die neue Staatsreligion, deren wesentliches Kennzeichen das bewusste
Festhalten der als irrationell erkannten Saetze des Volksglaubens
aus aeusseren Zweckmaessigkeitsgruenden ist. Schon einer der
hervorragendsten Maenner des Scipionischen Kreises, der Grieche
Polybios, spricht es unverhohlen aus, dass das wunderliche und
schwerfaellige roemische Religionszeremoniell einzig der Menge wegen
erfunden sei, die, da die Vernunft nichts ueber sie vermoege, mit
Zeichen und Wundern beherrscht werden muesse, waehrend verstaendige
Leute allerdings der Religion nicht beduerften. Ohne Zweifel teilten
Polybios' roemische Freunde im wesentlichen diese Gesinnung, wenn sie
auch nicht in so kruder und so platter Weise Wissenschaft und Religion
sich entgegensetzten. Weder Laelius noch Scipio Aemilianus koennen
in der Auguraldisziplin, an die auch Polybios zunaechst denkt, etwas
anderes gesehen haben als eine politische Institution; doch war der
Nationalsinn in ihnen zu maechtig und das Anstandsgefuehl zu fein, als
dass sie mit solchen bedenklichen Eroerterungen oeffentlich haetten
auftreten moegen. Aber schon in der folgenden Generation trug der
Oberpontifex Quintus Scaevola (Konsul 659 95; 3, 221; 336) wenigstens in
seiner muendlichen Rechtsunterweisung unbedenklich die Saetze vor, dass
es eine zweifache Religion gebe, eine verstandesmaessige philosophische
und eine nichtverstandesmaessige traditionelle, dass jene sich nicht
eigne zur Staatsreligion, da sie mancherlei enthalte, was dem Volk zu
wissen unnuetz oder sogar schaedlich sei, dass demnach die ueberlieferte
Staatsreligion bleiben muesse, wie sie sei. Nur eine weitere Entwicklung
desselben Grundgedankens ist die Varronische Theologie, in der die
roemische Religion durchaus behandelt wird als ein Staatsinstitut. Der
Staat, wird hier gelehrt, sei aelter als die Goetter des Staats, wie der
Maler aelter als das Gemaelde; wenn es sich darum handelte, die Goetter
neu zu machen, wuerde man allerdings wohltun, sie zweckdienlicher und
den Teilen der Weltseele prinzipmaessig entsprechender zu machen und zu
benennen, auch die nur irrige Vorstellungen erweckenden Goetterbilder
3 und das verkehrte Opferwesen zu beseitigen; allein da diese
Einrichtungen einmal bestaenden, so muesse jeder gute Buerger sie kennen
und befolgen und dazu tun, dass der "gemeine Mann" die Goetter vielmehr
hoeher achten als geringschaetzen lerne. Dass der gemeine Mann, zu
dessen Besten die Herren ihren Verstand gefangen gaben, diesen Glauben
jetzt verschmaehte und sein Heil anderswo suchte, versteht sich von
selbst und wird weiterhin sich zeigen. So war denn die roemische
Hochkirche fertig, eine scheinheilige Priester- und Levitenschaft und
eine glaubenslose Gemeinde. Je unverhohlener man die Landesreligion fuer
eine politische Institution erklaerte, desto entschiedener betrachteten
die politischen Parteien das Gebiet der Staatskirche als Tummelplatz
fuer Angriff und Verteidigung; was namentlich in immer steigendem Masse
der Fall war mit der Auguralwissenschaft und mit den Wahlen zu
den Priesterkollegien. Die alte und natuerliche Uebung, die
Buergerversammlung zu entlassen, wenn ein Gewitter heraufzog, hatte
unter den Haenden der roemischen Augurn sich zu einem weitlaeufigen
System verschiedener Himmelszeichen und daran sich knuepfender
Verhaltungsregeln entwickelt; in den ersten Dezennien dieser Epoche ward
sogar durch das Aelische und das Fufische Gesetz geradezu verordnet,
dass jede Volksversammlung auseinanderzugehen genoetigt sei, wenn es
einem hoeheren Beamten einfalle, nach Gewitterzeichen am Himmel zu
schauen; und die roemische Oligarchie war stolz auf den schlauen
Gedanken, fortan durch eine einzige fromme Luege jedem Volksbeschluss
den Stempel der Nichtigkeit aufdruecken zu koennen. Umgekehrt lehnte
die roemische Opposition sich auf gegen die alte Uebung, dass die
vier hoechsten Priesterkollegien bei entstehenden Vakanzen sich selber
ergaenzten, und forderte die Erstreckung der Volkswahl auch auf die
Stellen selbst, wie sie fuer die Vorstandschaften dieser Kollegien
schon frueher eingefuehrt war. Es widersprach dies allerdings dem Geiste
dieser Koerperschaften, aber dieselben hatten kein Recht, darueber sich
zu beklagen, nachdem sie ihrem Geiste selbst untreu geworden waren
und zum Beispiel der Regierung mit religioesen Kassationsgruenden
politischer Akte auf Verlangen an die Hand gingen. Diese Angelegenheit
ward ein Zankapfel der Parteien. Den ersten Sturm im Jahre 609 (145)
schlug der Senat ab, wobei namentlich der Scipionische Kreis fuer die
Verwerfung des Antrags den Ausschlag gab. Aber im Jahre 650 (104)
ging sodann der Vorschlag durch mit der frueher schon bei der Wahl der
Vorstaende gemachten Beschraenkungen zum Besten bedenklicher Gewissen,
dass nicht die ganze Buergerschaft, sondern nur der kleinere Teil der
Bezirke zu waehlen habe. Dagegen stellte Sulla das Kooptationsrecht in
vollem Umfang wieder her. Mit dieser Fuersorge der Konservativen fuer
die reine Landesreligion vertrug es natuerlich sich aufs beste, dass
eben in den vornehmsten Kreisen mit derselben offen Spott getrieben
ward. Die praktische Seite des roemischen Priestertums war die
priesterliche Kueche; die Augural- und Pontifikalschmaeuse
waren gleichsam die offiziellen Silberblicke eines roemischen
Feinschmeckerlebens und manche derselben machten Epoche in der
Geschichte der Gastronomie, wie zum Beispiel die Antrittsmahlzeit
des Augurs Quintus Hortensius die Pfauenbraten aufgebracht hat. Sehr
brauchbar ward auch die Religion befunden, um den Skandal pikanter zu
machen. Es war ein Lieblingsvergnuegen vornehmer junger Herren, zur
Nachtzeit auf den Strassen die Goetterbilder zu schaenden oder zu
verstuemmeln. Gewoehnliche Liebeshaendel waren laengst gemein und
Verhaeltnisse mit Ehefrauen fingen an es zu werden; aber ein Verhaeltnis
zu einer Vestalin war so pikant wie in der Welt des Decamerone die
Nonnenliebschaft und das Klosterabenteuer. Bekannt ist der arge
Handel des Jahres 640 (114), in welchem drei Vestalinnen, Toechter der
vornehmsten Familien, und deren Liebhaber, junge Maenner gleichfalls aus
den besten Haeusern, zuerst vor dem Pontifikalkollegium und, da dies
die Sache zu vertuschen suchte, vor einem durch eigenen Volksschluss
eingesetzten ausserordentlichen Gericht wegen Unzucht zur Verantwortung
gezogen und saemtlich zum Tode verurteilt wurden. Solchen Skandal nun
konnten freilich gesetzte Leute nicht billigen; aber dagegen war nichts
einzuwenden, dass man die positive Religion im vertrauten Kreise albern
fand: die Augurn konnten, wenn einer den andern fungieren sah, sich
einander ins Gesicht lachen, unbeschadet ihrer religioesen Pflichten.
Man gewinnt die bescheidene Heuchelei verwandter Richtungen ordentlich
lieb, wenn man die krasse Unverschaemtheit der roemischen Priester und
Leviten damit vergleicht. Ganz unbefangen ward die offizielle Religion
behandelt als ein hohles, nur fuer die politischen Maschinisten noch
brauchbares Gerueste; in dieser Eigenschaft konnte es mit seinen
zahllosen Winkeln und Falltueren, wie es fiel, jeder Partei dienen
und hat einer jeden gedient. Zumeist sah allerdings die Oligarchie ihr
Palladium in der Staatsreligion, vornehmlich in der Auguraldisziplin;
aber auch die Gegenpartei machte keine prinzipielle Opposition gegen
ein Institut, das nur noch ein Scheinleben hatte, sondern betrachtete
dasselbe im ganzen als eine Schanze, die aus dem Besitz des Feindes
in den eigenen uebergehen koenne.
----------------------------------------------------------- 3 Auch in
Varros Satire 'Die Aboriginer' wurde in spoettischer Weise dargestellt,
wie die Urmenschen sich nicht haetten genuegen lassen mit dem Gott, den
nur der Gedanke erkennt, sondern sich gesehnt haetten nach
Goetterpuppen und Goetterbilderchen.
----------------------------------------------------------- Im scharfen
Gegensatz gegen dies eben geschilderte Religionsgespenst stehen die
verschiedenen fremden Kulte, welche diese Epoche hegte und pflegte und
denen wenigstens eine sehr entschiedene Lebenskraft nicht abgesprochen
werden kann. Sie begegnen ueberall, bei den vornehmen Damen und Herren
wie in den Sklavenkreisen, bei dem General wie bei dem Lanzknecht, in
Italien wie in den Provinzen. Es ist unglaublich, wie hoch hinauf
dieser Aberglaube bereits reicht. Als im Kimbrischen Krieg eine syrische
Prophetin Martha sich erbot, die Wege und Mittel zur Ueberwindung der
Deutschen dem Senat an die Hand zu geben, wies dieser zwar sie mit
Verachtung zurueck; aber die roemischen Damen und namentlich Marius'
eigene Gemahlin expedierten sie dennoch nach dem Hauptquartier, wo
der Gemahl sie bereitwillig aufnahm und mit sich herumfuehrte, bis die
Teutonen geschlagen waren. Die Fuehrer der verschiedensten Parteien im
Buergerkrieg, Marias, Octavius, Sulla, trafen zusammen in dem Glauben
an Zeichen und Orakel. Selbst der Senat masste waehrend desselben in
den Wirren des Jahres 667 (87) sich dazu verstehen, den Faseleien einer
verrueckten Prophetin gemaess Anordnungen zu treffen. Fuer das Erstarren
der roemisch-hellenischen Religion, wie fuer das im Steigen begriffene
Beduerfnis der Menge nach staerkeren religioesen Stimulantien ist
es bezeichnend, dass der Aberglaube nicht mehr, wie in den
Bakchenmysterien, anknuepft an die nationale Religion; selbst die
etruskische Mystik ist bereits ueberfluegelt; durchaus in erster Linie
erscheinen die in den heissen Landschaften des Orients gezeitigten
Kulte. Sehr viel hat dazu beigetragen das massenhafte Eindringen
kleinasiatischer und syrischer Elemente in die Bevoelkerung, teils durch
die Sklaveneinfuhr, teils durch den gesteigerten Verkehr Italiens mit
dem Osten. Die Macht dieser fremdlaendischen Religion tritt sehr scharf
hervor in den Aufstaenden der sizilischen, groesstenteils aus Syrien
herstammenden Sklaven. Eunus spie Feuer, Athenion las in den Sternen;
die von den Sklaven in diesen Kriegen geschleuderten Bleikugeln tragen
grossenteils Goetternamen, neben Zeus und Artetuis besonders den der
geheimnisvollen von Kreta nach Sizilien gewanderten und daselbst eifrig
verehrten Muetter. Aehnlich wirkte der Handelsverkehr, namentlich
seitdem die Waren von Berytos und Alexandreia direkt nach den italischen
Haefen gingen: Ostia und Puteoli wurden die grossen Stapelplaetze wie
fuer die syrischen Salben und die aegyptische Leinwand so auch fuer
den Glauben des Ostens. Ueberall ist mit der Voelker- auch die
Religionsmengung bestaendig im Steigen. Von allen erlaubten Kulten war
der populaerste der der pessinuntischen Goettermutter, der mit seinem
Eunuchenzoelibat, mit den Schmaeusen, der Musik, den Bettelprozessionen
und dem ganzen sinnlichen Gepraenge der Menge imponierte; die
Hauskollekten wurden bereits als eine oekonomische Last empfunden.
In der gefaehrlichsten Zeit des Kimbrischen Krieges erschien der
Hohepriester Battakes von Pessinus in eigener Person in Rom, um die
Interessen des dortigen, angeblich entweihten Tempels seiner Goettin zu
vertreten, redete im besonderen Auftrag der Goettermutter zum roemischen
Volk und tat auch verschiedene Wunder. Die verstaendigen Leute aergerten
sich, aber die Weiber und die grosse Menge liessen es sich nicht nehmen,
dem Propheten beim Abzug in hellen Haufen das Geleit zu geben. Geluebde,
nach dem Osten zu wallfahrten, waren bereits nichts Seltenes mehr, wie
denn selbst Marius also seine Pilgerfahrt nach Pessinus unternahm; ja
es gaben schon (zuerst 653 101) roemische Buerger sich zu dem
Eunuchenpriestertum her. Aber weit populaerer noch waren natuerlich die
unerlaubten und Geheimkulte. Schon zu Catos Zeit hatte der chaldaeische
Horoskopensteller angefangen, dem etruskischen Eingeweide-, dem
marsischen Vogelschauer Konkurrenz zu machen; bald war die Sternguckerei
und Sterndeuterei in Italien ebenso zu Hause wie in ihrem traumseligen
Heimatland. Schon 615 (139) wies der roemische Fremdenpraetor die
saemtlichen "Chaldaeer" an, binnen zehn Tagen Rom und Italien zu
raeumen. Dasselbe Schicksal traf gleichzeitig die Juden, welche zu ihrem
Sabbat italische Proselyten zugelassen hatten. Ebenso hatte Scipio das
Lager von Numantia von Wahrsagern und frommen Industrierittern jeder
Art zu reinigen. Einige Jahrzehnte spaeter (657 97) sah man sogar
sich genoetigt, die Menschenopfer zu verbieten. Der wilde Kult der
kappadokischen Ma oder, wie die Roemer sie nannten, der Bellona, welcher
bei den festlichen Aufzuegen die Priester das eigene Blut zum Opfer
verspritzten, und die duestere aegyptische Goetterverehrung beginnen
sich zu melden; schon Sulla erschien jene Kappadokierin im Traume, und
von den spaeteren roemischen Isis- und Osirisgemeinden fuehrten die
aeltesten ihre Entstehung bis in die sullanische Zeit zurueck. Man war
irre geworden, nicht bloss an dem alten Glauben, sondern auch an sich
selbst; die entsetzlichsten Krisen einer fuenfzigjaehrigen Revolution,
das instinktmaessige Gefuehl, dass der Buergerkrieg noch keineswegs am
Ende sei, steigerten die angstvolle Spannung, die truebe Beklommenheit
der Menge. Unruhig erklomm der irrende Gedanke jede Hoehe und versenkte
sich in jeden Abgrund, wo er neue Aus- und Einsichten in die drohenden
Verhaengnisse, neue Hoffnungen in dem verzweifelten Kampfe gegen das
Geschick oder vielleicht auch nur neue Angst zu finden waehnte.
Der ungeheuerliche Mystizismus fand in der allgemeinen politischen,
oekonomischen, sittlichen, religioesen Zerfahrenheit den ihm genehmen
Boden und gedieh mit erschreckender Schnelle: es war, als waeren
Riesenbaeume ueber Nacht aus der Erde gewachsen, niemand wusste woher
und wozu, und ebendieses wunderbar rasche Emporkommen wirkte neue
Wunder und ergriff epidemisch alle nicht ganz befestigten Gemueter. In
aehnlicher Weise wie auf dem religioesen Gebiet vollendete sich die
in der vorigen Epoche begonnene Revolution auf dem der Erziehung und
Bildung. Wie der Grundgedanke des roemischen Wesens, die buergerliche
Gleichheit, bereits im Laufe des sechsten Jahrhunderts auch auf diesem
Gebiet ins Schwanken gekommen war, ist frueher dargestellt worden.
Schon zu Pictors und Catos Zeit war die griechische Bildung in Rom weit
verbreitet und gab es eine eigene roemische Bildung; allein man war
doch mit beiden nicht ueber die Anfaenge hinausgelangt. Was man unter
roemisch-griechischer Musterbildung in dieser Zeit ungefaehr verstand,
zeigt Catos 'Encyklopaedie'; es ist wenig mehr als die Formulierung
des alten roemischen Hausvatertums und wahrlich, mit der damaligen
hellenischen Bildung verglichen, duerftig genug. Auf wie niedriger Stufe
noch im Anfang des siebenten Jahrhunderts der Jugendunterricht in
Rom durchgaengig stand, laesst aus den Aeusserungen bei Polybios sich
abnehmen, welcher in dieser einen Hinsicht gegenueber der verstaendigen
privaten und oeffentlichen Fuersorge seiner Landsleute die straefliche
Gleichgueltigkeit der Roemer tadelnd hervorhebt - in den dieser
Gleichgueltigkeit zu Grunde liegenden tieferen Gedanken der
buergerlichen Gleichheit hat kein Hellene, auch Polybios nicht sich zu
finden vermocht. Jetzt ward dies anders. Wie zu dem naiven Volksglauben
der aufgeklaerte stoische Supranaturalismus hinzutrat, so formulierte
auch in der Erziehung neben dem einfachen Volksunterricht sich eine
besondere Bildung, eine exklusive Humanitas und vertilgte die letzten
Ueberreste der alten geselligen Gleichheit. Es wird nicht ueberfluessig
sein, auf die Gestaltung des neuen Jugendunterrichts, sowohl des
griechischen wie des hoeheren lateinischen, einen Blick zu werfen.
Es ist eine wundersame Fuegung, dass derselbe Mann, der politisch
die hellenische Nation definitiv ueberwand, Lucius Aemilius Paullus,
zugleich zuerst oder als einer der ersten die hellenische Zivilisation
vollstaendig anerkannte als das, was sie seitdem unwidersprochen
geblieben ist, die Zivilisation der antiken Welt. Er selber zwar war
ein Greis, bevor es ihm gestattet wurde, die Homerischen Lieder im Sinn,
hinzutreten vor den Zeus des Pheidias; aber sein Herz war jung genug,
um den vollen Sonnenglanz hellenischer Schoenheit und die unbezwingliche
Sehnsucht nach den goldenen Aepfeln der Hesperiden in seiner Seele
heimzubringen; Dichter und Kuenstler hatten an dem fremden Mann einen
ernsteren und innigeren Glaeubigen gefunden, als irgendeiner war von den
klugen Leuten des damaligen Griechenland. Er machte kein Epigramm auf
Homeros oder Pheidias, aber er liess seine Kinder einfuehren in die
Reiche des Geistes. Ohne die nationale Erziehung zu vernachlaessigen,
soweit es eine solche gab, sorgte er wie die Griechen fuer die physische
Entwicklung seiner Knaben, zwar nicht durch die nach roemischen
Begriffen unzulaessigen Turnuebungen, aber durch Unterweisung in der
bei den Griechen fast kunstmaessig entwickelten Jagd, und steigerte den
griechischen Unterricht in der Art, dass nicht mehr bloss die Sprache um
des Sprechens willen gelernt und geuebt, sondern nach griechischer Art
der Gesamtstoff allgemeiner hoeherer Bildung an die Sprache geknuepft
und aus ihr entwickelt ward - also vor allem die Kenntnis der
griechischen Literatur mit der zu deren Verstaendnis noetigen
mythologischen und historischen Kunde, sodann Rhetorik und Philosophie.
Die Bibliothek des Koenigs Perseus war das einzige Stueck, das Paullus
aus der makedonischen Kriegsbeute fuer sich nahm, um sie seinen Soehnen
zu schenken. Sogar griechische Maler und Bildner befanden sich in seinem
Gefolge und vollendeten die musische Bildung seiner Kinder. Dass
die Zeit vorueber war, wo man auf diesem Gebiet sich dem Hellenismus
gegenueber bloss ablehnend verhalten konnte, hatte schon Cato empfunden;
die Besseren mochten jetzt ahnen, dass der edle Kern roemischer Art
durch den ganzen Hellenismus weniger gefaehrdet werde als durch dessen
Verstuemmelung und Missbildung: die Masse der hoeheren Gesellschaft Roms
und Italiens machte die neue Weise mit. An griechischen Schulmeistern
war seit langem in Rom kein Mangel; jetzt stroemten sie scharenweise,
und nicht bloss als Sprach-, sondern als Lehrer der Literatur und
Bildung ueberhaupt, nach dem neu eroeffneten ergiebigen Absatzmarkt
ihrer Weisheit. Griechische Hofmeister und Lehrer der Philosophie, die
freilich, auch wenn sie nicht Sklaven waren, regelmaessig wie Bediente
4 gehalten wurden, wurden jetzt stehend in den Palaesten Roms; man
raffinierte darauf, und es findet sich, dass fuer einen griechischen
Literatursklaven ersten Ranges 200000 Sesterzen (15200 Taler) gezahlt
worden sind. Schon 593 (161) bestanden in der Hauptstadt eine Anzahl
besonderer Lehranstalten fuer griechische Deklamationsuebung. Schon
begegnen einzelne ausgezeichnete Namen unter diesen roemischen
Lehrern: des Philosophen Panaetios ward bereits gedacht; der angesehene
Grammatiker Krates von Mallos in Kilikien, Aristarchs Zeitgenosse und
ebenbuertiger Rival, fand um 585 (169) in Rom ein Publikum fuer die
Vorlesung und sprachliche und sachliche Erlaeuterung der Homerischen
Gedichte. Zwar stiess diese neue Weise des Jugendunterrichts,
revolutionaer und antinational wie sie war, zum Teil auf den Widerstand
der Regierung; allein der Ausweisungsbefehl, den die Behoerden 593 (161)
gegen Rhetoren und Philosophen schleuderten, blieb, zumal bei dem steten
Wechsel der roemischen Oberbeamten, wie alle aehnlichen Befehle ohne
nennenswerten Erfolg, und nach des alten Cato Tode ward in seinem
Sinne wohl noch oefters geklagt, aber nicht mehr gehandelt. Der
hoehere Unterricht im Griechischen und in den griechischen
Bildungswissenschaften blieb fortan anerkannt als ein wesentlicher
Teil der italischen Bildung.
------------------------------------------------------ 4 Cicero sagt,
dass er seinen gelehrten Sklaven Dionysios ruecksichtsvoller behandelt
habe als Scipio den Panaetios; und in gleichem Sinne hiess es bei
Lucilius: Nuetzlicher ist mir mein Gaul, mein Reitknecht, Mantel
und Zeltdach Als der Philosoph.
------------------------------------------------------- Aber ihm zur
Seite entwickelte sich ein hoeherer lateinischer Unterricht. Es ist
in der vorigen Epoche dargestellt worden, wie der lateinische
Elementarunterricht sich innerlich gesteigert hatte; wie an die Stelle
der Zwoelf Tafeln gleichsam als verbesserte Fibel die lateinische
Odyssee getreten war und nun der roemische Knabe an dieser Uebersetzung,
wie der griechische an dem Original, die Kunde und den Vortrag
der Muttersprache ausbildete; wie namhafte griechische Sprach-
und Literaturlehrer, Andronicus, Ennius und andere mehr, die doch
wahrscheinlich schon nicht eigentlich Kinder, sondern heranreifende
Knaben und Juenglinge lehrten, es nicht verschmaehten, neben der
griechischen auch in der Muttersprache zu unterrichten. Es waren das
die Anfaenge eines hoeheren lateinischen Unterrichts, aber doch noch
ein solcher nicht. Der Sprachunterricht kann den elementaren Kreis nicht
ueberschreiten, solange es an einer Literatur mangelt. Erst als es nicht
bloss lateinische Schulbuecher, sondern eine lateinische Literatur gab
und diese in den Werken der Klassiker des sechsten Jahrhunderts in einer
gewissen Abgeschlossenheit vorlag, traten die Muttersprache und
die einheimische Literatur wahrhaft ein in den Kreis der hoeheren
Bildungselemente; und die Emanzipation von den griechischen
Sprachmeistern liess nun auch nicht lange auf sich warten. Angeregt
durch die Homerischen Vorlesungen des Krates begannen gebildete Roemer
die rezitativen Werke auch ihrer Literatur, Naevius' 'Punischen Krieg',
Ennius' 'Chronik', spaeterhin auch Lucilius' Gedichte zuerst einem
erlesenen Kreis, dann oeffentlich an fest bestimmten Tagen und unter
grossem Zulauf vorzutragen, auch wohl nach dem Vorgang der homerischen
Grammatiker sie kritisch zu bearbeiten. Diese literarischen Vortraege,
die gebildete Dilettanten (litterati) unentgeltlich hielten, waren zwar
kein foermlicher Jugendunterricht, aber doch ein wesentliches Mittel,
die Jugend in das Verstaendnis und den Vortrag der klassischen
lateinischen Literatur einzufuehren. Aehnlich ging es mit der Bildung
der lateinischen Rede. Die vornehme roemische Jugend, die schon in
fruehem Alter mit Lob- und gerichtlichen Reden oeffentlich aufzutreten
angehalten ward, wird es an Redeuebungen nie haben fehlen lassen; indes
erst in dieser Epoche und infolge der neuen exklusiven Bildung entstand
eine eigentliche Redekunst. Als der erste roemische Sachwalter, der
Sprache und Stoff kunstmaessig behandelte, wird Marcus Lepidus
Porcina (Konsul 617 137) genannt; die beiden beruehmten Advokaten
der marianischen Zeit, der maennliche und lebhafte Marcus Antonius
(611-667143-87) und der feine, gehaltene Redner Lucius Crassus (614-663
140-91), waren schon vollstaendig Kunstredner. Die Uebungen der Jugend
im Sprechen stiegen natuerlich an Umfang und Bedeutung, aber blieben
doch, eben wie die lateinischen Literaturuebungen, wesentlich darauf
beschraenkt, dass der Anfaenger an den Meister der Kunst persoenlich
sich anschloss und durch sein Beispiel und seine Lehre sich ausbildete.
Foermliche Unterweisung sowohl in lateinischer Literatur als in
lateinischer Redekunst gab zuerst um 650 (100) Lucius Aelius Praeconinus
von Lanuvium, der "Griffelmann" (Stilo) genannt, ein angesehener, streng
konservativ gesinnter roemischer Ritter, der mit einem auserlesenen