In seinem gegenwärtigen Zustande ist das abflusslose Gebiet

Deutsch-Ostafrika's zweifellos ethnographisch eines der

interessantesten des Kontinents. Die Steppen, welche die bewohnten

Gebiete umschliessen und die durch kriegerische Nomaden nahezu

unpassirbar gemacht wurden, hatten eine isolirende Wirkung und ferne

von dem Getriebe der Karawanenstrassen konnten die Volksstämme

sich in seltener Ursprünglichkeit erhalten. Hier hausen die

räthselhaften Wanege, die, scheuer als das Wild der Steppe, noch von

keines Europäers Auge geschaut wurden, die Wassandaui mit ihrer an

Schnalzlauten reichen Sprache, hier entwickeln mehrere Bantustämme

ein primitives eigenartiges Volksleben. In den Wataturu finden wir

einen versprengten Zweig der Hamiten mit nilotischer Sprache und

daneben, in den Wafiomi, physisch und sprachlich reine Hamiten.

Gerade die letzteren nehmen unser Interesse besonders in Anspruch, da

sie wahrscheinlich einen der ältesten Zweige des hamitischen Stammes

darstellen.

Nach den Ergebnissen der Forschung ist der Ursprung der Hamiten in

Asien zu suchen, von wo sie vor der Einwanderung der alten Egypter

nach Afrika zogen. Das Volk der Pharaonen trat 5000 Jahre vor Christi

mit einem Kulturzustand in die Geschichte ein, der bereits auf eine

uralte Entwickelung im Nilthale schliessen lässt. Vor wie vielen

Jahrtausenden mag also die Einwanderung der Egypter aus Asien erfolgt

sein, in welch' grauer Vorzeit mögen erst ihre Vorläufer, die Hamiten

und gar deren äusserste Zweige, die Fuebe einerseits, die Wafiomi

andererseits, die grosse Völkerbrücke am rothen Meere überschritten

haben?!

[Illustration: Iraku-Leute.]

IX. KAPITEL.

Die Völker der Nilquell-Gebiete.

Die Waschaschi. -- Die Watussi. -- Die Wasinja. -- Die Warundi. --

Die Wanyamwesi.

Im Gegensatz zum abflusslosen Gebiet, in welchem der

Steppen-Charakter vielfach vorherrscht, bieten die Länder der

Nilquellen menschlicher Ansiedelung ziemlich günstige Bedingungen.

Dieselben sind auch für afrikanische Verhältnisse dicht bewohnt, und

nirgends trifft man dort so ausgedehnte menschenleere Striche wie

im Massai-Land. Die Völker, welche hier in Betracht kommen, gehören

sprachlich sämmtlich der Bantu-Gruppe an. Anthropologisch freilich

wird man auch hier eine Gliederung in Hamiten und Neger aufstellen

müssen, welch' erstere durch den Hirtenstamm der Watussi oder Wahuma

vertreten sind.

[Illustration: Mann aus Ussui.]

Aus dem abflusslosen Gebiet nach den ersten Nilzuflüssen kommend,

treffen wir den Stamm der =Waschaschi=. Derselbe dürfte ursprünglich

den Wasinja verwandt gewesen sein, wenigstens ist die Sprache, das

Kischaschi, vom Kisinja nur dialektisch verschieden. Gegenwärtig

weichen die Waschaschi ethnographisch stark von den Wasinja ab.

Besonders in den östlichen und nördlichen Grenzgebieten haben die

Waschaschi starke Beimischungen von hamitischem (Massai und Wataturu)

und nilotischem (Kavirondo) Blut erlitten und sich dadurch abweichend

entwickelt. Im Süden dagegen brachte der fortwährende Verkehr mit den

Wanyamwesi (Wasukuma) eine Annäherung an diese hervor.

Wir verstehen hier unter Waschaschi jene östlichen Nyansavölker, die

ethnographisch ein einheitliches Ganzes bilden, in einzelnen Zügen

allerdings von einander abweichen und sich in verschiedene Stämme

gliedern.

Im Norden hausen die Wangoroïne, die stark mit Wakuavi- und

Kavirondo-Blut vermischt sind. An diese schliessen sich südlich die

Waschaschi im engeren Sinne, die das Hinterland des Nyansa bewohnen

und nur in Katoto dessen Küste erreichen. Ihnen sehr nahe stehend,

doch stark mit Massai-Blut gemischt, sind die Bewohner von Ikoma oder

Elmarau. Die Waruri und Wakwaya am Nyansa sind auch nichts Anderes

als Waschaschi, wie aus Sprache und Lebensweise deutlich hervorgeht.

Die Waruri sind stark mit Wagaya (Kavirondo) gemischt, welche bereits

der nilotischen Gruppe angehören, die Wakwaya aber ziemlich rein. Ihr

Zweigstamm, die Wakara der Insel Ukara, haben sich zwar im Aeusseren

und Wesen sehr ursprünglich erhalten, sind aber jedenfalls durch

Zwischenheirathen mit Wakerewe (Wasinja) gemischt.

Wo Waschaschi noch ihren eigentlichen Charakter bewahrt haben, zeigen

sie überraschende Analogien mit den Wanyaturu des Distrikts Turu,

sodass man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, dass beide Völker --

etwa mit den Wanyairamba -- einer Quelle entsprungen sind.

Von einem einheitlichen =körperlichen Typus= kann bei den Waschaschi,

die so vielen Blutmischungen ausgesetzt waren, kaum die Rede sein. Im

Norden und Osten sieht man viele Anklänge an den hamitischen Typus,

im Süden ist die untersetzte, negerhafte Körperform der Wanyamwesi

vorherrschend. In Ikiju und bis Uaschi hin, sowie in Majita und

Ururi, leben hochgewachsene, sehr kräftige und schlanke Waschaschi

mit dunkelbrauner Hautfarbe, nicht allzu scharfem Negertypus und

freundlichem Gesichtsausdruck. Alle Waschaschi sind beschnitten und

stehen damit im Gegensatz zu den Wasinja und Wanyamwesi. In vielen

Gegenden werden die vordersten oberen Schneidezähne dreieckförmig

ausgesplittert, bei den Waruri die ganzen Schneidezähne des

Oberkiefers spitz gemacht, eine Sitte, die jedoch den Wagaya entlehnt

ist. Das Ohrläppchen wird überall durchbohrt und lang ausgedehnt, in

der Oeffnung werden ovale Holzscheiben getragen. Daneben findet auch

der Massai-Ohrschmuck und die Messingspirale der Wasukuma Eingang.

Das Haar wird meist kurz getragen und rund um den Kopf abrasirt, oft

auch über der Stirn dreieckförmig ausrasirt. Die Wakwaya rasiren das

ganze Vorderhaupt ab und flechten das Haar am Hinterkopf in Zöpfchen.

In Ikoma und den Nachbargebieten bis Ururi hin, wird das Haar

vielfach in Zöpfchen gedreht und mit rothem Lehm und Fett angemacht,

der Haarrand jedoch stets rund ausrasirt.

Die ursprüngliche =Kleidung= sämmtlicher Waschaschi-Männer besteht

aus einer Anzahl um den Leib gewundener Bastschnüre, gleicht also

völlig jener der Wanyaturu. Bei Knaben ist diese Tracht fast überall

noch üblich. Junge Männer tragen in Ikoma, Ngoroïne und bis Ururi hin

den Massai-Ueberwurf, der niemals die Schamtheile bedeckt. In Ikiju,

Katoto und Ukwaya wird ein kleineres Fellschürzchen getragen. Die

Wakara ziehen die Schnur zwischen den Beinen durch und lassen vorn

ein Leder- oder Zeugschürzchen herabhängen. Aeltere Männer tragen

überall längere Felle, die oft schön gegerbt sind. Die Weiber kleiden

sich mit einem oft vielgefalteten Lendenschurz aus Leder, der bei

festlichen Gelegenheiten mit Schnüren und Klapperfrüchten besetzt

ist. Beide Geschlechter pflegen sich roth zu bemalen. Als Kopfschmuck

dient den Kriegern in Ngoroïne eine Bastschnur, von welcher Fransen

aus weissem oder rothem Bast, Federn oder Käferflügel herabhängen. Um

den Hals tragen beide Geschlechter Glas- oder Eisenperlen, sowie den

weitverbreiteten eigenartigen Schmuck, der aus Strausseneischeibchen

gebildet wird. Am Oberarm sitzt ein Bastring, am Unterarm breite

Elfenbeinringe, die oft ganze Manschetten bilden. Unter dem

Knie pflegen Weiber ebenfalls einen Bastring zu tragen. Letztere

schmücken sich in vielen Gegenden auch mit Armringen aus Eisen.

Beim Tanz pflegen die jungen Krieger grosse Schellen an den Beinen

zu tragen. An einer Schnur hängend wird oft ein eiserner Kratzer am

Rücken getragen. Ein merkwürdiger Schmuck ist ein mit einem Messer

versehener Fingerring.

Der =Charakter= aller Schaschi-Stämme ist ein friedlich gutmüthiger

und für Schwarze äusserst liebenswürdiger. Sie sind nichts weniger

als kriegerisch und ihren Erbfeinden, den Massai, in keiner Weise

gewachsen. Eine Ausnahme bilden die Wakara, die von erstaunlicher

Wildheit und Abneigung gegen alles Fremde sind und darin völlig den

Wanyaturu gleichen.

[Illustration: Rückenkratzer der Waschaschi.]

[Illustration: Fingerring der Waschaschi.]

Das Leben der Waschaschi dreht sich um den =Ackerbau=, dem sie mit

grossem Eifer und Geschick nachgehen. In Ikoma und Ngoroïne liefert

die Eleusine (Kisw. wimbi) die Hauptnahrung, in Uhemba, Uaschi, Ikiju

und den Nachbarländern jedoch die Grundnuss, Arachis hypogaea. Soviel

mir bekannt, giebt es keine andere Gegend, wo dieses weitverbreitete

Gewächs als Hauptnahrung dient. In den Gegenden, wo, wie in Uhemba,

fast nichts als Arachis zu haben ist, litten meine Leute vielfach

an Magenbeschwerden, die Waschaschi fühlten sich jedoch ganz wohl

dabei. Sonst baut man noch Sorghum der rothen Varietät, Mais,

Penicillaria, Sesam, Kürbisse, Gurken, Maniok, süsse Kartoffeln,

Tabak (besonders in Ukwaya), im Süden auch Hanf. Die Banane ist allen

Waschaschi unbekannt, selbst die =Wakara= pflanzen nur Sorghum und

Arachis, obwohl im benachbarten Ukerewe Bananen die Hauptnahrung

bilden. Dagegen betreiben sie eine sehr eigenthümliche Kultur, welche

durch ihre insulare Lage veranlasst wird. Sie bauen nämlich eine

Art Laubbäume als Futterpflanzen für das Vieh; dieselben stehen in

förmlichen Alleen. Das Laub wird abgeerntet und in kegelförmigen

Schobern getrocknet (Abb. pag. 50). Dadurch sind sie in der Lage,

grosse Rinderheerden von kleinem Zebuvieh zu halten, obwohl ihre

Insel keine Weideplätze bietet. Im Uebrigen ist von Rindvieh bei

den Waschaschi nicht viel zu sehen; ausser bei den Wakara und den

Bewohnern der Inseln des Baumann-Golfes trifft man kaum irgendwo

welches an, da es den Massai und früher wohl auch den Wataturu zur

Beute gefallen ist. Dagegen findet man Ziegen und Schafe und sehr

viele Hühner, aber keine Esel und sehr wenig Hunde.

[Illustration: Tabakspfeife der Wangoroïne.

Grundriss eines Weilers der Waschaschi.

Schnupftabaksdose der Wangoroïne.

Flusspferdharpune der Waschaschi.

]

Alle Waschaschi jagen eifrig mit Bogen und Pfeil und betreiben, wo

sich grössere Gewässer befinden, =Fischfang=. Besonders die Bewohner

des Nyansaufers in Katoto, wo der See ungemein fischreich ist,

betreiben Fischerei im Grossen mit Reusen, Netzen und grossen Angeln

(Abb. pag. 40) und jagen das Flusspferd mit der Harpune. Die Kanus

sind schlechte Nachahmungen der Wakerewe-Fahrzeuge. Sie pflegen die

Fische auf Gestellen zu trocknen und nach Usukuma zu verkaufen. Doch

auch die Bewohner von Ikoma fischen eifrig mächtige Welse im Grumeti

und Rubana.

Die =Hauptnahrung= der Waschaschi liefern die Produkte des

Ackerbaues, in Katoto der Fischfang. Der Genuss von Hühnereiern

gilt als ekelhaft. Tabak wird von Männern und Weibern aus schönen

langen Pfeifen mit Thon- und Steinköpfen geraucht. In Ngoroïne wird

auch viel geschnupft, eine Sitte, die wohl den Wakuavi entlehnt ist.

Zum Aufbewahren des Schnupftabaks dienen hübsche Kalebassen, die im

erweiterten Ohrläppchen getragen werden. Pombebereitung aus Sorghum

ist üblich und besonders in Ukara beliebt. Honig wird genossen, ist

jedoch besonders da, wo die Dörfer mit Euphorbienhecken umgeben sind,

oft gesundheitsschädlich.

Die =Hütten= der Waschaschi haben das Gemeinsame, dass sie

cylindrische Lehmwände und ein Kegeldach besitzen, sich also mehr dem

Unyamwesi-Typus nähern. Die einzige Ausnahme bilden die Wakara, die

den reinen Grashüttentypus mit spitzer Anlage den Wakerewe (Wasinja)

entlehnt haben (Abb. pag. 50).

In Ikoma und Ngoroïne, wo die Hütten selten viel über 4-5 m hoch

sind, haben sie einen Mittelpfahl, sonst fehlt dieser. Die grössten

und schönsten Hütten mit bis 12 m Durchmesser haben die Wakwaya

von Majita. Die Wände sind hier aussen von Schilf und nur innen mit

Lehm verputzt. Die Hütten sind in kleine Komplexe gruppirt, deren

jeder den umstehend schematisch gezeichneten Grundriss und eine

buschige Euphorbienhecke besitzt, welche die Hütten untereinander

verbindet. Jede Hütte hat zwei Eingänge, deren einer (a) von Aussen

hineinführt, eine Steinschwelle besitzt und nur für Menschen bestimmt

ist, während der zweite (b) keine Schwelle hat, in den Hof führt und

dem Vieh als Eingang dient. Eine Geflechtwand trennt den Vorraum vom

Wohnraum, in dem die primitive Bettstelle sich befindet. Der Dachraum

ist durch ein Stangendach abgeschlossen, auf welchem Feuerholz,

Fisch- und Ackergeräth liegt. Als normale Hütten dienen cylindrische

Korbgeflechte mit Grasdach, die auf Pfählen stehen und grosse im

Innern der Hütte befindliche flaschenförmige Körbe.

In Uaschi und Ngoroïne ist der zweite Ausgang der Hütte so

niedrig, dass man nur tief gebückt eintreten kann. Besonders in

Gebirgsgegenden können die Komplexe nicht regelmässig kreisförmig

angelegt werden, greifen ineinander über und bilden ein förmliches

Labyrinth. In manchen Gegenden ist um mehrere Komplexe eine grössere

Euphorbienhecke gezogen, die derart ein Dorf umschliesst. Um die

Dörfer von Ngoroïne zieht sich eine feste etwa 2 m hohe steinerne

Trockenmauer, auf welcher Dorngestrüpp liegt, hinter der die hohe

Euphorbienhecke sich hinzieht. Diese im tropischen Afrika sehr

seltene Befestigungsart durch Steinmauern findet sich auch in Lumbwa

und Sotik und ist möglicherweise vom Norden übernommen. In den

Gegenden, wo einzelnstehende steile Granithügel aufragen, bauen sich

die Waschaschi in diese hinein und benutzen die höchsten Felskuppen

als Warten, von welchen sie nach etwaigen Feinden auslugen. Als

Schutz vor bösen Geistern dienen Dorfamulette die in den Boden

gesteckt werden.

Die =Geräthe= der Waschaschi sind einfach, doch nicht ohne ein

gewisses Geschick gefertigt. Die ursprüngliche Hacke ist offenbar

die mit Holzklinge, wie sie sich heute noch in Ukara findet und

dort völlig der Holzhacke der Wanyaturu gleicht. Sonst hat fast

überall die Usinja-Hacke durch Wasukuma-Händler Eingang gefunden.

Doch wird dieselbe an ein Knieholz angebunden, wie an der kleinen

Eisenhacke ersichtlich. Als Kopfpolster dienen kleine Holzgestelle.

Korbflechtereien werden sehr fest und wasserdicht angefertigt. Zum

Abkratzen der Häute, die gegerbt werden sollen, dient ein eigenes,

umstehend abgebildetes Instrument.

[Illustration:

Lederkratzer, Waschaschi.

Stockschild, Waschaschi.

Dorfamulett, Waschaschi.

Hacke, Ngoroïne.

Hacke mit Holzklinge, Wakara.

Kopfpolster, Waschaschi.

Schlagschild, Ngoroïne.

]

Die Schilde sind vergrösserte, aber schlechte Nachahmungen der

Massai-Schilde. Schwerter und Keule sind selten und rein den Massai

entlehnt.

Ursprünglich dagegen sind die Schlagstöcke und Stockschilde. Erstere

führen die Waschaschi immer bei sich. Letztere sind weniger breit,

aber ebenso geformt wie die der Wanyaturu. Eine abweichende Art

von Schlagschilden haben die Wangoroïne. Dieselben werden bei

=Stockkämpfen= benutzt, die zu den Volksbelustigungen gehören.

Diese eigenthümlichen Stockkämpfe mit besonderen Schilden scheinen

mir ein besonderer Beweis für den ursprünglichen Zusammenhang mit

den Wanyaturu zu sein. Eine weitere Analogie mit diesen bietet die

rein republikanische Regierungsform der Waschaschi. Häuptlinge sind

gänzlich unbekannt, die Streitfragen in der Gemeinde werden von

Aeltesten entschieden. Ihre Todten begraben die Waschaschi und legen

dann Bastleibschnüre auf das Grab.

Ihre =Sprache= ist, wie oben erwähnt, nur dialektisch vom Kisinja

(Kinyoro) verschieden, so dass Leute, welche die letztere Sprache

reden, sich in Schaschi ohne Schwierigkeit verständlich machen

können. Die einzelnen Dialekte der Waschaschi-Stämme weichen nur

sehr wenig von einander ab. Von Ikoma bis Nata einerseits und

Katoto andererseits wird der reinste Dialekt gesprochen. Die Sprache

von Ngoroïne ist vielfach mit Massai-Elementen vermischt. Wakwaya

(Majita) und Wakara reden denselben Dialekt.

[Illustration: Trommel der Wakara.]

Paukenartige Trommeln sah ich bei den Wakara. In Ngoroïne kennt man

eine Leier, die völlig jener der Sudan-Neger gleicht (Abb. pag.

57), und Flöten. Letztere werden so häufig und zu so besonderen

Gelegenheiten geblasen, dass ich unwillkürlich an das Bestehen

einer Signal-Sprache dachte. Ein anderes Saiteninstrument ist bei

allen Waschaschi, sowie in ähnlicher Form bei den Wanyaturu und den

Völkern westlich vom Victoria-See bis zum Tanganyika gebräuchlich.

Als Kriegstrompeten dienen Antilopenhörner. Der Tanz besteht

hauptsächlich in Bewegungen des Unterleibes.

[Illustration: Saiten-Instrument, Waschaschi.]

Die =Hauptwaffen= der Waschaschi sind Bogen und Pfeil. Erstere

sind kräftig, letztere fast immer vergiftet. In Ukara hat sich die

ursprüngliche Pfeilform mit harten Holzspitzen erhalten, solche

findet man sonst nur in Majita, die übrigen Waschaschi haben Pfeile

mit Eisenspitzen, die sie in Leder-Köchern tragen. Das Pfeilgift,

eine schwarze Masse, wird in Holzbehältern verwahrt. Auch andere

Stämme beziehen Pfeilgift von den Waschaschi. Speere sind immer

anderen Stämmen entlehnt. So findet man im Norden den langen

Kavirondo-Speer mit kurzer, oft widerhakiger Spitze, im Süden den

modernen Wasukuma-Speer mit übergreifender Zwinge. Auch Massai-Speere

werden manchmal getragen. Die alte Form der Wataturu-Lanzen ist als

Paradewaffe beliebt.

[Illustration: Speer der Wangoroïne.]

Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und =Wasinja= eine

grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen

Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den

Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen

Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute

kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.

Unter =Wasinja= verstehen wir hier die Bewohner des alten

Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens,

ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des

westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von

Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin

gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.

Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi,

Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche

durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs

Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen

zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen

Elementes, die =Watussi=, erwähnt zu haben. Dieselben werden,

besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten,

auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in

vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute

selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung

dieses Namens vorschlagen.

Ueber die, jedenfalls seit undenklichen Zeiten ansässige

Bantu-Ackerbaubevölkerung, welche in die drei Hauptgruppen Waganda,

Wanyoro (Wasinja) und Warundi gegliedert ist, ergoss sich vor vielen

Jahrhunderten ein Einwandererstrom von hamitischen Hirten, die

Süd-Abessinien oder den nördlichen Galla-Ländern entstammten. Dass

sie wirklich aus diesen Gegenden herkamen, beweist nicht nur ihr

körperlicher Typus, den sie in vielen Gegenden bis zum heutigen Tage

rein erhalten, sondern auch die Rinderrasse, welche sie mitgebracht.

Dass die Einwanderung eine alte, und der Zeitpunkt, als dieselbe

erfolgte, mindestens ein Jahrtausend zurückliegt, dafür zeugen nicht

nur die Genealogien der Watussi-Herrschergeschlechter, welche von

Uganda und anderen Ländern überliefert werden, sondern vor Allem

auch die fast gänzliche Umwandelung, welche das Volk der Watussi

erlitten hat. Denn jedenfalls waren sie Anfangs ein sprachlich und

ethnographisch selbständiges Volk, wie heute die Massai, doch finden

wir, dass gegenwärtig alle Watussi die Bantusprache der Ackerbauer

angenommen haben und sich auch in Tracht und Lebensweise nur wenig

von diesen unterscheiden. Wohl mag es sein, dass einzelne Zweige

der Watussi noch Spuren der Ursprache erhalten haben -- wie von den

Hirten in Uganda behauptet wird --, doch ist darüber noch nichts

sicheres bekannt.

Die heute lebenden Watussi finden sich als Hirten oder als Häuptlinge

der Ackerbauer. Die ersteren haben sich reiner und ursprünglicher

erhalten, die letzteren sind nur durch ihren Typus als Watussi

erkennbar. In meinem Forschungsgebiet traf ich Watussi-Hirten in

geschlossenen Massen in den Gebirgen nordöstlich vom Tanganyika.

Als Hirten-Adel sind sie in ganz Urundi, als herrschende Klasse in

Ruanda zu treffen. Auch in Urambo, Unyanyembe und anderen Gegenden

Unyamwesi's findet man Watussi-Hirten die aus Urundi stammen und

vor mehreren Generationen von dort ausgewandert sind. Nur wenige

Hirten haben sich in Usinja und Ussui erhalten. Dort jedoch, wie

in Ukerewe, tragen die Häuptlinge deutlichen Watussi-Typus und ist

überhaupt eine starke, hamitische Blutmischung in der Bevölkerung

unverkennbar. Die reinsten Watussi sind jene von Ruanda und Urundi,

wo sie grundsätzlich keine Mischheirathen mit den Ackerbauern

eingehen, weshalb diese auch nichts vom Watussi-Typus angenommen

haben. Dieser ist so auffallend, dass man einen Mtussi sofort aus

einer Menge erkennt, obwohl er in Tracht und Schmuck in keiner Weise

von den Ackerbauern abweicht.

Da, wo sie vollkommen rein sind, zeigen die Watussi den hamitischen

Typus in weit grösserer Deutlichkeit als die Massai und gleichen

völlig den Galla und Abessiniern, mit schmalen Nasen, feinen,

regelmässigen Zügen und sprechenden Augen. Sie sind hochgewachsen,

zur Magerkeit neigend und besitzen ungemein zierliche, schön

geformte Extremitäten. Letztere sind besonders charakteristisch.

Selbst in Gegenden, wo die Watussi-Herrscher stark mit Bantublut

vermischt sind, erkennt man sie ohne Schwierigkeiten an ihren Händen

und Füssen, die bei oft vollkommen negerhaften Gesichtszügen doch

deutlich den Watussi-Charakter zeigen. Die Ohren sind wohlgeformt,

doch nicht selten grösser als bei den Ackerbauern. Beschneidung

ist nicht üblich. Das Haar ist stets kraus, negerhaft, nirgends

fand ich das bei Massai so häufige halbglatte »Hamitenhaar«,

eine Eigenthümlichkeit, die übrigens auch den Galla vielfach

anhaftet, während das Hamitenhaar mehr bei Somali und Abessiniern

vorkommt. Uebrigens fand Stuhlmann bei nördlicher lebenden Watussi

Hamitenhaare. Wie gross die Aehnlichkeit der Watussi mit den

Galla ist, mag man daran erkennen, dass einer meiner Soldaten, ein

Arussi-Galla, von den Leuten überall für einen Mtussi gehalten wurde.

Die Hautfarbe der Watussi variirt sehr. In Usukuma, überhaupt in

Unyamwesi, sind sie meist dunkel, doch könnte man dies Blutmischungen

zuschreiben, während solche in Ruanda und den Urundi-Gebirgen nahezu

ausgeschlossen sind. Aber auch dort findet man neben angenehm

lichtbraunen, dunkle und schwarzbraune Leute, wie denn überhaupt

bei dunkelfarbigen Rassen die Hautfarbe mit dem Wohnsitz und der

Lebensweise variirt und nur der Typus konstant bleibt.[20] Ob es, wie

behauptet wird, auch »weisse«, d. h. sehr lichtfarbige Watussi giebt,

ist mir nicht bekannt, doch halte ich dies nicht für unmöglich. Giebt

es doch unter den Abessiniern und Galla, besonders unter Weibern,

neben sehr dunkelfarbigen auch solche Individuen, welche kaum einen

leichten Farbenton erkennen lassen, wie ich selbst mich in Massaua

überzeugt habe.

[20] So wurde ein Negerjunge aus Ubwari, Tanganyika, den

ich mit nach Europa brachte und der in Afrika zu den

schwärzesten Negern gehörte, die ich jemals gesehen,

selbst im europäischen Sommer täglich lichter und ging von

schwarzbraunen zu kastanienbraunen Schattirungen über.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 22 / 41 段