Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern
bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann
stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken
durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in
dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war
etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon
zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit
meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.
Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern
bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere
wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah
sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa
50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige
holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit
ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen.
Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss
spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf
häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich
kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh
und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.
So marschirten wir in =Ruanda= ein, als jedoch unser reichliches
Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich
die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige
Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend
und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr
Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her.
Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm
und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil
ansteigenden Grasberges zu betreten.
Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt
und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab,
empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige
schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus
Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens
ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist.
Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen Dorfe
=Mundabi=, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten
sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen
Gesichtstypen vor, die hier =Kigere=, den König von Ruanda,
vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied
mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man
erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten
wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das
Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande
selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf,
haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit
gebracht wie die Warundi.
Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land
mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall
rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die
schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer
in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei
sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im
Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch
ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.
Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang,
die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub
umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi,
die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort
auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung
der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen
sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die
Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns
der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für
gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.
[Illustration: Watussi-Rind.]
Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit
gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall
gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In
dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen
und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete
Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi,
welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor
Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch
nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten
wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich
seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf uns
zu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen,
worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren
verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten
Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.
Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten
rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt
waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier
als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss.
Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige
Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte,
klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum -- kurz, wir waren
wieder in =Urundi=.
In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte =Mugitiva=
und =Rusiga=. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu
bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das
Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern
ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf,
in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die
zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen
Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren
von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart
gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem
Gehörn.
Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure
Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich
einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich
einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen
Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen
Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und
von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen.
Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen
ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.
Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig
ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei
welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden.
Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen
nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und
riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in
unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten
mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich
ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das
höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari
waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die
Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.
Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen
Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der
Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den
tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden
die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu
haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur
meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut
behielten.
Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie
die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17.
September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und
schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem
jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es
kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen
pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort
gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte,
bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer
verwundet den Boden.
Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst
gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts
dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen
Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl
wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von
den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden
mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches
Bild.
Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die
Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager
die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in
Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten
das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was
er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute
todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«
Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche
uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts
die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute
mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine
Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen
murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an
Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren
Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen
Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre
zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er
aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi
gesehen zu haben.
Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es
bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu
schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene
zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.
Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der
Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa
5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle
zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die
sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten.
Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher
von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische
Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich
mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde
von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht
schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie
als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den
Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.
Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf,
dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte
ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe
auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine
Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben
und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war
ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir
dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-Dolmetsch
=Bakari= (Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai
von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese
beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm.
Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit
blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es
zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen
unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in
grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen
sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.
Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande
verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und
Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde -- eine Tagereise
von der Nilquelle.
[Illustration: TAFEL X. Missosi ya Mwesi und die Nilquelle.]
Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier
ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in
schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen
rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal
sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale
sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche
der beiden Quellen als Ruvuvu, als =Nil=, zu bezeichnen sei. Doch
schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten,
wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden
theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen
Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten
werden, die nur periodisch Wasser führen. =Wir standen am Ursprung
des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa,
welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der
Quellfluss des Nil ist, wir standen an der= •Quelle des Nil•. Das
uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben =Spekes=
unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel
welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.
Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten
und lagerten im kleinen Watussidorf =Unyange=. Unser Gefolge
an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt
diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu
betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.
[Illustration: Wuruhukiro und der Ganso Kulu.]
In einem dunklen Hain, dem =Wuruhukiro=, unweit des linken
Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung
fand dann am Gipfel des =Ganso Kulu=, eines hohen Grasberges, statt.
In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute
noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge
=Missosi ya Mwesi= genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich
übersetzt »=Mondberge=« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn
wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die
Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil
beschatteten?
In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der
Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili
taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September
am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar,
ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines
schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar
ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und
mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht
mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen
über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen
zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem
entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr
unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr
und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe
auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf:
die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für
endgiltig besiegt hielten.
Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen
schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche
die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe
=Demera=, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier,
einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz
dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich
beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der
Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika
nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke
die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder
das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere
Bewegungen erhielten.
Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein,
der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen
Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt
wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten
Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu
lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.
Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die
Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger
Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen
gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen
Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten
strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und
einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia)
fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere
kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner
zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes
Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und
dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt.
Wir passirten einen dem =Russisi= zufliessenden klaren Bergbach
und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und
hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden
tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.
Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in
das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder
die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land
aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler
bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi
mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des
Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif
das Bild. Es war der =Tanganyika=, und ich zeigte ihn meinen Leuten,
doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für
einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern
erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu
lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)
Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich,
aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«,
denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche
dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen
zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September
stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von
Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige
Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine
und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der
glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung
des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel
Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung,
Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war
gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen
Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von
der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber =Rumaliza= (Mohammed
bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher
auszudehnen.
Am 24. September betraten wir in der Landschaft =Utavuka= die
Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und
Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die
wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige
Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich
lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum
an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen
herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen
flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.
Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte
dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende
Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden
=Tanganyika= alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen
Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in
einem kleinen Dorfe.
Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was
ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer,
der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen
Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im
Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt
den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira
aufragte.
Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen
uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen.
Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns,
standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen
Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden
Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!
[Illustration: Warundi vom Tanganyika.]
[Illustration]
V. KAPITEL.
Vom Tanganyika nach Irangi.
Das Lager der Sklavenhändler. -- Kämpfe mit Watussi. -- Die
südlichsten Nilzuflüsse. -- Baumdörfer am Mlagarasi. -- Im Waldland
Uha. -- Kirambo. -- Die Mission Urambo. -- Tabora. -- Erstürmung von
Tambarale. -- Sunguisi. -- Die Wembere-Steppe und Usure. -- Turu. --
Ussandaui. -- Irangi.
Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf
Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun
umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus
Ujiji, besser bekannt unter dem Namen =Rumaliza=. Doch die freudige
Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand,
blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer
Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel,
dass sie scharfe Wacht hielten.