liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken
schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen
erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab,
auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen,
denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite
Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten,
desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse
durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man
saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.
Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am =Donyo Kissale=. Auch
dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren
noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst
Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden
Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er
wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem -- Raubzug
befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert.
Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die
ganze Reise mitgemacht.
Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch
Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus.
Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab
Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane
gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus
dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.
Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein,
im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir
nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von
Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall
in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des
Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der
Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.
Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser
abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich
gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir
stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und
in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.
Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir
betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten
einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure
Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke
Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in
dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des
ostafrikanischen Grabens vermuthete.
Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die
Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland
Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in
der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte
dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu.
Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten
wir einen Fusspfad -- den ersten seit Aruscha -- und begegneten bald
darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und
spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel
von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von
=Umbugwe=.
Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus,
auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe,
siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln,
verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern,
Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall
des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich
schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild
und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren
wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten
des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es
hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem
Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann
schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt,
damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe.
Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch
keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir
ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das
Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane
einherschritt.
Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings =Mtakayko= auf. Da
wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten
konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt,
die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben.
Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen
wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich
dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie
schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in
schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf
die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu
sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht,
mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.
Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran,
brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre
Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu
verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe
zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess
dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte
dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.
[Illustration: Junger Mann aus Umbugwe.]
Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es
entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der
seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast
gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager.
So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht
hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig
sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter,
die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten
und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden
statt.
Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten
des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde,
dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und
die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten
Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die
Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!«
und enteilte schleunigst.
Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des
Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten,
die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe,
durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und
von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt
es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher
meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben
zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck
des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu
schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots
zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher
Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute
unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr
am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das
Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den
Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher
den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten
Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der
noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin
einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile
liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen
Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch
Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den
abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir
noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde
im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht
Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse
Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die
sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh
und Esel.
Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das
Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala,
doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren
und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe
den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im
Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte.
Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal
lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen
Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager
zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe
(Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde
von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten
wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet,
Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen.
Aber Niemand kam.
Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu
entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar
machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog
bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten
Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem
stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern
leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass
die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer
gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches
zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben,
durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert
wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen
machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen
blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit
frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung
schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien.
Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon
anzunehmen, dass die Wambugwe sie -- wie ihre eigenen Todten vom
vorigen Tage -- fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern
und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte
Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten,
von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen
der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr
erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer
Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss
er nieder -- sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt -- einen
zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche
Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt,
sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der
Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte -- er war
seinem Herrn in den Tod gefolgt.
Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere
Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen
leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der
Schrecken aller Gegner -- die Massai nicht ausgenommen -- gewesen
war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren
der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr
dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar,
dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss
war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung
nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu
stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.
[Illustration: TAFEL IV. WAMBUGWE]
Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören
lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen
und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter
Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen
abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich
mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber
wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute,
die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung -- also nach
ihrer Ansicht ausser Schussbereich -- das Lager betrachteten, wurden
durch eine Kugel auseinander gesprengt.
Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter
Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli,
winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager.
Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani --
meist Magati genannt -- der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf
den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu
uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam,
wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in
die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende
Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich
theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den
Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen
Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr
unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete
Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die
eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den
ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten
Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die
Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.
Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua
(Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der
Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen,
stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr
finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen
die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte.
Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die
sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt
ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.
Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen,
die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr
zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu
besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da
es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen
würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder
und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne
liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren,
welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso
wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es
ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen
Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir
den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des =Kwou=.
Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern
bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch
an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch
an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess
bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige
Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser
den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze
Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert
Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das
Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte
der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen
grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich
anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch,
die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie
leicht, durch mehrere Schüsse.
Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs
einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen
weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete.
Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh
waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern
und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai,
dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse
vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes
Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den
übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari
getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als
die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in
der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal
störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von
frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane
niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden
täglich vier Rinder geschlachtet.
Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts
zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und
dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach
wenigen Stunden erreichten wir das Südende des =Manyara=-Sees, den
wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite,
glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse
Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und
ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches
thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang
wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf
dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls
reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare
Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen
wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei,
die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das
jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten
ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den
abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.
Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand
mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer
dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der
See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden
Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter
schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in
anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.
Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in
die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns
einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die
mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für
Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten
und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie
schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst
dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe,
sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde
abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst
waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die
ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden
der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen,
den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach
landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes
Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese
die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.
Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende
Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und
Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts.
Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne
tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner
weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten.
Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist
von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse
einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem
Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) =Leïlelei=,
der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der
Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und
früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer
Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti
als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns
ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über
Leïlelei--Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt,
was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine
nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere
Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung
kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.
Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber
den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler
Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die
Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst
gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte
uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier
in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen
Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine
der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.
Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche
rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten
dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur
einen kurzen Marsch und lagerten am =Lmorro=-Bach, wo wir uns einen
Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust
an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere
Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt
hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich,
dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod
herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als
Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.