Am 30. März hatten wir den tafelförmigen =Kiruwassile=-Berg erreicht,

dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren

mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und

lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging

es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage

tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der

Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe

ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige

verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher

Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke,

das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie

uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an.

Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem

Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir

unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass =Ikoma=, oder wie

sie es nennen, =Elmarau=, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft,

nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles

aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich

die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs

zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari

trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden

Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von

zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem

Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen

der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von

=Elmarau=. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen

und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.

[Illustration: Zusammentreffen mit Waschaschi.]

Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten

trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation

eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den

Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene

Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung

auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus =Ikoma=, die zur Jagd

hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten.

Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus

dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und

zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und

uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie

rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem

wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit

Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum,

Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren.

An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet,

ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und

kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in

deren einem wir lagerten.

Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch

viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten

Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter

Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den

der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser

Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse

gegessen.

In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen

Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben

Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch,

um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein

Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten.

Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die

erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder

zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf

wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.

Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas

summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den

afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen

untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem

Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem

Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.

Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt

von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und

Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch

grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen

zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr

grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich

waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so

spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin

schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und

ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen.

Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete

den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine

vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen

fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein

abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen

würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf

=Niasiro= auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines

Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am

Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche =Grumeti=-Bach. Auch

hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba

veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und

häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand

passiren sollten.

[Illustration: Waschaschi-Dorf in Usenye.]

Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden

eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt

hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die

vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst

freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln.

Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen

empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette

gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten

sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven

bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten.

Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane

nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.

Die weitere Reise führte uns durch =Usenye=, einer reich bebauten,

von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen

grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken

förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den

=Rubana=, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber

in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir

zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des =Ngare dabasch=,

eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits

des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen

unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen,

schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen

und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien

und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne

Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier

nur Scelette.

Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten

Punkt des Distriktes =Ikiju= bezeichnet, ein bewohntes, bergiges

Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr

einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.

Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen,

eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als

sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss

zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.

[Illustration: Angel für Welse der Waschaschi.]

Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute

Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig

zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am

nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf

steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und

dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen.

Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist

in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte

dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes

welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der

verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse,

Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum

Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten

uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.

Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen

Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom

Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche

des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer

Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die

Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.

Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch

sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die

direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und

die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese

Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten

bewältigt worden.

[Illustration: TAFEL VI. Station Mwansa am Victoria-See.]

Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen

Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See

zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren

sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger

knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches

Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer

des Nyansa beim Distrikt =Katoto=. Zwischen Feldern und zerstreuten

Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den

Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen

und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des

afrikanischen Binnenmeeres.

[Illustration: Kanu am Victoria-Nyansa.]

[Illustration]

III. KAPITEL.

Im östlichen Nyansa-Gebiet.

Katoto und Mwansa. -- Ukerewe. -- Ukara. -- Der Baumann-Golf.

-- Gefechte in Mugango. -- Die Schaschi-Länder. -- Ngoroïne. --

Ikoma. -- Kämpfe in Ututwa. -- Ntussu. -- Meatu. -- Munyihemedis

Niederlassung. -- Zur Nyarasa-Steppe. -- Der Salzfluss Simbiti.

-- Die Elephantenjäger. -- Die Weiber der Karawane. -- Usmau und

Usukuma. -- Mwansa.

In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex

des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto,

unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete

Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel.

Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten

und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen

aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute

am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa,

beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über

die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher

Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus,

die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See

belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und

Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden.

Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten

bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen

erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den

nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca.

30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen

Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am

Ufer hervorrufen.

Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige

Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht

hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war

mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.

Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung

zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere

Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt

zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer

schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren,

Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige

Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess.

(Siehe Kopfleiste des Kapitels.)

Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit

Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten

auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die

englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa

verständigt. Kompagnieführer =Langheld= machte sich sofort nach

Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude,

ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach

Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage

an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr.

Stokes ein.

Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des

Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und

mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr

Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren,

dicht bewohnten Landschaft =Nassa=, wo auf einer Anhöhe die englische

Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht

aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen

Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man

einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer.

Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine

Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher

junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen

sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess

er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl

vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus

Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig,

weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888

nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand

gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an

die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass

wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen

Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden

sollte.

Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar

keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station

für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem

englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen,

in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die

Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und

Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert

und verrosten jetzt -- ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs

vereinzelt dasteht.

Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte

Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und

langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten

Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen

dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener

Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen

an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise

waldige Insel =Yuma= bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig,

dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte

den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und

hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte

sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt

auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche

Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben,

wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder

von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet,

ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur

Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben

kann als mitten im Victoria-Nyansa.

[Illustration: Ruderblatt, Ukerewe.]

Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai

fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen

Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten

in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit

der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der

Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal,

das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit

ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der

Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen

Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die

Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese

erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30

Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den

Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt,

welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben

mit Bast verstopft.

Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen,

malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die

Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe

sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse

führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer

umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus,

sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte

musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man

die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in

tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen,

wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes

lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln

und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und

auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht

wurden.

Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und

legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer

Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann,

ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die

Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des

Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl,

wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler

Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie

getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er

bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben

und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu

stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt

hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen

sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.

Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit

dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die

reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken

bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume

gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige

Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald

darauf.

Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine

Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später

wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre

Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und

über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die

den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten

Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche

Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste

gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute

dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge

bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich

bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.

Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die

Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.

Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir

stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des

papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch

den wir nach der ärmlichen Niederlassung =Butimba= gelangten. Hier

hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von

Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland,

stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert,

ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem

mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den

Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt

als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres

Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner

des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir

denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von =Hakahi=,

zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf

der nahe gelegenen Insel =Matschwera=[1] ein weltverlassenes Dasein

führen.

[1] Matschwera wurde später von Kapitain Spring besucht und

mit den Nachbareilanden »Augusta-Inseln« getauft.

Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen

durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges.

Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus

dem die bergige Insel =Nafua= mit ihren weissen Strandriffen sich

malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen

Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen

wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto

Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am

Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte

mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene.

Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht

einschlief und dieser war ein -- Wachtposten.

Am 9. Mai überschritten wir den =Rugedsi=-Kanal, jene schmale

Strasse, welche die Insel =Ukerewe= vom Festland trennt. Er ist

zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch

welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten

und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden

sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke

Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich

hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser

ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.

Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers

gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene.

Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige

Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist,

auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die

braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.

Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war,

unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden

uns auf der gesegneten Insel =Ukerewe=, dem Lande des Häuptlings

=Lukonge=, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier

Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich

zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich

gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen,

indem er mich in sein Land einlud.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 5 / 41 段