Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen

Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen

Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine

Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte

sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen

Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu

meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren

anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die

Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit

anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter

den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie

ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden

sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise

des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za

washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist

durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden,

Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn

»der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch

für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.

Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane

zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in

stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir

Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden;

denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine

zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe

und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche

Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen.

Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft

tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden

zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen

»Sultaninnen« -- und nicht die schlechtesten -- ausgerückt, indem sie

einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen.

Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die

ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich

wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und

zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens

drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher

Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit

hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut

sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen

Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst

die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie

müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben.

Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die

ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln

von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles

besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und

heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.

Die Makua machten sich von Anfang an nützlich und bewiesen, dass

sie in der Kunst des Buschlebens uns doch noch weit über waren. Vor

allem verstanden sie es vorzüglich in unglaublicher Schnelligkeit

wasserdichte und behagliche Grashütten aufzurichten, was meine Leute

ihnen bald ablernten, wodurch unser Lager einen besonderen Charakter

erhielt. Auch als geschickte Jäger zeigten sie sich und lieferten

häufig grosses und kleines Wild für die Küche.

Vom Nenge-Bach, der nur spärlich Wassertümpel enthält, zogen wir

durch fast flache, trostlose Baumsteppen zum Marago =Saïd bin Sef=,

einem Lagerplatz, der nach dem früheren Vorstand der Araber-Kolonie

Magu benannt ist, wo einige Lachen uns Erquickung boten. Am 12. Juli

durchwanderten wir, von den Makuas geführt, wegelose, offene Steppe

und überschritten den =Simiyu=, der zu dieser Jahreszeit nur grosse

Tümpel enthält, in welchen sich Welse und sogar Flusspferde finden,

die zur Regenzeit vom Nyansa aus hierher gelangen.

[Illustration: Feldbeil, Usukuma.]

Durch flache Steppe gelangten wir zu den nahe aneinander gelegenen

Dorfgebieten von =Dudumo= und =Sagayu=, kleinen, an die Steppe

grenzenden Ortschaften, welche von Flüchtlingen aus Uduhe, Usmau

und Ntussu bewohnt sind, die schöne Kulturen und ansehnliche Hütten

besitzen. In einer der letzteren fand ich zu meinem Erstaunen

ein französisches Erbauungsbuch und eine Kiganda-Bibel und erfuhr

später, dass dieselben von dem Ueberfall einer Missions-Karawane in

Sengerema herstammten. Gegenwärtig sollen die Bücher als Kopfputz bei

Tänzen dienen, eine Verwendung, die ihre frommen Verfasser wohl kaum

voraussahen.

Am 15. Juli passirten wir abermals den hier völlig trockenen

Simiyu-Fluss und gelangten in die Landschaft =Nyasambe=, wo Wasukuma

aus Mwagala wohnen, die besonders viel Baumwolle bauen. Sie spinnen

daraus ungemein schöne feste Doppelgewebe, eine Kunst, die in Usukuma

weit verbreitet ist. Am 16. Juli überschritten wir mit dem trockenen

Ididi-Bache die Grenze von =Usmau=. Eine weite, sanft gewellte Ebene

dehnte sich vor uns aus, überall sah man Felder von ungeheurer

Ausdehnung, dazwischen die ansehnlichen von Euphorbien umgebenen

Dorfkomplexe. Angebaut wird hauptsächlich Sorghum, weniger Mawele

(Penicillaria), vereinzelt auch Reis. Die Eingeborenen sind grosse

Reisende, fast alle jungen Leute sind an der Küste gewesen und neben

fast nackten Burschen mit elendem Ziegenfell sieht man Gestalten

mit Flanellbeinkleidern, schwarzem Salonrock und mächtigem grauen

Schlapphut. Sie erzählten mir allerlei Neuigkeiten, darunter auch

die von meinem eigenen Tode. Der Europäer, meinten sie nämlich, der

früher in Katoto sass, sei von den Wagaya todtgeschlagen worden.

Andere behaupteten, er wäre vielleicht doch nicht ganz todt, habe

jedoch eine Speerwunde erhalten. Ich lachte damals über dieses

Negergeschwätz, konnte ich doch nicht ahnen, dass sich ein schlauer

Europäer (der Stationsvorsteher von Mwansa) finden würde, der

nichts eiligeres zu thun hatte, als diesen Unsinn nach der Küste zu

melden, von wo er nach Europa gelangte und dort unnütze Besorgnisse

hervorrief.

Am 19. Juli hatten wir Usmau hinter uns und betraten Usukuma im

engeren Sinne, wie die Landschaften am Nyansa genannt werden.

Am nächsten Tage stiegen wir den steilen Abfall zum See ab und

erreichten gegen Mittag die Station =Mwansa=. Wieder breitete sich

der herrliche See vor uns aus und drüben, jenseits der Bai, tauchten

die grünen Ufer Usinja's verheissungsvoll aus der tiefblauen Fluth.

[Illustration: Weiber der Karawane.]

IV. KAPITEL.

Vom Victoria-See zum Tanganyika.

Durch Usinja. -- Ussui. -- Kassussura's Residenz. -- Uyogoma.

-- An der Nil-Fähre. -- Urundi. -- Freudenfeste der Warundi. --

Der Akanyaru. -- Ruanda. -- Raserei der Warundi. -- Gefecht mit

Watussi. -- An der Nilquelle. -- Uebersteigung der Missosi ya Mwesi

(Mondberge). -- Am Tanganyika.

An den Gestaden der Bukumbi-Bai stand die Expedition abermals an

einem Wendepunkt. Der Marsch durch's Massai-Land und die Erforschung

der östlichen Nyansa-Gebiete war vollendet, nun hätte programmmässig

die Reise nach den südlichen Massai-Gebieten folgen sollen. Ich

brachte es jedoch nicht über mich, meine Schritte ostwärts, nach

der Küste zu lenken. Denn im Westen, an der Grenze des deutschen

Schutzgebietes, lockten mich gänzlich unbekannte Striche, welche

die letzten Räthsel des alten Nilproblems bargen. Allerdings hatte

Stanley vor fast zwanzig Jahren vergeblich versucht in jene Gebiete

einzudringen und das mächtige Prestige, welches dieser Reisende

mit Recht geniesst, hatte seither andere abgehalten, ihre Schritte

dahin zu lenken. Aber ich besass eine vorzüglich eingeschulte,

leistungsfähige Mannschaft; das Material der Expedition war noch

in gutem Stande, ich selbst fühlte mich gesund und kräftig: wenn es

irgend Vorbedingungen gab die ein Gelingen erhoffen liessen, so waren

es diese.

[Illustration]

In den Instruktionen freilich, die meine Auftraggeber mir fürsorglich

mitgegeben, war das Gebiet meiner Forschungen so ziemlich umgrenzt

und von jenen entfernten Ländern stand keine Zeile darin zu lesen.

Aber solche Instruktionen sind ja nur dazu da, um nicht befolgt

zu werden: entweder sie verlangen zu viel oder zu wenig von dem

Reisenden, im letzteren Fall werden sie überschritten -- »und wenn es

glückt, so ist es auch verziehn.«

So begann ich denn meine Vorbereitungen für den Marsch nach dem

Westen. Ich liess alle Lasten, die nicht unbedingt nöthig waren,

bei Seite packen, wählte eine Anzahl schwacher Leute aus und sandte

diese, sowie einige angeworbene Wasukuma, unter Befehl des Askari

=Mzee bin Jumah=, eines älteren, vorsichtigen Mannes, voraus nach

Tabora mit der Instruktion, mich dort zu erwarten. Ferner entliess

ich sämmtliche Sudanesen bis auf einen (Faraj Abdallah) und gab

sie an die Station Mwansa ab, da sie für meine Zwecke gänzlich

unbrauchbar waren. Alle Leute, mit Ausnahme der Sudanesen, schieden

nur sehr ungern von der Expedition und mussten förmlich gezwungen

werden, mit Mzee zu marschiren, obwohl sie ganz gut wussten, welch'

abenteuerliche Reise wir vorhatten.

Der Aufenthalt in Mwansa war nicht übermässig angenehm. An die Stelle

des liebenswürdigen Kompagnieführers Langheld war ein Feldwebel

getreten, der als Gärtner wohl vorzügliche Eigenschaften besass, im

Uebrigen jedoch mit seinem Vorgänger nicht rivalisiren konnte. Dazu

kam, dass mir ein Unfall passirte, der leicht ernste Folgen haben

konnte. Ein Träger kam nämlich eines Morgens zu mir und erklärte,

sein Gewehr wolle nicht losgehen. Als ich selbst versuchte, ging das

Gewehr allerdings los, aber nach rückwärts und scharfer Pulverdampf

drang mir in die Augen. Eine heftige Entzündung war die Folge, die

mich zwang, acht Tage mit verbundenen Augen im Zimmer zu sitzen.

Ich siedelte während dieser Zeit nach =Nyegesi= über. Es war dies

eine französische Missions-Station, die für einige Zeit an die

Seen-Expedition des Antisklaverei-Komite vermiethet worden war

und wo mein armer Landsmann Baron =Fischer= vor Kurzem seinen Tod

gefunden. Seine gründlichen topographischen Kenntnisse -- er war

ein Zögling des Wiener militärisch-geographischen Instituts -- sowie

sein wissenschaftlicher Eifer liessen glänzende Leistungen von ihm

erwarten, als er leider durch ein tückisches Fieber dahingerafft

wurde. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich in Nyegesi nur der

Steuermann Blatt, welcher in der zur Werkstatt umgewandelten Kapelle

eifrig an einem Boote hämmerte.

Während ich in Nyegesi krank lag, hatte Mzimba das Uebersetzen

der Karawane über die Bucht mit grossem Geschick besorgt. Es war

das keineswegs eine leichte Aufgabe, da uns nur wenige und sehr

elende Kanus zu Gebote standen und besonders die Rinder grosse

Schwierigkeiten machten. Dieselben in das schmale Fahrzeug zu

verladen, erwies sich als unmöglich und so mussten sie schwimmend

über den breiten Seearm gelangen, was auch ganz gut ging.

Am 2. August bezog Mzimba in =Ngoma=, einem kleinen Dorf des

Wasinja-Häuptlings Rotakwa, das Lager. Ich selbst konnte erst am 7.

August Nyegesi verlassen. Ich begab mich zu jener felsigen Landzunge,

von der aus die Ueberfahrt stattfindet und setzte in etwa einer

Stunde an's andere Ufer, wo ich von meinen Leuten mit Freudengeschrei

begrüsst wurde.

Eine Musterung ergab, dass alles in schönster Ordnung war: alle

kränklichen und schwächlichen Leute waren mit Mzee nach Tabora

gegangen, die Lasten waren bedeutend vermindert und leicht verpackt

worden, für die 30 Rinder, die wir mithatten, waren reichlich

Treiber vorhanden und der Unternehmungsgeist, der aus den Blicken der

gesunden, nun völlig ausgeruhten Leute sprach, war mir eine Gewähr

des Erfolges.

In meinem Haushalt war eine kleine Aenderung vorgegangen indem

der Koch, den ich von der Küste mitgebracht, nun nicht mehr da

war. Ich hatte ihn an einen Agenten der britisch-ostafrikanischen

Gesellschaft, den ich in Mwansa traf, abgetreten, da die Küchenjungen

und besonders die Küchenmädchen, von welchen es jetzt wimmelte,

ihm seine Kunst bereits abgelernt hatten. Ueber ihnen stand, als

unumschränkte Herrscherin, die »Mami safari«, Kibibi, die alle

Strapazen und Entbehrungen mit gleich unverwüstlicher Gesundheit und

trefflichem Humor ertrug.

Auch einer meiner Dienerjungen musste krankheitshalber in Mwansa

bleiben, doch fand ich vollen Ersatz an =Hamadi= (Pflaume), einem

etwa vierzehnjährigen Jungen, der durch den Tod seines Herrn, eines

Unteroffiziers, dienstfrei in Mwansa weilte. Trotz seiner Jugend

hatte er schon viel mitgemacht und war bei der verhängnissvollen

Wahehe-Expedition Zelewsky's mit dabei gewesen. Es war der richtige

Buschboy, ein anstelliger, aufgeweckter Junge und ein Kerl, der

selbst im dichtesten Kugel- und Pfeilregen nicht von seinem Herrn

wich.

Am Tage meiner Ankunft in Ngoma gebar ein Makuaweib einen Sprössling,

der blassroth gefärbt war und sich -- wie alle neugeborenen Neger

-- nur durch den Typus von europäischen Säuglingen unterschied.

Erst nach Tagen bricht das dunkle Pigment durch und der kleine

Mensch erscheint in schwarzer Farbe. Dieser Junge, der mir zu Ehren

den Namen Kivunja erhielt, war der erste einer langen Reihe von

Nachfolgern, die alle unterwegs das Licht der Welt erblickten. Unter

dem Grasdach der Lagerhütte, ja oft in einem Gebüsch am Wege wurde

das Weib von Wehen überkommen und am nächsten Tage schon konnte sie,

mit dem Neugeborenen auf dem Rücken, weiter marschiren.

Am 9. August verliessen wir das buchtenreiche Ufer des Nyansa und

zogen durch leicht gewelltes, von lichtem Steppen-Wald bedecktes

Land. Die grosse Trockenzeit nahte ihrem Ende und einzelne Schauer

deuteten das Herannahen der kleinen Regen, der mwua za mwaka,

an. Gelb und dürr hingen die Blätter an den Bäumen, wodurch die

Landschaft ein herbstliches Gepräge erhielt, das durch die traurigen,

verbrannten Grashalden, den trüben Himmel und besonders durch den

scharfen Nordwind gesteigert wurde, der vom Nyansa herüberstrich.

Doch schon machte sich die Wirkung der jüngsten Regen bemerkbar, aus

den schwarzen Brandflächen spross das zartgrüne, junge Gras hervor

und neben dürrem Laub schlugen an den Bäumen grüne Knospen aus -- ein

Bild der ewig jungen Tropenwelt. In dem gänzlich unbewohnten Gebiet

sah man Spuren früherer Siedelungen; die Ackerfurchen sind noch

erkennbar und nicht selten trifft man tief ausgeriebene Mahlsteine.

Die Wangoni haben diese früher reichen Gebiete entvölkert.

[Illustration: Dorf der Wasinja.]

Am 12. August gelangten wir wieder zu Dörfern, die dem

Wasinja-Distrikt =Ugulula= angehören. Ausgedehnte Maniokfelder, in

welchen gleichzeitig auch süsse Kartoffeln gebaut werden, bedecken

hier das Land, in den Wasserrissen und Mulden gedeihen prächtige,

tiefschattige Wäldchen, überragt von schlanken Phönix-Palmen.

Ueberall sieht man kleine Dörfer mit leichten lebenden Hecken,

an welchen sich Bohnengerank hinaufschlingt, und in denen die

netten Grashütten unregelmässig verstreut sind. Neben ihnen stehen

Vorrathshütten aus eigenthümlichem, cigarrenförmigem Grasgeflecht,

welche Getreide enthalten. Die Eingeborenen sind Wasinja, geschickte

Schmiede, welche ihr Handwerk in offenen Grashütten ausüben und

schöne Speere, Pfeile und Hacken anfertigen, eine Kunst, der sie

das viele Baumwollzeug verdanken, das sie von anderen Stämmen

eintauschen. Ihr Häuptling Mtikiza besuchte uns und bat, wir möchten

einen seiner Feinde bekämpfen, was uns natürlich gar nicht einfiel.

Ausser diesem menschlichen hatten Mtikiza und seine Leute noch

einen thierischen Feind, der nicht so leicht zu besiegen war. Es

war das ein alter Bekannter von der Westküste Afrika's, den ich

hier zum ersten Male traf, ohne sagen zu können, dass mich dieses

Wiedersehen besonders erfreute. Ich meine den =Sandfloh=, Pulex

penetrans, jenes widerliche Insekt, welches sich in die Zehen und in

andere Körpertheile des Menschen einbohrt. Als ich 1885 den Kongo

bereiste, war der Sandfloh, der bekanntlich aus Brasilien stammt

und von Schiffen mit Sandballast nach West-Afrika gebracht wurde,

erst am Stanley-Pool. Durch die Kongo-Dampfer gelangte er rasch nach

Stanley-Falls und verbreitete sich über Manyema, von wo er allmählich

bis Ujiji und Tabora kam. An das Westufer des Nyansa soll er direkt

durch die Stanley'sche Expedition eingeschleppt worden sein. Es

wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er die Ostküste Afrika's

erreicht, ja vielleicht erleben wir, dass er von dort über Indien

seinen Triumphzug um die Welt fortsetzt.

[Illustration: Hackenklinge, Usinja.]

Wer seine Füsse rein hält und täglich untersuchen lässt, um die

etwa eingedrungenen Thiere zu entfernen, der hat diese Plage nicht

besonders zu fürchten. Wird jedoch ein Sandfloh -- der einmal

eingedrungen, nicht mehr schmerzt -- vernachlässigt, so schwillt

er zu Erbsengrösse an und erzeugt schliesslich Geschwüre, die, wenn

massenhaft auftretend, Blutvergiftung und den Tod veranlassen können.

Besonders in Gegenden, wo das Thier neu auftritt, wo also dessen

Behandlung nicht bekannt ist, richtet es geradezu Verheerungen an.

Wir sahen in Usinja Leute, welchen die Glieder einzeln abfaulten, ja

ganze Dörfer waren in Folge dieser Plage ausgestorben. Ich suchte

derselben dadurch zu begegnen, dass ich bei meiner Mannschaft eine

strenge Strafe für Jeden ansetzte, der sich wegen Sandfloh fussmarode

meldete. Dadurch erreichte ich, dass die Leute ihre Füsse sorgfältig

visitierten, und litt fast gar nicht unter diesem Uebel.

In den nächsten Tagen zogen wir durch flaches Land längs des Emin

Pascha-Golfes, der in zahlreiche papyrusreiche Buchten endet. Die

Landzungen zwischen diesen sind meist mit Busch bedeckt. Am Ende der

Buchten wechselt Sumpfgebiet mit offenem, theilweise bebautem Land,

in welchem grosse Schmiedehütten verstreut lagen. Die eigentlichen

Dörfer waren fast ganz im Papyrus des Ufers verborgen und gegen

aussen durch hohes Gras fast unsichtbar. Als wir im Dorfe =Irangala=

lagerten, fing eine der Grashütten, die in nächster Nähe meines

und des pulvergefüllten Lastenzeltes lagen, Feuer, welches ohne das

energische Eingreifen der Askari und Makua leicht schweres Unheil

hätte anrichten können. So wurde jedoch alles Feuergefährliche rasch

beiseite geschafft und schliesslich verbrannte nichts als eine --

Kaffeemühle.

Am 19. August erreichten wir die äusserste Südwestecke des Nyansa,

wo die Hütten und ärmlichen Felder von =Amranda= liegen. Hier

kreuzten wir die Route Stanley's und Emin Pascha's und lagerten

etwas nördlicher in Busirayombo, dem Hauptdorf von =Bukome=, das

an Papyrusufer in öder, staubiger, buschbewachsener Gegend liegt.

Es hat etwa dreissig Hütten und ist die Residenz eines blutjungen,

etwas beschränkt aussehenden Häuptlings mit Wahumatypus, der

einen Schutzbrief von Dr. Stuhlmann besass und in dessen Reisewerk

abgebildet ist. Er brachte mir Bananen und Pombe und erhielt ein

Gegengeschenk, das von ihm und seinem Gefolge buchstäblich mit

stürmischem Applaus aufgenommen wurde. Hier, wie in ganz Usinja

und den westlichen Gebieten, ist es nämlich Sitte, Höhergestellte

durch Niederknien und Händeklatschen zu begrüssen, welches in Bukome

besonders kräftig gehandhabt wurde. (Siehe Abb. pg. 63.)

Etwas nördlich lag eine kleine Handelsniederlassung Mr. Stokes',

des irischen Händlers, dessen Angestellter, ein netter Mnyamwesi,

mir seinen Besuch machte. Bei dieser Station ist der Nyansa nicht

mehr von Papyrus eingeengt. Bei Busirayombo besitzt er gelblich

schmutziges und übelriechendes Sumpfwasser, in dem Wasserwanzen

umherschwimmen und das Abends ganze Wolken Mosquitos ausspeit, die

eine keineswegs angenehme Zugabe zu den tausenden von Sandflöhen

bilden.

Am 21. August verliessen wir ohne Bedauern Bukome und zogen

westwärts, durch einen unbewohnten Streifen, der Landschaft Ussui

zu. Ziegelrother Lateritboden bedeckte die hügelige, mit jungem,

lichtem Buschwald, Akazien und einzelnen Baumeuphorbien bestandene

Landschaft. Wir passirten einen Hügel, von dem die Eingeborenen

Raseneisensteine als Erz gewinnen, und erreichten Mittags das

erste Dörfchen von =Ussui=. Dasselbe zeigte sich uns als ein reich

bebautes, ziemlich stark gewelltes Land, das hauptsächlich von

Sorghum- und Patatenfeldern bedeckt ist, in welchen die kleinen, von

Bananenhainen umgebenen Dörfer liegen. In der Umgebung reifen auch

schöner Tabak und Tomaten. Die Eingeborenen, die fast alle in Zeug

gekleidet waren, besitzen viele Schmieden und begegneten uns scheu,

weil sie noch nicht wussten, wie ihr König Kassussura sich zu meinem

Besuche stellen würde.

Am 23. August überstiegen wir zwei hohe felsige Kämme, zwischen

welchen leicht gewelltes, bewohntes und bebautes Land lag. Von der

letzten Höhe stiegen wir in ein weites Thal ab, dessen untere Hänge

mit Bananenhainen und Feldern bedeckt waren. Jenseits lag der grosse

Hüttenkomplex =Kassussura's=, des Häuptlings von Ost-Ussui, eines der

mächtigsten eingeborenen Potentaten in Deutsch-Afrika.

Von Bananen umschlossen lagen in der Nähe die ärmlichen Hütten einer

Niederlassung Mr. Stokes', deren einzigen Reiz ein hoher Schattenbaum

bot. Eine andere, aus Swahíli-Hütten bestehende Handelsstation hatte

der Inder Kipilipili gegründet, der augenblicklich nicht anwesend

und durch den Araber Pangalala vertreten war. Auch Stokes hatte

einen intelligenten Araber Namens Raschid in Ussui stationirt, der

uns freundlich begrüsste. Er war im Innern Afrika's gross geworden,

hatte Burton und Speke gekannt und wies uns die Stelle des Dorfes

Uthungu, wo der grosse Forscher vor 30 Jahren durchgekommen. Auch die

Eingeborenen erinnerten sich deutlich an Speke und erzählten, er habe

dem Vorgänger des jetzigen Häuptlings durch Schiessen sehr imponirt.

Von Kassussura erfuhr ich nicht viel Gutes, er sollte persönlich

zwar recht freundlich, doch sehr habsüchtig sein und keine Karawane

ohne Wegzoll (Hongo) passiren lassen. Einen deutschen Reisenden

hatte er noch nicht bei sich gesehen und die Araber versicherten,

dass es ohne Hongozahlen nicht abgehen werde. Wirklich erschien

auch nach einiger Zeit ein Würdenträger mit einer Anzahl Leute als

Abgesandter Kassussura's, der ein ziemlich unverschämtes Benehmen zur

Schau trug. In solchen Fällen schadet es nie, die Unverschämtheit

durch noch grössere zu übertrumpfen; bevor daher der Abgesandte

eine Hongoforderung stellen konnte, fragte ich ihn, warum er mit

leeren Händen zu mir komme, ob denn Kassussura nicht wisse, dass

er an mich Hongo zu bezahlen hätte? Der Würdenträger war erst ganz

starr darüber, dass er, der gekommen war, um Hongo zu fordern, nun

selbst Hongo zahlen sollte; aber ein Rundblick durch das Lager mit

den Askari und Ruga-Ruga machte ihn doch nachdenklich, und in dieser

Stimmung kehrte er zu seinem Herrn zurück.

[Illustration: Wassui.]

Die Araber begannen nun eifrig verrostete Schiessprügel und Schwerter

zu putzen und meinten, es müsse unbedingt zu blutigen Kämpfen

kommen, denn so etwas lasse sich der grosse Kassussura in seinem

eigenen Lande nicht bieten. Aber nichts dergleichen geschah: am

Abend erschien eine ganze Schaar von Wassui, die ungeheure Massen

Lebensmittel anschleppten, das Hongo Kassussura's. Zugleich kam

auch der Würdenträger, nun ganz kleinlaut, und erklärte, dass der

König zwar mein Freund sei, aber doch den heissen Wunsch hege, mich

=nicht= zu sehen. Ich glaubte auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft

verzichten zu können und sandte ihm ein schönes Geschenk, welches ihn

sehr befriedigte und zu neuer Spende veranlasste.

Den 24. August verbrachte ich in der Stokes'schen Niederlassung,

wo sich auch ein ganz weisser Egypter befand, der kränklich und

von Sandflöhen gequält war. Es war einer der Leute Emin Pascha's,

Namens Hassan, der mit Stanley aus Equatoria abgegangen, jedoch in

Karagwe liegen geblieben war. Von da ab wurde er von verschiedenen

Arabern ernährt und beherbergt, war jedoch halb verrückt, was sich

hauptsächlich darin äusserte, dass er von Jedermann, z. B. auch von

mir, seinen rückständigen egyptischen Sold verlangte. Ich hätte den

Armen gern mitgenommen, doch konnte er kaum gehen.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 8 / 41 段