Kreise juengerer Maenner - darunter Varro und Cicero - den Plautus

und aehnliches las, auch wohl Entwuerfe zu Reden mit den Verfassern

durchging oder dergleichen seinen Freunden an die Hand gab. Dies war

ein Unterricht; aber ein gewerbmaessiger Schulmeister war Stilo

nicht, sondern er lehrte Literatur und Redekunst, wie in Rom

die Rechtswissenschaft gelehrt ward, als ein aelterer Freund der

aufstrebenden jungen Leute, nicht als ein gedungener, jedem zu Gebote

stehender Mann. Aber um seine Zeit begann auch der schulmaessige

hoehere Unterricht im Lateinischen, getrennt sowohl von dem elementaren

lateinischen als von dem griechischen Unterricht, und von bezahlten

Lehrmeistern, in der Regel freigelassenen Sklaven, in besonderen

Anstalten erteilt. Dass Geist und Methode durchaus den griechischen

Literatur- und Sprachuebungen abgeborgt wurden, versteht sich von

selbst; und auch die Schueler bestanden wie bei diesen aus Juenglingen,

nicht aus Knaben. Bald schied sich dieser lateinische Unterricht,

wie der griechische, in einen zwiefachen Kursus, indem erstlich die

lateinische Literatur wissenschaftlich vorgetragen, sodann zu Lob-,

Staats- und Gerichtsreden kunstmaessige Anleitung gegeben ward. Die

erste roemische Literaturschule eroeffnete um Stilos Zeit Marcus Saevius

Nicanor Postumus, die erste besondere Schule fuer lateinische Rhetorik

um 660 (90) Lucius Plotius Gallus; doch ward in der Regel auch in den

lateinischen Literaturschulen Anleitung zur Redekunst gegeben. Dieser

neue lateinische Schulunterricht war von der tiefgreifendsten Bedeutung.

Die Anleitung zur Kunde lateinischer Literatur und lateinischer Rede,

wie sie frueher von hochgestellten Kennern und Meistern erteilt worden

war, hatte den Griechen gegenueber eine gewisse Selbstaendigkeit sich

bewahrt. Die Kenner der Sprache und die Meister der Rede standen wohl

unter dem Einfluss des Hellenismus, aber nicht unbedingt unter dem der

griechischen Schulgrammatik und Schulrhetorik; namentlich die

letztere wurde entschieden perhorresziert. Der Stolz wie der gesunde

Menschenverstand der Roemer empoerte sich gegen die griechische

Behauptung, dass die Faehigkeit, ueber Dinge, die der Redner verstand

und empfand, verstaendig und anregend in der Muttersprache zu

seinesgleichen zu reden, in der Schule nach Schulregeln gelernt werden

koenne. Dem tuechtigen praktischen Advokaten musste das gaenzlich dem

Leben entfremdete Treiben der griechischen Rhetoren fuer den Anfaenger

schlimmer als gar keine Vorbereitung erscheinen; dem durchgebildeten und

durch das Leben gereiften Manne duenkte die griechische Rhetorik

schal und widerlich; dem ernstlich konservativ gesinnten entging

die Wahlverwandtschaft nicht zwischen der gewerbmaessig entwickelten

Redekunst und dem demagogischen Handwerk. So hatte denn namentlich der

Scipionische Kreis den Rhetoren die bitterste Feindschaft geschworen,

und wenn die griechischen Deklamationen bei bezahlten Meistern,

zunaechst wohl als Uebungen im Griechischsprechen, geduldet wurden, so

war doch die griechische Rhetorik damit weder in die lateinische Rede

noch in den lateinischen Redeunterricht eingedrungen. In den neuen

lateinischen Rhetorschulen aber wurden die roemischen Jungen zu Maennern

und Staatsrednern dadurch gebildet, dass sie paarweise den bei der

Leiche des Aias mit dem blutigen Schwerte desselben gefundenen Odysseus

der Ermordung seines Waffengefaehrten anklagten und dagegen ihn

verteidigten; dass sie den Orestes wegen Muttermordes belangten oder in

Schutz nahmen; dass sie vielleicht auch dem Hannibal nachtraeglich mit

einem guten Rat darueber aushalfen, ob er besser tue, der Vorladung

nach Rom Folge zu leisten oder in Karthago zu bleiben oder die Flucht

zu ergreifen. Es ist begreiflich, dass gegen diese widerwaertigen und

verderblichen Wortmuehlen noch einmal die catonische Opposition sich

regte. Die Zensoren des Jahres 662 (92) erliessen eine Warnung an

Lehrer und Eltern, die jungen Menschen nicht den ganzen Tag mit Uebungen

hinbringen zu lassen, von denen die Vorfahren nichts gewusst haetten;

und der Mann, von dem diese Warnung kam, war kein geringerer als der

erste Gerichtsredner seiner Zeit, Lucius Licinius Crassus. Natuerlich

sprach die Kassandra vergebens; lateinische Deklamieruebungen ueber die

gangbaren griechischen Schulthemen wurden ein bleibender Bestandteil des

roemischen Jugendunterrichts und taten das Ihrige, um schon die Knaben

zu advokatischen und politischen Schauspielern zu erziehen und jede

ernste und wahre Beredsamkeit im Keime zu ersticken. Als Gesamtergebnis

aber dieser modernen roemischen Erziehung entwickelte sich der neue

Begriff der sogenannten "Menschlichkeit", der Humanitaet, welche bestand

teils in der mehr oder minder oberflaechlich angeeigneten musischen

Bildung der Hellenen, teils in einer dieser nachgebildeten oder

nachgestuemperten privilegierten lateinischen. Diese neue Humanitaet

sagte, wie schon der Name andeutet, sich los von dem spezifisch

roemischen Wesen, ja trat dagegen in Opposition und vereinigte in

sich, ebenwie unsere eng verwandte "allgemeine Bildung", einen national

kosmopolitischen und sozial exklusiven Charakter. Auch hier war die

Revolution, die die Staende schied und die Voelker verschmolz. 13.

Kapitel Literatur und Kunst Das sechste Jahrhundert ist, politisch

wie literarisch, eine frische und grosse Zeit. Zwar begegnet auf dem

schriftstellerischen Gebiet so wenig wie auf dem politischen ein Mann

ersten Ranges; Naevius, Ennius, Plautus, Cato, begabte und lebendige

Schriftsteller von scharf ausgepraegter Individualitaet, sind nicht im

hoechsten Sinn schoepferische Talente; aber nichtsdestoweniger fuehlt

man dem Schwung, der Ruehrigkeit, der Keckheit ihrer dramatischen,

epischen, historischen Versuche es an, dass sie ruhen auf den

Riesenkaempfen der Punischen Kriege. Es ist vieles nur kuenstlich

verpflanzt, in Zeichnung und Farbe vielfach gefehlt, Kunstform

und Sprache unrein behandelt, Griechisches und Nationales barock

ineinandergefuegt; die ganze Leistung verleugnet den Stempel des

schulmaessigen Urspungs nicht und ist unselbstaendig und unvollkommen;

aber dennoch lebt in den Dichtern und Schriftstellern dieser Zeit, wo

nicht die volle Kraft, das hohe Ziel zu erreichen, doch der Mut und

die Hoffnung, mit den Griechen zu wetteifern. Anders ist es in dieser

Epoche. Die Morgennebel sanken; was man im frischen Gefuehl der im

Kriege gestaehlten Volkskraft begonnen hatte, mit jugendlichem Mangel an

Einsicht in die Schwierigkeit des Beginnens und in das Mass des eigenen

Talents, aber auch mit jugendlicher Lust und Liebe zum Werke, das

vermochte man nicht weiterzufuehren, als teils die dumpfe Schwuele der

heraufziehenden revolutionaeren Gewitter die Luft zu erfuellen begann,

teils den Einsichtigeren allmaehlich die Augen aufgingen ueber die

unvergleichliche Herrlichkeit der griechischen Poesie und Kunst und

ueber die sehr bescheidene kuenstlerische Begabung der eigenen Nation.

Die Literatur des sechsten Jahrhunderts war hervorgegangen aus der

Einwirkung der griechischen Kunst auf halb gebildete, aber angeregte

und empfaengliche Gemueter. Die gesteigerte hellenische Bildung des

siebenten rief eine literarische Reaktion hervor, welche die in jenen

naiven Nachdichtungsversuchen doch auch enthaltenen Bluetenkeime mit

dem Winterfrost der Reflexion verdarb und Kraut und Unkraut der aelteren

Richtung miteinander ausreutete. Diese Reaktion ging zunaechst und

hauptsaechlich hervor aus dem Kreise, der um Scipio Aemilianus sich

schloss und dessen hervorragendste Glieder unter der roemischen

vornehmen Welt ausser Scipio dessen aelterer Freund und Berater Gaius

Laelius (Konsul 614 140) und Scipios juengere Genossen, Lucius Furius

Philus (Konsul 618 136) und Spurius Mummius, der Bruder des Zerstoerers

von Korinth, unter den roemischen und griechischen Literaten der

Komiker Terentius, der Satirenschreiber Lucilius, der Geschichtschreiber

Polybios, der Philosoph Panaetios waren. Wem die Ilias, wem Xenophon

und Menandros gelaeufig waren, dem konnte der roemische Homer nicht

imponieren und noch weniger die schlechten Uebersetzungen Euripideischer

Tragoedien, wie Ennius sie geliefert hatte und Pacuvius sie zu

liefern fortfuhr. Mochten der Kritik gegen die vaterlaendische Chronik

patriotische Ruecksichten Schranken stecken, so richtete doch Lucilius

sehr spitzige Pfeile gegen "die traurigen Figuren aus den geschraubten

Expositionen des Pacuvius"; und aehnliche strenge, aber nicht ungerechte

Kritiken des Ennius, Plautus, Pacuvius, all dieser Dichter, "die einen

Freibrief zu haben scheinen, schwuelstig zu reden und unlogisch zu

schliessen", begegnen bei dem feinen Verfasser der am Schlusse dieser

Periode geschriebenen, dem Herennius gewidmeten Rhetorik. Man zuckte

die Achseln ueber die Interpolationen, mit denen der derbe roemische

Volkswitz die eleganten Komoedien des Philemon und des Diphilos

staffiert hatte. Halb laechelnd, halb neidisch wandte man sich ab von

den unzulaenglichen Versuchen einer dumpfen Zeit, die diesem Kreise

erscheinen mochten etwa wie dem gereiften Manne die Gedichtblaetter aus

seiner Jugend; auf die Verpflanzung des Wunderbaumes verzichtend, liess

man in Poesie und Prosa die hoeheren Kunstgattungen wesentlich fallen

und beschraenkte sich hier darauf, der Meisterwerke des Auslandes sich

einsichtig zu erfreuen. Die Produktivitaet dieser Epoche bewegt sich

vorwiegend auf den untergeordneten Gebieten, der leichteren

Komoedie, der poetischen Miszelle, der politischen Broschuere, den

Fachwissenschaften. Das literarische Stichwort wird die Korrektheit, im

Kunststil und vor allem in der Sprache, welche, wie ein engerer Kreis

von Gebildeten aus dem gesamten Volke sich aussondert, sich ihrerseits

ebenfalls zersetzt in das klassische Latein der hoeheren Gesellschaft

und das vulgaere des gemeinen Mannes. "Reine Sprache" verheissen die

Terenzischen Prologe; Sprachfehlerpolemik ist ein Hauptelement

der Lucilischen Satire; und ebendamit haengt es zusammen, dass die

griechische Schriftstellerei der Roemer jetzt entschieden zuruecktritt.

Insofern ist ein Fortschritt zum Besseren allerdings vorhanden; es

begegnen in dieser Epoche weit seltener unzulaengliche, weit haeufiger

in ihrer Art vollendete und durchaus erfreuliche Leistungen als vorher

oder nachher; in sprachlicher Hinsicht nennt schon Cicero die Zeit des

Laelius und des Scipio die goldene des reinen unverfaelschten Latein.

Desgleichen steigt die literarische Taetigkeit in der oeffentlichen

Meinung allmaehlich vom Handwerk zur Kunst empor. Noch im Anfang dieser

Periode galt, wenn auch nicht die Veroeffentlichung rezitativer Poesien,

doch jedenfalls die Anfertigung von Theaterstuecken als nicht schicklich

fuer den vornehmen Roemer: Pacuvius und Terentius lebten von ihren

Stuecken; das Dramenschreiben war lediglich ein Handwerk und keines mit

goldenem Boden. Um die Zeit Sullas hatten die Verhaeltnisse sich voellig

verwandelt. Schon die Schauspielerhonorare dieser Zeit beweisen, dass

auch der beliebte dramatische Dichter damals auf eine Bezahlung

Anspruch machen durfte, deren Hoehe den Makel entfernte. Damit wurde die

Buehnendichtung zur freien Kunst erhoben; und so finden wir denn auch

Maenner aus den hoechsten adligen Kreisen, zum Beispiel Lucius Caesar

(Aedil 664 90, + 667 87) fuer die roemische Buehne taetig und stolz

darauf, in der roemischen "Dichtergilde" neben dem ahnenlosen Accius zu

sitzen. Die Kunst gewinnt an Teilnahme und an Ehre; aber der Schwung ist

hin im Leben wie in der Literatur. Die nachtwandlerische Sicherheit,

die den Dichter zum Dichter macht, und die vor allem bei Plautus sehr

entschieden hervortritt, kehrt bei keinem der spaeteren wieder - die

Epigonen der Hannibalskaempfer sind korrekt, aber matt. Betrachten

wir zuerst die roemische Buehnenliteratur und die Buehne selbst.

Im Trauerspiel treten jetzt zuerst Spezialitaeten auf; die

Tragoediendichter dieser Epoche kultivierten nicht, wie die der

vorigen, nebenbei das Lustspiel und das Epos. Die Wertschaetzung dieses

Kunstzweiges in den schreibenden und lesenden Kreisen war offenbar im

Steigen, schwerlich aber die tragische Dichtung selbst. Der nationalen

Tragoedie (praetexta), der Schoepfung des Naevius, begegnen wir nur

noch bei dem gleich zu erwaehnenden Pacuvius, einem Spaetling der

Ennianischen Epoche. Unter den wahrscheinlich zahlreichen Nachdichtern

griechischer Tragoedie erwerben nur zwei sich einen bedeutenden Namen.

Marcus Pacuvius aus Brundisium (535 - ca. 625 219 bis 129), der in

seinen frueheren Jahren im Rom vom Malen, erst im hoeheren Alter vom

Trauerspieldichten lebte, gehoert seinen Jahren wie seiner Art nach mehr

dem sechsten als dem siebenten Jahrhundert an, obwohl seine poetische

Taetigkeit in dieses faellt. Er dichtete im ganzen in der Weise seines

Landsmanns, Oheims und Meisters Ennius. Sorgsamer feilend und nach

hoeherem Schwunge strebend als sein Vorgaenger, galt er guenstigen

Kunstkritikern spaeter als Muster der Kunstpoesie und des reichen Stils;

in den auf uns gekommenen Bruchstuecken fehlt es indes nicht an Belegen,

die Ciceros sprachlichen und Lucilius' aesthetischen Tadel des Dichters

rechtfertigen; seine Sprache erscheint holpriger als die seines

Vorgaengers, seine Dichtweise schwuelstig und tueftelnd ^1. Es finden

sich Spuren, dass er wie Ennius mehr auf Philosophie als auf Religion

gab; aber er bevorzugte doch nicht wie dieser die der neologischen

Richtung zusagenden sinnliche Leidenschaft oder moderne Aufklaerung

predigenden Dramen und schoepfte ohne Unterschied bei Sophokles und bei

Euripides - von jener entschiedenen und beinahe genialen Tendenzpoesie

des Ennius kann in dem juengeren Dichter keine Ader gewesen sein.

------------------------------------------------- ^1 So hiess es im

'Paulus', einem Originalstueck, wahrscheinlich in der Beschreibung des

Passes von Pythion (2, 296): Qua vix caprigeno generi gradilis gressio

est. Wo kaum Dem bockgeschlechtigen Geschlecht gangbar der Gang. Und in

einem andern Stueck wird den Zuhoerern angesonnen, folgende Beschreibung

zu verstehen: Vierfuessig, langsamwandelnd, ackerheimisch, rauh,

Niedrig, kurzkoepfig, schlangenhalsig, starr zu schaun, Und,

ausgeweidet, leblos mit lebendigem Ton. Worauf dieselben natuerlich

erwidern: Mit dichtverzaeuntem Worte schilderst du uns ab, Was ratend

schwerlich auch der kluge Mann durchschaut; Wenn du nicht offen redest,

wir verstehn dich nicht. Es erfolgt nun das Gestaendnis, dass die

Schildkroete gemeint ist. uebrigens fehlten solche Raetselreden auch bei

den attischen Trauerspieldichtern nicht, die deshalb von der

Mittleren Komoedie oft und derb mitgenommen wurden.

------------------------------------------------------ Lesbarere

und gewandtere Nachbildungen der griechischen Tragoedie lieferte des

Pacuvius juengerer Zeitgenosse Lucius Accius, eines Freigelassenen

Sohn von Pisaurum (584 - nach 651 170-108), ausser Pacuvius der einzige

namhafte tragische Dichter des siebenten Jahrhunderts. Ohne Zweifel war

er, ein auch literarhistorisch und grammatisch taetiger Schriftsteller,

bemueht, statt der kruden Weise seiner Vorgaenger groessere Reinheit in

Sprache und Stil in die lateinische Tragoedie einzufuehren; doch ward

auch seine Ungleichheit und Inkorrektheit von den Maennern der strengen

Observanz, wie Lucilius, nachdruecklich getadelt. Weit groessere

Taetigkeit und weit bedeutendere Erfolge begegnen auf dem Gebiete des

Lustspiels. Gleich am Anfang dieser Periode erfolgte gegen die gangbare

und volksmaessige Lustspieldichtung eine bemerkenswerte Reaktion.

Ihr Vertreter Terentius (558-595 196-159) ist eine der geschichtlich

interessantesten Erscheinungen in der roemischen Literatur. Geboren im

phoenikischen Afrika, in frueher Jugend als Sklave nach Rom gebracht und

dort in die griechische Bildung der Zeit eingefuehrt, schien er von

Haus aus dazu berufen, der neuattischen Komoedie ihren kosmopolitischen

Charakter zurueckzugeben, den sie in der Zustutzung fuer das roemische

Publikum unter Naevius, Plautus und ihrer Genossen derben Haenden

einigermassen eingebuesst hatte. Schon in der Wahl und der Verwendung

der Musterstuecke zeigt sich der Gegensatz zwischen ihm und demjenigen

seiner Vorgaenger, den wir jetzt allein mit ihm vergleichen koennen.

Plautus waehlt seine Stuecke aus dem ganzen Kreise der neueren attischen

Komoedie und verschmaeht die keckeren und populaereren Lustspieldichter,

wie zum Beispiel den Philemon, durchaus nicht; Terenz haelt sich

fast ausschliesslich an Menandros, den zierlichsten, feinsten und

zuechtigsten unter allen Poeten der neueren Komoedie. Die Weise, mehrere

griechische Stuecke zu einem lateinischen zusammenzuarbeiten, wird von

Terenz zwar beibehalten, da sie nach Lage der Sache fuer den roemischen

Bearbeiter nun einmal unvermeidlich war, aber mit unvergleichlich mehr

Geschicklichkeit und Sorgsamkeit gehandhabt. Der Plautinische Dialog

entfernte sich ohne Zweifel sehr haeufig von seinen Mustern; Terenz

ruehmt sich des woertlichen Anschlusses seiner Nachbildungen an die

Originale, wobei freilich nicht an eine woertliche Uebersetzung in

unserm Sinn gedacht werden darf. Die nicht selten rohe, aber immer

drastische Auftragung roemischer Lokaltoene auf den griechischen Grund,

wie Plautus sie liebte, wird vollstaendig und absichtlich verbannt,

nicht eine Anspielung erinnert an Rom, nicht ein Sprichwort, kaum eine

Reminiszenz 2; selbst die lateinischen Titel werden durch griechische

ersetzt. Derselbe Unterschied zeigt sich in der kuenstlerischen

Behandlung. Vor allen Dingen erhalten die Schauspieler die ihnen

gebuehrenden Masken zurueck und wird fuer eine sorgfaeltigere

Inszenierung Sorge getragen, so dass nicht mehr wie bei Plautus alles,

was dahin und nicht dahin gehoert, auf der Strasse vorzugehen braucht.

Plautus schuerzt und loest den Knoten leichtsinnig und lose, aber seine

Fabel ist drollig und oft frappant; Terenz, weit minder drastisch,

traegt ueberall, nicht selten auf Kosten der Spannung, der

Wahrscheinlichkeit Rechnung und polemisiert nachdruecklich gegen die

allerdings zum Teil platten und abgeschmackten stehenden Notbehelfe

seiner Vorgaenger, zum Beispiel gegen die allegorischen Traeume 3.

Plautus malt seine Charaktere mit breiten Strichen, oft schablonenhaft,

immer fuer die Wirkung aus der Ferne und im ganzen und groben; Terenz

behandelt die psychologische Entwicklung mit einer sorgfaeltigen und oft

vortrefflichen Miniaturmalerei, wie zum Beispiel in den 'Bruedern' die

beiden Alten, der bequeme staedtische Lebemann und der vielgeplackte,

durchaus nicht parfuemierte Gutsherr, einen meisterhaften Kontrast

bilden. In den Motiven wie in der Sprache steht Plautus in der Kneipe,

Terenz im guten buergerlichen Haushalt. Die ruepelhafte Plautinische

Wirtschaft, die sehr ungenierten, aber allerliebsten Dirnchen mit den

obligaten Wirten dazu, die saebelrasselnden Landsknechte, die ganz

besonders launig gemalte Bedientenwelt, deren Himmel der Keller, deren

Fatum die Peitsche ist, sind bei Terenz verschwunden oder doch zum

Besseren gewandt. Bei Plautus befindet man sich, im ganzen genommen,

unter angehendem oder ausgebildetem Gesindel, bei Terenz dagegen

regelmaessig unter lauter edlen Menschen; wird ja einmal ein

Maedchenwirt ausgepluendert oder ein junger Mensch ins Bordell gefuehrt,

so geschieht es in moralischer Absicht, etwa aus bruederlicher Liebe

oder um den Knaben vom Besuch schlichter Haeuser abzuschrecken. In den

Plautinischen Stuecken herrscht die Philisteropposition der Kneipe gegen

das Haus: ueberall werden die Frauen heruntergemacht zur Ergoetzung

aller zeitweilig emanzipierten und einer liebenswuerdigen Begruessung

daheim nicht voellig versicherten Eheleute. In den Terenzischen

Komoedien herrscht nicht eine sittlichere, aber wohl eine schicklichere

Auffassung der Frauennatur und des ehelichen Lebens. Regelmaessig

schliessen sie mit einer tugendhaften Hochzeit oder womoeglich mit

zweien - ebenwie von Menandros geruehmt wird, dass er jede Verfuehrung

durch eine Hochzeit wiedergutgemacht habe. Die Lobreden auf das ehelose

Leben, die bei Menandros so haeufig sind, werden von seinem roemischen

Bearbeiter nur mit charakteristischer Schuechternheit wiederholt

4, dagegen der Verliebte in seiner Pein, der zaertliche Ehemann

am Kindbett, die liebevolle Schwester auf dem Sterbelager im

'Verschnittenen' und im 'Maedchen von Andros' gar anmutig geschildert;

ja in der 'Schwiegermutter' erscheint sogar am Schluss als rettender

Engel ein tugendhaftes Freudenmaedchen, ebenfalls eine echt Menandrische

Figur, die das roemische Publikum freilich wie billig auspfiff. Bei

Plautus sind die Vaeter durchaus nur dazu da, um von den Soehnen gefoppt

und geprellt zu werden; bei Terenz wird im 'Selbstquaeler' der verlorene

Sohn durch vaeterliche Weisheit gebessert und, wie er ueberhaupt voll

trefflicher Paedagogik ist, geht in dem vorzueglichsten seiner Stuecke,

den 'Bruedern', die Pointe darauf hinaus, zwischen der allzu liberalen

Onkel- und der allzu rigorosen Vatererziehung die rechte Mitte zu

finden. Plautus schreibt fuer den grossen Haufen und fuehrt gottlose

und spoettische Reden im Munde, soweit die Buehnenzensur es irgend

gestattet; Terenz bezeichnet vielmehr als seinen Zweck, den Guten zu

gefallen und, wie Menandros, niemand zu verletzen. Plautus liebt den

raschen, oft laermenden Dialog, und es gehoert zu seinen Stuecken das

lebhafte Koerperspiel der Schauspieler; Terenz beschraenkte sich auf

"ruhiges Gespraech". Plautus' Sprache fliesst ueber von burlesken

Wendungen und Wortwitzen, von Alliterationen, von komischen

Neubildungen, aristophanischen Woerterverklitterungen, spasshaft

entlehnten griechischen Schlagwoertern. Dergleichen Capricci kennt

Terenz nicht: sein Dialog bewegt sich im reinsten Ebenmass, und die

Pointen sind zierliche epigrammatische und sentenzioese Wendungen.

Kein Lustspiel des Terenz ist dem Plautinischen gegenueber, weder in

poetischer noch in sittlicher Hinsicht, ein Fortschritt zu nennen. Von

Originalitaet kann bei beiden nicht, aber wo moeglich noch weniger bei

Terenz, die Rede sein; und das zweifelhafte Lob korrekterer Kopierung

wird wenigstens aufgewogen dadurch, dass der juengere Dichter wohl

die Vergnueglichkeit, aber nicht Lustigkeit Menanders wiederzugeben

verstand, so dass die dem Menander nachgedichteten Lustspiels des

Plautus, wie der 'Stichus', die Kaestchenkomoedie, 'Die beiden

Backchis', wahrscheinlich weit mehr von dem sprudelnden Zauber des

Originals bewahren als die Komoedien des "halbierten Menander".

Ebensowenig wie in dem Uebergang vom Rohen zum Matten der Aesthetiker,

kann der Sittenrichter in dem Uebergang von der Plautinischen Zote und

Indifferenz zu der Terenzischen Akkommodierungsmoral einen Fortschritt

erkennen. Aber ein sprachlicher Fortschritt fand allerdings statt. Die

elegante Sprache war der Stolz des Dichters, und ihrem unnachahmlichen

Reiz vor allem verdankte er es, dass die feinsten Kunstrichter der

Folgezeit, wie Cicero, Caesar, Quintilian, unter allen roemischen

Dichtern der republikanischen Zeit ihm den Preis zuerkannten. Insofern

ist es auch wohl gerechtfertigt, in der roemischen Literatur, deren

wesentlicher Kern ja nicht die Entwicklung der lateinischen Poesie,

sondern die der lateinischen Sprache ist, von den Terenzischen

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 48 / 52 段