und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi
lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so
mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten,
deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer
hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel
ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen
schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder
Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft =Ngoroïne= oder
=Ungroïme= an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule
der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht
zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite
durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von
Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war,
während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die
Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen
den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort
nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern
würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari
Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die
Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren
schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere
stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit
grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren
Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen
sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde.
Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu
dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön
gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern
bestehendem Kopfputz.
[Illustration: Saiteninstrument der Wangoroïne.]
Ein tüchtiges Fieber -- wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen
-- fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem
Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige
Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine
Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene
Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute
Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder
erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging
ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten
viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi
Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie
durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden.
Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und
Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten
jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu
Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen,
und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach
Elfenbein zu forschen.
In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes,
reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am
Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in
einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte
Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den
Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft,
bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf,
dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und
ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen
hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche
dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren
Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich
habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu
lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der
Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene
Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde
höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede
hervorrufen!
Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die
Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben
hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen
und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben,
so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen
Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs
zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und
beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen
nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem
Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer
nachgewiesen war.
Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich
von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch
gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene
und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach =Nata=.
Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen
Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen
der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall
verstreut sind. Hier entspringt der =Rubana=, den wir am 7. Juni als
kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und
Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen,
die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der
Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten
besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus
Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.
Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen
plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie
zu retten, »die Massai kämen.« =Diese= Gefahr konnte mich allerdings
nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige
Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger
Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des
Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo
einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts
zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu
belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten
Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie
selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.
Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes,
bewohntes Land nach =Ikoma=, wo wir den alten Lagerplatz vom 2.
April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem
Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns
durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren
äusserstes =Urungu= ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen
sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des
fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika
ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11.
Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in
weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit
schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche,
am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von
Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein
ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg
der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten
bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit
Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.
Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes
Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie
die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich
aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene
eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir,
sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen
befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges
Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen
sah, einen =Löwen= getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem
Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam
sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude
rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um
Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.
Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den
Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war
gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der
Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.
Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von
=Ututwa=, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma
angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von
Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den
Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt
entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden
kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen
gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz
starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die
oft kaum die =Brust= bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und
wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck.
Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der
Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht
leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten,
erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die
Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten
dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht
wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.
[Illustration: Krieger aus Usukuma.]
Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich
zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit
wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl
aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit
der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht
verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die
Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses
im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus
den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns
nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur
mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der
Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen
verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den
Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven -- der besten Feuerart
gegen Wilde -- trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald
rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei
meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die
beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche
Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation --
zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie
ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die
sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten
tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu
den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten,
kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten
Unteroffiziers.
Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager
und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese
Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es
dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins
Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen
wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen
wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel:
das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu
haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das
Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.
Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die
Landschaft =Ntussu=. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich
vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure
Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die
Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen
erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen
Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten
Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung
auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht
abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt
einherzulaufen.
Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem
Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das
Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs
wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches
Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss,
der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von
dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe
lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen
Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes
verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.
Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen
Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor
unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten
die Landschaft =Meatu=, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen
die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer
kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch
=Wataturu= die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe
hamitische Gesichtszüge auszeichneten.
An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden
umgeben, hatte ein Halbaraber =Munyi Hemedi= (Mwelekwanyuma)
eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die
weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne
ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon
von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein
netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in
tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine
Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht,
viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr
geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua
genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe
betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute
aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in
kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen,
sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals
betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.
[Illustration: Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.]
Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung
errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe
umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und
Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber
in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch
zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor.
Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung
bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter
civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen
wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser
hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.
In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte;
sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor
einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich
beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders
Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste,
zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der
Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des
Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen
Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss
nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre
und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa
führt.
Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare
Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von =Igulya=, dem
südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne
Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat.
Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen
durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit
Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen.
Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen
und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben
schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald
wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp.
Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines
Steppenvolkes, der =Wanege=, zu sehen sind, welche die Bäume auf der
Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte
Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen,
in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig,
doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.
Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum
=Wembere=-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche
mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur
stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche
Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines,
ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden
wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am
nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der
Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte
weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie
Schnee knirschte.
Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein
Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen
Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl
hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln
Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage,
gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene
Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor
längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden.
Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner
scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr
geschwollenes Haupt erhoben.
Wir erreichten den =Simbiti=-Fluss, ein brackisches Gewässer mit
lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen
sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den
Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste
erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer
an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges,
der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See,
zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben
nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu
auf anderer Route an.
Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar
kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies
sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch
ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo
man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und
wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten
die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu
den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in
Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und
gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.
Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre
Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen
Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen,
und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise
nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen
Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver
dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den
Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer
nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst
stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten
gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu
verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger,
etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten
zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein,
dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.
Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross
von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum
letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer
nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine
Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.
Am =Nenge=-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich
mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi
Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten,
sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu
bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er
Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben
nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der
Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen
konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter
dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi
zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere
Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.
[Illustration: TAFEL VIII. Wasukuma-Weib.]