Am Morgen des 11. September übersetzten wir den Akanyaru. Von

Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern

bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann

stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken

durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in

dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war

etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon

zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit

meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.

Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern

bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere

wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah

sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa

50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige

holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit

ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen.

Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss

spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf

häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich

kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh

und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.

So marschirten wir in =Ruanda= ein, als jedoch unser reichliches

Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich

die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige

Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend

und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr

Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her.

Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm

und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil

ansteigenden Grasberges zu betreten.

Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt

und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab,

empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige

schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus

Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens

ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist.

Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen Dorfe

=Mundabi=, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten

sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen

Gesichtstypen vor, die hier =Kigere=, den König von Ruanda,

vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied

mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man

erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten

wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das

Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande

selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf,

haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit

gebracht wie die Warundi.

Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land

mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall

rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die

schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer

in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei

sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im

Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch

ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.

Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang,

die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub

umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi,

die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort

auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung

der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen

sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die

Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns

der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für

gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.

[Illustration: Watussi-Rind.]

Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit

gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall

gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In

dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen

und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete

Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi,

welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor

Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch

nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten

wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich

seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf uns

zu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen,

worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren

verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten

Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.

Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten

rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt

waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier

als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss.

Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige

Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte,

klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum -- kurz, wir waren

wieder in =Urundi=.

In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte =Mugitiva=

und =Rusiga=. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu

bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das

Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern

ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf,

in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die

zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen

Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren

von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart

gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem

Gehörn.

Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure

Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich

einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich

einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen

Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen

Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und

von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen.

Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen

ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.

Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig

ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei

welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden.

Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen

nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und

riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in

unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten

mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich

ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das

höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari

waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die

Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.

Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen

Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der

Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den

tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden

die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu

haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur

meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut

behielten.

Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie

die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17.

September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und

schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem

jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es

kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen

pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort

gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte,

bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer

verwundet den Boden.

Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst

gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts

dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen

Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl

wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von

den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden

mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches

Bild.

Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die

Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager

die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in

Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten

das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was

er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute

todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«

Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche

uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts

die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute

mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine

Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen

murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an

Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren

Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen

Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre

zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er

aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi

gesehen zu haben.

Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es

bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu

schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene

zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.

Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der

Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa

5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle

zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die

sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten.

Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher

von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische

Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich

mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde

von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht

schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie

als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den

Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.

Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf,

dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte

ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe

auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine

Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben

und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war

ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir

dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-Dolmetsch

=Bakari= (Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai

von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese

beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm.

Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit

blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es

zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen

unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in

grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen

sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.

Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande

verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und

Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde -- eine Tagereise

von der Nilquelle.

[Illustration: TAFEL X. Missosi ya Mwesi und die Nilquelle.]

Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier

ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in

schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen

rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal

sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale

sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche

der beiden Quellen als Ruvuvu, als =Nil=, zu bezeichnen sei. Doch

schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten,

wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden

theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen

Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten

werden, die nur periodisch Wasser führen. =Wir standen am Ursprung

des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa,

welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der

Quellfluss des Nil ist, wir standen an der= •Quelle des Nil•. Das

uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben =Spekes=

unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel

welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.

Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten

und lagerten im kleinen Watussidorf =Unyange=. Unser Gefolge

an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt

diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu

betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.

[Illustration: Wuruhukiro und der Ganso Kulu.]

In einem dunklen Hain, dem =Wuruhukiro=, unweit des linken

Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung

fand dann am Gipfel des =Ganso Kulu=, eines hohen Grasberges, statt.

In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute

noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge

=Missosi ya Mwesi= genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich

übersetzt »=Mondberge=« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn

wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die

Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil

beschatteten?

In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der

Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili

taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September

am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar,

ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines

schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar

ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und

mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht

mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen

über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen

zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem

entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr

unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr

und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe

auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf:

die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für

endgiltig besiegt hielten.

Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen

schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche

die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe

=Demera=, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier,

einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz

dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich

beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der

Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika

nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke

die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder

das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere

Bewegungen erhielten.

Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein,

der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen

Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt

wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten

Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu

lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die

Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger

Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen

gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen

Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten

strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und

einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia)

fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere

kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner

zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes

Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und

dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt.

Wir passirten einen dem =Russisi= zufliessenden klaren Bergbach

und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und

hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden

tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.

Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in

das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder

die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land

aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler

bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi

mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des

Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif

das Bild. Es war der =Tanganyika=, und ich zeigte ihn meinen Leuten,

doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für

einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern

erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu

lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)

Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich,

aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«,

denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche

dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen

zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September

stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von

Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige

Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine

und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der

glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung

des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel

Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung,

Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war

gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen

Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von

der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber =Rumaliza= (Mohammed

bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher

auszudehnen.

Am 24. September betraten wir in der Landschaft =Utavuka= die

Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und

Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die

wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige

Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich

lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum

an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen

herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen

flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.

Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte

dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende

Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden

=Tanganyika= alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen

Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in

einem kleinen Dorfe.

Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was

ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer,

der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen

Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im

Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt

den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira

aufragte.

Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen

uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen.

Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns,

standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen

Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden

Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!

[Illustration: Warundi vom Tanganyika.]

[Illustration]

V. KAPITEL.

Vom Tanganyika nach Irangi.

Das Lager der Sklavenhändler. -- Kämpfe mit Watussi. -- Die

südlichsten Nilzuflüsse. -- Baumdörfer am Mlagarasi. -- Im Waldland

Uha. -- Kirambo. -- Die Mission Urambo. -- Tabora. -- Erstürmung von

Tambarale. -- Sunguisi. -- Die Wembere-Steppe und Usure. -- Turu. --

Ussandaui. -- Irangi.

Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf

Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun

umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus

Ujiji, besser bekannt unter dem Namen =Rumaliza=. Doch die freudige

Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand,

blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer

Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel,

dass sie scharfe Wacht hielten.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 10 / 41 段