zum Maezen moeglichst uebel sich schickte, konnte nicht umhin,

den Verskuenstler zu patronisieren. Waehrend also das geistige und

literarische Leben wenn nicht die reineren, doch die vornehmeren

Elemente der beiden Nationen miteinander in Verbindung brachte, flossen

andererseits durch das massenhafte Eindringen der kleinasiatischen und

syrischen Sklavenscharen und durch die kaufmaennische Einwanderung aus

dem griechischen und halbgriechischen Osten die rohesten und stark mit

orientalischen und ueberhaupt barbarischen Bestandteilen versetzten

Schichten des Hellenismus zusammen mit dem italischen Proletariat und

gaben auch diesem eine hellenische Faerbung. Die Bemerkung Ciceros, dass

neue Sprache und neue Weise zuerst in den Seestaedten aufkommt, duerfte

zunaechst auf das halbhellenische Wesen in Ostia, Puteoli und Brundisium

sich beziehen, wo mit der fremden Ware auch die fremde Sitte

zuerst Eingang und von da aus weiteren Vertrieb fand.

--------------------------------------------------- ^1 Dass vor 608

(146) keine "griechischen Spiele" in Rom gegeben seien (Tac. ann. 14,

21), ist nicht genau; schon 568 (186) traten griechische "Kuenstler"

(technitai) und Athleten (Liv. 39, 22), 587 (167) griechische

Floetenspieler, Tragoeden und Faustkaempfer auf (Polyb. 30, 13).

-------------------------------------------------- Das

unmittelbare Resultat dieser vollstaendigen Revolution in den

Nationalitaetsverhaeltnissen war allerdings nichts weniger als

erfreulich. Italien wimmelte von Griechen, Syrern, Phoenikern,

Juden, Aegyptern, die Provinzen von Roemern; die scharf ausgepraegten

Volkstuemlichkeiten rieben sich ueberall aneinander und verschliffen

sich zusehends; es schien nichts uebrigbleiben zu sollen als der

allgemeine Charakter der Vernutzung. Was das lateinische Wesen an

Ausdehnung gewann, verlor es an Frische; vor allem in Rom selbst, wo

der Mittelstand am fruehesten und vollstaendigsten verschwand und nichts

uebrig blieb als die grossen Herren und die Bettler, beide in gleichem

Masse Kosmopoliten. Cicero versichert, dass um 660 (190) die allgemeine

Bildung in den launischen Staedten hoeher gestanden habe als in

Rom; dies bestaetigt die Literatur dieser Zeit, deren erfreulichste,

gesundeste und eigentuemlichste Erzeugnisse, wie die nationale Komoedie

und die Lucilische Satire, mit groesserem Recht latinisch heissen als

roemisch. Dass der italische Hellenismus der unteren Schichten in der

Tat nichts war als ein zugleich mit allen Auswuechsen der Kultur und

mit oberflaechlich uebertuenchter Barbarei behafteter widerwaertiger

Kosmopolitismus, versteht sich von selbst; aber auch fuer die bessere

Gesellschaft blieb der feine Sinn des Scipionischen Kreises nicht auf

die Dauer massgebend. Je mehr die Masse der Gesellschaft anfing, sich

fuer das griechische Wesen zu interessieren, desto entschiedener griff

sie statt zu der klassischen Literatur vielmehr zu den modernsten und

frivolsten Erzeugnissen des griechischen Geistes; statt im hellenischen

Sinn das roemische Wesen zu gestalten, begnuegte man sich mit Entlehnung

desjenigen Zeitvertreibs, der den eigenen Geist moeglichst wenig

in Taetigkeit setzte. In diesem Sinn aeusserte der arpinatische

Gutsbesitzer Marcus Cicero, der Vater des Redners, dass der Roemer, wie

der syrische Sklave, immer um so weniger tauge, je mehr er griechisch

verstehe. Diese nationale Dekomposition ist unerquicklich wie die ganze

Zeit, aber auch wie diese bedeutsam und folgenreich. Der Voelkerkreis,

den wir die alte Welt zu nennen gewohnt sind, schreitet fort von der

aeusserlichen Einigung unter der Machtgewalt Roms zu der inneren unter

der Herrschaft der modernen, wesentlich auf hellenischen Elementen

ruhenden Bildung. Ueber den Truemmern der Voelkerschaften zweiten Ranges

vollzieht sich zwischen den beiden herrschenden Nationen stillschweigend

der grosse geschichtliche Kompromiss; die griechische und die

lateinische Nationalitaet schliessen miteinander Frieden. Auf dem

Gebiete der Bildung verzichten die Griechen, auf dem politischen die

Roemer auf ihre exklusive Sprachherrschaft; im Unterricht wird dem

Latein eine freilich beschraenkte und unvollstaendige Gleichstellung mit

dem Griechischen eingeraeumt; andererseits gestattet zuerst Sulla den

fremden Gesandten, vor dem roemischen Senat ohne Dolmetscher griechisch

zu reden. Die Zeit kuendigt sich an, wo das roemische Gemeinwesen in

einen zwiesprachigen Staat uebergehen und der rechte Erbe des Thrones

und der Gedanken Alexanders des Grossen im Westen aufstehen wird,

zugleich ein Roemer und ein Grieche. Was schon der Ueberblick der

nationalen Verhaeltnisse also zeigt, die Unterdrueckung der sekundaeren

und die gegenseitige Durchdringung der beiden primaeren Nationalitaeten,

das ist im Gebiete der Religion, der Volkserziehung, der Literatur und

der Kunst noch im einzelnen genauer darzulegen. Die roemische Religion

war mit dem roemischen Gemeinwesen und dem roemischen Haushalt so innig

verwachsen, so gar nichts anderes als die fromme Widerspiegelung der

roemischen Buergerwelt, dass die politische und soziale Revolution

notwendigerweise auch das Religionsgebaeude ueber den Haufen warf. Der

alte italische Volksglaube stuerzt zusammen; ueber seinen Truemmern

erheben sich, wie ueber den Truemmern des politischen Gemeinwesens

Oligarchie und Tyrannis, so auf der einen Seite der Unglaube, die

Staatsreligion, der Hellenismus, auf der anderen der Aberglaube, das

Sektenwesen, die Religion der Orientalen. Allerdings gehen die Anfaenge

von beiden, wie ja auch die Anfaenge der politisch-sozialen Revolution,

bereits in die vorige Epoche zurueck. Schon damals ruettelte die

hellenische Bildung der hoeheren Kreise im stillen an dem Glauben der

Vaeter; schon Ennius buergerte die Allegorisierung und Historisierung

der hellenischen Religion in Italien ein; schon der Senat, der Hannibal

bezwang, musste die Uebersiedlung des kleinasiatischen Kybelekults

nach Rom gutheissen und gegen anderen noch schlimmeren Aberglauben,

namentlich das bakchische Muckertum, aufs ernstlichste einschreiten.

Indes wie ueberhaupt in der vorhergehenden Periode die Revolution mehr

in den Gemuetern sich vorbereitete als aeusserlich sich vollzog, so ist

auch die religioese Umwaelzung im wesentlichen dort erst das Werk der

gracchischen und sullanischen Zeit. Versuchen wir zunaechst die an

den Hellenismus sich anlehnende Richtung zu verfolgen. Die hellenische

Nation, weit frueher als die italische erblueht und abgeblueht,

hatte laengst die Epoche des Glaubens durchmessen und seitdem sich

ausschliesslich bewegt auf dem Gebiet der Spekulation und Reflexion;

seit langem gab es dort keine Religion mehr, sondern nur noch

Philosophie. Aber auch die philosophische Taetigkeit des hellenischen

Geistes hatte, als sie auf Rom zu wirken begann, die Epoche der

produktiven Spekulation bereits weit hinter sich und war in dem Stadium

angekommen, wo nicht bloss keine wahrhaft neuen Systeme mehr entstehen,

sondern wo auch die Fassungskraft fuer die vollkommensten der

aelteren zu schwinden beginnt und man auf die schulmaessige und bald

scholastische Ueberlieferung der unvollkommneren Philosopheme der

Vorfahren sich beschraenkt; in dem Stadium also, wo die Philosophie,

statt den Geist zu vertiefen und zu befreien, vielmehr ihn verflacht und

ihn in die schlimmsten aller Fesseln, die selbstgeschmiedeten, schlaegt.

Der Zaubertrank der Spekulation, immer gefaehrlich, ist, verduennt

und abgestanden, sicheres Gift. So schal und verwaessert reichten die

gleichzeitigen Griechen ihn den Roemern, und diese verstanden weder

ihn zurueckzuweisen noch von den lebenden Schulmeistern auf die

toten Meister zurueckzugehen. Platon und Aristoteles, um von den

vorsokratischen Weisen zu schweigen, sind ohne wesentlichen Einfluss auf

die roemische Bildung geblieben, wenngleich die erlauchten Namen gern

genannt, ihre fasslicheren Schriften auch wohl gelesen und uebersetzt

wurden. So wurden denn die Roemer in der Philosophie nichts

als schlechter Lehrer schlechtere Schueler. Ausser der

historisch-rationalistischen Auffassung der Religion, welche die Mythen

aufloeste in Lebensbeschreibungen verschiedener in grauer Vorzeit

lebender Wohltaeter des Menschengeschlechtes, aus denen der Aberglaube

Goetter gemacht habe, oder dem sogenannten Euhemerismus, sind

hauptsaechlich drei Philosophenschulen fuer Italien von Bedeutung

geworden: die beiden dogmatischen des Epikuros (+ 484 270) und des Zenon

(+ 491 263) und die skeptische des Arkesilas (+ 513 241) und Karneades

(541-625 231-129) oder mit den Schulnamen der Epikureismus, die Stoa

und die Neuere Akademie. Die letzte dieser Richtungen, welche von der

Unmoeglichkeit des ueberzeugten Wissens ausging und an dessen Stelle nur

ein fuer das praktische Beduerfnis ausreichendes vorlaeufiges Meinen als

moeglich zugab, bewegte sich hauptsaechlich polemisch, indem sie jeden

Satz des positiven Glaubens wie des philosophischen Dogmatismus in den

Schlingen ihrer Dilemmen fing. Sie steht insofern ungefaehr auf einer

Linie mit der aelteren Sophistik, nur dass begreiflicherweise die

Sophisten mehr gegen den Volksglauben, Karneades und die Seinen mehr

gegen ihre philosophischen Kollegen ankaempften. Dagegen trafen Epikuros

und Zenon ueberein sowohl in dem Ziel einer rationellen Erklaerung des

Wesens der Dinge als auch in der physiologischen, von dem Begriff der

Materie ausgehenden Methode. Auseinander gingen sie, insofern Epikuros,

der Atomenlehre Demokrits folgend, das Urwesen als starre Materie

fasst und diese nur durch mechanische Verschiedenheiten in die

Mannigfaltigkeit der Dinge ueberfuehrt, Zenon dagegen, sich anlehnend

an den Ephesier Herakleitos, schon in den Urstoff eine dynamische

Gegensaetzlichkeit und eine auf- und niederwogende Bewegung hineinlegt;

woraus denn die weiteren Unterschiede sich ableiten: dass im

epikureischen System die Goetter gleichsam nicht vorhanden und

hoechstens der Traum der Traeume sind, die stoischen Goetter die ewig

rege Seele der Welt und als Geist, als Sonne, als Gott maechtig ueber

den Koerper, die Erde, die Natur; dass Epikuros nicht, wohl aber Zenon

eine Weltregierung und eine persoenliche Unsterblichkeit der Seele

anerkennt; dass das Ziel des menschlichen Strebens nach Epikuros ist das

unbedingte, weder von koerperlichem Begehren noch von geistigem Streiten

aufgeregte Gleichgewicht, dagegen nach Zenon die durch das stetige

Gegeneinanderstreben des Geistes und Koerpers immer gesteigerte und

zu dem Einklang mit der ewig streitenden und ewig friedlichen Natur

aufstrebende menschliche Taetigkeit. In einem Punkte aber stimmten der

Religion gegenueber alle diese Schulen zusammen: dass der Glaube

als solcher nichts sei und notwendig ersetzt werden muesse durch die

Reflexion, mochte diese uebrigens mit Bewusstsein darauf verzichten, zu

einem Resultat zu gelangen, wie die Akademie, oder die Vorstellungen des

Volksglaubens verwerfen, wie die Schule Epikurs, oder dieselben teils

motiviert festhalten, teils modifizieren, wie die Stoiker taten. Es

war danach nur folgerichtig, dass die erste Beruehrung der

hellenischen Philosophie mit der roemischen, ebenso glaubensfesten als

antispekulativen Nation durchaus feindlicher Art war. Die roemische

Religion hatte vollkommen recht, von diesen philosophischen Systemen

sowohl die Befehdung wie die Begruendung sich zu verbitten, die beide

ihr eigentliches Wesen aufhoben. Der roemische Staat, der in der

Religion instinktmaessig sich selber angegriffen fuehlte, verhielt sich

billig gegen die Philosophen wie die Festung gegen die Eclaireurs der

anrueckenden Belagerungsarmee und wies schon 593 (161) mit den Rhetoren

auch die griechischen Philosophen aus Rom aus. In der Tat war auch

gleich das erste groessere Debuet der Philosophie in Rom eine foermliche

Kriegserklaerung gegen Glaube und Sitte. Es ward veranlasst durch die

Okkupation von Oropos durch die Athener, mit deren Rechtfertigung vor

dem Senat diese drei der angesehensten Professoren der Philosophie,

darunter den Meister der modernen Sophistik, Karneades, beauftragten

(599 155). Die Wahl war insofern zweckmaessig, als der ganz schandbare

Handel jeder Rechtfertigung im gewoehnlichen Verstand spottete; dagegen

passte es vollkommen fuer den Fall, wenn Karneades durch Rede

und Gegenrede bewies, dass sich gerade ebenso viele und ebenso

nachdrueckliche Gruende zum Lobe der Ungerechtigkeit vorbringen liessen

wie zum Lobe der Gerechtigkeit, und wenn er in bester logischer Form

dartat, dass man mit gleichem Recht von den Athenern verlangen koenne,

Oropos herauszugeben und von den Roemern, sich wieder zu beschraenken

auf ihre alten Strohhuetten am Palatin. Die der griechischen Sprache

maechtige Jugend ward durch den Skandal wie durch den raschen und

emphatischen Vortrag des gefeierten Mannes scharenweise herbeigezogen;

aber diesmal wenigstens konnte man Cato nicht unrecht geben, wenn er

nicht bloss die dialektischen Gedankenreihen der Philosophen unhoeflich

genug mit den langweiligen Psalmodien der Klageweiber verglich, sondern

auch im Senat darauf drang, einen Menschen auszuweisen, der die Kunst

verstand, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu machen, und

dessen Verteidigung in der Tat nichts war als ein schamloses und fast

hoehnisches Eingestaendnis des Unrechts. Indes dergleichen Ausweisungen

reichten nicht weit, um so weniger, da es doch der roemischen Jugend

nicht verwehrt werden konnte, in Rhodos oder Athen philosophische

Vortraege zu hoeren. Man gewoehnte sich, die Philosophie zuerst

wenigstens als notwendiges Uebel zu dulden, bald auch fuer die in

ihrer Naivitaet nicht mehr haltbare roemische Religion in der fremden

Weisheitslehre eine Stuetze zu suchen, die als Glauben zwar sie

ruinierte, aber dafuer doch dem gebildeten Mann gestattete, die

Namen und Formen des Volksglaubens anstaendigerweise einigermassen

festzuhalten. Indes diese Stuetze konnte weder der Euhemerismus

sein noch das System des Karneades oder des Epikuros. Die

Mythenhistorisierung trat dem Volksglauben allzu schroff entgegen, indem

sie die Goetter geradezu fuer Menschen erklaerte; Karneades zog gar ihre

Existenz in Zweifel, und Epikuros sprach ihnen wenigstens jeden Einfluss

auf die Geschicke der Menschen ab. Zwischen diesen Systemen und der

roemischen Religion war ein Buendnis unmoeglich; sie waren und blieben

verfemt. Noch in Ciceros Schriften wird es fuer Buergerpflicht erklaert,

dem Euhemerismus Widerstand zu leisten, der dem Gottesdienst zu nahe

trete; und von den in seinen Gespraechen auftretenden Akademikern und

Epikureern muss jener sich entschuldigen, dass er als Philosoph zwar ein

Juenger des Karneades, aber als Buerger und Pontifex ein rechtglaeubiger

Bekenner des Kapitolinischen Jupiter sei, der Epikureer sogar

schliesslich sich gefangen geben und sich bekehren. Keines dieser

drei Systeme ward eigentlich populaer. Die platte Begreiflichkeit

des Euhemerismus hat wohl eine gewisse Anziehungskraft auf die Roemer

geuebt, namentlich auf die konventionelle Geschichte Roms nur zu

tief eingewirkt mit ihrer zugleich kindischen und altersschwachen

Historisierung der Fabel; auf die roemische Religion aber blieb

er deshalb ohne wesentlichen Einfluss, weil diese von Haus aus nur

allegorisierte, nicht fabulierte und es dort nicht wie in Hellas

moeglich war, Biographien Zeus des ersten, zweiten und dritten zu

schreiben. Die moderne Sophistik konnte nur gedeihen, wo, wie in Athen,

die geistreiche Maulfertigkeit zu Hause war und ueberdies die

langen Reihen gekommener und gegangener philosophischer Systeme hohe

Schuttlagen geistiger Brandstaetten aufgeschichtet hatten. Gegen den

Epikurischen Quietismus endlich lehnte alles sich auf, was in dem

roemischen, so durchaus auf Taetigkeit gerichteten Wesen tuechtig und

brav war. Dennoch fand er mehr sein Publikum als der Euhemerismus und

die Sophistik, und es ist wahrscheinlich dies die Ursache, weshalb die

Polizei fortgefahren hat, ihm am laengsten und ernstlichsten den Krieg

zu machen. Indes dieser roemische Epikureismus war nicht so sehr ein

philosophisches System als eine Art philosophischen Dominos, unter dem

- sehr gegen die Absicht seines streng sittlichen Urhebers - der

gedankenlose Sinnesgenuss fuer die gute Gesellschaft sich maskierte;

wie denn einer der fruehesten Bekenner dieser Sekte, Titus Albucius,

in Lucilius' Gedichten figuriert als der Prototyp des uebel

hellenisierenden Roemers. Gar anders stand und wirkte in Italien die

stoische Philosophie. Im geraden Gegensatz gegen jene Richtungen schloss

sie an die Landesreligion so eng sich an, wie das Wissen sich dem

Glauben zu akkommodieren ueberhaupt nur vermag. An dem Volksglauben mit

seinen Goettern und Orakeln hielt der Stoiker insofern grundsaetzlich

fest, als er darin eine instinktive Erkenntnis sah, auf welche die

wissenschaftliche Ruecksicht zu nehmen, ja in zweifelhaften Faellen sich

ihr unterzuordnen verpflichtet sei. Er glaubte mehr anders als das Volk

als eigentlich anderes: der wesentlich wahre und hoechste Gott zwar

war ihm die Weltseele, aber auch jede Manifestation des Urgottes

war wiederum Gott, die Gestirne vor allem, aber auch die Erde, der

Weinstock, die Seele des hohen Sterblichen, den das Volk als Heros

ehrte, ja ueberhaupt jeder abgeschiedene Geist eines gewordenen

Menschen. Diese Philosophie passte in der Tat besser nach Rom als in

die eigene Heimat. Der Tadel des frommen Glaeubigen, dass der Gott des

Stoikers weder Geschlecht noch Alter noch Koerperlichkeit habe und aus

einer Person in einen Begriff verwandelt sei, hatte in Griechenland

einen Sinn, nicht aber in Rom. Die grobe Allegorisierung und sittliche

Purifizierung, wie sie der stoischen Goetterlehre eigen war, verdarb den

besten Kern der hellenischen Mythologie; aber die auch in ihrer naiven

Zeit duerftige plastische Kraft der Roemer hatte nicht mehr erzeugt als

eine leichte, ohne sonderlichen Schaden abzustreifende Umhuellung der

urspruenglichen Anschauung oder des urspruenglichen Begriffes, woraus

die Gottheit hervorgegangen war. Pallas Athene mochte zuernen, wenn

sie sich ploetzlich in den Begriff des Gedaechtnisses verwandelt

fand; Minerva war auch bisher eben nicht viel mehr gewesen. Die

supranaturalische stoische und die allegorische roemische Theologie

fielen in ihrem Ergebnis im ganzen zusammen. Selbst aber wenn der

Philosoph einzelne Saetze der Priesterlehre als zweifelhaft oder

als falsch bezeichnen musste, wie denn zum Beispiel die Stoiker, die

Vergoetterungslehre verwerfend, in Hercules, Kastor, Pollux nichts als

die Geister ausgezeichneter Menschen sahen, und ebenso das Goetterbild

nicht als Repraesentanten der Gottheit gelten lassen konnten, so war

es wenigstens nicht die Art der Anhaenger Zenons, gegen diese Irrlehren

anzukaempfen und die falschen Goetter zu stuerzen; vielmehr bewiesen

sie ueberall der Landesreligion Ruecksicht und Ehrfurcht, auch in ihren

Schwaechen. Auch die Richtung der Stoa auf eine kasuistische Moral und

auf die rationelle Behandlung der Fachwissenschaften war ganz im Sinne

der Roemer, zumal der Roemer dieser Zeit, welche nicht mehr wie die

Vaeter in unbefangener Weise Zucht und gute Sitte uebten, sondern

deren naive Sittlichkeit aufloesten in einen Katechismus erlaubter

und unerlaubter Handlungen; deren Grammatik und Jurisprudenz ueberdies

dringend eine methodische Behandlung erheischten, ohne jedoch die

Faehigkeit zu besitzen, diese aus sich selber zu entwickeln. So

inkorporierte diese Philosophie als ein zwar dem Ausland entlehntes,

aber auf italischem Boden akklimatisiertes Gewaechs sich durchaus

dem roemischen Volkshaushalt, und wir begegnen ihren Spuren auf den

verschiedenartigsten Gebieten. Ihre Anfaenge reichen ohne Zweifel

weiter zurueck; aber zur vollen Geltung in den hoeheren Schichten der

roemischen Gesellschaft gelangte die Stoa zuerst durch den Kreis,

der sich um Scipio Aemilianus gruppierte. Panaetios von Rhodos, der

Lehrmeister Scipios und aller ihm nahestehender Maenner in der stoischen

Philosophie und bestaendig in seinem Gefolge, sogar auf Reisen sein

gewoehnlicher Begleiter, verstand es, das System geistreichen Maennern

nahe zu bringen, dessen spekulative Seite zuruecktreten zu lassen

und die Duerre der Terminologie, die Flachheit des Moralkatechismus

einigermassen zu mildern, namentlich auch durch Herbeiziehung der

aelteren Philosophen, unter denen Scipio selbst den Xenophonteischen

Sokrates vorzugsweise liebte. Seitdem bekannten zur Stoa sich die

namhaftesten Staatsmaenner und Gelehrten, unter anderen die Begruender

der wissenschaftlichen Philologie und der wissenschaftlichen

Jurisprudenz, Stilo und Quintus Scaevola. Der schulmaessige

Schematismus, der in diesen Fachwissenschaften seitdem wenigstens

aeusserlich herrscht und namentlich anknuepft an eine wunderliche,

scharadenhaft geistlose Etymologisiermethode, stammt aus der Stoa.

Aber unendlich wichtiger ist die aus der Verschmelzung der

stoischen Philosophie und der roemischen Religion hervorgehende neue

Staatsphilosophie und Staatsreligion. Das spekulative Element, von Haus

aus in dem Zenonischen System wenig energisch ausgepraegt und schon

weiter abgeschwaecht, als dasselbe in Rom Eingang fand, nachdem bereits

ein Jahrhundert hindurch die griechischen Schulmeister sich beflissen

hatten, diese Philosophie in die Knabenkoepfe hinein und damit den

Geist aus ihr hinauszutreiben, trat voellig zurueck in Rom, wo niemand

spekulierte als der Wechsler; es war wenig mehr die Rede von der

idealen Entwicklung des in der Seele des Menschen waltenden Gottes oder

goettlichen Weltgesetzes. Die stoischen Philosophen zeigten sich nicht

unempfaenglich fuer die recht eintraegliche Auszeichnung, ihr System

zur halboffiziellen roemischen Staatsphilosophie erhoben zu sehen, und

erwiesen sich ueberhaupt geschmeidiger, als man es nach ihren rigorosen

Prinzipien haette erwarten sollen. Ihre Lehre von den Goettern und vom

Staat zeigte bald eine seltsame Familienaehnlichkeit mit den realen

Institutionen ihrer Brotherren; statt ueber den kosmopolitischen

Philosophenstaat stellten sie Betrachtungen an ueber die weise Ordnung

des roemischen Beamtenwesens; und wenn die feineren Stoiker, wie

Panaetios, die goettliche Offenbarung durch Wunder und Zeichen als

denkbar, aber ungewiss dahingestellt, die Sterndeuterei nun gar

entschieden verworfen hatten, so verfochten schon seine naechsten

Nachfolger jene Offenbarungslehre, das heisst die roemische

Auguraldisziplin, so steif und fest wie jeden anderen Schulsatz und

machten sogar der Astrologie hoechst unphilosophische Zugestaendnisse.

Das Hauptstueck des Systems ward immer mehr die kasuistische

Pflichtenlehre. Sie kam dem hohlen Tugendstolz entgegen, bei welchem

die Roemer dieser Zeit in der vielfach demuetigenden Beruehrung mit

den Griechen Entschaedigung suchten, und formulierte den angemessenen

Dogmatismus der Sittlichkeit, der, wie jede wohlerzogene Moral, mit

herzerstarrender Rigorositaet im ganzen die hoeflichste Nachsicht im

einzelnen verbindet 2. Ihre praktischen Resultate werden kaum viel

hoeher anzuschlagen sein als dass, wie gesagt, in zwei oder

drei vornehmen Haeusern der Stoa zuliebe schlecht gegessen ward.

------------------------------------------- 2 Ein ergoetzliches

Exempel kann man bei Cicero (off. 3, 12. 13) nachlesen.

------------------------------------------- Dieser neuen

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 46 / 52 段