dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren
mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und
lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging
es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage
tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der
Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe
ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige
verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher
Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke,
das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie
uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an.
Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem
Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir
unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass =Ikoma=, oder wie
sie es nennen, =Elmarau=, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft,
nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles
aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich
die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs
zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari
trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden
Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von
zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem
Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen
der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von
=Elmarau=. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen
und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.
[Illustration: Zusammentreffen mit Waschaschi.]
Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten
trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation
eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den
Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene
Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung
auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus =Ikoma=, die zur Jagd
hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten.
Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus
dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und
zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und
uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie
rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem
wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit
Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum,
Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren.
An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet,
ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und
kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in
deren einem wir lagerten.
Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch
viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten
Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter
Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den
der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser
Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse
gegessen.
In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen
Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben
Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch,
um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein
Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten.
Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die
erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder
zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf
wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.
Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas
summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den
afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen
untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem
Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem
Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.
Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt
von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und
Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch
grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen
zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr
grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich
waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so
spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin
schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und
ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen.
Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete
den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine
vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen
fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein
abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen
würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf
=Niasiro= auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines
Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am
Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche =Grumeti=-Bach. Auch
hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba
veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und
häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand
passiren sollten.
[Illustration: Waschaschi-Dorf in Usenye.]
Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden
eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt
hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die
vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst
freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln.
Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen
empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette
gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten
sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven
bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten.
Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane
nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.
Die weitere Reise führte uns durch =Usenye=, einer reich bebauten,
von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen
grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken
förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den
=Rubana=, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber
in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir
zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des =Ngare dabasch=,
eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits
des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen
unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen,
schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen
und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien
und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne
Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier
nur Scelette.
Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten
Punkt des Distriktes =Ikiju= bezeichnet, ein bewohntes, bergiges
Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr
einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.
Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen,
eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als
sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss
zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.
[Illustration: Angel für Welse der Waschaschi.]
Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute
Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig
zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am
nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf
steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und
dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen.
Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist
in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte
dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes
welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der
verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse,
Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum
Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten
uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.
Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen
Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom
Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche
des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer
Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die
Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.
Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch
sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die
direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und
die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese
Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten
bewältigt worden.
[Illustration: TAFEL VI. Station Mwansa am Victoria-See.]
Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen
Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See
zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren
sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger
knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches
Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer
des Nyansa beim Distrikt =Katoto=. Zwischen Feldern und zerstreuten
Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den
Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen
und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des
afrikanischen Binnenmeeres.
[Illustration: Kanu am Victoria-Nyansa.]
[Illustration]
III. KAPITEL.
Im östlichen Nyansa-Gebiet.
Katoto und Mwansa. -- Ukerewe. -- Ukara. -- Der Baumann-Golf.
-- Gefechte in Mugango. -- Die Schaschi-Länder. -- Ngoroïne. --
Ikoma. -- Kämpfe in Ututwa. -- Ntussu. -- Meatu. -- Munyihemedis
Niederlassung. -- Zur Nyarasa-Steppe. -- Der Salzfluss Simbiti.
-- Die Elephantenjäger. -- Die Weiber der Karawane. -- Usmau und
Usukuma. -- Mwansa.
In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex
des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto,
unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete
Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel.
Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten
und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen
aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute
am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa,
beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über
die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher
Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus,
die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See
belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und
Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden.
Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten
bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen
erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den
nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca.
30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen
Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am
Ufer hervorrufen.
Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige
Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht
hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war
mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.
Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung
zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere
Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt
zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer
schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren,
Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige
Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess.
(Siehe Kopfleiste des Kapitels.)
Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit
Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten
auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die
englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa
verständigt. Kompagnieführer =Langheld= machte sich sofort nach
Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude,
ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach
Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage
an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr.
Stokes ein.
Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des
Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und
mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr
Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren,
dicht bewohnten Landschaft =Nassa=, wo auf einer Anhöhe die englische
Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht
aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen
Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man
einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer.
Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine
Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher
junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen
sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess
er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl
vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus
Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig,
weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888
nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand
gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an
die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass
wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen
Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden
sollte.
Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar
keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station
für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem
englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen,
in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die
Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und
Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert
und verrosten jetzt -- ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs
vereinzelt dasteht.
Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte
Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und
langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten
Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen
dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener
Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen
an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise
waldige Insel =Yuma= bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig,
dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte
den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und
hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte
sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt
auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche
Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben,
wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder
von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet,
ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur
Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben
kann als mitten im Victoria-Nyansa.
[Illustration: Ruderblatt, Ukerewe.]
Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai
fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen
Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten
in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit
der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der
Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal,
das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit
ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der
Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen
Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die
Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese
erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30
Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den
Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt,
welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben
mit Bast verstopft.
Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen,
malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die
Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe
sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse
führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer
umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus,
sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte
musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man
die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in
tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen,
wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes
lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln
und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und
auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht
wurden.
Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und
legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer
Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann,
ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die
Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des
Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl,
wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler
Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie
getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er
bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben
und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu
stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt
hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen
sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.
Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit
dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die
reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken
bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume
gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige
Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald
darauf.
Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine
Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später
wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre
Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und
über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die
den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten
Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche
Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste
gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute
dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge
bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich
bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.
Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die
Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.
Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir
stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des
papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch
den wir nach der ärmlichen Niederlassung =Butimba= gelangten. Hier
hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von
Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland,
stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert,
ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem
mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den
Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt
als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres
Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner
des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir
denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von =Hakahi=,
zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf
der nahe gelegenen Insel =Matschwera=[1] ein weltverlassenes Dasein
führen.
[1] Matschwera wurde später von Kapitain Spring besucht und
mit den Nachbareilanden »Augusta-Inseln« getauft.
Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen
durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges.
Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus
dem die bergige Insel =Nafua= mit ihren weissen Strandriffen sich
malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen
Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen
wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto
Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am
Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte
mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene.
Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht
einschlief und dieser war ein -- Wachtposten.
Am 9. Mai überschritten wir den =Rugedsi=-Kanal, jene schmale
Strasse, welche die Insel =Ukerewe= vom Festland trennt. Er ist
zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch
welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten
und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden
sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke
Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich
hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser
ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.
Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers
gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene.
Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige
Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist,
auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die
braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.
Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war,
unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden
uns auf der gesegneten Insel =Ukerewe=, dem Lande des Häuptlings
=Lukonge=, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier
Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich
zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich
gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen,
indem er mich in sein Land einlud.