gesagt die Lager der Massai. Sie bestehen aus 40 bis 60 kreisförmig
angeordneten Hütten, die einen Viehhof umsäumen. (Abb. pag. 32). Die
Hütten haben oblongen Grundriss, sind ca. 1,20 m hoch und durch ein
Gerippe von Zweigen gestützt. Dieses wurde früher mit Kuhmist und
Lehm, jetzt meist mit Stäbchenmatten und Fellen überzogen. Das Thor,
durch welches man seitlich, wie in ein Schneckenhaus, eintritt, liegt
an der Innenseite, der Hüttenraum ist in zwei Theile getheilt.
Beim Abzug bleiben diese Hütten stehen und finden sich als
Wahrzeichen früherer Siedelungen überall im Massailand verstreut.
Nur Felle und Hausgeräth werden auf Esel und Rinder gepackt und
mitgenommen.
Das ganze Leben der Massai dreht sich um die =Viehzucht=, die =Jagd=
war früher nahezu verpönt und wird erst in neuerer Zeit auch von den
El Moran (Kriegern) betrieben. Die Hauptpflege wurde den Rindern zu
Theil, deren Zahl durch die Raubzüge ungeheuer anwuchs. Daneben hält
man auch Ziegen, Schafe und Esel. Die Zuchtwahl scheint den Massai
nicht unbekannt, wenigstens sah ich öfters Schafböcke, welchen man
steife Lederschürzen umgebunden hatte, um eine Fortpflanzung zu
verhindern. Die Rinder gehören durchweg der Zebu-Rasse an, Anklänge
an den bei den Watussi auftretenden Sangatypus der Galla-Länder
fehlen gänzlich. Der Grund liegt jedenfalls in den Raubzügen, die den
Massai massenhaft Rinder der ansässigen Völker zuführten, wobei etwa
vorhandene ursprüngliche Formen aufgingen. Die Esel sind kräftig,
untersetzt, von grauer Farbe und sehr ausdauernd. Bei den Krankheiten
der Hausthiere werden verschiedene Arzneimittel angewendet. Den
Rindern pflegt man mit einem eigenen kurzen Pfeil eine Ader zu
öffnen, um deren Blut zu trinken, hierauf wird die Wunde wieder
zugeheilt. Die Tödtung der Rinder geschieht durch einen Stich ins
Genick. Das Melken der Kühe ist nur Nachts gestattet.
An =Geräthen= besitzen die Massai sehr wenig und nichts selbst
gefertigtes, mit Ausnahme der Schmucksachen. Schlechte Thontöpfe
liefern ihnen die Wandorobo, Kalebassen erhalten sie von den
ackerbautreibenden Stämmen. Als =Waffen= dienen den Kriegern Speer,
Schild, Schwert und Keule, den älteren Männern Bogen und Pfeile.
Die Eisengeräthe fertigen die Elkonono, doch glaube ich nicht, dass
dieselben das Herstellen von Eisen aus dem Erz verstehen. Vielmehr
wird Eisen meist als Eisendraht von Karawanen importirt oder in
anderer Form von Ackerbauern bezogen. Die schönsten der grossen
breitklingigen Massai-Speere machen übrigens gar nicht die Massai,
sondern die Wadschagga und Ober-Aruschaner, die auch die Eisen-
und Kupferkettchen fertigen. Der Schild wird aus Büffelhaut von den
Wandorobo gefertigt und mit Erdfarben in den Wappenmustern bemalt.
Dieselben gelten für bestimmte Distrikte, z. B. kann man einen
Mutyek-Schild sofort von einem aus Sogonoi erkennen. Die Keule ist
aus hartem Holz und dient weniger als Waffe, als zum agiren bei
Reden, sie wird auch meist nur von Anführern getragen. Die Elmoruo
(die älteren Leute) tragen leichte Bogen und Pfeile in Holzköchern.
[Illustration: Pfeil zum Aderlassen der Rinder, Massai.]
Bei der =Geburt= eines Kindes umgeben verwandte Frauen die Wöchnerin,
Männer dürfen die Hütte nicht betreten. Knaben sind beliebter als
Mädchen, doch soll Kindesmord niemals vorkommen. Ist die Geburt
glücklich vorüber, so wird für den Vater ein Rind, für die Mutter ein
Schaf geschlachtet. Der Knabe, Layok, läuft völlig nackt und erhält
Unterricht im Viehtreiben und Speerschwingen, manchmal wird er wohl
auch bei Kriegszügen mitgenommen. Das Mädchen, Ndoye, verbringt die
Jugend bei der Mutter, bis sie mit ca. 12 bis 13 Jahren als Ndito in
den Elmorankraal kommt. Auch der Knabe wird schon mit 16 Jahren für
erwachsen gehalten, was durch ein Fest gefeiert wird. Die älteren
Leute versammeln sich, schlachten ein Rind und trinken drei Tage
lang Honigwein. Dann werden die jungen Leute durch einen Kundigen
-- nicht den Zauberdoktor (Laibon) -- nach Massai-Art beschnitten
und die Zähne und Ohren in der oben erwähnten Weise behandelt. Bis
zur Heilung der Wunde leben sie abseits im Busch und nähren sich von
kleinen Vögeln, deren Bälge sie um den Kopf gewunden tragen.
Dann wird der junge Mann in den =Elmorankraal= aufgenommen und lebt
zusammen mit den Nditos. Zeugt er ein Kind, so ist es üblich, dass
er das Mädchen heirathet und Elmoruo wird, doch kann er sich auch
durch ein Geschenk an den Vater loskaufen. Die Nahrung des Elmoran
ist eine rein animalische; ausser Fleisch, Blut und Milch darf er nur
Honig und Zuckerrohr geniessen. Wildfleisch und vor allem Getreide
sind ihm gänzlich verpönt, so dass derjenige, welcher als Krieger
»Ngúruma« (Getreide) isst, keine Frau bekommt. Das Blut wird in der
oben beschriebenen Weise direkt aus der Ader des Rindes getrunken.
Fleisch wird an Stöcken gebraten. Milch wird im Allgemeinen nicht
gekocht, nur für Verwundete mit Blut vermischt und warm gemacht, ein
Gebrauch, der jedoch von Fremden (Wagogo?) entlehnt sein soll. Sonst
darf der Elmoran am selben Tage nicht Fleisch bezw. Blut und Milch
zusammen geniessen.
Aller Nahrung wird ein aus einer Akazienrinde gewonnenes Mittel
»Mokota« beigemengt, welches Erbrechen und Abführen, sowie bei
reichlichem Genuss eine Art Berserkerwuth hervorbringt, in welcher
die Krieger vor Aufregung zittern und wobei ihnen Speichel aus
dem Munde fliesst. Fleisch mit Mokota und Milch soll jedoch Ruhr
erzeugen, woher der obige Gebrauch stammt, an demselben Tage entweder
nur Fleisch oder nur Milch zu geniessen. Auch die Weiber, vor allem
die Nditos, geniessen Mokota, dürfen aber auch Pflanzenkost zu sich
nehmen.
Im Kraal selbst darf keine Nahrung genommen werden. Um ein Rind
zu schlachten, ziehen die Krieger mit einigen Nditos in den
Busch, errichten mehrere leichte Grashütten und verschlingen dann
unglaubliche Mengen Fleisch. Grosse und kleine Bedürfnisse verrichten
die Massai stehend mit ausgespreizten Beinen.
Der Austritt aus dem Elmoran-Verbande erfolgt in verschiedenem
Alter, meist jedoch früh, mit ca. 30 Jahren. Dem Massai behagt das
Elmoran-Dasein, welches in Kriegszügen und faulem Umherlungern mit
den Nditos getheilt ist. Die Väter jedoch, besonders wenn sie grosse
Heerden besitzen, sehen ihre Söhne nicht gern in diesem unsteten,
gefährlichen Stande und entführen sie nicht selten mit Gewalt aus dem
Kraal; das Wahrzeichen des Elmoran, das Haar, wird abrasirt und der
Elmoruo, alte Mann, ist fertig. Wer freilich einen armen Vater hat
und auch bei den Raubzügen nicht viel Rinder bekommt, der bleibt bis
in reiferes Alter Elmoran.
Der =Elmoruo= muss sich sofort um eine Frau umsehen, die er aus den
Nditos seines eigenen Stammes erwählt. So heirathet ein Muleïlyan nur
eine Muleïlyan, nicht aber etwa eine Leiseri. Der übliche Brautpreis
besteht aus zwei Kälbern, zwei Kühen, einem grossen Stier, einem
Ochsen und einer Kuh mit kleinem Kalb. Am Hochzeitstage wird ein
Ochse geschlachtet. Die Brautleute verbringen hierauf drei Tage
in einer Hütte; isst der Mann, so darf die Frau nicht zusehen und
umgekehrt. Für die Nahrung des Elmoruo besteht ebensowenig eine
Vorschrift, wie für die der verheiratheten Frauen, Siangiki. Auch
darf er Honigwein trinken und Tabak schnupfen. Letzteres ist dem
Massai-Elmoran verboten, dem Mbaravui- (Wakuavi) Elmoran dagegen
gestattet. Die Elmoruo und Siangiki geniessen auch Mokota, doch in
geringen Mengen. Vielweiberei ist üblich, Scheidung häufig und mit
keinen Umständen verbunden. Den Männern liegt hauptsächlich die
Viehzucht ob, den Weibern das Erbauen der Hütten und Treiben der Esel
auf der Reise.
Bei =Krankheiten= werden verschiedene Arzneimittel, vor allem die
Universalmedizin Mokota gegeben, auch pflegt man den kranken Theil
zu massiren und mit Dornen zu stechen. Dagegen ist das sonst so
verbreitete Schröpfen und Klystiren unbekannt.
Ein =Todter= wird mit Rindsfett bestrichen, in eine Haut gehüllt und
unweit des Kraals ausgesetzt. Wenn ihn die Hyänen nicht gleich am
ersten Tage fressen, so gilt dies als Unglückszeichen; es werden vier
Rinder geschlachtet und das Fett auf den Todten gestrichen.
Der Familie, Weib und Kind, ist der Massai sehr zugethan und man kann
oft harte Krieger plötzlich zur tiefsten Rührung übergehen sehen,
wenn sie lange vermisste Familienglieder wiedersehen. Mit diesem
anscheinend gutmüthigen Zug kontrastirt ihre Blutgier allen Fremden
gegenüber, welche sie nicht nur bewaffnete Feinde, sondern auch
gänzlich Wehrlose niedermachen lässt.
Ein eigenthümlicher Zug der Massai ist ihre Frömmigkeit und das
feste Vertrauen, welches sie =Ngai=, dem Ueberirdischen, Gott,
entgegenbringen. Das Ngai wirklich als Gott aufzufassen ist erscheint
zweifellos, und wenn Thomson anführt, dass die Massai beim Anblick
von etwas ihnen Ungewöhnlichem, z. B. einer Lampe, »Ngai« rufen, so
ist darin ebensowenig etwas verwunderliches wie wenn der Mohammedaner
im gleichem Falle »Alah« ruft. Der Massai will damit keineswegs
sagen, dass die Lampe Ngai sei, sondern nur seinem Erstaunen über
etwas für ihn so Uebernatürliches Ausdruck geben. Ngai hat seinen
Sitz in der Höhe, im Himmel, er wird stehend mit erhobenen Händen, in
welchen man Grasbüschel hält und mit dem Ruf »Ngaieh!« verehrt. Vor
jedem Kriegszug, sowie überhaupt in allen Lebenslagen kann man die
Massai derart beten sehen.
Die Sterne, welche Nachts am Himmel blinken sind Augen Ngai's, der
auf die schlummernden Massai herabblickt. Eine Sternschnuppe bedeutet
den Tod eines Menschen; dann flehen sie, dass kein Massai sondern
ein Feind, ein Mangati sterben möge. Die Massai sind überhaupt das
auserwählte Volk Ngai's, ihnen hat er alle Rinder zugewiesen und sie
üben nur ihr Recht aus, wenn sie den Feinden die ihrigen wegnehmen.
-- Merkwürdig ist die Auffassung der Jahreszeiten. Während der
grossen Regenzeit, ngokwa (den Mvuli der Swahíli), wo die Rinder fett
werden, freut sich Gott und vergiesst Freudethränen. Im Blitz zeigt
er seinen furchtbaren Blick, der Donner ist sein Freudengeschrei über
das was er gesehen, dann folgt der befruchtende Regen. In der kleinen
Regenzeit, ndumure (den Masika der Swahíli), wo die Rinder abmagern,
weint Ngai vor Schmerz über die Gleichgültigkeit der Massai. Je
länger die Masika dauert, desto grösser ist seine Trauer, die sie
durch Gebet zu besänftigen suchen.
Die Sonne betrachten die Massai als einen Mann der auf einem Wege
gegen Westen zieht, jedoch im Osten wohnt. Im Westen taucht er in
eine Höhle und besucht seine Frau, den Mond. Dann eilt er auf hoher
Brücke, den Blicken unsichtbar, wieder nach Osten, um Morgens wieder
gegen Westen zu ziehen, wohin ihm der Mond schon vorausgeeilt ist.
Als vornehmster Stern gilt Kilekeen, der Morgenstern.
Ein Leben nach dem Tode wird von allen Massai geleugnet. Die bösen
Wald- und Felsengeister, die durch Bestreuen ihrer Wohnsitze mit
Gras oder Steinen versöhnt werden, gelten nicht wie bei den Bantu
als Geister der Verstorbenen, sondern als Kinder Gottes, der jedoch
selbst gut ist. Dieser Gruppe gehört wohl auch der Geist Neiterkop
an, den Krapf erwähnt, von dem ich jedoch nichts erfuhr. --
Den Verkehr mit Ngai vermittelt der =Laibon=, Zauberer, der
überhaupt die bedeutendste Rolle im Distrikt spielt. Sein Schüler
und Nachfolger ist der Leigwenan, der Anführer der jungen Krieger,
der, wenn er über mehrere Kraals steht, Leitunu genannt wird. Der
Laibon macht die Kriegsmedizin und weissagt aus Ziegendärmen,
auch verabreicht er Heilmittel und sucht Ngai zu veranlassen die
Regen günstig einzutheilen. Vor und nach jedem Kriegszug erhält er
von den Kriegern Rinder. Der Laibon geniesst sein Leben lang nur
Elmoran-Kost und Honigwein. Er hat Weiber, besucht sie jedoch nur
insgeheim, seine Hütte darf kein Weib betreten. Manche Laibons sollen
verschiedene Kunststücke machen, sich mit Speeren durchbohren u. s.
w. Ein verstorbener Laibon wird im Gegensatze zum Allgemeingebrauch
begraben; das Grab, das mit grossen Steinen bedeckt wird, bewacht der
Stamm drei Monate lang.
Der oberste Laibon, gewissermaassen ein Massai-Papst, ist der
=Mbatyan=, der stets westlich vom Kilimanjaro residirt. An diesen
glauben alle Massai, nicht aber die Mbaravui (Wakuavi). Der Mbatyan
ist stets einäugig, der Vater pflegt dem Sohn ein Auge auszuschlagen,
um ihn zu der Würde geeignet zu machen. Alle Massai bringen ihm
Rinder, erflehen seine Fürbitte bei Kriegszügen und betrachten ihn
mit grosser Ehrfurcht.
Zeitpunkt und Richtung der =Kriegszüge= werden vom Laibon und
Leigwenan bestimmt; letzterer ist der Anführer. An den Zügen
betheiligen sich Elmoran und meist auch eine Anzahl Elmoruo. Eine
Rinderheerde wird als Proviant mitgetrieben und im Dauermarsch werden
ungeheure Strecken zurückgelegt. Immerhin hätten die Massai wohl
niemals solche Erfolge erringen können, wenn sie es nicht verstanden
hätten, unter den sesshaften Völkern selbst Bundesgenossen zu
erwerben, die ihnen Zuflucht gaben und sie mit Führern versahen. Für
Unyamwesi und Usukuma spielte Mtinginya von Usongo diese Rolle.
Der Angriff des Massai erfolgt meist überraschend und sehr energisch.
Besonders wo Heerden unter wenigen Hirten weiden gelingt es ihnen
fast immer sie zu erbeuten. Aengstliche Eingeborene wagen dann nicht
die Räuber zu verfolgen, muthige dagegen, wie die Wambugwe, setzen
ihnen nach und jagen ihnen das Vieh wieder ab. Mit der glücklich
erworbenen Beute ziehen die Massai unter lautem Gesang heimwärts,
wobei sie einen Mann voraussenden, der den glücklichen Verlauf
des Raubzuges im Lager meldet. Die Vertheilung der Beute geschieht
noch im freien Felde und dabei kommt es nicht selten zu blutigen
Schlägereien. Im Lager findet ein Siegesfest statt, bei welchem die
Krieger mit den Nditos im Gänsemarsch, singend tanzen.
=Sklaverei= ist den Massai unbekannt, doch machen sie nicht selten
Knaben und Mädchen zu Kriegsgefangenen und nehmen sie in den Stamm
auf. Diese Sitte, sowie die leichte Zugänglichkeit der Massaiweiber
Karawanenleuten und wohl auch anderen Eingeborenen gegenüber, führt
den Massai viel fremdes Blut zu. Das =Streifgebiet= der Massai
umfasst ein ungeheures Gebiet. Im Osten reicht es an die Küste, im
Süden nach Mpwapwa und Ugogo, im Westen zum Victoria-Nyansa und bis
zur Grenze von Usinja, über ganz Unyamwesi und ins südliche Uha, wo
sie vor mehreren Jahren mit den Wangoni (Watuta) zusammenstiessen.
In Ugogo und Unyamwesi nennt man sie Wahumba, in Usukuma Wassekera,
offenbar nach der Massai-Landschaft Ndassekera. Sie selbst haben für
alle Länder ihre eigene Nomenklatur, so nennen sie Umbugwe Ltoroto,
Unguu Kimalando und kennen nur ihre eigenen Bezeichnungen.
Als Friedenszeichen pflegen die Massai ein Büschel Gras zu
überreichen, welches sie vorher bespeien. Das Bespeien spielt
überhaupt eine grosse Rolle, so musste ich alle kleinen Geschenke
an Glasperlen u. s. w., die ich ihnen machte, vorher bespeien. Der
Gruss geschieht durch Reichen der Hand, wozu man »Sowai!« ruft, der
Gegrüsste antwortet »Evá!«
In Streitfällen entscheidet ein Gericht von Greisen. Mörder werden
getödtet, wenn eine Sühne von 10 Rindern von den Verwandten des
Getödteten abgelehnt wird. Diebstahl im Stamme selbst kommt fast
niemals vor. Lügen sind häufig, gelten jedoch als grosser Fehler.
Indem wir damit die Schilderung der Massai schliessen, muss
hervorgehoben werden, dass dieselbe in vielen Zügen heute nicht mehr
giltig ist, sondern sich auf den Zeitraum vor 1891 bezieht. In diesem
Jahre verheerte nämlich die =Viehseuche=, eine Lungenkrankheit, die
in ganz Ost-Afrika wüthete, die Heerden der Massai in furchtbarer
Weise. Während die sesshaften Völker, welchen als Nahrungsmittel
die Produkte des Ackerbaus blieben, sich durch Aufzucht der wenigen
verschonten Thiere erholen konnten, zehrten die Massai auch diese
auf, so dass sie heute thatsächlich fast gar keine Rinder mehr
besitzen. In der ersten Zeit gingen kolossale Mengen von Massai, wohl
zwei Drittel des ganzen Stammes, zu Grunde. Die Krieger konnten sich
durch Jagd und kleine Diebstähle noch eher durchbringen, die Weiber,
Kinder und Greise waren aber dem Elend völlig preisgegeben.
Zu Skeletten abgemagert wankten sie durch die Steppen, vom
Honig der Waldbienen und ekelhaftem Aas sich nährend. Alle
kriegerischen Unternehmungen schlugen fehl, die Elmoran wurden
einfach zurückgeworfen und kehrten oft gar nicht heim, sondern
verhungerten unterwegs. Nur in wenigen Gebieten halten sich noch
Kraals durch Kleinvieh und Eselzucht, sowie durch die Jagd, sonst
sind weite Striche verlassen und die Massai leben als Bettler bei
den Ackerbauern der Umgebung. Dass sie dabei an Einhaltung der alten
Speisegesetze nicht mehr denken, dass der Elmoran ebenso Getreide und
Jagdwild verzehrt wie ein anderer, ist selbstverständlich.
Viele Ackerbauer, wie die Wambugwe und ihre Nachbarn, wollen die
alten Feinde selbst im Elend nicht kennen und machen jeden Massai
nieder. In Usukuma, Schaschi, in Irangi, Unguu und Usagara, sowie
in der Kilimanjaro-Gegend finden sie jedoch Zuflucht und Almosen an
Nahrungsmitteln. Denn der Massai bleibt stets ein Bettler, niemals
wird es ihm einfallen zum Spaten zu greifen und seine Gastfreunde
in der Arbeit zu unterstützen. Wo er dazu gezwungen wird, geht er
entweder zu Grunde oder er läuft wieder davon -- in die Steppe.
Der Verlauf dieser Seuche hat überhaupt den Beweis geliefert, dass
die Massai, trotz ihres intelligenten und einnehmenden Aeusseren,
doch absolut nicht bildungsfähig und zum Untergang bestimmt sind.
Ich selbst hatte eine Anzahl Massai als Viehhirten Monate hindurch
bei der Expedition, die sich rasch von ihrem Hunger erholten. Sie
ertrugen Klimawechsel sehr schlecht, der jedesmal mehrere Opfer
erforderte. Zu irgend welcher anderen Beschäftigung als Viehtreiber
waren sie gänzlich unfähig. Trotzdem sie wenig unter einander,
sondern meist mit Trägern verkehrten, die nur Kiswahíli sprachen,
hat doch kein Einziger auch nur nothdürftig diese Sprache erlernt,
wie denn die Massai im Gegensatz zu anderen Negern absolut kein
Sprachtalent haben.
Einen aufgeweckt aussehenden Jungen von ca. 12 Jahren wollte ich zum
Diener abrichten. Er war zu den einfachsten Verrichtungen unfähig,
schmutzig und faul und so wie er zeigten sich auch andere, mit
welchen ich denselben Versuch machte. Einen jungen Elmoran, der
unsere Gefechte mitmachte und grosse Freude über unsere Erfolge
zeigte, kleidete ich als Askari ein und liess ihn durch einen
Mann, welcher Massai sprach, abrichten. Er war nicht im Stande den
einfachsten Gewehrgriff zu lernen, nach zwei Monaten war er noch
ebenso weit, wie am ersten Tage. Die Leute gaben sich redliche
Mühe; aber wenn man sie fragte, warum sie denn garnichts zu Stande
brächten, schüttelten sie stets mit trübem Blick den Kopf und sagten
»Maiollo«, ich kann nicht. Und sie hatten Recht. Ein Massai kann
nicht ackern, exerzieren oder Teller waschen, ebenso wenig wie ein
Zebra den Karren ziehen oder ein Leopard Mäuse fangen kann. Damit ist
aber auch der Untergang des Stammes besiegelt.
Unter früheren Verhältnissen hätten die Massai sich nach und nach
wohl wieder einen Viehstand zusammengeräubert. Gegenwärtig dürfte
ihnen dies, besonders in der deutschen Interessensphäre, recht schwer
werden. So ist es denn wahrscheinlich, dass die Massai erst als halb
sesshafte Viehzüchter im Gebiete von Bantustämmen ihr Leben fristen,
nach und nach aber in diesen aufgehen werden.
Eine längere Existenz als den Massai lässt sich den Ndorobbo,
gewöhnlich =Wandorobo= genannt, voraussagen. Denn ihr
Lebensunterhalt, die Jagd, wird in absehbarer Zeit keine Aenderung
erleiden. Die Wandorobo wurden bisher als einheitliches Volk
aufgefasst, doch ist mir wenigstens in meinem Forschungsgebiet
aufgefallen, dass thatsächlich recht verschiedene Stämme mit diesem
Namen belegt werden. Das Massai-Wort =Ndorobbo= wird von v. Höhnel
mit »arme Teufel« übersetzt. Dies mag immerhin die Grundbedeutung
sein, doch ist sicher, dass gegenwärtig die Massai jeden Jäger
als Ndorobbo bezeichnen. So nennen sie die Küstenleute, die sich
mit Elephantenjagd beschäftigen, die sogenannten Makua »ndorobbo a
láshomba«, wobei láshomba den Küstenmann bedeutet.
Ich fand drei scharf geschiedene =Gruppen= von Wandorobo. Die
Wandorobo von Balanga sind reine Massai, die sich der Jagd gewidmet
haben. Sie sprechen nur Massai und erhalten gegenwärtig aus der
Zahl der Viehzüchter starken Zuzug. Die Wandorobo von Sogonoi und
Kinyarok, die bis Buiko streifen, nennen sich selbst Ngaramaníg und
bilden einen Stamm für sich. Es sind vielfach untersetzte Leute mit
oft thierisch hässlichen Gesichtszügen; doch trifft man auch noch
reinen Hamitentypus. Alle sprechen Massai, besitzen jedoch eine
Sprache für sich, von welcher ich trotz aller Mühe nur dürftige
Proben bekommen konnte. Möglicherweise sind sie den Wanege der
Wembere-Steppe verwandt und bilden ein Gemisch dieser mit Massai und
Mbarawui (Wakuavi). Die Wandorobo von Serengeti sprechen wieder eine
andere Sprache, von der ich Proben bekommen konnte, daneben aber auch
Massai. Es sind hochgewachsene, schöne und kräftige Leute von oft
reinem Hamitentypus. Sie stammen zweifellos von den Wataturu ab, die
früher diese Gegenden bewohnten und haben vielleicht Blutmischungen
mit Wanege und Massai erfahren. -- Ausser diesen fand ich noch
Wandorobo in Mutyek, die jedoch gegenwärtig derart mit Massai
vermischt sind, dass es mir nicht möglich war festzustellen, welcher
der drei Gruppen sie am nächsten stehen.
[Illustration: Bogen der Wandorobo.]
Trotz ihrer Verschiedenheit weisen die Wandorobo in der Lebensweise
viel gemeinsames auf, welches jedoch grösstentheils dem herrschenden
Volk, den Massai, entlehnt ist. In Haarfrisur, Schmuck und Tracht
gleichen sie völlig den Massai, nur pflegen die Ngaramaníg in den
beiden vorderen, oberen Schneidezähnen je eine Einkerbung zu machen.
Ihre Hütten haben ein Gerüst im Massai-Styl, sind jedoch mit Gras
bedeckt. Als Waffen dienen ihnen vor Allem kräftige Bogen mit
Zebrasehnen und meterlangen, vergifteten Rohrpfeilen, die sie in
einem Lederköcher tragen. Der von v. Höhnel erwähnte Jagdspeer ist
den Wandorobo, mit welchen ich in Berührung kam, gänzlich unbekannt;
möglicherweise gehören die Wandorobo v. Höhnel's wieder einer anderen
Gruppe an. In Serengeti tragen die Krieger -- oder besser gesagt
Jäger -- auch Schwert und Keule nach Massai-Art, aber niemals Speer
und Schild.
Die Ngaramaníg legen ihre Lager meist versteckt in dichtem Busch an
und umgeben sie mit Dornzäunen. Die Serengeti-Leute dagegen lagern
im offenem Land. Alle Wandorobo-Kraals sind widerlich schmutzig
und bestreut mit faulendem Wild und Fellen. Ihre Nahrung liefert
ihnen die Jagd, deren Erträgniss sie manchmal bei Ackerbauern gegen
Feldfrüchte umtauschen, die sie keineswegs verschmähen. Doch darf der
Wandorobo-Elmoran nur Wildfleisch und Rindfleisch mit Mokota essen.
Letzteres essen sie sehr gern, ja die Serengeti machen öfter Einfälle
nach Usukuma, um Vieh zu rauben, züchten dieses jedoch niemals,
sondern schlachten es.
Als ich den Anführer der jungen Krieger in Serengeti fragte, warum
sie denn von Viehzucht nichts wissen wollten, erzählte er mir das
Folgende: Massai, Wandorobo und Elkonono sind Söhne eines Vaters.
Der Massai nahm als Knabe einen Stock um Rinder zu hüten, der Ndorobo
einen Bogen um auf die Jagd zu gehen und der Elkonono einen Stein um
Eisen zu bearbeiten. So ist es seither geblieben.
Viele Wandorobo lebten in einer Art Abhängigkeit von den Massai
und mussten ihnen das Elfenbein liefern, welches diese an die
Küstenkarawanen verkauften. Niemals war dies bei denen von Serengeti
der Fall, welche die Massai öfters schlugen und stets von ihnen
gefürchtet wurden. Gegenwärtig geht es allen Wandorobo weit
besser als den Massai und es hat sich das Verhältniss daher nahezu
umgekehrt.