Kibabasystem benutzt, welches ungleich billiger und praktischer
ist. Bei der Massai-Reise, wo ich oft auf Monate Proviant für die
Mannschaften mitnehmen musste, wäre das Mikonosystem geradezu ein
Unding gewesen. Dasselbe verdankt seinen Ursprung hauptsächlich
der Abneigung vieler Europäer, für die Verpflegung ihrer Leute zu
sorgen. Sie geben denselben ihre Mikono und überlassen es ihnen,
sich Nahrung einzukaufen. Auf grossen Karawanenstrassen mag dies ja
ganz bequem sein, bei Forschungs-Expeditionen hat es jedoch seine
sehr grossen Nachtheile. Vor Allem haben viele Leute garnicht genug
Einsicht, um mit ihren Tauschwaaren sparsam umzugehen. Sie verprassen
die erhaltenen Mikono gleich nach Empfang und müssen dann bis zum
nächsten Poscho-Tage hungern oder bei den Eingeborenen mausen.
Dabei kann der Reisende seinen Leuten nicht verbieten, das Lager zu
verlassen und unter dem Vorwand Nahrung einzukaufen, weit abseits
umherzuschweifen, was auf die Disziplin schädlich einwirkt und in
feindlichen Gegenden geradezu verhängnissvoll werden kann. Ferner
ist das Mikonosystem eine Quelle fortwährender Unzufriedenheit. Denn
weiter im Innern ist das Baumwollzeug mehr werth, und der Reisende
sieht sich veranlasst, die Zahl der Mikono herabzusetzen, was stets
Stürme der Entrüstung und nicht selten Desertionen veranlasst. Der
Mann dagegen, der vom ersten bis zum letzten Reisetag seine Kibaba,
Lebensmittel, erhält, an welchen er sich sattessen kann, ist stets
zufrieden und kümmert sich wenig darum, ob der Expeditionsleiter,
der für ihn eine Art Vorsehung ist, sie billig oder theuer erworben
hat. Jagd- und Kriegsbeute, sowie die reichen Geschenke der
Inlandhäuptlinge, kommen direkt der Expedition zu Gute, während
sie beim Mikonosystem oft geradezu schädlich wirken. Denn wenn der
Mann auch im Ueberfluss schwelgt, so wird er doch seine gewohnten
Mikono verlangen und diese auf zwecklose Weise durchbringen, was zu
vielfachem Unfug Veranlassung giebt.
Zur Poschozeit werden auch die Kranken von dem dazu bestimmten
Askari vorgeführt und so gut als möglich von mir behandelt. Vor
Sonnenuntergang, kurz bevor ich mein Nachtmahl einnehme, treten die
Askari an und machen etwa eine halbe Stunde Gewehrgriffe. Dann wird
die Wache für die Nacht abgetheilt. Während der ganzen Reise stellte
ich allnächtlich vier Wachtposten auf, die unter kriegerischen
Verhältnissen auf sechs und acht verstärkt wurden. Ununterbrochen
riefen dieselben mit lauter Stimme die arabischen Zahlen, das beste
Mittel, um sich wach zu erhalten. Wenn das Wasser entfernt liegt,
so ziehen schon während der Wachabtheilung kleine Trupps von Leuten
mit Gefässen aus, um für die Nacht und den nächsten Morgen Wasser
zu schöpfen. Denn sowie es dunkel geworden, schlägt der Trommler den
Zapfenstreich und ruft die Befehle für den nächsten Tag, vor Allem ob
marschirt wird oder nicht, aus. Dann darf Niemand mehr hinaus und das
Lager verstummt allmählich.
Eine Weile noch flüstern einzelne Gruppen bei den glühenden
Lagerfeuern, doch bald sinkt alles in tiefen Schlaf. Eintönig
erschallen die Rufe der Wachtposten um das Lager, draussen jedoch
werden die Stimmen der Wildniss laut. Die Hyänen heulen und lachen in
widerlicher Weise, manchmal ertönt ein mächtiger Ruf: das Gebrüll des
Löwen. Doch trotz allem Lärm schläft man schliesslich ein, bis das
Rasseln der Trommel am nächsten Morgen zu neuer Thätigkeit ruft.
Man darf allerdings nicht glauben, dass solch regelmässiger
Dienstgang gleich von Anfang an durchführbar ist. Erst herrscht
unglaubliche Unordnung, die ungeübten Leute marschiren schlecht
und sind nicht vom Fleck zu bringen, im Lager entwickelt sich ein
unendlicher Wirrwar. Die beiden Hauptmittel des Expeditions-Chefs:
Geduld und Kurbatsch bringen täglich mehr Ordnung in das Chaos, doch
braucht es immerhin fast einen Monat bis Alles im Gange ist und Jeder
seine Thätigkeit genau kennt. Der eigentliche Lohn für die Mühen der
ersten Zeit tritt aber nach mehreren Monaten ein: dann geht alles
wie geölt, so dass die Leute selbst ihre Freude daran haben und der
Kurbatsch, welcher anfangs täglich viel zu thun hatte, verlässt nur
selten mehr seinen Ehrenplatz im Gürtel Mzimba's.
Freilich, wer die zügellose wüste Schaar gesehen hätte, die am Morgen
des 16. Januar mit mir =Amboni= verliess, der hätte wohl kaum geahnt
wie wohlerzogen und tüchtig diese Leute noch werden sollten. Mit Horn
und Trommel voran gings unter stetem Jubelgeschrei durch's Digoland,
so dass die erschreckten Wadigo mit Weib und Kind ihre Dörfer
verliessen und spornstreichs in den Busch entsprangen.
Der Augenblick, das Digoland zu besuchen, war gerade kein günstiger.
Wenige Wochen vorher hatten die Wadigo wieder einmal zuviel Palmwein
getrunken. Sie, die immer ganz gute Unterthanen waren, rissen auf
einmal die deutsche Flagge herab und erklärten sich für unabhängig.
Einen deutschen Offizier, der mit wenigen Soldaten und sehr wenig
Munition hinkam, um sie zur Vernunft zu bringen, empfingen sie
mit heftigem Feuer. Unter den obengenannten Umständen musste er
sich nach kurzer Gegenwehr zurückziehen, wobei ihn die Wadigo
bis Amboni verfolgten und die Scheunen der Pflanzer-Gesellschaft
niederbrannten. Nun wurde Ernst gemacht. Dampferweise kamen Soldaten
aus Dar-es-Salaam und Freiherr von Bülow wurde beauftragt, die Wadigo
zu pacificiren. Es gelang ihm dies sehr leicht; nach den ersten
Schüssen liefen die Wadigo davon und das übliche Strafverfahren mit
Dorfbrennen und Viehforttreiben konnte eingeleitet werden.
Drei Tage nachdem Freiherr von Bülow das Land verlassen, langte ich
mit meiner Expedition darin an. Begreiflicherweise mussten die Wadigo
in dem Erscheinen von 200 Bewaffneten, die mit Lärm und Trommelschall
einzogen, einen neuen Rachezug sehen. Sie suchten das Weite, und als
wir unter einem prachtvollen Baum vor dem Dorfe =Gombelo= lagerten,
sahen wir keine Seele. Einige Träger, die sich von der Karawane
entfernt hatten, wurden abseits mit Pfeilen beschossen.
So stand ich denn vor der Nothwendigkeit, entweder meine Leute gleich
in den ersten Tagen hungern zu lassen oder schon hier, so nahe an
der Küste, mit dem leidigen Fouragiren zu beginnen. Das erstere hätte
zweifellos viele Desertionen, möglicherweise den Ruin der Expedition
veranlasst, ich zögerte also nicht, den Leuten zu erlauben, den zur
Nahrung nöthigen Maniok aus den Feldern zu ziehen. Dass diese es
dabei nicht bewenden liessen und wohl auch manchmal ein Hühnchen
mitgehen liessen, ist bei der begreiflicherweise noch mangelhaften
Disziplin in einer drei Tage alten Expedition nicht verwunderlich.
Bemüht, möglichst rasch aus diesen unangenehmen Gegenden zu kommen,
zogen wir durch die damals völlig menschenleeren Distrikte von
Mgandi, Kaerua und Buiti. Erst in =Daluni=, das zwischen prachtvollen
Kokospalmen am Fusse des Usambára-Gebirges liegt, liefen die Leute
nicht davon und wir konnten Lebensmittel einkaufen, womit ich die
leidige Wadigo-Affaire für erledigt hielt. Dieselbe hatte aber noch
ein Nachspiel. Als nämlich die Wadigo erfuhren, dass sie diesmal
nicht »amtlich« geplündert worden waren, führten sie beim Bezirksamt
Klage. Dieses leitete die Klage weiter, nach Dar-es-Salaam, nach
Berlin, nach Coblenz, wo das Antisklaverei-Komite veranlasst wurde,
eine Schadenersatz-Summe zu zahlen. So löste sich denn alles in
Wohlgefallen auf: die Wadigo bekamen ihr Geld, welches ihre Verluste
an Maniok und Hühnern mindestens zehnfach deckte, das Bezirksamt
hatte sein »amtliches« Recht durchgesetzt, das Komite hatte gezahlt
und konnte zahlen, da es wusste, dass mein Vorgehen im Interesse
der Expedition dringend geboten war -- und ich zog inzwischen, von
allen diesen »amtlichen« Vorgängen nichts ahnend, landeinwärts, der
unamtlichen afrikanischen Freiheit zu!
Ein kurzer Aufenthalt in Daluni diente dazu, die wenigen Nachzügler
bei der Karawane zu versammeln, und am 22. Januar traten wir den
Marsch längs der steil ansteigenden felsigen Mschihui-Berge durch die
Umba-Nyika an. In Folge des ungewöhnlich frühzeitigen und reichlichen
Regens hatte die Steppe gewissermaassen ihr Frühlingskleid angelegt.
An Stelle der gelben harten Gräser sprossen zarte junge Halme
hervor, die Baobabs, die sonst ihre mächtigen Aeste blattlos in
die Lüfte recken, zeigten reiches Laub, und selbst die Akazien und
Dornbüsche verhüllten ihre stachlige Aussenseite mit dichtem Grün.
Von Wassermangel war keine Rede; die Bäche, die sonst als trockene
Gräben nur Marschhindernisse bilden, führten das erfrischende Nass
in Mengen und Niemand beachtete die Wasserbaobabs, jene natürlichen
Baumcisternen, die oft in der trockenen Zeit aus den unversiegbaren
Wasservorräthen ihrer Innenhöhlung dem Wanderer Labsal bieten.
Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der
Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig
geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich
benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von
Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder
der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort
niedergelassen hatten.
Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nach =Mnasi=, wo mein
alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch
die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren,
beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt
auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es
wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi
»Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden
gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die
Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1
Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp
bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte
die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras
entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer
des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf,
dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte.
Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu
verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir
lagerten, erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches
Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der
Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in
seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen
schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen
und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach
einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's, =Kisuani=,
jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten
reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch
manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen
Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der
deutschen Flagge empfing.
Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die
Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn
dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war
mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition
den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des
Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der
Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass
die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller
Magen ist für den Afrikaner -- und vielfach auch für den Europäer --
gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer
ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend,
sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen
mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem
Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess
ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte
zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal
sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte
sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen
»Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).
Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das
Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte,
wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in
Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima
er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte,
mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen
der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf
und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition.
An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise
nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand
sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See
geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu
haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr
unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen.
Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von
ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich
Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.
Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen
Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und
Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren
Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der
Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel-
und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses
Gebirges, wo wir uns im Lagerplatz =Pare ya Baussi= mehrere Tage
aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen
und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der
schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen
Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils
Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge,
theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der
Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich
aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie
schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und
Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem
Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo,
denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai
zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel
Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als
günstig.
Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen
Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der
sich Elmóruo =Ndaikai= nannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum
Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es
unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar
über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen,
nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich
befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen,
versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine
so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten
ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus
einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn
an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen
Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in
Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener
Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr
Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken,
dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er,
als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb,
die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich
Thränen vergoss.
Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf
breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der
Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar
ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche
Oase =Aruscha=. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet
sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat,
abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und
wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere
der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei
meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling
Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem
üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung
diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.
[Illustration: TAFEL III. Manyara-See und der Simangori-Berg.]
Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus
Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit
deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen
besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt.
Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von
früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz
für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die
eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge,
das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt,
bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter
lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht -- ein weisser
Fleck auf der Karte.
[Illustration: Lagerscene.]
[Illustration]
II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.
Die östliche Massai-Steppe. -- Umbugwe. -- Der Manyara-See. -- Das
Mutyek-Plateau. -- Ngorongoro. -- Der Eyassi-See. -- Serengeti. --
Ikoma. -- Katoto.
Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern
eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in
Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40
Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien
mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während
von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches
Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für
vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer
Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen
Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die
Massai -- die eben nur Viehräuber sind -- ihnen irgend welche ernste
Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts
weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen,
und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte,
erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die
Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich,
und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen
bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur
zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und
ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf
rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der
Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt,
dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das
Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich
also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte
nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die
über Umbugwe.
Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden,
setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten
Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land
mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief
einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der
Litemaberge nach =Njoronyór= (Sickerwasser), einer dem Berghang
entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien
gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt
war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges
Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste
der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener
schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande
sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden
Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.
Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der
Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe
abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen
öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln,
die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur
eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als
Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai
durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse,
nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine
scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten
einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle
ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei
Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.
Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den =Benne=-Berg,
dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai
Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die,
von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von
ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes
Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm.
Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab
unsere Kostgänger.
Zwischen Benne-Berg und =Sogonoi= dehnt sich eine fruchtbarere
Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren
Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags
trafen wir auf den Felsblock =El Muti=, in welchem sich ständige
Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit
prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der
21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum
=Donyo-Lukutu=, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines
Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen
einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich
Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem
benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der
jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein
Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr
habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten
abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde
er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine
Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er
fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er
doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai«
noch recht nützlich.
Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man
einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen
Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit
den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem
schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges
als grossartigen Hintergrund.
Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der
fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am
Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings
in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe
aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare
Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel,
Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und
Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten
Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde
Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der
Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen
und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.