ROSMER. Der hat ihm also genützt --

KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu

nähern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten --

unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu

setzen.

ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein?

KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter

deinem Rücken irgend ein Spiel getrieben wird.

ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb -- Fräulein West,

auf die du anspielst?

KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für =ihre= Handlungsweise volles

Verständnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen --!

Aber trotzdem --

ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich -- wir

haben gar keine Geheimnisse vor einander.

KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des

»Leuchtturms« in Briefwechsel getreten ist?

ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel

mitgab?

KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich

in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als

Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen sucht?

ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich

nicht einmal daran gedacht. Und übrigens hat sie selbstverständlich die

Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, -- grade wie ich.

KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du

eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Fräulein West vermutlich

ebenfalls?

ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg

gebahnt.

KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!

ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das?

KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage -- nicht denken

=will=. Nein, nein; laß mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja

wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls?

Nicht wahr?

ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten.

KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, -- und die verlangen eine

Antwort -- eine vollständige Erklärung deinerseits ... Bist du damit

einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle?

ROSMER. Verhör?

KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu

werden dich vielleicht peinlich berührt. Siehst du, -- die Sache mit

deinem Abfall, -- na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst --

die hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir

in deinem eignen Interesse Auskunft geben.

ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu

verheimlichen.

KROLL. Schön. So sage mir denn, -- was war nach deiner Ansicht der

eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte?

ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger

ausgedrückt: kann man nach den Gründen forschen, die ein unglückliches

krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen leiten?

KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war?

Jedenfalls waren die Ärzte der Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen.

ROSMER. Hätten die Ärzte sie =einmal= so gesehn, wie ich sie bei Tag und

bei Nacht unzähligemal gesehn, sie hätten nicht gezweifelt.

KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht.

ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir

ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, -- von der

sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir

dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich

in den letzten Jahren folterte!

KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne

Kinder bleiben würde.

ROSMER. Ja, überlege dir also selbst --! Eine solch jagende grauenvolle

Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten --! Und sie wäre

zurechnungsfähig gewesen!

KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest,

die vom Zweck der Ehe handelten -- nach der fortgeschrittnen Auffassung

unsrer Zeit selbstverständlich.

ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk

geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung.

Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig

waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch

und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen

gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.

KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme

gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du

glücklich -- und frei -- und nach deinem Belieben leben könntest.

ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?

KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In

ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und

Verzweiflung zu klagen.

ROSMER. Wegen derselben Sache?

KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff

abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen.

ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar

unmöglich! In diesem Punkte mußt du dich irren.

KROLL. Warum?

ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen

Zweifeln kämpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und

Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka --

KROLL. Rebekka?

ROSMER. Nun ja, -- Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.

KROLL. Das hab ich bemerkt.

ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen

Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir

darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.

KROLL. Die Ärmste, -- sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden.

ROSMER. Und warum hast du das nicht getan?

KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne

verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann

kam sie zum zweitenmal -- etwa vier Wochen später. Da war sie

anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf

Rosmersholm bald das weiße Roß erwarten.«

ROSMER. Ja ja. Das weiße Roß, -- davon sprach sie so oft.

KROLL. Und als ich ihr diese trüben Gedanken auszureden suchte, gab sie

nur zur Antwort: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes

sich bald mit Rebekka verheiraten.«

ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da --! Ich mich verheiraten

mit --!

KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte

sie sich vom Steg hinab in den Mühlbach.

ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt --!

KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald

sterben.

ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem --; es war deine =Pflicht=, uns zu

warnen.

KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät.

ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später --? Warum hast du mir dies

alles verschwiegen?

KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen?

Ich hielt ja das alles für lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis

gestern abend.

ROSMER. Also jetzt nicht mehr?

KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du

würdest dem Glauben deiner Väter untreu werden?

ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das

unbegreiflichste, was ich mir denken kann.

KROLL. Unbegreiflich oder nicht, -- so verhält es sich nun einmal. Und

jetzt frag ich dich, Rosmer, -- wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten

Anklage? In der letzten, mein ich.

ROSMER. Anklage? War denn =das= eine Anklage?

KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den =Wortlaut= geachtet. Sie wolle

fortgehn, sagte sie --. Warum? Nun?

Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen · 第 36 / 57 题