'Histrischer Krieg' und des Aulus Furius (um 650 100) 'Jahrbuecher

(vielleicht) des Gallischen Krieges', die allem Anschein nach

unmittelbar da fortfuhren, wo Ennius in der Beschreibung des Histrischen

Krieges von 576 (178) und 577 (177) aufgehoert hatte. Auch in der

didaktischen und elegischen Poesie erscheint nirgends ein hervorragender

Name. Die einzigen Erfolge, welche die rezitative Dichtkunst dieser

Epoche aufzuweisen hat, gehoeren dem Gebiete der sogenannten Satura an,

derjenigen Kunstgattung, die gleich dem Briefe oder der Broschuere jede

Form zulaesst und jeden Inhalt aufnimmt, darum auch aller eigentlichen

Gattungskriterien ermangelnd, durchaus nach der Individualitaet eines

jeden Dichters sich individualisiert und nicht bloss auf der Grenze

von Poesie und Prosa, sondern schon mehr als zur Haelfte ausserhalb

der eigentlichen Literatur steht. Die launigen poetischen Episteln, die

einer der juengeren Maenner des Scipionischen Kreises, Spurius Mummius,

der Bruder des Zerstoerers von Korinth, aus dem Lager von Korinth an

seine Freunde daheim gesandt hatte, wurden noch ein Jahrhundert spaeter

gern gelesen; und es moegen dergleichen nicht zur Veroeffentlichung

bestimmte poetische Scherze aus dem reichen geselligen und geistigen

Leben der besseren Zirkel Roms damals zahlreich hervorgegangen sein. Ihr

Vertreter in der Literatur ist Gaius Lucilius (606-651 148-103), einer

angesehenen Familie der latinischen Kolonie Suessa entsprossen und

gleichfalls ein Glied des Scipionischen Kreises. Auch seine Gedichte

sind gleichsam offene Briefe an das Publikum, ihr Inhalt, wie ein

geistreicher Nachfahre anmutig sagt, das ganze Leben des gebildeten

unabhaengigen Mannes, der den Vorgaengen auf der politischen Schaubuehne

vom Parkett und gelegentlich von den Kulissen aus zusieht, der mit den

Besten seiner Zeit verkehrt als mit seinesgleichen, der Literatur und

Wissenschaft mit Anteil und Einsicht verfolgt, ohne doch selbst fuer

einen Dichter oder Gelehrten gelten zu wollen, und der endlich fuer

alles, was im Guten und Boesen ihm begegnet, fuer politische Erfahrungen

und Erwartungen, fuer Sprachbemerkungen und Kunsturteile, fuer eigene

Erlebnisse, Besuche, Diners, Reisen wie fuer vernommene Anekdoten

sein Taschenbuch zum Vertrauten nimmt. Kaustisch, kaprizioes, durchaus

individuell hat die Lucilische Poesie doch eine scharf ausgepraegte

oppositionelle und insofern auch lehrhafte Tendenz, literarisch sowohl

wie moralisch und politisch; auch in ihr ist etwas von der Auflehnung

der Landschaft gegen die Hauptstadt, herrscht das Selbstgefuehl des rein

redenden und ehrenhaft lebenden Suessaners im Gegensatz gegen das

grosse Babel der Sprachmengerei und Sittenverderbnis. Die Richtung

des Scipionischen Kreises auf literarische, namentlich sprachliche

Korrektheit findet kritisch ihren vollendetsten und geistreichsten

Vertreter in Lucilius. Er widmete gleich sein erstes Buch dem Begruender

der roemischen Philologie, Lucius Stilo, und bezeichnete als das

Publikum, fuer das er schrieb, nicht die gebildeten Kreise reiner und

mustergueltiger Rede, sondern die Tarentiner, die Brettier, die Siculer,

das heisst die Halbgriechen Italiens, deren Lateinisch allerdings

eines Korrektivs wohl beduerfen mochte. Ganze Buecher seiner Gedichte

beschaeftigen sich mit der Feststellung der lateinischen Orthographie

und Prosodie, mit der Bekaempfung praenestinischer, sabinischer,

etruskischer Provinzialismen, mit der Ausmerzung gangbarer Soloezismen,

woneben der Dichter aber keineswegs vergisst, den geistlos schematischen

Isokrateischen Wort- und Phrasenpurismus zu verhoehnen ^17 und

selbst dem Freunde Scipio die exklusive Feinheit seiner Rede in recht

ernsthaften Scherzen vorzuruecken ^18. Aber weit ernstlicher noch als

das reine einfache Latein predigt der Dichter reine Sitte im Privat-

und im oeffentlichen Leben. Seine Stellung beguenstigte ihn hierbei in

eigener Art. Obwohl durch Herkunft, Vermoegen und Bildung den vornehmen

Roemern seiner Zeit gleichstehend und Besitzer eines ansehnlichen

Hauses in der Hauptstadt, war er doch nicht roemischer Buerger, sondern

latinischer; selbst sein Verhaeltnis zu Scipio, unter dem er in seiner

ersten Jugend den Numantinischen Krieg mitgemacht hatte und in dessen

Hause er haeufig verkehrte, mag damit zusammenhaengen, dass Scipio in

vielfachen Beziehungen zu den Latinern stand und in den politischen

Fehden der Zeit ihr Patron war. Die oeffentliche Laufbahn war ihm

hierdurch verschlossen und die Spekulantenkarriere verschmaehte er -

er mochte nicht, wie er einmal sagt, "aufhoeren, Lucilius zu sein, um

asiatischer Steuerpaechter zu werden". So stand er in der schwuelen

Zeit der Gracchischen Reformen und des sich vorbereitenden

Bundesgenossenkrieges, verkehrend in den Palaesten und Villen der

roemischen Grossen und doch nicht gerade ihr Klient, zugleich mitten

in den Wogen des politischen Koterien- und Parteikampfes und doch nicht

unmittelbar an jenem und diesem beteiligt; aehnlich wie Beranger, an den

gar vieles in Lucilius' politischer und poetischer Stellung erinnert.

Von diesem Standpunkt aus sprach er mit unverwuestlichem gesunden

Menschenverstand, mit unversiegbarer guter Laune und ewig sprudelndem

Witz hinein in das oeffentliche Leben. Jetzt aber am Fest- und Werkeltag

Den ganzen lieben langen Tag Auf dem Markte von frueh bis Spat Draengen

die Buerger und die sich vom Rat Und weichen und wanken nicht von der

Statt. Ein Handwerk einzig und allein Betreiben alle insgemein, Den

andern zu prellen mit Verstand, Im Luegen zu haben die Vorderhand Und zu

werden im Schmeicheln und Heucheln gewandt. All' untereinandern

belauern sie sich, Als laege jeder mit jedem im Krieg ^19.

----------------------------------------------------------- ^17 Quam

lepide lexeis, compostae ut tesserulae omnes Arte pavimento atque

emblemate vermiculato! Ei, die niedliche Phrasenfabrik! Gefuegt so

zierlich Stueck fuer Stueck, Wie die Stifte im bunten Mosaik. ^18 Der

Dichter raet ihm: Quo facetior videare et scire plus quam ceteri, Dass

du gebildeter als die andern heissest und ein feinerer Mann, - nicht

pertaesum, sondern pertisum zu sagen. ^19 Nunc vero a mane ad noctem,

festo atque profesto Toto itidem pariterque die populusque patresque

Iactare endo foro se omnes, decedere nusquam. Uni se atque eidem studio

omnes dedere et arti: Verba dare ut acute possint, pugnare dolose,

Blanditia certare, bonun simulare virum se, Insidias facere ut si

hostes sint omnibus omnes.

------------------------------------------------------------ Die

Erlaeuterungen zu diesem unerschoepflichen Text griffen schonungslos,

ohne die Freunde, ja ohne den Dichter selbst zu vergessen, die

Uebelstaende der Zeit an, das Koteriewesen, den endlosen spanischen

Kriegsdienst und was dessen mehr war; gleich die Eroeffnung seiner

Satiren war eine grosse Debatte des olympischen Goettersenats ueber die

Frage, ob Rom es noch ferner verdiene, des Schutzes der Himmlischen

sich zu erfreuen. Koerperschaften, Staende, Individuen wurden ueberall

einzeln mit Namen genannt; die der roemischen Buehne verschlossene

Poesie der politischen Polemik ist das rechte Element und der

Lebenshauch der Lucilischen Gedichte, die mit einer selbst in den auf

uns gekommenen Truemmern noch entzueckenden Macht des schlagendsten und

bilderreichsten Witzes "gleichwie mit gezogenem Schwerte" auf den Feind

eindringen und ihn zermalmen. Hier, in dem sittlichen Uebergewicht und

dem stolzen Freiheitsgefuehl des Dichters von Suessa, liegt der Grund,

weshalb der feine Venusianer, der in der alexandrinischen Zeit der

roemischen Poesie die Lucilische Satire wiederaufnahm, trotz aller

Ueberlegenheit im Formgeschick mit richtiger Bescheidenheit dem aelteren

Poeten weicht als "seinem Besseren". Die Sprache ist die des griechisch

und lateinisch durchgebildeten Mannes, der durchaus sich gehen laesst;

ein Poet wie Lucilius, der angeblich vor Tisch zweihundert und nach

Tisch wieder zweihundert Hexameter machte, ist viel zu eilig, um knapp

zu sein; unnuetzige Weitlaeufigkeit, schluderige Wiederholung derselben

Wendung, arge Nachlaessigkeiten begegnen. haeufig; das erste Wort,

lateinisch oder griechisch, ist immer das beste. Aehnlich sind die

Masse, namentlich der sehr vorherrschende Hexameter behandelt; wenn man

die Worte umstellt, sagt sein geistreicher Nachahmer, so wuerde kein

Mensch merken, dass er etwas anderes vor sich habe als einfache

Prosa; der Wirkung nach lassen sie sich nur mit unseren Knuettelversen

vergleichen 20. Die Terenzischen und die Lucilischen Gedichte stehen auf

demselben Bildungsniveau und verhalten sich wie die sorgsam gepflegte

und gefeilte literarische Arbeit zu dem mit fliegender Feder

geschriebenen Brief. Aber die unvergleichlich hoehere geistige Begabung

und freiere Lebensanschauung, die der Ritter von Suessa vor dem

afrikanischen Sklaven voraus hatte, machten seinen Erfolg ebenso rasch

und glaenzend, wie der des Terenz muehsam und zweifelhaft gewesen war;

Lucilius war sofort der Liebling der Nation und auch er konnte wie

Beranger von seinen Gedichten sagen, "dass sie allein unter allen vom

Volke gelesen wuerden". Die ungemeine Popularitaet der Lucilischen

Gedichte ist auch geschichtlich ein bemerkenswertes Ereignis; man

sieht daraus, dass die Literatur schon eine Macht war, und ohne Zweifel

wuerden wir die Spuren derselben, wenn eine eingehende Geschichte dieser

Zeit sich erhalten haette, darin mehrfach antreffen. Die Folgezeit

hat das Urteil der Zeitgenossen nur bestaetigt; die antialexandrinisch

gesinnten roemischen Kunstrichter sprachen dem Lucilius den ersten Rang

unter allen lateinischen Dichtern zu. Soweit die Satire ueberhaupt als

eigene Kunstform angesehen werden kann, hat Lucilius sie erschaffen und

in ihr die einzige Kunstgattung, welche den Roemern eigentuemlich

und von ihnen auf die Nachwelt vererbt worden ist.

----------------------------------------- 20 Folgendes laengere

Bruchstueck ist charakteristisch fuer die stilistische und metrische

Behandlung, deren Lotterigkeit sich in deutschen Hexametern unmoeglich

wiedergeben laesst: Virtus, Albine, est pretium persolvere verum Queis

in versamur, queis vivimu' rebu potesse; Virtus est homini scire id

quod quaeque habeat res; Virtus scire homini rectum, utile quid sit,

honestum, Quae bona, guae mala item, quid inutile, turpe, inhonestum;

Virtus quaerendae rei finem scire modumque; Virtus divitiis pretium

persolvere posse; Virtus id dare quod re ipsa debetur honori, Hostem

esse atque inimicum hominum morumque malorum. Contra defensorem hominum

morumque bonorum, Hos magni facere, his bene velle, his vivere amicum;

Commoda praeterea patriae sibi prima putare, Deinde parentum, tertia iam

postremaque nostra. Tugend ist zahlen den rechten Preis Zu koennen nach

ihrer Art und Weis Fuer jede Sach' in unserm Kreis; Tugend, zu wissen,

was jedes Ding Mit sich fuer den Menschen bring'; Tugend, zu wissen, was

nuetzlich und recht, Was gut und uebel, unnuetz und schlecht; Tugend,

wenn man dem Erwerb und Fleiss Zu setzen die rechte Grenze weiss Und dem

Reichtum den rechten Preis; Tugend, dem Rang zu geben sein Recht, Feind

zu sein Menschen und Sitten schlecht, Freund Menschen und Sitten gut

und recht; Vor solchen zu hegen Achtung und Scheu, Zu ihnen zu halten in

Lieb' und Treu; Immer zu sehen am ersten Teil Auf des Vaterlandes Heil,

Sodann auf das, was den Eltern frommt, Und drittens der eigene Vorteil

kommt. ---------------------------------------------------- Von der an

den Alexandrinismus anknuepfenden Poesie ist in Rom in dieser Epoche

noch nichts zu nennen als kleinere, nach alexandrinischen Epigrammen

uebersetzte oder ihnen nachgebildete Gedichte, welche nicht ihrer selbst

wegen, aber wohl als der erste Vorbote der juengeren Literaturepoche

Roms Erwaehnung verdienen. Abgesehen von einigen wenig bekannten

und auch der Zeit nach nicht mit Sicherheit zu bestimmenden Dichtern

gehoeren hierher Quintus Catulus (Konsul 622 102) und Lucius Manlius,

ein angesehener Senator, der im Jahre 657 (97) schrieb. Der letztere

scheint manche der bei den Griechen landlaeufigen geographischen

Maerchen, zum Beispiel die delische Latonasage, die Fabeln von der

Europa und von dem Wundervogel Phoenix zuerst bei den Roemern in Umlauf

gebracht zu haben; wie es denn auch ihm vorbehalten war, auf seinen

Reisen in Dodona jenen merkwuerdigen Dreifuss zu entdecken und

abzuschreiben, worauf das den Pelasgern vor ihrer Wanderung in das Land

der Sikeler und Aboriginer erteilte Orakel zu lesen war - ein Fund,

den die roemischen Geschichtsbuecher nicht versaeumten, andaechtig zu

registrieren. Die Geschichtschreibung dieser Epoche ist vor allen Dingen

bezeichnet durch einen Schriftsteller, der zwar weder durch Geburt

noch nach seinem geistigen und literarischen Standpunkt der italischen

Entwicklung angehoert, der aber zuerst oder vielmehr allein die

Weltstellung Roms zur schriftstellerischen Geltung und Darstellung

gebracht hat und dem alle spaeteren Geschlechter und auch wir das Beste

verdanken, was wir von der roemischen Entwicklung wissen. Polybios (ca.

546 - ca. 627 208-127) von Megalopolis im Peloponnes, des achaeischen

Staatsmannes Lykortas Sohn, machte, wie es scheint, schon 565 (189) den

Zug der Roemer gegen die kleinasiatischen Kelten mit und ward spaeter,

vielfach namentlich waehrend des Dritten Makedonischen Krieges, von

seinen Landsleuten in militaerischen und diplomatischen Geschaeften

verwendet. Nach der durch diesen Krieg in Hellas herbeigefuehrten Krise

wurde er mit den anderen achaeischen Geiseln nach Italien abgefuehrt, wo

er siebzehn Jahre (587-604 167-150) in der Konfinierung lebte und

durch die Soehne des Paullus in die vornehmen hauptstaedtischen Kreise

eingefuehrt ward. Die Ruecksendung der achaeischen Geiseln fuehrte ihn

in die Heimat zurueck, wo er fortan den stehenden Vermittler zwischen

seiner Eidgenossenschaft und den Roemern machte. Bei der Zerstoerung von

Karthago und von Korinth (608 146) war er gegenwaertig. Er schien

vom Schicksal gleichsam dazu erzogen, Roms geschichtliche Stellung

deutlicher zu erfassen, als die damaligen Roemer selbst es vermochten.

Auf dem Platze, wo er stand, ein griechischer Staatsmann und ein

roemischer Gefangener, seiner hellenischen Bildung wegen geschaetzt und

gelegentlich beneidet von Scipio Aemilianus und ueberhaupt den ersten

Maennern Roms, sah er die Stroeme, die so lange getrennt geflossen

waren, zusammenrinnen in dasselbe Bett und die Geschichte der

Mittelmeerstaaten zusammengehen in die Hegemonie der roemischen Macht

und der griechischen Bildung. So ward Polybios der erste namhafte

Hellene, der mit ernster Ueberzeugung auf die Weltanschauung des

Scipionischen Kreises einging und die Ueberlegenheit des Hellenismus auf

dem geistigen, des Roemertums auf dem politischen Gebiet als Tatsachen

anerkannte, ueber die die Geschichte in letzter Instanz gesprochen

hatte und denen man beiderseits sich zu unterwerfen berechtigt und

verpflichtet war. In diesem Sinne handelte er als praktischer

Staatsmann und schrieb er seine Geschichte. Mochte er in der Jugend dem

ehrenwerten, aber unhaltbaren achaeischen Lokalpatriotismus gehuldigt

haben, so vertrat er in seinen spaeteren Jahren, in deutlicher Einsicht

der unvermeidlichen Notwendigkeit, in seiner Gemeinde die Politik des

engsten Anschlusses an Rom. Es war das eine hoechst verstaendige und

ohne Zweifel wohlgemeinte, aber nichts weniger als hochherzige und

stolze Politik. Auch von der Eitelkeit und Kleinlichkeit des derzeitigen

hellenischen Staatsmannstums hat Polybios nicht vermocht, sich

persoenlich voellig frei zu machen. Kaum aus der Konfinierung entlassen,

stellte er an den Senat den Antrag, dass er den Entlassenen, jedem in

seiner Heimat, den ehemaligen Rang noch foermlich verbriefen moege,

worauf Cato treffend bemerkte, ihm komme das vor, als wenn Odysseus noch

einmal in die Hoehle des Polyphemos zurueckkehre, um sich von dem Riesen

Hut und Guertel auszubitten. Sein Verhaeltnis zu den roemischen Grossen

hat er oft zum Besten seiner Landsleute benutzt, aber die Art, wie er

der hohen Protektion sich unterwirft und sich beruehmt, naehert sich

doch einigermassen dem Oberkammerdienertum. Durchaus denselben Geist,

den seine praktische, atmet auch seine literarische Taetigkeit. Es

war die Aufgabe seines Lebens, die Geschichte der Einigung der

Mittelmeerstaaten unter der Hegemonie Roms zu schreiben. Vom ersten

Punischen Krieg bis zur Zerstoerung von Karthago und Korinth fasst

sein Werk die Schicksale der saemtlichen Kulturstaaten, das heisst

Griechenlands, Makedoniens, Kleinasiens, Syriens, Aegyptens, Karthagos

und Italiens zusammen und stellt deren Eintreten in die roemische

Schutzherrschaft im ursaechlichen Zusammenhang dar; insofern bezeichnet

er es als sein Ziel, die Zweck- und Vernunftmaessigkeit der roemischen

Hegemonie zu erweisen. In der Anlage wie in der Ausfuehrung steht

diese Geschichtschreibung in scharfem und bewusstem Gegensatz gegen

die gleichzeitige roemische wie gegen die gleichzeitige griechische

Historiographie. In Rom stand man noch vollstaendig auf dem

Chronikenstandpunkt; hier gab es wohl einen bedeutungsvollen

geschichtlichen Stoff, aber die sogenannte Geschichtschreibung

beschraenkte sich - mit Ausnahme der sehr achtbaren, aber rein

individuellen und doch auch nicht ueber die Anfaenge der Forschung

wie der Darstellung hinausgelangten Schriften Catos - teils auf

Ammenmaerchen, teils auf Notizenbuendel. Die Griechen hatten eine

Geschichtsforschung und eine Geschichtschreibung allerdings gehabt; aber

der zerfahrenen Diadochenzeit waren die Begriffe von Nation und Staat so

vollstaendig abhanden gekommen, dass es keinem der zahllosen Historiker

gelang, der Spur der grossen attischen Meister im Geiste und in der

Wahrheit zu folgen und den weltgeschichtlichen Stoff der Zeitgeschichte

weltgeschichtlich zu behandeln. Ihre Geschichtschreibung war entweder

rein aeusserliche Aufzeichnung, oder es durchdrang sie der Phrasen- und

Luegenkram der attischen Rhetorik, und nur zu oft die Feilheit und die

Gemeinheit, die Speichelleckerei und die Erbitterung der Zeit. Bei

den Roemern wie bei den Griechen gab es nichts als Stadt- oder

Stammgeschichten. Zuerst Polybios, ein Peloponnesier, wie man mit Recht

erinnert hat, und geistig den Attikern wenigstens ebensofern stehend wie

den Roemern, ueberschritt diese kuemmerlichen Schranken, behandelte den

roemischen Stoff mit hellenisch gereifter Kritik und gab zwar nicht eine

universale, aber doch eine von den Lokalstaaten losgeloeste und den im

Werden begriffenen roemisch-griechischen Staat erfassende Geschichte.

Vielleicht niemals hat ein Geschichtschreiber so vollstaendig wie

Polybios alle Vorzuege eines Quellenschriftstellers in sich vereinigt.

Der Umfang seiner Aufgabe ist ihm vollkommen deutlich und jeden

Augenblick gegenwaertig; und durchaus haftet der Blick auf dem wirklich

geschichtlichen Hergang. Die Sage, die Anekdote, die Masse der wertlosen

Chroniknotizen wird beiseite geworfen; die Schilderung der Laender und

Voelker, die Darstellung der staatlichen und merkantilen Verhaeltnisse,

all die so unendlich wichtigen Tatsachen, die dem Annalisten

entschluepfen, weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Jahr aufnageln

lassen, werden eingesetzt in ihr lange verkuemmertes Recht. In der

Herbeischaffung des historischen Materials zeigt Polybios eine Umsicht

und Ausdauer, wie sie im Altertum vielleicht nicht wiedererscheinen;

er benutzt die Urkunden, beruecksichtigt umfassend die Literatur

der verschiedenen Nationen, macht von seiner guenstigen Stellung

zum Einziehen der Nachrichten von Mithandelnden und Augenzeugen den

ausgedehntesten Gebrauch, bereist endlich planmaessig das ganze Gebiet

der Mittelmeerstaaten und einen Teil der Kueste des Atlantischen Ozeans

21. Die Wahrhaftigkeit ist ihm Natur; in allen grossen Dingen hat er

kein Interesse fuer diesen oder gegen jenen Staat, fuer diesen oder

gegen jenen Mann, sondern einzig und allein fuer den wesentlichen

Zusammenhang der Ereignisse, den im richtigen Verhaeltnis der Ursachen

und Wirkungen darzulegen ihm nicht bloss die erste, sondern die einzige

Aufgabe des Geschichtschreibers scheint. Die Erzaehlung endlich ist

musterhaft vollstaendig, einfach und klar. Aber alle diese ungemeinen

Vorzuege machen noch keineswegs einen Geschichtschreiber ersten Ranges.

Polybios fasst seine literarische Aufgabe, wie er seine praktische

fasste, mit grossartigem Verstand, aber auch nur mit dem Verstande.

Die Geschichte, der Kampf der Notwendigkeit und der Freiheit, ist

ein sittliches Problem; Polybios behandelt sie, als waere sie ein

mechanisches. Nur das Ganze gilt fuer ihn, in der Natur wie im Staat;

das besondere Ereignis, der individuelle Mensch, wie wunderbar sie auch

erscheinen moegen, sind doch eigentlich nichts als einzelne Momente,

geringe Raeder in dem hoechst kuenstlichen Mechanismus, den man

den Staat nennt. Insofern war Polybios allerdings wie kein anderer

geschaffen zur Darstellung der Geschichte des roemischen Volkes, welches

in der Tat das einzige Problem geloest hat, sich zu beispielloser

innerer und aeusserer Groesse zu erheben ohne auch nur einen im

hoechsten Sinne genialen Staatsmann, und das auf seinen einfachen

Grundlagen mit wunderbarer fast mathematischer Folgerichtigkeit sich

entwickelt. Aber das Moment der sittlichen Freiheit waltet in jeder

Volksgeschichte und wurde auch in der roemischen von Polybios nicht

ungestraft verkannt. Polybios' Behandlung aller Fragen, in denen Recht,

Ehre, Religion zur Sprache kommen, ist nicht bloss platt, sondern

auch gruendlich falsch. Dasselbe gilt ueberall, wo eine genetische

Konstruktion erfordert wird; die rein mechanischen Erklaerungsversuche,

die Polybios an deren Stelle setzt, sind mitunter geradezu zum

Verzweifeln, wie es denn kaum eine toerichtere politische Spekulation

gibt, als die vortreffliche Verfassung Roms aus einer verstaendigen

Mischung monarchischer, aristokratischer und demokratischer Elemente

her- und aus der Vortrefflichkeit der Verfassung die Erfolge Roms

abzuleiten. Die Auffassung der Verhaeltnisse ist ueberall bis zum

Erschrecken nuechtern und phantasielos, die geringschaetzige

und superkluge Art, die religioesen Dinge zu behandeln, geradezu

widerwaertig. Die Darstellung, in bewusster Opposition gegen die

uebliche, kuenstlerisch stilisierte griechische Historiographie

gehalten, ist wohl richtig und deutlich, aber duenn und matt, oefter als

billig in polemische Exkurse oder in memoirenhafte, nicht selten recht

selbstgefaellige Schilderung der eigenen Erlebnisse sich verlaufend. Ein

oppositioneller Zug geht durch die ganze Arbeit; der Verfasser bestimmte

seine Schrift zunaechst fuer die Roemer und fand doch auch hier nur

einen sehr kleinen Kreis, der ihn verstand; er fuehlte es, dass er den

Roemern ein Fremder, seinen Landsleuten ein Abtruenniger blieb und dass

er mit seiner grossartigen Auffassung der Verhaeltnisse mehr der Zukunft

als der Gegenwart angehoerte. Darum blieb er nicht frei von einer

gewissen Verstimmtheit und persoenlichen Bitterkeit, die in seiner

Polemik gegen die fluechtigen oder gar feilen griechischen und die

unkritischen roemischen Historiker oefters zaenkisch und kleinlich

auftritt und aus dem Geschichtschreiber- in den Rezensententon faellt.

Polybios ist kein liebenswuerdiger Schriftsteller; aber wie die Wahrheit

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 50 / 52 段