgte die Einwanderung
der =Wagogo=-Völker, jener Bantu-Gruppe, die als Wagogo, Warangi
und Wambugwe ein ziemlich einheitliches Gepräge besitzt und
unwillkürlich auf eine südafrikanische Herkunft schliessen lässt.
Mit ihnen zugleich, vielleicht auch schon früher, treten erst die
Wataturu (Tatoga), dann die Massai als räuberische, von Nord nach
Süd drängende Hirten von hamitischer Physis auf. Ihre Sprache steht
derjenigen der Bari am obern Nil am nächsten, welche ihrerseits
wieder ein Abkömmling der hamitischen Sprachen ist. Die Annahme, dass
die Massaistämme vom Nil herkommen, scheint daher nicht nothwendig.
Die Vermuthung liegt vielmehr nahe, dass die Massai sich schon in
der Urheimath von den Bari trennten und ihre hamitische Physis reiner
erhalten konnten als die Bari, die mitten unter Negerstämmen starker
Blutmischung ausgesetzt waren.
Es ist begreiflich, dass so nahe beisammen wohnende verschiedene
Völker sich weder sprachlich noch ethnisch rein erhalten können.
Die Viehnomaden in ihren isolirten Stellungen vermögen das noch
am ehesten, bei den Ackerbauern wirken Zwischenheirathen jedoch
nivellirend. Es scheint zweifellos, dass die Bantustämme in diesem
Kampfe den Sieg davon tragen werden, und besonders die langsame, aber
ständige Wanyamwesi-Einwanderung dürfte hier entscheidend wirken.