KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus.
Sie sagte: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun =muß= Johannes sich
=bald= mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich
dich, Kroll.
KROLL. Nun .. und --?... Was antwortest du?
ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so
unerhörtes --! Die einzig richtige Antwort wäre, dir die Tür zu weisen.
KROLL (steht auf). Sehr wohl.
ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr,
-- seit dem Tage, da Beate uns verließ, -- haben Rebekka West und ich
immer hier =allein= auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du
Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen
Augenblick bemerkt, daß du an unserm Zusammenleben Anstoß genommen
hättest.
KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine
-- Freigewordne waren, die dies Zusammenleben führten.
ROSMER. Ah --! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und
Freigewordne das Reinheitsgefühl haben können? Du glaubst nicht, daß sie
das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können!
KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen
Glauben hat, leg ich keinen großen Wert.
ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem
Verhältnis zwischen mir und Rebekka --?
KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es
wohl keinen unergründlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken
und -- hm.
ROSMER. Und was --?
KROLL. -- und der freien Liebe, -- wenn dus denn unbedingt hören willst.
ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich
seit meiner frühsten Jugend kennt!
KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit
denen du verkehrst, beeinflussen läßt. Und diese deine Rebekka --. Na,
dies Fräulein West, -- die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher.
Kurz und gut, Rosmer, -- ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, --
suche dich bei Zeiten zu retten.
ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern --?
(FRAU HILSETH blickt durch die Tür links herein.)
ROSMER. Was wollen Sie?
FRAU HILSETH. Ich sollte Fräulein bitten runter zu kommen.
ROSMER. Das Fräulein ist nicht hier.