Im Norden des Granit-Plateaus ist das ungeheure Becken des

=Victoria-Nyansa= eingelagert. Dessen im Süden und Osten ziemlich

stark gegliederte Küsten fallen theils in 4-5 m hohen Steilwänden

ab, theils sind sie flach und mit dichtem Papyrusgürtel gesäumt,

in welchem der wasserliebende, korkartige Ambatsch-Baum verstreut

ist. Aehnlichen Charakter weist der in zahlreiche Arme gegliederte

Emin Pascha-Golf auf. Die Bukumbi-Bai oder der Smith-Sund hat fast

durchweg felsige Küsten. Solche ziehen sich auch am Südufer des

Speke-Golfes dahin, dessen Ostende bei Katoto flach und papyrusreich

ist. Die Nordküste des Spekegolfes ist gebirgig und steil, sie ist

durch den schmalen, durchwatbaren Rugedsi-Kanal von der fruchtbaren,

langgestreckten Granitinsel Ukerewe getrennt, welcher wieder das fast

kreisrunde Eiland Ukara vorgelagert ist. Nördlich vom Rugedsi-Kanal

schneidet der tiefe, vielgegliederte Baumann-Golf ein, mit hohen

Halbinseln und Inseln im Westen, mit flachen Papyrusufern im Osten.

Er ist durch eine schmale Landenge, welche das Majita-Massiv mit dem

Festlande verbindet von der Majita-Bai getrennt. Weiter nördlich ist

der Verlauf der Küstenlinie nur oberflächlich bekannt und haben wir

möglicherweise recht wesentliche Veränderungen der Karte zu erwarten.

Der Victoria-Nyansa ist in dem besprochenen Theile sehr inselreich,

ausser den genannten sind noch zahlreiche, meist felsige Eilande

darin verstreut.

Das Wasser des Sees ist an tiefen Stellen und steilen Küsten

dunkelgrün, ganz süss und wohlschmeckend, in flachen Theilen wird es

gelblich bis braun und hat dann einen schlechten Sumpfgeschmack.

Nach verschiedenen Erkundigungen, welche ich einzog, =fiel= das

Niveau des Victoria seit etwa 1880 um mehr als einen Meter, =steigt=

jetzt jedoch wieder. Die alte Fluthmarke ist an felsigen Küsten

deutlich wahrnehmbar. Eine eigenthümliche, schon von mehreren

Reisenden beobachtete Erscheinung ist die scheinbare Ebbe und Fluth

im Victoria-See. Am Speke-Golf ändert sich der Wasserstand um ca.

50 cm und ist Morgens am niedrigsten, Mittags am höchsten. Ich

beobachtete dies im Mai, doch ist diese Niveauschwankung während des

ganzen Jahres angeblich eine ziemlich regelmässige. So durchwaten

die Eingeborenen den Rugedsi-Kanal stets Morgens, während sie

in der Mittagszeit mit Kanus durchfahren. An der Westküste des

Sees, in Bukoba, wurde diese Erscheinung von Dr. Stuhlmann nicht

beobachtet. In Kavirondo dagegen beobachtete Pringle ein Schwanken

von 6 zu 12 cm, dessen Höhepunkt gegen Abend erreicht wurde. Ob

diese eigenthümlichen Schwankungen ausschliesslich den Winden ihre

Entstehung verdanken oder ob Seiche-Erscheinungen dabei eine Rolle

spielen, mag spätere Forschung entscheiden.

Nach sehr starkem Regen soll der See merklich anschwellen. Er besitzt

eine starke Strömung gegen Norden, welche besonders im Rugedsi-Kanal

sehr kräftig sichtbar wird. Die Wassertiefen sind zweifellos

erheblich. Auf offener See fand ich im Speke-Golf und der Bukumbi-Bai

bei 10 m nirgends Grund, an felsigen Küsten finden sich Tiefen von

5-7 m nahe am Ufer, bei flachen sind die Tiefen natürlich geringer.

Der Fischreichthum des Nyansa ist ein auffallend ungleicher, in der

Bukumbi-Bai und im Emin Pascha-Golf sehr gering, ausserordentlich

gross dagegen am Ostende des Speke-Golfes bei Katoto. Krokodile und

Flusspferde sind überall häufig. Was die Ufer anbelangt, so reicht

im Süden das wellige, mit Granitblöcken bedeckte Gebiet von Unyamwesi

bis an dieselben heran. Im Osten sind die fruchtbaren Ufergebiete oft

durch einen Steppenstreifen von den östlichen Hochländern getrennt,

von welchen nur ein Komplex, der von Majita und Kiruwiru, bis an

die Küste tritt. Auch jener Theil der Westküste, den ich bei Bukome

kennen lernte, hat wasserarme Gegenden in nächster Nähe des Sees.

Dennoch scheint mir Lugard's Ansicht der Berechtigung zu entbehren,

dass der Victoria-See aus unterirdischen Quellen bedeutende Zuflüsse

empfange. Denn der Ausfluss des Nil in Uganda ist nur um ein Drittel

wasserreicher als der Einfluss, der Kagera-Nil, und dieses Drittel

wird durch die übrigen Zuflüsse des Sees immerhin reichlich ergänzt.

Sein eigenes Volumen erhält der See der Verdunstung gegenüber nicht

nur durch die Niederschläge, welche er selbst aufnimmt, sondern

auch durch die ungeheure Wassermasse die ihm sämmtliche Gewässer zur

Regenzeit zuführen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Binnenseen Centralafrika's,

welche Grabenseen sind, ist der Victoria-See ein echtes Becken, bei

dessen Entstehung keine grossen geologischen Störungen thätig waren.

Stuhlmann fasst zwar den westlichen Steilrand des Sees als Bruchlinie

auf, eine Ansicht, die durch das Auftreten älterer Eruptivgesteine

bei Irangala eine gewisse Stütze erhält. Doch war die betreffende

Störung jedenfalls nur eine rein lokale und spielte bei der

Entstehung des Victoria-Sees keine bedeutende Rolle. Ob die Theorie

Stuhlmann's, dass der Victoria-See ursprünglich mit dem Eyassi

zusammenhing, Begründung hat, mag spätere Forschung lehren. Vorläufig

scheint das fast völlige Fehlen junger Sedimente, vor Allem von

Kalken, zwischen Victoria-See und Eyassi eher dagegen zu sprechen.

[Illustration: TAFEL XVII. Mangati und der Gurui-Berg]

Die Frage der =Zuflüsse des Victoria-Nyansa= hat besonders deshalb

Interesse, weil sie unzertrennlich mit dem alten =Problem der

Nilquellen= verbunden ist. -- Durch =Speke's= ewig denkwürdige

Reise ist dieses Problem entschieden seiner Lösung am nächsten

gebracht worden. Mit der Entdeckung des Victoria-Sees und seines

Hauptzuflusses des =Kagera=, den Speke Kitangule nennt und bei

dessen Anblick ihn hoher Stolz erfüllte, sowie des Ausflusses des

Nil, traten die Nilquellen aus ihrem undurchdringlichen Dunkel.

Wenn auch noch Niemand dieselben erreicht hatte, so war es doch

zweifellos, dass sie irgendwo zwischen Tanganyika und Victoria-See

liegen mussten. Damit war die Frage, soweit sie ein =historisches=

Interesse bot, gelöst, und mit Recht konnte in diesem Sinne Speke

sein berühmtes Telegramm absenden: »The Nile is settled«.

Anders verhält es sich, wenn man die Frage vom rein =geographischen=

Standpunkte betrachtet. Da ergiebt sich als zweifellose, von Speke

selbst anerkannte Thatsache, dass der Kagera der Quellfluss des

Nil, der Ursprung des Kagera also die =Quelle des Nil= ist. Die

Wassermasse, die der Kagera dem See zuführt und die nur um ein

Drittel geringer ist als jene des Murchison-Nil, die Bedeutung dieses

Stromes, neben welchem alle anderen Zuflüsse vollkommen verschwinden,

hat selbst bei den Eingeborenen die Ueberzeugung festgesetzt, dass

der Kagera »die Mutter des Flusses von Jinja«, der Nil sei.

Auf dem Programm, welches Stanley für seine grosse Expedition 1874

entworfen, stand auch die Entdeckung der Kagera-Nil-Quelle. Mit der

diesem grossen Forscher eigenen Thatkraft drang Stanley längs des

Kagera, den er Alexandra-Nil nennt, aufwärts, war jedoch gezwungen an

der Grenze von Urundi abzulenken und den Fluss zu verlassen. -- »Ich

bin mir wohl bewusst, dass ich nicht bis in die Tiefe eingedrungen

bin« sagt Stanley an der betreffenden Stelle seines klassischen

Reisewerkes. Bis 1892 wurde kein weiterer Versuch gemacht die Quelle

des Nil zu erreichen und mit Recht konnte Reclus im 10. Band seiner

»Nouvelle Géographie Universelle« sagen: »On cherche encore cette

tête du Nil, comme au temps de Lucain, personne n'a eu la gloire de

voir le Nil naissant.«

Am 19. September 1892 erreichte ich mit meiner Expedition die Quellen

des Kagera-Nil und damit war das letzte Räthsel des alten Nilproblems

gelöst. Wenn man überhaupt an dem von hervorragenden Geographen und

Reisenden angenommenen Standpunkt festhält, dass der Kagera, der

Alexandra-Nil der Engländer, der Quellfluss des Nil sei, so muss der

Ursprung des Kagera folgerichtig auch als =Quelle des Nil= angesehen

werden. Dass der Fluss, dessen Ursprung ich am 19. September

erreichte, wirklich der Kagera-Nil ist, ergiebt sich aus folgender

Thatsache.

Am Einfluss in den Ruayana-See (Windermere) besass der Kagera im März

1875, also während der höchsten Regenzeit, nach Stanley eine Breite

von 45 m und eine Maximaltiefe von 15 m. An der Kitangule-Fähre,

200 Kilometer weiter stromabwärts, war der Kagera zur selben Zeit an

100 m breit und 17 m tief, während er in der trockenen Jahreszeit,

wo ihn Graf Schweinitz 1892 an der Mündung befuhr, 80-100 m breit

und durchschnittlich 8 m tief war. Nach Stuhlmann war der Kagera in

der Regenzeit 1891 bei Kitangule 60 m breit und mehrere Meter tief.

Obwohl die Einmündung eines noch unbekannten =grossen= Zuflusses

auf der von Stanley rekognoszirten Strecke Ruayana-Kitangule

ausgeschlossen, verdoppelt sich doch das Wasserquantum des Flusses

auf dieser Strecke, durch Aufnahme der zahlreichen Bergwässer.

Oberhalb des Ruayana-See erforschte Stanley den Kagera, der 17 Seen

durchfliesst und mit üppiger Wasservegetation[8] bedeckt ist, bis zu

einer Stelle, die kaum 50 Kilometer von jener entfernt ist, wo ich

den Kagera in Ussui überschritt. Stanley erkundete, an der Stelle wo

er den Kagera verliess, dass derselbe oberhalb der Aufnahmestelle des

Akanyaru ein Fluss von nicht sehr bedeutender Breite und Tiefe sei.

[8] Vid. auch Stuhlmann, Mit Emin Pascha, p. 229.

Bei der Ruanilo-Fähre, wo ich den Kagera überschritt, war derselbe

Anfang September, also in sehr trockener Jahreszeit und bei

ungewöhnlich niedrigem Wasserstand, ein reissendes Gewässer von

35 m Breite und 3 m Tiefe. Er besass steile, 3 m hohe Ufer und

an Fluthmarken war deutlich zu erkennen, dass er dieselben in

der Regenzeit ganz überschwemmt. Der Akanyaru wurde zur selben

ungewöhnlich trockenen Jahreszeit überschritten und bestand aus

zwei Armen, deren einer 10 m breit und 5 m tief, der andere 5 m

breit und 1 m tief und langsam fliessend war. Auch hier zeigten

weite Papyrusbestände und Fluthmarken an, dass der Akanyaru in

der Regenzeit mindestens auf das Vierfache seines Wasserquantums

anschwillt, was mir auch von Eingeborenen bestätigt wurde.

Bei dem ungeheuer raschen Anwachsen der Gewässer in jenem Gebiet,

welches z. B. das Wasserquantum des Akanyaru in wenigen Kilometern

verdoppelt, wie ich mich an den beiden Ueberschreitungsstellen

überzeugen konnte, ist es völlig zweifellos, dass diese beiden

Gewässer im Stande sind, das von Stanley in der Regenzeit am Ruayana

beobachtete Wasserquantum zu liefern. Die Einmündung eines =grossen=

Zuflusses, der etwa als Quellarm in Betracht kommen könnte, zwischen

Stanley's südlichstem Punkt und meiner Ueberschreitungsstelle des

Kagera ist also, wenn schon überhaupt mehr als unwahrscheinlich, so

durch das Wasserquantum allein völlig ausgeschlossen. Der von mir

überschrittene Fluss =ist der Kagera-Nil= nicht nur seiner Bedeutung

nach, sondern auch im Volksmunde.

Der Kagera-Fluss führt in seinem Oberlauf, schon in der Breite von

Ussui, den Namen Ruvuvu. Dieser Name bleibt ihm bis zu seiner Quelle,

während die unbedeutenden Nebengewässer sämmtlich andere Namen

führen. Bei solchen Strom-Quellen ist jedoch selbst in Europa stets

der Volksmund entscheidend und muss es auch hier sein, besonders da

er hier den thatsächlich wasserreichsten Flusslauf als Quellfluss

benennt, was bei europäischen Flüssen nicht immer der Fall ist. Dass

die Eingeborenen sich der Bedeutung des Kagera-Ursprunges wenigstens

theilweise bewusst sind, bezeugt die abergläubische Scheu mit der

sie die Stelle umgeben, wie denn der Kagera von der Quelle bis zur

Mündung, in der =Grant= aus abergläubischen Gründen nicht lothen

durfte, ein geheiligter Fluss, auch in diesem Sinne der »heilige Nil«

ist.

Neben der Ansicht, welche den Kagera-Fluss als Quellarm betrachtet,

kann noch jene in Betracht kommen, die den Victoria-See selbst als

Quelle des Nil annimmt. Diese Annahme hätte Berechtigung, wenn der

Victoria-See das Sammelbecken vieler kleiner, gleichartiger Gewässer

wäre. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, nicht der Fall,

dem Kagera gegenüber sind alle Zuflüsse vollkommen unbedeutend; der

Victoria Nyansa ist also =nicht= die Quelle des Nil, ebensowenig

wie der Bodensee die Quelle des Rhein ist, obwohl auch dieser andere

Zuflüsse als den oberen Rhein aufnimmt. Wenn englische Geographen,

aus begreiflichen nationalen Gründen, neuerdings den Victoria-See

als Nilquelle verfechten, so möchte ich daran erinnern, dass gerade

die Engländer den Kagera stets »Alexandra-Nil« nannten und dadurch

bezeugten, dass der =Kagera= eben für sie der =Nil= war.

Ausser dieser immerhin diskutirbaren Ansicht giebt es noch eine,

die nicht die Quelle des Kagera, sondern den südlichsten Punkt des

Nilsystems überhaupt als Quelle des Nil annimmt. Diese Ansicht ist

deshalb eine vollkommen unerhörte, weil dieselbe bei keinem anderen

Fluss der Welt Geltung hat. Es giebt sehr viele bedeutende Ströme,

bei welchen die Quelle von Nebengewässern in Luftlinie weiter von der

Mündung entfernt ist, als die des Hauptstromes, ohne dass letztere

dadurch aus ihrer Stellung verdrängt wird. Wo freilich der Hauptstrom

sich in ein Gewirre verschieden benannter Quellbäche auflöst, hat die

Wahl des entferntesten als Hauptquelle Berechtigung, wo dies jedoch,

wie beim Kagera, nicht der Fall ist, erscheint ein solches Verfahren

gewaltsam und unberechtigt.

Von Reisenden hat, soviel mir bekannt, noch keiner diese unnatürliche

Auffassung angenommen. So entdeckte Stanley im südlichen Unyamwesi

Wasserläufe, welche, wie schon aus der Höhe vermuthet und durch meine

Reise nachgewiesen wurde, nicht dem Nil, sondern dem Eyassigebiet

angehören. Stanley konnte dies auf seiner Reise nicht wissen, sondern

glaubte südliche Zuflüsse des Simiyu entdeckt zu haben. Obwohl

diese, wenn sie wirklich dem Nilgebiet angehören würden, weitaus

die südlichsten Gewässer desselben wären, glaubte Stanley doch nicht

daran, die Nilquelle entdeckt zu haben, sondern strebte diesem Ziel

durch Verfolgung des Kagera zu.

Die Annahme des südlichsten Punktes des Nilgebietes als Quelle des

Nil muss also, als durchaus unbegründet, verworfen werden. Uebrigens

ist auch für jene Theoretiker, welche doch daran festhalten wollen,

die Nilquellfrage als =gelöst= zu betrachten. Denn die südlichsten

Zuflüsse des Nil sind zweifellos jene Bäche, welche ich auf der Reise

vom Tanganyika südostwärts in Süd-Urundi überschritt. Der äusserste,

der Luvirosa, ein von Südwest herkommendes ½ m tiefes und kaum 3 m

breites Bächlein, überschritt ich am 7. Oktober und verfolgte einen

direkt von Süd kommenden Bach bis zum Ursprung, der sich nahe an

der Wasserscheide gegen den Mlagarassi befindet. Es ist als sicher

anzunehmen, dass die Quelle dieses Rinnsals unter ca. 3° 46´ s. Br.

der südlichste Punkt des Nilsystems ist. Die Quelle des Luvirosa,

deren beiläufige Lage mir von den Eingeborenen gezeigt wurde, muss,

nach der Kammrichtung des Gebirges zu schliessen, etwas =nördlicher=

liegen. An der Stelle, wo ich den Luvirosa überschritt, hatte

derselbe fast genau dasselbe Wasserquantum, wie der Mswavula-Bach,

den ich am 5. Oktober überschritt und bis zum Ursprung verfolgte.

Derselbe war vom Ueberschreitungspunkt ca. 14 Kilometer entfernt

und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Luvirosa in gleicher

Entfernung von der Ueberschreitungsstelle entspringt.

Der Grund, warum ich diesen Bach, dessen Ursprung man mir, wie

gesagt, am Berghang zeigte, nicht bis zur Quelle verfolgt habe, lag

einerseits in der untergeordneten Bedeutung, die ich der ganzen

Annahme beilegte, andererseits in dem Umstand, dass mir nicht

bekannt war, dass ich im Begriffe stand, das Nilgebiet zu verlassen.

Aber auch wenn ich mir die Mühe gegeben hätte, den Luvirosa und

alle seine Nebenrinnsale zu verfolgen, so würde dies doch zwecklos

gewesen sein, denn die Differenz, um die es sich handeln kann, ist

sicher nicht grösser als einige Kilometer, also so klein, dass sie

innerhalb der Fehlergrenzen der topographischen Aufnahme fallen, wie

sie ein Forschungsreisender auszuführen im Stande ist. Künftigen

Generationen, die vielleicht eine Mappierung von Urundi ausführen,

wird es vorbehalten sein, den mathematisch südlichsten Punkt des

Nilgebietes auszufinden. Sehr wahrscheinlich wird sich der Ursprung

des von mir verfolgten Baches als solcher erweisen, vielleicht auch

der eines anderen, ja bei den gewundenen Läufen dieser Gebirgswässer

ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgend ein Lauftheil am

südlichsten liegt, der also dann, nach der Theorie des »südlichsten

Punktes«, als Quelle des Nil zu betrachten wäre, eine Möglichkeit,

welche das absurde der ganzen Annahme darlegt.

=Wie immer man über das Nilquell-Problem denken möge, soviel

ist sicher, dass durch die Massai-Expedition des Deutschen

Antisklaverei-Komite die letzten Schleier desselben gelüftet

wurden, -- dass das »Caput Nili Querere« von nun an endgiltig der

Vergangenheit angehört.=

Fern sei es von mir, den Ruhm eines =Speke= zu schmälern, jenes

kühnen Forschers, der das Dunkel, welches über der Nilquelle lag,

mit einem Schlage gelichtet. Seiner und =Stanley's= Pionierarbeit

verdanke ich es ja vor Allem, wenn es mir gelungen ist, ihre Pfade

weiter verfolgend, als erster Weisser die Quelle des Nil zu schauen.

Von der Nilquelle zu reden ohne die =Mondberge= zu erwähnen

scheint unmöglich, ist es doch in neueren Afrikawerken geradezu

Mode geworden, deren Lage mit Beigabe von allerlei alten Karten zu

erörtern. Der Streit, ob dieser oder jener Berg mit dem ptolemäischen

Mondberge gemeint sei, scheint mir jedoch ein ziemlich müssiger,

da er bei den Alten eine genaue Kenntniss der innerafrikanischen

Geographie voraussetzt, welche sie kaum besessen haben.

Wie weit die Beziehungen der alten Egypter nach Innerafrika reichten

ist allerdings nicht leicht abzusehen. Jedenfalls ist die Behauptung

Stuhlmanns[9], dass ihre Kenntniss des Nil nur bis Wadi Halfa

gereicht habe, durchaus irrig und steht im Widerspruch mit dem

Ergebniss der egyptologischen Forschung. Am Berge Barkal, also weit

oberhalb Wadi Halfa fand Lepsius[10] Tempelruinen, deren älteste aus

der Zeit Amenhotep III. (ca. 1500 v. Chr.) stammen. Inschriften, die

auch von Brugsch[11] vielfach citirt werden, gaben auf den Denkmälern

vom Barkal-Berge Auskunft über jene aethiopischen Pharaonen, die als

25. Dynastie eine Fremdherrschaft in Egypten ausübten.

[9] A. a. O. pag. 847.

[10] Briefe aus Egypten, Aethiopien und der Halbinsel des

Sinai, Berlin 1852.

[11] Geschichte Egyptens, pag. 415 und 677 ff.

Weiter südlich, zwischen Nil und Atbara, fand Lepsius die ausgedehnte

Ruinenstätte von Meroë mit zahlreichen Pyramiden und am blauen Nil,

also oberhalb Chartum beim Dorfe Soba, traf derselbe Forscher[12]

eine Statue des Osiris. Dass sich weiter südlich noch keine Denkmäler

gefunden haben, kann keineswegs als Beweis angeführt werden, dass den

alten Egyptern diese Länder nicht bekannt waren. Denn auch in vielen

asiatischen Landschaften, die sie auf ihren Kriegszügen oder Razzias

nachweisbar berührten, finden sich keine egyptischen Baureste. Es

kann im Gegentheil als erwiesen gelten, dass die Egypter bis tief in

den Sudan vorgedrungen sind. Senaar (Essi-n-arti-Flussinsel, nach

Brugsch) war ihnen bekannt und ist vielleicht mit dem Reiche Alo

oder der Landschaft Asmak identisch, in welcher Psametik egyptische

Soldaten ansiedelte. Punt, das Somaliland, wird schon in der ältesten

Zeit genannt und eine Landschaft Gureses, die auf den Siegestafeln

Tothmes III. (1600 v. Chr.) fungirt, identificirt Brugsch mit

Kassala[13]; während derselbe Forscher in den Volksstämmen der Kar

oder Kal die heutigen Galla sieht. Aus den geographischen Angaben

der altegyptischen Urkunden, die uns besonders Dümichen zugänglich

gemacht, liessen sich noch zahlreiche Beweise dafür anführen,

dass die alten Egypter im Sudan thatsächlich festen Fuss gefasst

hatten. Wie weit von dort aus der Einfluss der egyptischen und

der verwandten aethiopischen Kultur bis ins Innere des Kontinents

reichte ist heute noch nicht abzusehen. Erst das vergleichende

Studium der ethnologischen Belegstücke mit jenen der altegyptischen

Kultur scheint geeignet darüber Klarheit zu verbreiten. Jeder, der

Innerafrika kennt und unbefangen die Darstellungen der Denkmäler

betrachtet, wird unwillkürlich von der erstaunlichen Aehnlichkeit

betroffen, welche viele altegyptische Waffen und Geräthe mit solchen

Centralafrika's bieten. Besonders die Abbildungen der schwarzen

unterworfenen Völker mit ihrer eigenartigen Haartracht zeigen

überraschende Analogien.

[12] A. a. O. pag. 163.

[13] A. a. O. pag. 345.

Jedenfalls ist es zweifellos, dass die alten Egypter mit den Stämmen

des innersten Afrika's in Berührung traten. Ob diese direkt oder

durch importirte Sklaven[14] und Sklavenhändler geschah, scheint von

untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit sich

Kenntnisse über das Quellland des Nil zu erwerben und haben solche

auch thatsächlich besessen. Die »Quelle« des Nil bei der Insel Philae

wurde im rein symbolischen Sinne aufgefasst, wie auch von Egyptologen

wie Dümichen und Lauth[15] anerkannt wird. Letzterer nennt die Quelle

bei Philae (Elephantina) einen Quasi-Ursprung, und citirt einen

egyptischen Geographen Asamon, der schon in früherer Zeit wusste,

dass der Nil aus einem See kam. Auch die bekannten Angaben von

Herodot, Diodor und Aristoteles von den Nilsümpfen und Pygmäen, die

ja nur aus egyptischen Quellen entsprungen sein können, beweisen uns,

dass die Alten von jenen Ländern Kenntnisse besassen. Diese wurden

zur Zeit des Ptolemäus ergänzt und erweitert und gaben Nachricht von

der Existenz von Seen und schneebedeckten Gebirgen, aus welchen der

Nil entspringt.

[14] Zu den Nehasiu-»Schwarzen« der Alten gehörten auch

die Pygmäen. Einer derselben wurde unter Pepi II. der

6. Dynastie (ca. 3000 v. Chr.) über Wadi Halfa aus

dem »Geisterlande« Innerafrika's eingeführt um bei

Trauertänzen zu fungiren (Schiaparelli tomba egiziana

della 6. Dynastia pag. 50).

[15] Egyptens Vorzeit pag. 159.

Die =Gesammtheit dieser Gebirge= und nicht ein einzelner Berg,

war das =Mondgebirge= und nur die Frage scheint interessant, wie

die Alten gerade auf diese Bezeichnung kamen. Die Erklärung, dass

Gebel Kamar, Mondberg, zugleich silberner, weisser Berg bedeutet,

hat schon Beke widerlegt. Denn sie setzt selbstverständlich voraus,

dass Ptolemäus den Namen von den Arabern übernommen und unrichtig

übersetzt habe. Nun ist aber das arabische Wort Kamar (Mond), welches

allein mit Komr (weiss) verwechselt werden konnte, verhältnissmässig

jüngeren Datums und kommt erst im Koran-Arabisch vor. Im

hymyarischen, welches zu Ptolemäus und Marinus von Tyrus Zeiten

gesprochen wurde, heisst der Mond »warkh«, was eine Verwechslung

ausschliesst. Auch nennen die Inder, in deren geographischen Werken

das Nilquellgebiet ebenfalls erwähnt wird, die Berge offenbar

nach griechischer Quelle Somagiri (Mondberge). Ob allerdings das

»Monemugi«, welches Pigafetta und Giovanni Botero im 16. Jahrhundert

in Westafrika erkundeten, irgend etwas mit den ostafrikanischen

Mwesi-Ländern zu thun hat, scheint mir sehr zweifelhaft.

Jedenfalls ist das Auftreten der Bezeichnung =Mwesi=, =Mond=, in

den fraglichen Gebieten in hohem Grade auffallend. Schon Reichard

hat auf diesen Umstand hingewiesen und Unyamwesi, das Mondland,

geradezu mit den Mondbergen identifiziert. Diese Theorie ist

jedoch deshalb irrig, weil der Name Unyamwesi, wie ich nachweisen

konnte, kein nationaler, sondern von Küstenleuten und Arabern dem

Lande beigelegt ist. Nach der arabischen Geographie vermutheten

sie dort ein Mondland und nannten das Land Unyamwesi, ähnlich wie

die Salomons-Inseln so getauft wurden, weil man in ihnen das Ophir

Salomons zu erkennen glaubte. In Urundi jedoch tritt der Name Mwesi,

den schon Burton[16] erkundete, als einheimischer, als Titel des

alten Herrschergeschlechtes auf. Dass dieses Wort wirklich »Mond«

bedeutet und nicht etwa eine Abart der verbreiteten Bantuform für

Häuptling Munyi, Bena u. s. w. ist, ist zweifellos. Denn einerseits

ist diese Form im Kirundi durch »Mwami« (Herrscher), die auch im

Kiganda auftritt, vertreten, anderseits wurde mir stets ausdrücklich

versichert, dass Mwesi »Mond« bedeute und dass das Königsgeschlecht

vom Mond herstamme. Mwesi makisavo, der bleiche Mond hiess der letzte

Herrscher, mit welchem ich identificirt wurde.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 16 / 41 段