Durch unbewohntes, vorherrschend flaches Land mit einzelnen felsigen

Kuppen ging es nordwärts, theils durch lichten Wald, theils durch

dornenreiche Steppe. Wir kamen an Dr. Fischer's Lagerplatz von 1885

vorbei und gelangten am Abend des 28. Dezember an einen felsigen,

wasserführenden Riss in den Vorhöhen der Irangi-Berge. Gegen Abend

erschien =Ali bin Nasor=, ein Araber von =Irangi=, der mir mit

reichen Geschenken entgegengeeilt war. Er war der Zweite im Range

der arabischen Kaufleute in Irangi und lebte auf gespanntem Fusse

mit seinem ungleich bedeutendern Nebenbuhler =Saïd bin Omar=, dem er

auf jede Weise den Rang abzulaufen suchte. Er bot Alles auf um sich

mit den neuen Herren Ost-Afrika's, den Deutschen, auf guten Fuss zu

stellen. Er ist ein intelligenter Maskataraber, und ich war immerhin

erfreut wieder einmal mit einem vernünftigen Menschen sprechen zu

können, wenn auch seine übertriebene Demuth und die fortwährenden

Versicherungen seiner Liebe zu den Deutschen mich nicht sehr angenehm

berührten.

[Illustration: Mann aus Ussandaui.]

Am 29. Dezember ging es ziemlich steil durch Wald zum breiten,

wasserlosen =Bubu=. Wir verfolgten das sandige Bett eines

Nebenflüsschens, in dem sogar etwas Wasser rieselt und das sich

zwischen freundlichen, bewaldeten Hügeln schlängelt. Später lichtet

sich der Wald und in den Feldern der Ansiedler und Eingeborenen wird

der ziegelrothe, frisch geackerte Boden sichtbar. Kurz bevor wir

Irangi erreichten begegnete uns ein prächtiger Zug von Arabern und

Swahíli mit goldgestickten Mänteln und blendend weissen Hemden, mit

blitzenden Schwertern und Dolchen im Gürtel. Es war Saïd bin Omar,

der mit seinem Gefolge zu meiner Begrüssung ankam, ein vornehmer

Araber, der mich mit orientalischer Würde und Höflichkeit empfing,

bei der man jedoch so ziemlich durchmerkte, dass er Europäern

nicht übermässig grün ist. Die besseren arabischen Kreise halten

sich überhaupt noch etwas reservirt und jene Gestalten, die mit

überschwänglicher Demuth den siegreichen europäischen Machthabern die

Füsse lecken, sind oft die grössten Schufte. Die Zeit wird auch hier

klärend auf die Verhältnisse einwirken.

[Illustration: TAFEL XIII. WANYATURU STOCK-KÄMPFER]

Unter solchen Betrachtungen, von welchen ich natürlich nichts laut

werden liess, näherten wir uns der Niederlassung. Auf niederer Kuppe

lagen zwischen hohen Baobabs die ansehnlichen Temben der Araber,

umgeben von reichen Kulturen von Weizen- und Zuckerrohrfeldern, aus

welchen sich -- ein seltener Gast in Ost-Afrika -- die schlanke

Dattelpalme erhob. Ueber dem Ganzen wehte auf hoher Stange das

schwarz-weiss-rothe Banner, das die Araber uns zu Ehren gehisst

hatten.

Unter Flintenknallen und Jubelgeschrei hielten wir unsern Einmarsch.

Ein Theil meiner Leute, die Elephantenjäger, waren hier so gut wie

zu Hause, auch die anderen fanden Landsleute, Freunde und Bekannte

und das Ziel der Reise, die ersehnte Küste, schien in greifbare Nähe

gerückt.

[Illustration: Mtoro's Dorf, Ussandaui.]

VI. KAPITEL.

Von Irangi nach Pangani.

Aufenthalt in Irangi. -- Uassi. -- Ufiomi und die Wafiomi. -- Wieder

in Umbugwe. -- Iraku und die Höhlenbewohner. -- Meri. -- Mangati und

der Gurui-Berg. -- Die Massai-Steppe. -- Unguu. -- Ankunft an der

Küste.

Wenn wir Weihnachten im Busch verlebt hatten, so wollten wir

wenigstens das neue Jahr 1893 unter Menschen antreten. So blieben wir

denn fünf Tage in =Irangi= und liessen uns die Gastfreundschaft der

Araber gefallen, die in Anbetracht der Umstände geradezu glänzend

war. Sie hatten auch Grund, der Expedition wohlgesinnt zu sein,

denn unsere Kämpfe in Umbugwe hatten ihnen dieses Handelsgebiet

erschlossen, und die Ausbeute an Elfenbein war grösser als seit

Jahren.

So schwelgten denn die Leute in reichlichen Vorräthen und bei

mir erschienen täglich nicht weniger als achtmal kleine Karawanen

zierlich gekleideter Sklaven, die auf schönen Metalluntersätzen

verdeckte Schüsseln brachten. Da gab es Reis und Würfelfleisch in

Gewürzsauce, süsses Gebäck von einheimischem Weizenmehl, Datteln und

parfümirten Sherbet -- all' die Leckerbissen einer echt arabischen

Mahlzeit.

In den Morgenstunden kamen in farbenprächtigem Aufzuge die

vornehmsten Araber und Swahíli zur »Barasa«. In dem lichten Vorraum

eines Tembe brachten wir, auf bunte Strohmatten gekauert, eine

Viertelstunde mit jenen nichtssagenden, konventionellen Gesprächen

zu, die bei solchen Gelegenheiten im Orient üblich sind.

Ausser Elephantenjägern und Karawanenleuten gab es in Irangi auch

viele Massai, die vor der Hungersnoth geflüchtet waren und für kleine

Dienstleistungen gefüttert wurden. Unter diesen fand unser braver

Elmoruo Ndaikai seine längst vermissten Kinder. Mit zitternder

Hand betastete er die Verlorengeglaubten, heisse Thränen liefen

über sein wetterhartes Gesicht und kaum konnte man den blutgierigen

Krieger wiedererkennen, den ich gar oft in Gefechten die Gegner mit

breitklingigem Speer zerfleischen sah. Seines Bleibens bei uns war

nun nicht mehr länger, reich beschenkt mit Rindern nahm er Abschied

und zog mit seinen Kindern in die Steppe hinaus.

Am 4. Januar rüsteten auch wir zum Aufbruch von Irangi, wobei die

Araber es sich nicht nehmen liessen, mir 40 Bewaffnete mitzugeben,

eine Hilfstruppe, die mich ein wenig an jene drei Schutzmänner

erinnerte, welche einmal in bewegter Zeit einem marschirenden

Infanterieregiment »als Bedeckung« beigegeben wurden. Vor meiner

Abreise schickte ich vier meiner Leute als Postboten nach Pangani,

theils um Nachrichten an die Küste gelangen zu lassen, theils um

die gänzliche Ungefährlichkeit der »Massairoute« einmal durch ein

auffallendes Beispiel darzulegen. Es sei gleich erwähnt, dass diese

Leute Pangani in der unglaublich kurzen Zeit von 13 Marschtagen

erreichten, ohne von Eingeborenen irgendwie belästigt worden zu sein.

Wir selbst wandten uns Umbugwe zu. Die Araber und ihre Leute

erreichen dieses Land meist auf allerlei Umwegen, bei welchen sie

die Landschaft =Uassi= umgehen, deren Bewohner als boshaft und

kriegerisch gefürchtet sind. Ich sah jedoch keinen Grund, von der

direkten Route über Uassi abzuweichen. Durch ein sandiges Thal ging

es von Kondoa nach Simba's Niederlassung. Beiderseits erhoben sich

kahle Hügelzüge, die Thalsohle war mit Stachelgestrüpp bedeckt und

nur am Rande der Höhen ragten einzelne Baobabs und riesige, schattige

Waldbäume auf.

Am Morgen des 5. Januar ging es steil hinan zur Höhe des

Uassi-Plateaus. Kalte Winde trieben Nebelstreifen über das wellige

Land, dessen sandigem Boden die Wauassi einen kärglichen Ertrag

abringen. Diese standen abseits bei ihren niedrigen, kleine Höfe

einschliessenden Temben, begrüssten uns mit Kriegsgeschrei und riefen

uns zu, wir möchten unsere Rinder hergeben. Wir kümmerten uns nicht

darum, sondern zogen mit grösster Vorsicht durch das theilweise

mit Gestrüpp bedeckte Land, stets verfolgt von den lärmenden

Wauassi-Kriegern. Als wir wieder offenes Tembegebiet betraten,

begannen dieselben Pfeile auf uns zu schiessen. Um sie zu verjagen,

liess ich durch eine kleine Abtheilung eine Salve abgeben, worauf

die meisten spornstreichs davonliefen und einige vor Schreck -- in

Ohnmacht fielen. Gänzlich unverwundet wurden sie von uns aufgelesen

und haben uns als Wegweiser gute Dienste geleistet.

Auf dringende Bitten der Leute aus Irangi lagerte ich schon in den

Morgenstunden und liess zahlreiche Temben der Wauassi einäschern, um

diese für ihre fortwährenden Räubereien zu bestrafen. Nachmittags

zeigte sich eine bewaffnete Schaar derselben auf einem Hügel und

stiess ihr Kriegsgeschrei aus. Um den Irangi-Leuten zu zeigen von

was für »Helden« sie sich gewöhnlich ins Bockshorn jagen liessen,

sandte ich meinen boy Hamadi und =zwei Küchenjungen= aus, die von

einem Tembedach ein kräftiges Feuer auf die Kriegerschaar -- es waren

mindestens 200 Mann -- eröffneten und sie in wilde Flucht auflösten.

Der ganze Vorgang hatte den Erfolg, dass es den Arabern gelang mit

den Uassi-Leuten ein Abkommen zu treffen und dass von nun an nie mehr

Karawanen in Uassi belästigt wurden. Es war dies das letzte Mal, dass

die Expedition von den Waffen Gebrauch machen musste.

[Illustration: Ufiomi.]

Zwei Tage marschirten wir durch unbewohntes, grasiges, von lichtem

Akazienwald bedecktes Plateaugebiet und stiegen am 8. Januar nach der

Landschaft =Ufiomi= ab. Zu beiden Seiten des langgestreckten, blauen

Maitsimba-Sees dehnen sich bebaute Landschaften, aus welchen die

viereckigen, ziegelrothen Flecken der Tembendächer hervorstechen. Im

Nordost ragt die dunkle, waldige Masse des Ufiomi-Berges auf.

Die Eingeborenen, welche vor den Temben oder auf den Dächern hockten,

sahen mit ihren verschlissenen Lederschürzen, den Laubmassen im

Ohrlappen und dem verfilzten Haar, in dem eine ruppige Feder steckte,

unglaublich wüst aus. Sie galten jahrelang als äusserst bösartig und

ihr Land wurde von allen Fremden sorgfältig gemieden. Sei es, dass

sie ihre Sitten geändert haben, sei es, dass die Niederlage ihrer

Nachbarn sie gewitzigt hatte: sie begnügten sich uns anzustarren

und unternahmen nichts Feindliches. Nachmittags hatten wir sogar das

Vergnügen die Damenwelt Ufiomi's kennen zu lernen, die sich bisher

in den Dachsbauen verborgen hatte, welche diese Eingeborenen in den

Lehmboden ihrer Hütten graben, und nun kothbespritzt ans Tageslicht

kam. Aus ethnographischem Interesse besuchte ich eine dieser

Schutzhöhlen, musste etwa fünf Minuten durch einen beängstigend

niedrigen Schacht bergabkriechen und gelangte dann in einen grösseren

Raum, der durch einen Luftschacht mit der Oberfläche in Verbindung

steht.

Von Ufiomi, das wir am 10. Januar verliessen, ging es leicht bergab

durch fruchtbares, waldiges Land. Zwischen den Bäumen erblickt

man die glänzende Fläche des Manyara-See. Auch die graue Ebene

von =Umbugwe= wurde sichtbar und erweckte die Erinnerung an unsere

Todten, die nun fast ein Jahr in fremder Erde lagen.

Ich war einigermaassen gespannt darauf, wie man uns in Umbugwe

empfangen würde. Nachdem unsere Kämpfe im März 1892 in Deutschland

bekannt geworden, waren nämlich einige »Kenner« aufgestanden,

welche die Meinung aussprachen, dass Umbugwe nun endgiltig für

alle Karawanen gesperrt sei. Ich war zwar vom Gegentheil überzeugt

und die Erfahrungen der Irangi-Araber bewiesen dasselbe, aber wer

kann mit Bestimmtheit auf die Gesinnung so unbeständiger, wilder

Völkerschaften zählen?

[Illustration: Weib aus Ufiomi.]

Mit gewohnter Vorsicht betraten wir daher am 11. Januar das

Tembengebiet Umbugwe's, aber schon die ersten Eingeborenen zeigten

uns, dass sich hier viel verändert hatte. Statt der Kriegerschaaren,

die uns bei der ersten Ankunft umschwärmt, erblickten wir überall

friedliche, unbewaffnete Menschen, die uns ihr »Tálala« als Gruss

boten. Bald kam Mbaruk, der Elephantenjäger, der immer noch hier

weilte und mit ihm die Führer von Küsten-Karawanen, welche die

Freundlichkeit der Eingeborenen nicht genug loben konnten. Bei dem

ernsten freundlichen Häuptling =Mbi=, dem stets wie ein Schatten sein

ewig heiterer Minister folgte, schlugen wir das Lager auf.

In den nächsten Tagen trat ich eine kleine Rundreise durch Umbugwe

an, die mich zu =Kutadu= und auch nach dem Schauplatz unserer

früheren Kämpfe in =Mtakayko's= Land brachte. Ueberall wurden

wir freundlich, wenn auch etwas scheu empfangen und erhielten

von allen Häuptlingen, auch von Mtakayko, reiche Geschenke. Unter

diesen Umständen hielt ich es nicht für gewagt, den grössten Theil

der Karawane in Umbugwe zurück zu lassen und mit einer kleinen

Abtheilung die Reise nach =Iraku= anzutreten. Natürlich durften die

Zurückgebliebenen einzeln das Lager nicht verlassen, eine Maassregel,

die eben nur durchführbar ist, wenn man Poscho (Wegzehrung) in

natura und =nicht= in Zeug an die Leute vertheilt. Denn sonst kann

man es ihnen nicht verbieten, einzeln auszuziehen und Lebensmittel

einzukaufen, was kriegerische Eingeborene geradezu zu Mordthaten

auffordert. Allerdings erfordert die Verpflegung in natura mehr

Erfahrung und der Expeditionsführer muss auf Wochen hinaus auf

Beschaffung von Proviant bedacht sein.

Mit leicht beweglicher Schaar verliess ich am 17. Januar Umbugwe,

übersetzte den Kwou-Fluss und zog auf gutem Wege durch buschbedecktes

Land nach dem Fuss des Steilabfalls. Auf einer Vorkuppe desselben

lagerten wir und genossen bei Abenddämmerung einen schönen Blick

auf die Seen Manyara und Laua ya Sereri und auf die weite, graue

Massaisteppe über deren Horizont, wie ein lichtes Phantom der

glänzende Schneedom des Kilimanjaro aufragte.

Nachts wurden wir von einem wilden Thiere, über dessen zoologische

Stellung Meinungsverschiedenheiten herrschten, belästigt, welches

zwei Mal in's Lager einbrach und erst einen Askari an der Schulter,

dann einen Jungen an der Ferse verwundete. Die Patienten wurden

am nächsten Morgen nach Umbugwe zurückgeschickt, während wir den

steilen, felsigen Hang des Abfalls hinanstiegen.

Je höher wir kamen, desto frischere Luft wehte uns entgegen, bis wir

die offene, grasige Hochfläche von =Iraku= erreichten. Zahlreiche

Bäche durchschneiden das gewellte Land, im Norden und Nordosten

ragen dunkle Waldberge auf. Die Eingeborenen gleichen völlig den

Wafiomi, leben auch in ähnlichen Temben und sehen womöglich noch

schmutziger, abenteuerlicher und wilder aus. Dennoch kamen sie uns

sehr freundlich entgegen und machten den Eindruck friedfertiger

Menschen. Als Ackerbauer leisten sie wirklich Hervorragendes; weite

Strecken bedecken die schön gehaltenen, viereckigen Felder, die

eben umgeackert wurden und als rothe Quadrate an den grasigen Hängen

erschienen. Ueberall konnte man eifrig hackende Eingeborene sehen.

Durch ähnliches Gebiet, in dem sich ein stolzer Gipfel erhob, auf

seiner Höhe förmliche Felszinnen tragend, ging es am 19. Januar

nach der Residenz des Wataturu-Häuptlings =Sagiro=. Derselbe hat

eine bewegte Vergangenheit hinter sich, er hat schon im Massai-Land,

in Unyanyembe und Usongo residirt und wurde von seinen Erbfeinden,

den Massai, in diese entlegenen Höhen verdrängt. Seine Leute, unter

welchen man auffallend wohlgebildete, echt hamitische Gestalten

trifft, sehen verkommen aus, schmutzig und elend ist auch sein Dorf,

ein halbverfallener Tembenring.

[Illustration: Landschaft in Iraku.]

Am 20. Januar ging es südwärts durch Iraku. Ueberall dehnte

sich reich bebautes Land aus, von rothen Viehpfaden durchzogen,

und belebt von Farnen- und Phönixpalmen-Gruppen. Hier haust

ein uralter Häuptling, der mit seiner langen, schmutzig weissen

Haar- und Bartmähne wie ein Kobold aussah. Ueberall standen die

abenteuerlichen Gestalten der Eingeborenen in neugierigen, harmlos

freundlichen Gruppen am Wege und boten mit ihren scharfgeschnittenen

Zigeuner-Gesichtern und dem Leder-Ueberwurf einen originellen

Anblick. Das Merkwürdigste waren ihre Wohnungen, in die Erde

eingelassene, geräumige Erdställe, in welchen es bei der herrschenden

Kühle trotz der Dunkelheit ganz angenehm war. An den Eingängen

standen dichtgedrängt die fellbekleideten Weiber, darunter auch

manches ganz niedliche Höhlenmädchen, die uns vergnügt anlachten,

aber bei dem leisesten Versuch sich zu nähern, in ihrem Mauseloch

verschwanden.

[Illustration: Iraku-Leute.]

Am 22. Januar verliessen wir das Dorfgebiet von Iraku, dessen

letzte Siedelungen am Rande des Steilabfalles liegen und stiegen auf

felsigem Pfade dem Kwou-Thale zu. Ueppige Krautvegetation bedeckt

die rauhen Felswände aus deren Spalten reizende Phönixpalmen ihre

schlanken Wipfel erheben.

Am klaren Kwou, dessen Ufer hochstämmiger Galleriewald säumt,

lagerten wir und stiegen am nächsten Morgen über reich bewachsenen

Hang zur welligen Plateaulandschaft =Meri= an. Hier haust eine kleine

Kolonie von Irakuleuten und Wataturu, heitere, gutmüthige Leute,

die in schönen Temben leben, welche in Gruppen geordnet, mit den

ziegelrothen Dächern sich scharf aus der grünen, hügeligen Umgebung

abheben. Ringsum dehnen sich prächtige Felder hinter welchen der

begraste Berg ansteigt. Das Schönste an Meri ist jedoch die herrliche

Aussicht über den gewaltigen Steilabfall des Grabens, die Niederung

mit ihren schimmernden Seen, die graubraune Steppe mit ihren dunklen

Gebirgsinseln und in weiter Ferne die Bergriesen des Meru und

Kilimanjaro. Letzterer hatte eben eine neue Schneehaube bekommen und

erschien in scharfen, blendend weissen Umrissen am Horizont.

[Illustration: TAFEL XIV. WATATURU AUS MANGATI]

Hinter Meri ging es wieder steil bergan. Die Hänge bedeckten Gras

und Farnvegetation. Manch' schöne Blumen, darunter reizende Primeln,

leuchteten daraus hervor und wurden von farbenprächtigen, kleinen

Vögeln umflattert. Dann traten wir in dunklen Laubwald ein, der

völlig jenem von Mutyek glich. Lange Bartflechten hingen von den

moosbedeckten mittelhohen Laubbäumen, dichte Krautvegetation, meist

Nesseln und Farne, bedeckte den Boden. Stellenweise öffnete sich

eine kleine Lichtung und breite Elephantenpfade durchschnitten diese

herrliche unbewohnte Wildniss. Erst am nächsten Morgen verliessen wir

den Wald und durchzogen ein offenes grasiges Land bis zum Rande des

Steilabfalles. Vor uns stürzte ein schroffer, theils felsiger, theils

bewaldeter Felshang mit eingestreuten Gruppen von Phönixpalmen ab. In

der Tiefe erblickten wir die leicht gewellte, theils offene, theils

mit Busch bedeckte Landschaft =Mangati= mit dem Balangda-See und den

Temben der Wataturu. Uns gegenüber jedoch ragte in greifbarer Nähe,

von dunklen Basaltwänden gekrönt, die kühne Bergpyramide des =Gurui=

auf.

Durch Gestrüpp und Wald ging es auf felsigem Wege in die Tiefe. Bald

hatten wir die Sohle des Grabens und die Niederlassung Barabeïda

erreicht, wo ein jüngerer Bruder Sagiro's regierte. Hier lernte ich

das Volk der Wataturu in seiner ganzen Ursprünglichkeit kennen.

Langbeinige Krieger mit wildem Kopfschmuck von Straussenfedern

kamen herbeigeeilt, auf den Kehrichthaufen kauerten Gruppen von

Weibern mit Lederzeug und rasselndem Eisenschmuck, schwarzäugige,

schmutzige Kinder auf dem Rücken tragend. Allen sieht man auf den

ersten Blick die hamitische Abkunft an und negerhafte Züge sind hier

nicht zu finden. Auch in Mangati fanden wir freundliche Aufnahme und

bekamen reichlich Lebensmittel geliefert. Ein Ausflug brachte mich

am nächsten Tage zum salzigen =Balangda=-See, der den Eingeborenen

Kochsalz liefert. Von hier präsentirt der Gurui sich wieder anders,

aber stets als prächtiger Bergriese.

Leider konnte ich meinen Wunsch, diesen Gipfel zu ersteigen,

nicht erfüllen, denn ein Fieber, gegen das ich seit einigen Tagen

ankämpfte, warf mich nun zu Boden und zwang mich, einen Tag in

Barabeïda zu verbleiben. Obwohl mir am 27. Januar nicht viel besser

war, reiste ich doch ab, um mein Fieber durch Ortsveränderung zu

kuriren. Dieses alte Buschmittel versagte auch diesmal seine Wirkung

nicht; als wir gegen Mittag am papyrusreichen =Bubu= lagerten,

erholte ich mich ganz leidlich.

Durch bergiges, licht bewaldetes, fruchtbares Land ging es am

28. Januar an's Westufer des Maitsimba-See und nach unserem alten

Lagerplatz in Ufiomi. Auf einer anderen Route längs des Kwou, der

tief in den Lehmboden eingerissen ist, erreichten wir am 30. Januar

Umbugwe wieder. Ich fand dort alles in bester Ordnung, meine Leute

hatten mit den Wambugwe gutes Einvernehmen erhalten und reiche

Vorräthe für den Marsch durch die Massai-Steppe gesammelt.

Noch hatte ich in Umbugwe eine Pflicht zu erfüllen, die Errichtung

der Niederlassung, die ich in Meatu den Elephantenjägern zugesagt.

Als Oberhaupt derselben bestimmte ich =Mwanangwa Swetu=, einen

intelligenten Häuptling aus Unyamwesi, und wies demselben den Platz

zur Errichtung einer Station an. Mit grossem Geschick hat dieser Mann

seine Aufgabe gelöst und meinen Nachfolgern in Umbugwe gute Dienste

geleistet. Von den Jägern blieben die meisten zurück, nur wenige, die

sich vollkommen in die Expedition eingelebt, zogen mit uns nach der

Küste.

Unter jenen, welche zurückblieben, gab es auch Leute, die schon

Jahrzehnte im Innern zugebracht und unter andern Umständen vielleicht

gern ihre Heimath wieder gesehen hätten. Wenn ich sie aber fragte,

warum sie nicht mit nach der Küste wollten, meinten sie meist:

»Hatutaki ku cheza ngoma ya Wazungu« (Wir wollen den Weissen nichts

vortanzen). Diese Redensart stammt von den grossen Tanzfesten her,

die von den Stationschefs bei festlichen Gelegenheiten, z. B. dem

Erscheinen eines Oberbeamten zuweilen »amtlich« inscenirt, und von

den Eingeborenen als lästiger Zwang empfunden werden.

Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dass weniger die grossen

politischen Umänderungen, als die kleinen Polizeinörgeleien von der

ostafrikanischen Bevölkerung als Druck gefühlt werden. Dass statt

des Sultans von Sansibar nun ein deutscher Gouverneur regiert, ist

den Leuten ganz gleichgiltig, aber dass sie nach 9 Uhr Abends nicht

mehr spazieren gehen dürfen, Lampen brennen sollen, bei Tänzen und

sonstigen Kleinigkeiten erst amtliche Erlaubniss einholen müssen,

dann aber wieder auf Kommando, wenn sie keine Lust dazu haben, tanzen

sollen, scheint den Swahíli unerträglich. Sie wollen ja gern Alles

thun, im Nothfall selbst Steuern zahlen und für die Behörde arbeiten,

aber =tanzen= wollen sie, wenn es =ihnen= Spass macht und nicht, wenn

es der »Bwana mkubwa« befiehlt. Ein Bakschisch an die farbige Polizei

befreit ja freilich von diesen und von den meisten anderen Lasten,

wer aber darüber nicht verfügt der muss eben tanzen. Der grosse Mann

freilich, zu dessen Ehren solche Feste arrangirt werden, ahnt von

alledem nichts und sieht wohlgefällig dem »muntern Treiben« zu, wirft

auch vielleicht einige Rupies unter die tanzenden Weiber, die ihnen

nachträglich von den Polizisten wieder abgenommen werden. Zum Glück

versteht er und seine Umgebung meist so gut wie kein Swahíli, sonst

würde er grosse Augen zu den sonderbaren Schmeicheleien machen, die

ihm in Form von Huldigungsliedern an den Kopf geworfen werden.[2]

[2] Ich hörte selbst einmal wie die Weiber bei solcher

Gelegenheit von den »Bwana mkubwa« (grossen Herren)

sangen:

Oh -- ho ana tumbo kaua bweta

Oh -- ho kofia kana kiungo etc.

(Oh -- ho, er hat einen Bauch wie eine Schachtel

einen Hut wie einen Mehlkorb u. s. w.)

Wenn ich auch überzeugt bin, dass solche Erscheinungen zu den

Kinderkrankheiten einer jungen Kolonie gehören, die sich mit der Zeit

verlieren, so konnte ich es doch meinen alten Elephantenjägern nicht

übel nehmen, dass sie es unter solchen Umständen vorzogen in Umbugwe

zu bleiben.

Am 3. Februar nahmen wir Abschied von den Zurückbleibenden und

traten den Marsch durch die Massai-Steppe an. Um deren Erforschung in

grossen Zügen zu vollenden, beschloss ich dieselbe in einer schrägen

Linie nach Mgera in Nord-Unguu zu durchqueren. Als Führer für die

ersten Tage dienten uns einige Wambugwe, später Massai, die wir von

Irangi zu diesem Zwecke mitgenommen. Nach Verlassen der Felder von

Umbugwe kamen wir an das Südende des salzigen Laua ya Sereri-Sees

und traten dann in lichten Akazien- und Baobab-Wald ein. Vorbei an

den nördlichen Ausläufern des Ufiomi-Gebirges gelangten wir an den

kleinen Sickerbach Tschem-Tschem, wo wir lagerten.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 13 / 41 段