Am selben Tage liess ich pro forma die Einwilligung Kassussura's zum

Marsch durch sein Land einholen, die er bereitwilligst ertheilte und

uns vier Mann als Wegweiser und Geleit mitgab. Gleichzeitig schickte

er eine Heerde Ziegen und an 100 Lasten Bananenmehl und süsse

Kartoffeln und bat um eine deutsche Flagge und um Stellung unter

deutschen Schutz, ein Ansuchen womit ich ihn an die Station Bukoba

verwies.

Am 25. August zogen wir an dem bananenreichen, aber anscheinend nicht

sehr stark bewohnten Residenzdorf Nyaruvungu vorbei, überstiegen

ein Joch und gelangten in ein Grasland mit offenen Büschen, das von

Sorghumfeldern, Bananenhainen und freundlichen Hütten unterbrochen

war. Stellenweise erhebt sich ein hoher Laubbaum, von früherer

stärkerer Waldbedeckung zeugend. Höher ansteigend gelangt man in

das Plateauland am Msenyi, das von tief einschneidenden Thälern

durchzogen ist, deren Gewässer dem Urigi-See zuströmen. Die Höhen

bedecken wellige, ausgedehnte Weidegebiete, die mit ihrem üppigen

Graswuchs und der kühlen Luft, die auf ihnen herrscht, an Mutyek

erinnern. Nur fehlten dort die kleinen Bananenhaine und Felder der

weit zerstreuten Siedelungen, an welchen sich die Eingeborenen,

schlanke Leute mit sanften, angenehmen Gesichtszügen zeigten, die uns

knieenden Gruss darbrachten.

Schon früh hielten Kassussura's Wegweiser bei einem freundlichen

Dörfchen und meinten, dass dieser Ort uns zum Lager bestimmt sei.

Da wir noch weiter marschiren wollten, baten sie uns dringend

zu bleiben, da Kassussura's Programm, das er schon durch Boten

überall hin verkündet hatte, sonst gänzlich zerstört würde, was

ihnen eventuell den Kopf kosten könnte. Thatsächlich sah man schon

von allen Hängen mit Lebensmittel und Pombe beladene Eingeborene

herabsteigen, denn in diesen Ländern ist der Reisende überall Gast

des Königs und zwar eines Königs dem alles im Lande gehört und

demgegenüber niemand Privat-Eigenthum besitzt. Eine Art Polizei

erschien, die mit langen Knüppeln Ordnung hielt und tüchtig auf die

Eingeborenen einhieb, falls sie in das Lager eindringen oder uns

sonst irgendwie belästigen wollten. Denn wir hatten natürlich der

Bitte der Wegweiser nachgegeben und gelagert, worauf diese ihre Köpfe

wieder etwas sicherer zwischen den Schultern sitzen fühlten. Doch

sollte einer von ihnen noch einmal an diesem Tage für sein Haupt

zittern müssen, indem er einen Regenschirm verlor, den Kassussura ihm

vor einigen Tagen geschenkt hatte. Eine solche Nichtachtung seines

Geschenkes würde sicher mit dem Tode bestraft worden sein und der

Arme war der Verzweiflung nahe, bis er zum Glück seinen Regenschirm

wieder fand.

Je weiter wir gegen Westen vordrangen, desto bergiger und reizvoller

wurde das Land. Zwar behielten die Höhen noch Plateaucharakter,

doch fielen sie nach allen Seiten in steilen, oft in schroffen

terassenförmigen Felswänden abstürzenden Hängen nach den engen

Bachthälern ab. Auf felsigem Pfade stiegen wir zu den grasigen,

von ziegelrothen Viehwegen durchschnittenen Thälern ab. Die

Eingeborenen der spärlichen, weit zerstreuten Dörfer pflegten mich

meist in Gruppen zu erwarten, die etwa zehn Schritte vor mir Halt

machten, worauf die Leute einzeln laufend ankamen und knieend und

händeklatschend ihren Gruss »Kssura!« riefen. Das Baumwollzeug

beginnt hier abzunehmen und macht der Fellkleidung Platz. Das

Lager im Dorfe Uakilinda war durch eine riesenhafte Ricinuspflanze

merkwürdig, die etwa 10 Meter hoch war, einen dicken Stamm und

ausgebreitete Aeste besass.

Am 27. August verliessen wir das Gebiet des Urigi-See's und

betraten den Grenzdistrikt Kassussura's, der weit trockener und

weniger fruchtbar ist. Während sonst überall klare Bäche in den

Thälern rieseln, trifft man hier auf trockene Wasserrisse und an

den Hängen tritt oft rothbraunes, metallisch glänzendes Gerölle zu

Tage, zwischen welchem nur einzelne, niedrige Bäumchen ihr Dasein

fristen. Auch der graue Boden der Thäler scheint wenig fruchtbar. Wir

bestiegen einen hohen Kamm, auf dem eine duftende Veilchenart gedieh

und hatten einen weiten Blick über den Distrikt =Nyakawanda= mit

seinen bräunlichen, tafelförmigen Bergen und den fernen Höhen von Uha

im Süden.

Das Land ist wenig bewohnt, stundenweit liegen die kleinen

ärmlichen Dörfchen von einander entfernt. Das grösste ist jenes

des »Gouverneurs« von Nyakawanda, das einen Stachelzaun besitzt,

der durch zahllose Spinngewebe von Weitem das Aussehen einer Mauer

bekommt. Auch das Thierleben dieser Gegend, überhaupt der Länder

westlich vom Nyansa, ist sehr arm, Wild trifft man fast gar nicht

und selbst die unvermeidliche Hyäne liess sich Nachts selten hören.

Vielleicht war daran die empfindliche Kälte schuld, die besonders in

den frühen Morgenstunden das Thermometer auf 5 Grad Celsius fallen

liess.

Am 28. August verliessen wir Kassussura's Land und durchzogen eine

wilde von Bergkämmen durchschnittene, steinige, wasserarme Gegend,

die den südlichsten Zipfel von Karagwe bildet und gänzlich unbewohnt

ist. Sie trennt Ost-Ussui von West-Ussui oder =Uyogoma=, dessen

erste Dörfer wir am Morgen des 29. August erreichten. Hier herrschte

der Häuptling =Yavigimba= (Ruavigimba) der von unserem Nahen und

friedlichen Absicht offenbar schon gehört hatte, denn an der Grenze

erwarteten uns andere Wegweiser, und Lebensmittel wurden überall

bereit gehalten.

Am 29. August kreuzten wir vor =Kaponora's= Dorf die Route Stanley's

und traten in gänzlich unbekanntes Gebiet ein. Für die nächsten

Tagereisen, soweit Yavigimba's Herrschaft reichte, konnten wir

Erkundigungen einziehen, darüber hinaus jedoch lag =Urundi=, ein

Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und von dem nur dunkle

Gerüchte in's Ausland drangen. Vor der Massai-Tour konnten wir doch

Nachrichten über die zu bereisende Gegend einziehen, diesmal jedoch

tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra incognita im

buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompass uns als

einziger Leitstern diente.

Das östliche Uyogoma war kein besonders einladendes Gebiet, ein

steriles Bergland mit unendlichen Hügelzügen, mit wenigen, ärmlichen

Dörfern. Die Bewohner sind dunkler, negerhafter als die Leute in

Ost-Ussui, sie gehören bereits der Warundi-Gruppe an und einige

meiner Leute, die in Ujiji am Tanganyika geboren waren, konnten sich

fliessend mit ihnen verständigen.

Von =Rusengo= an trat der Plateau-Charakter schärfer zu Tage, grasige

Halden dehnten sich aus, in welchen einige Laubbäume verstreut

waren. Die engen Thälchen haben ein schwaches Gefälle und sind von

Papyrus-Massen erfüllt, zwischen welchen dünne, sumpfige Gewässer

sickern. Die Niederlassungen waren weit auf den Hochebenen verstreut

und schlecht gehaltene Felder umgaben die verfallenen Grashütten.

Erst am 1. September erreichten wir ein etwas grösseres Dorf, die

Residenz des Häuptlings Yavigimba. Derselbe zeigte sich vorerst

nicht, doch kamen zahlreiche Eingeborene, die ihren Kniefall machten

und reichlich Lebensmittel brachten, obwohl sie anscheinend selbst

nicht sehr viel hatten. Alle waren mit langen Stäben und Speeren

ausgerüstet, die sie bei der Begrüssung weglegten und trugen am

Unterarm einen merkwürdigen dicken Holzring, der beim Bogenspannen

dienlich ist. Sie sprachen kein Kisinja mehr, sondern nur Kirundi und

scheinen früher eifrig Viehzucht getrieben zu haben, die jedoch durch

die Seuche schwer litt.

[Illustration: Armring der Warundi.]

Am 2. September kam Yavigimba, ein hochgewachsener dunkelfarbiger

Mann, um Geschenke mit mir auszutauschen. Es war ihm sehr um die

Freundschaft der Europäer zu thun und er bat mich dringend, ihm als

sichtbares Zeichen eine Flagge zu geben. Hier war ein Verweisen nach

Bukoba nicht mehr möglich, denn dieser Ort lag für Yavigimba gänzlich

aus der Welt, ich nahm daher keinen Anstand, ihm eine deutsche

Flagge und eine Bescheinigung zu geben, die jederzeit gegen einen

Schutzbrief eingetauscht werden konnte.

Wenn ich gehofft hatte, in Yavigimba's Residenz etwas Sicheres über

Urundi zu erfahren, so sollte ich mich getäuscht haben. Zwar erzählte

man mir allerlei von den blutgierigen, kriegerischen Warundi, die

keine Fremden in ihr Land liessen, von ihrem König Mwesi, der

irgendwo an unbekanntem Orte throne, von zahlreichen »Nyansa«,

welche das Land bewässern -- aber irgend welche Klarheit konnte ich

nicht erlangen. Von dem »Akanyaru«, dem Alexandra-See, den Stanley

erkundet, kannte man allerdings den Namen und berichtete, dass er

ein »Nyansa« sei, der Tage lang mit Kanus befahren würde, so dass ich

hoffen durfte, einen grossen See zu entdecken.

Noch zwei Tagereisen hatten wir durch Uyogoma zurückzulegen, dann

überschritten wir einen Kamm und stiegen sanft in ein Thal ab, das

von mauerartigen, von verbranntem Gras geschwärzten Tafelbergen

gesäumt ist. Die Wassui der kleinen zerstreuten Dorfkomplexe folgten

uns schaarenweise mit ihren langen Speeren, leisteten ihren Gruss und

schlossen sich dann in lachenden und scherzenden Gruppen der Karawane

an.

Schon in den Morgenstunden erreichten wir das Ufer eines breiten

Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen von üppiger

Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte

ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchem steile Granitriffe

hervorragten; war es doch der =Quellfluss des Nil=, hier Ruvuvu,

später =Kagera= genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui

gegen jenes räthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen

sollten!

Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen

Betrachtungen; schon hatte Mkamba den primitiven Einbaum, der als

Fähre dient, in Beschlag genommen und mit kräftigen Stössen und

Ruderschlägen beförderten die Wassui-Fährleute die ersten Askari

an's linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederliess

und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich hunderte von Wassui

und bedeckten dicht gedrängt als schwarze bewegliche Masse mit

blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel

im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen sassen sie

auf Baumstämmen, die in den Fluss hinausragten, ja sie schwammen

trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres

Uebergangs zu geniessen.

Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in

grellem Widerspruch. Wussten die Warundi etwa nicht, dass wir

kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage

des Friedens, die wir genossen nun wirklich ein Ende haben und wir

wieder blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer

schienen ähnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt und

Mkamba's hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels

auf, unbeweglich in die Ferne spähend.

Plötzlich -- ich befand mich gerade im Kanu -- ertönte aus dem

Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen und wie

durch Zauberschlag tauchten plötzlich zahlreiche dunkle Gestalten mit

langen Stäben aber ohne Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub

und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen

Haartouren und braun und grau gemusterten zipfelförmigen Ueberwürfen

aus Rindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial

bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder

drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich

dann noch unzählige Male sehen sollte, ohne dass er seinen Reiz

für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang,

noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach

der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte

bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen

mit unglaublicher Gleichmässigkeit und Geschicklichkeit diese Tänze

auf, dass der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer

umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe

und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen gleichzeitig hohe

Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die

Fusssohle gegeben wird. Dabei verliert der Tanz nie das Gepräge einer

kraftvollen Anmuth; besonders die Vortänzer könnten es in kühnen

und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für

einen alten Unteroffizier müsste der Tanz der Warundi geradezu ein

Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese

komplizirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest

ausgeführten Tanzschritte!

Zum Schluss stimmten alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder

besser gesagt Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen

und streuten dieselben knieend vor mir aus. Während die Karawane

übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren

von Tänzern und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf

der Uferrampe. Es war ein grossartiges Schauspiel. Am rechten Ufer

standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die

Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten

hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger

gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug,

einige Glasperlen, die äussersten Vorposten der alles umfassenden

europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck

war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die

Menschenmengen und es erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein

laubbekränztes Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedenszeichen zu

überbringen.

Am 6. September verliessen wir den von leichten Morgennebeln

überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen

zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen

Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser

der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den

theilweise verbrannten Grasfeldern sichtbar und die Dörfer mit

ihren Bananenhainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die

Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich

dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland,

welches unter gewöhnlichen Umständen wohl recht ruhig dalag, glich

nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle

Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns

zu, während von den entfernten Dörfern Hornstösse ertönten, unser

Kommen anzeigend.

Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem

Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter

allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzählige Male hören

sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen

kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades an

und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei

vorliefen und von neuem zu tanzen begannen.

Etwas im Hintergrunde hielten sich die Weiber mit ihren grauen

Lendenschürzen und den Ueberwürfen, die bei Verheiratheten den Busen

decken, während die wohlgeformten Brüste der jungen Mädchen frei

bleiben. Singend begleiteten sie die Karawane, in den offenen Armen

Laubzweige tragend.

Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und

hieben tüchtig in die andrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen

blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend

und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah

ich bald tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth

glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen einer

Bacchanten-Schaar gleichend.

[Illustration: Warundi-Weiber.]

Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie »Mwesi!« »Mkasi ya Urundi!«

(Beherrscher Urundi's) »Viheko visima« (Grosser König) und »Tuli

Wahutu« (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetscher mir übersetzte

und die mich schliessen liessen, dass die Begeisterung der Warundi

einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war

es nicht so leicht, diesen zu erfahren und erst nach einigen Tagen

brachten meine Leute das richtige heraus.

[Illustration: TAFEL IX. Uebergang über den Kagera.]

Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert

worden, welches seine Abkunft vom Mond (mwesi) herleitete und dessen

Königstitel »=Mwesi=« war. Der letzte Mwesi, namens Makisavo (das

Bleichgesicht) war seit langem verschollen, lebte aber der Tradition

nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun

plötzlich ein weisser Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in

ihm den ersehnten Herrscher, den Mwesi Makisavo.

Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist

bekanntlich Vernunftsgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für

sie der Mwesi, und derart zum Pabst-König von Urundi befördert, blieb

mir nichts anderes übrig, als meine Würde mit möglichstem Anstand zu

tragen.

Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spass, die topographische

Aufnahme war zwar durch den unaufhörlichen ohrenzerreissenden Lärm

erschwert, aber das Schauspiel dieses grossartigen afrikanischen

Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager

entwickelten sich förmliche Tanzfeste. In weitem Kreise kauerten und

standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze

stattfanden.

In der rechten den langen Stab, in der linken Laub haltend, führten

die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten

»Pas« auf. Oft hatten sich die jungen Leute desselben Ortes

mit gleichartigem Rindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir

durch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen,

prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiss bemalte

Lederschurze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal

mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die

Beine heben konnten. Diese durften Fehler im Tanz machen: doch wehe

dem erwachsenen Tänzer der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum

wahrnehmbaren Fehltritt machte, er wurde mit Hohngeschrei verjagt und

konnte froh sein wenn er ohne Prügel davon kam.

Nach den Männern traten Weiber an, die Verheiratheten in aschgrauer

Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die Ledigen mit ganz schmalen

Lendenschurzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreis

auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene junge Mädchen einnahmen,

die mit ausgebreiteten Armen einen reizenden Tanz im spanischen

Fandango-Styl aufführten, begleitet von Händeklatschen und angenehm

weichem Gesang. Nichts, als die anmuthigen Bewegungen der Arme

erinnerte hier an den obscönen »Bauchtanz« der Orientalen und vieler

Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier

wurde regelrecht mit den Beinen und zwar mit einer Kühnheit und

Anmuth getanzt, um welche jede Ballerine die schwarzbraune Kollegin

beneiden könnte. Der wohlklingende, wechselvolle Gesang der sanften

Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit

ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein

Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das

Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit »süssem« Grinsen,

zum Halloh der Träger, ihre runzeligen Glieder verrenkten.

Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zu sorgen; der Wunsch,

etwas zu kaufen, wurde garnicht begriffen; denn dem Mwesi gehört eben

alles, was im Lande ist, er nimmt sich was ihm beliebt und was er

nicht nehmen kann wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht.

Grosshörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und

Hülsenfrüchten, zahlreiche Krüge mit Pombe kamen fortwährend,

ohne dass irgend jemand von uns etwas verlangte oder erbat. Selbst

die sonst unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwesi

gegenüber. --

Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen von engen

Papyrusthälchen durchzogenen Berglandes. Manchmal hat man eine breite

Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter,

schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht

einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das

Ueberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den

Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten

haust.

[Illustration: Landschaft in Nord-Urundi.]

Wir durchzogen die reich bewohnten Distrikte von =Gutaha= und

=Mukivuye= und erreichten am 10. September =Intaganda=, eine

Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der

papyrusreiche =Akanyaru=-Fluss durchströmt. Dieser gab Veranlassung

zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaru, dem Alexandra-See

Stanley's.

Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunkeln Punkten der

Siedlungen auf; es war =Ruanda=, das räthselhafte Königreich, in

welchem weisse Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele

Reisende gehört, das aber noch Keiner betreten hatte. Mein Wunsch,

die Nilquellfrage endgiltig zu lösen, hielt mich davon ab, eine

nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich

es jedoch besuchen und beschloss daher am nächsten Tage den Akanyaru

zu übersetzen.

Die moralische Kraft meiner Leute, besonders der Askari, wurde zu

jener Zeit auf eine harte Probe gestellt. Denn darüber waren wir

uns völlig klar, dass diese tolle Freundschaft der Warundi, welche

ausschliesslich auf Aberglauben begründet war, jeden Augenblick

durch irgend welche zufälligen Ereignisse in das Gegentheil

umschlagen konnte. Zwar kam alles unbewaffnet und nur mit langen

Stäben, doch die Speerspitze steckte in Laub eingewickelt unter dem

Rindenzeug, und jeden Augenblick konnten die friedlichen Tänzer sich

in speerschwingende blutgierige Gegner verwandeln. Ein strenger

Wachtdienst wurde daher Tag und Nacht unterhalten und Befehle

ausgegeben, welche es uns ermöglichen sollten, jeden Moment einen

Angriff abzuwehren.

Das Bewusstsein der trotz aller Freundschaft stets drohenden

Gefahr, der Anblick der tausendköpfigen Menschenmasse, welche

gleich einem brausenden Meere sich längs der Karawane hinwälzte,

das ununterbrochen andauernde Getöse, alles das war im Stande auch

die härtesten Gemüther zu beeinflussen. Vom Tanganyika, dem wir

zustrebten, hatte hier kein Mensch eine Ahnung und immerfort ging es

nach Westen, unbekannten Fernen zu. Ich versicherte ja freilich, dass

der Tanganyika nicht mehr weit sei, aber auch das Vertrauen in die

Wissenschaft des Weissen hat in solchen Fällen seine Grenzen. Dazu

kam, dass Mzimba an einer Augenentzündung erkrankt und fast blind

war, also nichts zur Hebung des guten Muthes der Mannschaft beitragen

konnte.

Als wir denn in Intaganda lagerten und das wilde Stampfen und

Jauchzen der Warundi draussen ertönte, hielten die Askari unter

sich eine Berathung und schickten mir eine Deputation, welche mich

bat, zurückzukehren, denn sie wollten nicht mehr weiter ins Innere

reisen und den Akanyaru nicht übersetzen. Dies wäre nun vielleicht

der Moment gewesen, meine Leute antreten zu lassen, nach berühmten

Mustern eine begeisternde Rede zu halten und an ihre Treue und ihren

Muth zu apelliren. Vielleicht wären sie mir dann -- ebenfalls nach

berühmten Mustern -- zu Füssen gefallen und hätten gerufen: »Mit Dir

gehen wir bis an's Ende der Welt.«

Aber ich versäumte leider diese Gelegenheit und begnügte mich, der

Deputation einige harte Gegenstände, die sich gerade in meiner Nähe

befanden, an den Kopf und sie aus meinem Zelt hinaus zu werfen. Als

dann gegen Abend die Askari zur Wachabtheilung antraten, fragte ich

sie, ob vielleicht noch jemand von mir etwas wünsche, worauf sie

versicherten, dass sie ganz und gar zufrieden seien.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 9 / 41 段