Für mich lag darin nichts verwunderliches, denn Rumaliza, ein

Sklavenhändler und Kompagnon Tippo-Tips, galt seit jeher als Feind

des Europäerthums und stand damals in dringendem Verdacht, mit dem

aufrührerischen Häuptling Sike von Unyanyembe unter einer Decke zu

stecken. Das war mir bekannt, doch konnte ich nicht wissen, dass

zur selben Zeit am Südufer des Tanganyika blutige Kämpfe zwischen

Belgiern und Arabern stattfanden, und dass in Manyema der grosse

Entscheidungskampf zwischen dem Kongostaat und den Arabern begonnen

hatte. Doch liefen dunkle Gerüchte von Kämpfen der Europäer mit

Rumaliza bei mir ein, und die Warundi meldeten mir, dass Bakari, der

Häuptling Rumaliza's in Ruwenga, jenseits der Russisi-Mündung einen

Angriff auf mich plane. Diesem galt es unter allen Umständen zuvor zu

kommen. Ich schickte also einen meiner Elephantenjäger, der früher in

Manyema gewesen, nach dem arabischen Lager und liess dessen Anführer

auffordern, zu mir zu kommen.

Nach längerer Zeit erschienen sie auch, wüst aussehende Kerle in

zerrissener Küstentracht und mit langen Flinten. Es war derselbe

Schlag Leute, mit welchen ich vor Jahren an den Stanley-Fällen des

Kongo viel zu thun hatte; Menschen, die sich Sansibariten nennen,

weil sie nothdürftig Kiswahíli sprechen, und doch nur Sklaven aus

Innerafrika sind, die niemals die Küste gesehen. Sie berichteten

übereinstimmend mit den Warundi, dass =Bakari= (=Kapokora=) das

Oberhaupt dieser Gegend sei, und erklärten sich bereit, einen

Brief an denselben zu bringen. Denn es war natürlich mein Wunsch,

mit diesen Leuten gütlich auszukommen, da mir an dem Risiko eines

Gefechtes mit Arabern wenig gelegen war, um so weniger, als dasselbe

auf keinen Fall der Expedition irgend etwas nützen konnte. Ich

beschloss daher, an Bakari zu schreiben.

Solche Briefe sind keineswegs leicht zu verfassen, da sie, wenn zu

friedlich gehalten, leicht den Eindruck der Aengstlichkeit machen

und dadurch geradezu den Angriff herausfordern. Mein Sekretär für

diese Art Korrespondenz war der Askari Mwalim bin Kivuma aus Tanga,

ein braver, ernster Bursche, der zum Unterschied von dem endlosen

Phrasengewäsch seiner Landsleute einen geradezu lapidaren, an antike

Inschriften erinnernden Styl besass. Als Beispiel sei der Brief an

Bakari angeführt, den er für mich verfasste:

Salaam, baada ya salaam nimekuja mzungu mdachi. Kana unataka

kupigwa njo upigwe. Kana unataka amani nami nataka amani. Lete

sawadi zako kwa sababu baada ya siku tatu nitaondoka. Hii ndio

maneno yangu, bwana kivunja. Dr. O. B.

(Gruss, nach dem Gruss: ich, ein deutscher Reisender, bin

gekommen. Willst du geschlagen werden, so komme und werde

geschlagen. Willst du Frieden, so will auch ich Frieden. Sende deine

Geschenke, denn in drei Tagen reise ich ab. Dieses ist meine Rede.

Bwana Kivunja. Dr. O. B.)

Die Wirkung dieses Briefes war ganz die gewünschte: denn schon

am nächsten Morgen schickte Bakari Reis und Fische als Geschenk

und liess mir versichern, dass er gänzlich friedlich gesinnt sei.

Offenbar scheute er das Abenteuer eines Kampfes mit einem Europäer,

der in drei Tagen abzog.

Bis 30. September erfreuten wir uns des angenehmen Aufenthaltes

am See. Ein besonders eigenartiges Schauspiel bot das nächtliche

Fischen der Eingeborenen bei Fackelschein, welches einen Kranz

hellleuchtender Brände über die dunkle Wasserfläche zog.

Die arabische Niederlassung, die aus einigen Negerhütten bestand,

war gefüllt mit Sklaven, meist Weibern und Kindern, von welchen

nur einige Fusseisen trugen, während die andern frei umherliefen.

Diejenigen, welche sich schon länger in der Station aufhielten,

sahen halbwegs gut genährt aus, ein neuer Transport jedoch, der

von Ruwenga ankam, bestand fast nur aus skelettartig abgemagerten

elenden Gestalten, aus deren tiefliegenden Augen der Hunger sprach.

Es waren meist Leute aus Ubmari, Uvira und Ubembe, Gegenden, die

von Rumaliza's Leuten unaufhörlich verheert werden, die trotz ihrer

Fruchtbarkeit nun fast brach liegen, und wo die von Pocken und Elend

decimirten Eingeborenen ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen oder

selbst von den Leuten der Araber aufgelesen werden.

Obwohl die Händler viele kleine Stationen errichten, um die

Verproviantirung zu erleichtern, wüthet doch fast fortwährend

Hungersnoth in denselben, und die Krokodile des Tanganyika haben

an den täglich hineingeworfenen Leichen ein reiches Mahl. Denn die

ausgesogenen Gegenden können den Unterhalt dieser Massen nicht mehr

bestreiten, die nur langsam in Kanus nach Ujiji zur Weiterfracht

befördert werden.

[Illustration: Mhogo hadim Kivunja.]

Aus Mitleid kaufte ich einige dieser Elenden, aufgeweckt

aussehende Jungen, für Spottpreise, um eine rothe Mütze, zwei Meter

Baumwollstoff u. s. w., frei, und gab sie später an Missionen ab.

Es war unglaublich, wie rasch diese armen Kinder sich erholten: ein

Bad, ein Fetzen Zeug als Lendenschurz, eine tüchtige Mahlzeit -- und

der stumpfsinnige, verzweifelnde Wilde ward zum heiteren, leidlich

aussehenden Menschenkind.

Besonders rasch und gründlich veränderte sich Mhogo hadim Kivunja,

ein Knirps, den ich in der Nähe des arabischen Lagers als schielendes

kleines Scheusal mit runzeligem Greisengesicht aufgelesen. Er wurde

später mein persönlicher Diener und weilt in dieser Eigenschaft heute

noch bei mir. Doch Niemand würde in dem lebhaften, gesunden Jungen

das elende Sklavenkind wiedererkennen, welches ich für eine Schüssel

Maniok (Mhogo) und einen Meter Baumwollzeug am Tanganyika erstanden.

Am 30. September verliessen wir =Usige=, wie die von Warundi

bewohnte Landschaft am Nordende des Tanganyika genannt wurde, um den

Rückmarsch anzutreten. Natürlich wählten wir dazu nicht den Weg über

Ujiji und die vielbetretene Karawanenstrasse, sondern hielten direkt

Südost durch gänzlich unbekanntes Gebiet auf Urambo zu. Die Leute

Rumaliza's, die uns abziehen sahen, schüttelten bedenklich die Köpfe

und meinten, wir würden in dieser Richtung wohl nicht weit kommen,

denn die Araber hätten sich da oben im Gebirge mehr als einmal

blutige Köpfe geholt.

In den nächsten Tagen stiegen wir steil zur Höhe des Abfalls

an. Der Hang ist von Warundi bewohnt und reiche Bananen- und

Maniokpflanzungen dehnen sich zwischen völlig offenen, baumlosen

Weidegebieten aus. Zahlreich sind die kleinen von Dornhecken

umgebenen Dörfer, deren freundliche Eingeborene verwundert die

Karawane anstarrten. Am 2. Oktober erreichten wir den Kamm, warfen

einen letzten Blick auf die mächtige Fläche des Tanganyika, der

düster zwischen seinen Steilufern lag und betraten ein welliges

Grasland.

Wir waren hier wieder im Nilgebiet; die klaren, in den Thälern

rauschenden Bäche bildeten die südlichsten Zuflüsse des »Vaters der

Ströme«. Hier hausten ausschliesslich jene kühnen Hirten hamitischer

Abstammung, die Watussi, und ihre ärmlichen Weiler mit ihren Distel-

und Stachelgestrüpphecken, mit ihren malerischen hohen Bambusstauden

und kleinen Erbsen- und Kürbisfeldern, waren überall verstreut; auf

den Wiesen weideten zahlreiche, grossgehörnte Rinder. Diese Watussi

waren es, welche Rumaliza und sein Gefolge geschlagen hatten.

Zuerst zeigten sie uns gegenüber keine feindlichen Absichten, nur

alte Leute mit scharfen Zigeunergesichtern hockten unbeweglich am

Wege und starrten uns misstrauisch an. Als wir jedoch eine Anhöhe

hinanstiegen, erblickten wir auf deren Höhe eine grosse Schaar

bewaffneter Krieger, welche den Weg versperrten. Sie riefen uns zu,

wir möchten sofort umkehren und das Land verlassen, sonst würde es

uns wie jenen ergehen, die vor uns gekommen seien. Ich liess ihnen

antworten, dass wir nur friedliche Absichten und mit den Arabern

nichts gemein hätten, ja gleich ihnen ihre Feinde seien. Ein wildes

Kriegsgeschrei und Pfeilschüsse waren die Antwort. Ich liess einige

Salven abgeben und ging dann sofort zum Sturm über, bei dem die

Gegner geworfen wurden, worauf wir die Anhöhe besetzten.

Die Watussi, die offenbar von unserem Angriff überrascht waren,

sammelten sich jedoch schnell, stürmten mit furchtbarem Geheul und

geschwungenen Speeren wieder an und gaben erst nach, als sie durch

erneuerte Salven erhebliche Verluste erlitten hatten. Dann begannen

sie sich über die weite Hochfläche zu zerstreuen.

[Illustration: TAFEL XI. Der Tanganyika von Usige.]

Da wir in dieser Gegend gänzlich ohne Wegweiser waren, musste ich

eine Abtheilung Askari entsenden, welcher es auch nach langer Mühe

und einer förmlichen Jagd gelang, einen der langbeinigen Watussi

und ein Weib festzunehmen, die uns in den nächsten Tagen über das

Grasplateau führten.

In =Mhororo= erreichten wir am 3. Oktober wieder ein Warundi-Dorf

und traten am 4. in den vorzugsweise von Watussi bewohnten Distrikt

=Issasu=, der von steileren, theilweise steinigen Kuppen durchzogen

wird, deren Hänge mit zartem Gras bedeckt sind. Schon bei unserem

Eintritt in das Land liefen uns viele Watussi mit Bogen und Speer

nach und begannen schliesslich den Nachtrab zu beschiessen. Mzimba,

dessen Augenleiden nun wieder völlig geheilt war, warf sie jedoch

zurück und erbeutete eine Heerde von über 200 grosshörnigen Rindern.

Von allen Bergen erscholl das Kriegsgeschrei der Watussi, aber nur

wenige wagten sich in die Nähe der Karawane und griffen sie mit

unglaublicher Kühnheit -- natürlich erfolglos -- an.

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorfgebiet der Warundi, die uns

unbewaffnet mit Tänzen und Jubelgeschrei empfingen und die Watussi,

welche uns noch nachfolgten, mit den Waffen in der Hand verjagten, da

diese, wie sie sagten, »den Krieg in ihr Land brächten«.

Zu jener Zeit machte sich der Mangel an Kugeln für die Vorderlader

unangenehm bemerkbar, die wir erst durch Steine und hartgebrannten

Töpferthon, dann (in Unyamwesi) durch Eisenkugeln ersetzten.

Patronen für die Hinterlader besassen wir noch reichlich, was der

ausschliesslichen Anwendung des Salvenfeuers zu danken war, durch

welche eine grosse Munitionsersparniss ermöglicht wurde. Mehr als

5-10 Patronen per Mann wurden selten bei einem Gefecht verschossen,

was bei Anwendung anderer Feuerarten entschieden unmöglich gewesen

wäre. Auch machte ich die Beobachtung, dass die Leute, die ja im

Schiessen nicht sehr gut ausgebildet waren, bei Salven ungleich

ruhiger und besser schossen, als bei Einzelfeuer. Da Salven auf

wilde Gegner auch einen weit grösseren Eindruck machen, so wurde

Einzelfeuer überhaupt gänzlich untersagt und Niemand durfte ohne

direktes Kommando schiessen.

Mein Vorgehen den Eingeborenen gegenüber war stets von dem

Grundsatze geleitet, dass die =festeste= Hand zugleich auch die

=mildeste= sei. Der Eindruck, welchen der erste Europäer in neuen

Gebieten hervorruft, bleibt oft entscheidend für lange Jahre. Allzu

friedfertige Haltung wird leicht als Aengstlichkeit aufgefasst und

giebt Veranlassung zu eingeborenem Uebermuth, der später nur durch

Ströme Blutes gebrochen werden kann. Energisches Auftreten dagegen,

welches auch einen Kampf nicht scheut, der bei dem moralischen

Uebergewicht unserer Waffen meist sehr unblutig verläuft, bringt den

Eingeborenen von vornherein eine heilsame Achtung vor Europäern bei,

welche die sicherste Gewähr späterer friedlicher Entwicklung ist.

Am 15. Oktober überschritten wir den Luaga und Msuávula, ansehnliche

reissende Bäche, die zwischen ziemlich steilen Hängen rauschen und in

ihrer sandigen Thalsohle die unglaublichsten Krümmungen machen. Den

Msuávula bis zu seiner Quelle verfolgend, erstiegen wir einen höheren

Grasberg; in zahlreichen Thalrissen bilden kleine Bäche hübsche

Wasserfälle, an welchen Gruppen reizender Baumfarne auffallen.

Auf der Höhe trafen wir ein offenes, leicht geneigtes Plateau, in

dessen grasigen Halden die Felder und Dorfgruppen von =Kiyonzo=

verstreut sind. Jedes Dorf bildet mit seinem stachligen Zaun, mit

seinen dichten Bananen- und Ficus-Beständen einen kleinen Hain,

der unvermittelt und kreisrund aus der grasigen Umgebung absticht.

Im Innern sind die Dörfer durch Hecken in förmliche Irrgärten

verwandelt, bieten jedoch einen schattigen, kühlen Aufenthalt.

[Illustration: Kiyonzo.]

Am 7. Oktober überschritten wir einen kleinen, aber tief

eingerissenen Bach, was mit den Rindern fast eine Stunde in Anspruch

nahm, kamen an dem charakteristisch spitzen Felskegel Ulembera

vorüber und passirten den vielgewundenen =Luvirosa=-Bach, unweit

welchem wir in einem kleinen Dorfe, das theilweise von Watwa-Töpfern

bewohnt war, lagerten.

Am 8. Oktober überstiegen wir eine mässig hohe, aber steile und

steinige Bergkette, welche dadurch merkwürdig ist, dass sie die

Wasserscheide zwischen Kongo und Nil bildet. Nach Nord laufen die

kleinen Gewässer in den Luvirosa und Nil, dem Victoria-See und

Mittelmeer zu, im Süden sammeln sich die Wasser des Mlagarassi,

der dem Tanganyika zuströmt, welcher durch den Lukuga-Kongo mit dem

Atlantischen Ocean in Verbindung steht.

Aus der kühlen, feuchten Höhe stiegen wir in ein heisses, trockenes

Tiefland ab, in dem es augenscheinlich schon lange nicht geregnet

hatte. Mächtige ziegelrothe Lateritmassen, in welche die Gewässer

tiefe Rinnen eingegraben, bedecken das theilweise steinige Hügelland.

Doch war das Land keineswegs unfruchtbar und schöne Felder umgaben

die Dörfer der südlichsten Warundi, die hier leben. Zum ersten

Mal in Urundi sah man Baumwollzeug, ein Anzeichen der grossen

Karawanenstrasse, die Unyamwesi durchschneidet, während nördlich

von der Wasserscheide alles gänzlich unberührt von jedem fremden

Einfluss war. Aber auch ein sehr böser Gast hatte sich in diesen

Theil Urundi's eingeschlichen: die Pocken. Ich empfand es nun schwer,

dass der Impfstoff, den ich seiner Zeit von Europa mitgebracht, an

der Küste keine Wirkung mehr besass, denn auch in der Karawane brach

die Seuche aus. Durch strenge Absonderung der Kranken konnte ich das

Umsichgreifen derselben verhindern, aber fast zwei Monate dauerte es,

bis wir das Uebel gänzlich los wurden, und mehrere Askari und Träger,

darunter der letzte Sudanese Faraj Abdallah erlagen demselben.

Am 10. Oktober verliessen wir das Dorfgebiet und traten in den

dichten Laubwald ein, welcher das Thal des =Mlagarassi= bedeckt.

Unterholz fehlte gänzlich und seine Stelle vertrat dürres,

schneeweiss gebleichtes Bambusgestrüpp. Nach langem Marsch bei

glühendem Sonnenbrand erreichten wir schöne Bohnenfelder und ein Dorf

unweit des Mlagarassi, der zwischen Lehmufern nach Nord fliesst. Das

Dorf, offenbar eine Neugründung und der südlichste Ort Urundi's, war

ganz eigener Art. Zum Schutz gegen wilde Thiere waren die Hütten auf

leichten Bambusplattformen in der Höhe der Bäume errichtet und nur

durch primitive Leitern zugänglich. Die Grashütten auf ihren luftigen

Höhen, die dunklen Gestalten der Eingeborenen auf den schwankenden

Plattformen gaben in dem grünen Rahmen des Laubwaldes ein eigenartig

malerisches Bild.

Am 11. Oktober überschritten wir den Mlagarassi und betraten die

Landschaft =Uha=. Dieselbe ist ihrer grössten Ausdehnung nach mit

Miombo-Wäldern bedeckt, die in der trockenen Jahreszeit kein sehr

üppiges Aussehen hatten. Die Gras- und Krautvegetation, welche den

Boden bedeckte, war verbrannt und in schwarze Asche verwandelt, die

Stämme waren vielfach verkohlt und dürr hingen die Blätter an den

Zweigen. Die Eingeborenen, Waha, welche die Dörfer der Waldlichtungen

bewohnen, gleichen vielfach den Warundi, stehen jedoch in steter

Verbindung mit Unyamwesi. Sie waren früher ihrer Habsucht und

Gewaltthätigkeit wegen berüchtigt, wir lernten sie als ruhige, völlig

harmlose Menschen kennen. In dem Distrikte =Ruvungu= wird der Wald

von offenen Strichen unterbrochen, wo auf nacktem, ziegelrothem

Lateritboden niedriges, glänzendblättriges Gesträuch kleine Oasen

bildet, bei welchen eine schöne Primelart gedeiht. Sonst dehnt

sich überall dichter endloser Wald aus, in dem die Siedelungen weit

zerstreut sind und der so wasserarm ist, dass einzelne Dörfer ihr

Trinkwasser stundenweit aus dem Mlagarassi schöpfen müssen.

Am 16. Oktober standen wir wieder am Mlagarassi, dessen rechtes Ufer

besiedelt ist, während sich am linken weites, theilweise versumpftes,

grasiges Ueberschwemmungsgebiet ausdehnt. Wir übersetzten den

knietiefen Fluss und lagerten jenseits am Waldrande. Hier sah

ich einige Zebras, das einzige Wild, welches mir westlich vom

Victoria-See begegnete. Bei glühender Sonnenhitze ging es am 17.

Oktober nach =Iwanda=, das in einem ausgetrockneten Papyrussumpf

gelegen ist, bei welchem einige halb verschmachtende Marabus ein

trauriges Dasein führten und in dem, von Staub bedeckt, einige

Rindenkanus lagen, die zur Regenzeit die Ueberfahrt vermitteln.

Unsere langhörnigen Watussi-Rinder, welche wasserreiche Höhen gewohnt

waren, fielen zu Dutzenden und die Heerde schwand täglich.

[Illustration: Waha.]

Am 19. Oktober durchzogen wir ein offenes Grasland mit breiten,

zur nassen Jahreszeit versumpften Senkungen, in welchen die

wasserliebende Raphia-Palme ihre nun dürren Wedel trübselig hängen

liess und traten in ein weites Waldgebiet ein. Nur Elephantenjäger

durchstreifen zeitweise diese gänzlich pfadlose Wildniss, in der die

Richtung durch Axthiebe an den Bäumen bezeichnet ist. Ein Verirren

konnte hier verhängnissvoll werden, denn viele Stunden weit sind

die spärlichen Wasserplätze von einander entfernt. Alles Gras war

abgebrannt und nur abenteuerliche Termitenbauten erhoben sich aus

dem kahlen rothen Boden. Auch einzelne Baumstämme waren den Flammen

erlegen und sperrten als verkohlte Strunke den Weg. Besser hatten die

kieselharten, blendend weiss gebleichten, dürren Bambusrohre Stand

gehalten, deren Gruppen überall als ungeheure Besen aufragten.

Wir mussten -- zum ersten Mal auf der ganzen Reise -- die Nacht ohne

Wasser verbringen und bezogen mitten im Walde ein unverfälschtes

Buschlager. Es war eine herrliche, laue Tropennacht. Nur die

eintönigen Rufe der Wachtposten unterbrachen die Waldesstille und

hochlodernde Lagerfeuer übergossen die schlanken, grauen Baumstämme

und das malerische Gewirr der zierlichen weissen Bambusrohre mit

phantastischem Licht.

Am 20. Oktober erreichten wir schon Morgens einen kleinen, niemals

austrocknenden Tümpel, =Itanga=, und trafen dort auf einige

Eingeborene, die in der Waldeinsamkeit die Rinde der Bäume abschälten

und zu Schachteln und Rindenzeug verarbeiteten. Dann ging es weiter

durch den Wald. Erst bei Sonnenuntergang betraten wir offenes Land,

in dem die schlanke Form der Borassuspalme das Auge erfreute, und

gleich darauf das grosse Dorf =Makindi=, wo wir gastliche Aufnahme

fanden. Meiner Gewohnheit gemäss schlug ich das Zelt zwischen den

netten Grashütten der Eingeborenen auf, wurde jedoch Nachts aus

demselben vertrieben und musste vor dem Dorfe lagern. Dies geschah

nicht etwa durch feindliche Menschen, sondern durch zahllose Ratten,

die bei den grossen Getreidevorräthen des Dorfes geradezu Legion

waren und mein Bett buchstäblich überschwemmt hatten. Auch Mzimba

hatte im Lastenzelt einen förmlichen Kampf mit diesen Scheusalen zu

bestehen.

Da diese sich Tags über zum Glück verloren, hielten wir am 21. in

Makindi Rast und erhielten den Besuch des weiblichen Häuptlings

dieser Gegend, eines zarten, kränklichen, aber nicht unschönen

Weibes, dessen feine Züge deutlich den hamitischen (Watussi-) Typus

trugen. Der Aberglaube verbietet der »Sultanin«, das Hauptdorf

zu betreten; so traf ich denn draussen unter einer Palme mit ihr

zusammen, wo sie mit schwacher Stimme und müdem Aufschlag der

tiefschwarzen Rehaugen um »Medizin« bat.

Am 22. Oktober ging es durch eine weite, völlig baumlose Steppe,

die zur Regenzeit ein Kothmeer bildet, mit Wasserarmen, die nur im

Rinden-Kanu passirbar sind. Auch jetzt waren sie ziemlich mühsam zu

durchwaten und die schlammige schwarze Fluth reichte den Leuten bis

zur Brust. Dieser schmale, unbewohnte Streifen bildet die Grenze

zwischen Uha und =Kirambo=, der ersten Landschaft von Unyamwesi,

deren Grenzdorf wir am 23. Oktober erreichten.

Wir waren nun wieder in einer Gegend, die auf der Karte stand,

bei dieser Reise eine seltene Ausnahme und auch die Dörfer und

Felder, besonders die Reis-Kulturen zeigten uns, dass wir uns der

Karawanenstrasse näherten. Ganz besonders imponirte uns das Hauptdorf

Kirambo's, die Residenz =Mlamira's=, das wirklich eine kleine Stadt

genannt zu werden verdient. Aussen zieht sich um den Ort ein tiefer

Schutzgraben, dessen Wall mit dichtem, buschigem Euphorbiengestrüpp

bepflanzt ist. Durch ein Thor betritt man den ersten koncentrischen

Ring und gelangt an einen festen Stangenzaun, vor dem abermals ein

tiefer Graben gezogen ist. Den dritten und innersten Ring bildet ein

starker Lehmbau, ein Tembe, innerhalb welches, durch labyrinthartig

verlaufende Zäune geschützt, Mlamira's Hütten gelegen sind.

In allen Ringen verstreut liegen die zahlreichen Kegelhütten, die

schönsten und sorgfältigsten, die ich jemals im Innern Afrika's

gesehen. Die grössten sind jene Mlamira's, im Centrum des Dorfes

aufragende 12 m hohe Pagoden, die für Hunderte von Menschen Platz

haben. Zahlreiche Taubenschläge beleben das Bild und überall

beschatten Ficusbäume die kahlen Dorfplätze. Sie dienten früher zur

Anfertigung des Rindenzeuges, doch ist letzteres längst durch das

Baumwollzeug ersetzt, welches die unternehmenden Bewohner von der

Küste holen. Hier trägt Alles Gewehre, die Männer kleiden sich mit

weissem und blauem Zeuge, die Weiber mit bunten Tüchern nach Art der

Swahíli-Weiber. Man könnte sich ohne viel Phantasie in ein Küstendorf

versetzt denken, ein wunderbarer Kontrast gegen das wenige Tagereisen

entfernte, gänzlich unberührte Urundi.

Obwohl noch kein Europäer sein Dorf besucht -- die Route Stanley's

verlief etwas östlich davon -- hatte der junge Häuptling Mlamira,

ein gutmüthig aussehender, schüchterner Bursche, doch eine deutsche

Flagge und einen Schutzbrief, den er sich aus Tabora hatte holen

lassen. Er nahm uns sehr freundlich auf und stellte reichliche

Vorräthe von Reis, die uns besonders erfreuten. In den nächsten

Tagen ging es durch die zu Urambo gehörigen Landschaften =Mtimbi=

und =Msennyi=, in welchen stets Miombo-Wald mit Feldern wechselt

und die Bewohner sich in ausgedehnten, befestigten Dörfern

zusammenschliessen. Verschiedene Kulturpflanzen, rother Pfeffer,

Tomaten und Citronen, eine Seltenheit im Innern, traten auf, ja

jenseits des trockenen Igombe-Baches fanden wir beim Dorfe Mpegusi

sogar Mango-Bäume, Granaten und Guayaven, welche die Stelle der

früheren arabischen Niederlassung Msenne bezeichnen. Wir waren an

der grossen Karawanenstrasse; nirgends erregte unser Erscheinen

Aufsehen und die Eingeborenen, die uns in ihrer reichen Zeugkleidung

unglaublich civilisirt vorkamen, standen höchstens neugierig vor

ihren Dörfern und riefen uns auf Kiswahíli oder gar -- auf deutsch

ihren Gruss zu.

Aehnlich wie die Eisenbahnen in Europa, so wirken die grossen,

alten Karawanenstrassen in Afrika unglaublich nivellirend. Ein und

derselbe Typus von Leuten zieht sich längs derselben bis ins Herz des

Kontinents, während wenige Meilen abseits, oft schon in der Nähe der

Küste das unverfälschte Afrikanerthum blüht. Wer nur die Heerstrasse

gesehen, kann kaum sagen, dass er in Afrika war.

Wenn schon die bekleideten Wanyamwesi mir den Eindruck höherer

Kultur gemacht hatten, so sollte ich in Urambo noch ganz andere

Civilisation kennen lernen, denn am 30. Oktober erreichten wir die

englische Mission =Kilimani-Urambo=. Schon der äussere Anblick hatte

gar nichts Afrikanisches. Auf dem Gipfel einer Anhöhe, erhob sich ein

nettes Gebäude im Schweizer-Styl, umgeben von Wirthschaftsbauten und

eingebettet in einem Hain von Citronen. Hier hatten nun schon seit

vier Jahren Mr. und Mrs. Shaw ihr Heim, letztere eine junge englische

Lady, die ihrem Gatten ins Innere des dunkeln Welttheils gefolgt war.

Ich fand die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Ehepaar und wurde auch

dem Baby vorgestellt, einem reizenden kleinen Mädchen, das in Urambo

geboren ist und mit seiner zarten, weissen Haut mir, der ich Monate

lang nur schwarze Gesichter gesehen, fast als höheres Wesen erschien.

[Illustration: Mission Kilimani-Urambo.]

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 11 / 41 段