aus. In allen Räumen herrschte Ordnung und Behaglichkeit und bei
Tisch erschienen auf blüthenweisser Decke Porzellangeschirre und
geschliffene Gläser. Wenn Mrs. Shaw sich hauptsächlich mit dem
Hauswesen beschäftigte, so war ihr Gatte ein wahres technisches
Genie, Schlosser, Zimmermann, Tischler, Seifensieder in einer Person
und konnte mit Stolz die schön eingelegten Möbel und sogar einen
Kamin zeigen, den er zur Erhöhung der Wohnlichkeit in seinem elegant
eingerichteten Salon aufgebaut. Porzellangeschirr, ein Kamin, ein
Salon -- in =Urambo=! Nun, mehr konnte man im Innern Afrika's, 700
Kilometer von der Küste, nicht verlangen.
Die Mission hat eine Anzahl Zöglinge, Knaben und Mädchen, die sich
Abends in dem luftigen Dachraum des Hauses zur Andacht versammeln.
Mr. Shaw spricht ein kurzes Gebet, dann singen die Kinder, durch
Mrs. Shaw am Harmonium begleitet, einige Lieder. Die schwarze Schaar
hat es im Singen recht weit gebracht, und wenn man diese Choräle
mit meist bekannten Melodien, darunter auch die der österreichischen
Volkshymne hört, so vergisst man, dass sie aus Negerkehlen ertönen
und unwillkürlich fliegen die Gedanken nach der Heimath.
Leider ist der Gesang so ziemlich der einzige Gegenstand, in
welchem die Mission bei ihren Schülern Erfolge erringt. Bei
der ausserordentlichen Gleichgültigkeit der Wanyamwesi für alle
religiösen Dinge ist es kaum möglich Proselyten zu machen. Die
Missionskinder erhalten als Löhnung für ihre Thätigkeit als
Schuljungen 2 Doti Baumwollzeug monatlich, doch selten hält es einer
auch nur ein halbes Jahr aus und der Wechsel ist ein fortwährender.
In zwölf Jahren, seit die Mission besteht, wurde noch kein einziger
Schwarzer zum Christenthum bekehrt! Dabei stehen die Missionare
auf bestem Fuss mit den Eingeborenen. Zu Lebzeiten Mirambo's, des
bekannten »Napoleon von Unyamwesi«, kam dieser Häuptling oft allein
und ohne Bedeckung in die Mission und vertrat stets energisch
deren Interessen, indem er jede Schädigung ihres Eigenthums
streng bestrafte. Ebenso hielt es auch sein Bruder und Nachfolger
Mpanda Charo. Der jetzige Häuptling Tuga Moto (Sprühfeuer), ein
halbwüchsiger, auffallend hübscher Junge, der mir, behängt mit
Schmuck und Seidentüchern am Tage nach meiner Ankunft seinen Besuch
machte, verbringt ganze Monate in der Mission und begegnet dem
Ehepaar Shaw mit grösster Achtung.
Wenn daher auch der äussere Erfolg der Mission nur ein geringer
ist, so kann doch der Einfluss auf die Bevölkerung nicht hoch
genug angeschlagen werden. Der fortwährende, nahe Verkehr mit
einem gebildeten Europäer hat offenbar bei den in so hohem Grade
entwickelungsfähigen Warambo seine Wirkung nicht verfehlt und
wenn die Warambo im Küstenaufstand sowohl, wie in den Kämpfen in
Unyamwesi stets auf Seiten der Deutschen standen und stets eifrige
und gehorsame Bundesgenossen waren, so ist das in erster Linie der
Mission von Urambo, mit ihrem Leiter Mr. Shaw zu danken.
Wir verliessen Urambo am 3. November und zogen durch schwach
bewohntes Waldgebiet der Landschaft Usagali zu. Aus dem Laubholz
ragten stellenweise wilde Granitblöcke auf. Die Dörfer waren theils
von Stangenzäunen, theils von jenen starken Lehmbauten, den Temben,
umgeben, die im mittleren Unyamwesi die Dörfer zu kleinen Festungen
machen. Wasser war spärlich und musste oft weit her aus dem Igombe
geholt werden, in dessen Tümpel zahlreiche Welse sich aufhielten.
Am 7. November stiegen wir an einer Felskuppe vorbei in eine
weite, grasige Mulde. Bärtige Araber auf weissen leichtfüssigen
Maskat-Eseln, gefolgt von bewaffneten Sklaven jagten, eine Wolke
Staub aufwirbelnd, durch die Ebene, schlanke Wasserträgerinnen
in bunter Küstentracht folgten in malerischer Haltung, die den
schöngeformten Arm zur Geltung bringt, den schmalen Pfaden, und
Swahíli-Leute in weissem Talar riefen uns ihr »Yambo« zu.
Aus dem Grau der Ebene tauchten allmählig dunkle Parthien auf, man
unterschied Gruppen schattiger Mangobäume, aus welchen vereinzelt
verkümmerte Kokospalmen ihr Haupt erheben, dazwischen die braunen
Dächer der runden und kegelförmigen Hütten und die flachen blendend
weissen der Temben: der Knotenpunkt des Karawanenverkehrs, das
Emporium Central-Afrika's, =Tabora=.
[Illustration: TAFEL XII. Pfahldorf am Mlagarassi.]
Ueber dem höchsten Tembedach wehte das deutsche Reichsbanner;
darunter die unbewegliche Silhouette des Sudanesenpostens, der sich
scharf von dem lichten Hintergrund abhob: die kaiserliche Station.
Wir betraten bald die staubigen Plätze, die sich zwischen den
verstreuten Siedelungen ausdehnen und hielten, von grosser Volksmenge
begleitet unseren Einmarsch in Tabora. Der erste Bekannte den wir
trafen, war zu meiner Freude der Askari Mzee bin Jumah, der mir
meldete, dass er die Lasten von Mwansa richtig hierhergebracht
habe. Bei den kriegerischen Verhältnissen, die damals in Unyamwesi
herrschten, war ich um diesen Mann bereits besorgt gewesen, doch
hatte er seine keineswegs leichte Aufgabe, mit seltenem Geschick
anstandslos gelöst. Wenige Augenblicke später drückte ich dem
deutschen Stationsvorsteher Med. Dr. =Schwesinger= und den Offizieren
der belgischen Expedition die Hand, die sich eben auf dem Durchmarsch
zum Tanganyika in Tabora befanden.
Der Aufenthalt in Tabora gehört nicht zu meinen angenehmsten
Erinnerungen. Schon der Ort ist nichts weniger als anheimelnd mit
seinen öden staubigen Strassen, seinen Kehrichthaufen und vielfach
verlassenen halbverfallenen Temben und Hütten, ein Bild Grau in Grau,
welches deutlich spricht, dass Tabora das Emporium Central-Afrika's
-- gewesen ist.
In der Station herrschte trübe Stimmung, denn die Spannung
mit =Sike=, dem aufrührerischen Häuptling, der inzwischen sein
wohlverdientes Ende gefunden, war damals am stärksten und fortwährend
fanden aufregende Schauri mit übel beleumundeten Arabern, mit Seliman
bin Masud, Ali bin Nasor und anderen verrätherischen Schuften
statt, die unter der Maske tiefster Demuth nur mühsam den wilden
Europäer-Hass verbargen. Die Belgier litten unter dem obligaten
Träger-Elend und so war an Geselligkeit nicht zu denken. Die einzige
Gelegenheit, bei der ich sämmtliche Europäer von Tabora versammelt
sah, war eine -- Hinrichtung, bei der ein Mörder an einen Baum
beim Marktplatz aufgeknüpft wurde. Man wollte durch diese Exekution
moralischen Eindruck auf die Bevölkerung machen, doch schien dieser
Zweck nicht erreicht, denn kaum einer der zahlreichen, feilschenden
Marktbesucher wandte den Kopf nach dem baumelnden Landsmann.
Ich erlitt einen schweren Verlust in Tabora durch den Tod meines
Askari =Kihara wadi Mwamba= aus =Kwa Kyege= bei Mkusi in Bondeï,
jener braven Seele die 1888 Dr. Meyers und meine Gefangenschaft bei
Buschiri getheilt und in seltener Treue bei uns ausgehalten hatte. Er
erlag einem perniciösen Fieber.
Ausser den Lasten die ich von Mwansa hergeschickt, fand ich auch
Waffen und Munition, die von der Küste für mich angelangt waren, in
Tabora. Es war mir daher garnicht unangenehm als täglich zahlreiche
Leute sich meldeten, die unter dem Schutze der Expedition als
freiwillige Träger nach der Küste gehen wollten, und ich nahm solche,
wenn sie nur halbwegs kräftig waren, gerne an. Auch ein langer
dürrer Araber erhielt die Erlaubniss sich mit seinen Leuten uns
anzuschliessen, ein echter Maskater, der jahrelang im Innern Afrika's
Alles versucht und nichts erreicht hatte. Derselbe erschien täglich
Nachmittags zum Thee und machte eifrige Versuche mich zum Islam zu
bekehren.
Auch die Expeditions-Damen erhielten in Tabora einen namhaften
Zuwachs, meine Leute machten nämlich in den fünf Tagen unseres
Aufenthalts die unerhörtesten Eroberungen und gar manche schwarze
Schöne fand in der Nacht nach unserem Abmarsch eine Hinterthür, durch
die sie dem Haremszwang entsprang und dem heissgeliebten Träger oder
Askari nachrannte.
Am 15. November verliessen wir Tabora und zogen am 16. durch lichten,
wasserlosen Wald nach =Uyui=, wo ein befestigtes Dorf und eine
Niederlassung des Mr. Stokes sich befindet, eine ehemalige Mission,
die jetzt in recht baufälligem Zustande ist. Ich selbst wurde dort
-- nach langer Pause -- von einem starken Fieber ergriffen, das
mir erst am 20. November den Weitermarsch gestattete. Durch die
Grenzdörfer von Uyui ging es nach =Ndara=, wo zahlreiche kleine
Tembedörfer mit viereckigem Grundriss und schmutzigem, winkeligem
Innern in der ziemlich dürren Landschaft verstreut liegen. Von
dort brachte uns ein zweitägiger, wasserloser Marsch durch öden
Steppenwald nach =Tambarale=, dem Dorfe =Mwana Tombolo's=. An die
Stelle des Miombowaldes traten Schirmakazien, Stachelgestrüpp und
Baumeuphorbien, in den Mulden reckten ungeheure Baobabs ihre riesigen
Aeste -- wir näherten uns dem Massai-Land.
Aus der Wildniss tretend, erblickten wir am Morgen des 23. November
das Dorf =Tambarale=. Ein dreifacher Ring fester Tembebauten, dessen
äussere Umfassung wohl 4 Kilometer im Umfang hielt, umschloss einen
Platz, in dem wenige Rundhütten ihre Kegeldächer erhoben. Auf der
höchsten flatterte die schwarz-weiss-rothe Flagge und liess uns
schliessen, dass wir einem freundlichen Dorfe nahten.
Durch das Thor des äussern Tembe traten wir in den ersten Ring und
lagerten bei einem schattigen Baum, unweit des einzigen Brunnens des
Ortes. Eingeborene waren hier nur spärlich zu sehen. Einer erschien
und legte einen vom Lt. Langheld unterschriebenen Schutzbrief vor
mir auf den Boden, worauf er sich schleunigst entfernte. Während
ich noch über diese sonderbare Art, einen Schutzbrief vorzuweisen,
nachdachte, krachten plötzlich Schüsse und einige Askari kamen, um
zu melden, dass sie vom innersten Tembering aus beschossen würden.
Ich dachte erst an einen Irrthum und eilte in den koncentrischen
Raum zwischen dem zweiten und dritten Tembering, wurde jedoch aus den
Schussscharten des letzten Tembe mit heftigem Feuer und einem Hagel
von Pfeilen empfangen.
In der Eile hatte ich nur wenige Askari mit mir genommen und
versuchte, mit diesen das niedrige Thor des Tembe zu stürmen, ein
mörderisches Feuer aus allernächster Nähe streckte jedoch sofort
5 Mann todt nieder, mehrere wurden verwundet und ich selbst durch
den Oberarm geschossen, so dass ich durch den Blutverlust gezwungen
wurde, den inneren Tembering zu verlassen.
Ich liess die Kugel durch den Koch herausschneiden und begann mit
Mzimba über die weiteren Schritte zur Einnahme des Ortes zu berathen.
Denn dass wir einen so verrätherischen, grundlosen Angriff nicht
unbestraft dulden konnten, war uns völlig zweifellos. Wir schossen
erst Brandpfeile und Brandraketen auf die Strohdächer der Hütten im
Innenraum, doch ein leichter Regen vereitelte unser Bemühen.
So warteten wir denn bis zum Einbrechen der Dunkelheit,
vertheilten hierauf, um die Hinterlader-Munition zu schonen, die
Vorderlader-Schützen auf das Dach des zweiten Temberinges und
eröffneten bei Magnesiumlicht ein ununterbrochenes Feuern auf
den Innenraum. Der Gegner erwiderte dies kräftig, aber gänzlich
wirkungslos, da er stets aus den Schussscharten feuerte und daher
unseren höher stehenden Leuten nichts anhaben konnte.
Unaufhörlich krachten die Schüsse, gellend tönte das Geschrei der
Weiber aus dem Innenraum, rasselnd schallten die Trommeln, und die
Kämpfenden riefen sich wilde Flüche zu. Besonders ein Bursche aus
Tabora war im Fluchen gross: Tomba mbwa! (Heirathe einen Hund!) rief
er hinein, und von dort erschallte das Kriegsgeschrei »Mwana Kiunge!«
womit Sike von Unyanyembe gemeint war. Damit war mir auch klar, dass
der ganze Anschlag auf Anstiften dieses Häuptlings geschehen war und
einen direkt deutschfeindlichen Charakter hatte.
Nach und nach wurde das Geschrei im Innern schwächer. Das
wohlgenährte Feuer hatte schwere Verheerungen angerichtet, Todte und
Verwundete lagen bei den Hütten umher, und wir hielten den Augenblick
zum Sturm gekommen. Natürlich konnten wir nicht daran denken, einen
so ausgedehnten Ort von allen Seiten zu bestürmen, wir erstiegen
daher rasch das Dach des innersten Temberinges und eröffneten ein
kräftiges Feuer auf die letzten Vertheidiger, worauf gleichzeitig das
Thor aufgeschlagen und der Innenraum besetzt wurde. Die noch lebenden
Insassen suchten in verzweifelter Flucht nach der anderen Seite ihr
Heil: breite Blutspuren bezeichneten ihren Weg.
Tambarale war unser und die erbitterten Leute wollten sofort Brand
an die Hütten legen; doch liess ich dieselben erst untersuchen, was
sich als sehr nothwendige Vorsicht erwies, denn grosse Pulvervorräthe
lagen im Innern. Auch Zeug wurde in ziemlicher Menge vorgefunden und
kam meinen schon recht zerrissen aussehenden Leuten sehr zu statten.
Am 24. November steckten wir Tambarale an, was bei den Tembebauten
keineswegs leicht war, so dass erst gegen Mittag der leichenerfüllte
Schauplatz unseres Kampfes eine rauchende Brandstätte war.
Man wird nun vielleicht die Frage aufwerfen, warum ich mich in dieses
Gefecht einliess und mein Leben sowie das meiner Leute auf's Spiel
setzte, wo mir doch als »Privatmann« frei stand, nach den ersten
Schüssen abzuziehen und eine Klageschrift an das Gouvernement in
Dar-es-Salaam zu leiten? Es ist auch möglich, dass die Erstürmung
Tambarales mir in gewissen Kreisen keinen Dank, sondern sogar den
Vorwurf eines unberechtigten Eingriffs in amtliche Rechte einbringen
mochte. Aber erwägen wir einmal die Folgen, welche das obengenannte
»korrekte« Vorgehen gehabt hätte! Wenige Tage nach mir passirte die
Expedition =Gemmer= Tambarale. Sie führte an 500 Wanyamwesi-Träger
und bedeutende Waffen und Munitions-Vorräthe in Lasten verpackt
bei sich, besass fast gar keine Soldaten und war zur Vertheidigung
gänzlich unfähig. Diese hatte Sike im Auge gehabt, als er seinem
Verbündeten Mwana Tombolo den Auftrag gab, die nächste europäische
Karawane anzugreifen. Denn er konnte nicht ahnen, dass ich plötzlich
auf einer Seitenroute ankommen würde.
Hätte ich nun diesen Angriff nicht mit vollständiger Niederlage des
Gegners beantwortet, so wäre die Expedition Gemmer überfallen, und,
da sie nahezu wehrlos war, vernichtet worden. Die Hinterlader und
Patronen wären den Aufständischen unter Sike in die Hände gefallen
und es ist fraglich, ob es dann gelungen wäre, derselben Herr zu
werden. Die Postverbindung mit dem Victoria-See, die damals über
Tabora schon unterbrochen war, wäre auch auf der direkten Route
gesperrt und die Seestation gänzlich abgeschnitten worden. Mir
aber wäre für mein »korrektes« Vorgehen wahrscheinlich der Vorwurf
schmähliger Feigheit gemacht worden. Denn ein Reisender im Innern
Afrika's besonders auf wenig betretenen Pfaden, kann eben =kein=
Privatmann sein, wie immer er sich anstellen möge, er ist und
bleibt für die Eingeborenen der Vertreter seiner Nation, ja des
Europäerthums überhaupt, und muss danach handeln, wenn er die Flagge,
unter der er reist, nicht mit Schmach bedecken und der grossen
Sache nicht schaden will, für welche wir alle, sei es nun amtlich
oder nicht amtlich, unser Leben einsetzen. Solchen Personen, welche
die Gewähr für ein umsichtiges Vorgehen nicht bieten, möge man das
selbstständige Reisen im Innern einfach verweigern, da sie durch
planloses Handeln die Kolonie schwer schädigen können. Bewährte
Führer jedoch statte man unbedingt mit den Rechten und Pflichten
der Gouvernements-Expeditionen aus, wie das auch vom Kongostaate den
Expeditionschefs der grossen Gesellschaften gegenüber stets gehalten
wird.
Von Tambarale begaben wir uns einige Stunden nördlich nach
=Sunguisi=, dem südlichen Grenzdorf von =Ussongo=, jenem Distrikt,
den der bekannte deutschfreundliche Häuptling =Mtinginya= beherrscht.
Von den Eingeborenen gastlich aufgenommen, beschloss ich, dort die
Heilung meiner Wunde abzuwarten. Bei sorgfältiger antiseptischer
Behandlung, in welcher ich schon einige Uebung besass, ging dieselbe
ziemlich rasch von statten, so dass ich schon am 10. Dezember
aufbrechen konnte.
Während des Aufenthalts in Sunguisi kam die Karawane des Kapt. Gemmer
und später jene des Grafen =Schweinitz=, der nach der Küste zog,
durch, und es fehlte mir daher nicht an europäischer Gesellschaft.
Auch Mtinginya machte mir seinen Besuch, war hocherfreut über die
Niederlage seines alten Gegners Mwana Tombolo und schenkte meinen
Leuten zwei Lasten Baumwollzeug. Der Unterhäuptling in Sunguisi, ein
behäbiger, gutmüthiger Mann, dessen höchster Stolz seine zahllosen --
Kinder waren, benahm sich musterhaft und räumte mir sein geräumiges
Tembe ein. Ein Theil dieses Baues stürzte allerdings eines Morgens
ein, erschlug einen Massaihirten und begrub mehrere Askari und
Weiber, die aber nur unwesentlich beschädigt wurden. Man wird jedoch
auf afrikanischen Reisen nach und nach so abgestumpft, dass mich
dieser Unfall keineswegs abhielt, den Rest des Tembe weiter zu
bewohnen.
Am 10. Dezember lagerten wir in =Maragano=, einem kleinen Dorfe am
Saume des Buschwaldes und traten am nächsten Morgen in denselben
ein. Die Regenzeit setzte langsam ein, häufig gingen leichte
Schauer nieder und die Baobabs und niederen Büsche trugen grünes
Laub. Ein wenig begangener, durch Gestrüpp recht erschwerter Pfad
führt durch diese Wildniss an den Rand des =Wembere=-Grabens, den
wir am 12. Dezember erreichten. Er war durch malerische Haufen
riesiger Granitblöcke bezeichnet, zwischen welchen Baobabs und
schöne grüne Vegetation gedieh. Auf diesen Felsmassen lagen die
kleinen Dörfer =Nyambeïu= und =Itandulu= verstreut. Besonders das
letztere, eine neue Niederlassung mit weissen spitzen Kegelhütten,
lag hochromantisch zwischen mächtigen Felszähnen. Einen dieser
erkletterte ich, und überblickte die weite, tischflache Wemberesteppe
zu meinen Füssen, mit dem niedrigen Saum der jenseitigen Randberge.
[Illustration: Itandulu.]
Am 13. und 14. Dezember durchschritten wir theilweise bei Regen
die Steppe, welche hier weit schmäler als beim Simbiti ist. Sie
ist vollkommen offen, fast graslos und nur zahlreiche, nach den
Eyassi ziehende Schwärme von Wasservögeln, von Flamingos, Enten und
Pelikanen, beleben das eintönige Bild. Gegen den Ostrand zu, treten
niedriges Stachelgestrüpp auf sandigem Boden, stellenweise sogar
schönes Gras und einzelne riesige Baobabs auf und man erreicht die
sanft ansteigende Randhöhe auf welcher mit Pfostenverschanzung das
Dorf =Urugu= liegt.
Durch hügeliges, theilweise mit schönem Miombowald bedecktes Land
ging es am 15. Dezember nach Ost. An den meist trockenen, breiten
Bachrissen stehen malerische Gruppen schlanker Fächerpalmen. Wir
kamen an dem grossen Dorfe =Buschora= (Mangura) vorbei, das zwischen
Sorghum- und Reisfeldern gelegen ist und erreichten Mittags =Ussure=,
einen von zwei hohen Kegelhütten überragten Tembebau an dessen
Westecke die von Dr. Peters gehisste deutsche Flagge wehte. (Siehe
Kopfleiste des Kapitels.) Seine damalige Freundin Saratita war
jedoch inzwischen verstorben und an ihrer Stelle regierte Mlewe ein
intelligenter junger Häuptling und eifriger Elephantenjäger, der
vorzüglich Swahíli spricht.
Ussure ist ein Grenzland Unyamwesi's, östlich davon dehnt sich
die Landschaft =Turu= aus, deren Bewohner, die nackten Wanyaturu,
als bösartig berüchtigt sind. Erst Stanley, dann anderen Reisenden
traten sie feindlich entgegen, auch gegen Dr. Stuhlmann, der wenige
Monate vor mir das Land durchzog, benahmen sie sich unverschämt,
ohne jemals ernstlich gezüchtigt worden zu sein. Die Folge war, dass
ihre Frechheit ins Grenzenlose wuchs und dass keine kleine Karawane
mehr unbehelligt das Land durchziehen konnte. Kurz vor meinem
Durchzug waren Leute der Araber in Irangi, die mit Vieh aus Unyamwesi
heimkehrten dort überfallen und gänzlich ausgeraubt worden.
[Illustration: Mann aus Turu.]
Bevor wir bewohntes Land erreichten, hatten wir einen wasserarmen
Steppenwald zu durchziehen und erst am 18. Dezember betraten wir die
ausgedehnte, leicht gewellte Ebene von =Turu=. Lichter, sandiger
Boden bedeckt auf weite Strecken das Land, das stellenweise mit
spärlichem Gestrüpp bestanden ist. Vereinzelt ragt ein hoher Baobab
oder eine Anhäufung wilder Granitblöcke auf. In der Ferne erhebt
sich eine riesige, dunkle Bergpyramide: der =Gurui=. Von dunkelen
Euphorbienhecken umgeben, sind die elenden kleinen Temben der
Wanyaturu verstreut, ärmliche, niedrige Lehmbauten, in welche man
förmlich hinein kriechen muss. Dazwischen liegen die Felder, die
mit hölzernen Hacken bebaut werden. Die Eingeborenen, die in ihrer
Nacktheit originell aussehen, gleichen sehr den Waschaschi in Elmarau
und benutzen auch dieselben originellen Stockschilde wie diese. Sie
verhielten sich anfangs scheu, belästigten uns jedoch vorerst nicht.
Erst am 19. September, als wir den salzigen =Singisa=-See
passirt hatten, in den tiefe Wasserrisse einmünden, zogen sie uns
schaarenweise mit Kriegsgeschrei nach. Wir beachteten dies nicht
weiter, bis sie Pfeile auf den Nachtrab schossen, einen Scherz, den
sie sich meinen Vorgängern gegenüber mehrfach ungestraft erlaubt
hatten. Diesmal waren sie jedoch an die Unrechten gekommen, wovon sie
einige scharfe Salven belehrten, welche die freche Gesellschaft in
wilde Flucht auflösten. Wir erbeuteten eine Heerde, in der die Araber
von Irangi viele Stücke wiederfanden, die ihnen von den Wanyaturu
geraubt worden waren. Ich gab meiner Gewohnheit gemäss selbst einige
Schüsse ab, wobei meine Wunde wieder aufbrach und mir in den nächsten
Tagen heftige Schmerzen verursachte.
Am Morgen des 19. Dezember stiegen wir zu einer Kammhöhe an und sahen
uns abermals am Rande des grossen ostafrikanischen Grabens, dessen
westlichen Abfall wir bei Leilelei im März erstiegen. Derselbe war
hier nicht so steil wie im Massai-Land: tief unten lagen auf der
flachen Sohle die Temben der Wanyamwesi-Kolonie =Unyanganyi=. Ueber
theils grasigen, theils mit Dorngestrüpp bedeckten Hang, auf dessen
Vorstufen vereinzelte Niederlassungen lagen, ging es bergab nach
der sandigen Sohle, in der ungeheure Baobabs und kleine Wanyaturu-
sowie grosse Wanyamwesi-Temben verstreut sind. Die Kolonisten,
intelligente Leute aus Urambo, empfingen uns sehr freundlich, sie
haben die hiesigen Wanyaturu völlig zu Paaren getrieben und leben
jetzt auf gutem Fusse mit ihnen. Sie wiesen ein Schreiben von Dr.
Stuhlmann vor, der einige Monate früher durch Unyanganyi gekommen.
Da ich ersah, dass er den direkten Weg nach Irangi eingeschlagen, so
beschloss ich über Ussandaui zu marschiren.
In den nächsten Tagen zogen wir durch dorniges, schwer gangbares
Steppenland gegen Süden. Breite, gegen Ugogo verlaufende Bachbette
durchschneiden das Land, dessen Steppencharakter durch den jüngsten
Regen mit Grün übertüncht war. Am 24. Dezember lagerten wir unter
hohen Akazien bei den klaren felsigen Igonda-Wasserlöchern. Die
Wanyamwesi-Ansiedler in Ussandaui hatten von meiner Ankunft erfahren
und brachten mir Eier und Feldfrüchte entgegen, ein Geschenk, das
mich am Weihnachtsabend doppelt erfreute.
Am Christtag hielten wir unsern Einzug in Ussandaui und lagerten
im Dorf des freundlichen Kolonisten =Kipilipili=, das zwischen
ungeheueren Affenbrodbäumen am Fusse eines felsigen Hügels liegt.
Von besonderem Interesse war mir das Volk von Ussandaui mit seiner
merkwürdigen, durch Schnalzlaute an die Hottentotten erinnernden
Sprache.
Am 26. Dezember gings durch hügeliges bewohntes Land. An den meist
trockenen Bachbetten lagen die niedrigen Temben der Eingeborenen
und ihre Felder, in welchen die Aussaat eben vollendet war. Aus
den felsigen Höhen im Norden erhob sich die dunkele, waldige Kuppe
des Tuyui. Bei dem an einen Felsblock geklebten Tembe des Mnyamwesi
=Mtoro=, bezogen wir Mittags das Lager. Mtoro, ein hochgewachsener
alter Mann, war das Oberhaupt der Wanyamwesi-Kolonisten in Ussandaui,
überhaupt der eigentliche Beherrscher des Landes und unter den
primitiven Eingeborenen ein wahrer Pionier der Kultur, oder doch der
Halbkultur.