dahin vielfach versumpft ist, zog ich es vor, die Karawane über Land
zu senden und selbst ein Kanu zur Ueberfahrt zu benutzen. Im Westen
dehnte sich das üppige, bananenreiche Gestade von Ukerewe aus und im
Nordosten tauchte die grasige, breite Masse des Majita-Tafelberges
auf, während uns die kräftigen Schläge unserer Ruderer durch die
Grantbai gegen Norden führten. Bei dem durch hohe Schattenbäume
bezeichneten Hauptdorf =Bukindo= landeten wir und durchschritten das
Thor der Befestigung, die aus Stangen und pandanusähnlichen Pflanzen
gebildet ist.
Vor der koncentrischen inneren Umzäunung fand ich die
Expeditionsmannschaft, sowie Lukonge mit seinen »Grossen« bereits
versammelt. Er ist ein lichtfarbiger, wohlbeleibter Mann, der mit
seinem glatten Gesicht und dem faltigen Gewande lebhaft an einen
Landpfarrer erinnert und stark von seiner höchst urwüchsig mit
Bocksfell bekleideten Umgebung absticht. Er schien sich übrigens
garnicht wohl zu fühlen, denn die Reisenden die ihn vor mir besucht
hatten, waren stets im Kanu mit geringer Begleitung gekommen. Eine
solche Masseninvasion war ihm offenbar unheimlich und die Blutthat
von 1877 tauchte vielleicht vor seinem Gewissen auf. Er begrüsste
mich daher verlegen, lud mich ein im innersten Hüttenkomplex zu
lagern und verschwand dann schleunigst auf Nimmerwiedersehen. Die
meisten seiner Unterthanen folgten seinem Beispiel und drückten
sich in die Büsche, sodass wir uns plötzlich als Herren des grossen,
mehrere hundert Hütten zählenden Dorfes sahen.
Es fehlte uns dort an nichts, Vorräthe, auch vorzüglicher Honig und
Bananenwein waren in den geräumigen Hütten massenhaft vorhanden.
Dennoch war ich über diese Lage nichts weniger als erbaut. Lukonge
hatte nämlich auch Baumwollzeuge und allerlei andere Tauschwaaren
in seinen Hütten zurückgelassen, und mir dadurch eine unangenehme
Verantwortung für eventuelle Diebereien meiner Leute aufgeladen. Ich
schickte daher Boten nach ihm aus, um ihn aufzufordern, doch zurück
zu kommen und sein Eigenthum wegzuräumen oder bewachen zu lassen.
Er rief den Boten jedoch von Weitem zu, wir möchten nehmen was uns
beliebe und ihm nur sein Leben lassen.
Der Zweck meiner Reise nach Ukerewe, war hauptsächlich der Besuch der
Insel =Ukara=, von der allerlei Seltsames verlautete. Der englische
Missionar Wilson, der dort vor Jahren landen wollte, wurde daran von
einer kriegerischen Bevölkerung verhindert, in welcher er =Zwerge=
erkannte. Schon Stanley hatte erfahren, dass die Wakara ihrer
Zauberkünste wegen berüchtigt seien. Als ich in Bukindo die Absicht
aussprach, dahin zu fahren, erklärte man allgemein, die Wakara würden
das nicht zulassen und im äussersten Fall Mittel finden, ihre Insel
unsichtbar zu machen.
Mit Mühe brachte ich die nöthige eingeborene Rudermannschaft für zwei
Kanus auf und fuhr am 11. Mai mit 12 Askari und meinen Dienerjungen
los. Wir bewegten uns erst längs der reich bebauten, durch wilde
Anhäufungen von Granitblöcken ausgezeichneten Küste von Ukerewe, an
welcher sich im Innern der Insel hochstämmige Wälder anschliessen. Zu
unserer Rechten tauchten die offenen grasigen Kweru-Inseln auf. Gegen
Mittag umschifften wir ein Kap und fuhren die kleinere Insel =Schisu=
entlang.
[Illustration: Ukara.]
Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre
Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen
felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine
grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen
gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns
der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild
umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte
ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass,
andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch
andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich
erwies.
Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig
günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der
hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen
und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen,
zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen
Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte
mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann,
begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll
unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter
nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und
Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf
Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung
ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die
übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an
eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte
mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern
belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.
[Illustration: Hütten und Futterschober der Wakara.]
Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen
durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen
welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise
in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den
zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen,
in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz
ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu
besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie
die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten,
andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein
herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen
bergigen, üppig grünen Gestaden.
Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara
Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich
abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon
früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch
eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im
Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein
mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am
Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete
Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse
nach Schisu zu fahren.
Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und
prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees
mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber,
dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die
spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere
Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang
der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden
mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben
überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich
werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.
Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet
hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich
nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle
Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition
nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und
Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst
rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai
sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu
in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich
immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang
wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen
bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer
arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien
Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so
dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir
kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein,
deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist
und deren Ostufer -- nach der Karte zu schliessen -- die grasige,
leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags
anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.
Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in
Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels
benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war
nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen
Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine
schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und
zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe
Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von
deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich
damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring
nach mir, als dem Entdecker, »=Baumann-Golf=« genannt.
Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi
mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren
Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen
feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum
100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3
m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine
Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir
hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.
[Illustration: Irea-Insel und Baumann-Golf.]
Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland
zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes
der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am
papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf
einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel =Irea=, die, wie
alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen
Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen
wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite
baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt
waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden,
aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum
ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter
Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel
verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den
Nyansa.
Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche
die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und
erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln.
Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier
zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener
Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten
bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen
Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige,
mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken
schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele
(Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders
viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns
freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch
von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche
Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein
besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach =Mugango= auf.
Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen
und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen
Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen
Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten
und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie
waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach
gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine
Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang
ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und
lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.
Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das
Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich
den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht
mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte
seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein
Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei
den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen.
Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte
10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari,
der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten
nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt
ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.
Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss
daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach
sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu
sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen
eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren
wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In
ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und
eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare
Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf
und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung.
Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya,
lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten
aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein
Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im
Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die
Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff
stattgefunden.
Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen
und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen
hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger
Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen
zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und
wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des
Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem
Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen.
Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war
dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren
verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm
die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser,
doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu
verbergen und rettete sich dadurch.
In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass
von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es
war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille
angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten
durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute
anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.
Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten
an; es war der Askari =Kiroboto=, ein ruhiger, intelligenter
Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete
er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von
riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die
Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann
verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem
Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte
ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und
ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann
nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte!
Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.
Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts
in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in
strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten;
gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch
schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli,
gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist.
Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit
der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und
Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen,
die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben
liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen -- und mir
selbst -- als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie
bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber
in Manyema.
Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze -- und vielfach ja auch
der Weisse -- einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht,
diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum
Helden erziehen.
Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach
etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen.
Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen
und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager
zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie
aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden
Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel
rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte
eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein
Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf,
ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte
Salven -- die Leute bekamen mit der Zeit Uebung -- richteten schwere
Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch
energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen
grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger -- wohl 800 an der Zahl
-- davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen
konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten
einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die
Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.
Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten
durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der
ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches
trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir
gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren
wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten.
Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei
der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere
Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden.
Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der
Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre.
Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden,
worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen
hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie
zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.
Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem
die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen
sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren
Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind
diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von
weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi
auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines
Hügels lag auch das Dorf =Uanékera=, wo wir zwischen den braunen
Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen
und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet.
Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat,
ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als
ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so
dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast
ausschliesslich davon leben können.
[Illustration: Dorf der Waschaschi.]
Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile
belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den
Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen
wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns,
freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die
Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den
die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten.
Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten
für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die
Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der
Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so
liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem
wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir
mit süss-saurer Miene von einander Abschied.
Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch
schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste --
wie ich später erfuhr -- der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte
sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen
Schaden verantwortlich zu machen.
Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das
Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen
Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche
und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen
die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp,
verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung
aus, die der =Mara=fluss als silbernes Band durchzog, der sich, an
Stelle des Rubana, als Unterlauf des =Ngare dabasch= erwies.
Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten
die Landschaft =Uaschi=, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches
Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden
Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen
die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren
kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die
Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu
vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum
hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns
freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der
Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden
ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art
getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen
auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.
[Illustration: TAFEL VII. Felsdorf in Uaschi]