Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht

und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war

noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da

sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden

wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen,

Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem

es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man

ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach

dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz

selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.

Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb

übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen.

Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir

durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens

Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter

Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche

von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern

sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht

bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass.

Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs

verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen,

dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn

auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein

tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von

unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war,

zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken,

stundenweit getragen!

[Illustration: Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau.]

Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der

Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns

der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war

und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr

erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die

Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns

zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers.

Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach

plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer

Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr

losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war

der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend

hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem,

tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade

auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns,

ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den

Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die

»flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig

imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die

Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh

abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und

trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu

gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er

hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei,

sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart

der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).

Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald

einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden

bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte

Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden;

die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der

Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen

Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den

prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen

dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.

Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten

Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den

Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen

sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden

Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines

Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von =Ngorongoro=

hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See

einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist.

Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles.

Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber

Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend

zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten

Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich

zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald

waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und

schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds

Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das

Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später

kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels:

die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie

sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich

trübsinnig und magerte sichtlich ab.

Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der

Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten

Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft

bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön

begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt.

Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit,

prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und

glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro

erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich

keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber

belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich

wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten

die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich

grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus

und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die

breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein

grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und

drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den

benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche

hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im

Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.

Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen

wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle

angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen

den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt

ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige

Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine

der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.

Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen.

In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren

ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten

Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure

Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo

und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das

Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr

schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem

sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne

heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.

Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung

einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste

Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten

umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor

den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und

Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen

mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein

ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den

ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den

Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener

Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind.

Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen

der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen

als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen

konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute

verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch

Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie

nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die

gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit

war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie

waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte

entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in

Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender

Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot

sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung

wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum

Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als

wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und

sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen

kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich

dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete

ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom

Hungertode.

[Illustration: Massai-Kraal.]

Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem

Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war,

um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen

Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns

beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle,

schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog

Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein

Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition

mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so

besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten

der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn

nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann

man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich

stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht

man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel

in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf

einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man

es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so

schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den

Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell

ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod

hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der

»anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die

Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich

verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster

Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.

[Illustration: TAFEL V. HUNGERNDER MASSAI]

Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll

meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall

auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand

einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue

besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.

Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss

krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für

solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte

Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den

Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit

eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches

mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche

die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am

nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser

Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben

ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der

uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,«

sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid

verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit

thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen

fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch

tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.

Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels

hinan und erreichten das Plateau von =Neirobi=. Dasselbe hat

2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem

Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten

behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem

Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner

jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten.

Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element

fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu

sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli)

mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog

mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei

halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und

mit Kuhmilch gefüttert wurde.

Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte,

neblige Plateau von =Neirobi=, stets durch prächtiges Weideland,

dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten

ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und

fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger

Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen

liess.

Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die

Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich

beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens

nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren

Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure

Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah,

wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der

Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See,

dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer

stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer

schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen

gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob

sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war,

wie ich später erfuhr, der =Gurui=-Berg, den ich schon in Umbugwe

gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung

erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde

von den Massai =Eyassi=-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch

grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe

Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon

damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.

Wir schlugen unser Lager auf einer beherrschenden Kuppe am Rande des

Steilabfalles auf und von meinem Zelt aus genoss ich den herrlichen

Anblick des sonnenbestrahlten Sees, den ich als erster Europäer

schaute. Am 24. März unternahm ich mit einigen Askari und einem

Massaiführer den Abstieg zum See. Pfadlos kletterten wir durch

vegetationsreiche Schluchten, überschritten Bäche und gelangten

schliesslich an den letzten sehr steilen Abfall, der dicht mit

Aloë, Euphorbien und Stachelgestrüpp bedeckt war. Auch durch dieses

Dickicht erkämpften wir unsern Weg, mussten eine fast senkrechte,

sandige Tuffwand überschreiten und gelangten bei glühender Hitze

Nachmittags an einen Bach am Seeboden. Ein heftiger Fieberanfall

nöthigte mich, dort zu verbleiben und ich sandte einige Askari zum

nahen Seeufer um Salz- und Wasserproben einzusammeln. Von Moskitos

gequält, von zahlreichen Hyänen umheult, verbrachten wir die Nacht

am Bach und stiegen am nächsten Tage auf besserem Wege durch ein

schönes, von Phönixpalmen erfülltes Thal zur Höhe. Schon unterwegs

begegneten wir Leuten vom Lager, die ausgezogen waren, uns zu suchen,

da man uns schon Tags vorher zurück erwartet hatte. Im Lager wurden

wir mit Freudengeschrei empfangen, da man schon ernstlich um uns in

Sorge gewesen war und die Leute baten mich dringend, keinen Ausflug

mehr, und sei es der kleinste, ohne ihre Begleitung zu machen.

Durch welliges Land mit dunklem, lehmigem Boden auf dem viel Klee

gedieh, gings am 26. weiter zum =Njogomo=-Bach der dem Eyassi-See

zufliesst. Am 27. stiegen wir über eine Höhe und dann sanft ab zur

weiten, fast baumlosen Ebene von =Serengeti=. Dieselbe hat weit

weniger schönes Weideland als Mutyek, ist sehr sanft gewellt und

von flachen Thalrissen durchzogen. Hier lagen einige Massai-Kraals

zerstreut in deren Nähe Ziegen weideten. Während wir vorbeizogen,

kamen alte Leute, Elmoruo, an und riefen uns zu, dass die Krieger mit

uns Frieden halten wollten falls wir ihnen einen Tribut an Rindern

geben würden. Wir antworteten durch Mabruki Massai, den Findling

von Donyo Lukutu, dass uns unter diesen Umständen an einem Frieden

nichts gelegen sei. Mabruki, der ja selbst Elmoran gewesen, und die

Sitten der Massai natürlich genau kannte, erklärte, dass die Krieger

uns nun bestimmt angreifen würden. Thatsächlich kamen einige hundert

Leute auch bald mit geschwungenen Speeren hinter uns hergelaufen.

Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen, über diese Krieger einen

»glänzenden Sieg« zu erringen, den Kraal zu »stürmen« und die Ziegen

zu erbeuten, ich bemitleidete jedoch diese Hungerleider, die in

ihrem Raubanfall nur dem Gebote des Magens folgten und begnügte mich,

sie durch einige wohlgezielte Kugeln zu verjagen. In 5 Minuten war

kein einziger mehr zu sehen. Die Karawane hatte ihren Marsch keinen

Augenblick unterbrochen. Das war unser einziges »Gefecht« mit Massai,

den blutgierigen, furchtbaren Räubern, deren Gebiet, »nur mit 1000

Europäern« passirbar ist.

Die Bodenschwellungen verschwanden bald gänzlich und über eine

leicht geneigte, staubige Ebene ging es abwärts. Wild, welches am

Neirobi-Plateau spärlich gewesen, war hier wieder in grossen Mengen

sichtbar, in langer Reihe, gleich einer Kavallerie-Abtheilung liefen

Strausse mit Windeseile durch die Steppe. Bei einem einzelnen,

Wasserlöcher enthaltenden Felshügel, =Duvai=, lagerten wir und

waren bald von zahlreichen Wandorobo umgeben, die hier in grösserer

Zahl leben. Sie waren hier keineswegs jener elende Pariastamm, als

welchen man diese Jäger sonst kennen lernt, sondern ein schöner,

hochgewachsener Schlag und mit ihren kräftigen Bogen und vergifteten

Pfeilen keineswegs zu verachtende Gegner. Die Jagd schützt sie vor

dem Hunger, ja manchmal unternehmen sie auch Raubeinfälle in das

bewohnte Gebiet von Usukuma und treiben Vieh fort, welches sie jedoch

nicht züchten, sondern sofort schlachten. Gegen uns benahmen sie sich

freundlich und mit Leichtigkeit bekam ich hier Sprachproben dieses

merkwürdigen Jägervolkes.

Der nächste Tag führte uns durch flaches, von seichten, meist

wasserlosen Senkungen durchzogenes Land. Eine derselben enthielt den

kleinen Salzsee Lgarya, dessen Ufer von zahlreichen Flamingos belebt

ist. Dichte Staubwolken begleiten hier den Gang der Karawane, die

Schirmakazie, jener echte Nyikabaum trat auf, wir waren wieder im

Steppenland.

Gegen Mittag des 29. März verschwanden auch die Akazien und wir zogen

durch eine weite, fast völlig baumlose Grasebene, eine richtige

Prairie, aus welcher im Nordwesten die flache Kuppe Kiruwassile

auftauchte. Selbst Wild war in dieser Einöde selten, doch begegnete

man auf Schritt und Tritt Gnu-Sceletten, von Thieren, die der Seuche

erlegen waren. Unser Ziel bildete eine einzelne Akazie, die wir

stundenweit vorher sahen und an deren Fuss sich Löcher mit lehmigem

Wasser befanden. Der Marsch war ein besonders anstrengender gewesen,

da die Leute ausser ihren Lasten auch Brennholz mitnehmen mussten,

welches es in dieser Graswüste nicht giebt.

Die Wirkung der langen Märsche, sowie jene der ungewohnten

Fleischnahrung machte sich bei der Mannschaft überhaupt schon

geltend. Die Pangani-Leute allerdings, die an Massai-Reisen gewöhnt

sind, hielten sich vorzüglich, die aus Bagamoyo dagegen litten

schwer. Selbst grosse Portionen konnten ihren an Pflanzenkost

gewöhnten Magen nicht sättigen, Fälle von Entkräftung verbunden mit

ruhrartigen Zuständen traten ein. Dann ergriff einzelne Leute ein

Zustand völliger Muthlosigkeit, sie legten sich am Wege nieder und

erklärten sterben zu wollen. In solchen Fällen that Mzimba mit ein

paar Kurbatschhieben oft Wunderwirkung: der Sterbende erhob sich

und marschirte weiter. Anders freilich war es, wenn es einem der

Leute gelang, sich abseits von der Route im Grase zu verbergen, wo

er ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser dalag, den Tod erwartend.

Im Lager wurde er natürlich vermisst und Askari, die keine Müdigkeit

kennen durften, ausgesandt ihn zu suchen. Meistens wurden solche

Leute aufgefunden und gerettet, in manchen Fällen aber brach die

Nacht herein, die Askari kamen unverrichteter Sache zurück und wenn

draussen die Hyänen ihr grässliches Konzert begannen, wussten wir,

dass unser Kamerad verloren war.

Durch Massailand zur Nilquelle · 第 4 / 41 段