Schwärme kahlköpfiger Aasgeier, die übliche Staffage der Lager im

Massai-Land, hatten sich eingestellt und bedeckten die umliegenden

Baumwipfel. Sie waren diesmal besonders frech und rissen in

pfeilschnellem Fluge nicht selten den Leuten die Fleischstücke aus

der Hand oder vom Feuer weg. Diese rächten sich, indem sie den Geiern

mit der -- Angel nachstellten. Sie banden eine gewöhnliche Fischangel

mit einer Schnur an einen Ast und hingen ein Stück Fleisch daran.

Ich lachte erst über diese komische Idee und war sehr erstaunt nach

wenigen Minuten einen der gefrässigen Raubvögel an der Schnur zappeln

zu sehen, mit dem Haken tief im Rachen.

Der nächste Marsch führte uns durch pfadlosen Steppenwald zum

=Tarangire=-Fluss, der tiefe Tümpel enthielt, in welchen die

Leute massenhaft Welse fingen. Am jenseitigen Ufer lag der frische

Leichnam eines Nashorns, das von einem Löwen gefällt worden war. Der

Wüstenkönig, den unsere Ankunft in seiner Mahlzeit gestört hatte, kam

Nachmittags wieder um dieselbe zu vollenden. Es war ein riesiges,

männliches Thier, der erste Löwe, den ich auf meinen langjährigen

afrikanischen Reisen lebend in Freiheit sah. Natürlich versuchte

ich ihn anzupürschen, doch nahm er schleunigst Reissaus und jagte in

langen Sätzen über die Ebene davon.

Am 5. Februar ging's durch Steppenland, das öfter gänzlich offene,

in der Regenzeit jedenfalls versumpfte Senkungen unterbrachen,

dem =Sambo=-Berg zu, der mit seinen südöstlichen Ausläufern, den

Lolduman-Hügel, vor uns auftauchte. Viel Wild war zu sehen, darunter

besonders Rhinozeros, deren ich eines, meine Leute zwei erlegten. Wir

fanden Abends etwas Wasser in einem Thalriss und zogen am nächsten

Tage durch die, von tiefen Schluchten zerrissenen Vorhöhen des Sambo,

einigen Wasserlöchern zu, die südlich von diesem Bergkegel lagen.

Zu jener Zeit brachen wir nicht Morgens, sondern stets Mittags auf,

um die Sonne im Rücken zu haben und lagerten erst Abends. Ich selbst

wurde fast fortwährend von kleinen Fiebern geplagt und konnte nur mit

Mühe topographische Arbeiten verrichten.

Ueber breite, flache Bodenwellen, deren Höhen mit Buschwald bedeckt

sind, gingen wir am 7. Februar weiter. In einem felsigen Riss fanden

wir Nachmittags Wasser, in das unsere durstigen Rinder förmlich

hineinsprangen. Durch die Wegweiser verleitet, marschirten wir

jedoch noch weiter, einem Wasserplatz zu, der angeblich nahe war.

Doch erreichten wir ihn nicht und mussten wasserlos in der Steppe

lagern. Mit seinem ziegelrothen Boden, seinen Termitenbauten und

dürrem Stachelgestrüpp, schien das Land eine rechte Einöde und ich

dachte eben darüber nach, wie selten wohl ein Mensch hierher gelangen

mochte, als sich die Büsche theilten und eine Schaar Wandorobo

hervortraten. Sie jagten in der Umgebung und waren stark mit Massai

gemischt, die in ihrem Elend zu Wandorobo wurden. Auch einige

schreckliche Hungergestalten waren unter ihnen, die Ueberreste ganzer

Stämme, deren Gebeine in der Steppe bleichten.

Die Wandorobo führten uns am nächsten Morgen zum Wasserriss

=Kivululo=, in dem viele ständige Tümpel sich ansammeln. Dann ging

es bei glühendem Sonnenbrand wieder in die Steppe hinaus; auf weite

Strecken ist das Land mit niedrigem, schwer passirbarem Gestrüpp

bedeckt, über welches Heerden von Giraffen ihre langen Hälse erheben.

Wir sollten Abends ein Wasserloch erreichen, fanden dasselbe jedoch

leer und mussten abermals ohne Wasser lagern.

Am 9. Februar ging es auf den langen Felshügel =Neibor-murt= zu,

der wie ein riesiger Elephantenrücken aus der welligen Steppe

hervorragte. An seinem Fusse lagen, von Schattenbäumen umgeben,

einige Tümpel. Dort hatten Jäger aus Usegua ein Lager geschlagen und

durchstreiften mit einigen Massaiführern die Steppe nach Wild und

Elfenbein. Zum letzten Mal erblickten wir vom Neibor-murt die fernen

Gipfel des Kilimanjaro und zogen dann weglos durch Dorngestrüpp nach

Südosten. Die alten Viehpfade der Massai waren alle verwachsen,

nur mit dem Buschmesser kamen wir Schritt für Schritt vorwärts.

Glühend brannte die Sonne auf den nackten, rothen Boden zwischen

den Stachelbüschen und selbst die Nacht brachte uns kein Labsal,

denn ohne Wasser mussten wir abermals bei einem Felshügel =Ndigira=

lagern.

Die furchtbare Hitze, der Wassermangel und die schwierigen

Terrainverhältnisse stellten an die mit Proviant schwer

bepackte Mannschaft harte Anforderungen. Die »alte Garde« der

Massai-Expedition allerdings war Allem gewachsen und behielt ihr

flottes Marschtempo und ihren guten Muth bei. Die Neulinge jedoch,

die in Tabora hinzugekommen, hauptsächlich die Wanyamwesi fielen

vollständig ab, waren auf's Aeusserste erschöpft und kaum noch

vorwärts zu bringen. Solche Steppenmärsche sind überhaupt die besten

Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft. Wenn ich die

Ostafrikaner nach ihrer Eignung zu Pionier-Expeditionen eintheilen

sollte, so würde ich die Pangani-Leute entschieden obenan stellen.

An Massai-Reisen gewöhnt, halten sie unter allen Umständen, bei

jeder Nahrung aus und sind auch vor dem Feinde muthig. Besonders die

Sklaven aus Bwenyi, meist Manyema, sind ein vorzügliches Material.

Ihnen fast ebenbürtig sind die Wadigo, ausdauernde, muthige Bursche,

die noch dazu nicht das unruhige Wesen der Manyema besitzen.

Die echten Tanga- und Mtangata-Leute, sowie die Wassegeju sind

vielfach ebenfalls in Massai-Reisen erfahren, stehen jedoch

den Pangani-Leuten im Allgemeinen nach. Die Wabondeï sind weder

physisch noch moralisch ähnlichen Aufgaben gewachsen, besser sind

Waschambaa und Wasegua, unter denen besonders die Wanguu sich als

zähe, tapfere Leute auszeichnen. Unter den Bagamoyo-Trägern muss

man die echten Wasaramo von der Küstenbevölkerung unterscheiden.

Erstere sind weniger brauchbar, letztere recht tüchtig, aber mehr für

Karawanenstrassen-Dienst und zu Soldaten verwendbar. Bezüglich der

Nahrung sind sie weit empfindlicher als die Pangani- und Tanga-Leute,

passen also weniger zu Forschungsreisen.

Ganz unbrauchbar zu jeder richtigen »Buschfahrt«, abseits von der

Heerstrasse, sind Wanyamwesi und vor Allen Wasukuma. So ausdauernd

diese bei guten Rationen und reichlichem Wasser auf gewohnten Wegen

sind, so wenig bewähren sie sich in nur einigermaassen ungewöhnlichen

Verhältnissen. Betreffs der Sudanesen machte ich schlechte

Erfahrungen, so vorzüglich dieselben im Stationsdienst und auf

kleinen Expeditionen, sowie vor dem Feind sich bewähren, so wenig

sind sie grossen Strapazen gewachsen, wie auch Stanley erfahren hat.

Die Expeditionen der Schutztruppe, welche höchstens einige Wochen

hindurch Anspannung aller Kräfte erfordern, dann aber wieder lange

Ruhepausen gewähren, sind natürlich in keiner Weise mit einer grossen

Forschungs-Expedition zu vergleichen, die Monate und Jahre lang

dauert und Kräfte, die für die Schutztruppe genügen, sind für solche

Zwecke noch lange nicht ausreichend.

Besonders bei wasserlosen Märschen zeigt sich der Unterschied

zwischen erfahrenen und unerfahrenen Leuten. Während erstere mit

ihrem Trinkwasser haushalten, trinken letztere alles unterwegs,

sind dann im Lager dem Verschmachten nahe und am nächsten Morgen

marschunfähig. So war es auch am 11. Februar: Eine ganze Anzahl

Wanyamwesi blieb verzweifelt liegen, während wir unsern Marsch durch

die glühende Wüste -- Steppe ist für diese fast kahle rothe Fläche

zu gering -- eilig fortsetzten. Gegen Mittag erreichten wir einen

ansehnlichen Wassertümpel, =Mabani=, und Mensch und Vieh schlürften

mit Wollust das schwarze, schlammige Nass. Die unermüdlichen Askari

hatten kaum den ersten Durst gelöscht, als sie Gefässe mit Wasser

füllten und zurückliefen, um die Wanyamwesi zu laben. Sie fanden

dieselben fast sterbend, konnten jedoch alle retten und brachten sie

ins Lager. Auch hier hatten einige Elephantenjäger aus Pangani ihr

Lager aufgeschlagen und bereits recht ansehnliche Elfenbeinvorräthe

gesammelt.

Von nun an ging es mit dem Wasser besser; Graswuchs bedeckte

stellenweise das Land, Tümpel mit rothem, grünem oder schwarzem

Wasser waren ziemlich häufig: wir näherten uns dem Rand der

Steppe. In der Ferne tauchten die Berge von =Unguu= auf, bewohntes

Gebiet, dessen erster Anblick Jubelgeschrei hervorrief. Am

14. Februar lagerten wir unweit des =Talama=-Berges bei einer

Wandorobo-Niederlassung. In dichtem Gestrüpp verborgen lagen die

elenden, halbrunden Grashütten, an der Einzäunung standen schlanke

Männer, auf den Bogen gestützt und zwischen den Hütten, inmitten von

Fleisch- und Knochen-Ueberresten, kauerten ihre eisengeschmückten,

kahlköpfigen Weiber.

Am 15. Februar veränderte sich die Landschaft; nach kurzem Marsch

durch offene Steppe traten wir in lichten Laubwald ein, das Land

wurde hügelig, die wohlbekannten Formen der Unguuberge traten

näher, an den Hängen nahm man die grünen Vierecke der Felder wahr.

Nachmittags wurden auch die zaunumgebenen Gruppen der spitzen

Kegelhütten wahrnehmbar und mit Trommelklang und Hörnerschall

marschirten wir in das Grenzdorf Unguus, in Kwa Maligwa ein.

Am nächsten Morgen erreichten wir =Mgera=, den Hauptort dieser

Gegend, der mir schon von 1890 her bekannt war. Damals machten mir

die Eingeborenen einen ziemlich urwüchsigen Eindruck, jetzt, wo wir

von den Höhlenmenschen kamen, erschienen sie mir in ihrer reichen

Baumwollkleidung als hochcivilisirte Menschen. Die gutmüthige,

dicke »Königin« Mandaro, eine alte Bekannte, machte mit einigen ganz

niedlichen Hofdamen ihre Aufwartung.

Mehr als das freute mich jedoch das Eintreffen der Postboten, die

mir lang ersehnte Nachrichten von der Heimath brachten. Hatte ich

doch während der ganzen Reise nur zweimal veraltete Postsendungen

bekommen! Wir waren eben zu schnell gereist, die Herren, die an der

Küste die Beförderung der Posten leiteten, rechneten mit dem üblichen

Schneckengang der Expeditionen, und wenn eine Sendung irgendwo

eintraf, war ich immer schon längst über alle Berge. Der Grund, warum

wir so rasch vorwärts gekommen, liegt, wie ich glaube, hauptsächlich

darin, dass wir niemals Gewaltmärsche machten, dass es uns niemals

auf einen oder zwei Rasttage ankam, dass wir überhaupt =niemals

Eile= hatten. »Haraka haïna baraka« (Eile bringt kein Glück) sagt

der Swahíli, und was das Reisen im Innern anbelangt, hat er gewiss

Recht. Jede unnütze Ueberanstrengung der Kräfte, jede überstürzt

eingeleitete und mangelhaft vorbereitete Unternehmung rächt sich

durch endlose Aufenthalte, die dem Reisenden alle Lust benehmen und

den Geist der Mannschaft schwer schädigen.

Wenn es der Küste zu geht, ist es freilich ein alter Karawanenbrauch,

dass die letzten Tage in Gewaltmärschen zurückgelegt werden. Die

Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Küstenstädte, nach dem »Msonga

nyuele«, dem geflochtenen Haar der reizenden Swahíli-Damen, lässt

die Leute nicht ruhen. So ging es denn förmlich im Trab hügelauf,

hügelab, durch die reich bebauten Gehänge Usegua's. Mir war die

Gegend schon bekannt und im Fluge gings bei Makoma, der Stätte

unserer blutigen Kämpfe von 1890, und den zahllosen grossen und

kleinen Dörfern vorbei.

Selbst ein Krieg, der etwas abseits von unserer Route »wüthete«,

konnte unser Interesse nicht erregen. Es kämpften da Leute des

verstorbenen räuberischen Häuptlings Kiro mit einer eingeborenen

Regierungspartei, die im amtlichen Auftrage diese Rebellen bestrafen

sollte. Der »Krieg« bestand darin, dass alle 10 bis 20 Minuten ein

Schuss fiel; zur Mittagszeit und bei Regenwetter wurde überhaupt

nicht Krieg geführt. Ob dieser gemüthliche Kampf heute noch »tobt«

oder ob die Regierungspartei inzwischen der gerechten Sache zum Sieg

verholfen, ist mir nicht bekannt.

Uebrigens konnte ich es den braven Kämpfern nicht übel nehmen, wenn

sie sich die Sache etwas bequem machten, denn die Sonne brannte in

diesen Tagen ganz höllisch, es herrschte das, was man sich gewöhnlich

unter einer »afrikanischen Hitze« vorstellt. Dieser und meiner

schadhaft gewordenen Kopfbedeckung verdanke ich es, wenn ich am

Nachmittag des 20. Februar plötzlich von einem Hitzschlag getroffen

wurde, der mich vom Reitesel herab bewusstlos ins Gras warf.

Als ich nach Stunden aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand ich mich

blitzschnell durch einen nächtlichen Wald schwebend, den zahlreiche

strahlende Lichter mit feenhaftem Glanz übergossen. Ich glaubte

mich schon in einem Zauberreich, als ich, durch die scharfe

Morgenbrise völlig zum Bewusstsein gebracht, erkannte, dass ich

durch einen Wald getragen wurde, während vor und hinter mir Askari

mit Magnesiumfackeln liefen. Meine Leute hatten mich nämlich, nach

vergeblichen Versuchen mich zu erwecken, in eine Hängematte gepackt

und im Laufschritt den Marsch angetreten, um mich nach Pangani zum

Arzt zu bringen.

Glücklicherweise siegte meine kräftige Natur und als bei Morgengrauen

die Palmenwipfel der Pangani-Ufer sichtbar wurden, war ich schon

wieder auf den Beinen. In der Zucker-Plantage eines Arabers in

=Mauia= fanden wir freundliche Aufnahme und Unterkunft in dem

schönen, kühlen Steingebäude. Vom Hause blickte ich hinab auf

den grauen, langsam dahinfliessenden Pangani mit seinen üppigen,

palmengekrönten Ufern.

Jenseits lagen Tschogwe, Pongwe und Mundo, die frühere Schamba

Buschiri's. Welche Fülle von Erinnerungen bargen diese Namen für

mich! Hier war ich 1888 mit Dr. Hans Meyer von bewaffneten Schaaren

Buschiri's geführt, und meiner letzten Habe beraubt worden. Tagelang

mussten wir an diesen lachenden Palmenufern in Ketten unser

Schicksal, einen wahrscheinlich schrecklichen Tod erwarten, dem

wir nur durch ein Wunder entgingen. Mehr jedoch als unser Leben,

bedauerten wir damals das Missglücken unserer Expedition, das

Fehlschlagen unserer grossen Pläne. Und doch sollten wir beide diese

Pläne noch einmal zur Wahrheit machen: Hans Meyer hat als erster

den stolzen Gipfel des Kilimanjaro bestiegen und mir ist es gelungen

unsere weiterreichenden, damaligen Entwürfe zur Wahrheit zu machen.

Buschiri, unser Gegner von 1888, fand den verdienten Tod und über dem

Schauplatz unserer Leiden weht die deutsche Flagge!

Nachmittags verliessen wir Mauia und zogen durch die reichen

Pflanzungen des rechten Pangani-Ufers. Stolz erhob sich die

königliche Kokospalme und der herrliche, schattige Mangobaum

verbreitete süssen Duft. Mit den letzten Strahlen der Sonne zogen wir

in Bweni, gegenüber Pangani, ein und sahen in magischer Beleuchtung

die Steingebäude des ansehnlichen Städtchens am jenseitigen Ufer.

Die Deutschen Pangani's, die von meiner Ankunft wussten, kamen mir

im Boot entgegen und ich konnte den Herren Pfrank, von Rode und

Dietert die Hand drücken, alten afrikanischen Bekannten, die in ihren

blüthenweissen Anzügen, mir zerfetztem, kothbespritztem Buschmann

ungeheuer civilisirt vorkamen.

Dumpf rollte die Trommel, die Freudenschüsse der Leute erklangen

und die Luft erzitterte von ihrem Jubelgeschrei. Stolz wehte die

zerschlissene Flagge der Massai-Expedition im Abendwind. Und sie

hatte ein Recht auf die Expedition stolz zu sein, der sie durch 14

Monate ein Banner gewesen!

=An 4000 Kilometer hatten wir durcheilt, wovon mehr als zwei

Drittheile durch gänzlich unerforschtes Gebiet führten. Die riesigen

weissen Flecken, welche die Karte des nördlichen Deutsch-Ost-Afrika

aufwies, waren ausgefüllt, weite Landstriche, die noch keines Weissen

Fuss betreten, erforscht und Völker, die bis auf den Namen unbekannt

waren, besucht worden. Zwei grosse Seen, der Manyara und Eyassi und

eine tiefe Bucht des Victoria-Nyansa waren entdeckt und die letzten

Räthsel des alten Nilquellproblems gelöst worden. Zahlreiche Kämpfe

hatten wir zu bestehen gehabt, konnten jedoch mit Stolz behaupten,

dass durch unsere Expedition das deutsche Ansehen in Afrika keinen

Schaden gelitten hatte.=

Zum letzten Male erklang am nächsten Tage, dem 22. Februar, die

Karawanentrommel und die Mannschaft trat vor dem Usagarahaus in

Pangani an, um ihren hart verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Die

Braven erhielten ihn nebst einem reichen Geschenk und standen dann,

ihrer Entlassung harrend, im Vorhofe des Gebäudes.

Noch einmal überblickte ich alle die dunkelfarbigen Gesichter,

deren jedes einzelne eine Fülle von Erinnerungen für mich barg.

Ich gedachte der schweren Zeiten, die wir gemeinsam verlebt und der

Erfolge, die wir errungen, ich gedachte Jener die diese Stunde nicht

erlebt, die den Heldentod vor dem Feinde gefunden oder Krankheit und

Elend im Innern Afrika's erlegen waren.

Die Träger begannen ungeduldig zu werden. Bei der Auszahlung, als

sie ihrem »Bwana kivunja« die Hand drückten, war wohl manchem dieser

leichtlebigen jungen Burschen etwas weich zu Muthe geworden, nun

forderte die Gegenwart ihr Recht, es galt die sauer verdienten

Silberlinge rasch wieder anzubringen.

Ernster standen ihnen gegenüber die Askaris. Für diese wäre nun der

Augenblick gekommen gewesen, mir nach dem Muster der Stanley'schen

Getreuen zu Füssen zu fallen und mich dann im Triumph zu tragen. Doch

nichts dergleichen geschah, sie standen nur stramm, wie es braven

Soldaten geziemt. Aber ich hatte gelernt in den Augen meiner Leute

zu lesen und sah recht wohl, dass im Innern dieser harten Buschläufer

mehr vorging als das unbewegliche Aeussere verrathen mochte.

Mit einem »Lebt wohl!« entliess ich meine Mannschaft. Kwaheri bwana!

scholl es aus hundert Kehlen zurück. Rasch verliessen die Träger,

langsamer die Askaris den Hofraum, doch dauerte es keine Minute und

der Letzte war um die Ecke gebogen.

Die Massai-Expedition war zu Ende.

[Illustration: Pangani.]

[Illustration: TAFEL XV. MASSAI-KRIEGER VON MUTYEK.]

II. THEIL.

[Illustration]

VII. KAPITEL.

Zur physischen Erdkunde der erforschten Gebiete.

Allgemeine Uebersicht. -- Das abflusslose Gebiet. -- Der

Kilimanjaro-Graben. -- Die Massai-Steppe. -- Der grosse

ostafrikanische Graben. -- Der Wembere-Graben. -- Das Granitplateau

von Unyamwesi. -- Der Victoria-Nyansa. -- Die Quelle des Nil und

das Mondgebirge. -- Das centralafrikanische Schiefergebirge und der

centrale Graben.

Das Forschungsgebiet der Massai-Expedition, von welchem nachfolgend

die Rede sein soll, dehnt sich von der nördlichen Küstenlinie

Deutsch-Ostafrika's, der sogenannten Tangaküste, bis zur Westgrenze

der Interessensphäre, die durch den Verlauf des Tanganyika-See

gekennzeichnet ist. Dieses ungeheure Gebiet lässt sich in

verschiedene, ziemlich scharf von einander getrennte Abschnitte

theilen.

An die schmale =Küstenzone=, für welche das Auftreten jurassischer

Kalke und Thonschiefer bezeichnend ist, schliesst sich eine Kette

krystallinischer Gebirgsinseln, die unter dem Namen =Ostafrikanisches

Schiefergebirge= zusammengefasst werden.

An diese Gebiete reiht sich westlich eine Zone, die durch grossartige

geologische Störungen bemerkenswerth ist. Dieselbe ist vor Allem

durch den Verlauf des =grossen ostafrikanischen Grabens= bezeichnet,

jener ungeheuren meridionalen Bruchlinie, welche, wie =Suess= so

meisterhaft nachgewiesen, vom Todten Meer bis Ugogo durch fast 40

Breitengrade zu verfolgen ist. Als Nebenbruch lässt sich im Osten

jener Graben auffassen, dem der Meru und Kilimanjaro, vielleicht

auch der Kenia entstiegen und dessen südlichen Verlauf das

Panganithal undeutlich kennzeichnet, im Westen die Wembere-Spalte,

die als Sackgasse in das Massai-Plateau eingerissen ist. Das ganze

ausgedehnte Gebiet entsendet keinen Wasserlauf zum Meere und lässt

sich daher als =abflussloses Gebiet= bezeichnen.

Im Westen von dieser theils krystallinischen, theils jungeruptiven

Zone dehnt sich eine weite einförmige Hochebene aus, das

=Granit-Plateau von Unyamwesi=, in welches nördlich das Becken

des Victoria-Nyansa eingelagert ist. Theils dem Nil, theils dem

Tanganyika-Gebiete angehörend, ist es durch den fast vollständigen

Mangel ständig fliessender Gewässer ausgezeichnet.

Vom Granitplateau gelangt man landeinwärts abermals in ein

krystallinisches Gebirge, das, dem ostafrikanischen Schiefergebirge

fast gleichlaufend, als =centralafrikanisches Schiefergebirge=

bezeichnet werden kann. Hier nimmt besonders die Hydrographie unser

Interesse in Anspruch; schneidet doch hier die Wasserscheide zwischen

Tanganyika-Kongo und Nyansa-Nil durch, liegt doch hier die Quelle der

Hauptader des Victoria-See, die =Quelle des Nil=. Das Schiefergebirge

stürzt in steilen Wänden zu einer anderen ungeheuren Spalte ab,

dem centralafrikanischen Graben, dessen Sohle der Tanganyika-See

einnimmt.

Das Vorland und die Komplexe des ostafrikanischen Schiefergebirges

wurden schon an anderer Stelle[3] eingehend beschrieben, wir

beginnen daher in der Beschreibung der einzelnen Abschnitte mit dem

=abflusslosen Gebiet=.

[3] Usambára und seine Nachbargebiete. Berlin 1891.

Im Westen des Panganiflusses bei Aruscha erhebt sich das

=Litema-Gebirge=, in seinen höchsten Punkten bis über 1700 m

ansteigend und gegen Süden in niedrigen Kuppen verlaufend. Es bildet

den Westrand des =Kilimanjaro-Grabens=, jenes Seitenzweiges der

grossen Spalte, dem die vulkanischen Bergriesen des Kilimanjaro

und Meru entstiegen. Das Litema-Gebirge ist der Hauptmasse nach

krystallinisch mit stellenweiser Ueberlagerung archaischer,

graphithaltiger Kalke und vorherrschend nordwestlichem Streichen mit

nordöstlichem Fallen unter etwa 45°. Doch sind die Schichten vielfach

stark verworfen und es haben grosse Störungen stattgefunden, wie auch

das Vorhandensein jungeruptiver Durchbrüche anzeigt.

Das Litema-Gebirge fällt gegen das Pangani-Thal ziemlich steil, weit

sanfter gegen die bedeutend höhere =Massai-Steppe= ab. Dieselbe

bildet ein Plateau, welches allmählich bis zu 1500 m ansteigt, um

dann eben so sanft gegen die Sohle des grossen Grabens zu fallen.

Es ist durch das gänzliche Fehlen ständig fliessender Gewässer,

überhaupt durch Wasserarmuth, bezeichnet. Aus der weiten, leicht

gewellten Ebene erheben sich insular einzelne Bergkuppen, die bis

zu 17-1800 m ansteigen und nicht nur weithin sichtbare Landmarken in

dieser Wildniss bilden, sondern in ihren Klüften meist auch Quellen

und Wassertümpel bergen. Im Norden sind es die Gruppen des Benne-

und Sogonoi-Berges, des Mella, Lukutu und des ansehnlichen Donyo

Kissale, welche im Distrikt Sogonoi und Balanga aufragen. Weiter im

Süden erheben sich der Sambo, Neibor múrt, Kinyarók und die einzelnen

spitzen Felsberge der Massai-Landschaft Kiwaya, welche einerseits bis

zu den bewohnten Höhen von Unguu, andererseits bis zu den Vorbergen

des Irangi-Gebirges in der Ebene verstreut sind.

Ueberall in der Steppe und in den Bergkuppen herrscht Gneiss

und krystallinischer Schiefer vor, mit leicht geneigten meist

landauswärts fallenden Schichten und verschiedenen, aber fast immer

den meridionalen genäherten Streichungsrichtungen. Nur im Süden,

gegen Unguu zu, treten Spuren jüngerer Kalke auf, die das frühere

Vorhandensein von Süsswasserseen anzudeuten scheinen, deren einer,

der Kinyaróksee, heute noch besteht und die vielleicht den südlichen

Verlauf der Kilimanjaro-Spalte bezeichnen.

Während in der trockenen Zeit die Massai-Steppe durch Wassermangel

vielfach ganz unpassirbar ist, sammelt sich in der Regenzeit das

Wasser in den flachen Mulden und verwandelt diese in Sümpfe. Solche

Senkungen sind meist vollkommen offen, grasig, in der trockenen Zeit

oft fast vegetationslos und von tiefen Rissen im schwarzen Boden

durchfurcht, während höher gelegene Striche mit Steppenvegetation,

Dorngestrüpp und Schirmakazien bedeckt sind, aus welchen vereinzelt

Baobabs aufragen. Eine reichere Vegetation, darunter stellenweise

sogar Laubwald, tritt am Fusse und an den Hängen der Bergkuppen auf.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 14 / 41 段