wobei kein Weib zusehen darf. Die Ngaramaníg haben keinen Laibon,
besuchen jedoch jene der Massai um Jagdzauber zu erhalten.
Die Wandorobo sind im Allgemeinen friedlich und gut geartet. Selbst
die von Serengeti, die über bedeutende Macht verfügen, sind Fremden
gegenüber stets freundlich. Sie sind vielleicht bildungsfähiger als
die Massai, am Paregebirge und Panganifluss giebt es sogar sesshafte
Ngaramaníg, welche Ackerbau treiben.
Als nahe Verwandte der Massai erscheinen sprachlich sowohl wie
in ihrem Aeusseren die =Wataturu=, welche sich selbst =Tatoga=
nennen. Vor einigen Jahrzehnten lebten sie noch ausschliesslich als
Viehnomaden. Sie theilen sich in drei Stämme ein, die Brariga, Bayuta
und Simityek. Die beiden ersten gelten als voll, die Simityek, von
den Bantu »Wanonega« genannt, sprechen eine dialektisch verschiedene
Sprache und gelten als Pariastamm, der sich vielfach von Jagd und
Fischfang nährt. Alle drei Stämme bewohnten ursprünglich die Gegend
Rotigenga, das Gamrit der Massai, die südöstlich von Ikoma (Elmarau)
gelegen ist. Von dort wanderten die Bayuta nach Gurus, dem Mutyek
der Massai, sowie weiter nach Süden bis zum Gurui-Berg aus, besassen
besonders viele Lager und ungeheure Heerden im heutigen Ngorongoro
und Mangati und durchstreiften die Steppen bis Ussandaui und Ugogo
hin. Sie waren damals ebenso gefürchtete Viehräuber wie heute die
Massai.
[Illustration: TAFEL XVIII. IRAKU-LEUTE - WAFIOMI]
Eine völlige Aenderung geschah durch den Einbruch der Massai,
welche vor etwa 35 bis 40 Jahren zuerst auf das Plateau von Mutyek
vordrangen und die Bayuta-Wataturu aus Ngorongoro verdrängten. Ein
Theil derselben flüchtete sich nach Gamrit, die meisten jedoch zogen
mit ihrem Häuptling =Sagiro=, der heute noch lebt, längs des Manyara
südwärts. Aeltere Leute in Umbugwe erinnern sich noch genau daran,
wie die Wataturu in ungeheueren Mengen mit Weib und Kind am linken
Ufer des Kwou lagerten und von den Wambugwe Erlaubniss zur Ansiedlung
erbaten. Da dieselben eine solche Masseneinwanderung nicht wünschten,
wurde ihnen der Uebergang über den Kwou verweigert.
Viele schlossen sich nun ihren nomadisirenden Landsleuten am
Gurui-Berg an, andere jedoch zogen mit Sagiro nach Unyambeïu in
Unyamwesi und liessen sich dort nieder. Ihre Rinderheerden wuchsen
wieder ungeheuer an, doch gerade dies wurde ihr Verderben, denn die
Massai, die ihre Raubzüge immer weiter ausdehnten, drangen bis zu
ihnen vor und beraubten nicht nur die Wataturu, sondern auch ihre
Gastgeber, die Wanyamwesi. Letztere verweigerten daher den unbequemen
Gästen die Erlaubniss, länger zu bleiben, und Sagiro zog, einer
Einladung des Häuptlings Mtinginya folgend, nach Usongo. Doch bald
bekam auch dieser Streit mit den übermüthigen Viehnomaden, und,
da er selbst sich gegen sie zu schwach fühlte, rief er die Massai
zur Hilfe. Zum letzten Male standen sich hier die stammverwandten
erbitterten Feinde gegenüber, in blutiger Schlacht wurden Sagiro und
die Seinen besiegt und alles Vieh von den Massai geraubt. Mit den
wenigen Leuten, die ihm blieben, zog sich Sagiro erst nach Ntussu,
dann nach Mbulu (Iraku) zurück, wo er heute noch lebt.
Nicht viel besser als den Bayuta erging es den Brariga von Gamrit.
Auch diese wurden von den Massai verdrängt und verliessen das Land,
das jetzt öde liegt, um am Victoria-Nyansa nördlich vom Speke-Golf
zu nomadisiren. Doch auch dort blieben sie nicht ruhig, die Massai
beraubten sie ihres Viehstandes und zersprengten sie gänzlich. Ihre
spärlichen Ueberreste findet man auf der Insel Ukerewe, am Spekegolf,
unter den Waschaschi von Ikoma, in Meatu und anderen Theilen von
Usukuma.
Auch die Gurui-Wataturu wurden ihres Viehes beraubt und zu sesshafter
Lebensweise gezwungen. Einige von ihnen wurden bis Ugogo versprengt.
Der einst mächtige, zahlreiche Stamm ist heute nur mehr eine
Völkerruine, die Zahl der Wataturu beträgt nach roher Schätzung kaum
5000 Menschen. Nur in Mangati leben sie in geschlossenen Massen,
sonst als Fremdlinge unter den Eingeborenen, haben es jedoch, wie in
Iraku und Ufiomi, nicht selten zu einflussreicher, ja herrschender
Stellung gebracht.
Im =Körperbau= gleichen die Wataturu sehr den Massai, ja der
hamitische Typus tritt bei ihnen häufig reiner hervor. Sie sind alle
schlank, langbeinig, mit zierlichen Körperformen und Extremitäten und
haben vielfach sehr anziehende, an Nubier erinnernde Gesichtszüge.
Viel plumper und negerhafter sind die Weiber. Die Hautfarbe ist
sehr variabel, viele, sehr typische Wataturu sind schwarzbraun,
andere, besonders die von Ukerewe, auffallend lichtfarbig. Man sieht
unter ihnen ziemlich viele kränkliche Leute. Das bei den Massai
beschriebene Hamitenhaar kommt bei ihnen häufig vor.
Auch geistig machen die Wataturu den Eindruck tiefen Verfalls; früher
freilich sollen sie ein kühner, trotziger Stamm gewesen sein, jetzt
sind sie völlig harmlos und friedlich. Einzig in Mangati soll sich
noch manchmal der alte räuberische Sinn durch Uebergriffe gegen
Küstenhändler geäussert haben. Nach der Niederlage der Wambugwe
gaben sie diese jedoch auf und ich selbst fand bei ihnen überall
freundliche Aufnahme.
Ihre =Sprache= gehört, wie gesagt, der nilotischen Gruppe an, ist
jedoch vom Massai so verschieden, dass eine Verständigung gänzlich
ausgeschlossen ist. Das reinste Tatoga wird in Mangati gesprochen,
in Usukuma und Ukerewe ist es stark mit Bantu-Elementen versetzt.
Sagiro's Leute sprechen ausser der Muttersprache alle Kinyamwesi. --
[Illustration: Wataturu-Mann aus Mangati.]
Bei dem Uebergangsstadium, in dem die Wataturu sich jetzt noch
befinden, ist es schwer, in ihrer =Tracht= das Ursprüngliche
herauszufinden. Eine Haarfrisur kommt nur selten in Form eines
Haarbüschels am Hinterhaupt vor. Die Krieger pflegen einige
Straussfedern am Scheitel zu tragen. In die ausgedehnten Ohrlappen
steckt man runde Holzscheiben. Die Kleidung besteht bei Männern aus
einem Ueberwurf aus Leder, welcher öfters in der bei den Wafiomi
üblichen Art durchlocht ist. Um die Hüften werden zahlreiche
Bastschnüre geschlungen. Die Weiber tragen Lederkleidung, welche
meist die Brust verhüllt. Als Schmuck dienen letzteren vielfach
Glasperlen, Messing- und Eisenarmbänder. In dieser Tracht sieht man
die Wataturu in Mangati. Die Leute Sagiro's (Abb. pag. 114), die
durch den langen Aufenthalt in Unyamwesi überhaupt »civilisirter«
sind, tragen meist Baumwollzeug, die Wataturu der Nyansaländer
gleichen bezüglich Tracht völlig den umwohnenden Bantu-Stämmen.
Die Beschneidung ist bei Männern und Weibern üblich, und zwar bei
ersteren in Form gewöhnlicher Circumcision, nicht nach Massai-Art.
Früher wohnten die nomadischen Wataturu in ähnlichen Lagern wie
die Massai, heute ahmen sie die =Siedelungsformen= der Stämme nach,
deren Gebiete sie bewohnen. So hausen die Wataturu von Mangati und
Iraku in Temben, die genau jenen der Wafiomi gleichen und theils
oberirdisch theils unterirdisch angelegt sind. Jene in Usukuma und
Ukerewe dagegen leben in Rundhütten. Die Mangati-Leute pflegen jedoch
die Temben etwas höher zu bauen als die Wafiomi, eine Neigung, die
jedenfalls Sangiro's Leute aus Unyamwesi mitgebracht haben. Die
Temben selbst sind meist ziemlich gut gebaut, die Umgebung jedoch
verwahrlost und schmutzig.
Es erscheint zweifellos, dass nicht nur der Simityek-Stamm, sondern
alle Wataturu, selbst in der Blüthezeit des Volkes, ausser Viehzucht
auch =Jagd= betrieben haben. Heute noch widmen sie sich derselben mit
Eifer und Geschick und stellen dem Wild mit Bogen und langen, stark
vergifteten Pfeilen nach, die sehr jenen der Wandorobo gleichen. Die
Simityek trieben und treiben in ihren spärlichen Ueberresten heute
noch Fischfang im Nyansa, auch die wenigen, die im Mangati-Gebiet
leben, sollen im Kwou- und Maitsimba-See fischen.
Die Wataturu nannten früher ungeheure Rinderheerden ihr Eigen, heute
beschränkt sich die =Viehzucht= auf Ziegen und Schafe, deren sie in
Mangati recht viele besitzen, und wenige Rinder.
Im =Ackerbau= sind die Wataturu noch Anfänger, doch bauen sie in
Mangati und Iraku mit Eifer Sorghum und Mais, während sie auf Ukerewe
hauptsächlich von Pataten leben. Diese Kulturpflanzen liefern denn
auch heute die =Hauptnahrung=, während sie früher aus Fleisch und
Milch bestand. Besonders die Krieger durften früher nur Rindfleisch
und Milch geniessen, ausserdem jedoch das Fleisch vom Büffel,
Giraffe, Zebra, Gnu, der Swara-Antilope und ausnahmsweise auch das
der auf Kiswahíli »povu« genannten Antilope. Wer jedoch das Fleisch
der letzteren gegessen hatte, durfte am selben Tage keine Milch
trinken. Das Fleisch aller anderen Thiere war streng verpönt. Das
Aderlassen der Rinder mit dem charakteristischen Pfeil, war ebenfalls
üblich und wurde das frische Blut wie bei den Massai getrunken und
mit Milch zusammen gekocht. Das Kochen der Milch war überhaupt stets
gebräuchlich. Ausserdem genossen die Krieger mit Vorliebe Kuhurin,
dem sie ein Pflanzenmittel (Luidanda) sowie Kuhfett beimischten,
worauf sie erbrachen und heftig abführten, jedoch Kriegsmuth bekamen.
Tabak schnupfen und rauchen ist heute allgemein üblich.
Die =Geräthe= der Wataturu haben wenig Charakteristisches und sind
meist den umwohnenden Stämmen nachgeahmt. Früher werden sie wohl
-- ähnlich wie die Massai -- überhaupt nicht viele Geräthe besessen
haben. Ihre Waffen bestehen aus Wurfspeeren, die jenen der Wambugwe
gleichen, doch schlechter gearbeitet sind, aus einem Rundschild von
Büffelhaut und aus den vorerwähnten Bogen mit vergifteten Pfeilen,
die jedoch hauptsächlich zu Jagdzwecken dienen. Früher besassen
sie breitklingige Speere, die jedoch nicht wie die der Massai
eine übergreifende Zwinge, sondern einen eingelassenen Schaftdorn
besassen. Sie waren an der Klinge hübsch ornamentirt und besassen
reiche Schaftverzierung. Diese Speere findet man im Stamme selbst
fast garnicht mehr, sondern nur noch bei den Wasukuma und Waschaschi
als Paradewaffen. Sie wurden von einer Schmiedekaste, den Gidamudiga
gefertigt, die eine ähnliche Stellung wie die Elkonono der Massai
einnahmen, jedoch nicht verachtet wurden. Sagiro's Leute benutzten
vielfach Vorderlader-Gewehre.
Von =Handel= kann bei den Wataturu kaum die Rede sein. Höchstens
Sagiro's Leute befassen sich mit dem Verkauf von Elfenbein und
Kleinvieh und die Mangati-Leute tauschen das Salz des Balangda-See
an umwohnende Stämme gegen Kleinvieh um. Sie pflegen das Salz in
halbkugelförmigen Klötzen in den Verkehr zu bringen.
Bei der =Geburt= eines Menschen wird meist eine Ziege geschlachtet
und von den Verwandten gegessen. Die Beschneidung wird in früher
Jugend vollzogen. Beim Reifwerden werden die Zähne nach Massai-Art
hergerichtet, das heisst die vordersten oberen Schneidezähne
vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen. Doch kommt diese
Sitte immer mehr ab. Eine Absonderung der jungen Leute fand niemals
statt, dieselben hausten stets im Kraal der Eltern.
[Illustration: Alte Speerformen der Wataturu.]
Will ein junger Mann heirathen, so bringt er dem Vater seiner
Erwählten einen Honigtopf. Wird dieser angenommen, so kann die
Hochzeit stattfinden, bei der keine besondere Zeremonie üblich ist.
Früher bekam die Braut von ihrem Vater meist zwei Stiere und eine
Milchkuh in die Ehe mit, dasselbe der Bräutigam von seinen Eltern.
Jetzt erhalten sie meist Ziegen, auch pflegt man ihnen ein Tembe zu
bauen. Vielweiberei ist üblich. Die =Weiber= verrichten nur häusliche
Arbeiten, ausserdem errichteten sie früher die Lagerhütten und tragen
jetzt beim Tembebau den Lehm auf. Die Sorge für Nahrungsbeschaffung,
also gegenwärtig auch der Ackerbau, obliegt ausschliesslich den
Männern. Im Gegensatz zu den meisten Bantu, wo die Hauptlast auf den
Schultern der Weiber liegt, kann man diese in den Taturu-Dörfern
meist bequem auf den Kehrichthaufen umherlungern sehen, während
die Männer das Feld bestellen. Daher sind auch die Wataturu als
Gatten bei den umwohnenden Stämmen sehr beliebt und Mischheirathen,
besonders mit Wafiomi, kommen sehr häufig vor.
In =Krankheiten= pflegt der Zauberdoktor Brechmittel, Schröpfen
(besonders am Scheitel) anzuwenden und den Kranken zu brennen.
=Todte= werden in den Busch geworfen und nicht mehr beachtet, nur
berühmte Zauberdoktoren werden begraben. In früherer Zeit wurde das
Lager, in welchem Jemand starb, als unglückbringend verlassen.
Ein Geisterkultus ist nicht bekannt, wie bei den Massai herrscht
der Glaube an einen Gott, mit welchem der =Zauberer= den Verkehr
vermittelt. Dessen durch Vieh zu bezahlender Rath wird öfters
eingeholt, auch giebt er sich mit Regenmachen ab. Die Würde des
Zauberers ist erblich, die Häuptlinge, voran Sagiro, der von allen
Wataturu als Oberhaupt anerkannt wird, sind nichts anderes als
Oberpriester ohne direkten, politischen Einfluss. Die Gerichtsbarkeit
wird von den Aeltesten ausgeübt. Bei Diebstahl bekommt der Bestohlene
ein Rind, den übrigen Besitz des Diebes ziehen die Aeltesten ein.
Mord wird stets durch Blutgeld gesühnt.
=Kriege= der Wataturu unter einander kommen vor; bei diesen sehen
die Aeltesten ruhig zu und legen sich ins Mittel, sobald einige
Leute gefallen sind. Aeusserst blutig waren jedoch die Kämpfe gegen
die Massai, gegen welche sie grimmigen Hass hegen. Wer einen Massai
getödtet, trägt Messingschmuck und zwei Messing-Halbmonde an der
Stirn.
=Sklaverei= ist unbekannt, sie selbst jedoch litten mehrfach unter
Sklavenjagden und Wataturu-Sklaven kommen vereinzelt in Unyamwesi und
selbst an der Küste vor.
Eine Zukunft ist den Wataturu nicht zuzusprechen. Der Stamm hat zu
wenig Widerstandskraft, um den grossen Sprung vom Viehnomaden zum
Ackerbauer erfolgreich zu überstehen. Besonders die zahlreichen
Heirathen mit anderen Stämmen werden das rasche Verschwinden der
Wataturu herbeiführen. Für diese jedoch, vor allem für die Wambugwe,
war und ist die Vermischung mit hamitischem Blut ein nützliches
Ferment, welches sie über das Niveau anderer Bantustämme erhebt.
Wenn die Wataturu gewissermaassen den Uebergang vom Viehzüchter zum
Ackerbauer darstellen, so gelangen wir mit den =Wafiomi= zu den
reinen Ackerbauern. Unter Wafiomi werden hier jene zusammengehörigen
Stämme verstanden, welche die Landschaften Ufiomi, Iraku, Uassi und
Burunge bewohnen. Dieselben bilden sprachlich und ethnographisch ein
Ganzes, obwohl sie durch die Verschiedenheit des Wohnortes manche
Unterschiede aufweisen. So sind die Leute von Uassi und Burunge durch
die umwohnenden Bantu, die Warangi, beeinflusst, während die Bewohner
von Ufiomi und Iraku sich sehr ursprünglich erhalten haben.
Die Wafiomi sind jedenfalls alte, vielleicht mit den Wassandaui die
ältesten Bewohner der abflusslosen Gebiete. Bei den meisten anderen
Stämmen, bei den Massai, Wataturu, selbst bei den sesshaften Wambugwe
haben sich dunkle Ueberlieferungen früherer Einwanderung erhalten.
Bei den Wafiomi findet sich nichts ähnliches; sie behaupten, die
Gebiete, die sie heute innehaben, seit jeher bewohnt zu haben. Einige
meiner Leute, die früher nie in diesen Gegenden gewesen, konnten
sich mit den Wafiomi nothdürftig verständigen, indem sie die Sprache
redeten die in Lumbwa, Sotik und bis Nandi und Kamassia von den
dortigen, wenig bekannten Eingeborenen gesprochen wird. Man könnte
danach die Wafiomi als eine Aboriginer-Bevölkerung der Plateauländer
westlich vom ostafrikanischen Graben betrachten.
Die =Sprache= der Wafiomi wird von keinem der umliegenden Stämme
verstanden und gehört weder der Bantu noch der nilotischen Gruppe
an. Sie ist nicht unschön und nähert sich in der Klangfarbe dem
magyarischen. Die wenigen Proben, welche ich erlangen konnte, lassen
sie als rein hamitisches Idiom erscheinen. Wahrscheinlich ist es
einer der ältesten Zweige der interessanten hamitischen Gruppe und
wäre näheres Studium wohl werth.
Die Wafiomi sind hager, mittelgross, von nicht unschönen
=Körperformen= und feinen Extremitäten. Ihre Gesichtszüge sind
vielfach scharf geschnitten, weniger typisch negerhaft als echt
hamitisch. Einen besseren Begriff als jede Beschreibung werden die
beigegebenen Abbildungen nach Photographien geben. (Tafel 18, 20,
21, Abb. pag. 117, 120 und Schlussvignette des Kapitels.) Bei den
Schmutzmassen, welche den Körper der Wafiomi bedecken, ist deren
Hautfarbe nicht leicht zu bestimmen, doch sind die Bewohner des
Tieflandes meist dunkler als die der Gebirge, besonders die Leute im
südlichen Iraku sind auffallend lichtfarbig. Hamitenhaare, ja fast
glatter Haarwuchs kommt häufig vor. Sie scheinen eine sehr gesunde
Rasse, Greise sind besonders in Iraku häufig. Sie pflegen die Haare
lang wachsen zu lassen und dieselben in viele kleine Strähnen zu
drehen. Da sie diese Frisur jedoch nur selten erneuern, so wallen
ihnen meist Haarmassen um den Kopf, deren wüstes Aussehen durch
einige am Scheitel angebrachte ruppige Federn noch erhöht wird.
Beide Geschlechter sind beschnitten. Die beiden vorderen unteren
Schneidezähne pflegen die Weiber auszubrechen, die Männer die oberen
nach Massai-Art vorzubiegen.
In den Ohren tragen sie runde Holz- oder weisse Knochenscheiben,
manchmal auch Messingspiralen, öfter braune dürre Blätter, um den
Hals Glasperlen. Die Weiber tragen Eisen- und Lederringe an dem
Unterarm.
Die =Bekleidung= besteht bei Männern aus einem Ueberwurf aus Leder,
welches oft siebartig von feinen Löchern durchbohrt wird wodurch
es förmlich »Lederspitzen« gleicht. Freilich gewinnt die Solidität
nicht durch dieses Verfahren und gar manchem Mfiomi hängen seine
Lederspitzen in Fetzen um den Leib. Die älteren Leute pflegen längere
Mäntel zu tragen, die Weiber einen Lendenschurz, in kälteren Gegenden
wohl auch einen Ueberwurf. Der Gesammteindruck der Wafiomi ist kein
übermässig vortheilhafter, aber ein im hohen Grade origineller.
Ein Mfiomi, der aus seiner Erdhöhle hervortretend, von Schmutz
starrend, mit zerfetzter Bekleidung, wilden Haarmassen und scharfen,
misstrauisch verzerrten Gesichtszügen den Fremden anstarrt, stellt
den Idealtypus eines »Wilden« dar, wie man ihn nur selten findet.
Dem Aeusseren entspricht so ziemlich auch der =Charakter=. Mit
Ausnahme der Irakuleute, von den Swahíli meist Wambulu genannt,
die stets den Ruf der Gutmüthigkeit hatten, gelten alle Wafiomi als
boshaft. Die Burunge-Leute haben die Araber von Irangi nach harten
Kämpfen unterworfen. In Uassi wurde ich bei meinem Durchmarsch
räuberisch angefallen, doch war eine Verständigung zu erzielen.
Besonders gefürchtet waren stets die Bewohner von Ufiomi, dem
Soïebus der Massai, die auch schon mehrmals Küstenkarawanen
niedergemetzelt hatten, ja sogar einen Einfall der gefürchteten
Ober-Aruschaner mit Glück abschlugen. Am Westufer des Maitsimba-Sees
haben die Wataturu-Häuptlinge Sagiro's, vor allen Gwandu, einige
Ordnung geschaffen. Auch am Ostufer fand ich übrigens scheue, doch
freundliche Aufnahme, anscheinend hatten die Niederlagen der Wambugwe
einerseits und der Wauassi andererseits ihre Wirkung nicht verfehlt.
Trotz ihres kriegerischen Sinnes konnten die Wafiomi doch niemals den
Massai Widerstand leisten und verloren ihren Viehstand an dieselben.
Von besonderem Interesse sind die =Wohnungen= der Wafiomi, welche
geeignet sind Licht auf die Entstehung des Tembebaues zu werfen. Es
muss nämlich befremden, dass die sämmtlichen sesshaften Völker des
abflusslosen Gebietes, mögen sie nun Bantu, Wafiomi oder Wassandaui
sein, in =Temben= wohnen, während man sonst in Mittelafrika nur
Rund- oder viereckige =Hütten= findet. Man hat angenommen, dass
die Temben aus dem Typus des Massai-Lagers entstanden seien, indem
man zu ständigeren Siedelungen statt des unregelmässig runden einen
viereckigen Grundriss wählte.
Doch ist dieser Uebergang, welcher bei den Wakuavi in Usegua[17]
am reinsten vertreten ist, vor Allem nur bei angesiedelten
Viehnomaden denkbar, während die oben genannten Stämme stets
Ackerbauer waren, ferner kann das Massai-Lager nur zur Entstehung
des Hof-Tembe, niemals jedoch des völlig eingedeckten Tembe führen,
von welchem jedes eine Familie beherbergt. Dieses muss eine andere
Entstehungsgeschichte haben, zu welcher wir im südlichen Iraku die
Erläuterung finden.
[17] Siehe Baumann, »Usambára« pag. 277.
Dort sind nämlich heute noch drei Wohnungstypen im Gebrauch:
Rundhütte mit cylindrischer Lehmwand und Blätterdach, geschlossenes
Tembe und Erdstall. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man annehmen,
dass der Erdstall, dieses Urbild einer primitiven Siedelung, hier
die ursprüngliche Form darstelle, und dass aus dieser sich Tembe
und Rundhütte entwickelt haben. Thatsächlich ist der Gang jedoch
ein umgekehrter. Ursprünglich bewohnte man die Rundhütte, bis
feindliche Einfälle, besonders der Massai, das Blätterdach als zu
feuergefährlich erscheinen liessen. Man gab der Hütte ein Lehmdach.
Thatsächlich habe ich im südlichen Ikoma, wo der Umwandlungsprozess
eben im Gange ist, Rundhütten mit flachem Lehmdach gesehen. Es ist
jedoch begreiflich, dass diese Form sich nicht lange halten kann,
die Auswahl ungleich langer Stangen für das Dach ist zu unbequem,
als dass nicht bald der Gedanke auftauchen sollte, dem Unterbau
statt einer cylindrischen eine viereckige Form zu geben -- und der
Tembe ist fertig. Doch auch dieser erscheint zu exponirt, man baut
ihn immer niedriger, man tieft den Boden, wenn seine Beschaffenheit
dazu günstig, immer mehr ein um gebückt stehen zu können; man macht
schliesslich die Decke dem Erdboden gleich -- und der Erdstall ist
gegeben.
Wenn wir die verschiedenen Wohnungsformen der Wafiomi betrachten, so
finden wir in Uassi und Burunge völlig den Warangi gleichende Temben
mit Knüppelzäunen für das Vieh.
In Ufiomi sind die Temben (Abb. pag. 116) an der meist nach Westen
gerichteten vorderen Seite ca. 1,50 m, an der Hinterseite aber
nur 0,50 m hoch. Auch die Vorderseite ist in der Mitte höher als
an den Seiten, so dass das rothe Lehmdach nach drei Seiten hin
geneigt ist. An der Vorderseite befindet sich ein Vordach und durch
eine breite Thür gelangt man in das Innere, in welchem der Boden
meist so vertieft ist, dass man im Vordertheil des Raumes stehen
kann. Dort befinden sich hohe, lehmverstrichene Vorrathskörbe, die
auf Holzgestellen stehen. Im dunklen, hinteren Theil der Temben
ist der Heerd, neben welchem der Eingang zu den merkwürdigen
=Zufluchtshöhlen= sich befindet. Dieselben werden in den lehmigen
Boden gegraben. In dem völlig dunkeln Temberaum _a_ mündet ein
vertikaler etwa 2 m tiefer Schacht, aus dessen Unterseite ein Gang
leicht bergab führt in dem man auf Händen und Füssen kriechen muss.
Nach etwa 20-30 m gelangt man in einen cylindrischen Raum _b_, der
nach Tembeart gestützt ist. Dieser bildet die Sohle eines zweiten
Brunnens, der im offenen Felde mündet und dessen Oeffnung mit einer
Schicht Stroh und Erde bedeckt und nur für Kundige zu finden ist.
Manchmal sind zwei Temben unterirdisch verbunden, manchmal führen
aus dem cylindrischen Raum Gänge noch weiter, so dass ganz Ufiomi
förmlich unterminirt ist. Diese Höhlen werden erst seit der Zeit
der Massaieinfälle gegraben und waren früher unbekannt. Sie dienen
im Kriegsfall als Zuflucht hauptsächlich für Weiber und Kleinvieh.
Die zweite Oeffnung dient theils als Luftloch, theils um im Nothfall
einen Ausweg zu eröffnen.
[Illustration: Schematischer Durchschnitt der Wafiomi-Erdhöhlen.]