[16] Burton erfuhr von Urundi, dass es ein streng monarchisches

Land sei, dessen lichtfarbiger Mwami (Sultan) Mwesi 6 Tage

nordöstlich vom Tanganyika an der Kitangule- (Kagera-)

Quelle sitze. Das Land galt als vollkommen unzugänglich.

(Journal R. G. Soc. 1859, pag. 253.) Es scheint mir

wahrscheinlich, dass der Mwesi damals schon eine mythische

Persönlichkeit war.

Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Missosi ya Mwesi, welche ich

an der Quelle des Nil fand, mit den Mondbergen der Alten identisch

seien. So sehr diese Bezeichnung mich auch überraschte, so ist es

doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Alten von dieser Lokalität

Kenntniss hatten.

Etwas Anderes ist es, wenn man ganz Urundi in Betracht zieht, das

heute noch bei allen Nachbarstämmen =Charo cha mwesi=, =Mondland=,

heisst. =Was= der Name Mwesi dem Lande bedeutet, mag aus der

Beschreibung der Reise hervorgehen. Darf man nun nicht annehmen,

dass dieser Mwesi, dessen blosse Nennung heute noch ruhige Ackerbauer

in rasende Fanatiker verwandeln kann, einst noch grössere Bedeutung

hatte und dass sein Reich weite Striche im Nil-Quellgebiet umfasste?

Ist es undenkbar, dass die Alten, die von den Pygmäen und Nilseen

hörten, nicht auch durch dunkle Negergerüchte von diesem »Mondland«

vernahmen und nach demselben die Gebirge, aus welchen der Nil seine

Wasser sammelt, »Mondgebirge« nannten? --

Wenn wir, zur geographischen Beschreibung zurückkehrend, die Gebiete

westlich vom Victoria-Nyansa überblicken, so finden wir dieselben

erfüllt von vorherrschend meridional streichenden Gebirgszügen, die

als =centralafrikanisches Schiefergebirge= zusammengefasst werden

können. Dieselben tragen theils den Charakter durch Erosion vielfach

zerrissener Plateaus, theils gliedern sie sich in Kammgebirge. Im

Gegensatz zu Unyamwesi ist der Typus der ständig fliessenden Gewässer

hier der normale, und periodische Wasserläufe kommen nur vereinzelt

vor.

Durch die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo ist das Gebiet in

zwei klimatisch recht wesentlich unterschiedene Hälften getrennt,

von welchen die nördliche, das Nilgebiet, aus wasserreichen Höhen,

die südliche, das Gebiet des Mlagarassi, aus trockenen, in ihrem

Charakter vielfach an Unyamwesi erinnernden Gebieten besteht.

In hydrographischer Beziehung betritt man, vom Victoria-See kommend,

erst das Gebiet des Urigi-Sees, der zeitweise einen Abfluss in den

Nyansa besitzen soll und gelangt dann in das Kagera-Nilgebiet.

Von Urundi und Ruanda strömen dem Kagera zahlreiche Bäche zu,

darunter auch der ansehnliche Akanyaru, der als wildes Bergwasser

in den Missosi ya Mwesi unweit der Nilquelle entspringt und dann in

breitem, papyrusreichen Thal, die Grenze zwischen Ruanda und Urundi

bildend, gegen Nordost fliesst.

Bekanntlich fungirte der Akanyaru fast zwanzig Jahre lang als

»Alexandra-Nyansa« auf den Karten. Stanley hatte nämlich in Karagwe

und Ussui von der Existenz eines Nyansa ya Akanyaru gehört und darin

sehr begreiflicher Weise einen See vermuthet. Nach meinen Erfahrungen

bezeichnen die Eingeborenen jener Striche jedes Gewässer als Nyansa,

während der Name für See »Tanganyika« lautet. So wurden mir der

Victoria- und Albert-Edward-See als »Tanganyika« bezeichnet, selbst

der Urigi-See war für die Leute von Ruanda ein »Tanganyika«. Stets

wurde mir versichert, dass ein solcher »Tanganyika«, also ein See,

in Ruanda nicht existiere. Nyansa ya Warongo, zweifellos identisch

mit dem »Mworongo« Stuhlmanns, ist ein Nebenfluss des Akanyaru.

Nach allem, was ich erfuhr, scheint mir die Existenz irgend eines

namhaften Seebeckens im Nilquellgebiet so gut wie ausgeschlossen.

Das einzige Gewässer, über dessen Charakter ich verschiedene Angaben

hörte, ist der =Kifu=, den die einen »Nyansa« (Fluss), die anderen

»Tanganyika« (See) nannten. Alle stimmten jedoch darin überein, dass

er südlich von den Mfumbiro-Bergen liege und einen Abfluss nach dem

Russisi habe, also nicht mehr dem Nilgebiet angehört. Vielleicht ist

er mit dem Oso-See Stanleys identisch.

Die Gewässer des Urundi-Plateaus, theilweise schon jene von Ussui

zeigen sämmtlich einen gleichförmigen Charakter. Nur grössere Flüsse,

wie der Kagera und Akanyaru haben breitere, tiefe Thäler erodiert,

sonst zeigt sich bei allen Wasserläufen ein System von Thalstufen.

Die engen Thäler sind mit papyrusreichen Hochsümpfen erfüllt, durch

welche der Bach träge sickert, um dann in felsigen Schnellen eine

Stufe zu überwinden und in ein neues Papyrusthal einzutreten. In

Ost-Ussui treten öfter sehr schön erhaltene Felsterrassen an den

Thalhängen auf (vid. Kopfleiste des Kapitels), in Urundi sind

diese durch die Verwitterung und durch Ueberlagerung mächtiger

Lehmschichten verschwunden und die Thäler von steilen, grasigen

Hängen eingeschlossen. In Süd-Urundi fehlen die Papyrussümpfe und die

Flüsse besitzen in den Absätzen der Stufen etwas breitere Thäler mit

Alluvialmassen, welche sie in vielgewundenem Lauf durchschneiden.

Weit wasserärmer als das Nilgebiet ist, wie erwähnt, jenes des

=Mlagarassi=, der jedoch selbst ständig Wasser führt und einen

merkwürdigen, fast kreisförmigen Lauf besitzt. Er entspringt nämlich

in der Landschaft Uganda nördlich von Ujiji, fliesst hierauf, einen

Bogen gegen Norden bildend, durch die Landschaften Urundi und Uha,

biegt sodann wieder gegen Westen um und mündet südlich von Ujiji in

den Tanganyika.

In Uha, wo ich ihn kennen lernte, ist er ein Flachland-Fluss mit

breitem Ueberschwemmungsgebiet. Er nimmt dort einige ziemlich

wasserreiche Bäche, sonst wohl nur periodische Läufe auf, deren

grösster der Igombe ist.

Ueber das Gebiet des =Russisi= konnte ich, wie oben erwähnt, nur

gerüchtweise Nachricht einziehen. Von den Urundi-Bergen fliessen ihm

zahlreiche wasserreiche Bäche zu. Er soll in der Regenzeit ziemlich

weit aufwärts mit Kanus befahrbar sein und keine Schnellen besitzen.

Unweit Ruwenga soll eine heisse Quelle entspringen. Die wenigen Tage,

die ich am =Tanganyika= zubrachte, sind nicht im Stande der ziemlich

reichen Litteratur über diesen See Neues hinzuzufügen. Von früh 10

Uhr bis Sonnenuntergang wehte im September ein kräftiger Südwind,

der in dieser Jahreszeit regelmässig auftreten soll. Das Wasser war

leicht brackisch, aber geniessbar. Nach Aussage der Eingeborenen

fällt der See stark und breite Sanddünen zeigen die Fläche, die er

früher bedeckte. Auch die von Hore und Livingstone gesehene Insel

konnte ich nicht mehr wahrnehmen.

Was die =orographische Gliederung= anbelangt, so trifft man in

Ost-Ussui leicht gewellte Landschaften, die von einzelnen meist N.

N. O. verlaufenden Kämmen durchschnitten werden. Weiter landeinwärts

treten diese näher aneinander und nehmen Plateaucharakter an. In

Urundi ist das allmählich ansteigende Land durch die Erosion in ein

ziemlich regelloses Gewirre von Kuppen verwandelt, in welchem die

meridionale Kammrichtung kaum noch erkennbar ist. Den Westrand bildet

der riesige, fast 3000 m hohe Wall der Missosi ya Mwesi, der jenseits

steil nach dem Centralafrikanischen Graben abstürzt.

Durch den Tanganyika und das Russisi-Thal, durch den Albert-Edward-

und Albert-See charakterisirt, bildet der =Centralafrikanische

Graben=, wie schon Dr. =Hans Meyer= ausgeführt, eine mehr lokale aber

kaum weniger grossartige Störungslinie als der Ostafrikanische. Die

Seen sind sämmtlich durch leicht brackisches Wasser ausgezeichnet

und der Tanganyika legitimirt sich durch die Fauna deutlich als

Relicten-See. Zum Unterschied vom ostafrikanischen Graben, bei

welchem der Westrand allein durchwegs scharf ausgeprägt ist, scheinen

hier beide Ränder in gleicher Deutlichkeit aufzutreten. Am Tanganyika

sowohl wie am Albert- und Albert-Edward-See tritt der Westrand als

schroffe Mauer auf; ebenso präsentirt sich der Ostrand im Süden

als die Missosi ya Mwesi, im Norden als Ruvensori bis über die

Schneegrenze aufragend.

Die von Suess vermuthete Aufwulstung der Grabenränder, tritt hier

bei den Randgebirgen deutlich auf. Ueberall bildet die Höhe des

Abfalls auch die Wasserscheide, auf der einen Seite die des Kongo,

auf der anderen die des Nil, dessen Ursprung sich in nächster Nähe

des Grabens befindet. Aehnlich wie der Gurui sich in der Sohle des

Ostgrabens erhebt, so ragen hier die Mfumbiro-Vulkane auf, einen

deutlichen Beweis für den Bruchcharakter dieser Senkung liefernd.

Von dem östlichen Randwall des Tanganyika zweigt jener Kamm ab,

welcher die Wasserscheide zwischen Kagera und Mlagarassi bildet und

erst steil und felsig ist, dann immer mehr abflacht. Südlich davon

sind nur niedrige Hügelzüge vorgelagert, aus welchen man in das

Flachland von Unyamwesi tritt.

Der =geologische Bau= ist durch das Vorherrschen krystallinischer

Gesteine bezeichnet; nur selten und meist an grossen Flussläufen, wie

dem Kagera und Akanyaru, werden die liegenden plutonischen Gesteine,

Granit und Diabas, durch die Erosion blosgelegt. In Ussui und Urundi

bis zum Akanyaru ist Quarzit vorherrschend mit meist N. N. O. -- S.

S. W.-Streichen und steilem W. N. W.-Fallen. Derselbe ist vielfach

mergelich verwittert und oft mit dicken Lateritmassen überlagert.

Vereinzelt tritt Gneiss, Glimmerschiefer und Urthonschiefer in

gleicher Lagerung auf, letzterer am Muhembaberg graphithaltig. In

Ruanda tritt Gneiss auf, während im südlichen Urundi wieder Quarzit

vorherrscht. Auch in Uha steht krystallinisches Gestein an, welches

vielfach eisenschüssig verwittert ist und sich an das Granitgebiet

von Unyamwesi anschliesst. --

Wahrscheinlich paläozoische Sedimente treten an einigen Punkten

Urundi's auf, Kalke fand ich nur in Uha, doch sollen solche auch bei

Ruvenga am Westufer des Tanganyika anstehen.

Das =Klima= ist in ganz auffallender Weise durch die Wasserscheiden

beeinflusst, indem das Gebiet des Kagera fruchtbar und reicher

an Niederschlägen ist als das Tanganyika-Gebiet, während das

Urigi-Gebiet etwa die Mitte zwischen beiden einhält. -- Der Grund

liegt wohl hauptsächlich in der verschiedenen Seehöhe, möglicherweise

auch in herrschenden Windrichtungen, deren Erforschung der Zukunft

vorbehalten bleibt.

An das Klima ist die Vegetation gebunden, welche den

=Landschaftscharakter= bestimmt. Durch einen Steppenstreifen ist

das Nyansa-Ufer von Ussui getrennt, ein vorherrschend offenes,

grasiges Gebiet in dem nur Siedelhaine und vereinzelt hohe

Laubbäume aufragen. Diese verschwinden im centralen Ussui, das

einen sehr dürren Charakter mit rothem, eisenschüssigem Gerölle und

spärlichem Gestrüpp an den Hängen besitzt. West-Ussui und Urundi

sind fast ganz Weideland, mit Wiesen die alljährlich abbrennen und

deren Eintönigkeit nur durch die dunkelgrünen Papyrus-Sümpfe und

Siedelhaine unterbrochen wird. Erst an den Hängen der Missosi ya

Mwesi tritt Bergwald mit zahlreichen Bambus auf. Das südliche Urundi,

welches schon dem Mlagarassi-Gebiet angehört, ist ziemlich trocken

und steinig. Uha ist ein Waldland; auf ungeheuren Strecken bedeckt

mit wasserarmen, lichten Laubwäldern, in welchen Caesalpiniaceen

vorherrschen und welche als Miombowälder in das östliche Unyamwesi

übergreifen. Die einzige Unterbrechung dieser Wälder bilden in Uha

ausgedehnte, zur Regenzeit versumpfte Savannen. Da das ganze Gebiet

mehr oder weniger dicht besiedelt ist, so ist Wild ziemlich spärlich

und findet sich nur in den Wildnissen von Uha. --

Wenn wir das ganze Gebiet überblicken, so finden wir in demselben

eine uralte Kontinentalmasse, in welcher Sedimente nur eine

untergeordnete Rolle spielen und die durch das Vorherrschen primärer

Gesteine ausgezeichnet ist. Die gebirgsbildenden Motoren, die in

Europa und Asien durch Faltung das Antlitz der Erde veränderten,

übten hier keine wahrnehmbare Wirkung. An ihre Stelle traten

grossartige Störungslinien, welche das Land, in geologisch

jüngster Zeit, in einzelne Schollen zerrissen und es zu einem der

merkwürdigsten und bedeutungsvollsten Gebiete der Erdoberfläche

machten.

[Illustration: Granitfelsen in Usukuma.]

VIII. KAPITEL.

Die Völker des abflusslosen Gebietes.

Die Massai. -- Die Wandorobo. -- Die Wataturu. -- Die Wafiomi. --

Die Wambugwe. -- Die Wanyaturu. -- Die Wassandaui. -- Wanderungen der

Stämme.

Wie aus der allgemeinen Beschreibung hervorgeht, ist das abflusslose

Gebiet durch das immerhin bedeutende Auftreten von Steppenstrichen

bezeichnet. Zwar sind dieselben nicht annähernd so ausgedehnt

als man vermuthete und viele Gegenden, die als Wüsten bezeichnet

wurden, erwiesen sich als ausserordentlich fruchtbar, ja mit als

die besten Länder Ostafrika's. Aber immerhin ist das Gebiet, welches

menschlicher Siedelung einen günstigen Boden bietet, ein beschränktes

und selbst von diesem ist nur ein geringer Theil ständig bewohnt,

das übrige bildet den ungeheuren Weide- und Jagdgrund nomadischer

Volksstämme. Gerade die schwierige Zugänglichkeit des Gebietes hat

jedoch seine Bewohner in einer Ursprünglichkeit und Unberührtheit

erhalten, wie sie in heutiger Zeit nur selten anzutreffen ist.

[Illustration: Massai-Knabe.]

Mehrere der Stämme des abflusslosen Gebietes werden hier zum ersten

Mal genannt, von den meisten anderen kannte man nur den Namen, ohne

von ihrer Lebensweise und ihrer ethnographischen Zugehörigkeit auch

nur das Geringste zu wissen, da kein Reisender dieselben vorher

gesehen hatte.

Dies ist allerdings nicht bei jenem Stamme der Fall, der dem ganzen

Gebiete gewissermaassen seinen Stempel aufgedrückt hat, bei den

=Massai=. Gründliche Forscher, wie Krapf, Dr. Fischer, Thomson und

v. Höhnel, haben diesen Stamm in seinen nördlichen Wohnsitzen kennen

gelernt und bei der ausserordentlichen Einheitlichkeit der Massai

haben die Beschreibungen die sie entworfen im Allgemeinen auch

für unser Gebiet Geltung. Dabei haben diese Forscher die Massai in

ihrer Glanzperiode gesehen, während ich auf der letzten Reise sie im

tiefsten Elend fand.

Wenn ich dennoch nachfolgend eine Beschreibung dieses merkwürdigen

Hirtenvolkes gebe, so geschieht dies, weil ich durch monatelangen,

täglichen Verkehr mit den Massai-Hirten der Expedition, sowie durch

einen selten vorzüglichen Dolmetsch in der Lage war, manches zur

Ergänzung der Berichte obengenannter Reisenden zu erfahren.

Die =Massai-Völker= zerfallen in zwei Gruppen, die =Mbarawui=,

von den Küstenleuten =Wakuavi= genannt und die Massai im engeren

Sinne. Die Sprache der beiden Stämme ist dialektisch verschieden,

auch finden sich Unterschiede in den Sitten und vor Allem ist das

Stammesbewusstsein beider Völker so stark ausgeprägt, dass eine

Unterscheidung derselben berechtigt erscheint. Der Swahíli-Name

»Mkuavi« wurde mir von einem gleichnamigen hohen Laubbaum mit rothen

Früchten abgeleitet, der in Bondeï und im Hinterlande von Mombas

gedeiht und von den Waschambaa Mambia genannt wird. Nach diesem Baum

benannten die Küstenleute die hochgewachsenen Mbarawui, das erste

Massai-Volk mit dem sie in Berührung kamen.

Die Nachrichten, welche ich über die Kämpfe dieser beiden Stämme

erfuhr, lassen sich so ziemlich mit den von Thomson erkundeten in

Einklang bringen.

Die Mbarawui sassen ursprünglich zu beiden Seiten des Pare-Gebirges

und wohl auch in der Kiwaya-Steppe, von wo aus sie das Küstengebiet

zu verheeren pflegten. Die Massai lebten am Manyara-See, in der

Sogonoi-Gegend, in Kisongo und nordöstlich vom Kilimanjaro bis

Ukambani hin. Nach Thomson litten die Wakuavi sehr unter Dürre

und hatten sich eine Niederlage von den Wagogo geholt. Wie man mir

mittheilte, drängten die von Süden kommenden Wambugwe auf die Massai

und vertrieben sie vom Manyara. Mag nun dieser, oder ein anderer

Grund als Veranlassung gedient haben, genug, die Massai bekriegten

die ohnehin geschwächten Wakuavi und vertrieben sie aus ihren

Wohnsitzen. Ein Theil wurde versprengt und fand in Usegua, Unguu

sowie im Pare-Gebirge (als Wambugu) eine Zuflucht als halbansässige

Viehzüchter oder schloss sich den Bantu-Ackerbauern von Taveta, Kahe,

Ober- und Unter-Aruscha an. Der grösste Theil der Wakuavi zog jedoch

nach Nguruman, wo damals noch keine Massai lebten. Dort theilten sie

sich: eine Abtheilung besiedelte Ndare Serian (Friedens-Schaf) am

Ngare dabash, die andere die Gegenden am Naivascha-See, vor Allem

Guas Ngischu. Dort fand der von Thomson erwähnte Verzweiflungskampf

mit den Massai statt. Besiegt zog die Hauptmasse der Guas

Ngischu-Wakuavi nach Leikipya, dem »Neuland«, wo sie mit der Zeit

wieder grosse Macht erlangten. Andere schlossen sich den Bantu

(Wassegeju) von Nguruman und Sonyo, andere den, wahrscheinlich

den Kamassia verwandten Urbewohnern von Njemps am Baringo und

den Kavirondo an. Theilweise gingen sie in diesen Ackerbaustämmen

auf, nicht ohne denselben in Tracht und Sitten, vielfach selbst in

der Sprache ihr Gepräge aufzudrücken. Auch in Ngoroïne findet man

zahlreiche angesiedelte Wakuavi.

Erst nach Verdrängung der Wakuavi aus Guas Ngischu besiedelten

die Massai das Plateaugebiet, Mutier, Ndasekera und Serengeti, die

ursprünglichen Wohnsitze der Wataturu.

Das weite Massai-Land, welches früher der ungeheuere Weideplatz der

Massai-Heerden war, ist jetzt in verschiedene Distrikte wie Kiwaya,

Simangiro, Mutyek u. s. w. getheilt, deren jeder ein bestimmtes

Schildwappen führt, an dem sich die Krieger erkennen. Innerhalb der

einzelnen Distrikte sind stets fast alle Massai-Stämme vertreten,

die als mehr oder weniger vornehm gelten und wahrscheinlich noch aus

der unbekannten Urheimath der Massai stammen. So giebt es überall

Vertreter der Stämme Muleïlyan, Leisseri, Leitoyo, Mamasita, Mágesen,

Marumwai, Lugumai, Maguveria und des Schmiedestammes der Elkonono,

die ebenfalls Massai sind, aber von den anderen verachtet werden.

Die Massai sind meist hochgewachsen, schlank und langbeinig. Ihre

Körperformen sind selten voll, sondern auch bei Männern vielfach

zart und weibisch, doch oft von grosser Schönheit. Dennoch besitzen

sie bedeutende Muskelkraft und Ausdauer. Die Extremitäten sind

zierlich und schmal, die Haut ist meist dunkler als chokoladebraun

und erstaunlich weich und sammetartig. Der Gesichtstypus variirt

sehr. In Sogonoi und Kiwaya, also im Steppengebiet, findet man oft

negerhafte Züge, hier treten auch vollere Körperformen auf. Fast

rein hamitisch sehen die Plateau-Massai, also die von Mutyek und

Serengeti aus. Dieselben haben regelmässige Züge, schmale Nasen und

glänzende, schwarze Augen die manchmal leicht schiefgestellt sind. Im

Alter werden die Züge hart und oft adlerartig scharf. Häufig trifft

man sogenanntes Hamiten-Haar. Wenn der Kopf frisch rasirt ist, so

erscheint das nachwachsende schwarze Haar bis zur Länge von ca. 1

cm völlig glatt und bekommt dann erst eine leichte Kräuselung, die

an die Kraushaare mancher Europäer erinnert. Beim echten Wollhaar

erscheinen dagegen schon die ersten Haaransätze gekräuselt. Dieses,

an der Küste bei Mischlingen von Arabern und Negern nicht seltene

Hamiten-Haar findet sich bei den Plateau-Massai häufig, etwas

seltener bei jenen des Tieflandes die häufig Wollhaare haben.

Im Allgemeinen machen die Massai den Eindruck eines hamitischen

Stammes, der in verschiedenen Gegenden mehr oder weniger starke

Blutmischungen mit Bantu erhalten hat. Den tiefschwarzen, typisch

negerhaften Sudanesen, welchen sie sprachlich so nahe stehen,

gleichen sie physisch in keiner Weise.

Das Haar wird von jungen Leuten kurz getragen. Krieger lassen

dasselbe lang wachsen und flechten es in fadendünne Strähnen, so dass

es von weitem wie schlichtes Haar aussieht. Diese Strähnen werden

mit Fett und rother Lehmfarbe eingerieben und verschiedene Frisuren

daraus geflochten, bei welcher die mit langem, bastumwundenen

Zopf überwiegt. Die eigenthümliche Art der Beschneidung (Incision)

beschreibt Thomson ausführlich.

Die Weiber tragen den Schädel rasirt. Die beiden oberen, vorderen

Schneidezähne werden bei beiden Geschlechtern vorgebogen, die

entsprechenden unteren ausgebrochen, doch ist diese Sitte nicht mehr

allgemein üblich. Die Ohrläppchen werden durchlöchert und bis zur

Länge von 10 cm und darüber ausgedehnt. Darin tragen die Krieger

Eisenspiralen, an welchen Kettchen hängen, die Weiber tellerförmige

Eisenspiralen, die oft so schwer sind, dass sie durch einen über den

Schädel gelegten Riemen gehalten werden müssen.

Um den Hals tragen die Weiber Bänder aus steifem Leder, auf welchen

weisse und rothe Glasperlen genäht sind und von denen Eisenkettchen

und Glasperlen herabhängen, die Verheiratheten auch einen

tellerförmigen Kragen von dickem, gewundenem Eisendraht. Am Oberarm

tragen die Krieger ein Armband aus Horn, am Unterarm manchmal einige

Glasperlen. Die Weiber umwinden sich den Unterarm und Unterschenkel

mit mächtigen Manschetten aus Eisendraht.

Die =Kleidung= besteht bei Kriegern aus einem kurzen Lederüberwurf,

der die linke Schulter freilässt und niemals die Schamtheile bedeckt.

Der selbe ist manchmal aussen behaart und aus verschiedenfarbiger

Rindshaut gefertigt. Oefter tragen sie am Hintertheil ein

dreieckförmiges Schürzchen als Sitzmöbel. Die älteren Leute haben

längere Ledermäntel, ebenso die Weiber, deren, den Busen verhüllende

Lederkleidung an den Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wird.

An den Füssen trägt man häufig kräftige Ledersandalen.

Der Kriegsschmuck der Massai ist schon oft beschrieben und abgebildet

worden. Gerade diese zahlreichen Abbildungen können jedoch

die Ansicht hervorrufen, dass dieser wilde, aus Colobusfellen,

Straussfedern u. s. w. gebildete Kriegsschmuck allgemein getragen

wird. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Ich habe auf dieser und

auf meinen früheren Reisen öfter Massai am Kriegspfade gesehen,

aber nicht einen einzigen im vollen Kriegsschmuck. Einer oder der

andere -- von 100 Kriegern etwa ein Dutzend -- trugen den bekannten

Federschmuck aus Straussfedern, der das Gesicht einrahmt, die übrigen

zogen in gewöhnlicher Tracht ins Feld und bemalten sich höchstens mit

weissem Mergel an den Beinen.

Körperbemalung ist überhaupt allgemein üblich und wird mit Fett

und rother Lehmfarbe ausgeführt. Eine Körperreinlichkeit kennen die

Massai nicht. Mein ältester Rinderhirt, ein weisshaariger Elmoruo,

gestand mir ein, dass er sich im Leben noch nie gewaschen habe.

Deshalb wimmeln denn auch die Haare, Lederkleider, ja selbst der

Eisenschmuck der Weiber von Ungeziefer.

Durch =Krankheiten= wurden die Massai früher wohl nicht viel geplagt,

die empfindlichsten waren die Augenleiden, welche durch die zahllosen

Fliegen verbreitet werden und oft zur Erblindung führen. So zäh und

gesund die Massai im eigenen Lande sind, so wenig widerstandsfähig

zeigen sie sich in anderen Klimaten. Am besten halten noch die

Steppen-Massai einen Klimawechsel aus, die Plateaubewohner gehen

jedoch überall in der Niederung, besonders an der Küste oder am

Victoria-Nyansa, rasch ein. Gegenwärtig leiden alle Massai an einer

grossen Krankheit: dem Hunger.

Was den =Charakter= der Massai anbelangt, so ist für denselben vor

Allem ein grosser Eigendünkel bezeichnend, der sie auf alles, was

nicht Massai ist, mit Verachtung blicken lässt. Besonders die Krieger

haben eine stolze, freie Haltung, blicken jedem Fremden gerade ins

Auge und bringen dadurch, im Gegensatz zu anderen Schwarzen, einen

angenehmen Eindruck hervor. Sie wirken auch auf ihren Raubzügen

hauptsächlich durch den moralischen Eindruck eines trotzigen,

rücksichtslosen Vorgehens, dem schwache Gemüther nicht gewachsen

sind. Wo sie aber auf kräftigen Widerstand stossen, wie z. B. bei

den Wambugwe, verwandelt sich ihre »Kühnheit« sofort in jämmerliche

Feigheit.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 17 / 41 段